Männerchor - Eine Tradition mit Zukunft?


Diplomarbeit, 2011

37 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1.Geschichtliche Hintergründe
Entstehung der Männergesangsvereine
Der romantische Volksgeist
Namensgebung der Vereine
Concordia
Polyhymnia
Frohsinn
Liedertafel
Gesellschaftlicher Hintergrund
Das Vereinsleben

2. Repertoire und Singliteratur
Einleitung
Das Allgemeine Deutsche Kommersbuch
Die Polyhymnia-Ausgabe
Traditionelles Liedgut
Volks- und Kunstlieder
Trinklieder und Trinksprüche
Männerchor in der Oper
Moderne Literatur Der Schlager
Die Qual der Wahl - Neue Arrangements

3. Die Praxis
Traditionelle Aufteilung der Stimmen
Ambitus der Männerstimmen
Probenarbeit
Stimmbildung im Männerchor
Einstudierung neuer Stücke
Musikalische Qualität
Atmen
Artikulation
Phrasierung
Der Satzgesang
Der vierstimmige Sat2
Der dreistimmige Sat2
Der Chorklang
Definition von Klang
Einsat2 der Stimmregister
Chorgesang mit instrumentaler Begleitung
А-Cappella Chorgesang
Die Chorleitung
Die Stimmgabel
Chorleiterin oder Chorleiter?
Kommunikative und so2iale Kompeten2

4. Probleme von heute - Hoffnung für morgen?
Fluktuation
I Mangel an Nachwuchs
Nachwuchsförderung
I Der "Felix" und andere Maßnahmen
Aufrechterhaltung der Männergesangsvereine
Neuausrichtung des Repertoires
Gratwanderung 2wischen Tradition und Neuerung
Auf zu neuen Ufern - Wege und Ziele

Literatur- und Quellenverzeichnis

Vorwort

"Wo man singt, da laß' dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder..."

Diese von Johann Gottfried Seume[1] erdachten Worte sind vielen von uns bekannt. Schenkte man ihnen Glauben, so dürfte man sich singender Gesellschaft jederzeit anschließen und würde darüber hinaus herzlichst zum Mitsingen eingeladen. Aus heutiger Sicht entspringt diese Vorstellung zweifellos der Utopie[2], dennoch lässt sich in Seumes Zeilen ein Stück Wahrheit finden. Es ist der Glückszustand, der einer Gruppe singender Menschen innewohnt. Es ist das Gefühl von Gemeinschaft und Geborgenheit, von Freude und Frohsinn, von Natürlichkeit und Nächstenliebe. Das musikalische Miteinander hat hierbei einen besonderen ethischen Wert, der in unserem Alltag leider zu selten wahrgenommen und dessen positive Auswirkung auf das soziale Gefüge unserer Gesellschaft zu sehr verdrängt oder gar nicht erkannt wird. In Anbetracht dieser Situation besteht in jedem Fall Handlungsbedarf.

Die vorliegende Arbeit widmet sich der nunmehr bald zwei Jahrhunderte währenden Tradition der Männergesangvereine im deutschsprachigen Raum. Ein wesentliches Ziel meiner Arbeit liegt darin, den Stellenwert dieser Tradition sowohl aus musikalisch-ästhetischer, als auch aus gesellschaftlicher Sicht zu verdeutlichen und das gegenwärtige Interesse daran zu vermehren. Aus verschiedenen Blickwinkeln sollen soziale Besonderheiten und musikalische Eigenschaften beleuchtet werden, um realisierbare Ideen und Möglichkeiten aufzuwerfen, dem bereits vor mehreren Jahren begonnenen Prozess des Aussterbens der Männergesangvereine entgegen zu wirken und sie wieder ins Licht des allgemeinen Musiklebens zu rücken.

