Die ganze Welt auf einem Pferd

Die Ekphrasis Enites Pferd in Hartmann von Aues „Erec“


Seminararbeit, 2010
18 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung

2. Hartmann von Aue und der Artusroman Erec
2.1. Entstehung und Inhalt der Artusromane
2.2. Hartmann von Aue: biographische Daten und Entstehungssituation des Erec
2.3. Hartmann von Aue: Erec

3. Begrifflichkeiten
3.1. Ekphrasis
3.2. Ikonographisches Motiv
3.3. Zelter
3.4. Apotheose

4. Kunstbeschreibungen als Spiegelbild im Mittelalter

5. Eintes neues Pferd und das ikonographische Motiv des Weltbildes
5.1. Die Übergabe des neuen Pferdes an Enite
5.2. Die Übergabe des neuen Pferdes an Enite
5.3. Die Beschreibung der Decke und des Sattels

6. Fazit

7. Literatur
7.1. Primärliteratur
7.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung

„Weibliche Schönheit spornte den Mann zu Heldentaten an.“1 So beschrieb Sahra Bussmann die Rolle der Frau und ihrer Funktion in der mittelalterlichen höfischen Literatur. Diese Maxime kann ohne Probleme bis in die heutige Zeit übertragen werden und hat nichts an ihrer Bedeutung verloren. Sicherlich haben sich die Schönheitsideale im Laufe der Zeit geändert, jedoch kann an Hand ausführlicher Schilderung festgestellt werden, dass sie eine tragende Rolle in jeder Zeit besaßen. Dies gilt auch für das europäische Mittelalter, von dem wir eine Vielzahl an Texten besitzen, die über gängige Vorstellungen bezüglich der weiblichen Schönheit zeugen.

Schönheit als solche wird in der höfischen Dichtung nicht negativ gewertet, im Gegenteil. Als Inbegriff der Schönheit erfüllte die höfische Dame eine wichtige gesellschaftliche Funktion, indem sie die Werte, die sie repräsentierte, an den Mann vermitteln sollte. Frauen galten als Ursprung des Vollkommenen und Guten, sie vermittelten tugendhafte Gesinnung und gaben Anlass zu großer Freude. Schönheit besaß auch die Kraft, im Mann das Gefühl der hohen Minne zu wecken, wobei es durchaus möglich war, dass sich dieser allein aufgrund des Schönheitspreises in eine Dame verlieben konnte. Dies verdeutlicht, welchen hohen Stellenwert die Schönheit der Frau in der Literatur einnahm und nimmt. Wie bedeutungsschwanger diese in der höfischen Literatur ist und wie hoch ihre Wichtigkeit eingeschätzt wird, wird dadurch verdeutlicht, dass selbst so bekannte Literaten wie Umberto Eco sich mit dieser Thematik auseinandersetzten und ihre Funktion untersuchten.

In dieser Arbeit soll jedoch nicht die Schönheit der Frau als primär zu untersuchender Gegenstand erforscht werden, sondern es soll an Hand von ausgewählten Textstellen des Artusromans Erec von Hartmann von Aue die Darstellung und Überhöhung durch zusätzliche Attribute der Schönheit aufgezeigt und ihre Funktion erklärt werden. Dazu bietet sich das Kapitel der Beschreibung Enites Pferds und dessen Zaumzeug und Sattel an, um eine Überhöhung zu verdeutlichen. Im Zuge dessen soll ebenfalls die Funktion des Dargestellten untersucht und mögliche Zusammenhänge diskutiert werden. Daher ergeben sich aus den Erläuterungen der Textstellen folgende Fragen. Warum verwendet Hartmann solch ausführliche Darstellungen und welche Funktion könnten sie haben? Diese gilt es nach einer kurzen Einführung in den Roman und die Thematik zu beantworten.

