Der Erste Weltkrieg war in der geschichtswissenschaftlichen Forschung und in der Erinnerung der Deutschen bis in die 1960er eher im Hintergrund zu verorten. Ein Blick in die am Krieg beteiligten europäischen Nachbarländer belegt jedoch, dass dort der Erste Weltkrieg stets präsent war und ist.
In der Forschung herrscht Einigkeit darüber, dass der Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 eine einschneidende Zäsur in der Geschichte darstellt. Die Kampfhandlungen forderten viele Tote, Verwundete und Vermisste. Die Gesamtzahl an Toten infolge des Kriegs beläuft sich auf etwa neun Millionen. Nicht ohne Grund spricht George Kennan 1979 von der „great seminal catastrophy of this century“, der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ .
Daher drängt es sich auf, die Erinnerungen in der Weimarer Republik im Anschluss an diesen „industrialisierten Krieg“ näher zu untersuchen. Dazu bedarf es einer näheren Erläuterung von Erinnerungen. Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Astrid Erll hat in ihrer Dissertation über Gedächtnisromane ein Modell zu kollektivem Gedächtnis und Erinnerungskulturen entworfen. Sie bezieht das kollektive Gedächtnis auf Kulturphänomene und bezeichnet es als ein „‚Vorrat‘ oder ‚Speicher‘“ an Informationen. Dies sei „ein prinzipiell offenes und veränderliches Gewebe mentaler, materialer und sozialer Phänomene der Kultur“ und nur durch „Akte kollektiver Erinnerung“ beobachtbar. Erinnerung ist nach Erll eine Aktivierung der Informationen aus dem Vorrat bzw. Speicher an Informationen, also dem Gedächtnis. Die Akte kollektiver Erinnerung können nur durch mediale Instrumente von mehreren Menschen getätigt und gelesen werden, sind aber genauso vom individuellen Gedächtnis als „Ausgangspunkte“ abhängig. Erinnerungskulturen sind die „Ausprägungen von kollektivem Gedächtnis“ . Sie machen kollektives Gedächtnis erst sichtbar und analysierfähig.
Ziel dieser Arbeit ist es, einen Bericht zu liefern, wie diese Erinnerungen in der wissenschaftlichen Forschung behandelt werden, welche Aspekte und Fragen diskutiert wurden und werden und welche neuen Perspektiven und Ansätze entstanden.
Im ersten Kapitel beleuchte ich die Anfänge der Forschung von 1950 bis in die 1980er Jahre, im zweiten Kapitel von den 1980er bis heute, da diese Jahre einen Zäsurcharakter haben.
Am Ende erfolgen ein Fazit, das die zentralen Ergebnisse zusammenfasst, sowie ein Ausblick, der mögliche Forschungsperspektiven für künftige Studien betrachtet.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die Anfänge der Erinnerungsforschung: Die 1950er bis 1980er Jahre
1.1 Ausgangslage im Nachkriegsdeutschland 1918
1.2 Anfänge der Erinnerungsforschung von 1950 bis 1980
2. Die Erinnerungsforschung 1980 bis heute
2.1 Die 1980er Jahre
2.2 Die 1990er Jahre
2.3 Die 2000er Jahre bis heute
3. Fazit / Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit liefert einen Forschungsbericht zur Entwicklung der Erinnerungskultur an den Ersten Weltkrieg. Ziel ist es, chronologisch aufzuzeigen, wie die wissenschaftliche Forschung dieses Thema behandelte, welche Aspekte diskutiert wurden und welche neuen theoretischen Ansätze sowie Perspektiven im Zeitverlauf entstanden sind.
- Entwicklung der Erinnerungsforschung von den 1950er Jahren bis zur Gegenwart.
- Untersuchung der politischen Instrumentalisierung von Kriegserinnerungen.
- Rolle der Alltags-, Mentalitäts- und Geschlechtergeschichte (Gender Turn).
- Einfluss des Cultural Turn auf die Pluralisierung der Forschungslandschaft.
- Transnationaler Vergleich der Erinnerungskulturen in Deutschland, Großbritannien und Frankreich.
Auszug aus dem Buch
1.2 Anfänge der Erinnerungsforschung von 1950 bis 1980
Vor dem in 1.1 geschilderten Hintergrund scheint es wenig verwunderlich, dass die Erinnerungen bzw. der Erste Weltkrieg als solcher in den ersten beiden Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg kaum Beachtung fand. Historiker der 1950er Jahre waren der Ansicht, dieses Thema bedürfe keines weiteren Aufwandes. Ausländische Studien, beispielsweise die von Luigi Albertini über die Ursprünge des Ersten Weltkriegs, fanden in Deutschland wenig Aufmerksamkeit. Dies ist nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass Deutschland sich 1951 mit Frankreich darin übereinkam, dass kein europäischer Staat den Krieg gewollt habe und die schwierige „militärisch-politische Zwangslage“ zu berücksichtigen sei. Bis in die 1960er Jahre blieb der Erste Weltkrieg im Hintergrund der Forschungen.
