Neuere Erkenntnisse zur Gewaltforschung unter Einbeziehung der konkreten Reflexion des Artikels "Schule und Aggression" von Christian Büttner


Hausarbeit, 2002

23 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bilanz der empirischen Gewaltforschung
2.1. Forschungsansatz und Methodik
2.2. Empirische Befunde zum Ausmaß, Erscheinungsformen und Entwicklung der Gewalt an Schulen

3. Theoretische Erklärungsansätze
3.1. Klassische psychologische Ansätze
3.2. Klassische soziologische Ansätze
3.3. Neuere psychologische Erklärungsansätze
3.4. Neuere soziologische Ansätze
3.5. Neuere kriminalsoziologische Ansätze
3.6. Integrative Erklärungsansätze

4. Konkrete Ursachen von Gewalt und Präventionsansätze

5. Die Position von Christian Büttner

6. Literatur

1. Einleitung

„Gewalt in der Schule“ ist, glaubt man den Berichten der Presse, eine typische Erscheinung unserer Zeit. Einhellig ist die Meinung darüber, dass die Gewalt zugenommen hat. Die Schuld für dieses Phänomen wird abwechselnd den schlecht ausgebildeten Lehrern, den „unerzogenen“ Jugendlichen oder den verantwortungslosen Eltern zugeschoben. Wie immer bei komplexen Problemen wird der Versuch einer sachlich geführten Debatte durch den ungeduldigen Ruf nach schnellen Patentlösungen untergraben: Verschärfung des Waffengesetzes, mehr Autorität für die Lehrer, etc. Unabhängig von der Effektivität derartiger Maßnahmen ist es aber zunächst notwendig die Vermeidung von Gewalt als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu verstehen. Die Institution Schule ist keine abgeschlossene Welt für sich, sondern vielmehr ein Kulminations­punkt der Ansprüche der Eltern, der Kinder und der Lehrer, wobei letztere wiederum auch die Ansprüche des Staates repräsentieren. Schule steht allgemeinhin für den individuellen aber auch sozialen Wunsch nach einer besseren Welt, dem Streben nach einer positiven Entwicklung der Menschheit . Und sicherlich liegt es auch gerade daran, dass die jüngsten in Schulen pas­sierten Gewaltverbrechen so sehr schockieren, weil sie der Gesellschaft den namentlichen „Spiegel“ vorhalten, der augenscheinlich keinen akzeptablen Zustand abbildet.

Wo sind die Ursachen aber nun zu suchen bzw. welche Schwierigkeiten gibt es bei ihrer Erfas­sung? Und welche Konfliktlösungswege bieten sich an? Die Arbeit setzt sich im Folgenden mit den Aussagen des Artikels von Büttner (1993) auseinander, die vor dem Hintergrund eines kurzen Abrisses der aktuellen Forschung zum Thema reflektiert werden. Zur Darstellung letz­terer wird im wesentlichen auf die aktuelle und sehr gründlich durchgeführte Zusammenfassung von Schubarth (2000) zurückgegriffen.

2. Bilanz der empirischen Gewaltforschung

Bevor die Gründe für die an Schulen auftretende Gewalt untersucht werden können, müssen zwei Aspekte hinreichend geklärt werden. Zum einen gibt es die Frage, welche aktuelle For­men der Gewaltanwendung an der Schule überhaupt zu beobachten sind? Und zum anderen, ob sich das Gewaltpotential und dessen Umsetzung in den letzten Jahrzehnten verändert, d. h. vor allem tatsächlich zugenommen hat.

