1. Einleitung
Die Autobiographie gehört "zu den Neubildungen höherer Kultur-stufen," schreibt Georg Misch "und doch ruht [sie] auf dem natürlichsten Grunde, auf dem Bedürfnis nach Aussprache und
dem entgegenkommenden Interesse der anderen Menschen, womit
das Bedürfnis nach Selbstbehauptung der Menschen zusammengeht;
sie ist selber eine Lebensäußerung, die an keine bestimmte Form
gebunden ist... Ihre Grenzen sind fließend, lassen sich nicht
von außen festhalten und [erwachsen] aus einer [individuell] erlebten Wirklichkeit..."
Bemerkenswert ist, daß sich die Autobiographie ihrem Namen und
Wesen nach einer eindeutigen Definition zu entziehen scheint. So
beschränkt sich meine Arbeit an dieser Stelle zunächst darauf, den Begriff an sich in seinen griechischen Bestandteilen zu übersetzen: die Beschreibung (graphia) des Lebens (bios) eines Einzelnen durch diesen selbst (auto). Die Bezeichnung "Autobiographie" tauchte jedoch erst Ende des 18. Jahrhunderts zunächst in der deutschen, dann in der englischen Literatur auf und verdrängte bald den aus
dem Französischen entlehnten Ausdruck "Memoiren."
Nach einem kurzen Abriß der Gattungsgeschichte, soll im folgenden das Wesen der Selbstbiographie unter sprachlichen und literaturprag-matischen Gesichtspunkten vorgestellt werden. Eine praktische Um-setzung erfahren die theoretischen Richtlinien mittels der ausge-wählten Modelltexte Dacia Maraini "Bagheria" und Lara Cardella "Volevo i pantaloni".
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Entstehung und Entwicklung der Autobiographie
3. Die Genese der Schreibsituation
4. Die Typen der Autobiographie
4.1 Zur Definition des Typus ‚Erzählende Autobiographie‘: Dacia Maraini Bagheria
4.2 Zur Definition des Typus ‚Bekennende Autobiographie‘: Lara Cardella Volevo i Pantaloni
5. Die Identität zwischen Autor, Erzähler und Figur
6. Das Verhältnis des Autors zum Textgegenstand
7. Das Verhältnis zwischen Autor und Leser
7.1 Die Aufrichtigkeitsregel
7.2 Die Fehlbarkeit der Erinnerung
7.3 Der Aspekt der Authentizität bei Maraini
7.4 Der Aspekt der Authentizität bei Cardella
8. Schlußbemerkung
9. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Wesen der Autobiographie als literarische Gattung unter sprachlichen und literaturpragmatischen Gesichtspunkten. Anhand der Modelltexte Bagheria von Dacia Maraini und Volevo i Pantaloni von Lara Cardella analysiert die Autorin die theoretischen Grundlagen des autobiographischen Schreibens, insbesondere im Hinblick auf Identitätskonzepte und Authentizitätsansprüche im 20. Jahrhundert.
- Entstehungsgeschichte und Theorie der Gattung Autobiographie
- Gattungstypologische Differenzierung: Erzählende vs. Bekennende Autobiographie
- Identitätsverhältnisse zwischen Autor, Erzähler und Figur
- Strategien zur Beglaubigung von Lebenserinnerungen (Authentizität)
- Die Rolle der Schreibmotivation bei der Vergangenheitsbewältigung
Auszug aus dem Buch
4. Die Typen der Autobiographie
Die Modellhaftigkeit der Selbstbiographien Marainis Bagheria und Cardellas Volevo i pantaloni in bezug auf eine gattungstypologische Differenzierung zeigt sich insbesondere in der Bestimmung der ihnen zugrundeliegenden sprachlichen Handlungen. Die sprachlichen Einzelphänomene beider Werke lassen sich, jedes für sich betrachtet, den Idealtypen der erzählenden und bekennenden Autobiographie, zu ordnen. Die "reinen Typen" der Autobiographie werden im folgenden definiert, doch sind sie "in der konkreten Realität," so warnt Lehmann, "nur selten, wenn überhaupt, anzutreffen." Entscheidend bei diesem Einteilungsverfahren kann demnach nur der Grad der Annäherung der Texte an den Idealtypus sein. Nicht das "entweder - oder", sondern das "mehr oder minder" bestimmt die Zuordnung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Gattungsproblematik und Vorstellung der Modelltexte von Dacia Maraini und Lara Cardella.