Mit dem Hamburger Historiker Fritz Fischer und seinem 1961 erschienenen Werk Griff nach der Weltmacht wurde der erste sogenannte Historikerstreit ausgelöst; verkörpert in der sogenannten Fischer-Kontroverse. In seiner Arbeit versucht Fischer eine Kontinuitätslinie zwischen dem expansionistischen Kaiserreich in seiner Spätphase und dem Nationalsozialismus herzustellen. Außerdem nimmt er die Kriegsschuldfrage erneut auf und kommt zu dem Ergebnis, dass das Deutsche Reich und seine Verantwortlichen den Krieg 1914 absichtlich auslösten und damit Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs gehabt hätten. Die sich im Zuge dessen aufbauenden Kontroversen bestimmten die Forschungslandschaft in den 1960er Jahren. Im Mittelpunkt stand nun nicht mehr die alleinige Debatte um die Kriegsschuld, sondern die Weltkriegsforschung wurde durch wirtschafts- und sozialgeschichtliche Untersuchungen erweitert.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung hinterfragt die Bedeutung der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg und begründet die Relevanz des Themas in der geschichtswissenschaftlichen Forschung.
1. Die Anfänge der Erinnerungsforschung: Die 1950er bis 1980er Jahre: Dieses Kapitel analysiert die Ausgangslage nach 1918 und die Vernachlässigung des Themas in der Forschung bis in die 1960er Jahre, gefolgt von der Debatte um die Fischer-Kontroverse.
2. Die Erinnerungsforschung 1980 bis heute: Dieser Teil behandelt die Hinwendung zur Alltags- und Mentalitätsgeschichte ab den 1980er Jahren sowie die kulturwissenschaftliche Ausdifferenzierung durch den Cultural Turn und geschlechtergeschichtliche Ansätze.
3. Fazit / Ausblick: Das Fazit fasst die wesentlichen Forschungstendenzen zusammen und zeigt auf, dass die Erinnerungskultur in Großbritannien und Frankreich ausgeprägter ist als in Deutschland, während für Osteuropa weitere Untersuchungen notwendig sind.
Schlüsselwörter
Erster Weltkrieg, Erinnerungskultur, Gedächtnisforschung, Kriegserlebnis, Fischer-Kontroverse, Alltagsgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Cultural Turn, Geschlechtergeschichte, Nationalismus, Veteranenverbände, Trauerbewältigung, Kriegsschuldfrage, Erinnerungsorte, Kriegsliteratur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet einen Überblick über die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg und deren Wandlungsprozesse über die Jahrzehnte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Entwicklung der Forschungsansätze, die politische Funktionalisierung von Denkmälern und Literatur sowie der Wandel vom nationalen zum kulturwissenschaftlichen Blickwinkel.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich die Erinnerungsforschung verändert hat, welche Fragen in verschiedenen Epochen im Vordergrund standen und welche methodischen Ansätze dabei genutzt wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um einen historiographischen Forschungsbericht, der ausgewählte Fachliteratur und Studien chronologisch analysiert und miteinander in Bezug setzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in zwei chronologische Phasen: Die Zeit von 1950 bis 1980, geprägt durch die Fischer-Kontroverse, und die Zeit von 1980 bis heute, die durch kulturwissenschaftliche Ansätze und den Cultural Turn bestimmt ist.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Erinnerungskultur, Kriegserlebnis, Cultural Turn, Kriegsschuldfrage und transnationale Erinnerungsforschung charakterisiert.
Welche Bedeutung kommt der "Fischer-Kontroverse" in diesem Kontext zu?
Die Fischer-Kontroverse markiert den Wendepunkt der wissenschaftlichen Auseinandersetzung in Deutschland, da sie die Debatte um die Kriegsschuld in den Mittelpunkt rückte und die Forschung hin zu einer breiteren sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Betrachtung öffnete.
Warum unterscheidet sich die Erinnerung in Osteuropa laut der Arbeit?
Die Forschung zeigt, dass osteuropäische Staaten aufgrund ihrer Vielvölkerstruktur und der Überlagerung durch nachfolgende Kriege und Bürgerkriege keine einheitliche Erinnerungskultur entwickelten und der Erste Weltkrieg dort oft ein „vergessener“ Krieg blieb.
- Citar trabajo
- B. A. Sören Lindner (Autor), 2011, Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182153