Terrorismus im Wandel: die Weltuntergangssekte Aum Shinrikyô als Fallbeispiel und Wegbereiter eines neuen terroristischen Paradigmas?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
47 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Das Fallbeispiel Aum Shinrikyô: apokalyptisch-religiös motivierte Terroranschläge als Ausdruck eines neuen terroristischen Paradigmas?
2.1 Zur Entstehungsgeschichte der Aum-Sekte
2.2 Hintergründe: Glaubensmotive, ideologische Ansichten und Ziele
2.3 Innere Struktur und äußere Expansion von Aum Shinrikyô
2.3.1 Mitgliederentwicklung und internationale Ausdehnung
2.3.2 Binnengliederung und Finanzierung
2.4 Radikalisierung und zunehmende Kriminalisierung
2.4.1 Wachsendes Misstrauen der japanischen Gesellschaft,soziale Abkapselung und steigendes Aggressionspotenzial der Sekte
2.4.2 Die Bewaffnung der Sekte: vom „Anrecht auf Selbstverteidigung“ zur „Beschleunigung des Armageddon“
2.4.3 Chronologie der Terroraktivitäten
2.5 Ausblick: Aum Shinrikyô – auch zukünftig eine Bedrohung?

3 Was ist das Neue am new terrorism ? – Versuch einer Erläuterung und Abgrenzung
3.1 Kennzeichnung der klassischen Terrorismus
3.1.1 Die Zielebene
3.1.2 Die Akteursebene
3.1.3 Die Aktionsebene 15 3.1.4 Die Opferebene
3.2 Das neue terroristische Paradigma – Merkmale und Abgrenzung vom klassischen Terrorismus
3.2.1 Die Zielebene
3.2.2 Die Akteursebene
3.2.3 Die Aktionsebene
3.2.4 Die Opferebene
3.3 Der Neue Terrorismus im Widerstreit: Erfordert das erstmalige Auftreten von NBC-Terror eine grundsätzliche Neubestimmung des Terrorismusphänomens?

4 Die Proliferation von Massenvernichtungswaffen an substaatliche Akteure: reale Bedrohung für Frieden und Sicherheit?
4.1 Kategorisierung der Massenvernichtungswaffen und Folgenabschätzung eines möglichen Anschlages
4.1.1 Nuklearwaffen
4.1.2 Biologische Waffen
4.1.3 Chemische Waffen
4.1.4 Exkurs: Folgen eines Einsatzes von NBC-Waffen
4.2 Einschätzung künftiger Risiken durch den NBC-Terrorismus
4.2.1 Nuklearwaffen
4.2.2 Biologische Waffen
4.2.3 Chemische Waffen
4.3 Gegenstrategien

5 Fazit: Aum Shinrikyô als empirischer Präzedenzfall der New-terrorism -Konzeptionen

Abkürzungen

Literatur

Anhang 1: Internationale Terroranschläge 1980-94

Anhang 2: Selected Motivational Factors Associated with CBW Terrorism

„Unter den Errungenschaften des 20. Jahrhunderts ist die Entwicklung von Massenvernichtungswaffen gewiss die schrecklichste.“

(Häckel 2000: 212)

„Die Kunst des Teufels besteht darin, uns zu überzeugen, dass er nicht existiert.“

(Baudelaire; zit. n. Hauschild 1999: 17)

1 Einleitung

Die Entwicklung und die Terroraktionen der aus Japan stammenden Endzeitsekte Aum Shinrikyô sind aus Sicht zahlreicher Autoren charakteristisch für die Entstehung eines Terrorismus „neuerer“ Prägung.[1] Insbesondere der Saringas-Anschlag auf die Tokyoter U-Bahn in den Morgenstunden des 20. März 1995 wurde und wird bis heute als ein entscheidender Wendepunkt in der Vorgehensweise international operierender Terrororganisationen betrachtet.[2]

Doch nicht nur in der Wissenschaft, sondern ebenso in der politischen Praxis führten die Aktivitäten von Aum Shinrikyô zu einem grundlegenden Umdenken in den Außen- und Sicherheitsbeziehungen der westlichen Industrienationen, insbesondere in den USA.[3] Neue und akute, bis dato allenfalls von der Theorie prognostizierte Bedrohungsszenarien taten sich auf, als die um die Welt laufenden Fernsehbilder von erstickenden und schwer verletzten Passanten in Tokyo eindringlich dokumentierten, dass die Staatenwelt ihr Besitzmonopol bei Massenvernichtungswaffen (MVW) eingebüßt zu haben schien (Tucker 1996: 175). Ein chemischer Kampfstoff war – erstmals für jedermann eindeutig nachvollziehbar – nun auch einer obskuren, äußerst unberechenbaren terroristischen Gruppierung in die Hände gefallen; das bisherige „Tabu“, solche Waffen unter keinen Umständen für terroristische Belange einzusetzen, war gebrochen.[4] Auch angesichts aktuellerer Entwicklungen ist es nötig und lohnenswert, das Problem möglicher Terroranschläge mit Hilfe von MVW genauer ins Augenmerk zu nehmen: Die Ausbringung von Anthrax-Sporen im Herbst 2001 in den USA kurz nach den verheerenden Attacken des 11. Septembers zeigt deutlich die Virulenz dieses Themas an (Ashford et al. 2001). Besondere Bedeutung kommt dem Gegenstand zudem in Anbetracht der Tatsache zu, dass gerade moderne Industriegesellschaften – und speziell urbane Ballungsräume – von einer „strukturellen Verwundbarkeit“ (Lutz 2001: 1) gegenüber Angriffen mit MVW gekennzeichnet sind.[5]

Dabei drängt sich eine noch umfassendere Frage auf: Lassen sich aus den Geschehnissen des 20. März 1995 auch allgemeine Rückschlüsse auf die zukünftige Entwicklung des internationalen Terrorismus hin zu einem vermehrten Einsatz von MVW ziehen? Sehen wir mithin einer „neue[n] Dimension des Terrorismus“ (Sohns 2001) mit wesentlich höheren Opferzahlen entgegen – oder müssen die Anschläge von Aum Shinrikyô (vorerst) als singulärer Tatbestand betrachtet werden? Die Vermutung liegt jedenfalls nahe, dass die Terroraktionen der Aum-Sekte als ein signifikanter Indikator für das Entstehen einer bisher unbekannten Form organisierter politischer Gewalt durch substaatliche Akteure gewertet werden könnten. Falls dies zutrifft, markieren sie dann aber auch einen Wendepunkt – oder gegebenenfalls gar einen Paradigmenwechsel – im Hinblick auf die gesamte Entwicklung des internationalen Terrorismus nach dem Ende des Kalten Krieges? Diesen Fragen soll in der vorliegenden Arbeit nachgegangen werden.

Zunächst sollen im folgenden Abschnitt die besonderen Merkmale der Aum-Sekte anhand ihrer historischen Entwicklung (2.1 bis 2.3) sowie anhand des Prozesses ihrer fortschreitenden Radikalisierung bis zum Beginn terroristischer Aktivitäten (Abschnitt 2.4) dargestellt werden. Auf Basis dieser Einsichten wird eine vorläufige, grobe Einschätzung dazu abgegeben, ob von Aum Shinrikyô zukünftig weitere Terroraktivitäten erwartet werden können (Abschnitt 2.5). Vor dem Hintergrund der oben angeführten Fragestellung erörtert Abschnitt 3, inwiefern terroristische Anschläge mit MVW generell als Ausdruck einer neuen Form von Terrorismus aufgefasst werden müssen – in Abgrenzung zum klassischen Terrorismus mit konventionellen Waffen. Im anschließenden Abschnitt 4 werden zunächst die einzelnen NBC-Waffentypen hinsichtlich ihrer spezifischen Zusammensetzung und Wirkung erläutert (4.1), bevor eine Abschätzung künftiger Risiken durch Terroraktionen unter Verwendung von MVW (4.2) und eine Diskussion möglicher Gegenstrategien zur Abwehr des NBC-Terrorismus (4.3) vorgenommen werden. Das abschließende Fazit (Abschnitt 5) greift schließlich die eingangs gestellte, übergreifende Frage auf, ob und inwieweit die Anschläge der Aum-Sekte im Lichte der jüngsten Debatten über den new terrorism als empirischer und paradigmatischer Präzedenzfall einer neuen Form von groß angelegtem Terror mit Hilfe von MVW angesehen werden können.

