Zur Retraditionalisierung der Lebensverläufe von Frauen durch Mutterschaft

Hintergründe und Widersprüchlichkeiten


Masterarbeit, 2008
139 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG
1.1 PROBLEMSKIZZE UND ZIELSETZUNG DER ARBEIT
1.2 AUFBAU DER ARBEIT

2 DIE VERÄNDERUNG WEIBLICHER LEBENSVERLÄUFE
2.1 SOZIOSTRUKTURELLE VERÄNDERUNGEN
2.2 BILDUNGSVERLÄUFE VON FRAUEN
2.3 ERWERBSTÄTIGKEIT
2.4 SELBSTVERSTÄNDNIS VON FRAUEN

3 MUTTERSCHAFT ALS WENDEPUNKT FÜR DIE WEIBLICHE BIOGRAFIE
3.1 TRADITIONELLE ARBEITSTEILUNG UND WERTHALTUNGEN DER ÖSTERREICHERINNEN
3.2 RETRADITIONALISIERUNG DURCH DIE GEBURT VON KINDERN

4 GRÜNDE FÜR RETRADITIONALISIERUNGSEFFEKTE
4.1 DAS LEITBILD DER GUTEN MUTTER
4.1.1 BEGRIFFSDEFINITION
4.1.2 HISTORISCHE ENTWICKLUNG DES MUTTERBILDES
4.1.3 EINSTELLUNGEN DER ÖSTERREICHERINNEN ZUR GUTEN MUTTER
4.2 MÄNNLICHES ROLLENVERSTÄNDNIS UND BETEILIGUNG DER VÄTER
4.2.1 MÄNNLICHES ROLLENVERSTÄNDNIS
4.2.2 BETEILIGUNG DER VÄTER IN HAUSARBEIT UND ERZIEHUNG
4.2.3 VÄTER ZWISCHEN BERUF UND FAMILIE
4.3 FAMILIENPOLITIK ALS ENTSCHEIDENDES STEUERUNGSINSTRUMENT
4.3.1 BEGRIFFSDEFINITION
4.3.2 FAMILIENPOLITIK IN SCHWEDEN VS. ÖSTERREICH/DEUTSCHLAND
4.3.3 FAMILIENPOLITIK UND DIE AUSWIRKUNGEN AUF WERTHALTUNGEN & GEBURTENZAHLEN
4.4 KINDERBETREUUNGSMÖGLICHKEITEN
4.4.1 STRUKTUR DER KINDERBETREUUNG IN ÖSTERREICH
4.4.2 KINDERBETREUUNGSANGEBOT IN ÖSTERREICH
4.5 EINKOMMENSUNTERSCHIEDE ZWISCHEN MÄNNERN UND FRAUEN

5 AUSWIRKUNGEN DER RETRADITIONALISIERUNGSEFFEKTE
5.1 AUSWIRKUNGEN AUFGRUND VON UNTERBRECHUNG DER ERWERBSTÄTIGKEIT
5.2 TEILZEITARBEIT ALS INSTRUMENT ZUR VEREINBARKEIT VON FAMILIE UND BERUF
5.3 AUSWIRKUNG AUF DIE WEITERBILDUNGSBETEILIGUNG

6 WIDERSPRÜCHE IM WEIBLICHEN LEBENSVERLAUF

7 METHODOLOGIE DER EMPIRISCHEN UNTERSUCHUNG
7.1 ZIEL UND FRAGESTELLUNG DER UNTERSUCHUNG
7.2 DAS QUALITATIVE INTERVIEWVERFAHREN
7.3 DAS PROBLEMZENTRIERTE INTERVIEW
7.3.1 INSTRUMENTE DES PROBLEMZENTRIERTEN INTERVIEWS
7.3.2 KOMMUNIKATIONSSTRATEGIEN IM PROBLEMZENTRIERTEN INTERVIEW

8 DIE DURCHFÜHRUNG DER DATENERHEBUNG
8.1 DIE ERSTELLUNG DES INTERVIEWLEITFADENS
8.2 KRITERIEN ZUR AUSWAHL DER INTERVIEWPARTNERINNEN
8.3 KONTAKTAUFNAHME MIT DEN INTERVIEWPARTNERINNEN
8.4 DIE INTERVIEWS
8.5 MERKMALE DER INTERVIEWTEILNEHMERINNEN

9 DIE AUSWERTUNG DER DATEN
9.1 DIE TRANSKRIPTION
9.2 DAS ANALYSEVERFAHREN

10 DARSTELLUNG UND INTERPRETATION DER ERGEBNISSE
10.1 KURZE FALLBESCHREIBUNG DER INTERVIEWPARTNERINNEN
10.2 DARSTELLUNG DER EMPIRISCHEN ERGEBNISSE
10.2.1 BEDEUTUNG DER BERUFSTÄTIGKEIT
10.2.2 VERÄNDERUNG DES ALLTAGS
10.2.3 FAMILIALE ARBEITSTEILUNG
10.2.4 KINDERBETREUUNG
10.2.5 MUTTERBILDER
10.2.6 LEBENSZIELE DER FRAUEN
10.3 ZUSAMMENFASSUNG UND INTERPRETATION DER DATEN
10.3.1 BEDEUTUNG DER BERUFSTÄTIGKEIT
10.3.2 VERÄNDERUNG DES ALLTAGS
10.3.3 FAMILIALE ARBEITSTEILUNG
10.3.4 KINDERBETREUUNG
10.3.5 MUTTERBILDER
10.3.6 LEBENSZIELE DER FRAUEN

11 SCHLUSSBETRACHTUNG

12 VERZEICHNISSE
12.1 LITERATURVERZEICHNIS
12.2 ABBILDUNGSVERZEICHNIS

1 Einleitung

1.1 Problemskizze und Zielsetzung der Arbeit

In den letzten Jahrzehnten kam es zu weitreichenden Veränderungen im Leben von Frauen. Frauenleben sind vielfältiger geworden, ein selbstbestimmtes Leben und ein eigener Lebensentwurf sind für Frauen selbstverständlich geworden. Ebenso selbstverständlich sind für Frauen eine qualifizierte Ausbildung und die berufliche Unabhängigkeit geworden. Ein höheres Bildungsniveau sowie eine erhöhte Erwerbsbeteiligung haben zu neuen Rollenvorstellungen von Frauen geführt. Junge Frauen sehen sich als emanzipiert und Männern gleichgestellt, die Lebensverläufe von Frauen haben sich in den letzten Jahrzehnten jenen der Männer angeglichen.

Mit der Geburt von Kindern gehen die Lebensverläufe von Männern und Frauen jedoch weit auseinander. Denn spätestens hier leben Frauen wieder verstärkt traditionelle Lebensmuster. Die traditionelle familiale Arbeitsteilung, die den Mann als Ernährer ausweist und die Frau als zuständig für die Familie, lebt mit der Geburt von Kindern wieder auf, es kommt zu einer Retraditionalisierung. Frauen, die vormals beruflich unabhängig waren und selbständig Entscheidungen getroffen haben, finden sich vielfach in einem „Dasein“ für andere wieder.

