Neuorientierung oder Tradition? Tendenzen deutscher Geschichtswissenschaft in der frühen Nachkriegszeit der Bundesrepublik Deutschland


Hausarbeit, 2010

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die deutsche Geschichtswissenschaft nach 1945
2.1. Die nationale Orientierung in der Geschichtswissenschaft vor 1945
2.2. Geschichtswissenschaft zwischen Tradition und Revision
2.3. Inhalte und Methoden der Geschichtswissenschaft nach 1945

3. Zusammenfassung

4. Quellen- und Literaturverzeichnis
4.1. Quellenverzeichnis
4.2. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ziel dieser Hausarbeit soll es sein, die Geschichtswissenschaft der BRD der frühen Nachkriegsjahre auf Kontinuitäten und Veränderungen zu überprüfen. Ausgangspunkt hierfür ist die nach 1945 geforderte Neuorientierung innerhalb der Geschichtswissenschaft nach der „deutschen Katastrophe“. Im Kontext dieser Situation soll geklärt werden, welche Leitbilder die Historiker bisher geprägt hatten, wie der Nationalsozialismus eingeordnet wurde und inwieweit ein Neuanfang tatsächlich umgesetzt werden konnte.

Der erste Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der nationalen Orientierung in der Geschichtswissenschaft und ihren Auswirkungen. Der zweite Teil geht auf die historiographische Sicht auf die deutsche Geschichte und ihr Verhältnis zum Nationalsozialismus ein. Im dritten Teil wird schließlich der Umgang mit Inhalten und Methoden thematisiert.

Das Thema dieser Arbeit erfordert eine klare Eingrenzung, insbesondere im Hinblick auf die Primärliteratur. Friedrich Meinecke, Ludwig Dehio und Gerhard Ritter stehen als Historiker exemplarisch für die traditionelle Geschichtswissenschaft nach 1945, darum sollen auch ihre Überlegungen als relevante Quellen im Mittelpunkt stehen. Weiterhin wird ausschließlich die „traditionelle“ Geschichtswissenschaft wie sie nach 1945 unter anderem von Meinecke vertreten wird, betrachtet. Auf andere ebenso wichtige wie umfangreiche Entwicklungen der deutschen Historiographie wie unter anderem der Sozialgeschichte oder der Geschichtswissenschaft in SBZ und DDR kann und soll an dieser Stelle nicht eingegangen werden, da dies dem vorgegebenen Rahmen nicht gerecht werden würde.

Eine wichtige Grundlage dieser Arbeit bilden die Monographie von Sebastian Conrad und der Aufsatz von Bernd Faulenbach, da beide vielschichtige Gedanken und Informationen zur Situation und Neuorientierung der Geschichtswissenschaft in der BRD nach dem Einschnitt von 1945 liefern. Während für Conrad die westdeutsche Geschichtsschreibung von der Unfähigkeit zu einer kritischen Perspektive auf die Zeit vor 1933 geprägt ist, betont Faulenbach die Schwierigkeit der Geschichtswissenschaft, der politischen Zäsur in ihrem Neuanfang zeitlich gleichermaßen entsprechen zu müssen. Winfried Schulze verdeutlicht dieses Problem noch einmal an der modernitätskritischen Einstellung vieler Historiker, die dem politischen Neuanfang einer Demokratie nach 1945 konträr gegenüberstand. Mit Hilfe dieser und anderer Forschungsbeiträge konnte daher die Neuorientierung der deutschen Geschichtswissenschaft in der Nachkriegszeit erläutert werden.

2. Die deutsche Geschichtswissenschaft nach 1945

2.1. Die nationale Orientierung in der Geschichtswissenschaft vor 1945

Die westdeutsche Geschichtswissenschaft der Nachkriegszeit war insgesamt von einer hohen personellen Kontinuität geprägt. So blieb auch der Einfluss emigrierter Historiker während der 50er Jahre im Ganzen eher gering1. Dafür behielten nach 1945 der über 80jährige Friedrich Meinecke und der fast 60jährige Gerhard Ritter, die beide in Opposition zum Nationalsozialismus gestanden haben sollen, weiterhin ihre Führungspositionen in der Geschichtswissenschaft2. Andere, wie Ludwig Dehio und Hans Herzfeld, konnten ihre Stellen, die sie im Dritten Reich aufgrund ihrer jüdischen Herkunft verloren hatten, nun wieder einnehmen3. Was aber waren, nach den Erfahrungen des Dritten Reiches, die gemeinsamen intellektuellen Leitbilder, die jene Generation der Historiker der frühen Nachkriegszeit zum großen Teil geprägt hatten?