2 Das Fallbeispiel Aum Shinrikyô: apokalyptisch-religiös motivierte Terroranschläge als Ausdruck eines neuen terroristischen Paradigmas?

Wer und was verbarg sich hinter der Terrorsekte Aum Shinrikyô? Wie verlief ihre Entwicklung von den Anfängen einer okkulten Glaubensgemeinschaft zu einer schlagkräftigen terroristischen Organisation, die erstmals auch von MVW Gebrauch machte, um ihre Ziele zu erreichen?

2.1 Zur Entstehungsgeschichte der Aum-Sekte

Chizuo Matsumoto, der spätere und auch unter dem Namen Shôkô Asahara bekannte Gründer und Guru der Sekte, wurde am 2. März 1955 in Yatsushiro (Präfektur Kumamoto) auf der südjapanischen Hauptinsel Kyûshû geboren.[6] Von früher Kindheit an litt Matsumoto (i.F. Asahara) unter starken Sehbehinderungen. Im Alter von 22 Jahren machte er seinen Abschluss an einer Blindenschule. Nach einer erfolglosen Teilnahme an der Aufnahmeprüfung der Tokyo University beschloss er, sich dem Studium der Akupunktur und des Yoga zuzuwenden.

Gemeinsam mit seiner Frau Tomoko eröffnete Asahara in den späten 1970er Jahren eine Praxis für Akupunktur und asiatische Medizin. Damals trat er auch in die Gruppe „Agonshû“ („Schule des Agama-Buddhismus“) ein – eine religiöse New-Age-Bewegung, die eigenständige Riten und Praktiken aus dem esoterischen Buddhismus Japans (shingon) entwickelt hatte.[7] 1984 verließ Asahara schließlich die „Agonshû“ und gründete das Yoga- und Meditationszentrum „Aum Divine Wizard Association“ und ein angegliedertes Verlagshaus in Tokyo. Daneben baute er eine Firma mit dem Namen „Aum Inc.“ auf, die weitere Yoga-Schulen betrieb und so genannte Gesundheitsgetränke produzierte (vgl. Stern 2000: 205). Das Publikumsinteresse und der Zuspruch gegenüber Asaharas Yoga-Zentren wuchsen rapide, so dass „Aum Inc.“ bereits ein Jahr später Zweigstellen in ganz Japan unterhielt (ebd.).

1986 bildete sich aus dem Zentrum die Gruppe „Aum Shinsen no kai“ („Aum-Gruppe der Asketen“), die sich im Juli 1987 schließlich in „Aum Shinrikyô“ („Aum-Lehre der höchsten göttlichen Wahrheit“) umbenannte. In der Folgezeit gelang es Asahara durch seine charismatische Ausstrahlung und das aggressive Werben von Neumitgliedern, immer mehr Anhänger für Aum Shinrikyô zu gewinnen (Wieczorek 2000: 251; Tucker 1996: 168). Das Versprechen übernatürlicher Kräfte wie Schweben und Hellsehen sowie die von Asahara in Aussicht gestellte Erlangung der „Erleuchtung“ und höherer Bewusstseinszustände übte vor allem auf Jugendliche eine große Anziehungskraft aus (Kaplan 2000: 208). Aum Shinrikyô entwickelte sich somit langsam von einem anfangs eher unbedeutenden New-Age-Kult zu einer mitgliederstarken Organisation. Im August 1989 wurde der Gruppe von der Tokyoter Bezirksregierung der offizielle Status einer religiösen Körperschaft des öffentlichen Rechts (shûkyô hôjin) zuerkannt – ein nicht zu unterschätzender Faktor im Hinblick auf den weiteren Werdegang der Sekte, da ihr Religionsstatut eine De-facto-Immunität vor strafrechtlicher Verfolgung sowie erhebliche Steuervergünstigungen sicherte (Wieczorek 2000: 252).

2.2 Hintergründe: Glaubensmotive, ideologische Ansichten und Ziele

Erste Hinweise auf den spirituellen Gehalt und die religiös-ideologischen Ansichten der Sekte finden sich bereits in ihrer Namensgebung: „Aum“ stammt aus dem Sanskrit und bezeichnet die „Kraft der Zerstörung und Erschaffung im Universum“, wohingegen „Shinrikyô“ im Japanischen die schon erwähnte „Lehre der höchsten göttlichen Wahrheit“ umschreibt (vgl. Wieczorek 2000: 250). Die einzelnen Bestandteile der Aum-Theologie speisten sich denn auch aus unterschiedlichen Quellen: Elemente des mystischen tibetanischen Buddhismus und des japanischen Shinto waren ebenso enthalten wie zentrale Inhalte des Hinduismus (die Betonung der Macht der Zerstörung als Werk des Gottes Shiva) und des Christentums (das Prophetentum).

Daneben erhielten abergläubische Schulen – darunter die Lehren des Astrologen Nostradamus – sowie mannigfache Einflüsse aus Schamanismus, Yoga, Meditation und nicht zuletzt auch pseudo-naturwissenschaftliche Lehren und New-Age-Ideen Einzug in das Gedankengut der Sektenmitglieder (vgl. Kaplan 2000: 208; Wieczorek 2000: 250-251; Olson 2002). Die religiösen Grundprinzipien waren anfangs noch stark vom „Agonshû“ geprägt – einer Lehre, die besagt, dass das Leiden im Diesseits seine Ursache in einem „negativen Karma“ habe, was jedoch durch asketische Übungen gemildert werden könne (Wieczorek 2000: 251). Im Zuge ihrer Entwicklung wandte sich die Sekte jedoch immer mehr vom „Diesseits“ ab; Aum forderte von seinen Mitgliedern eine konsequente Abkehr von allen weltlichen Dingen (shukke -Prinzip), um auf diesem Weg die innere Befreiung (gedatsu) und Erleuchtung (satori) erlangen zu können (vgl. Wieczorek 2000: 250).

1985 behauptete Asahara erstmals, er habe übernatürliche Fähigkeiten: schwereloses Schweben sowie die Möglichkeit, durch Wände zu gehen und Gedanken zu lesen. Er bezeichnete sich als „lebende Gottheit“ und verglich sich mit Shiva, dem Zerstörer-Gott des Hinduismus, woraufhin dieser zur Hauptgottheit innerhalb der Aum-Theologie erklärt wurde (Stern 2000: 206; 211). Darüber hinaus identifizierte sich der Sektenführer mit Buddha sowie dem christlichen Messias (Wieczorek 2000: 251) und veröffentlichte das Buch Declaring Myself The Christ.

Immer häufiger reiste Asahara in dieser Zeit nach Indien, wo er seine Meditationstechniken zu perfektionieren versuchte. 1986 schließlich behauptete Asahara, während des Meditierens eine Nachricht von Gott vernommen zu haben, der ihn zum „leader of God’s army“ auserkoren habe (Stern 2000: 205). Im Frühjahr 1987 besuchte Asahara den Dalai Lama in dessen indischem Exil. In den Augen seiner Anhänger in der japanischen Heimat verlieh ihm diese Audienz ein zusätzliches Maß an spiritueller Legitimität (Wieczorek 2000: 251).

Im Herbst desselben Jahres kündigte ihm ein befreundeter Historiker an, dass im Jahr 2000 der Weltuntergang bevorstehe (Stern 2000: 206). Nachdem Asahara anfangs selbst erschrocken auf diese Prophezeiung reagiert und ihr nur wenig Glauben geschenkt hatte, baute er sie im Laufe der folgenden Monate zu einem Kernelement des Aum-Glaubens aus. Vom Beginn des Jahres 1989 an prophezeite auch Asahara im offiziellen Namen von Aum Shinrikyô die unausweichliche Apokalypse (vgl. Kaplan 2000: 208; siehe Abschnitt 2.4.1).

