Den verschiedenen Arbeitnehmervertretungen, allen voran den Gewerkschaften, kommt vor allem in Zeiten der wirtschaftlichen Depression eine besondere Aufmerksamkeit zu. In aktuellen politischen Diskussionen ist dieser Trend wieder deutlich zu spüren. Gegner der kollektiven Arbeitnehmervertretung werfen den Gewerkschaften vor, sie seien „Bremser“ und würden jegliche notwendigen Reformen, die in der Regel auf eine deutliche Liberalisierung der Arbeitsbeziehungen und des Arbeitsmarktes hinauslaufen, verhindern. Vor allem von Seiten der Arbeitgebervertretung und konservativen oder liberalen politischen Kräften wird eine deutliche Reduzierung der kollektiven Macht der Gewerkschaften gefordert, da nur durch eine Individualisierung der Arbeitsbeziehungen ein Ausweg aus dem ökonomischen Niedergang zu erreichen sei.Befürworter der Gewerkschaften dagegen weißen in diesen Zeit umso stärker daraufhin, dass die depressiven Tendenzen nur durch eine Machtausweitung der kollektiven Arbeitnehmervertretung zu erreichen sei. Als wichtigster Punkt wird hier von den Gewerkschaften selbst, aber auch von sozialdemokratischen oder sozialistischen Vertretern, das sogenannte Kaufkraftargument als Unterstützung für die eigene Theorie gebraucht.
Diese Positionen stehen sich in fast allen Demokratien der Welt recht deutlich und oft nahezu unvereinbar gegenüber. Besonders interessant sind in diesem Zusammenhang die Arbeitsbeziehungen Großbritanniens. Dieses Land weißt nicht nur eine besonders lange gewerkschaftliche Tradition auf, sondern es wurde auch wie kaum ein zweites Staatengebilde im westlichen Europa insbesondere in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts durch starke Veränderungen innerhalb der Arbeitsbeziehungen erschüttert.
Diese Veränderungen waren keinesfalls ohne größere politische und gesellschaftliche Auseinandersetzungen zu erreichen, die sich vor allem um das oben erwähnte Spannungsfeld zwischen Kollektivismus und Individualis-mus drehten.
In dieser Arbeit ist es mein Ziel einen Ausblick zu geben, zu welchem Pol des Feldes sich die Arbeitsbeziehungen in Großbritannien zukünftig bewegen werden und was dies vor allem für die Arbeitnehmervertretung bedeuten könnte.
Inhaltsverzeichnis
1. Problemstellung
2. Die Genese der britischen Arbeitnehmervertretung
3. Die Arbeitsbeziehungen im Spannungsfeld
3.1 Voluntarismus
3.2 Thatcherismus
4. Shop Stewards als charakteristischer Betstandteil des Konfliktes
4.1 Entstehung
4.2 Verbreitung
4.3 Funktionen
4.4 Shop Stewards im Spannungsfeld
5. Tendenzen und Ausblicke
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung der britischen Arbeitsbeziehungen im Spannungsfeld zwischen Kollektivismus und Individualismus, unter besonderer Berücksichtigung der Rolle der Shop Stewards. Ziel ist es, die zukünftige Richtung dieser Beziehungen sowie die daraus resultierenden Implikationen für die Gewerkschaften zu analysieren.
- Historische Genese der britischen Arbeitnehmervertretung
- Analyse der britischen Tradition des Voluntarismus
- Einfluss des Thatcherismus auf das Spannungsfeld
- Funktion und Position der Shop Stewards im Betrieb
Auszug aus dem Buch
4.3 Funktionen
Der Shop Steward ist eine fast ausschließlich britische Einrichtung. Es existieren lediglich vergleichbare Institutionen in Italien, Belgien und Schweden. Man könnte ihn mit den Begriff „Vertrauensmann“ ins Deutsche übersetzen. Er wird in der Regel jährlich von den Gewerkschaftsmitgliedern eines Betriebes oder einer Tätigkeitsgruppe gewählt und stellt einen betrieblichen Arbeitnehmervertreter da (Visser / Ruysseveldt 1996, S. 70).
Dies ist allerdings auch schon die einzige Aussage, die man in generellem Umfang über die Funktion des shop Stewards treffen kann. Da seine Funktionen gesetzlich nicht geregelt sind, variieren diese von Gewerkschaft zu Gewerkschaft und von Betrieb zu Betrieb. Es existieren sogar keinerlei Regelungen, die das Management zwingen könnten, die Shop Stewards anzuhören oder sogar mitbestimmen zu lassen ( Kastendiek 1988, S. 169).
