Bildungsreform 1968 - Schule im Umbruch: Schulische Bildung zwischen Tradition und Moderne

Ein wissenschaftlicher Diskurs der Schulpolitik von 1950-1980 und eine filmanalytische Betrachtung des Films „Zur Hölle mit den Paukern“ hinsichtlich der Defizite des deutschen Bildungssystems vor 1968


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

41 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung (Sarah Swienty)

2. Bildungspolitik von 1950-1990 in der Bundesrepublik (Sarah Swienty)
2.1 Der Weg zur Bildungsreform und Bildungsexpansion (Sarah Swienty)
2.2 Die Bildungsreform und Bildungsexpansion von 1965 bis 1975 (Monika Polarek)
2.3 Bildungsreform und Bildungsexpansion im Resümee der 90er Jahre (Sarah Swienty).

3. Einleitung des analytischen Teils (Monika Polarek)
3.1 Eine kurze Inhaltsangabe (Monika Polarek)
3.2. Der traditionelle Lehrer in der Kritik (Sarah Swienty)
3.3 Chancengleichheiten der Geschlechter (Sarah Swienty)
3.4 Liberalisierungstendenzen zur Zeit der 68er-Reformen (Monika Polarek)
3.5 Das Gymnasium in den 1960er und den 1970er Jahren - Reformbewegungen treffen auf eine traditionelle Institution

4. Fazit (Sarah Swienty)

Anhang

I. Literaturverzeichnis

1. Einleitung (Sarah Swienty)

Die Abbildung 1 auf der Titelseite zeigt eine Karikatur Mussils aus der Frankfurter Rundschau. Deren satirischer Jahresrückblick hielt im Dezember 1968 fest: das „etablierte Schulsystem“ wird endlich wachgerüttelt. Endlich kam etwas ins Rollen - den Studentenrevolten sei Dank!

Und so markierten die 1960er Jahre infolge einer politischen Diskussion eine Schwelle, über die das Schulwesen der alten Bundesländer aus der Traditionsverhaftung an das 19. Jahrhundert heraustrat und Anschluss an moderne sozialstaatliche Entwicklungstendenzen gewann.

Die vorliegende Arbeit legt ihre Schwerpunkte auf die Bildungsexpansion und -reform der späten 1960er bis frühen 1970er Jahre. Um diese tiefgreifenden Veränderungen in einen historischen Kontext einzubetten, werden die Ursachen und Triebkräfte rückblickend in die 1950er Jahre benannt und die Auswirkungen für die Gesellschaft und das Schulwesen in den Folgejahren ermittelt.

Die Film- und Fernsehbranche beschäftigte sich immer wieder mit der Thematik gesellschaftlicher und politischer Änderungsprozesse, so auch die Unterhaltungskultur der 1960er Jahre. Frühe Klassiker, wie „Die Feuerzangenbowle “ aus dem Jahre 1944 und eine Reihe von sieben Filmkomödien mit dem Titel „Die Lümmel von der ersten Bank“ aus den Jahren 1968 bis 1972 erfreuten sich einer großen Beliebtheit. Vor allem der erste Film „Zur Hölle mit den Paukern“ griff die gesellschaftliche Diskussion um die Diskrepanz zwischen Gesellschaft und Bildungspolitik auf und machte sie auf unterhaltsamer Ebene für die breite Bevölkerung zugänglich.

Konzeptionell gliedert sich diese Arbeit in zwei Teile. Der erste Teil steckt den historischen Rahmen rund um die Bildungsreform der 1960er Jahre ab. Beginnend bei ersten Empfehlungen und Teilreformen bis Mitte der 60er Jahre über die tiefgreifenden Umstrukturierungen des Schulsystems durch die Bildungsreform und der Bildungsexpansion bis hin zu den positiven und negativen Effekten der Reformation. Der zweite Teil der Arbeit untersucht den Film „Zur Hölle mit den Paukern“ auf wissenschaftlicher Ebene hinsichtlich ausgewählter Teilbereiche der angeprangerten Missstände, wie: die Chancengleichheit/­ungleichheit der Geschlechter, die Rolle des/der Lehrers/in, den Beginn der sexuellen Enttabuisierung und die Bildungsinstitution des Gymnasiums.

