Die Folgen der Individualisierung

Georg Simmel und Norbert Elias im Vergleich


Hausarbeit, 2011
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Georg Simmel
2.1. Identität und Individualisierung
2.2. Die Folgen der Individualisierung

3. Norbert Elias
3.1. Identität und Individualisierung
3.2. Die Folgen der Individualisierung

4. Die Folgen der Individualisierung im Vergleich

5. Georg Simmel und Norbert Elias in Bezug auf ihre Aktualität

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Norbert Elias wie auch Georg Simmel machen auf Veränderungsprozesse des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft aufmerksam und führen Kon- sequenzen des Modernisierungsprozesses und im Speziellen des Individualisie- rungsprozesses auf. (Treibel 2008 S. 90-91 und Junge 2009 S.76-77) Um festzustellen ob die Annahmen von Norbert Elias und Georg Simmel, bezüglich der Folgen der Individualisierung, Ähnlichkeiten besitzen, werde ich zuerst auf deren Ansichten über die Ausbildung der Identität des Kindes, in und durch die Gesellschaft, eingehen sowie auf einige Gründe für die weitere Indi- vidualisierung der Erwachsenen. Zudem soll geklärt werden, in welchem Zu- sammenhang Zivilisierung- und Individualisierungsprozesse stehen. Anschlie- ßend werde ich die, von Simmel und Elias skizzierten, Folgen der Modernisie- rung, bzw. insbesondere der Individualisierung wiedergeben. Anschließend vergleiche ich Simmels Prognosen mit denen von Elias. Am En- de der Hausarbeit stelle ich einen Bezug zu der Aktualität der beiden Klassiker dar.

2. Georg Simmel

2.1. Identität und Individualisierung

Wenn man Individualisierung mit der Entfaltung des eigenen Ichs gleichsetzt, so Simmel, sei die Individualisierung nur in Beziehung zu Anderen möglich. (Simmel 1907 S.315) Die Betonung des Ichs ginge erst als Erfolg eines steten Differenzierungsprozesses aus der ursprünglichen Einheit hervor. (Simmel 1907 S.319) In seinem Aufsatz „Die Kreuzung sozialer Kreise“ schreibt Sim- mel, im Laufe der Entwicklung baue der Mensch Beziehungen zu Gruppen auf, die anders als die naturgegebenen, sinnlicheren Beziehungen zur Familie, durch gemeinsame Interessen mit ihm verbunden seien. Diese neuen, eher frei ge- wählten Kreise würden die Früheren durchsetzen. (Simmel 1908a S.457-458) Die Individualität würde durch die Kreuzung dieser sozialen Kreise wie in ei- nem Koordinatensystem bestimmt und unterschiedliche Kulturelemente würden so individuell kombiniert werden. (Simmel 1908a S.466) Simmel meint, der konzentrische Aufbau der sozialen Kreise wäre vielfach die historische Zwi- schenstufe zu den sich kreuzenden, nebeneinanderliegenden Kreisen. (Simmel 1908a S.472/474) Durch die Zugehörigkeit an vielen verschiedenen Kreisen ergeben sich unterschiedliche Anforderungen an den Einzelnen als Rollenträger. Dies würde die Möglichkeit zur Individualisierung erhöhen. (Simmel 1908a S.476/479)

Der menschliche Geist erzeuge, Simmels Ansicht nach, Gebilde, welche unab- hängig von der erzeugenden Seele weiterexistieren. Er nennt sie objektive Kul- tur. (Simmel 1911 S.116) Die Ausbildung subjektiver Kultur, der Individuali- tät, erfordert, Simmel zufolge, die objektive Kultur, wie zum Beispiel der Mu- sik, der Kunst oder der Wissenschaft. (Simmel 1911 S.118, ROSA 2007 S.104) Geistige Differenzierung entstehe durch das Zusammenbringen von latenten geistigen Anlagen mit objektiv geistigen Produkten. (Simmel 1908b S.813)

Viele verschiedene Eigenschaften, welche an und für sich objektiven Charakter hätten, machten erst zusammen die Persönlichkeit eines Menschen aus, welche nun zurückwirkend jeden einzelnen Zug als einen persönlich-subjektiven charakterisiere. (Simmel 1907 S.311/312) Simmel schreibt auch, der Mensch erhalte erst ein Gefühl von Persönlichkeit, wenn Gefühle und psychische Anregungen in großer Zahl vorliegen und ihm dadurch die Fülle der Unterschiede bewusst würden. (Simmel 1908b S.847)

Simmel unterscheidet zwischen einem quantitativen und einem qualitativen Individualismus. (Simmel 1908b S.811-812) Beide seien, laut Junge, kulturelle Angebote zur Beschreibung der Individualität. (Junge 2009 S.74) Die quantita- tive Individualität steht für Freiheit und Selbstverantwortlichkeit, welche dem Menschen in großen Menschenverbänden gegeben sei. (Simmel 1908b S.812) Junge merkt an, sie beschreibe die allen gegebene Einzigartigkeit jedes Men- schen.