2.1. Forschungsansatz und Methodik

Die Zahl der zum Thema Gewalt in Schulen und allgemeiner Gewalt bei Jugendlichen angefer­tigten Untersuchungen ist beträchtlich. Schubarth (2000) nennt allein 91 (!) im Zeitraum von 1973-1999 durchgeführte empirische Studien. Auffällig dabei ist, dass die wenigsten aus den siebziger und achtziger Jahren stammen. Vielmehr wurden seit 1990 mehr als viermal so viele wie in den vorherigen Jahrzehnten verfasst. Schubarth (1999) begründet den in Relation zum real exitierenden Ausmaß der Gewalttätigkeit unverhältnismäßigen Anstieg hauptsächlich mit dem Einfluß der Medien: „Insofern war der Forschungsboom an Studien weniger auf den fachwissenschaftlichen Diskurs oder durch die Problemdefinition durch Sozialforscher zu­rückzuführen, sondern in erster Linie auf die Thematisierung, Dramatisierung und Skandali­sierung von Gewalt durch die Massenmedien und den dadurch indizierten öffentlichen Druck.“ Als weitere Gründe für das Interesse am Thema „Schule und Gewalt“ benennt Schubarth (2000) das Bestreben der Wissenschaftler die Forschungslücke (s.o.) zu schließen und die Alltagserfahrung von Lehrern, Erziehern und Eltern, dass die Gewalt unter Jugendli­chen im Vergleich zu früher zugenommen hat. Gerade für den letzten, empirisch schwer nach­weisbaren Aspekt konstatiert er jedoch, dass „(...) im Schul- und Erziehungsalltag wahrge­nommene ‚Gewaltproblem‘ (...) allerdings erst durch die Thematisierung in den Massenme­dien zu einem ‚besonderen sozialen Problem‘ (wurde)“ (Schubarth 1999). Drei Zielsetzun­gen lassen sich den Studien entnehmen: Das Ausmaß der Erscheinungsformen von Gewalt zu ermitteln, die Analyse der Ursachen der Gewalt und die Erarbeitung präventiver Maßnahmen. Schubarth (2000) weist allerdings eindringlich darauf hin, dass ein Großteil der Untersu­chungen eklatante Fehler im theoretischen Ansatz und der Methodik enthält (hierzu zählen: keine nachprüfbaren Hypothesen; keine Einbeziehungen bereits vorliegender Studien, wodurch keine Vergleichbarkeit gegeben ist; unsaubere statistische Verfahren; nur wenige multivariate Statistikanalysen; mangelnde theoretische Begründung des Zugangs), so dass nur wenige ihrem Anspruch an Objektivität und Repräsentativität gerecht werden.

2.2. Empirische Befunde zum Ausmaß, Erscheinungsformen und Entwick­lung der Gewalt an Schulen

Die in jüngerer Zeit durchgeführten Studien zeigen alle ein ähnliches Bild: Es gibt Gewalt an den Schulen, die sich, wie Scherer (1996, S. 122) bemerkt, als „facettenreiches Erschei­nungsbild schulischer Aggression und Konflikthaftigkeit“ darstellt. Die real zu beobachtende Gewalt sei aber in keiner Weise über einzubringen mit der sensationslüsternen, dramatischen Berichterstattung in den Medien. Die Autoren plädieren dafür weder eine Bagatellisierung noch Dramatisierung des Themas herbeiführen. Die Schwierigkeiten bei der Bewertung der Untersuchungsergebnisse sind leicht darzulegen. Zum einen, weil „Es keine objektiven Maß­stäbe dafür gibt, ab wann eine Gewaltsituation als ‚gravierend‘ oder ‚besorgniserregend‘ zu bezeichnen ist. Das kann höchstens im Vergleich zu etwas anderem, z. B. zu anderen Schulen, zu anderen Ländern oder zu unterschiedlichen Situationen im Zeitverlauf beurteilt werden.“ wie Schubarth (2000) feststellt. Und zum anderen, weil genau diese Vergleichsdaten nur in geringem Umfang vorhanden sind oder sich aufgrund mangelnder Standardisierung der Erhe­bungsmethoden kaum vergleichen lassen. Am ehesten lassen sich die bundesdeutschen Ergeb­nisse noch an Arbeiten aus dem Ausland (Amerika, Japan, Norwegen) messen, die in der Re­gel höhere Gewaltquoten nachgewiesen haben. Zieht man lediglich die subjektive Wahrneh­mungen von Lehrern, Schulleitern und Schülern heran, scheint die Gewalt tendenziell zuge­nommen zu haben wenn auch in geringem Maße. Eine objektiver Beleg steht hierfür allerdings aufgrund fehlender früherer Studien aus. Einhellig sind die Studien auch der Ansicht, dass die meisten Schüler nicht (potentiell) gewalttätig sind. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass es enge Wechselbeziehungen zwischen den Opfern und den Tätern zu scheinen gibt. So treten viele der Opfer zu einem anderen Zeitpunkt auch als Täter auf. Melzer & Rostampour (1995) nennen beispielsweise eine Zahl von ca. 66%. Weiterhin besteht Konsens darüber, dass das Geschlecht, die Schulform und die Alterstufe eine maßgebliche Rolle spielen. So neigen Jungen erwartungsgemäß eher zur Gewaltanwendung und billigen diese auch eher als probates Mittel zur Durchsetzung von Interessen als Mädchen. Von den Schulen sind ebenfalls nicht besonders verwunderlich die Förder/Sonderschulen und die Hauptschulen in besonderem Maße mit körperlich ausgetragenen Gewaltproblemen konfrontiert. An den Gymnasien treten solche Fälle eher selten auf, dafür wird hier verbal „gekämpft“. Die größte Gewaltbereitschaft liegt zudem in der Pubertätsphase (ca. 12-15 Jahre). Sowohl davor als auch danach ist eine deutlich geringere Gewaltquote zu beobachten.