Erster Teil

Geschichtliche Hintergründe

Entstehung der Männergesangvereine

Der älteste noch aktive Männergesangverein Deutschlands ist der "Bergische Männergesangverein Solingen 1801 e. V." und damit auch einer der ersten. Mit dem Jahr seiner Gründung einhergehend blüht die Tradition der Männergesangvereine auf, die auch heute noch besteht und - soweit möglich - aufrecht erhalten wird.

Im Jahre 1801 war Kaiser Franz Il.[3] noch Herrscher des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation[4]. Jemanden für das Stehlen eines Brotes zum Tode zu verurteilen, war in dieser Zeit durchaus legitim. Da es natürlich keine Zeitzeugen mehr gibt, erscheint es umso schwieriger, sich in das Leben dieser Zeit hinein zu versetzen. Eine Zeit, in der man der festen Überzeugung war, man könnte die schlimmsten Krankheiten bekommen, wenn man sich nur mit Wasser wüsche. Eine Zeit, die vom Adel ebenso gelobt wie von den Armen gehasst wurde. Bildung bekam nur, wer die finanziellen Mittel hatte.

Die Bestimmung des einfachen Volkes war das Tagwerk, die lebenslange harte Arbeit, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde, mit dem einzigen Zweck, den hohen Lebensstandard des Adels abzusichern. Nicht umsonst kam es in den folgenden Jahrzehnten vermehrt zu Unmut und Aufständen seitens des Volkes. Neben dem Adel einerseits und dem Arbeitervolk andererseits gab es auch noch die Studenten, die sich in Gesetzes-, Geistes- und Naturwissenschaften ertüchtigten und deren Wissensdurst und Drang nach Neuem für die Entstehung der Männergesangvereine nicht unerheblich war.

Während sich die Männer zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch sehr vereinzelt zum gemeinsamen Gesang verbündeten, nahm die Zahl der Männerchöre im gesamten Deutschen Reich zwischen 1820 und [1900] rapide zu. Es wurden Liedersammlungen zusammengestellt und herausgegeben, zunächst nur von und für die Studentenschaft der jeweiligen Universitäten, nach und nach jedoch auch für die nicht studentischen Gesangsvereinigungen. An dieser Stelle sei beispielsweise das Allgemeine Deutsche Kommersbuch[5] genannt, das über Jahrzehnte in immer größeren Auflagen herausgegeben wurde und sich von Anfang an großer Beliebtheit unter der Sängerschaft erfreute. Zur Zeit der Jahrhundertwende war der Schatz an Volks- und Kunstliedern so immens, dass es sich viele Menschen zur Aufgabe machten, dieses Liedgut durchzusehen und zu katalogisieren. Damit haben sie der Entwicklung der Männerchöre und deren Repertoire einen sehr großen Dienst erwiesen.

Der romantische Volksgeist

Ab Mitte des 18. Jahrhunderts zeichnete sich sowohl in der Kunst als auch in der Literatur eine neue Richtung ab. Die Zeit der Aufklärung begann und immer mehr junge Schriftsteller suchten in ihren Werken nach der Vollkommenheit des Menschseins. Den Vorbildern der Antike, die bisher im Mittelpunkt des kulturellen Interesses standen, wurde nach und nach der Rücken gekehrt. Tatsächlich suchte man nun immer öfter Themen, die sich mit der Natur, mit Märchen und Sagen des Mittelalters oder dem eigenen unmittelbaren Umfeld befassten. In den verschiedensten Bereichen der Kunst versuchte man, sein Innerstes nach außen zu kehren, seine tiefsten Sehnsüchte und Wünsche auszudrücken. Dieser neue Zeitgeist schlug sich rasch auf das ganze Volk nieder. Es erwuchs der Wunsch nach Einheit und Brüderlichkeit und auf der Suche nach diesem Volksgeist, der ganz neu entdeckt werden wollte, wurden diese Wunschvorstellungen in zahlreichen Gedichten niedergeschrieben, die andere dann wiederum in ihren Liedern vertonten. Damit schufen viele der teils nicht sehr bekannten Komponisten einen Großteil des immer noch gepflegten Liederschatzes Deutscher Männergesangvereine.