Die vorliegende Masterarbeit befasst sich mit Hintergründen dieser Retraditionalisierungseffekte. Es soll gezeigt werden, welche Gründe für die Retraditionalisierung genannt werden können und welche Auswirkungen dies auf das Leben von Frauen hat.

Das Ziel der empirischen Untersuchung ist ein Blick auf das subjektive Erleben von Akademikerinnen. Dabei soll untersucht werden, inwieweit sich das „eigene“ Leben von Frauen durch Mutterschaft verändert. Es wird die Frage gestellt, ob durch die Geburt von Kindern eine Retraditionalisierung der Lebensentwürfe stattfindet und es wird danach gefragt, wie Frauen die Veränderungen des Alltags für sich erleben.

1.2 Aufbau der Arbeit

Zu Beginn des Theorieteils (Kapitel 2) wird dargestellt, welche Veränderungen in den Lebensverläufen von Frauen zu verzeichnen sind. Es werden Veränderungen auf soziostruktureller Ebene, auf der Ebene der Bildungs- und Erwerbstätigkeit aufgezeigt sowie das Selbstverständnis von Frauen hinsichtlich ihres Lebensentwurfes beschrieben.

Mit Mutterschaft ist ein Umbruch im Lebensverlauf und in der Biographie von Frauen verbunden. Die familiale Arbeitsteilung und Rollenaufteilung verändern sich, Frauen leben verstärkt traditionelle Muster. Das dritte Kapitel beinhaltet eine Definition der traditionellen Arbeitsteilung sowie die Einstellungen der ÖsterreicherInnen zu dieser. Weiters wird auf den Prozess der Retraditionalisierung und dessen Bedeutung für die Frauen eingegangen.

Es kann viele Gründe dafür geben, dass zum größten Teil Frauen in Karenz gehen bzw. Erziehungsurlaub in Anspruch nehmen. Im vierten Kapitel werden ausführlich Gründe für Retradtionalisierungseffekte diskutiert. Dabei wird auf das Leitbild der guten Mutter sowie auf das Rollenverständnis der Männer als Väter näher eingegangen. Ebenso werden strukturelle und gesellschaftliche Faktoren wie die Familienpolitik, Kinderbetreuung und Einkommensunterschiede zwischen den Geschlechtern betrachtet.

Aufgrund der Erwerbsunterbrechung entstehen Nachteile für Frauen. Kapitel 5 setzt sich mit Auswirkungen der Retraditionalisierungseffekte auf das Leben von Frauen auseinander. Dabei wird auf ökonomische Aspekte, auf Aspekte der Teilzeitarbeit und die Weiterbildungsbeteiligung eingegangen.

Im sechsten und letzten Kapitel des Theorieteils werden Widersprüche im Leben von Frauen thematisiert. Trotz der vielfältigen gesellschaftlichen Veränderungen kam es kaum zu Veränderungen im familiären Bereich. In diesem Kapitel sollen als Zusammenfassung des Theorieteils die widersprüchlichen Erwartungen und das Spannungsfeld gezeigt werden, in dem sich Frauen befinden, wenn sie Mütter werden.

An den Theorieteil der Masterarbeit schließt sich die empirische Untersuchung an. Für die Untersuchung wurde ein qualitatives Interviewverfahren gewählt. Grundpositionen und Instrumente des problemzentrierten Interviews werden in Kapitel 7 erläutert.

In weiterer Folge wird die Durchführung der Datenerhebung beschrieben. Ihm Rahmen der Untersuchung wurden vier Frauen interviewt. Das achte Kapitel gibt einen Einblick in die Erstellung des Interviewleitfadens, Kriterien zur Auswahl der Interviewpartnerinnen und beschreibt die Durchführung der Interviews.

Das Datenmaterial wurde mittels der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring analysiert. Kapitel 9 beschreibt die Technik der inhaltlichen Strukturierung.

Im nächsten Kapitel werden die Ergebnisse der Untersuchung dargestellt. Anhand einer kurzen Fallbeschreibung der Interviewpartnerinnen werden diese vorgestellt. Danach folgt die Darstellung der Ergebnisse anhand der Kategorien des Interviewleitfadens. In einem nächsten Schritt werden die erhobenen Daten noch einmal zusammengefasst.

Das letzte Kapitel beinhaltet eine Zusammenfassung der Masterarbeit. In einer Schlussbetrachtung werden die wichtigsten Ergebnisse dargestellt.

2 Die Veränderung weiblicher Lebensverläufe

Für Frauen hat sich in den letzten Jahrzehnten ein tief greifender gesellschaftlicher Wandel vollzogen. Das Selbstverständnis von Frauen, ihre Lebensperspektiven und Optionen sowie Rollenvorstellungen haben sich in den letzten Jahrzehnten sehr stark verändert. Frauenleben sind vielfältiger und komplexer geworden. Eine eindeutige Rollenfestlegung auf die der Ehefrau und Mutter ist dem Selbstverständnis einer eigenen Lebensperspektive gewichen.

Veränderungen finden sich sowohl auf soziostruktureller Ebene als auch im Bereich der Bildungs- und Erwerbsbeteiligung. Zu Beginn des Kapitels wird auf soziostrukturelle Veränderungen in der Gesellschaft eingegangen. In weiterer Folge wird beschrieben, wie sich Bildungsverläufe und die Erwerbstätigkeit von Frauen gestalten. Ein Blick auf die Vorstellungen von Frauen bezüglich Familie und Berufstätigkeit runden dieses Kapitel ab. Wenn im Folgenden auf Veränderungen eingegangen wird, so werden Veränderungen in Österreich und Deutschland dargestellt und ebenso Statistiken aus beiden Ländern eingearbeitet. Dies ist möglich, da sich die Situation in Österreich und Deutschland sehr ähnlich gestaltet.

2.1 Soziostrukturelle Veränderungen

Im familiären und öffentlichen Bereich sind Frauen in Deutschland seit 1977 den Männern rechtlich gleichgestellt. Bis 1977 war die Zuständigkeit der Frauen für Hausarbeit und Familie gesetzlich geregelt. Mit Einführung des Gesetzes konnten sich Frauen frei entscheiden, ob sie erwerbstätig sein möchten, sich in Ehe und Familie investieren oder beide Bereiche vereinbaren möchten. Die elterliche Sorge für die Kinder obliegt seitdem Vater und Mutter (vgl. Beck 1986, S. 165).