3. Theoretische Erklärungsansätze

Zunächst soll eine Übersicht gegeben werden über die Erklärungsansätze, die vor allem die Psychologie und Soziologie anbieten.

3.1. Klassische psychologische Ansätze

Hierunter müssen zunächst die ursprünglich in der Verhaltensforschung (Konrad Lorenz) aber auch in ähnlicher Form bei Sigmund Freuds Psychoanalyse entwickelten „Triebtheorien“ er­wähnt werden. Beide Vertreter gehen davon aus, dass der Mensch von Trieben (nicht nur Ag­gressions- sondern auch Sozial-, Elterntrieb usw.) geprägt ist, die genetisch verankert sind und durch Erziehung lediglich positiv oder negativ modifiziert werden können. Aggressionen sind grundsätzlich vorhanden und gehören zum Verhaltensrepertoire des Menschen wie „positiver“ besetzte Gefühle wie z. B. Nächstenliebe. Sie können nicht „ausgeschaltet“ werden, sondern unterscheiden sich lediglich in ihrer sozial verträglicheren oder unverträglicheren Erschei­nungsform.

Die „Frustrationstheorie“ geht nicht davon aus, dass Aggressionen von vorneherein vorhan­den sind, sondern nimmt an, dass diese immer erst durch negative Erfahrungen mit der Umwelt geschürt werden. Da Schule in vielerlei Hinsicht ein Ort von frustrierenden Erlebnissen für die Schüler sein kann (schlechte Zensuren, Konflikte mit den Mitschülern, etc.), bietet die Theorie einen wichtigen Ansatzpunkt für einen besseren, nämlich „frustrationsarmen“ mitmenschlichem Umgang in der Schule.

Bei den „Lerntheorien“ steht die Vorstellung im Mittelpunkt, dass die Verhaltensweisen von Menschen aufgrund von erlernten Verhaltensschemata erfolgen. Aggressive Menschen haben demnach ihre gewaltträchtigen Handlungen erlernt, z. B. weil sie ihnen Vorteile wie Macht, Stärke verschafft haben. Die Lerntheorien betonen damit auch die Bedeutung der Gesellschaft als gewaltfördernder Sozialisationsfaktor.

Einen weiteren, weniger die Ursachen als vielmehr den Handlungsablauf von Aggressionen beschreibenden Ansatz bietet die „kognitive Motivationstheorie“. Sie unterscheidet verschie­dene Aggressionsprozesse, die differenzieren helfen lernen können bei akuten Gewaltproble­men.

Weniger situativ, sondern stets die gesamte Persönlichkeit umfassend sind erwartungsgemäß die „psychoanlaytisch orientierten Theorien“. Sie sehen in einer aggressiven Handlung eine Störung der „Ich-Struktur“, also eine fundamentale Ursache. „Die Kernthese, dass mangeln­des Selbstwerterleben zu Aggression und Gewalt führt, ist für eine entsprechende schulische Präventionsarbeit überaus produktiv. Sie führt zu einer Reihe von pädagogischen Handlungs­ansätzen, z. B. hinsichtlich der Gestaltung der Lehrer-Schüler-Beziehungen (...)“ (Schubarth 2000, S. 25).