Die allgemeine Haltung der Historiker im Nationalsozialismus war durchaus uneinheitlich4. So seien etwa 40% von ihnen aktiv zu offener Kooperation bereit gewesen, während eine ungefähr gleich große Gruppe ein Arrangement mit dem NS-System anstrebte, um gleichzeitig ein traditionelles Wissenschaftsverständnis bewahren zu können5. Weiterhin hätte nur eine Minderheit der deutschen Historiker in kritischer Distanz zum Nationalsozialismus gestanden und versteckte Kritik geübt, wenngleich ohne damit eine größere Aufmerksamkeit zu erlangen6. In der Tat gab es für die Historiker im NS-System also einen gewissen Spielraum zwischen geistiger Anpassung und offener Opposition. Bernd Faulenbach resümiert jedoch, dass die Mehrzahl der Historiker das Dritte Reich ideell mit abstützte, „indem sie die deutschen Traditionen mit der damaligen Gegenwart in Beziehung setzten“7. Jan Eckel spricht hier sogar von einer „Selbstgleichschaltung“ der Geisteswissenschaftler, die unter anderem in den Geschichtswissenschaften aufgrund ihrer nationalkonservativen Orientierung stärker als in anderen Disziplinen ausgeprägt gewesen sei8. Warum aber konnte die nationalkonservative Gesinnung vieler Historiker überhaupt einen Einfluss auf ihr Verhältnis zum Nationalsozialismus haben? Laut Sebastian Conrad lässt sich eine nationale Orientierung teilweise bis zur Entstehung der modernen Geschichtswissenschaft im 19. Jahrhundert zurückverfolgen, „als der Geschichtsschreibung die Deutung der Vergangenheit im nationalen Auftrag überantwortet wurde“9. Auch die Bildung des deutschen Nationalstaats wurde durch Geschichtsschreibung und Publizistik „intellektuell vorbereitet“10 und war letztlich auch das Ergebnis einer „Suche nach dem (kulturellen, sozialen, territorialen etc.) nationalen ‚Kern‘“11, der eine nationale Gemeinschaft konstruieren sollte. Demnach erschwerte diese traditionelle Verflechtung es der deutschen Historiographie, sich von einer nationalen Perspektive zu lösen12.

Die „nationale Verantwortung“ der Geschichtswissenschaft zog sich wie ein roter Faden bis in das Dritte Reich hinein. Bereits in den ersten Jahren des NS-Regimes zeigte sich die Historikerzunft als „eine eminent politische Kraft, die freiwillig und selbstbewußt bemüht war, den historischen ‚Sinn‘ der Ereignisse zu deuten und in der Öffentlichkeit für das Verständnis der Größe des Geschehens zu werben“13. Obwohl die Machtergreifung Hitlers von ihnen nicht durchweg positiv beurteilt wurde14, überwog auch hier das Bedürfnis nationaler Legitimation innerhalb der Geschichtswissenschaft. Ein weiterer Grund für diesen beinahe euphorischen Einsatz der Historiker sei eine „erbitterte Feindschaft gegen die Weimarer Demokratie, die das verherrlichte Reich von 1871 zerstört und die Arbeiterbewegung an der Macht beteiligt hatte […], sowie das Festhalten an den machtpolitischen Zielen des Kaiserreichs“15 gewesen. Denn auch lange nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches bildeten linksliberale und sozialdemokratische Hochschullehrer nur eine Minderheit innerhalb der von Nationalisten und Republikfeinden geprägten Historikerzunft16. Die im Dritten Reich erzwungene Emigration von linken Historikern verstärkte noch einmal zusätzlich die Tendenz der Geschichtswissenschaft als politisch homogene Gruppe17. Nicht zuletzt „sorgten autoritäre Universitätsstrukturen und ein konservatives Ordinarienkartell dafür, daß Geschichtswissenschaft als Beruf eine Domäne nationalgesinnter Männer blieb“18.