Die Mutterrolle ist nicht mehr Schicksal einer Frau, sie bestimmt nicht mehr über das Leben dieser. Durch die gestiegene Lebenserwartung der Frauen auf durchschnittlich 82,7 Jahre (vgl. Statistik Austria 2007, S. 4) verfügen diese heute über rund 35 Jahre, die nicht mit der traditionellen Mutterrolle ausgefüllt sind, das ist etwa ein Viertel der gesamten Lebenszeit. Eine Investition in Ehe und Mutterschaft wird für Frauen somit nur noch zu einer Investition in einen bestimmten Lebensabschnitt. Um ein selbstbestimmtes und selbstverantwortetes Leben führen zu können, ist für Frauen eine qualifizierte Ausbildung und berufliche Unabhängigkeit von Bedeutung, gerade im Hinblick auf die abnehmende Bedeutung der Mutterrolle (vgl. Henry-Huthmacher 2002, S. 10).

In Österreich erhöhte sich das Erstheiratsalter in den letzten 30 Jahren kontinuierlich. Während 1975 das mittlere Erstheiratsalter bei Frauen 22 Jahre und bei Männern 25 Jahre betrug, sind Frauen im Durchschnitt derzeit bei der Erstheirat 28,6 Jahre und Männer 31,4 Jahre alt (vgl. Statistik Austria 2007, S. 6). Gründe für das Hinausschieben der Eheschließung können in der Verbreitung neuer Lebensformen wie das Zusammenleben als unverheiratetes Paar, Alleinerzieherinnen und Single-Haushalte gesehen werden. Zudem bleiben Frauen länger im Bildungs- und Ausbildungssystem und konzentrieren sich zunächst auf einen erfolgreichen Berufseinstieg und den Aufbau einer unabhängigen Existenz.

Österreich hat, wie andere hoch industrialisierte Länder auch, einen Geburtenrückgang zu verzeichnen. Von 1,53 Kindern pro Frau in den 1980er Jahren sanken die Geburten auf 1,38 Kindern pro Frau (vgl. Statistik Austria 2008, Statistiken Geburt). Ebenso wird die Familiengründungsphase zunehmend nach hinten verlagert, das durchschnittliche Alter der Frauen bei der Erstgeburt ist in den letzten Jahren angestiegen. Waren 1985 Frauen bei der ersten Geburt im Durchschnitt 24 Jahre alt, hat sich das das Erstgeburtsalter der Frauen im Jahr 2006 auf durchschnittlich 27,9 Jahre erhöht (vgl. Schipfer 2007, S. 13).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Durchschnittslebensläufe der Bildungsmehrheiten 1960 und 2000 (vgl. Krüger 2006, S. 8)

Abbildung 1 veranschaulicht, wie sich zwischen 1960 und 2000 die Eheschließung und die Geburt des ersten Kindes nach hinten verschoben haben. Wie bereits erwähnt, investieren Frauen wie auch Männer heute länger in die Ausbildung. Weiters zeigen sich Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt. Die sichere Erwerbskarriere auf Basis des gelernten Berufes ist nicht mehr gewährleistet. Laut Krüger hat dies zur Folge, dass sich immer weniger Männer die Ernährerrolle und Familiengründung zutrauen (vgl. Krüger 2006, S. 8).

2.2 Bildungsverläufe von Frauen

„Mädchen auf der Überholspur“. So lautete das Ergebnis der 15. deutschen ShellJugendstudie im Bereich Bildung. Demnach zeigt sich, dass „junge Frauen im Bereich der Schulbildung die jungen Männer überholt [haben] und auch zukünftig häufiger höherwertige Bildungsabschlüsse an[streben]“ (Deutsche Shell 2006, Jugendstudie 2006). 2006 planten 55% der befragten Mädchen das Abitur als Schulabschluss, hingegen nur 47% der Jungen. Nimmt man Abitur und Fachholschulreife zusammen - beides Abschlüsse, die in Deutschland ein Studium ermöglichen - ergibt sich ein Bild von 59% der Mädchen und 53% der Jungen, die diese Abschlüsse anstreben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Mädchen auf der Überholspur (vgl. Deutsche Shell 2006)

Auch in Österreich ist das Bildungsniveau der Frauen in den letzten Jahrzehnten stärker gestiegen als jenes der Männer. Die Bildungsexpansion in den 1960er Jahren trug dazu bei, dass den breiten Bevölkerungsschichten der Zugang zum Bildungswesen eröffnet wurde. Somit konnte ein nachhaltiger Strukturwandel eingeleitet werden. Hatten 1971 noch 5% der Frauen einen Matura-Abschluss, waren es 2006 bereits 14%. Bei den Männern stieg der Abschluss der Matura von 7% auf 14% und liegt damit gleich hoch wie bei den Frauen (vgl. Statistik Austria 2007, S. 12).

Beim Zugang zum Universitätsstudium an wissenschaftlichen Universitäten und Universitäten der Künste haben Frauen seit den 1960er Jahren ebenso massiv aufgeholt. Im Studienjahr 1960/61 waren noch 25,9% der Studierenden weiblich. 2005/06 betrug der Frauenanteil der Studierenden bereits 53,6% (vgl. Statistik Austria 2007, S. 66).

Prinzipiell stehen beiden Geschlechtern alle Ausbildungsrichtungen offen, in den berufsbildenden Schulen und der Lehrlingsausbildung ist aber eine starke geschlechtsspezifische Segregation erkennbar. Auch bei der Studienwahl zeigen sich geschlechtsspezifische Unterschiede. Frauen favorisieren weiterhin die Geisteswissen- schaften: 2004/2005 waren 71% der AbsolventInnen in den Geisteswissenschaften weiblich. Technische Studiengänge hingegen werden weiterhin von Männern dominiert: 2004/05 waren 81% der Studienabgänger männlich (vgl. ebd., S. 15). Für Frauen ist zwar innerhalb der letzten Jahrzehnte eine Orientierung auf den Beruf sowie Bildung selbstverständlich geworden, weder von den Frauen selbst, noch von der Gesellschaft wird dies in Frage gestellt. Allerdings zeigt sich in der Berufswahl, dass sich die geschlechtsspezifische Segmentierung der Arbeitswelt hartnäckig hält und Frauen sich weiterhin für „frauentypische“, oft schlechter bezahlte, Berufe entscheiden. Welche Folgen das für Frauen haben kann, darauf wird in dieser Arbeit in späterer Folge eingegangen.

2.3 Erwerbstätigkeit

Die Erwerbsbeteiligung der Frauen, besonders die Erwerbsbeteiligung von Müttern, ist in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen. Es konnte in den letzten Jahrzehnten bei den Frauen nahezu aller Bildungsstufen eine stark zunehmende Erwerbsbeteiligung beobachtet werden. Die erhöhte Erwerbsbeteiligung macht deutlich, wie sehr sich die Frauenrolle in den letzten Jahrzehnten gewandelt hat.