Durch die modernen Forschungsmethoden und dem daraus folgernden besseren Verständnis der biologischen Grundlagen des Menschen haben in de letzten Jahren die „biologischen Er­klärungsmodelle“ (soziobiologisch, physiologisch) erneut an Einfluß gewonnen. Das es Zu­sammenhänge zwischen Prozessen im Körper bzw. aufgrund soziobiologischer Verhaltenswei­sen zwischen den Menschen und Aggressionen gibt ist unumstritten. Jedoch gibt es zur zeit keine befriedigenden Antwort auf den moralisch-ethische Diskurs, der sich an derartige Er­kenntnisse anschließt.[1]

3.2. Klassische soziologische Ansätze

Soziologische Ansätze suchen im Gegensatz zu den psychologischen die Ursachen für Gewalt nicht in den individuellen, sondern in den sozialen Bedingungen.

Einen wichtigen Erklärungsansatz bietet die „Anomietheorie“, die davon ausgeht, dass von der „Norm“ abweichendes Verhalten oder anders ausgedrückt „soziale Desintegration“ vor allem von dem sozialen Umfeld bestimmt wird. „Die Ursachen für Gewalt unter Schülern bzw. an Schulen sind demnach weniger beim Schüler selbst, sondern eher in seinen Lebensumstän­den, einschließlich den schulischen Bedingungen zu suchen“ (Schubarth 2000, S. 29). Ihre inhaltliche Nähe zu klassischen psychologischen Erklärungsansätzen liegt auf der Hand: „Der Verweis auf das Bestehen von sozialen Ungerechtigkeiten und auf daraus resultierende Fru­strationen, (...) macht die Anomietheorie anschlussfähig an die Frustrations-Aggressionstheo­rie und an psychoanalytische Theorien“ (Schubarth 2000, ebd.). Die Anomietheorie bildet die theoretische Grundlage für die Bekämpfung der „sozialen Ungerechtigkeit“ und die z. B. im Strafvollzug angewandte Methode der Reintegration von Gewaltverbrechern. Eine Form der sozialen Desintegration, nämlich die der Abgrenzung durch „Gang“-Bildung, beschreibt die „Subkulturtheorie“, die ihrem Wesen nach aber zu der Anomietheorie gerechnet werden kann.

Ebenso wie bei den klassisch psychologischen Ansätzen gibt es auch bei den soziologischen solche („Theorien des differentiellen Lernens“), die davon ausgehen, dass Aggression erlernt wird. Demnach ist wie bei der Anomietheorie das soziale Umfeld und hier besonders persönli­che Bezugspersonen verantwortlich für die Entstehung von Aggression. Durch das Durchbre­chen der eingeschleiften Handlungsmuster und Vorleben positiver Umgangsweisen können aggressionshemmende Verhaltensweisen erlernt werden (Stichwort: Mediation).

Ein weiterer Ansatz, die „Theorien des Labeling Approach“ konzentrieren sich auf die gesell­schaftlichen Etikettierungen von Personen, die aufgrund der sozialdeterminierten Normsetzung festgelegt werden. Diese Etikettierungen (wie z. B. „gewaltbereit“ oder „asozial“) können den Handlungsspielraum stark einschränken und zu sozialen Spannungen führen.

3.3. Neuere psychologische Erklärungsansätze

Hierzu zählt Schubarth (2000) drei Erklärungsansätze, die Aspekte der vormals genannten klassischen Theorien aufgreifen und weiterentwickeln oder spezifizieren. Von Bedeutung sind beispielsweise entwicklungspsychologische Konzepte wie sie Piaget (1954) oder Kohlberg (1976) aufgebaut haben. Sie beleuchten die Persönlichkeitsentwicklung insbesondere das Er­lernen von prosozialem moralischen Verhalten im Kindes- und Jugendalter und geben damit Aufschluss über den Zusammenhang von Identitätsbildung und soziokultureller Umgebung.

Eine andere Herangehensweise bietet Tedeschi (1983), der versucht die Motivkonstellationen die einer Gewalthandlung vorausgehen zu konkretisieren. Nach ihm ist aggressives Verhalten als Sonderfall der Entscheidungstheorie zu sehen.

Im dritten Ansatz wird die Rolle der Schule bei der Entwicklung eines stabilen Selbst aus psy­choanalytischer Sicht hinterfragt. Gewalt entsteht demnach als Folge gescheiterter schulischer Anerkennungsversuche. „Für die Gewaltprävention bedeutet dies, dass dem ‚Sozialen‘ inner­halb und im Umfeld der Schule weitaus größere Beachtung zu schenken ist. (...). Ins Blickfeld rücken insbesondere die Anerkennungsverhältnisse in der Schule.“ (Schubarth 2000).

