Das Time-Magazin titelte Anfang dieses Jahres mit der Frage 'What would Marx think?' Eine Frage, die seit dem Kollabieren der Finanzmärkte in den letzten zwei Jahren häufig in Medien und Wissenschaft zu finden war. Karl Marx analysierte in seinem Werk „Das Kapital“ im 19. Jahrhundert die kapitalistische Gesellschaft. Ein Werk aus einer völlig anderen Epoche.
Aber was können wir heute noch daraus lernen? Eine kurze Einführung von Marx Erkenntnissen zu den Themen Zins, Kredit und fiktives Kapital.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Finanzkrise
3. Marx zu Zins, Kredit und „fiktives Kapital“
3.1 Zins und zinstragendes Kapital
3.2 Kreditgeld, Banken und „fiktives Kapital“
4. Marx über Krisen im System
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, inwieweit die theoretischen Erkenntnisse von Karl Marx über den Finanzmarkt, Kreditmechanismen und das sogenannte „fiktive Kapital“ dazu beitragen können, die Dynamiken der modernen Finanz- und Wirtschaftskrise zu erklären.
- Analyse der Marxschen Theorie zu Zins und zinstragendem Kapital
- Untersuchung der Entstehung von „fiktivem Kapital“ und dessen Risiken
- Gegenüberstellung von Marxschen Krisentheorien und der Krise ab 2007
- Bewertung der Relevanz klassischer ökonomischer Texte für die heutige Globalisierung
- Diskussion über die systembedingten Ursachen von Finanzblasen und Marktcrashs
Auszug aus dem Buch
3.1 Zins und zinstragendes Kapital
Geld hat nach Marx zweierlei Seiten. Einmal den Gebrauchswert an sich, also Geld als Gebrauchswert und die Möglichkeit als Kapital zu fungieren. In dieser Funktion kann Geld also Profit produzieren und wird dadurch zu einer Ware. Marx nennt es „eine ganz besondere Ware“. Marx sieht diese Ware als Geld, das in eine Zirkulation gebracht wird, also an einen Dritten veräußert wird und damit erst zur Ware wird. Ab dem Zeitpunkt der Veräußerung ist es also Kapital für den Verleiher und den Empfänger. Dabei wechselt das Geld aber nicht den Besitzer, sondern nur der Gebrauchswert wird geteilt. Marx betont aber auch einen Unterschied dieser „ganz besonderen Ware“ zu einer gewöhnlichen Ware:
Bei den übrigen Waren wird in der letzten Hand der Gebrauchswert konsumiert, und damit verschwindet die Substanz der Ware und mit ihr ihr Wert. Die Ware Kapital dagegen hat das Eigentümliche, dass durch die Konsumtion ihres Gebrauchswerts ihr Wert und ihr Gebrauchswert nicht nur erhalten, sondern vermehrt wird.
Das Geld wird nach einer bestimmten Zeit vom Borger zurückgezahlt und zwar plus dessen Mehrwert, dem Zins. Den Zins wiederum hat der Borger vorher mit dem Kapital erwirtschaftet und kann den Zins aus einem Teil seines Profits zurückzahlen. Das zurückgezahlte Geld nennt Marx „realisiertes Kapital“.
Im Juni 2003 wurde die Federal Funds Rate auf einen Prozent gesenkt, um die amerikanische Wirtschaft zu stimulieren. 2008 wurde der Zins sogar auf unter einen Prozent gesenkt, diesmal um eine Deflation zu verhindern, die den verschuldeten Haushalten und Unternehmen massiv schaden würde. Die Höhe, also der Zinssatz, wird dabei als Ursache und auch Folge der Finanzkrise gesehen. Die Zinspolitik der FED (Federal Reserve System) sorgte auch für eine Anhäufung von Geld und damit zu der Suche nach einer rentablen Anlage. Interessant ist, dass Marx an dieser Stelle den Zins nicht im Zusammenhang mit dem Leitzins bringt. Obwohl die Bank of England bereits seit 1870 diesen bestimmt, also schon bevor „Das Kapital“ verfasst wurde. Die Zentralbank wird von Marx nur als „sonderbarer Mischmasch zwischen Nationalbank und Privatbank“ erwähnt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die aktuelle Relevanz von Karl Marx' ökonomischen Theorien im Kontext der globalen Finanzkrise und hinterfragt, ob das „Kapital“ als Analyseinstrument noch zeitgemäß ist.