Während sich in Österreich die Erwerbsquote der Männer (bezogen auf die Wohnbevölkerung im Alter von 15-64 Jahren) von 1981 bis 2001 leicht verringerte, kam es für die Frauen in dieser Zeit zu einem Anstieg. 1981 lag die Erwerbsquote für Frauen bei 54% und stieg 2001 auf über 60% an (vgl. Abb. 3). Fünf Jahre später erhöhte sich die Erwerbsquote für Frauen weiter und lag bei 64%, im Vergleich zu 77% bei den Männern (vgl. Statistik Austria 2007, S. 18).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Veränderung der Erwerbsquoten (vgl. Wernhart/Neuwirth 2007, S. 8)

Dass auch Mütter stärker am Erwerbsleben teilhaben wird daraus ersichtlich, dass 2006 76% der Frauen (im Alter von 15 bis 59 Jahren) mit Kindern erwerbstätig waren. Im Vergleich dazu waren es 1971 erst 44% (vgl. Statistik Austria 2007, S. 20).

Verändert hat sich in den letzten Jahrzehnten auch die Struktur der weiblichen Erwerbstätigkeit. 1951 arbeiteten noch mehr als ein Drittel der erwerbstätigen Frauen als Bäuerinnen oder als mithelfende Familienangehörige in der familieneigenen Landwirtschaft, 2006 waren es nur noch 5%. Im selben Zeitraum erhöhte sich der Anteil der unselbständig erwerbstätigen Frauen von 55% auf 89%. Der Anteil der Arbeiterinnen verringerte sich von 37% auf 20%, 69% aller erwerbstätigen Frauen waren 2006 Angestellte oder Beamtinnen (1951: 17%). 81% der erwerbstätigen Frauen arbeiteten 2006 im Dienstleistungssektor (vgl. Statistik Austria 2007, S. 25f.).

Obwohl die Erwerbsbeteiligung von Frauen zugenommen hat, kommen noch immer bestehende unterschiedliche Hierarchieebenen von erwerbstätigen Männern und Frauen bei der Betrachtung des Frauenanteils zustande. Generell kann gesagt werden, dass mit steigender beruflicher Qualifikation der Frauenanteil abnimmt. Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass es z.B. bei AkademikerInnen trotz gleicher Bildungschancen zu hierarchischen Unterschieden kommt. Während 39% der Frauen mit Universitätsabschluss in hochqualifizierten oder führenden Positionen in der Privatwirtschaft oder im öffentlichen Dienst tätig sind, finden sich 55% der (männlichen) Absolventen in diesen Positionen wieder (vgl. Statistik Austria 2007, S. 29f.).

An Universitäten sind Frauen als Lehrende unterrepräsentiert, auch wenn der Anteil an Studentinnen mittlerweile höher ist als der der Studenten. Auch hier gilt: Je höher in der Hierarchie, umso geringer der Frauenanteil. Zwar ist der Frauenanteil an Lehrenden von 13,5% (1960/61) auf 28,5% (2005/06) gestiegen. Der Anteil der Universitätsprofessorinnen ist jedoch nur von 2% im Studienjahr 1960/61 auf 14% im Studienjahr 2005/2006 gestiegen (vgl. Statistik Austria 2007, S. 66).

Diese Zahlen zeigen, dass sich für Frauen sehr viel verändert hat und dass Frauen Zugang zu Bildung und Beruf haben und diesen nutzen. Aber sie zeigen auch, dass es - trotz juristischer Gleichheit - noch lange dauern wird, bis eine berufliche Gleichstellung beider Geschlechter erreicht ist.

Welche Bedeutung hat die Erwerbstätigkeit für den weiblichen Lebenslauf? Für Frauen bedeutet dies einerseits finanzielle Unabhängigkeit. Das selbstverdiente Geld erlaubt die Erfüllung eigener Wünsche und Pläne. Im Gegensatz zur unbezahlten Hausarbeit zeigt die Erwerbstätigkeit den Wert der eigenen Leistung unmittelbar auf. Wenn Frauen zum Haushaltseinkommen beitragen, wird ihre Position in familialen Entscheidungsprozessen gestärkt. Andererseits finden sich positive Auswirkungen auf persönlicher Ebene, Frauen erhalten Selbstbestätigung und Selbstbewusstsein. Nicht zu unterschätzen ist auch die „Teilhabe am gesellschaftlichen Leben“, das Gefühl, etwas „Sinnvolles“ zu tun (vgl. Beck- Gernsheim 2006, S. 93).

2.4 Selbstverständnis von Frauen

Die Veränderungen in Bildung und Beruf haben das Selbstverständnis junger Frauen beeinflusst. Diese haben ein anderes Bild von sich selbst als noch ihre Mütter. Ergebnisse der Deutschen Shell Jugendstudie aus dem Jahr 2000 zeigen, dass sich Frauen in der heutigen Zeit als emanzipiert und Männern gleichgestellt sehen. Sie sind ehrgeizig und selbstbewusst. „Karriere machen“, „sich selbständig machen“ und „Verantwortung übernehmen“ ist für sie ebenso wichtig wie für junge Männer (vgl. Keddi 2004, S. 378).

Dies bestätigt auch ein Artikel des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ mit dem Titel „Mein Kopf gehört mir“, in welchem ein Bild von progressiven jungen Frauen gezeichnet wird. In der Einleitung heißt es: „Sie sind pragmatischer als ihre Mütter, sie sind ehrgeiziger, zielstrebiger, gebildeter als die Männer. Sie glauben nicht mehr an die Versorgung durch die Ehe, sondern an den Erfolg. Eine junge Frauengeneration macht sich auf den Weg an die Macht - und lässt die Männer hinter sich“ (Supp et.al 2007, S. 56). In diesem Artikel wird diese neue Generation von jungen Frauen als Alpha-Mädchen - im Englischen „Alpha Girls“ - bezeichnet. Dieser Ausdruck geht zurück auf Dan Kindlon, einen Kinderpsychologen an der Harvard Universität, der 2006 ein gleichnamiges Buch über eine neue Generation von jungen amerikanischen Frauen geschrieben hat.

„Alpha Girls“ sind für Kindlon junge Frauen mit Führungsqualitäten. Ein „Alpha Girl“ ist seiner Definition nach talentiert, hochmotiviert und selbstbewusst. Es fühlt sich nicht beeinträchtigt durch das Geschlecht, sondern definiert sich zuerst als Person und dann als Frau. Themen wie „sex“ (Anm.d.Verf.: biologisches Geschlecht) und „gender“ (Anm.d.Verf.: soziales Geschlecht), Abhängigkeit und Unabhängigkeit, Dominanz und Unterordnung sind für ein „Alpha Girl“ nicht von Belang dafür, wie es sich selbst in der Welt sieht und seine Rolle in der Welt einnimmt (vgl. Kindlon 2006, S. xvi). Selbstbewusst gehen „Alpha Girls“ davon aus, dass ihre Leistungen zählen und dass sie anerkannt werden (vgl. Kindlon 2006, S. 177).