Die Grenzen der wissenschaftlichen Interpretation eines Unterhaltungsfilms sind den beiden Verfasserinnen sehr wohl bewusst, aus diesem Grund soll der filmischen Interpretation eine untergeordnete Position eingeräumt werden.

In der folgenden Arbeit wird, um dem historischen Kontext gerecht zu werden, gleichsam das feminine und maskuline Genus der Begriffe „Lehrerln(nen)“, „Studentln(nen)“ und „Schülerln(nen)“ verwendet. Statistische Erhebungen und Reformen beziehen sich allein auf die alten Bundesländer, welche in der Arbeit mit „Bundesrepublik“ bezeichnet werden. Um die Arbeitsanteile der beiden Verfasserinnen deutlich zu machen, werden die Namen den jeweiligen Kapiteln angefügt.

2. Bildungspolitik von 1950-1990 in der Bundesrepublik (Sarah Swienty)

Vor der großen Bildungsreform mit dem Beginn in den späten 60er Jahren stagnierte die Reformierung des Schulsystems seit langem. Erste Reformversuche waren vage Veränderungen, die sich auf wirtschaftspolitischer Ebene begründen lassen. Im Zuge immer größerer Klagen über die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Missstände kam eine Diskussion in Gange, die ein nie da gewesenes Phänomen hervorbrachte. Die Bildungsreform der späten 60er Jahre veränderte das deutsche Bildungssystem maßgeblich.

2.1 Der Weg zur Bildungsreform und Bildungsexpansion (Sarah Swienty)

Im Jahre 1957 kam die Selbstwahrnehmung der USA, die technologisch fortschrittlichste Nation der Erde zu sein, ins Schwanken. Die kommunistisch und planwirtschaftlich organisierte Sowjetunion wurde zum Vorreiter der Weltraumtechnologie, als sie den ersten künstlichen Erdsatteliten ins All schickte. Der „Sputnikschock“, aber auch die allgemeine Durchdringung der Gesellschaft durch wissenschaftliches Denken wurden in den USA und den westlichen Industrienationen Anlass seit Ende der 1950er bzw. zu Beginn der 1960er Jahre Versuche einer Bildungsexpansion und höheren Qualifizierung zu unternehmen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten.

Auch in der Bundesrepublik gab es einen breiten gesellschaftlichen Konsens in den 60er Jahren, dass das Bildungssystem ausgebaut und reformiert werden müsse. Die Bildungsreform wurde zweierlei motiviert. Zum einen dem Ringen um eine Demokratisierung der Gesellschaft, aller ihrer Teilbereiche und Institutionen, da die innere Verfassung wenig demokratisch war. Im Prozess der Demokratisierung kommt dem Bildungswesen eine zentrale Stellung und Aufgabe zu. Das Ringen um Demokratisierung ist Teil und Ausdruck eines umfassenden Emanzipationsprozesses.

Zum anderen studierten zu jener Zeit in der Bundesrepublik gerade 8% eines Altersjahrgangs, der Großteil der Bevölkerung besaß nur eine Volksschulbildung und die Zahl der Akademiker war relativ gering, somit war das Bildungssystem im Vergleich zu anderen Industrienationen veraltet und ineffizient. Auch Dahrendorfs forderte eine „Bildung für alle“, somit konnten modernisierungs- und demokratietheoretische Motive Zusammenkommen.1 Der Weg bis zur Bildungsreform war jedoch lang und mühsam:

Die Bildungspolitik der Nachkriegszeit kann als Stagnationsphase der Reformen bezeichnet werden. Die Erfahrung, dass ein wirtschaftliches Wachstum auch ohne Veränderungen oder gar Erneuerungen des Schulwesens möglich war führte zur bildungspolitischen Reformfeindlichkeit der 50er Jahre. Somit beschränkte sich die Bildungspolitik der Bundesländer unter ökonomischen Gesichtspunkten auf den Wiederaufbau des herkömmlichen Schulsystems und auf einzelne Korrekturen (z.B. Abschaffung der punktuellen Auslese für die weiterführenden Schulen, Erleichterungen von Übergängen vom mittleren in das höhere Schulwesen, Abschaffung des Schulgeldes).2