2.3 Innere Struktur und äußere Expansion von Aum Shinrikyô

2.3.1 Mitgliederentwicklung und internationale Ausdehnung

Auffällig an der Grundstruktur der Aum-Sekte sowohl in den frühen als auch in den späteren Jahren ist vor allem die Tatsache, dass sie stets eine besondere Anziehungskraft auf junge und gebildete Bevölkerungsschichten ausübte – darunter nicht wenige, die den zu ihrer jeweiligen Beitrittszeit vorherrschenden Zeitgeist verabscheuten und sich aus dem gesellschaftlichen Leben ausgestoßen fühlten.[8] Die esoterisch und mystisch anmutenden Praktiken und Prophezeiungen der Sekte stießen somit frühzeitig auf eine passende Zielgruppe.[9]

In der Spitze hatte Aum Shinrikyô weltweit zwischen 40 000 und 60 000 Mitglieder – davon rund 10 000 im Herkunfts- und Stammland Japan, von denen wiederum etwa 1400 in geschlossenen Gemeinschaften und direkter finanzieller Abhängigkeit von der Sektenführung lebten. Mindestens 30 000 Sektenmitglieder lebten außerdem in Russland, davon schätzungsweise 5500 als Mönche und Nonnen.[10] Während zu Beginn noch Anhänger aus nahezu jeder sozialen Schicht und nahezu jedem Berufsfeld willkommen waren, fokussierte die Sekte ihre Rekrutierungsarbeit vom Ende der 1980er Jahre an verstärkt auf die Hinzugewinnung junger Naturwissenschaftler, Mediziner und Ingenieure, um auf diesem Wege ihr Waffenprogramm zügig vorantreiben zu können (siehe Abschnitt 2.4.2).

Im Jahr 1995 unterhielt Aum Shinrikyô 20 Zweigstellen in ganz Japan; das Hauptquartier befand sich in der Nähe des Dorfes Kamakuishiki am Fuße des Berges Fujiyama (vgl. Kaplan 2000: 209). Die internationale Expansion erfolgte durch die Einrichtung von insgesamt mehr als 30 Büros und Rekrutierungszentren: vor allem in Russland (ab 1991 in Moskau, St. Petersburg und Wladiwostok; darüber hinaus Betrieb von Radio- und Fernsehstationen sowie Kleinverlagen[11] ), aber auch in den USA (ab 1987 in New York), Sri Lanka (Colombo), der Bundesrepublik (Bonn), Taiwan und Australien. Überdies versuchte die Sekte – wenn auch letztlich erfolglos –, sich im ehemaligen Jugoslawien, in der Ukraine sowie in Weißrussland niederzulassen (vgl. Kaplan 2000: 209; Thränert 1999: 11; Tucker 1996: 168).

2.3.2 Binnengliederung und Finanzierung

Der interne Aufbau der Sekte war vergleichsweise klar strukturiert und übersichtlich gestaltet. In vertikaler Perspektive betrachtet führte Asahara die Gruppe in Gestalt eines unanfechtbaren Gurus an, der alle maßgeblichen Entscheidungskompetenzen für sich beanspruchen konnte (vgl. Kaplan 2000: 212). Unterhalb seiner herausgehobenen Führungsposition war Aum Shinrikyô streng hierarchisch-pyramidal untergliedert, gemäß den von der Sekte propagierten „sieben Stufen der Erleuchtung“. Direkt unterhalb von Asahara – gleichsam auf der zweithöchsten Rangebene – fungierte ein so genannter „inner circle“, der sich aus „besonders glaubensfesten“ Mitgliedern zusammensetzte (vgl. Kaplan 2000: 209).

Daneben verfügte Aum Shinrikyô über eine horizontale Struktur, die sich in einer divisionalen Unterteilung der Sekte in insgesamt 20 „Ministerien“ ausdrückte, welche in der Funktion einer „Schattenregierung“ agieren und ihre jeweiligen Mitglieder auf die erhoffte Machtübernahme nach den apokalyptischen Endzeitkämpfen vorbereiten sollten.[12]

In finanzieller Hinsicht war ein geschätztes Wachstum des Gesamtvermögens der Sekte (inklusive Devisen, Kapitalanlagen und Immobilien) von rund 4,9 Millionen US-Dollar im Jahre 1987 auf schätzungsweise eine Milliarde US-Dollar im Jahre 1995 festzustellen; manche Autoren sprechen gar von einem Buchwert von 1,4 Milliarden US-Dollar (vgl. Stern 2000: 206; Olson 2002; Thränert 1999: 11; Tucker 1996: 168; US Senate [Hrsg.] 1995). Den Großteil ihrer laufenden Einkünfte erzielte die Sekte aus regelmäßigen Beiträgen und Spenden ihrer Mitglieder. Oft kam es hierbei zur Erpressung des gesamten Privatvermögens des jeweiligen Sektenmitglieds. Darüber hinaus mussten Aum-Anhänger für ausgewählte religiöse Dienstleistungen wie die Teilnahme an Initiationsriten hohe Zahlungen an die Sektenführung entrichten. Eine weitere wesentliche Kapitalquelle stellte für Aum Shinrikyô die Organisierte Kriminalität dar – hierbei vor allem Drogenhandel und Kidnapping.[13] Doch auch durch legale Aktivitäten und zahlreiche Beteiligungsgeschäfte flossen große Beträge in die Kassen der Sekte. Namentlich zu nennen sind in diesem Zusammenhang Computergeschäfte, Nudelgeschäfte, Restaurants, Fitness-Clubs, Privatkliniken und verschiedene Handelsunternehmen (vgl. Kaplan 2000: 210; Wieczorek 2000: 253; Olson 2002).

2.4 Radikalisierung und zunehmende Kriminalisierung

Nach den beschriebenen entwicklungsgeschichtlichen, ideologisch-dogmatischen und organisatorischen Grundlagen von Aum Shinrikyô gilt es nun, die Frage zu klären, auf welche Weise die unterschiedlichen Wahrnehmungen sowie die einsetzenden Konflikte zwischen den Sekten-Mitgliedern und ihrer Umwelt schließlich zur Eskalation des 20. März 1995 führen konnten.

2.4.1 Wachsendes Misstrauen der japanischen Gesellschaft, soziale Abkapselung und steigendes Aggressionspotenzial der Sekte

1987 prophezeite Asahara erstmalig, dass zwischen 1999 und 2003 ein globaler Nuklearkrieg ausbrechen und das unvermeidbare Armageddon einläuten werde. Die Apokalypse lasse sich nur vereiteln, wenn bis zum Ausbruch der atomaren Auseinandersetzungen mindestens 30 000 neue Sektenmitglieder (shukkesha) hinzu gewonnen werden könnten, die in diesem Fall als weltweit einzige Überlebende aus dem Endzeit-Inferno hervorgingen; nur die „spirituell Erleuchteten“ seien in der Lage, einen nuklearen Holocaust zu überleben (vgl. Wieczorek 2000: 252). Daher sei es notwendig, so forderte Asahara, dass Aum Shinrikyô bis zu jenem Zeitpunkt über eine offizielle Niederlassung in jedem Land der Erde verfüge (vgl. Stern 2000: 206). Diese frühen Vorhersagen waren im Hinblick auf die Alltagspraxis der Aum-Gruppe noch relativ unverbindlich. Erst im späteren Verlauf entwickelten sie sich zu festgefügten Dogmen und bestimmten maßgeblich die fortschreitende Radikalisierung und Militarisierung der Sekte.