2. Hartmann von Aue und der Artusroman Erec

2.1. Entstehung und Inhalt der Artusromane

Wie beschrieben, handelt es sich bei dem Begründer der Artusromane um Chretièn de Troyes. Sie basieren auf dem sagenhaften britischen König Artus, der eine große Schar von Rittern, die sogenannte Tafelrunde um sich hatte. Einige dieser Ritter, wie z. B. Erec und Iwein, fanden einen Platz als Held in den Artuswerken.2 Mit Sicherheit lässt sich jedoch nicht beantworten, wer Artus wirklich war. Es wird vermutet, dass es sich um einen britischen Kleinkönig im 6. Jahrhundert handelte. Bekannt wurde er durch das Geschichtswerk Historia regum Britanniae, das um 1138 vom Oxforder Geoffrey of Monmonth verfasst wurde. Hier wird König Artus als ein britischer Heerführer beschrieben, der Schlachten gegen die Sachsen führte und christlicher Gesinnung war, da er in Kriegszeiten sein Volk mit Hilfe der Bretonen gegen die Heiden geschützt und in Friedenszeiten ein prachtvolles, von Freigiebigkeit gekennzeichnetes Hofleben ermöglichte. Es fanden sich allerdings auch mündliche Überlieferungen, die den Epikern für ihre Romane dienten.3

Die Artusromane spielen in einer durch den Namen Artus nicht weiter festgelegten Phantasiezeit und in einem geographischen Abschnitt, in dem zwar reale Orts- und Ländernamen benannt werden, allerdings diese mit wahllos eingeführten vermischt werden. Es handelt sich hierbei um eine phantastische, märchenhafte Welt voller symbolischer Bedeutungen, unerwarteten Gefahren, die der Held zu bestehen hat und rätselhaften und unberechenbaren Geschöpfen. Nur so kann sich der Protagonist bewähren, welches auch das Ziel dieser Romangattung darstellt. Im Gegensatz zur Heldenepik bezieht sich der Artusroman nicht auf reale kriegerische Konflikte, wie z.B. die Kreuzzüge, die Helden sind keine Träger politischer Ämter und es besteht niemals ein Zusammenhang zu historisch belegbaren Ereignissen. Es handelt sich nicht um historisch- relevante Aspekte, sondern um die wahre höfische Liebe.4

2.2. Hartmann von Aue: biographische Daten und Entstehungssituation des Erec

Über Hartmann von Aue ist sehr wenig bekannt. Er ist etwa im Jahre 1160 geboren und verstarb um 1220. Einige Erkenntnisse über seine Herkunft lassen sich durch eigene Aussagen Hartmanns im Prolog seines Romans Der arme Heinrich erkennen.5 Er scheint aus Süddeutschland zu stammen und beschrieb sich als einen Gelehrten, Ritter und Ministerialen.

Ein ritter sô gelêret was Ein Ritter war so gelehrt, daz er an den buochen las dass er in Büchern las, swaz er dar an geschriben vant: was immer er in ihnen geschrieben fand:

der was Hartmann genant, Der hieß Hartmann.

dienstman war er zu Ouwe. Ministerialer war er zu Aue.

er nam im manige schouwe Immer wieder studierte er an mislîchen buochen . . . an gelegentlich aller Art Bücher . . .6

In den Liederhandschriften findet man Hartmann als gewappneten Ritter porträtiert, so wie sich adlige Herren präsentierten. Inwieweit das der Wahrheit entspricht, lässt sich nicht feststellen. Er verfügte über gute Lateinkenntnisse und wahrscheinlich war er auch des Französischen mächtig. Weiterhin besaß er souveränes, rhetorisches Können und gilt als einer der bekanntesten mittelalterlichen Dichter. Er schrieb neben einigen Minneliedern (etwa um 1180), Versepen um die Artusritter Erec (um etwa 1185) und Iwein (nach 1191), sowie überlieferte höfische Legenden wie Gregorius (um etwa 1185) und Der arme Heinrich (nach 1191).

Hartmann von Aue bearbeitete zwei Romane des französischen Schöpfers der Artusromane Chretièn de Troyes. Zum einen Iwein, zum anderen den hier in Abschnitten behandelten Erec. Man vermutet allerdings, dass er noch weitere Quellen besaß, da sein Text an manchen Stellen erheblich vom Original abweicht. So hat die deutsche Fassung 10.350 Verse, sein Vorgänger im Gegensatz dazu lediglich 7.000. Der Erec wurde in einer zeitlich weit entfernten Handschrift überliefert, wobei Teile, wie die Eingangsverse, rekonstruiert werden mussten, da sie verloren gingen.7