Zwischen den Jahren 1953 bis 1965 wurde in der Bundesrepublik vom Innenministerium und der Kultusministerkonferenz ein ehrenamtliches Beratungsministerium einberufen, um durch Rat und Empfehlung das deutsche Erziehungs- und Bildungswesen zu fördern.3 1959 legte dieser so genannte „Deutsche Ausschuß für Erziehungs- und Bildungswesen“ mit dem „Rahmenplan zur Umgestaltung und Vereinheitlichung des allgemeinbildenden öffentlichen Schulwesens“ eine Zusammenfassung der bildungspolitischen Vorstellungen der 1950er Jahre, verbunden mit vorsichtigen Veränderungsvorschlägen vor.4

Die Reformvorschläge wurden vom Ausschuss dadurch begründet, dass das deutsche Bildungswesen nicht mehr in Relation zu den Veränderungen im Staat und der Gesellschaft stünde.5

Der Ausschuss erklärte sich zwar zu „radikalen, an die Wurzeln greifenden, neuen Lösungen“6 bereit, jedoch blieben die bildungspolitischen Forderungen und Reformansätze insgesamt der bürgerlich-demokratischen Reformtradition und den geschichtlichen Traditionen des deutschen Schulwesens verhaftet.7

Die westlichen Besatzungsmächte griffen lediglich mit [...] vergleichsweise zurückhaltenden Entnazifizierungsmaßnahmen ein, die sich eher am Ziel eines ,, ordnungsgemäßen“ Schulbetriebs als an dem einer gründlichen Erneuerung der Schulverwaltung und der Lehrerschaft orientierten.“8

Der Rahmenplan rechtfertigte und bekräftigte im Wesentlichen noch einmal die Restauration des dreigliedrigen Schulsystems, da sie den Berufen entspreche, die sich im modernen Leben herausgebildet hatten. Zugleich eröffnete der Reformplan mit seinen bescheidenen Reformvorschlägen eine für die 60er Jahre bundesweite öffentliche Bildungsreformdiskussion und verschaffte damit der Schulpolitik eine ganz nachhaltige Publizität.9 Als weitere ausschlaggebende Empfehlung des „Deutschen Ausschusses für das Erziehungs­und Bildungswesen“ ist die „Empfehlung zum Ausbau der Hauptschule“ von 1964 zu nennen. Ab 1965 wurde der Ausschuss umbenannt in den „Deutschen Bildungsrat“. Dieser kann als weit einflussreicher angesehen werden. Dessen wichtigsten Empfehlungen und Gutachten waren unter anderem die „Empfehlung zur Errichtung eines Experimentalprogramms mit Gesamtschulen“, sowie der 1970 vorgelegte „Strukturplan für das Bildungswesen“.10 Insbesondere das Buch „Die deutsche Bildungskatastrophe“ von Georg Picht aus dem Jahr 1964 schob eine publizistische und politische Diskussion hinsichtlich der Bildungschancen der Kinder an.11

2.2 Die Bildungsreform und Bildungsexpansion von 1965 bis 1975 (Monika Polarek)

Der in Kapitel 2.1 genannte „Rahmenplan zur Umgestaltung und Vereinheitlichung des allgemeinbildenden Schulwesens“, vom Deutschen Ausschuß für das Erziehungs- und Bildungswesen 1959 vorgestellt, stellte einen Wendepunkt in der schulpolitischen Diskussion dar. Während in den 50er Jahren der „innere Ausbau“ des Schulwesens eher zu pragmatischen und partikularen Veränderungen geführt hatte, wurde durch die Diagnose des Deutschen Ausschusses, „dass das deutsche Schulwesen den Umwälzungen nicht nachgekommen ist, die in den letzten fünfzig Jahren Gesellschaft und Staat verändert haben“12, das gesamte allgemeinbildende Schulwesen als ein zu änderndes Bildungssystem zur Disposition gestellt. Keinen Zweifel ließ der Deutsche Ausschuß am Festhalten des dreigliedrigen Schulsystems aufgrund von spezialisierten Anforderungen der arbeitsteiligen Gesellschaft. Durch Reflektion der Probleme der Auslese für höhere Schulen und der Formen des Übergangs löste der Deutsche Ausschuß auf bildungs- und gesellschaftlicher Ebene eine Reformdiskussion aus.