3.4. Neuere soziologische Ansätze

Schubarth (2000) führt zwei Theorien an von denen diejenige, die „Gewalt als Folge von Modernisierung und Individualisierung“ ansieht, in der gegenwärtigen Diskussion eine der populärsten sein dürfte. Dieser z. B. bei heitmeyer et al. (1995) beschriebene Ansatz betont die Bedeutung der sozialen Wandlungsprozesse und der damit verbundenen möglichen Desin­tegration des Individuums als Ursache von Gewalt. Zu diesem Phänomen gehören Begriffe wie ‚Verlust traditioneller Sicherheiten‘, ‚Herauslösung aus den bisherigen Sozialstrukturen‘, ‚Auflösung des Wertekonsens‘, etc., die beispielsweise öfter im Zusammenhang mit der sozia­len Umstrukturierung der ehemaligen DDR und den dort auftretenden Gewaltverbrechen in der rechtsextremen Szene erwähnt werden[2].

Eine Weiterentwicklung des anomietheoretischen Ansatzes hin zum konkreten Schulbezug favorisiert Böhnisch (1993). Aufbauend auf der Annahme der Anomietheorie, dass Gewalt aufgrund der Diskrepanz zwischen der erlebten Sozialstruktur und den gesellschaftlichen Nor­men entsteht, erklärt sie, dass Gewalt an den Schulen „(...) als Anpassungsverhalten an die anomische Struktur der Schule zu verstehen sei.“ (Schubarth 2000). Für diesen seit Beste­hen der Institution Schule an sich immer schon vorhandenen Zustand sieht Böhnisch (1994) eine aktuell besondere Brisanz[3]: „(...) die gegenwärtig mehr denn je in ihren inneren Gegen­sätzlichkeiten aufbricht und von Schülern, Lehrern und Eltern individuell ausgehalten, aus­balanciert werden muss“.

3.5. Neuere kriminalsoziologische Ansätze

Schubarth (2000) schreibt den kriminalsoziologischen Herangehensweisen einen Perspekti­venwechsel zu: „Während bei den klassischen Theorien der Fokus auf der Tat und den Tätern lag, geht es bei den neueren Theorien vorwiegend um Prozesse der sozialen Kontrolle bzw. der sozialen Reaktionen.“

Dabei räumen zwei der drei genannten Theorien („handlungstheoretischer Ansatz“ nach Ha­ferkamp, „Konzept der Selbstkontrolle“ nach Gottfredson/Hirschi) dem Individuum einen weiten Handlungsspielraum ein. Haferkamp legt hierbei die Betonung stärker auf Gewalt als Reaktion auf soziale Ungerechtigkeiten, wobei „(...) deviante Handlungen (...) als spezifische Formen sozialen Handelns innerhalb eines Kontinuums, das sich von individuell abweichen­den Verhaltensweisen bis hin zur organisierten Kriminalität zieht, verstanden werden.“ (Schubarth 2000).

Demgegenüber heben Gottfredson und Hirschi die Verantwortung des Individuums hervor, indem sie die Ursache für Gewaltverhalten nach lern- und verhaltenstheoretischem Verständnis in mangelnder Selbstkontrolle der egoistischen Motive sehen. Diese kombiniert mit fehlender Akzeptanz gesellschaftlicher Normen und moralischer Werte führe zu einem erhöhtem Krimi­nalitätsrisiko.[4] Die Schule stellt im Sinne der Autoren eine wichtige Instanz dar, die für das Zusammenleben der Menschen notwendigen Normen zu erlernen und zu trainieren.[5]

Die „materialistisch-interaktionistische Kriminologie“ von Smaus sieht die Ursachen in den gesellschaftlich-ökonomischen Strukturen, die durch ihre hierarchischen und etikettierenden Mechanismen Gewalthandlungen Einzelner unumgänglich werden lassen. Der Schule kommt so eine besondere Bedeutung bei der Demokratisierung der Machtverhältnisse zu, eine gänzli­che Lösung des Problems kann aber auch nur über eine gesellschaftliche Neuordnung erreicht werden.

[...]