Dass sich dieser Trend auch in Deutschland niederschlägt, zeigt eine Umfrage des Magazins „Der Spiegel“: 376 Frauen zwischen 18 und 29 Jahren wurden nach ihren Lebensentwürfen befragt. Danach möchten 81 Prozent beruflich mehr erreichen als ihre Mütter. Was die partnerschaftliche Aufgabenteilung betrifft, ist es für 96 Prozent der Frauen sehr wichtig, dass sich Frau und Mann die Arbeit im Haushalt und bei der Kindererziehung möglichst gerecht teilen (vgl. Supp et al. 2007, S. 66). Es bleibt abzuwarten, ob es den jungen Frauen tatsächlich gelingen wird, ihre Vorstellungen einer gleichberechtigten familialen Arbeitsteilung umzusetzen.

Als Folge der strukturellen Veränderungen in der Gesellschaft hat sich die Lebensplanung von Frauen in den letzten Jahrzehnten verändert. Beruf und Familie, und die Vereinbarung beider Bereiche, sind für Frauen selbstverständlich geworden. Frauen möchten beides. Aber welche Vorstellungen haben Frauen von Beruf und Familie? Was bedeuten ihnen diese Bereiche? Welche Wünsche haben Frauen hinsichtlich ihres Lebensentwurfes?

Die eigene Berufstätigkeit ist für Frauen selbstverständlich geworden. Erwerbstätig zu sein bedeutet nicht nur finanzielle Unabhängigkeit, sondern auch die Verwirklichung der Persönlichkeit. Für 84% der Frauen bedeutet der Beruf persönliche Unabhängigkeit, 58% der Frauen möchten sich durch den Beruf persönlich verwirklichen (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2006, S. 6). Frauen möchten sich aber nicht ausschließlich auf ihre berufliche Karriere konzentrieren, Familie und Kinder spielen noch immer eine große Rolle. Im Konfliktfall hat für 67% der Frauen die Familie Vorrang vor dem Beruf. Nur noch 5% der Frauen können sich vorstellen, auf Dauer ausschließlich Hausfrau und Mutter zu sein (vgl. Abb. 4).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Was Frauen über Familie und Beruf denken (vgl. BMFSFJ, Monitor Familienforschung 2006, S. 6)

In der Shell-Jugendstudie aus dem Jahr 2006 stellte Klaus Hurrelmann fest, dass 80% der jungen Frauen in Deutschland später Beruf und Familie vereinbaren möchten. Betreffend der Bereitschaft der Geschlechter, sich auf ein flexibles Rollenmodell einzulassen, stellte er allerdings auch fest, dass diese Bereitschaft bei Männern und Frauen unterschiedlich ausgeprägt ist. Klaus Hurrelmann nennt dies die ‚40/80 Katastrophe’: Mehr als die Hälfte der jungen Männer wünschen sich eine traditionelle Partnerschaft mit einer Ehefrau, die ihnen später den Rücken freihält. Nur 40 Prozent der Männer können sich eine Partnerschaft mit einer gleichberechtigten Aufgabenteilung vorstellen. Wenn aber 80 Prozent junger Frauen mit einer Vorstellung einer modernen Partnerschaft auf 40 Prozent junger Männer mit einer Vorstellung einer traditionellen Partnerschaft aufeinandertreffen, stellt sich die Frage, was die anderen 40 Prozent ohne modernen Mann machen. Klaus Hurrelmann ist der Meinung, dass sich ein paar Frauen zu einem traditionellen Lebensmodell ‚hinüberziehen lassen’, die meisten sich aber auf ihren Beruf und die Karriere konzentrieren werden. Fraglich hierbei ist, wie haltbar Ehen mit solch unterschiedlichen Werten und Einstellungen sind (vgl. Hurrelmann, zit.n. Supp et al. 2004, S. 69f.).

Eine Studie von Gabriele Körner zu Berufswahl, Lebensentwurf und Geschlecht bestätigte, dass Frauen und Männer hinsichtlich Familie und Vereinbarkeit unterschiedliche Vorstellungen haben. Gabriele Körner befragte 101 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 13 zu ihrer Berufswahlentscheidung und ihrem Lebensentwurf. Die jungen Männer, die sie befragte, „wünschen sich zwar größtenteils eine Familie, machen sich aber keine Gedanken darüber, wie sie beide Bereiche miteinander vereinbaren können. Sie gehen davon aus, dass ihre Partnerin die Familienaufgaben übernimmt, und sie ununterbrochen berufstätig sind, auch wenn sie verbal Offenheit für andere Arrangements der Arbeitsteilung signalisieren“ (Körner 2006, S. 152). In diesem Zusammenhang sprach Ulrich Beck bereits 1986 von einer „ verbalen Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre der Männer“ (Beck 1986, S. 169).

In ihrer Studie stellte Gabriele Körner fest, dass Frauen trotz Bildungsexpansion und selbstverständlicher Berufstätigkeit einem traditionellen Muster in der Familie folgen. Demnach möchte die Hälfte der befragten jungen Frauen an der klassischen Rollenteilung in der Familie festhalten. Für die Erziehung der Kinder wird die Mutter als Hauptverantwortliche gesehen, besonders, wenn die Kinder klein sind. Allerdings möchte auch keine Frau vollständig auf den Beruf verzichten. Die andere Hälfte der Befragten äußerte den Wunsch nach partnerschaftlichen Absprachen über die Rollenteilung in der Familie. Diese Frauen waren der Meinung, dass Mütter nicht automatisch für die Kinder zuständig sind, sondern dass Rollenteilung die Betreuung der Kinder ausgehandelt werden können (vgl. Körner 2006, S. 152). Dieses Ergebnis deckt sich nicht mit der Deutschen Shell-Jugendstudie, wonach 80% der jungen Frauen ein flexibles Rollenmodell anstreben.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die gesellschaftliche Entwicklung zu einer Pluralisierung der weiblichen Lebensentwürfe geführt hat. Die rechtliche Gleichstellung hat dazu beigetragen, dass Frauen - zumindest theoretisch - gleiche Chancen wie Männer haben. Die Bildung betreffend sind Frauen dabei, die Männer zu überholen. Die Erwerbsbeteiligung der Frauen ist in den letzten Jahren deutlich angestiegen.

Weibliche Lebensverläufe haben sich in Bezug auf Bildung, Erwerbstätigkeit, finanzielle Unabhängigkeit an jene der Männer angenähert. Eine Ehe ist für Frauen nicht mehr ein Grund, um auf Erwerbstätigkeit zu verzichten. All dies gilt aber nur für eine bestimmte und begrenzte Lebensphase: die Zeit vor der Geburt eines Kindes. Das nächste Kapitel befasst sich mit der Fragestellung, in welcher Hinsicht sich das Leben von Frauen durch die Geburt von Kindern verändert.