Die qualitative Individualität stehe hingegen für die Ausbildung von Besonderheiten, welche selbst erarbeitet werden müssten. Der von Simmel beschriebene qualitative Individualismus, so Junge, fordere auf Basis des quantitativen Individualismus die Authentizität des Individuums. So seien beide notwendige Bestandteile der Individualität. (Junge 2009 S.74)

Durch die Vergrößerung des sozialen Kreises würden beide Arten der Individu- alität gefördert. (Simmel 1908b S.812) Die qualitative Individualität, durch Arbeitsteilung gefördert, fordere, dass jeder einen spezifischen Platz in der Ge- sellschaft inne hat. Das Anderssein bekäme einen positiven Wert für das Leben.

Es handele sich um eine zugespitzte Differenzierung der Leistungen in allen Lebensbereichen. (Simmel 1908b S.811) Der Sinn der Individualität sei heute das Anders- und Besonderssein, die qualitative Unvergleichbarkeit des Einzelnen. (Simmel 1913a S. 222) Simmel schreibt, erst seine eigene Unverwechselbarkeit würde dem Menschen beweisen, dass sein Leben nicht fremdbestimmt ist. (Simmel 1903 S.127)

In „das individuelle Gesetz“, so Junge, meint Simmel, dass die Verselbststän- digung der objektiven Kultur den Menschen dazu bringe, die eigene Identität ohne externe Einflüsse selbst auszuformen. (Junge 2009 S.75) Solange der Menschenverband noch sehr klein und nach außen stark abgrenzt sei, gäbe es nach innen eine starken Zusammenschluss, wobei die Mitglieder gegenseitig über ihre Gesinnungen und Leistungen wachten. Erst wenn die Gruppe wächst, erhielte das Individuum durch Lockerung des inneren Zusam- menhalts individuelle Bewegungsfreiheit. (Simmel 1903 S.124-125) Der Mensch sei nie ein reines Kollektivwesen oder Individualwesen. Nur die Proportionen würden variieren. (Simmel 1908b S.797 und 802) Je enger der uns umgegebene Kreis, desto geringer ist unsere Freiheit zur Individualisie- rung. Der Kreis selbst sei dafür aber etwas Individuelles. Er grenze sich auf- grund seiner Größe stärker von anderen Kreisen ab. Im großen Kreis sei der einzelne Mensch individueller, wohingegen die soziale Gruppe als solche we- niger individuell wäre. (Simmel 1908b S.797 und S.799) Simmel bemerkt, dass in Gruppen wo ein gleichförmiger, nicht sehr vielfältiger Lebensstil herrscht, oft ein starker Individualisierungstrieb bei den einzelnen Mitgliedern aufzufin- den sei. In sich extravagant benehmenden Gruppen hingegen bemerkt er, dass jeder Irrsinn automatenhaft nachgeahmt würde. (Simmel 1908b S.800) Der große Kreis würde sich eben nicht durch Gleichheit, sondern durch Indivi- dualisierung und Arbeitsteilung erhalten. (Simmel 1907 S.382) In großen Kulturgemeinschaften wäre es dem Einzelnen kaum möglich, sich selbst gegen die Gesamtheit zu bewahren. Erst wenn das Individuum sich mit anderen zusammenschließe, könne es das Gefühl von Individualität ohne Ab- sonderlichkeiten und Verbitterung erlangen. Die Familie würde hier eine Son- derrolle einnehmen. Sie fördere die Individualisierung, weil sie eine vorläufige Differenzierung und Schutz im kleinem Kreis anböte, welche die absolute Indi- vidualisierung vorbereite und fördere, bis der Mensch der Allgemeinheit ge- genüber beständig wäre. (Simmel 1908b S.800-804)

Die Geldwirtschaft, so Simmel, schaffe eine bestimmte Form von gegenseitiger Abhängigkeit, welche den Individuen besonders viel Freiheit einräume und die Individualisierung begünstige. (Simmel 1907 S.311) Die Entlohung mit Geld mache die Menschen viel unabhängiger, als die naturalwirtschaftliche Entloh- nung. (Simmel 1908b S.832) Durch die Geldwirtschaft wirkten diejenigen von denen wir abhängig sind nur als z.B. Arbeiter, Lieferanten oder Geldgeber, nicht aber als Persönlichkeiten. Die Abhängigkeit von den Leistungen der an- deren Menschen stiege, während die von den dazugehörenden Persönlichkeiten sinke. (Simmel 1907 S.311/312) Die moderne Arbeitsteilung fördere diese Entwicklung. (Simmel 1907 S.313) Die dahinterstehende Person würde gleich- gültig und auswechselbar. (Simmel 1907 S.314) Die strenge Ausbildung der Sachlichkeitsbegriffe geht mit der Ausbildung der individuellen Freiheit Hand in Hand. Individuelle Freiheit, die Möglichkeit zur Individualisierung, ergäben sich durch die Auswechselbarkeit der Person. (Simmel 1907 S.320) Erst die neue, unpersönliche Art von Abhängigkeit der Menschen untereinander ver- weise den Einzelnen stärker auf sich selbst und mache ihm seine Freiheit be- wusst, mehr noch als eine Beziehungslosigkeit dies tun könne. (Simmel 1907 S.321)