Georg Picht prägte 1964 in seiner Artikelserie in der protestantisch-konservativen Wochenzeitung „Christ und Welt“ das Schlagwort „Die deutsche Bildungskatastrophe“. Picht zeigte auf, dass bei anhaltender Entwicklung der 50er Jahre im Jahr 1970 zusätzlichen zwei Millionen Schülerinnen ein massiver Fehlbestand von Lehrerinnen gegenüber stünde. Dieser Eigenbedarf des Bildungswesens an Lehrkörpern sollte binnen eines Jahrzehnts durch mindestens eine Verdopplung der Abiturientenzahlen befriedigt werden13 - was tatsächlich gelang. Damit war die Expansion der weiterführenden Schulen und der Universitäten vorprogrammiert.

Mitte der 1960er Jahre rückte außerdem die „soziale Frage“ in dem Mittelpunkt des Interesses. Die Schule sollte nicht mehr die ungleichen Ergebnisse der Sozialisationsprozesse in den Familien widerspiegeln. Die Bundesrepublik sollte als Sozialstaat in die sozioökonomischen Lebenslagen und das von ihnen beeinflusste individuelle Verhalten einwirken. Daher übernahm die Schule gemäß der Konzeption der „materiellen Chancengleichheit“ planmäßige, an politischen Zielen orientierte Funktionen der Familie.14 Das Prinzip der „materiellen Chancengleichheit“, das mehr als nur rechtlich-formale Gleichheit vor dem Gesetz beinhaltete, erfuhr unterschiedliche interpretationen. Für den liberalen Ralf Dahrendorf, Autor von „Bildung ist Bürgerrecht“, bedeutete „materielle Chancengleicheit“ „die Loslösung der Menschen aus ungefragten Bindungen und Befreiung zu freier Entscheidung“15. Dahrendorf attestierte allen vier im Bildungswesen benachteiligten Gruppen - Mädchen, Katholiken, Bauernkinder, Arbeiterkinder (vereinigt in der Kunstfigur „Katholische Arbeitertochter vom Lande“) - ein Merkmal: ihren „Traditionalismus der Unmündigkeit“16, den es durch Reformen zu überwinden galt. Er schlug eine Veränderung der Einstellung vor (Mobilität), forderte ein regional stärker ausgeglichenes Schulangebot, verlangte für alle Eltern eine gleiche Informationsbasis für Schulentschei dungen (Bildungswerbung) und regte für Eltern aus diskriminierten Gruppen eine besondere Förderung der Bildungsmotivation an. Dahrendorfs Veröffentlichungen Mitte der 60er Jahre waren ähnlich richtungweisend wie die von Georg Picht.

Die sozialdemokratische Seite setzte andere Schwerpunkte bei der Vorstellung von „materieller Chancengleichheit“. Zum einen sollten als defizitär beurteilte Verhaltensweisen von unterprivilegierten Kindern innerhalb der Schule kompensiert werden. Gemeint waren Verhaltensweisen, die sozial bedingte Defizite z. B. des Sprachvermögens, der Motivation oder des Sozialverhaltens aufzeigten. Zum anderen erhofften sich die Sozialdemokraten durch Expansion höherer Bildungsabschlüsse die Lebensverhältnisse zu verändern, um dadurch Ungleichheiten der Bildung egalisieren zu können.

Um langfristig soziale Ungleichheiten abzubauen, erschien die Kombination aus Kompensation sozial bedingter Defizite in der Schule und Expansion der weiterführenden Bildungswege als eine sinnvolle Strategie.17

Etwas später, im Jahr 1965, begann der etwa zehn Jahre dauernde Versuch eine Strukturreform des Schulwesens von der Bundesebene aus voranzutreiben. Als Nachfolgeorganisation des „Deutschen Ausschusses“ wurde 1965 der „Deutsche Bildungsrat“ gegründet. Der Bildungsrat, ein Abkommen zwischen Bund und Ländern, versuchte Vertreter der Bildungspolitik und der Bildungsverwaltung stärker zu integrieren und ordnete einer „Bildungskommission“, die sich hauptsächlich aus WissenschaftlerInnen zusammensetze, eine „Verwaltungskommission“ zu.

