Aristoteles unterscheidet zwischen zwei Arten der Gutheit. Im Gegensatz zur Gutheit des Denkens entsteht die charakterliche Gutheit nicht durch Belehrung. Charaktertugenden sind uns auch nicht von Natur aus gegeben. Bei natürlichen Gegebenheiten ist nämlich die Fähigkeit (dynamis), etwas zu leisten, der Tätigkeit (energeia) vorangestellt. Aristoteles führt hier das Beispiel der sinnlichen Wahrnehmung an: Der Mensch besitzt zuerst die Fähigkeit zu sehen, bevor er etwas sieht. Bei Charaktertugenden sei es dagegen umgekehrt, Aristoteles vergleicht sie mit Herstellungswissen: Um in den Besitz der Tugend zu kommen, müssen wir bereits derlei Tätigkeiten ausüben.
Inhaltsverzeichnis
1. Der Erwerb der charakterlichen Tugend durch Gewöhnung
2. Schwierigkeiten, wie wir gut werden können, ohne es schon zu sein
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die Entstehung ethischer Tugenden nach Aristoteles, insbesondere den Prozess des Erwerbs durch Gewöhnung sowie die notwendigen Voraussetzungen für eine wahrhaft tugendhafte Handlung.
- Unterscheidung zwischen charakterlicher Gutheit und Gutheit des Denkens
- Die Rolle der Gewöhnung (energeia) beim Erwerb von Charaktertugenden
- Vergleich von Tugend mit handwerklichem Können (techné)
- Voraussetzungen für eine moralisch gerechte Handlung
- Definition zentraler aristotelischer Fachbegriffe
Auszug aus dem Buch
1. Der Erwerb der charakterlichen Tugend durch Gewöhnung
Aristoteles unterscheidet zwischen zwei Arten der „Gutheit“ (aréte). Im Gegensatz zur „Gutheit des Denkens“ entsteht die charakterliche Gutheit (ethiké) nicht durch Belehrung. Charaktertugenden sind uns auch nicht von Natur aus gegeben. Bei natürlichen Gegebenheiten ist nämlich die Fähigkeit (dynamis), etwas zu leisten, der Tätigkeit (energeia) vorangestellt. Aristoteles führt hier das Beispiel der sinnlichen Wahrnehmung an: Der Mensch besitzt zuerst die Fähigkeit zu sehen, bevor er etwas sieht.
Bei Charaktertugenden sei es dagegen umgekehrt, Aristoteles vergleicht sie mit Herstellungswissen (techné): Um in den Besitz der Tugend oder techné zu kommen, müssen wir bereits derlei Tätigkeiten ausüben. Aristoteles gibt das Beispiel des Kihtarespiels: Damit man die Fähigkeit des Kitharaspielens erwirbt, muss man bereits Kithara spielen. Analog dazu werden Menschen erst gerecht, indem sie sich darin üben, Gerechtes tun. Naturgegeben ist bei Charaktertugenden lediglich eine natürliche Fähigkeit (dynamis – Kraft, Vermögen, Potenz), charakterliche Tugend durch Gewöhnung zu entwickeln.
Für Aristoteles verhält es sich mit der Tugend also so, dass wir sie erst ausüben müssen um sie zu erwerben. Und so wie wir die Tugenden ausüben, so erwerben wir sie auch. Z.B. wird man ein Baumeister, indem man das Handwerk des Baumeisters erlernt und ein Bauwerk baut. Wenn ein Baumeister mäßig baut, wird er ein mäßig guter Baumeister, wenn er gute Bauwerke baut, ist er ein guter Baumeister. Aristoteles argumentiert es dadurch, dass es ja sonst keine Lehrer bedürfe, wenn alle Baumeister von Natur aus gut wären. So verhält es sich laut Aristoteles auch mit den Tugenden. Wenn wir uns an gewisse Handlungsweisen gewöhnen, werden wir z.B. entweder gerecht oder ungerecht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Der Erwerb der charakterlichen Tugend durch Gewöhnung: Dieses Kapitel erläutert, dass ethische Tugenden im Gegensatz zu intellektuellen Fähigkeiten nicht angeboren sind, sondern durch ständige praktische Übung und Gewöhnung erworben werden müssen.
2. Schwierigkeiten, wie wir gut werden können, ohne es schon zu sein: Hier wird dargelegt, welche bewussten Voraussetzungen – wie Wissen, Vorsatz und Beständigkeit – erfüllt sein müssen, damit eine Handlung als tugendhaft und gerecht eingestuft werden kann.
Schlüsselwörter
Aristoteles, Nikomachische Ethik, Tugend, Gewöhnung, Aréte, Dynamis, Energeia, Techné, Hexis, Charakter, Gerechtigkeit, Ethik, Handeln, Disposition, Gutheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der aristotelischen Ethik, insbesondere mit der Entstehung von Charaktertugenden und der Frage, wie der Mensch durch sein Handeln zu einer tugendhaften Person werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind der Erwerb von Tugenden durch Gewöhnung, die Abgrenzung von natürlichen Anlagen zu erworbenen Dispositionen sowie die Bedingungen für moralisch korrektes Handeln.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Erläuterung der aristotelischen Lehre über den Tugenderwerb und die Klärung der notwendigen Voraussetzungen für eine ethisch fundierte Lebenspraxis.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die textual-analytische Methode, indem sie zentrale Textstellen aus der Nikomachischen Ethik des Aristoteles interpretiert und mit philosophiehistorischen Definitionen verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt den Prozess der Gewöhnung als Grundlage für Charaktertugenden und definiert die Qualitätsanforderungen an eine ethische Handlung, etwa durch Vorsatz und dauerhafte Verfassung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Aréte, Gewöhnung, Energeia, Dynamis, Techné und Hexis charakterisiert.
Inwiefern unterscheidet Aristoteles den Erwerb von Tugenden vom Erlernen eines Handwerks?
Aristoteles nutzt das Handwerk (techné) als Analogie: So wie man durch das Bauen zum Baumeister wird, wird man durch gerechtes Handeln gerecht, wobei die ständige Wiederholung für die Ausbildung der inneren Disposition entscheidend ist.
Warum reicht das bloße Wissen über das Gute für den Aristoteles nicht aus, um als „gut“ zu gelten?
Nach Aristoteles muss die Gerechtigkeit dauerhaft in den Charaktereigenschaften verankert sein; erst durch das bewusste, vorsätzliche und beständige Handeln aus einer festen Verfassung heraus entsteht echte Tugend.
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- Stephanie Lainer (Autor), 2011, Aristoteles - Wie entstehen ethische Tugenden?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181834