2. Die Entstehung und Entwicklung der Autobiographie: Historischer Abriss von den Anfängen bei Augustin bis zur modernen Autobiographie als Ausdruck gesellschaftlicher Prozesse.
3. Die Genese der Schreibsituation: Untersuchung der auslösenden Momente und psychologischen Hintergründe, die zur Veröffentlichung der autobiographischen Werke führen.
4. Die Typen der Autobiographie: Theoretische Abgrenzung der Gattungstypen 'Erzählende Autobiographie' und 'Bekennende Autobiographie' anhand der ausgewählten Werke.
5. Die Identität zwischen Autor, Erzähler und Figur: Analyse der Identitätsverhältnisse mittels des Modells des "autobiographischen Pakts" nach Philippe Lejeune.
6. Das Verhältnis des Autors zum Textgegenstand: Betrachtung der erzählerischen Darstellung und Perspektivwechsel in Bezug auf die Chronologie und das Vergangenheitserleben.
7. Das Verhältnis zwischen Autor und Leser: Diskussion der Anforderungen an Glaubwürdigkeit, Erinnerungsvermögen und Authentizitätsstrategien durch Zitierung von Dokumenten.
8. Schlußbemerkung: Zusammenfassende Einschätzung der Gattungsgrenzen und der unterschiedlichen Grundeinschätzungen im 20. Jahrhundert.
9. Bibliographie: Verzeichnis der verwendeten theoretischen und primärliterarischen Quellen.
Schlüsselwörter
Autobiographie, Selbstbiographie, Gattungstheorie, Dacia Maraini, Lara Cardella, Bagheria, Volevo i Pantaloni, Autobiographischer Pakt, Authentizität, Erinnerung, Identität, Schreibmotivation, Erzählende Autobiographie, Bekennende Autobiographie, Vergangenheitsbewältigung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die theoretischen und pragmatischen Aspekte der Autobiographie als Literaturgattung am Beispiel zeitgenössischer italienischer Autorinnen.
Welche sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Fokus stehen die Gattungsdefinition, die psychologische Schreibmotivation, das Identitätsverhältnis zwischen Autor und Erzählfigur sowie die Authentizitätskriterien.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Modellhaftigkeit der Werke von Maraini und Cardella hinsichtlich gattungstypologischer Unterschiede zu bestimmen und deren Bezug zur literaturtheoretischen Forschung zu klären.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Autorin kombiniert eine historische Herleitung der Gattung mit literaturpragmatischen Analysen, unter Einbeziehung theoretischer Ansätze von Forschern wie Georg Misch, Philippe Lejeune und Jürgen Lehmann.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition der Autobiographietypen, die Identitätsbeziehungen, das Verhältnis zum Textgegenstand und eine detaillierte Analyse der Authentizitätsstrategien in den Modelltexten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Publikation?
Wesentliche Begriffe sind Autobiographie, Identität, Authentizität, Erinnerung sowie die Unterscheidung zwischen erzählender und bekennender Autobiographie.
Wie unterscheidet sich die "Erzählende" von der "Bekennenden" Autobiographie in der Arbeit?
Die erzählende Autobiographie (Maraini) zeichnet sich durch den Abgleich von persönlicher Entwicklung und historischen Fakten aus, während die bekennende Autobiographie (Cardella) stärker durch subjektive Enthüllung und affektives Erzählen geprägt ist.
Welche Rolle spielt die "Aufrichtigkeitsregel" für den Leser?
Sie dient als impliziter Pakt zwischen Autor und Leser, der die Glaubwürdigkeit des Textes trotz der Unverifizierbarkeit individueller Erinnerungen sicherstellen soll.
Warum spielt die Namensidentität bei der Analyse eine Rolle?
Sie ist ein Kriterium, um zwischen einer authentischen Autobiographie (Namensidentität bei Maraini) und einem autobiographisch geprägten Roman (fiktiver Name bei Cardella) zu differenzieren.
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- Kirsten Vera van Rhee (Autor), 1995, Die Autobiographie - zur Geschichte und Theorie einer Gattung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182040