Namensgebung der Vereine

Männergesangvereine haben, genau wie Sport- und andere Vereine auch, einen Namen zu dem Zweck, den Verein und seine Sparte zu repräsentieren. Darüber hinaus kann der Name auch Auskunft über die regionale Lage des Vereins geben. Heutzutage kann man also am Namen eines Gesangvereines oft erkennen, wo er herkommt, wann er ungefähr gegründet wurde und welcher Sangesliteratur er sich hauptsächlich widmet. An dieser Stelle seien ein paar Beispiele aufgeführt, die in der deutschsprachigen Männerchorlandschaft am häufigsten anzutreffen sind:

"Concordia"

Dieser Name kommt aus dem Lateinischen und bedeutet ins Deutsche übersetzt Eintracht oder Harmonie. Während des Nationalsozialismus mussten viele Vereine ihre lateinischen Namen vorübergehend ablegen. Wie der Name ebenfalls sagt, legten die Vereinsgründer großen Wert auf Herzlichkeit im Kreise der Sangesbrüder.

"Polyhymnia"

Der Name entstammt der griechischen Mythologie. Polyhymnia war Tochter des Zeus[6] und eine der neun Musen. Ins Deutsche übersetzt bedeutet der Name soviel wie Die Hymnenreiche. Vereine, die diesen Namen tragen, sind in der Regel aus studentischen Bewegungen hervorgegangen und widmen sich überwiegend der hohen Kunst des mehrstimmigen Chorgesanges.

"Frohsinn"

Diesen Namen tragen häufig Vereine, die in schweren Zeiten gegründet wurden. Er soll von Alltagsproblemen ablenken und als Hoffnungsträger für bessere Zeiten verstanden werden. Zudem sind Fröhlichkeit und Freundschaft wichtige Eckpfeiler des Vereins.

"Liedertafel"

Dies ist einer der häufigsten Vereinsnamen. Im Gegensatz zu den oben genannten verwenden auch gemischte Chöre[7] oftmals diesen Namen. Der Namensteil "Tafel" ist der Sage um König Artus und die Titter der Tafelrunde entnommen. Unter dem Ideal, auch im Chor einem gewissen Ehrencodex folgezuleisten und damit eine der Sage entliehene Haltung und Disziplin zu pflegen, gründete Carl Friedrich Zelter[8] 1809 die Berliner Liedertafel, und damit den ersten deutschen Männerchor, der diesen Namen trug. Eine Variante des Namens lautet Tiederkran^ und ist im Gegensatz zur Liedertafel nur noch vereinzelt anzutreffen.

Seltenere Namen sind etwa "Vogelsang", "Zu Vögleins Freude" oder "Loreley[9] ". Der letztgenannte weist in der Regel auf Männerchöre hin, die sich sowohl am Rhein, als auch an anderen Flüssen niedergelassen haben. Manche Chöre taten sich auch unter dem Vereinsnamen Krholung zusammen, weil sie die beruhigende Wirkung des Singens für sich entdeckten und darin im wahrsten Sinne des Wortes Erholung fanden. Es darf nicht außer Acht gelassen werden, dass die Vereine in ihrem Namen auch den Ort anführen, welchem sie angehören, gefolgt vom Gründungsjahr. Folgendes Beispiel zeigt zwei typische Namensvarianten von Männerchören, die heute noch unter meiner Leitung aktiv sind. Im Gegensatz zum ersten Chor trägt der zweite keinen Zusatz im Sinne der oben angeführten Namen, was verschiedene Gründe haben konnte. Entweder baute man auf die schlichtere Variante, oder man fand zu jener Zeit keinen passenden Namenszusatz.