Die „Gutachten und Studien“ und „Empfehlungen“ der Bildungskommission waren die gründlichste Bestandsaufnahme und Konzeptentwicklung, die es in der Geschichte des deutschen Schulwesens gegeben hat. Diese längerfristig angelegte Strukturreformpolitik des Bundesrates spielte sich auf konzeptioneller Ebene (Deutscher Bildungsrat), auf Planungsebene (Bund und Länder) und auf konkreter Ebene (Schul- und Hochschulreformen) ab.18

Eine zukunftsweisende Empfehlung des Deutschen Bildungsrats war im Januar 1969 jene zur Einrichtung von Schulver suchen mit Gesamtschulen. Mit der Empfehlung zur Einrichtung von 40 Gesamtschulen als Versuchsschulen gewann die Gesamtschulbewegung an politischen Schwung. Der Bildungsrat bewies hierbei politisches Geschick: mit der Form des Schulversuchs wurde die Vorstellung von der Rücknahmemöglichkeit der Maßnahme aufrechterhalten und dadurch wurde die Zustimmung auch derjenigen Länder wahrscheinlich, die der Idee ablehnend gegenüber standen.19

Von großer Bedeutung waren auch die Ergänzungen des Grundgesetzes vom Mai 1969 (Art. 75, 91 a und 91 b). Diese gaben dem Bund Recht auf die Rahmengesetzgebung für das Hochschulwesen und Mitwirkungsrechte bei der Bildungsplanung.20

„Nach Art. 75 Nr. 1a GG ist der Bund jetzt auch zuständig für den Erlass von Rahmenvorschriften, die allgemeine Grundsätze des Hochschulwesens festlegen. Von dieser Kompetenz machte er 1976 mit der Verabschiedung des Hochschulrahmengesetzes (HRG) Gebrauch, das seitdem mehrfach novelliert wurde.“; „Auf der Grundlage des Art. 91b GG [Definition der Bildungsplanung und Forschungsförderung als Gemeinschaftsaufgabe] schlossen Bund und Länder 1970 ein Verwaltungsabkommen über die Errichtung einer Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung (BLK). Wie die KMK diente auch die BLK der Koordinierung der Bildungspolitik zwischen den Ländern - dort aber unter Mitwirkung des Bundes.“21

Anfang 1970 stellte der Deutsche Bildungsrat den „Strukturplan für das Bildungswesen“ vor. Dieser Strukturplan war ein besonders gründlich durchdachter und breit rezipierter Plan, der allgemeine Prinzipien der „sozial-liberalen“ Schulreform verdeutlichte. Er legte sich nicht auf die integrierte Gesamtschule als schulorganisatorisches Modell fest, sondern befürwortete lediglich wie bereits 1969 Schulversuche mit Gesamtschulen durchzuführen.

Der Bildungsrat empfahl als äußeren Aufbau der Schule ein „Stufenschulsystem“22.

Das Stufenschulsystem sollte mit einer vorschulischen Elementarerziehung beginnen, auf dieser sollte der Primarbereich (bisherige Grundschule) aufbauen und sich dann die Sekundarstufe I anschließen.

Der Strukturplan war der erste Versuch der Bundesrepublik, das Bildungssystem als Ganzes in den Blick zu nehmen. Nur die Hochschule überließ der Deutsche Bildungsrat dem Zuständigkeitsbereich des 1957 errichteten Wissenschaftsrats.

Die Elementarerziehung und der Primarbereich sollten vor allem der Kompensation von Lerndefiziten dienen, die sich nach Erkenntnissen der Sozialisationsforscher aufgrund von familien- und schichtspezifischen Unterschieden vor allem in der frühen Kindheit entwickeln. Damit verband sich die Hoffnung, sozial ungleich verteilte Startchancen in gewissem Ausmaß rechtzeitig auffangen zu können.