3 Mutterschaft als Wendepunkt für die weibliche Biografie

Wird eine Frau Mutter, ist dieser Prozess mit weitreichenden Änderungen verbunden. Nach Martin Textor (2002, S. 36) bedeutet Mutterschaft „ein zentraler, einzigartiger Wendepunkt im weiblichen Lebenslauf (…), ein radikaler Umbruch in der Biographie von Frauen“. Diese Veränderung findet auf mehreren Ebenen statt, auf der biologischen, psychischen und sozialen Ebene, und kann daher von ganz unterschiedlichen Standpunkten heraus betrachtet werden (ebd.). Im vorherigen Kapitel wurden eine Veränderung der Lebensverläufe von Frauen und die damit einhergehende Angleichung der Geschlechter beschrieben. In diesem Kapitel soll es besonders darum gehen, wie die Geburt von Kindern die familiale Arbeitsteilung und die Rollenaufteilung der Geschlechter verändert und welche Bedeutung diese Veränderung für die Frauen hat. Auf die biologischen und psychischen Veränderungen der Frauen durch Mutterschaft wird hierbei nicht eingegangen.

3.1 Traditionelle Arbeitsteilung und Werthaltungen der ÖsterreicherInnen

Die familiale Arbeitsteilung in Österreich hat sich in den letzten zwanzig Jahren von einer traditionellen Arbeitsteilung zu einer partnerschaftlicheren Arbeitsteilung weiterentwickelt.

Gisela Notz (2004, S. 421) definiert traditionelle Arbeitsteilung wie folgt:

„In den Hausarbeitsverhältnissen werden, privat und meist isoliert, unbezahlte Arbeiten verrichtet, die der eigenen Reproduktion, der des Ehepartners, der Erziehung und Sorge der Kinder sowie der Pflege und Betreuung kranker, behinderter und alter Familienangeh ö riger dienen. Die traditionelle geschlechtshierarchische Arbeitsteilung der kapitalistisch-patriarchalen Gesellschaft weist Männern immer noch in erster Linie die Erwerbsarbeit zu, während ihnen die Hausarbeit von Frauen (je nach Lebenssituation von Müttern, Töchtern, Schwiegertöchtern oder anderen weiblichen Familienangehörigen, Freundinnen, Ehefrauen) abgenommen wird“.

In der traditionellen Arbeitsteilung sind die Frauen für die Erziehungsarbeit der Kinder sowie für die Pflegearbeit für alte, kranke und behinderte Menschen zuständig. Sie sind ebenso für die Hausarbeit verantwortlich. Dabei handelt es sich um unbezahlte Arbeiten. Die Frau erhält ihren Lohn über Dritte, in diesem Fall über ihren Ehemann. Dies impliziert eine finanzielle und in weiterer Folge eine mögliche persönliche Abhängigkeit vom Partner. Der Mann hingegen wird in der traditionellen Arbeitsteilung auf die Erwerbsarbeit verwiesen. Ist er nicht verheiratet, so wird ihm in der Regel die Hausarbeit von anderen Personen abgenommen.

Bis 1977 war die traditionelle Arbeitsteilung in Deutschland gesetzlich geregelt. Nach § 1356 des Bundesgesetzbuches galt: „Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. Sie ist berechtigt erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist“. Seit dem 1.7.1977 gilt mit der Veränderung des § 1356 folgendes: „Die Ehegatten regeln die Haushaltsführung in gegenseitigem Einvernehmen. Ist die Haushaltsführung einem der Ehegatten überlassen, so leitet dieser den Haushalt in eigener Verantwortung“ (vgl. Nave-Herz 1992, S. 25). Eine partnerschaftliche Aufgabenteilung ist seitdem gesetzlich geregelt. Kritisch anzumerken ist, dass, auch wenn dieses Gesetz ein erster Schritt in die richtige Richtung ist, es doch fraglich ist, inwieweit dies die familiale Arbeitsteilung beeinflussen kann. Weiters ist fraglich, inwieweit dieses Gesetz kulturelle Leitbilder und Rollenvorstellungen verändert oder ob sich diese Vorstellungen nicht hartnäckig halten.

In Österreich ist es in den letzten zwanzig Jahren zu einer veränderten Einstellung gegenüber der traditionellen Arbeitsteilung gekommen, die Zustimmung zu dieser hat stark abgenommen. 1988 stimmten noch 59% der in einer Partnerschaft lebenden Männer und 62% der in einer Partnerschaft lebenden Frauen dieser Form der Arbeitsteilung zu. Bis 2002 waren nur noch 37% der Männer, die in einer Partnerschaft lebten, der Meinung, dass es die Aufgabe des (Ehe-) Mannes sei, Geld zu verdienen und die der (Ehe-) Frau, sich um Haushalt und Familie zu kümmern. Bei den in einer Partnerschaft lebenden Frauen fanden sich nur noch 26%, die diesem Rollenmodell zustimmten (vgl. Abbildung 5).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Die Aufgabe des (Ehe-) Mannes ist es, Geld zu verdienen, die der (Ehe)-Frau, sich um Haushalt und Familie zu kümmern (vgl. Wernhart/Neuwirth 2007, S. 9)

Dies macht deutlich, dass Männer und Frauen vermehrt ein partnerschaftliches Modell leben möchten. Allerdings muss betont werden, dass es sich bei vorliegender Abbildung um die Einstellungen und Werthaltungen der ÖsterreicherInnen handelt. In der Realität werden diese Einstellungen oft nicht umgesetzt bzw. Rollen anders aufgeteilt. Dies wird in weiterer Folge der Arbeit immer wieder erkennbar werden. Aber die Werthaltungen machen dennoch deutlich, dass die Versorgerehe, in der der Mann auf Dauer die ökonomische Basis für seine Ehefrau und Kinder sichert, für Frauen und Männer kein lebbares Modell mehr darstellt.

Die Einstellungs- und Wertestudie des Österreichischen Instituts für Familienforschung von 2004 zeigt, wie sich in Österreich die berufliche Situation von Männern und Frauen nach der Geburt von Kindern gestaltet. 95% der Männer haben ihre Erwerbstätigkeit nach der Geburt eines Kindes weiter fortgeführt. Bei Frauen zeigt sich ein viel differenzierteres Bild. 17% der Frauen waren vor der Geburt nicht berufstätig, 9% haben ihre Erwerbstätigkeit nicht unterbrochen, 6% der Frauen befanden sich zum Zeitpunkt der Untersuchung im Mutterschutz, 15% unterbrachen ihre Erwerbstätigkeit bis zu 1 Jahr, 19% bis zu 2 Jahren, 9% bis zu 3 Jahren und 25% unterbrachen ihre Erwerbstätigkeit länger als 3 Jahre (vgl. Abb. 6).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Unterbrechung der Berufstätigkeit beim jüngsten Kind (nach Geschlecht) (vgl. Kapella/Rille-Pfeiffer 2007, S. 23)

Die Konsequenz daraus ist, dass, auch wenn Paare vor der Familiengründung partnerschaftlich und weniger traditionell handeln, sich das partnerschaftliche Handeln nach der Geburt eines Kindes meist nicht fortsetzt und durch die Geburt von Kindern die traditionelle Arbeitsteilung in der Familie wieder auflebt.