Von 1988 an wurden in den einzelnen Glaubenszirkeln verstärkt asketische Übungen praktiziert, die immer extremere Ausmaße annahmen und im Winter 1989/90 schließlich zum Tod des Sektenmitglieds Teruyuki Majima führten, dessen Nervensystem durch übermäßigen Schlaf- und Nahrungsentzug kollabiert war. Aus Furcht vor einem Bekanntwerden des Zwischenfalls vertuschten die Aum-Verantwortlichen die Geschehnisse. Der potenzielle Aussteiger Shûji Taguchi, der den Fall in der Presse publik machen wollte, wurde von Sektenmitgliedern kurzerhand ermordet (vgl. Wieczorek 2000: 252).[14]

In der Sekte nahm nun die Angst vor Verrat und Entblößung der Praktiken signifikant zu. Aum Shinrikyô reagierte auf den zunehmenden Argwohn der japanischen Öffentlichkeit mit einer drastischen Forcierung seiner – z.T. gewaltsamen – Missionierungsarbeit (vgl. Wieczorek 2000: 252). Im Oktober 1989 sorgte die Veröffentlichung einer Artikelserie über die Initiationsriten der Sekte in der Zeitung „Sunday Mainichi“ für eine zusätzliche Verfestigung der misstrauischen Haltung von Mitgliedern der Aum-Gruppe gegenüber Staat und Gesellschaft (vgl. Wieczorek 2000: 252) – die shukkesha fühlten sich zunehmend diskriminiert und verfolgt. Im folgenden Monat beauftragten Familienangehörige mehrerer Sektenmitglieder den Anwalt Tsutsumi Sakamoto damit, juristisch gegen Aum Shinrikyô vorzugehen. Daraufhin wurde Sakamoto Ende November 1989 mitsamt Frau und Kind von Aum-Anhängern entführt und ermordet (vgl. Wieczorek 2000: 252).[15] Solche Verbrechen führten innerhalb der japanischen Bevölkerung zu einer wachsenden Skepsis und Ablehnung gegenüber Aum Shinrikyô, woraufhin die Sekte ihrerseits ein immer stärkeres Bedürfnis nach Selbstverteidigung verspürte.

Als ein weiterer kennzeichnender Schritt in der Radikalisierung der Aum-Gruppe wird die erfolglose Kandidatur Asaharas und 24 seiner Anhänger mit der Sekten-Partei „Shinrito“ bei den Parlamentswahlen zum japanischen Unterhaus im Februar 1990 gewertet. Die Niederlage wurde von Asahara als tiefe persönliche Demütigung empfunden (vgl. Kaplan 2000: 211; Wieczorek 2000: 252). Im selben Jahr durchsuchte die japanische Polizei zwölf Sekten-Einrichtungen – offiziell wegen der Verletzung von Bauvorschriften (vgl. Wieczorek 2000: 252). Aum Shinrikyô sah sich fortan immer stärker öffentlicher Diskreditierung sowie einer als konspirativ empfundenen Verfolgung durch den japanischen Staat ausgesetzt.[16]

Die Sekte zog sich mehr und mehr aus der öffentlichen Sphäre zurück. Sie begann, durch direkte Gewaltanwendung auf die äußere Ablehnung durch die japanische Gesellschafts- und Medienwelt zu reagieren – der radikale Messianismus und vehementer gewordene Aggressionsdrang der Gruppe führte wiederum zu vermehrter Kritik der Außenwelt, der steigende Argwohn und die gegenseitigen Ressentiments zwischen Sekte und Gesellschaft verstärkten sich wechselseitig bis zum Eintritt in einen „Teufelskreis“ (vgl. Stern 2000; Wieczorek 2000: 253).[17] Aum Shinrikyô empfand schließlich „eine nicht mehr zu heilende Dekadenz der Sozialstrukturen der japanischen Gesellschaft“, die „weggewischt“ werden müsste (vgl. Tucker 1996: 169). Die Sekte betrachtete sich als einen selbst ernannten „Vorreiter und Beschleuniger eines unabwendbaren apokalyptischen Reinigungsprozesses“ (vgl. US Senate [Hrsg.] 1995).

Schließlich wurden Asaharas Endzeit-Verlautbarungen innerhalb der Sekte als verbindliche Voraussagen akzeptiert. Anfang 1992 prognostizierte er die Apokalypse bereits für das Jahr 1997; Ende 1995 würde hierzu ein viel beachtetes Omen eintreten, das seine Weissagungen letztlich untermauern und bestätigen müsse.[18] Das Armageddon werde durch Nuklearangriffe der USA auf Japan eingeleitet (vgl. Kaplan 2000: 211), die in eine totale Zerstörung des Landes und einen Dritten Weltkrieg münden würden. Asahara identifizierte Aum Shinrikyô als die einzig rettende, Heil bringende Organisation, die daraufhin die Macht in Japan und später in der ganzen Welt übernehmen werde (vgl. Kaplan 2000: 211). Um seine Vorhersagen auch für Nicht-Sektenmitglieder in einem glaubwürdigeren Licht erscheinen zu lassen, ordnete der Guru vereinzelte Anschläge auf US-amerikanische Militäreinrichtungen an, etwa das Versprühen von Botulinum-Toxin in der Nähe von US-Stützpunkten in Japan (siehe Abschnitt 2.4.3). Er glaubte, durch das gezielte Anzetteln eines Konflikts zwischen Japan und den USA eine Art öffentliche Bestätigung für seine Endzeitvisionen zu gewinnen (vgl. Kaplan 2000: 220; Stern 2000: 207).[19]

2.4.2 Die Bewaffnung der Sekte: vom „Anrecht auf Selbstverteidigung“ zur „Beschleunigung des Armageddon“

Die Verabschiedung eines Waffenprogramms durch die Führung von Aum Shinrikyô kann als eine unmittelbare Folge der fortschreitenden Radikalisierung der Gruppe aufgefasst werden (vgl. US Senate [Hrsg.] 1995). Das langfristige Ziel bestand in der Entwicklung und Produktion biologischer und chemischer Kampfstoffe. Darüber hinaus unternahmen Aum-Forscher Versuche zur Entwicklung von Mikrowellen- und Laser-Waffen sowie einer „seismologischen Waffe“, von der man sich die künstliche Erzeugung von Erdbeben versprach (vgl. Kaplan 2000: 212). Außerdem wurden konventionelle Waffen, umfangreiches militärisches Ausrüstungsgerät, ein russischer Mi-17-Kampfhubschrauber und zwei russische Militärflugzeuge gekauft, die man zum Versprühen toxischer Substanzen aus der Luft einzusetzen beabsichtigte (vgl. Kaplan 2000: 216; Stern 2000: 207; Tucker 1996: 168). Der Versuch der Beschaffung nuklearen Spaltmaterials wurde von der Sekte nachweislich mehrere Male unternommen, jedoch ohne Erfolg (vgl. US Senate [Hrsg.] 1995). Ab Beginn der 1990er Jahre konzentrierte sich die Rekrutierungspraxis von Aum Shinrikyô verstärkt auf die Anwerbung junger Naturwissenschaftler, Mediziner, Ingenieure und Techniker, die das Chemie- und Biowaffenprogramm voranbringen sollten (vgl. Kaplan 2000: 212-213; Stern 2000: 206). Die Herstellung von Botulinum-Toxin, einem der wirksamsten biologischen Gifte überhaupt, begann vermutlich bereits 1990. Drei Jahre später unternahm Asahara gemeinsam mit 16 weiteren Aum-Mitgliedern eine Expedition nach Zaire – wahrscheinlich in der Absicht, dort Ebola-Viren zu Forschungszwecken zu erlangen[20] (vgl. Kaplan 2000: 213; Thränert 1999: 11; Henderson 1998: 488). Ebenfalls 1993 stellten Ermittler bei einer Großrazzia in verschiedenen Aum-Einrichtungen dann insgesamt rund 10 000 Tonnen Grundstoffe und Zusätze für die Herstellung chemischer Kampfstoffe sicher.[21] Daneben fanden sich umfangreiche Laborausrüstungen sowie Pläne zum Bau einer geheimen Giftgas-Fabrik.