Nach den meisten Gewerkschaftssatzungen waren und sind die Shop Stewards strikt an Weisungen der Gewerkschaften gebunden. So wird von einigen Kritikern immer wieder spöttisch behauptet, dass die Vertrauensleute nichts anderes als Beitragskassierer seien (Degen 1976, S. 31). Neben diesen offiziellen Befugnissen, hat der Shop Steward allerdings im Laufe der Zeit seinen Machtbereich zunehmend ausgeweitet. Da die hauptamtlichen Gewerkschaftsvertreter oft nicht schnell und flexibel auf die betrieblichen Veränderungen reagieren konnten, wurde für viele Arbeitnehmer der Vertrauensmann immer mehr zum gewerkschaftlichen Ansprechpartner ( Degen 1976, S. 46).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Problemstellung: Einleitung in die Thematik der Arbeitnehmervertretung im Kontext wirtschaftlicher Depressionen und der konträren Positionen zur kollektiven Macht.
2. Die Genese der britischen Arbeitnehmervertretung: Erläuterung der Entstehung der Gewerkschaften als Reaktion auf die frühe Industrialisierung und deren erste Organisationsformen.
3. Die Arbeitsbeziehungen im Spannungsfeld: Untersuchung des Voluntarismus als prägende Tradition und des Einflusses des Thatcherismus auf die Arbeitsbeziehungen.
4. Shop Stewards als charakteristischer Betstandteil des Konfliktes: Detaillierte Betrachtung der Entstehung, Verbreitung, Funktionen und der spezifischen Rolle der Shop Stewards im Spannungsfeld.
5. Tendenzen und Ausblicke: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfragen zur künftigen Entwicklung und den Auswirkungen für Gewerkschaften.
Schlüsselwörter
Arbeitsbeziehungen, Großbritannien, Kollektivismus, Individualismus, Gewerkschaften, Shop Stewards, Voluntarismus, Thatcherismus, Industrialisierung, Vertrauensleute, Interessenvertretung, gewerkschaftlicher Pluralismus, Arbeitsmarkt, Tarifverhandlungen, betriebliche Mitbestimmung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die spezifischen Arbeitsbeziehungen in Großbritannien und die historisch gewachsene Spannung zwischen kollektiver und individueller Interessenvertretung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Rolle der Gewerkschaften, der britische Voluntarismus, die Auswirkungen politischer Reformen (Thatcherismus) und die Funktion der Shop Stewards.
Welches Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, auf Basis der historischen Analyse eine Prognose über die künftige Entwicklung der britischen Arbeitsbeziehungen zu formulieren.
Welche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine deskriptive und analytische Aufarbeitung von Literatur und historischen Daten zu den britischen industriellen Beziehungen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet die Entstehungsgeschichte der britischen Gewerkschaften, die Besonderheit des Voluntarismus und die Rolle der Shop Stewards als betriebliche Akteure.
Welche Keywords kennzeichnen die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Arbeitsbeziehungen, Kollektivismus, Individualismus, Thatcherismus und Shop Stewards.
Was unterscheidet Shop Stewards von anderen Vertretern?
Shop Stewards sind spezifisch britische, betriebliche Vertrauensleute, die oft ohne explizite gesetzliche Regelungen und in einer Doppelrolle zwischen Basis und Gewerkschaftsführung agieren.
Warum spielt der Voluntarismus eine so große Rolle?
Der Voluntarismus ist eine Tradition, die das britische System durch das Fehlen starker staatlicher Interventionen in Tarifverhandlungen auszeichnet und damit das Spannungsfeld zwischen Individualismus und Kollektivismus maßgeblich beeinflusst.
Wie wirkte sich der Thatcherismus auf die Gewerkschaften aus?
Durch gesetzliche Maßnahmen (Employment Acts) in den 1980er Jahren wurde die Macht der Gewerkschaften drastisch reduziert, was zu einem Machtverlust und einer Trendwende weg vom Kollektivismus führte.
- Quote paper
- Markus Baldus (Author), 2003, Die Arbeitsbeziehungen Großbritanniens im Spannungsfeld zwischen Kollektivismus und Individualismus - unter besonderer Berücksichtung der Shop Stewards, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18181