3.2 Retraditionalisierung durch die Geburt von Kindern

Wenn Paare Eltern werden, dann bedeutet dies in aller Regel für die Frauen, dass sie ihre Erwerbstätigkeit unterbrechen oder reduzieren (vgl. Abb. 6) sowie überwiegend für Hausarbeit und Kinder zuständig sind. Väter wiederum engagieren sich verstärkt im Beruf; in der Familie übernehmen sie eher eine randständige, unterstützende Funktion (vgl. Fhtenakis/Kalicki/Peitz 2002, S. 97). Auf Väter und ihre Beteiligung an Erziehung der Kinder und Haushalt wird in Kapitel 4 näher eingegangen.

Während früher Frauen die Erwerbstätigkeit aufgrund einer Eheschließung aufgaben, unterbrechen sie heute ihre Erwerbstätigkeit erst aufgrund der Geburt von Kindern. Nicht mehr die Ehe, sondern die Geburt von Kindern verändert somit den Lebensverlauf von Frauen. Wolfgang Lauterbach sieht in der Geburt von Kindern eine Grenze in der Angleichung der Geschlechter. Seiner Meinung nach hat die Ehe kaum noch eine Bedeutung für den Erwerbsverlauf von Frauen, entscheidend wirkt sich die Geburt von Kindern auf diesen aus (vgl. Lauterbach 1994, S. 249f.).

Durch die Angleichung der Lebensverläufe von Frauen und Männern erleben Frauen die Geburt von Kindern anders als noch Frauen der früheren Generationen. Es werden aus „mehr oder weniger ‚Gleichgewordenen’ wieder Ungleiche“. Dies führt für Frauen zu einer grundlegenden Veränderung auf der subjektiven Ebene. Es kommt zu Veränderungen hinsichtlich der Alltagsgestaltung, der Erfahrungsmöglichkeiten und der Arbeitsverrichtungen. Die Familiengründung wird somit zu einem Wendepunkt sowohl für die weibliche, aber auch für die männliche Biographie (vgl. Rerrich 1990, S. 116).

Maria S. Rerrich ist der Meinung, dass noch sehr wenige Frauen ihre traditionelle Verantwortung für die Kindererziehung in Frage stellen, auch wenn sie bereits stärker auf den Beruf hin orientiert waren. Auch sie ist der Meinung, dass durch die Geburt von Kindern Frauen in traditionelle Lebensmuster zurückgeworfen werden, auch wenn vor Beginn der Elternschaft mehrheitlich eine egalitäre Einstellung zur familialen Arbeitsteilung besteht. Wo Kinder sind, lebt ihrer Meinung nach die überwunden geglaubte Arbeitsteilung wieder auf: der Mann ist der Ernährer, die Frau ist zuständig für die Familie. Rerrich formulierte dazu drastisch: „Nach der Geburt von Kindern gilt meist noch: Männer haben Familie, Frauen leben Familie“ (Rerrich 1990, S. 167).

Allerdings stellt sie auch fest, dass die traditionelle Arbeitsteilung zwischen Frau und Mann in der heutigen Zeit nur noch ein „befristetes Arrangement“ ist, das sich auf die Zeit der Erziehung der Kinder beschränkt. Die Phase der traditionellen Arbeitsteilung endet ihrem Erachten nach, wenn die Kinder mündig geworden sind (vgl. Rerrich 1990, S. 125). Dies widerspricht anderen Untersuchungen, die zeigen, dass sich die Rollenaufteilung allmählich verfestigt (vgl. Beck-Gernheim 2006, S. 140). Wenn die Kinder mündig geworden sind oder das Haus verlassen, haben Frauen wieder mehr Freiheiten, aber dennoch können Strukturen bis dorthin so stark verfestigt sein, dass Frauen (und Männer) diese gar nicht mehr hinterfragen. Auf jeden Fall scheint eine Neuverhandlung über die Aufgabenteilung unumgänglich.

Gisela Notz und Solveig Braecker kamen in ihrer Studie zur „Arbeitsteilung zwischen Mutter und Vater bei der Geburt des ersten Kindes“ zu dem Ergebnis, dass sich die Arbeitsteilung im Haushalt bei fast allen Paaren unversehens änderte, sobald sich die Frauen im Erziehungsurlaub1 befanden. Auch wenn die Paare vor der Geburt eine egalitäre Einstellung zur Arbeitsteilung hatten, sind Frauen hauptsächlich für die Haushaltsführung verantwortlich. In den von Notz/Braecker durchgeführten Interviews äußerten sich manche Männer zur Arbeitsteilung nach der Geburt von Kindern folgendermaßen: „Die Absprachen, die vorher waren, gelten jetzt nicht mehr“, oder „Sie ist ja sowieso den ganzen Tag zu Hause“. Von einigen Frauen waren die Aussagen zu hören: „Der denkt, wenn ich zu Hause bin, soll ich das machen“, oder „Ich hab’ ja nun Zeit, da werd’ ich doch nicht sagen, die Hälfte lass’ ich liegen bis abends“, oder: „Die Arbeitsteilung sieht so aus, dass ich das Meiste mache und vieles liegen bleibt“, bzw.: „Inzwischen mache ich alles, am Anfang hat er noch eingekauft“ (Notz/Braecker 1989, S. 123f.). Die letzte Aussage macht deutlich, dass die Retraditionalisierung prozesshaft vor sich geht und dass sich die traditionelle Arbeitsteilung erst mit der Zeit verfestigt. Das heißt, dass die Aushandlungsprozesse der Paare über die Aufgabenteilung besonders vor bzw. kurz nach der Geburt stattfinden müssen, da sich sonst Prozesse verfestigt haben, die schwer zu verändern sind. Finden diese Aushandlungsprozesse nicht statt, besteht die Möglichkeit, dass sich Frauen in einer Lebenssituation wieder finden, für die sie sich nicht bewusst entschieden und die sie so nicht gewollt haben.

Die Geburt von Kindern hat eine unterschiedliche Bedeutung für Frauen und Männer. Für Frauen bedeutet die Geburt eines Kindes „den Bruch der Kontinuität mit dem bis dahin gelebten Alltag und eine verstärkte Abhängigkeit vom Partner, weil sie, wenn auch nur für die Zeit des Erziehungsurlaubs, die Berufsarbeit aufgeben oder zumindest reduzieren müssen“ (Notz/Braecker 1989, S. 121). Die Zuständigkeit für die Organisation und Koordination der Reproduktionsarbeit fällt in ihren Bereich, sie müssen sagen, was getan werden muss: „Die Kinderbetreuung oder der Versuch, Erwerbsarbeit und Erziehungsarbeit miteinander zu verbinden, lastet nach wie vor auf den Schultern der Mütter“ (ebd.).