Im selben Jahr begann vermutlich die experimentelle Produktion von Sarin, Tabun, Soman, VX, Blausäure, Senfgas und Phosgen. Von Ende 1993 an konzentrierte sich die Sekte jedoch auf die Herstellung von Sarin (vgl. Kaplan 2000: 213-214).[22] Ein Großteil der Grundstoffe und Materialien für die Giftgas-Produktion beschaffte die Aum-Gruppe über ausländische Tarnfirmen (so genannte „front companies“; vgl. Tucker 1996: 168) sowie über eine sekteneigene Klinik in Tokyo (vgl. Kaplan 2000: 214-215). Ferner kaufte Aum Shinrikyô eine Schafsfarm in West-Australien, auf der Giftgas-Experimente durchgeführt wurden (vgl. Wieczorek 2000: 253). Doch auch bei biologischen Kampfstoffen unternahm die Gruppe weitere Forschungsanstrengungen: Die systematische Kultivierung von Anthrax- und Q-Fieber-Erregern gelang Aum-Wissenschaftlern mutmaßlich im Jahr 1995 (vgl. Kaplan 2000: 213; US Senate [Hrsg.] 1995; zur Gegenposition vgl. Leitenberg 2000).

2.4.3 Chronologie der Terroraktivitäten

Wenden wir uns nun der Frage zu, welchen konkreten Gebrauch die Aum-Sekte von ihren Waffenbeständen gemacht hat und welche Anschläge durch sie verübt wurden.

Im Zeitraum von 1990 bis 1995 war Aum Shinrikyô für mindestens 20 Attentate verantwortlich – darunter zehn mit biologischen und weitere zehn mit chemischen Kampfstoffen (vgl. Kaplan 2000: 207). Hierunter fallen vor allem zahlreiche Mordversuche, so etwa Anschläge auf den japanischen Generalstaatsanwalt und auf den Präfekten der Region Tokyo (vgl. US Senate [Hrsg.] 1995). Im April 1990 versprühten Sektenmitglieder von einem Lastwagen aus gasförmiges Botulinum-Toxin in der Region Tokyo sowie vor US-amerikanischen Militärbasen (vgl. hierzu und zum Nachfolgenden Kaplan 2000: 216-220; Olson 2002; Stern 2000: 207-210; Thränert 1999: 11; Tucker 1996: 167-169). Im Sommer 1993 setzten Aum-Angehörige Anthrax-Sporen vom Dach eines sekteneigenen Gebäudes im Zentrum von Tokyo frei. Im Dezember desselben Jahres folgte ein Mordanschlag auf Daisaku Ikeda – einen religiösen Rivalen Asaharas – mit Hilfe einer Sarin-gefüllten Zerstäuberspritze, deren Inhalt in das Gesicht des Opfers gesprüht wurde.

Am 27. Juni 1994 kam es schließlich zu einem ersten „Testlauf“ für groß angelegte Anschläge mit Nervengasen. Mitglieder des „Ministeriums für Aufklärung“ setzten im zentraljapanischen Matsumoto große Mengen Saringas aus einem auf einem Lastwagen installierten Sprühsystem frei. Das Motiv für diese Tat bestand in der Ermordung dreier Richter, die am kommenden Tag im lokalen Bezirksgericht ein Urteil in einem Fall betrügerischen Grundstückserwerbs sprechen sollten, in den die Sekte involviert war und von dem erwartet wurde, dass er zu ihrem Nachteil ausgehen würde. Die Sarin-Wolke breitete sich über ein komplettes Wohnviertel aus. Obschon die betreffenden Richter nur leicht verletzt wurden, gab es insgesamt sieben Todesopfer und 144 Verletzte zu beklagen. Im Februar 1995 geriet zum ersten Mal die Tokyoter U-Bahn ins Visier der Aum-Terroristen: Sie versprühten ein leicht flüchtiges Aerosol von Botulinum-Toxin in mehreren Stationen. Allerdings kam dabei niemand nachweislich zu Schaden.

Am 20. März 1995 folgte schließlich dasjenige Ereignis, welches Aum Shinrikyô auch über Japan hinaus bekannt machte und – noch unmittelbarer als der relativ unbeachtet gebliebene Zwischenfall von Matsumoto – den ersten nachgewiesenen Gebrauch von MVW durch eine terroristische Gruppierung markierte.[23] Während der morgendlichen Rush-hour verübten fünf Kommando-Teams zu je zwei Personen Sarin-Anschläge auf fünf Waggons der Tokyoter U-Bahn, kurz bevor diese auf unterschiedlichen Linien in die direkt im Regierungsviertel liegende Station Kasumigaseki einliefen. Die Attentäter hatten flüssiges Sarin aus insgesamt elf mit Zeitungen umwickelten Kunststoffbehältern durch das Einstechen von Regenschirm-Spitzen freigesetzt, das rasch verdampfte und sich auch in der Station Kasumigaseki sowie in den nahebei liegenden U-Bahn-Schächten ausbreitete. Fazit des Anschlags: zwölf Tote und mehr als 5500 Verletzte. Bei einem höheren Reinheitsgrad des Sarins und effizienterer Ausbringung hätte die Zahl der Todesopfer nach Polizeischätzungen bis zu 10 000 betragen können. Als Motiv nannte Aum Shinrikyô später die Verhinderung einer bevorstehenden Polizei-Razzia in verschiedenen Einrichtungen der Sekte sowie das gezielte Schüren von apokalyptischen Ängsten und Misstrauen in der Bevölkerung gegenüber dem japanischen Staat.

Am 5. Mai 1995, kaum mehr als zwei Wochen nach dem U-Bahn-Anschlag, wurde ein zeitgezündetes Binärsystem[24] in der Herrentoilette der Tokyoter U-Bahn-Station Shinjuku entdeckt. Diesmal konnte der Bahnhof rechtzeitig evakuiert werden. Am 4. Juli desselben Jahres unternahmen Sektenmitglieder erneut den Versuch, Binärsysteme in vier U-Bahn-Stationen der Hauptstadt zeitgleich zur Zündung zu bringen, was durch frühzeitige Entdeckung misslang.

Die offizielle Verbrechensbilanz der Aum-Sekte (vgl. Wieczorek 2000: 254) umfasst neben der Ermordung der Anwaltsfamilie Sakamoto und des Notars Kariya Kiyoshi auch die sieben Todesopfer von Matsumoto. Innerhalb der eigenen Reihen starben zwischen Oktober 1988 und Februar 1995 mindestens 33 Mitglieder durch Mord, Selbstmord oder Unfälle im Verlauf religiöser Rituale oder asketischer Übungen. 21 Sekten-Angehörige wurden als vermisst gemeldet.

2.5 Ausblick: Aum Shinrikyô – auch zukünftig eine Bedrohung?

Zwischen dem Frühjahr und Herbst 1995 führte die japanische Polizei mehr als 500 Razzien und 400 Verhaftungen im Zusammenhang mit Aum Shinrikyô durch (vgl. Olson 2002; Kaplan 2000: 224-225).[25] Die Sekte reagierte hierauf am 30. März zunächst mit einem Attentatsversuch auf Takaji Kunimatsu, den damaligen Chef der nationalen Polizeibehörde. Am 16. Mai fanden die Ermittler den Unterschlupf Asaharas nahe dem Sekten-Hauptquartier Kamakuishiki am Fujiyama und nahmen ihn fest (vgl. Wieczorek 2000: 254). Im Oktober wurde schließlich Anklage wegen 17 verschiedener Delikte gegen ihn erhoben, darunter Mord in 25 Fällen (vgl. Kaplan 2000: 225). Asahara wurde zur Todesstrafe durch den Strang verurteilt. Im Januar 1996 entzog die Tokyoter Bezirksverwaltung der Sekte den Status einer religiösen Körperschaft; als Organisation verboten wurde Aum Shinrikyô vorerst allerdings nicht (vgl. Wieczorek 2000: 255). Zahlreiche Immobilien der Sekte wurden gepfändet und ein großer Teil des Vermögens der Gruppe beschlagnahmt, um Schmerzensgelder und Kompensationszahlungen an Sektenopfer leisten zu können (vgl. Kaplan 2000: 225).