Um die Unterschiede zwischen der Vormoderne und dem modernem Leben zu veranschaulichen, stützt Simmel sich auf das Beispiel vom Gegensatzpaar Großstadt und Kleinstadt bzw. ländlicher Raum. (ROSA 2007 S.88) In einer Großstadt sei es im Gegensatz zum ländlichem Leben, wegen der komplexeren Interdependenzen nötig, alle Tätigkeiten in ein festes übersubjektives Zeit- schema einzuordnen. Aus selbigem Grund würde dem Einzelnen auch eine Berechenbarkeit und Exaktheit abverlangt, welche die Zurückhaltung von ins- tinktiven, irrationalen und unabhängigen Impulsen fördere. (Simmel 1903 S.120) Der großstädtische Konkurrenzkampf sorge für ständige Differenzie- rung. Sich selbst als Besonders darzustellen sei in der Großstadt nur noch durch qualitative Unterschiede möglich, was zu tendenziösen Wunderlichkeiten füh- re. Er schreibt weiter, dass einige nur über den Umweg des Bewusstseins ande- rer Menschen zu einer Selbsteinschätzung fähig wären und erst so das Be- wusstsein erlangten, einen bestimmten Platz in der Gesellschaft auszufüllen. (Simmel 1903 S.128) Die menschlichen Begegnungen in der Großstadt seien zudem kürzer und seltener als in der Kleinstadt. Auch dies verleite die Men- schen dazu, sich möglichst individuell darzustellen. Als wichtigsten Grund für die Individualisierung in der Großstadt nennt Simmel das Übergewicht objekti- ven Geistes gegenüber dem subjektiven Geist. (Simmel 1903 S.129) Objektive Kultur sei ein zeitlich unbegrenztes und unbewegliches Gebilde, sie stünde dem subjektiven Geist, welcher rastlos und zeitlich begrenzt wäre, gegensätzlich gegenüber. (Simmel 1911 S.116, Simmel 1918 S.148) Objektiver geistiger Be- sitz (angeeigneter geistiger Inhalt) fördere den Ausbau individueller Unter- schiede. (Simmel 1908a S.462) Simmel beschreibt eine ungeheure Wachstums- differenz zwischen objektivem und subjektivem Geist. Dieses Missverhältnis wäre vor allem auf die wachsende Arbeitsteilung mit der resultierenden einsei- tigen Arbeit zurückzuführen. Das Individuum sei der objektiven Kultur immer weniger gewachsen und die objektive Kultur wachse über alles Persönliche hinaus. (Simmel 1903 S.129, vgl. ROSA 2007 S.104 und Abels 2007 S.326) Der Kampf zwischen Leben und Form würde als Kampf zwischen Individualisierung und Verallgemeinerung ausgefochten. (Simmel 1918 S.168)

2.2. Die Folgen der Individualisierung

Durch die unterschiedlichen Erwartungen, die aus den einzelnen Kreisen kommen, denen ein Mensch angehört, entstehen äußere und innere Konflikte. Andererseits wird sich der Einzelne seiner Einheit bewusst. In einfachen Gesellschaften, in denen konzentrische Kreise überwiegen, wären die Anforderungen unzweideutiger. (Simmel 1908a S.466-467)

Simmel schreibt, man fände nun für jedes Interesse eine Gemeinschaft, welche die Befriedigung erleichtert und zugleich würde das Spezifische der Identität durch die spezifische Kreiskombination aufrechterhalten. So würden Gemeinschaftlichkeit und Individualismus zugleich gefördert. (Simmel 1908a S.485) Die Mode z.B. diene dazu, seinem Differenzierungstrieb nachzukommen und gleichzeitig das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung, nach Verallgemeinerung zu befriedigen. (Simmel 1919 S.27/28 Simmel 2007 S.521))

Durch die fortschreitende Kultur wird, laut Simmel, der enge Kreis, dem man mit der ganzen Persönlichkeit angehört, zunehmend erweitert und das Indivi- duum würde immer mehr auf sich selbst gestellt. Daraus resultiere eine Verein- samung des Menschen, welche aber durch das Eintreten in die neuen Kreise, in denen sich Menschen aufgrund gemeinsamer Interessen zusammenschließen, ausgeglichen würde. (Simmel 1908a S.485)

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Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Folgen der Individualisierung
Untertitel
Georg Simmel und Norbert Elias im Vergleich
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
20
Katalognummer
V181730
ISBN (eBook)
9783656050896
ISBN (Buch)
9783656052692
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
folgen, individualisierung, georg, simmel, norbert, elias, vergleich
Arbeit zitieren
Tanja Jacobsen (Autor), 2011, Die Folgen der Individualisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181730

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