Auch in der frühen Bundesrepublik bestand der deutsche Konservatismus unter vielen Historikern fort19. Dieser äußerte sich unter anderem als „Suche nach einem Orientierungspunkt“20 in der Geschichte unter dem Eindruck moderner Traditionsbrüche. In einer oft „kulturpessimistischen“ Distanz zur Gegenwart und Moderne verstärkte sich das Bedürfnis nach Kontinuität und vor allem „Tradition“ innerhalb der Geschichtsschreibung. Die besondere Schwierigkeit bestand nun allerdings darin, diese Orientierung in der durch die Erfahrungen des Dritten Reiches und dessen Untergang unmittelbar erlebten Diskontinuität der jüngsten Geschichte zu finden.

[...]


1 Vgl. Sebastian Conrad: Auf der Suche nach der verlorenen Nation. Geschichtsschreibung in Westdeutschland und Japan 1945-1960. Göttingen 1999, S. 344.

2 Vgl. Konrad Kwiet: Die NS-Zeit in der westdeutschen Forschung 1945-1961. In: Ernst Schulin (Hrsg.): Deutsche Geschichtswissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg (1945-1965). München 1989, S. 183.

3 Ebd.

4 Vgl. Jürgen Elvert: Geschichtswissenschaft. In: Frank Rutger Hausmann (Hrsg.): Die Rolle der Geisteswissenschaften im Dritten Reich 1933-1945. München 2002, S. 132.

5 Ebd.

6 Ebd.

7 Bernd Faulenbach: Historistische Tradition und politische Neuorientierung. Zur Geschichtswissenschaft nach der „deutschen Katastrophe“. In: Walter H. Pehle/Peter Sillem (Hrsg.): Wissenschaft im geteilten Deutschland. Restauration oder Neubeginn nach 1945? Frankfurt am Main 1992, S. 192-193.

8 Vgl. Jan Eckel: Geist der Zeit. Deutsche Geisteswissenschaften seit 1870. Göttingen 2008, S. 53-54.

9 Conrad, S. 414.

10 Faulenbach, S. 192.

11 Conrad, S. 414.

12 Vgl. Ebd.

13 Karen Schönwälder: Historiker und Politik. Geschichtswissenschaft im Nationalsozialismus. Frankfurt am Main 1992, S. 63.

14 Vgl. Elvert, S. 131.

15 Schönwälder, S. 63.

16 Vgl. Peter Schöttler: Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918-1945. Einleitende Bemerkungen. In: Ders. (Hrsg.): Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918-1945. Frankfurt am Main 1997, S. 7.

17 Vgl. Conrad, S. 407.

18 Ebd.

19 Vgl. Jin-Sung Chun: Das Bild der Moderne in der Nachkriegszeit. Die westdeutsche „Strukturgeschichte“ im Spannungsfeld von Modernitätskritik und wissenschaftlicher Innovation 1948-1962. München 2000, S. 73.

20 Chun, S. 43.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Neuorientierung oder Tradition? Tendenzen deutscher Geschichtswissenschaft in der frühen Nachkriegszeit der Bundesrepublik Deutschland
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Geschichtswissenschaften)
Veranstaltung
PS – Geistes- und Sozialwissenschaften in Deutschland nach 1945
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V182519
ISBN (eBook)
9783656062066
ISBN (Buch)
9783656063223
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschichtswissenschaft, Friedrich Meinecke, Ludwig Dehio, Gerhard Ritter, Historiker, Geschichtsschreibung, Tradition, Nationalsozialismus, Nachkriegszeit, Geschichtsbild
Arbeit zitieren
Maxi Hoffmann (Autor), 2010, Neuorientierung oder Tradition? Tendenzen deutscher Geschichtswissenschaft in der frühen Nachkriegszeit der Bundesrepublik Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182519

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