Nichtsdestotrotz bestand und besteht in den Augen vieler Kommentatoren die Gefahr einer Neugruppierung der Sekte.[26] Die meisten westlichen Geheimdienste – insbesondere diejenigen der Vereinigten Staaten – mussten nach den Aum-Anschlägen des Jahres 1995 kleinlaut eingestehen, dass sie die Sekte unterschätzt oder ihre Aktivitäten gar ignoriert hatten.[27] Viele Waffen konnten nicht beschlagnahmt und etliche Finanzkanäle nicht rekonstruiert werden (vgl. Olson 2002). So kommt beispielsweise David E. Kaplan zu der Einschätzung: „Aum Shinrikyô remains a viable entity with financial resources, technical ability, and an apocalyptic ideology that still rationalizes mass murder“ (2000: 226). Seit 1997/98 verzeichnet die Aum-Gruppe wieder eine steigende Mitgliederzahl; sie lag im Juni 2000 bei geschätzten 2100 (vgl. Wieczorek 2000: 249; 255). Insbesondere in Russland soll Aum Shinrikyô in bestimmten sozialen Schichten und Milieus fest verwurzelt sein (vgl. Stern 2000: 210). Die Sekte refinanziert sich in erster Linie durch die Handelsumsätze ihrer Computerladen-Kette sowie durch die Einnahmen ihrer Verlagshäuser (vgl. Kaplan 2000: 226; Stern 2000: 210). Außerdem bietet sie in Japan eine Vielzahl von „Erziehungsseminaren“ für aktuelle Mitglieder und potenzielle Neumitglieder an (vgl. Olson 2002). Trotz ihrer Umbenennung in „Aleph“ im Januar 2000 und ein offizielles Lossagen von Asahara, trotz der Abgabe von Entschuldigungen und der Leistung von Entschädigungszahlungen an die Hinterbliebenen der Anschlagsopfer wird die Wandlung der Sekte äußerst skeptisch betrachtet – zumal Asaharas Meditations- und Yogatechniken weiterhin durchgeführt werden und er selbst nach wie vor als spiritueller Meister verehrt wird (vgl. Wieczorek 2000: 249). Im Januar 2000 stimmte schließlich die japanische Regierungskommisssion für öffentliche Sicherheit der Aufsplitterung der Sekte zu, weil dem Gremium begründete Verdachtsmomente für weitere Aum-Anschläge vorlagen (vgl. www.weltpolitik.net [13.11.2001]).

Über die bloße Chronologie der Ereignisse hinaus kamen etliche Autoren jedoch auch zu der Beurteilung, dass durch die Anschläge der Aum-Sekte gleichsam eine neue Dimension nicht-staatlicher politischer Gewalt aufgetan worden sei – Indizien für einen möglichen Paradigmenwechsel terroristischer Vorgehensweisen (siehe Abschnitt 3).

3 Was ist das Neue am new terrorism ? – Versuch einer Erläuterung und Abgrenzung

Nach dem „weltweit ersten nichtmilitärischen Einsatz von Nervengas“ (Wieczorek 2000: 249) in der Tokyoter U-Bahn im März 1995 wurden in der politikwissenschaftlichen Debatte zunehmend Stimmen laut, die einen Tabubruch und damit die Geburt eines neuen Typs von Terroristen identifizierten (vgl. exemplarisch Tucker 1996: 168). Doch gibt es wirklich so gravierende Veränderungen im Wesen des Terrorismus? Und wenn ja, welcher Art sind sie? Diesen Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden. Bei der Untersuchung des new terrorism empfiehlt es sich, ihn zunächst in Abgrenzung zum klassischen oder „traditionellen“ (Laqueur 2001: 44) Terrorismus (old terrorism) zu analysieren.

3.1 Kennzeichnung des klassischen Terrorismus

Beschäftigt man sich mit dem Begriff des traditionellen Terrorismus, so stößt man anfänglich auf das Problem der Definition des Begriffs Terrorismus überhaupt. Eine allgemein anerkannte Auslegung gibt es nicht (vgl. Waldmann 2000: 11).[28] Dies liegt darin begründet, dass (1) Terrorismus ein „sehr vielschichtiges, facettenreiches und widersprüchliches Phänomen“ (Gießmann 1997: 3)[29] darstellt, (2) in vielen Fällen nur schwer eine genaue Abgrenzung zu anderen Ereignissen (wie etwa Organisierter Kriminalität) möglich ist und (3) sich der Terrorismus in ständigem Wandel befindet (Hirschmann 2000: 45). Im Folgenden soll deshalb eine Bearbeitung des Phänomens in Anlehnung an Gießmann (1997) anhand verschiedener Analyseebenen (Ziel-, Akteurs-, Aktions- und Opferebene) vorgenommen werden.

3.1.1 Die Zielebene

Typisch für den klassischen Terrorismus ist eine Differenz zwischen dem Opfer und der eigentlichen Zielgruppe. Im Blickpunkt der Medien steht nach einem Terroranschlag zunächst das Opfer, dem aber lediglich eine „mittelnde Funktion“ (Gießmann 1997: 4) zukommt. Vielmehr soll durch Gewalt (oder deren Androhung) innerhalb der eigentlichen Adressatengruppe Furcht erzeugt (vgl. Hoffman 2001: 56; Wilkinson 1996) und sie somit zu einem veränderten Verhalten gezwungen werden (vgl. Gießmann 1997: 5). Zudem verfolgt das terroristische Kalkül das Ziel, in der jeweiligen Unterstützergruppe Sympathie zu erzeugen (vgl. Waldmann 1998: 10); demnach sind traditionelle Terroristen darum bemüht, durch ihre Anschläge zwar viel Aufmerksamkeit zu erlangen, jedoch nicht ihre Unterstützergruppe (etwa durch Gebrauch von MVW) zu verschrecken.[30] Beim traditionellen Terrorismus geht es stets um politische Ziele[31] – letztlich sollen gesellschaftliche Veränderungen herbeigeführt oder beschleunigt werden.

Gießmann (2000: 5) hebt vier Typen des politisch motivierten Terrors hervor, die er anhand der folgenden Ziele definiert:

a) „Gesellschaftspolitische Ziele innerhalb staatlicher Grenzen;
b) Gesellschaftspolitische Ziele auch außerhalb staatlicher Grenzen;
c) Internationales Agieren zur Durchsetzung von Zielen, die sich nicht auf einen Staat beschränken;
d) Internationalisierung gesellschaftspolitischer Auseinandersetzungen.“

3.1.2 Die Akteursebene

Terroristische Akteure sind nach Gießmann (1997: 6) „Personen, Gruppen oder Organisationen […], die mittels öffentlichkeitswirksamen Zwanges gegen ausgewählte, zufällige Opfer ein bestimmtes (in der Regel politisches) Verhalten Dritter zu erreichen suchen“. Traditionelle Terrorvereinigungen sind hierarchisch organisiert, verfügen über klare Formen und Strukturen und sind zumeist klein bis mittelgroß (Heine 2001: 118). Sie vertreten eine „definierte Reihe politischer, sozialer oder ökonomischer Ziele“ (Hoffman 1999: 8, Übersetzung d.V.) und folgen einem „rationalen Mittel-Zweck-Denken“ (Waldmann 1998: 28). Ihre Mitglieder können einer identifizierbaren Organisation zugeordnet werden (Hoffman 2000: 37), ihre Rekrutierungsbasis beschränkt sich auf „bestimmte, feststehende soziale, ethnische oder konfessionelle Gruppen“ (Heine 2001: 118). Das Aktionsfeld der traditionellen Terrorgruppen war auf bestimmte Länder oder Regionen beschränkt. Querverbindungen zu anderen Organisationen bestanden selten bis gar nicht. Die finanzielle Basis war relativ begrenzt, die Einnahmequelle hauptsächlich Schutzgelderpressung (Heine 2001: 118ff.).