[1] Schubarth (2000, S. 26) ist hierbei allerdings nicht logisch stringent. Zunächst schreibt er: „Die Bewertung physiologischer Ansätze zur Erklärung von Aggression und Gewalt fällt nicht leicht, insbesondere dann nicht wenn man die Folgerungen bedenkt. Offenkundig ist, dass biologische Faktoren nicht ausgeblendet werden dürfen, was in der Forschungslandschaft hierzulande aufgrund der jüngeren deutschen Geschichte z. T. ge­schehen ist.“ Um dann zu der persönlichen Einschätzung überzuleiten: “Für die Entwicklung von pädagogi­schen Konzepten gegen Aggression und Gewalt sind biologische Ansätze kaum geeignet. (...) So können biolo­gische Theorien leicht zur Legitimation von Gewalt, für die Anwendung drastischer Strafen oder für die Be­gründung von Genmanipulationen herangezogen werden.“ Auch wenn gerade die zuletzt formulierte Sorge Schubarth’s zum Missbrauch nur berechtigt ist, ist nicht nachzuvollziehen, warum einerseits biologische Zusammenhänge existieren, diese andererseits aber keine pädagogische Bedeutung haben sollen. Eine Pädago­gik, die bewusst Erkenntnisse ausschließt – und sei es aufgrund der äußerst schwierigen moralisch-ethischen Auswirkungen dieser Erkenntnisse – kann dem Anspruch, das Wesen des Menschen zu begreifen, zu akzeptie­ren und positiv zu entwickeln von vorneherein nicht mehr gerecht werden.

[2] Schubarth (2000) schreibt hier einige interessante Sätze zur Attraktivität von Gewalt als Problemlöser: „Die Attraktivität von Gewalt ist u.a. darin begründet, dass sie in unklaren und unübersichtlichen Situationen Ein­deutigkeit schafft, dass sie (zumindest zeitweise) das Gefühl der Ohnmacht überwindet und Kontrolle wieder­herstellt, dass sie Fremdwahrnehmung garantiert, die mit anderen Mitteln nicht mehr herstellbar war, dass sie (zumindest kurzfristig) partielle Solidarität im Gruppenzusammenhang schafft und dass sie die Rückgewinnung von körperlicher Sinnlichkeit für Jugendliche aus spezifischen Milieus (auch als Gegenerfahrung zu defizitären rationalen und sprachlich vermittelten Kompetenzen) gewährleistet.“

[3] Inwieweit Böhnisch (1994a) diese Annahme in den soziokulturellen Kontext stellt ist Schubarth (2000) allerdings nicht zu entnehmen.

[4] Gottfredson und Hirschi (in Schubarth 2000) meinen in diesem Zusammenhang, dass insbesondere die Ablehnung von Schule (z. B. die schlechten Schulleistungen, Geringschätzung der Lehrer, etc.) ein Prognose­faktor für kriminelle Handlungen sei.

[5] Die sehr funktionale Beschreibung des Zusammenhangs zwischen Kriminalität und Selbstkontrolle und die Schwerpunktlegung auf die „Erziehung“ des normativen Bewußtseins sind verschiedentlich kritisiert worden. Böhnisch (1998) schlug eine Verknüpfung des Ansatzes mit der Theorie des Selbst vor, um so von einem Selbst kontroll konzept zu einem Selbst kontrollkonzept zu gelangen, d. h. die Entwicklung des Selbstwertes gegnüber der erzwungenen Anpassung zu betonen.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Neuere Erkenntnisse zur Gewaltforschung unter Einbeziehung der konkreten Reflexion des Artikels "Schule und Aggression" von Christian Büttner
Hochschule
Universität Bremen  (Fachbereich 12 (Erziehungs- und Bildungswissenschaften))
Veranstaltung
Erziehung und Gewalt
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
23
Katalognummer
V18217
ISBN (eBook)
9783638226097
ISBN (Buch)
9783638788281
Dateigröße
585 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es werden die Ansätze zur Erklärung von Gewaltentstehung vorgetragen und anschließend an einem konkreten Fall angewandt.
Schlagworte
Neuere, Erkenntnisse, Gewaltforschung, Einbeziehung, Reflexion, Artikels, Schule, Aggression, Christian, Büttner, Erziehung, Gewalt
Arbeit zitieren
Sandor Samu (Autor), 2002, Neuere Erkenntnisse zur Gewaltforschung unter Einbeziehung der konkreten Reflexion des Artikels "Schule und Aggression" von Christian Büttner, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18217

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