In der Sekundarstufe I, deren 5. und 6. Klassenstufen zur Orientierungsstufe klassifiziert wurden, sollte eine zunehmende Differenzierung nach Neigungen und Fähigkeiten einsetzen. Abschließen sollte die Sekundarstufe I mit dem „Abitur I“; die weiterführende Sekundarstufe II, die eine stärkere Integration von allgemeiner und beruflicher Bildung ermöglichen sollte; mit dem „Abitur II“.23

Der Bildungsrat konkretisierte seine Empfehlungen im Strukturplan zum Aufbau eines Stufenschulsystems auf folgende Weise:

Empfehlungen zur vorschulischen Elementarerziehung:

- Ausbau des Elementarbereichs -> öffentliche oder private Kindergärten, vorschulische Einrichtungen mit halb- oder ganztägiger Familien ergänzender Erziehung
- Vorschulklassen und Eingangsstufen für Fünfjährige, um den Übergang vom Spiel im Kindergarten zum systematischen Lernen in der Grundschule zu erleichtern

Empfehlungen zur Grundschule:

- Ergänzung des traditionellen Grundschulprinzips vom Kindgemäßen und Anschaulichem durch Individualisierung, Differenzierung, Wissenschaftsorientierung des Unterrichts und kompensatorische Förderung
- Begünstigung von entdeckendem Lernen, selbständigem und kooperativen Arbeiten

Empfehlungen zur Sekundarstufe I:

- Politisch eher zurückhaltende Formulierungen aufgrund der damals aktuellen politischen Kontroverse zur Einrichtung von Gesamtschulen -> Bildungsrat sprach sich für Schulversuche mit der integrierten Gesamtschule aus (Anhänger sollten mit Versuchsschulen zufrieden gestellt werden und Gegner konnten einem wissenschaftlich kontrolliertem Schulversuch zustimmen)

Allgemeine Empfehlungen:

- Verstärkte Kooperation der verschiedenen Schularten innerhalb der Sekundarstufe I
- Eine möglichst weitgehende Annäherung der Lehrpläne
- Aufbau von Schulzentren (Haupt-, Realschule und Gymnasium) bei der Einrichtung neuer Schulen
- Einheitliche Pflichtschulzeit von zehn Jahren

Empfehlungen zur Sekundarstufe II:

- Allmähliche Verzahnung berufsbezogener und allgemeiner Bildungsgänge
- Möglichkeit einer Doppelqualifizierung (beruflicher Abschluss und Hochschulreife)
- Vorschlag eines Systems von Pflicht- und Wahlkursen in der gymnasialen Oberstufe (Verbindung grundlegender Kenntnisse mit individuellen Schwerpunkten)
- Balance zwischen Integration und Differenzierung24

Der „Strukturplan für das Bildungswesen“ war von weit reichender Bedeutung. Auch wenn noch nicht alle Details geklärt waren, gab er doch eine Richtung vor: Das auf Ausgrenzung bedachte Schulwesen sollte integriert werden. Es sollte sich zeigen, dass eine derart gestaltete Reform, die auf die gesamte Gesellschaft mit allen ihren unterschiedlichen Gruppen und Interessen bezogen ist, nicht unmittelbar und planmäßig umgesetzt werden konnte. Das wurde in der ersten Hälfte der 70er Jahre bei der Frage der Integration von allgemeiner und beruflicher Bildung, beim Problem der Finanzierung und der Frage der bundesweiten Einführung der Gesamtschule sichtbar.

Die Integration von allgemeiner und beruflicher Bildung scheitere am Einverständnis der Unternehmer. Sie befürchteten den Verlust der Kontrolle der beruflichen Bildung und das Überwechseln von Lehrlingen aus der betrieblichen Ausbildung in allgemeine Bildung.

Bei der Frage der Umsetzung dieses Plans in einen langfristigen „Bildungsgesamtplan“ (1971-1974) zerbrach die bildungspolitische Übereinstimmung von SPD/FDP (Regierung) und CDU/CSU (Opposition). Eine extreme Erhöhung der Bildungsausgaben durch Steuererhöhungen oder -umschichtungen ließen die Finanzminister nicht zu. Als dann 1973 die erste Ölkrise eintrat und diese zu Einbrüchen in der Wirtschaft, Beschäftigung und Preisentwicklung führte, ging die Bereitschaft zu finanziellen Förderungsmaßnahmen noch weiter zurück.25

In der zweiten Amtsperiode des „Bildungsrates“ (1970-1975) wurden Gutachten erstellt, die von einer weiterführenden Demokratisierung der Schule und von einer größeren Unabhängigkeit von der Schulverwaltung sprachen.26

Die Verwaltungsempfehlung „Verstärkte Selbständigkeit der Schule und Partizipation der Lehrer, Schüler und Eltern“ (Deutscher Bildungsrat, 1973a) konzentrierte sich darauf, die Aufsichtsrechte der Schulverwaltung einzuschränken und den Beteiligten innerhalb der einzelnen Bildungseinrichtung, Lehrern, Schülerinnen und Eltern, relativ weitgehende Beteiligungsrechte zu übertragen. Der Partizipationsempfehlung des Deutschen Bildungsrates fehlten jedoch die korrigierenden Perspektiven der Ergebniskontrolle der Einzelschule und der Beobachtung von Bildungsträgern auf Systemebene.