3.1.3 Die Aktionsebene

Terroristische Anschläge sind durch bestimmte Merkmale von anderen Gewaltakten abzugrenzen. So erfolgen sie überraschend (vgl. Gießmann 1997: 7) und aus dem Untergrund (vgl. Waldmann 1998: 10). Weiterhin finden die Vorbereitung und Mittelbeschaffung verdeckt statt. Der Verlauf der Aktion geht über mehrere Stufen. Hierdurch soll dem Adressaten – unter Androhung von Folgegewalt – Gelegenheit gegeben werden, die Forderungen der Gruppe umzusetzen (vgl. Gießmann 1997: 7). Traditionelle Terroristen übernehmen in Bekennerschreiben Verantwortung für ihre Taten (vgl. Hoffman 2000: 37; 1999: 8). Andernfalls könnte ihnen der Anschlag nicht zugeordnet werden, und ihre Forderungen blieben unbeachtet.

Terroristische Angriffe sind gut organisiert und „zeichnen sich durch besondere Unmenschlichkeit, Willkür und Brutalität aus“ (Waldmann 1998: 11). Der Schockeffekt ist „zentraler Bestandteil terroristischer Logik und Strategie“ (ebd.: 12). Hierdurch soll möglichst viel Aufmerksamkeit erzeugt werden, damit die Öffentlichkeit das Ziel zur Kenntnis nimmt (ebd.). Letztlich geht es um die „Herbeiführung von Kommunikation“ (Gießmann 2000: 7) mit Hilfe der „Verlegenheitsstrategie“ Terrorismus (Waldmann 1998: 11)[32], da die Akteure keine andere Möglichkeit mehr sehen, ihrem politischen Willen Gehör zu verschaffen (vgl. Gießmann 2000: 5).

Besondere Bedeutung kommt dabei den Medien zu. So hebt Waldmann (1998: 56ff.) hervor:

„Erst die Massenmedien der Moderne sorgen dafür, dass ein einzelner Gewaltanschlag eine allgemeine Stimmung der Verunsicherung und Einschüchterung, eventuell auch der verhaltenen Zustimmung, erzeugen kann.“

So argumentiert auch Laqueur (2001: 54ff.), der klassische Terrorismus könne in seiner Eigenschaft als „Propaganda der Tat[33] […] nur durch die Einbeziehung der Medien“ Erfolge erzielen: „Die Terroristen brauchen die Medien, und die Medien finden im Terrorismus alle Zutaten für eine spannende Story“ (ebd.).

[...]


[1] Vgl. hierzu Tucker (1996: 168): „Terrorist groups have generally sought to achieve their objectives with small arms and conventional explosives. This tendency may be changing, however, with the emergence of more deadly forms of terrorism.“

[2] So gelangt Falkenrath (1998: 50-51) zu der Einschätzung: „With the important exception of Aum Shinrikyô, no non-state actor has conducted, or attempted to conduct, an effective, widespread attack with a functional NBC [nuclear, biological or chemical, d.V.] weapon“ (Herv. d.V.). Das US-amerikanische Außenministerium bilanzierte in seinem Terrorismus-Bericht des Jahres 1995 bezüglich des Saringas-Anschlags der Aum-Sekte: „In 1995, Japan suffered the world’s first large-scale terrorist chemical gas attack“ (US Department of State [Hrsg.] 1995). Marret (2000: 13) sieht hierin ebenfalls einen Präzedenzfall: „C’était le premier véritable cas d’utilisation d’agents chimiques par des terroristes.“

[3] Ein aufgrund der veränderten internationalen Sicherheitslage eingerichteter Untersuchungsausschuss des US-Senats kam bereits im November 1995 – wenige Monate nach dem Giftgas-Anschlag – zu dem Befund: „The operations of Aum involved chemical and biological research, development and production of chemical and biological weapons on a scale not previously identified with a sub-national terrorist group“ (US Senate Government Affairs Permanent Subcommittee on Investigations [i.F. US Senate] [Hrsg.] 1995).

[4] „As the first large-scale terrorist incident involving a lethal chemical agent, it weakened a long-standing psychological taboo and raised the spectre of more such incidents in the future” (Tucker 1996: 168).

[5] Vgl. zu dieser Diskussion ausführlicher Gießmann (2000), Falkenrath (1998: 41), Stern (1999: 4), Scheffer (2001), Tucker (2000: 1) sowie Zanders (1999: 21).

[6] Die folgenden Ausführungen zur Biographie Matsumotos, zur institutionellen Entwicklung der Aum-Sekte sowie zur Beschreibung ihrer terroristischen Aktivitäten entstanden in Anlehnung an die Darstellungen David E. Kaplans (Aum Shinrikyô (1995), 2000: 207-226), Iris Wieczoreks (Die Aum Shinrikyô – fünf Jahre nach dem Giftgasanschlag, 2000: 249-255) sowie Jessica Sterns (Terrorist Motivations and Unconventional Weapons, 2000: 205-210).

[7] Nähere Details zu den esoterischen Grundlagen der Aum-Praktiken finden sich in Wieczorek (2000: 250-251).

[8] „Many Aum members were young intellectuals in their twenties or thirties who were no longer capable of identifying themselves with the mainstream of Japanese society“ (Hatsumi/Reid 1995 in: Tucker 1996).

[9] Jessica Stern (2000: 206) schreibt hierzu: „A surprising number of highly educated young people were enthralled by Aum’s dramatic claims to supernatural power, its vision of an apocalyptic future, and its esoteric spiritualism.”

[10] Für die geschätzten Mitgliederzahlen von Aum Shinrikyô vgl. Kaplan (2000: 209), Thränert (1999: 11), Tucker

(1996: 168) sowie den Artikel Aum Shinrikyô. Was ist der Aum-Shinrikyô-Kult des Jüngsten Tages? unter

<http://www.weltpolitik.net/sachgebiete/Zukunft/article/592.html> (13.11.2001).

[11] Spekulationen besagen, dass der damalige Chef des russischen nationalen Sicherheitsrates und Jelzin-Bekannte Oleg Lobov großen Anteil an der Vergabe entsprechender Lizenzen an die Aum-Niederlassungen hatte (vgl. Kaplan 2000: 216; Olson 2002; Stern 2000: 207). Weitere Einzelheiten zu den Engagements der Sekte in Russland finden sich bei Kaplan (2000: 209-210).

[12] Zu den innerhalb der Aum-Organisation einflussreichsten „Ministerien“ (vgl. US Senate [Hrsg.] 1995; Kaplan 2000: 211) gehörten u.a. das „Ministerium für Wissenschaft und Technologie“ unter der Führung von Hideo Murai (nach dessen Ermordung 1995 übernommen von Masami Tsuchiya), das „Bauministerium“ unter der Leitung von Kiyohide Hayakawa, das „Ministerium für Aufklärung“ als sekteninterner Geheimdienst (Yoshihiro Inoue), das „Innenministerium“ (Tomomitsu Niimi), das „Ministerium für medizinische Behandlungen“ (Ikuo Hayashi) sowie das „Ministerium für Gesundheit und Wohlfahrt“ (Seichi Endo). Außerdem gab es ein „Ministerium für Justiz“ und ein „Ministerium für Selbstverteidigung“.

[13] Belegt sind z.B. Kooperationen mit den „Yakuza“, der japanischen Mafia (vgl. Olson 2002).

[14] Iris Wieczorek sieht in den sich ab dieser Zeit stark intensivierenden Askese-Ritualen der Sekte ein entscheidendes Momentum für die Radikalisierung von Aum Shinrikyô: „Mit dem Beginn extremer Askese begann somit auch die Gewalt in der Aum“ (2000: 252).

[15] Derartige Mordanschläge auf einzelne Gegner und Rivalen rechtfertigte Aum Shinrikyô stets damit, dass diese „Böses tun“ und man nicht umhin komme, durch die Tötung „ihrem Karma zu helfen“ (vgl. Kaplan 2000: 211).

[16] So behaupteten Aum-Vertreter etwa, Agenten der staatlichen Sicherheitsbehörden würden fortlaufend gezielte Giftgas-Attacken auf Sektenmitglieder verüben (vgl. Kaplan 2000: 222).