MGV[10] "Concordia" Estorf 1902 e. V.[11]

MGV Selsingen 1877 e. V

Gesellschaftlicher Hintergrund

Männergesangvereine sind eingetragene Vereine und gelten bisweilen als feste Größe im kulturellen Leben ihrer Gemeinde. Zwar zählt der Sportverein in der Regel mehr Mitglieder und wird heutzutage weit mehr frequentiert, doch der MGV ist bei zahlreichen Aktivitäten seiner Gemeinde oder Stadt ebenfalls regelmäßig zugegen. Hier kann es sich beispielsweise um besondere Anlässe handeln: Volksfeste, Jubiläen, Neujahrsempfänge und natürlich eigene Veranstaltungen in Form von Konzerten und Sängerbällen[12]. Darüber hinaus handelt es sich bei Männerchören auch um gemeinnützige Vereine, die sich auch an Wohltätigkeitsaktionen beteiligen, entweder durch eine direkte Spende oder durch Benefiz-Auftritte, deren ersungene Gelder dann für einen guten Zweck eingesetzt werden.

Das Vereinsleben

Um einen Männergesangverein zu gründen und ihn auch als offiziellen Verein eintragen zu lassen, bedarf es mehrerer unumgänglicher Schritte. Es beginnt im Normalfall mit einer handvoll sangesbeflissener Herren, die hoch motiviert sind und bestenfalls auch bei organisatorischen Dingen wissen, was zu tun ist. Damit also diese Zusammenkunft auch zum Verein werden kann, muss es einen Vorstand geben, der sich in der Regel aus einem Vorsitzenden und seinem Stellvertreter, einem Kassenwart und zwei Rechnungsprüfern, einem Schriftführer und dessen Stellvertreter, sowie einem Notenwart und dem sogenannten Liedausschuss besteht. Der Chorleiter[13] hingegen hat eine gesonderte Position und gehört in diesem Sinne nicht zum Verein, sondern wird von diesem auf Honorar-Basis beschäftigt. Aufgrund seiner neutralen Stellung hat er auch bei vereinsinternen Wahlen im Rahmen der jährlichen Hauptversammlungen kein Stimmrecht und zahlt natürlich auch keinen Mitgliedsbeitrag. Dadurch erklärt es sich von selbst, dass er über seine Tätigkeit als Chorleiter hinaus keine weiteren Ämter innerhalb des Vereins bekleiden kann. Ferner muss es eine Vereinssatzung geben, aus der die Art des Vereins und dessen Intention hervorgehen. Letztendlich bedarf es notarieller Beglaubigung, um als eingetragener Verein in Kraft treten zu können. Wer nun einem Männergesangverein beitritt, lässt sich auf zahlreiche Dinge ein, die auf ihn zukommen können. Freude am Gesang, nette Gesellschaft und starkes Gruppengefühl sind nur drei von vielen Attributen, die ein Männerchor mit sich bringt. Neben wöchentlichen Chorproben, die meist im erwählten Vereinslokal stattfinden, wo sich die Sänger ihr Liedgut erarbeiten und zusätzlich Stimmbildung erhalten, spielen die Pausen in den Proben eine tragende Rolle, sowohl für den zwischenmenschlichen Austausch unter den Sängern, als auch für den Getränke - Umsatz des Lokals.

Zweiter Teil
Repertoire und Singliteratur

Einleitung

Das höchste Ziel eines Männergesangvereins ist es, sich im mehrstimmigen Gesang zu ertüchtigen und sein erarbeitetes Liedgut regelmäßig vor einem Publikum zu präsentieren. Dabei achten die Männerchöre heutzutage sehr genau darauf, welche Lieder sie in ihr Stammrepertoire aufnehmen möchten. Es bestehen keine Zweifel, dass in rund hundert Jahren aktiver Vereinstätigkeit die Zahl an Liedern sehr ansteigen kann. Dem jeweiligen Zeitgeist entsprechend, können verschiedene Arten von Liedern den Hauptanteil ausmachen: Zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert bestand das Repertoire überwiegend aus Volksliedern, die sich untereinander noch aufteilen ließen in Wanderlieder, Arbeitslieder und Kriegslieder. Zwischen dem späten 20. und 21. Jahrhundert hingegen gibt es immer mehr Schlager und Evergreens, die einerseits dem Musikgeschmack der 50er bis 70er Jahre entsprachen und andererseits auch jüngeres Publikum ansprechen sollten.