Die Empfehlung war insbesondere aufgrund der Einschränkungen der Aufsichtsrechte der Schulverwaltung bereits in der Bildungskommission des Deutschen Bildungsrats nicht konsensfähig. Das Schicksal des Bildungsrats war praktisch besiegelt. 1975 wurde sein Mandat nicht verlängert.27

Nachdem der Versuch gescheitert war, eine Veränderung des Schulwesens unter Mitarbeit aller politischen Gremien einzuleiten, verfolgten die Bundesländer erneut ihre eigenen Wege. Zu Absprachen kam es lediglich über die Kultusministerkonferenz.28

Das Schulkonzept des „Bildungsrates“ wurde nicht verwirklicht, dennoch hat sich das bundesdeutsche Schulwesen seit den Bildungsreformen von 1965 bis 1975 verändert. Die Reformperiode dieses Zeitraums („Hochkonjunktur der Bildungspolitik“)hat zu der größten Expansion im Schul- und Hochschulwesen in der deutschen Bildungsgeschichte beigetragen:

- Die Bildungsausgaben stiegen von 15,7 (1965) auf 44,6 Milliarden DM im Jahre 1973.
- Die Zahl der Hauptschüler stieg von 2,1 auf 2,5 Millionen (1965 - 1975).
- Die Zahl der Realschüler stieg von 571.000 auf 1,147 Millionen (1965 - 1975).
- Die Zahl der Gymnasiasten stieg von 958.000 auf 1,863 Millionen (1965 - 1975).
- Die Zahl der Studenten stieg von 308.000 auf 696.000 (1965 - 1975).29

[...]


1 Liebau, Eckart; Mack, Wolfgang; Scheilke, Christoh (Hrsg.): Das Gymnasium. Alltag, Reform, Geschichte, Theorie. Juventa Verlag, 1997, S. 354.

2 Herrlitz, Georg; Hopf; Wulf; Titze; Hartmut: Deutsche Schulgeschichte von 1800 bis zur Gegenwart. 19982, S.171.

3 Faulstich-Wieland, Hannelore: Sozialisation in der Schule und Unterricht. Neuwied, 2002, S.35.

4 Herrlitz, Georg; Hopf; Wulf; Titze; Hartmut: Deutsche Schulgeschichte von 1800 bis zur Gegenwart. 19982, S.171.

5 Kemper, Herwart: Schule und bürgerliche Gesellschaft. Zur Theorie und Geschichte der Schulreform von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Teil II. Deutscher Studienverlag, Weinheim, 1990, S. 247.

6 Ebd., S. 247.

7 Herrlitz, Georg; Hopf; Wulf; Titze; Hartmut: Deutsche Schulgeschichte von 1800 bis zur Gegenwart. 19982, 5.171.

8 Ebd., S.171.

9 Herrlitz, Georg; Hopf; Wulf; Titze; Hartmut: Deutsche Schulgeschichte von 1800 bis zur Gegenwart. 19982, / Kemper, Herwart: Schule und bürgerliche Gesellschaft. 1990, S. 247-248.

10 Faulstich-Wieland, Hannelore: Sozialisation in der Schule und Unterricht. Neuwied, 2002, S.35.

11 Hoffmann-Ocob, Andreas; Koch, Katja; Schmidtke, Adrian (Hrsg.): Dimensionen der Erziehung und Bildung. Festschrift zum 60. Geburtstag von Margret Kraul. Universitätsverlag Göttingen, 2005, S.96.

12 Deutscher Ausschuß für das Erziehungs- und Bildungswesen: Rahmenplan zur Umgestaltung und Vereinheitlichung des allgemeinbildenen öffentlichen Schulwesens. Empfehlungen und Gutachten, Folge 3.