2.3. Hartmann von Aue: Erec

Mit dem Erec eröffnet Hartmann von Aue die Tradition des höfischen Artusromans in der deutschen Literatur. Er leistet damit für den deutschen Sprachraum das, was Chretièn de Troyes für Frankreich geleistet hat und was für Jahrhunderte verbindlich blieb. Die historische Artusgestalt ist hier zur Verkörperung eines Systems von Idealvorstellungen geworden, die sich am ehesten als Synthese weltlich, kämpferischer Tugenden, geistlicher Normen und ästhetischer Ansprüche beschreiben lassen und in dem Begriff ritterlich zusammenlaufen. Da Artus als Idealfigur selbst nicht in Konflikt geraten kann, wird die Romanaktion von seinen Rittern getragen. Zu ihnen gehört Erec. Er hatte durch sein verligen bei Enite, die er im Turnierkampf gewonnen hat, seinen Aufenthalt am Artushof verwirkt. In einer Reihe von Bewährungsstationen, den aventiuren, büßt der Ritter seine Verfehlung ab, bis er sich wieder als artuswürdig erweist.8

Der Artusroman lässt sich in zwei Teile gliedern. In der ersten Partie wird Erec durch den Geißelschlag eines Zwerges, der zum Gefolge des Ritters Iders gehört, beleidigt und folgt ihm, um seine Ehre wiederzuerlangen. Das gelingt ihm, er gewinnt zusätzlich die Liebe Enites und heiratet sie. Im zweiten Teil, nach der Hochzeit jedoch vernachlässigt Erec um der Minne willen seine ritterlichen Standespflichten und erleidet einen erneuten Ehrverlust, den er in Begleitung Enites durch neue aventiuren ausgleichen muss.

Der Roman stellt eine Mischung zwischen Bildungsroman und einem religiösen Text dar, da der Held eine Entwicklung durchläuft und die christlichen Vorstellungen analog dazu gesetzt werden, so dass der Held den kritischen Zustand überwindet und so die Vervollkommnung durch den Dienst zu anderen anstrebt.9 Gemeinsam mit seiner Frau zieht er aus und beweist in einigen Episoden seine Tauglichkeit als Ritter, bevor final seine Krönung als Nachfolger des Vaters, des Königs Lac erfolgen kann. Im Gegensatz zur Vorlage tritt bei Hartmann der Erzähler stärker in den Vordergrund, um zu kommentieren und dem Publikum mehr Informationen zu geben. Ebenso werden die Figuren stärker voneinander abgegrenzt, Handlungsmotivationen und Logik einzelner Abläufe werden verbessert und einzelne Abschnitte wurden weggelassen oder stark ausgeweitet, wie die Beschreibung Enites Pferds, das in den folgenden Kapiteln näher untersucht werden soll. Hauptthemen sind dabei die ritterliche Minne und der Kampf um Ehre.

3. Begrifflichkeiten

3.1. Ekphrasis:

Der Begriff beschreibt im weiteren Sinne eine besondere Form der Bildbeschreibung. Er ist eine literarische Form, welche es schafft, so lebendig ein Kunstwerk zu beschreiben, dass der Leser sich innerlich eine genaue Vorstellung vom Kunstwerk machen kann, ohne es aber in Wirklichkeit vor sich zu sehen. Ekphrasis scheint also ausgehend von dieser Definition eine Art Verbindungsstelle darzustellen zwischen der indirekt visuellen Ausdrucksmöglichkeit eines literarischen Textes und der direkten visuellen Konfrontation mit einem Kunstwerk. Der wesentliche Unterschied zu einem sachlichen Bericht besteht daher im Grad der Anschaulichkeit. Dabei versucht der Autor durch diese literarische Visualisierungsstrategie den Leser oder Zuhörer zu einem Zuschauer zu machen, um ihm eine ganzheitliche Erfahrung zu ermöglichen.10

3.2. Ikonographisches Motiv:

Der Begriff ikonographisch Motiv oder Ikonographie ist die Bezeichnung für Motivkunde, ein Teilgebiet der Kunstgeschichte, das die Beurteilung einzelner Bilder zum Gegenstand hat. Jedes Werk wird unter folgenden Gesichtspunkten betrachtet:

1. Beschreibung der wiedergegebenen Personen und Dinge.
2. Herausstellen eventuell bestehender Verbindungen zwischen den einzelnen Darstellungen. Diese Phase erklärt zumeist das Motiv und damit den Titel des Kunstwerks.
3. Deutung des Themas und Entschlüsselung verborgener Botschaften (Symbole, Attribute, Allegorien, Chronogramme), also eine Beschreibung und Auslegung des Bildinhaltes, etwa bei einem Stillleben.