Einen ebenfalls festen Platz im Liedgut bekamen Kunstlieder, die von bekannten und weniger bekannten Komponisten der Romantik vertont wurden. Hier trifft man oft auf mehrstimmige Lieder, die ursprünglich für eine Solostimme und Klavier geschrieben wurden, wie beispielsweise das Lied "Der Lindenbaum[14] ", das aufgrund seiner allgemeinen Beliebtheit großen Anklang bei den Chören fand. Genauso häufig finden sich Lieder, die speziell für Männerchor komponiert wurden, oder in welchen dem Männerchor eine tragende Rolle zuteil wird. Hier sei - ebenfalls von Schubert - das "Ständchen[15] " angeführt, das jedoch nicht mit dem gleichnamigen Lied aus dem "Schwanengesang[16] " zu verwechseln ist. Die immer größer werdende Fülle an Liedern verlangte bald nach einer thematischen Sortierung in Form von gebundenen Liedersammlungen.

Nachfolgend soll auf zwei große Standardwerke eingegangen werden, die zwar viele Gemeinsamkeiten teilen, sich jedoch in einem für die Chorarbeit wesentlichen Punkt unterscheiden. Während die eine Sammlung einen wahrhaft großen Schatz an Liedern beinhaltet, die ein- bis zweistimmig notiert sind, was speziell einem Chor mit vierstimmigem Anspruch auf den ersten Blick nicht viel nützen mag, wartet die andere große Sammlung mit ausschließlich vierstimmigen Sätzen auf.

Das Allgemeine Deutsche Kommersbuch

Die Entstehungsgeschichte des ’Allgemeinen Deutschen Kommersbuches’ begann im Frühjahr 1843 in Bonn mit der Gründung der Bonner Fridericia, einer der ältesten ortsansässigen Burschenschaften[17], für deren studentische Mitglieder zunächst ein Kleinoktavband ’Deutsche Lieder’ herausgegeben wurde. Dieser verbreitete sich schnell und fand binnen kurzer Zeit auch in anderen Universitäten großen Anklang. In diesem akademischen Liederbüchlein waren erstmals auch Dichter wie "Wilhelm Müller, Emanuel Geibel, Herwegh, Kopisch [...]" aufgenommen worden (wie dem Vorwort zur 127. Auflage des Kommersbuches von 1928 zu entnehmen ist).

Unter diesen Liedern befand sich auch das damals noch kaum bekannte "Lied der Deutschen" von Hoffmann von Fallersleben[18], dessen Melodie von Joseph Haydn stammt und erstmals 1797 in dessen Kaiserhymne "Gott erhalte Franz, den Kaiser" zu Gehör kam.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abb. 1) Titelblattdes '.Allgemeinen 'Deutschen Kommersbuches' von 1857[19]

In den Folgejahren fanden so viele neue Lieder Einzug in dieses Werk, dass es im Jahre 1857 von Friedrich Silcher[20] und Friedrich Erk[21] mit sorgfältig kritischem Blick überarbeitet und fortan als 'Allgemeines Deutsches Kommersbuch' in großen Auflagen vom 'Verlag Moritz Schauenburg' herausgegeben wurde. Seinen immensen Schatz an über 800 Liedern ordneten die Redakteure nach Themen und wiesen sie folgenden Sparten zu (die Nummerierung der Lieder steht in Klammern dahinter):