Stuttgart, 1964, S.1.

13 Führ, Christoph; Furck, Carl-Ludwig (Hrsg.): Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. 1945 bis zur Gegenwart, Band VI. Bundesrepublik Deutschland, Erster Teilband. Verlag C. H. Beck, München, 1998, S. 15. / Herrlitz, Hans-Georg; Hopf, Wulf; Titze, Hartmut: Deutsche Schulgeschichte von 1800 bis zur Gegenwart. Eine Einführung. Juventa Verlag, Weinheim und München, 19982, S.204.

14 Herrlitz, H.; Hopf, W.; Titze, H.: Deutsche Schulgeschichte von 1800 bis zur Gegenwart. 19982, S.206.

15 Dahrendorf, Ralf: Bildung ist Bürgerrecht. Plädoyer für eine aktive Bildungspolitik. Nannen-Verlag, Hamburg, 1965, S.26f.

16 Dahrendorf, R.: Bildung ist Bürgerrecht. 1965, S.67.

17 Herrlitz, H.; Hopf, W.; Titze, H.: Deutsche Schulgeschichte von 1800 bis zur Gegenwart. 19982, S.206f.

18 Anweiler, Oskar; Fuchs, Hans-Jürgen; Dorner, Martina; Petermann, Eberhard: Bildungspolitik in Deutschland 1945-1990. Ein historisch - vergleichender Quellenband. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, 1992, S.22.

19 Cortina, Kai S.; Baumert, Jürgen; Leschinsky, Achim; Mayer, Karl Ulrich; Trommer, Luitgard (Hrsg.): Das Bildungswesen in der Bundesrepublik Deutschland. Strukturen und Entwicklungen im Überblick. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2003, vollständig überarbeitete und erweiterte Neuausgabe, S.462.

20 Anweiler, O.; Fuchs, H.; Dorner, M.; Petermann, E.: Bildungspolitik in Deutschland 1945-1990. 1992, S.22.

21 Cortina, K., u. a.: Das Bildungswesen in der Bundesrepublik Deutschland. 2003, S.160 u. S.165.

22 Deutscher Bildungsrat, Empfehlungen der Bildungskommission: Strukturplan für das Bildungswesen. Bonn, 1970, S.26.

23 Herrlitz, H.; Hopf, W.; Titze, H.: Deutsche Schulgeschichte von 1800 bis zur Gegenwart. 19982, S.207f. / Cortina, K., u. a.: Das Bildungswesen in der Bundesrepublik Deutschland. 2003, S.139.

24 Cortina, K., u. a.: Das Bildungswesen in der Bundesrepublik Deutschland. 2003, S. 13 8ff.

25 Herrlitz, H.; Hopf, W.; Titze, H.: Deutsche Schulgeschichte von 1800 bis zur Gegenwart. 19982, S.209f.

26 Ebd.; S.210.

27 Cortina, K., u. a.: Das Bildungswesen in der Bundesrepublik Deutschland. 2003, S.140f.

28 Herrlitz, H.; Hopf, W.; Titze, H.: Deutsche Schulgeschichte von 1800 bis zur Gegenwart. 19982, S.211.

29 Anweiler, O.; Fuchs, H.; Dorner, M.; Petermann, E.: Bildungspolitik in Deutschland 1945-1990. 1992, S.23.

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Bildungsreform 1968 - Schule im Umbruch: Schulische Bildung zwischen Tradition und Moderne
Untertitel
Ein wissenschaftlicher Diskurs der Schulpolitik von 1950-1980 und eine filmanalytische Betrachtung des Films „Zur Hölle mit den Paukern“ hinsichtlich der Defizite des deutschen Bildungssystems vor 1968
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Bildungswissenschaften)
Note
1,0
Autoren
Jahr
2010
Seiten
41
Katalognummer
V181758
ISBN (eBook)
9783656051893
ISBN (Buch)
9783656052029
Dateigröße
1219 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bildungsreform, Lümmel von der ersten Bank, Chancengleichheit
Arbeit zitieren
Sarah Swienty (Autor:in)Monika Polarek (Autor:in), 2010, Bildungsreform 1968 - Schule im Umbruch: Schulische Bildung zwischen Tradition und Moderne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181758

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