Der Ausdruck Ikonographie wird häufig mit Ikonologie gleichgesetzt. Im Allgemeinen findet aber insofern eine Unterscheidung statt, als Ikonographie im Zusammenhang mit Einzelwerken verwendet wird, der Terminus Ikonologie dagegen dann, wenn es sich um einen größeren künstlerischen Komplex handelt, der vergleichend beschrieben wird.11

3.3. Zelter:

Ein Zelter ist ein Pferd, das mehr zum Tragen als zum Reiten bestimmt ist. Der Begriff kommt vom altdeutschen Wort Zelt (franz. amble), das den Gang des Pferdes zwischen Paß und Trab bedeutet der Tölt heißt. Daher versteht man unter einem Zelter ein besonders ruhiges und deshalb zum Reiten für Damen geeignetes Pferd. In den Ritterromanen des Mittelalters und der frühen Neuzeit werden kostbare und geschmückte Zelter als Damenpferde gern beschrieben. Der moderne Begriff ist Gangpferd. Insbesondere Reisepferde und die Reittiere für Frauen und Geistliche wurden auf diese bequemere Gangart dressiert und gezüchtet. Im Tempo steht insbesondere der Tölt dem Trab keineswegs nach. Gerade für die Frauen war ein Ritt in normalem Trab sehr schwierig, da sie in den damals bei Adligen üblichen Damensätteln, in denen man quer zum Pferd saß, kaum Halt auf dem Pferd fanden.12

3.4. Apotheose:

Der Begriff Apotheose kommt aus dem Griechischen und heußt übersetzt Vergötterung oder Aufnahme unter die Götter. Im Lateinischen heißt es consecratio. Es ist die Bezeichnung für die Verherrlichung, d. h. die Gleichsetzung eines lebenden oder bereits toten Menschen mit den Göttern. Assyrische und persische Herrscher sowie die Pharaonen waren die ersten, die als Götter bzw. Inkarnation von Göttern galten und denen damit überweltliche Macht zugebilligt wurde. Besonders beliebt waren Apotheosen dann im Hellenismus, und auch die römischen Kaiser ließen sich als Götter verehren.

[...]


1 Bussmann, Sahra: An wîbe lobe stêt wol daz man si heize schœne. In: Entwürfe. Zeitschrift für Literatur. Ausg. 33, März 2003.

2 Vgl. dazu: Hofer, Stefan: Chrétien de Troyes. Leben und Werke des altfranzösischen Epikers. Graz 1954.

3 Vgl. dazu: Goodrich, Norma Lorre: Die Ritter von Camelot – König Artus, der Gral und die Entschlüsselung einer Legende. München 1994.

4 Vgl.: Hamrouni, Muna: Enite in Hartmann von Aues "Erec" im Vergleich zu der Frau im Mittelalter. Berlin 2006, S. 3f.

5 Vgl. dazu: von Aue, Hartmann: Der arme Heinrich. 2008; Bumke, Joachim: Der Erec Hartmanns von Aue. Berlin 2006, S. 1ff.

6 Wapnewski, Peter: Deutsche Literatur des Mittelalters: Ein Abriss von den Anfängen bis zum Ende der Blütezeit. Göttingen 1990, S.56.

7 Vgl. Bumke, S. 1ff.

8 Vgl.: Bumke, S. 9ff.

9 Vgl.: Hamrouni, S. 5.

10 Vgl.: Wandhoff, Haiko: Ekphrasis. Kunstbeschreibungen und virtuelle Räume in der Literatur des Mittelalters. Berlin, New York 2003, S. 13ff.

11 Vgl.: Appuhn, H.: Einführung in die Ikonographie der mittelalterlichen Kunst. Darmstadt 1979.

12 Vgl.: Rostock, Andrea-Katharina; Feldmann, Walter (Hrsg.): Islandpferde-Reitlehre. Bad Honnef 1987, S. 285ff; Meyers Konversationslexikon. S. 347.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die ganze Welt auf einem Pferd
Untertitel
Die Ekphrasis Enites Pferd in Hartmann von Aues „Erec“
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Germanistik)
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V182092
ISBN (eBook)
9783656053620
ISBN (Buch)
9783656053972
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hartmann von Aue, Erec, Enite, Ekphrasis, Arthus, Arthusroman
Arbeit zitieren
Stephan Lembke (Autor), 2010, Die ganze Welt auf einem Pferd, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182092

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