1. Vaterlands- und Heimatlieder[22] (1 - 151)
2. Festgesänge und Gesellschaftslieder (152 - 243)
3. Jugend und Erinnerung (244 - 341)
4. Liebe, Wein und Wandern (342 - 442)
5. Kneipe (443 - 501)
6. Volkslieder (502 - 631)
7. Allerhand Humor (632 - 803)

Während dieser Schatz an Liedern im 19. Jahrhundert zwar sehr aktuell war und zudem große Zustimmung bei den Gesangvereinen fand, so sind doch heute die meisten dieser Lieder in Vergessenheit geraten. Tatsächlich haben sich nur die wenigsten von ihnen ihren Platz im Repertoire der Männerchöre bis heute erhalten können. Der triftigste Grund hierfür war die Zeit des Nationalsozialismus. Es finden sich im Kommersbuch so viele Lieder, die das Deutsche Land loben und verherrlichen. Dies geschah jedoch aus Beweggründen heraus, die gänzlich nichts mit den Idealen des Nationalsozialismus gemein hatten.

Natürlich ist es in unseren Tagen allzu verständlich, dass Lobeshymnen auf das Deutsche Land mit einem Gefühl von Bedrückung und Scham empfunden werden, nachdem während des Dritten Reiches so viele dieser Lieder und Schriften für die propagandistischen Zwecke des Regimes missgedeutet wurden. Im Jahre 1841 verfasste Hoffmann von Fallersleben den Text des 'Deutschlandliedes[23] ' aus dem Wunsch nach einem vereinten Deutschen Volk ohne Klein- und Vielstaaterei.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abk 2) Zeichnung aus dem Kommersbuch

[...]


[1] J. G. Seume (1763 - 1810), deutsch-kursächsischer Dichter und Reiseschriftsteller; lebte sehr asketisch und setzte sich verstärkt für Menschen- und Freiheitsrechte ein.

[2] Utopie; griechisch обтояСа [utopía], wörtl. "Nicht-Örtlichkeit", steht für die nicht oder noch nicht realisierbare Wunschvorstellung, einen Ist-Zustand positiv zu verändern. Utopie steht aber auch für die Überwindung unumgänglicher Naturgesetze, beispielsweise das für Menschen unmögliche Atmen unter Wasser.

[3] Franz II. Joseph Karl (1768 - 1835), habsburgisches Geschlecht; letzter Kaiser des HRR (1792 - 1806), Kaiser von Österreich (1804 - 1835), König von Böhmen, Kroatien und Ungarn (1792 - 1835).

[4] Heiliges Römischen Reich (Imperium Sacrum Romanum), eines der größten Reiche in der Geschichte, entstand mit der Kaiserkrönung Ottos I. (962 n. Ch.) und fiel mit der Niederlegung der Kaiserkrone durch Franz II. (1806 n. Ch.).

[5] Allg. Deutsches Kommersbuch; weitverbreitetes Standardwerk des Deutschen Liedes im 19. Jahrhundert, ab 1857 von Friedrich Erk und Friedrich Silcher herausgegeben (siehe Abb. 1, Seite 7).

[6] Zeus; ein Gott aus der griechischen Mythologie; er gilt als der mächtigste der griechischen Götter und gleichsam als Göttervater. Seine Wohnstätte liegt auf dem Olymp.

[7] Gemischte Chöre setzen sich aus Damen und Herren zusammen. Die Stimmaufteilung lautet daher wie folgt: Sopran - Alt - Tenor - Bass (zwei Frauen- und zwei Männerstimmfächer).

[8] Carl Friedrich Zelter (1758 bis 1832); war deutscher Musikpädagoge, Professor, Dirigent und Komponist. Er gilt bzgl. Chor- und Vokalmusik als einer der einflussreichsten Komponisten seinerzeit und als Förderer der Männergesangvereine.