[17] David E. Kaplan (2000: 222) illustriert dies weiter: „The level of paranoia and anxiety within the cult was undoubtedly a contributing factor to Aum’s propensity for violence. By 1994, paranoia among Aum members had reached a dangerously high level.“

[18] Zudem spitzte sich die Situation dadurch zu, dass sich Asahara im Hinblick auf die vorhergesagte Apokalypse immer stärker in einen Beweiszwang gegenüber kritischeren Aum-Mitgliedern begab (Wieczorek 2000: 252).

[19] Nachforschungen der japanischen Polizei ergaben, dass die Sekte tatsächlich konkrete Pläne für ähnliche Attacken in Washington D.C. und New York entwickelt hatte (vgl. Kaplan 2000: 220).

[20] Es bestehen jedoch bis heute Zweifel hinsichtlich der Frage, ob das Biowaffenprogramm der Sekte – im Gegensatz zu ihrer Kompetenz bei der Herstellung chemischer Kampfstoffe – wirklich so umfangreiche und gefährliche Ausmaße annahm, wie allgemein befürchtet wurde (vgl. die Ausführungen Milton Leitenbergs in seinem Essay Aum Shinrikyo’s Efforts to Produce Biological Weapons: A Case Study in the Serial Propagation of Misinformation [2000: 156]: „The Aum utterly and totally failed [in the production of biological weapons, d.V.], after no small expenditure of time and money.“).

[21] Laut einer Schätzung des United Nations Office for Drug Control and Crime Prevention aus dem Jahr 2001 hätte die damals gefundene Menge an Chemikalien bei effizienter Ausbringung und Verteilung bis zu 4,2 Millionen menschliche Todesopfer fordern können (ODCCP 2001).

[22] Die tatsächliche, insgesamt produzierte Sarin-Menge wird auf 30 Kilogramm geschätzt; die Sekte hatte dagegen geplant, langfristig bis zu 70 Tonnen des hochtoxischen Nervengases einzulagern. Andere Gassorten wurden von Aum Shinrikyô jedoch nach wie vor bei Mordanschlägen auf Richter, Staatsanwälte, Rechtsanwälte, Journalisten und Dissidenten verwendet (vgl. Kaplan 2000: 214).

[23] Jonathan B. Tucker bezeichnet die Saringas-Attacke als „the first large-scale terrorist use of a lethal chemical agent against unarmed civilians“ (1996). Der Forscher Kyle B. Olson von der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC nennt die Ereignisse des 20. März 1995 „a wake-up call to the world regarding the prospects of weapons of mass destruction and terrorism“ (2002). Jedoch gab es auch neben den Anschlägen der Aum-Sekte einzelne Zwischenfälle mit biologischen und/oder chemischen Kampfstoffen (vgl. zum Folgenden Thränert 1999 sowie Tucker 1996: 169-170). 1984 versuchten zwei Mitglieder der Bhagwan-Sekte im US-Bundesstaat Oregon, durch die Verseuchung von Salatbars mit Salmonellen den Ausgang einer lokalen Wahl zu beeinflussen (vgl. hierzu auch Broad/Engelberg/Miller 2001: 15ff.). Im März 1995 wurden zwei Rechtsradikale im US-Bundesstaat Minnesota für schuldig befunden, Morde an US-Beamten mit Hilfe des Toxins Ricin geplant zu haben. Im Mai 1995 wurde der Rechtsradikale Larry Wayne Harris verhaftet, nachdem er unter Vorspiegelung falscher Tatsachen bei einer universitären Mikroorganismen-Sammlung Pestbakterien zu bestellen versucht hatte. Im Februar 1998 wurde er erneut verhaftet – wegen Besitzes von Milzbrandbakterien. Im Dezember 1995 nahmen die Zollbehörden einen US-Bürger in Gewahrsam, der versucht hatte, 130 Gramm Ricin von Alaska aus nach Kanada einzuschmuggeln. Im Mai 1997 schließlich wurden fünf Mitglieder der islamistischen Vereinigung GIA von der britischen Polizei festgenommen, weil sie Vorprodukte zur Herstellung von Sarin mit sich geführt hatten.

[24] Bei einem Binärsystem werden zwei zumeist nicht unmittelbar toxische Ausgangssubstanzen (in diesem Fall: Kaliumcyanid und Schwefelsäure) durch eine Sprengzündung aus getrennten Behältern zur Mischung gebracht, wobei sich ein hochgiftiges Reaktionsprodukt bildet (in diesem Fall beabsichtigt: Blausäure).

[25] Der größte Zugriff erfolgte am 17. März 1995 in der Nähe der Sarin-Fabrik „Satyan 7“, die – wie sich später herausstellte – für die Produktion von mehreren Tausend Tonnen Sarin pro Jahr konzipiert worden war (vgl. Olson 2002). Von den anfangs rund 400 Festgenommenen wurden 192 Sektenmitglieder schwererer Verbrechen sowie 41 des Mordes oder Mordversuchs angeklagt (vgl. Kaplan 2000: 225). Auch später noch stellten Fahnder umfangreiche Waffensammlungen der Sekte sicher, so z.B. im September 1996, als die Polizei auch auf mehrere Gramm reinen VX-Gas-Extrakts stieß (VX ist noch um ein Vielfaches toxischer als klassische Nervengase wie Sarin, Tabun oder Soman). Außerdem fanden die Beamten 160 Zuchtbehälter mit Sporen des Bakteriums Clostridium Botulinum (vgl. Stern 2000: 210).

[26] David E. Kaplan (2000: 225) fasst die Diskussion bündig zusammen: „Concern remains among analysts in both Japan and the United States that Aum continues to pose a serious terrorist threat.“

[27] Vgl. den Bericht des US Senate Government Permanent Subcommittee of Investigations vom November 1995: „They were simply not on our radar screen“ (siehe hierzu auch Kaplan 2000: 224; Stern 2000: 210).

[28] Vorhanden sind jedoch einzelne, gebräuchliche Definitions versuche zum Terrorismusphänomen. So bezeichnet das US State Department terroristische Handlungen als „vorsätzliche, politische Gewaltakte gegen Zivilisten (Non-Kombattanten), die von substaatlichen Gruppen oder im Geheimen agierenden Zirkeln verübt werden“.

[29] So auch Laqueur (2001: 101): „Nie gab es einen Terrorismus per se, sondern immer nur unterschiedliche Terrorismen.“ In ähnlicher Absicht fragt Sofsky (2001: 26): „Und dennoch, lässt sich – sine ira et studio und abseits der eingefahrenen Diskurse – aus der Vielzahl der Tatbestände ein analytisch brauchbarer Begriff herauspräparieren, eine universale Struktur der Terrorgewalt?“

[30] Vgl. hierzu in Bezug auf Linksterroristen Hoffman (2001: 211). Auch Falkenrath (1998: 52) hebt hervor, „that mass casualties undermine political support“.

[31] Auf den Punkt bringt dies Hoffman (2001: 15): „Der Terrorismus ist im weithin akzeptierten heutigen Sprachgebrauch prinzipiell und seiner ganzen Natur nach eine politische Angelegenheit. […] Gewalt wird zugunsten oder im Dienste eines politischen Ziels benutzt und eingesetzt.“

[32] So auch Hirschmann (2000: 45): „It is a strategy of ‚the weak against the apparently strong‘”.

[33] Zur entsprechenden Begrifflichkeit vgl. Hoffman (2001: 19).

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Terrorismus im Wandel: die Weltuntergangssekte Aum Shinrikyô als Fallbeispiel und Wegbereiter eines neuen terroristischen Paradigmas?
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Politische Wissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
47
Katalognummer
V182608
ISBN (eBook)
9783656061823
ISBN (Buch)
9783656061540
Dateigröße
1255 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
terrorismus, wandel, weltuntergangssekte, shinrikyô, fallbeispiel, wegbereiter, paradigmas
Arbeit zitieren
Dipl.-Pol., MSc (IR) Jan-Henrik Petermann (Autor), 2002, Terrorismus im Wandel: die Weltuntergangssekte Aum Shinrikyô als Fallbeispiel und Wegbereiter eines neuen terroristischen Paradigmas?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182608

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