2. Die Finanzkrise: Dieses Kapitel skizziert den Beginn der Finanzkrise 2007 und verdeutlicht die Unsicherheit von Experten sowie die Notwendigkeit, klassische ökonomische Erklärungsmodelle erneut zu prüfen.
3. Marx zu Zins, Kredit und „fiktives Kapital“: Hier werden Marx' theoretische Grundlagen zum zinstragenden Kapital und die Mechanismen des fiktiven Kapitals erläutert, die den Wert von Finanzprodukten vom realen Kapital entkoppeln.
4. Marx über Krisen im System: Dieses Kapitel analysiert Marx' Verständnis von Krisen, die als systemimmanente Folge kapitalistischer Produktionsweisen betrachtet werden, und überträgt diese auf die aktuelle Kredit- und Finanzmarktkrise.
5. Fazit: Das Fazit zieht den Vergleich zwischen der Marxschen Theorie und der Moderne, wobei betont wird, dass viele Krisenmechanismen bei Marx bereits angelegt sind, auch wenn er die heutigen globalen Ausmaße nicht vorhersehen konnte.
Schlüsselwörter
Karl Marx, Finanzkrise, zinstragendes Kapital, fiktives Kapital, Kredit, Kapitalismus, Mehrwert, Deflation, Federal Reserve, Wirtschaftskrise, Wertschöpfung, Spekulation, Überproduktion, Geldmarkt, ökonomische Theorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, inwieweit die ökonomischen Analysen von Karl Marx aus seinem Werk „Das Kapital“ dazu dienen können, die Mechanismen und Ursachen moderner Finanzkrisen zu verstehen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Funktion von Zins und Kredit, das Konzept des „fiktiven Kapitals“, die systembedingte Krisenhaftigkeit des Kapitalismus sowie die Rolle von Zentralbanken im Vergleich zu Marx' Beobachtungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, Marx' Erkenntnisse zum Finanzmarkt mit der Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007 zu vergleichen und zu prüfen, ob seine theoretischen Ansätze zur Krisenanalyse heute noch Relevanz besitzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor verwendet eine Literaturanalyse, indem er zentrale Textstellen aus Marx' „Das Kapital“ extrahiert und diese in den Kontext aktueller finanzwirtschaftlicher Ereignisse und ökonomischer Daten setzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Aufarbeitung von Geld, Zins und fiktivem Kapital sowie in eine direkte Analyse, wie Marx Krisen als notwendiges Resultat kapitalistischer Strukturen beschreibt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie fiktives Kapital, Finanzkrise, Zinspolitik, systemische Krise und klassische ökonomische Theorie geprägt.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen „realisiertem Kapital“ und „fiktivem Kapital“ eine Rolle?
Die Unterscheidung ist deshalb kritisch, da fiktives Kapital – wie Aktien oder Kreditforderungen – den Anspruch auf einen Wert darstellt, der vom tatsächlichen Ertrag des zugrunde liegenden realen Kapitals abweichen und bei Blasenbildung zu massiven Marktverwerfungen führen kann.
Inwieweit betrachtet Marx die Zinspolitik als Krisenursache?
Marx erkennt den Zusammenhang zwischen Konjunkturzyklen und Zinssätzen; er sieht den Zins sowohl als Spiegel der wirtschaftlichen Lage als auch als Faktor, der die Suche nach rentablen, teils spekulativen Anlagen vorantreibt.
Kommt der Autor zu dem Schluss, dass Marx die Krise vollständig erklären kann?
Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass Marx zwar wesentliche systemische Widersprüche und Krisenmechanismen identifiziert hat, die heutige globale Krise jedoch in einem Ausmaß und einer Komplexität stattfindet, die Marx in dieser spezifischen historischen Form nicht voraussehen konnte.
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- Dominik Schmidt (Author), 2009, Hat Marx die Finanzkrise vorhergesehen?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182012