[9] Loreley; hier sowohl Name eines 125 m hohen Schieferfelsens im oberen Mittelrheintal, als auch Name der berühmten Nixe, die der Sage zufolge auf diesem Felsen saß und mit ihrem Gesang und ihrer schönen Gestalt Schiffer anlockte, deren Schiffe dann aufgrund ihrer Unachtsamkeit und der starken Strömung am Felsen zerschellten.

[10] MGV; allg. Abkürzung für "Männergesangverein

[11] e. V - eingetragener Verein

[12] Sängerball; einmal jährlich laden viele Männergesangvereine zu dieser festlichen Veranstaltung ein, wo in Form von Bingo- und Lottospielen Erlöse für die Vereinskasse angestrebt werden. Noch bis vor 10 Jahren gab es auch Live-Musik zum Tanzen, doch das können sich die Vereine aufgrund ihrer heutigen Situation kaum noch leisten.

[13] Chorleiter/in; trägt die musikalische Verantwortung für den Chor und führt als dessen Dirigent/ in neben den Auftritten auch die Proben durch.

[14] Der Lindenbaum; allgemein eher bekannt unter dem Titel "Am Brunnen vor dem Tore ", ist das fünfte Lied aus Franz Schuberts bekanntem Liederzyklus "Winterreise", dessen Texte von Wilhelm Müller stammen.

[15] Ständchen; auch bekannt unter dem Titel "Zögernd leise" (Op. 135 von Franz Schubert) ist eine Serenade für eine Solostimme und vierstimmigen Männerchor. Es gibt ebenfalls Fassungen mit gemischtem oder Frauen- bzw- Knabenchor.

[16] Schwanengesang; Schuberts letzter Liederzyklus, dem im Gegensatz zur "Schönen Müllerin" und der "Winterreise" mehrere Textdichter zugrunde liegen (Ludwig Rellstab, Heinrich Heine und Johann Gabriel Seidl).

[17] Burschenschaft; ist der traditionelle Begriff für eine Studentenvereinigung.

[18] August Heinrich Hoffmann (1798 -1874), bekannt als Hoffmann von Fallersleben, war deutscher Dichter, Germanist und Autor, der wegen seiner nationalen liberalen Auffassung vielfach von der Justiz verfolgt wurde. Von ihm stammt der Text zum 'Lied der Deutschen', das seit 1922 offizielle Nationalhymne Deutschlands ist.

[19] das Titelblatt wurde 1857 von Caspar Scheuren entworfen.

[20] Friedrich Silcher (1798 -1860); deutscher Komponist und Musikpädagoge, der heute hauptsächlich für seine Lieder bekannt ist. Er zählt zu den einflussreichsten Personen in Bezug auf die Entwicklung der Männergesangvereine im deutschsprachigen Raum.

[21] Friedrich Erk (1809 -1878); deutscher Komponist und Mitherausgeber des 'Allgemeinen Deutschen Kommersbuches' von 1857. Heute leider kaum noch bekannt.

[22] siehe Abb. 2

[23] Deutschlandlied; auch ’Lied der Deutschen’ oder ’Lied aller Deutschen’ genannt (siehe Seite 8 bzw. Fußnote 18).

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Männerchor - Eine Tradition mit Zukunft?
Hochschule
Hochschule für Musik und Theater Hamburg
Veranstaltung
Diplom-Musikpädagogik
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
37
Katalognummer
V182139
ISBN (eBook)
9783656055358
ISBN (Buch)
9783656055570
Dateigröße
3778 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In der Hoffnung, auch gestandenen und angehenden Chorleitern und Choristen neue Wege aufzuzeigen, wünsche ich allen Interessierten viel Freude beim Lesen dieser Arbeit!
Schlagworte
männerchor, eine, tradition, zukunft
Arbeit zitieren
Piet Zorn (Autor:in), 2011, Männerchor - Eine Tradition mit Zukunft?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182139

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Titel: Männerchor - Eine Tradition mit Zukunft?



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