Männer hingegen „richten sich auf ein Leben mit einem ‚Normalarbeitstag’ (volle Stelle) ein. Einige Väter verändern ihre Einstellung zur Erwerbsarbeit nach der Geburt des Kindes. Sie akzeptieren die Verdichtungen der Erwerbsarbeit, um den während des Erziehungsurlaubs fehlenden Verdienst der Frau durch ihre eigene Arbeitsleistung auszugleichen. Dies tun sie, um die durch das Kind aufgetretenen neuen finanziellen Belastungen bewältigen zu können.

(…) So erbringen sie verstärkte Anstrengungen im Erwerbsarbeitsbereich und arbeiten länger, um ihrer Familie die Lebensbedingungen zu schaffen, die sie braucht“ (ebd., S. 122).

Somit wird deutlich, wie sich durch die Geburt eines Kindes die Lebensverläufe von Männern und Frauen auseinander entwickeln. Während vor der Geburt eine Angleichung der Lebensverläufe stattgefunden hat, differieren die Lebensverläufe durch die Geburt von Kindern, die Frau wird wieder verstärkt nach innen verwiesen, der Mann nach außen, in die Erwerbstätigkeit, zur ökonomischen Absicherung der Familie. Die Verdichtung der Berufsarbeit des Mannes, um die finanziellen Verluste der Berufsunterbrechung der Frau sowie die gestiegenen Lebenskosten auszugleichen, trägt dabei besonders zur Retraditionalisierung bei.

Oben erwähnte Ausführungen zur Retraditionalisierung stammen aus dem Jahr 1989. Dass sich an der Situation wenig verändert hat, lassen Daten aus dem Jahr 2006 erkennen. Laut ExpertInnen des „Siebten Familienberichts“ verlangt der Übergang zu Mutterschaft für Frauen „ Verschiebungen in den bis dahin entwickelten Prioritäten … Die Lebensgestaltung von Frauen [wird] durch die Familiengründung wesentlich stärker verändert als die der Männer. Während sich der Alltag der Väter durch die Geburt des ersten Kindes nur wenig verändert - insbesondere setzen sie ihre berufliche Tätigkeit weitgehend unverändert fort - erleben die Frauen eine umfassende Umstrukturierung ihres Alltags, die nahezu alle Lebensbereiche betrifft … [Auch heute noch] gilt, da ß die Realisierung des Kinderwunsches … vorrangig den weiblichen Lebenslauf durcheinander schüttelt und den männlichen vorrangig erwerbsorientierten stabilisiert “ (vgl. Siebter Familienbericht 2006, S. 78f. zit.n. Beck-Gernsheim 2006, S. 139f.).

Vor dem Hintergrund der veränderten Bedingungen der Lebensverläufe von Frauen (vgl. Kapitel 2) wird deutlich, warum die Familiengründung ein stärkerer Einschnitt in die Biographie von Frauen darstellt als noch für ihre Mütter oder Großmütter. Finanzielle Unabhängigkeit, freie Zeiteinteilung, das Recht auf ein eigenes, selbstbestimmtes Leben, sowie das Leitbild der Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen - dies gehört wie selbstverständlich zu ihrem Leben. Durch die Geburt von Kindern weicht die freie Zeiteinteilung einer Dauerverantwortung für das Kind und nicht selten finden sich Mütter isoliert in Neubausiedlungen am Stadtrand wieder. Der Übergang in traditionelle Familienstrukturen wird zu einem biographischen Risiko. Die Geburt von Kindern bedeutet für Frauen eine ungewisse langfristige Lebensperspektive sowie der Verzicht auf eine eigenständige ökonomische Absicherung (vgl. Beck-Gernsheim 2006, S. 139f.).

In diesem Kapitel wurde die Retraditionalisierung beschrieben und die Bedeutung dieser für den Lebensverlauf von Frauen. Im nachfolgenden Kapitel soll vertieft darauf eingegangen werden, welche Faktoren auf der individuellen und auf der strukturellen Ebene zu einer Retraditionalisierung führen können.

4 Gründe für Retraditionalisierungseffekte

Eine Retraditionalisierung der Lebensverläufe durch Mutterschaft kann viele Gründe haben. Einerseits kann sie mit zugrunde liegenden Einstellungen und Werthaltungen bei den Partnern erklärt werden. Andererseits müssen nach Schneewind/Vascovics „in systemischer Blickweise“ gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Strukturen der Arbeitswelt in den Blick genommen werden, „die wohl auch einen großen Teil dazu beitragen, daß eine partnerschaftliche Aufteilung zwischen Beruf, Alltagsbewältigung und Kinderbetreuung nur sehr selten praktikabel ist“ (Schneewind/Vaskovics et al. 1996, S. 82 zit.n. Rosenkranz et al. 1998, S. 10f.). Bevor aber näher auf strukturelle und gesellschaftliche Faktoren - wie Familienpolitik, Kinderbetreuung und Einkommensdifferenzen - eingegangen wird, sollen in den nächsten zwei Kapiteln das Leitbild der guten Mutter sowie die Rolle der Väter in Haushalt und Erziehung betrachtet werden.

4.1 Das Leitbild der guten Mutter

Die Frage „warum der Erziehungsurlaub weiblich ist“ beantworten Norbert F. Schneider und Harald Rost damit, dass es weiterhin eine ungebrochene Norm ist, dass „eine Mutter zum Kind gehöre“ (Schneider/Rost 1998, S. 217). 70% der Mütter, die gefragt wurden, warum sie und nicht ihr Ehemann in Erziehungsurlaub gegangen sind, antworteten: „Ich wollte ganz für das Kind da sein“ (ebd. S. 221). Dieses Ergebnis wirft die Frage auf, welche Ideale, Wünsche, Erfahrungen und kulturelle Leitbilder dieser Entscheidung zugrunde liegen. Herrad Schenk ist der Meinung, dass der Mythos der guten Mutter „die Eins-zu-Eins-Betreuung eines einzigen Kindes durch seine Mutter, rund um die Uhr“ förderte (Schenk 2002, S. 175).

Dieses Kapitel beinhaltet eine Begriffsklärung zur Mutterschaft. Es folgt eine Darstellung der Mutterbilder aus unterschiedlichen Epochen und es werden Einstellungen und Werthaltungen der ÖsterreicherInnen gegenüber der Mutterrolle abgebildet.

4.1.1 Begriffsdefinition

Grundsätzlich kann unterschieden werden zwischen biologischer und sozialer Mutterschaft. Biologische Mutterschaft umfasst das Gebären und Versorgen eines Kindes nach einer Schwangerschaft. Soziale Mutterschaft hingegen beinhaltet gesellschaftliche und kulturelle Aspekte, wobei kulturelle Leitbilder einen Einfluss auf die Vorstellungen von Mutterschaft nehmen. Wie Mutterschaft letztendlich gelebt wird, hängt von den Leitbildern ab, die in der jeweiligen Gesellschaft vorherrschen (vgl. Textor 2008, Online-Familienhandbuch).

4.1.2 Historische Entwicklung des Mutterbildes

Nach Elisabeth Badinter war Mutterliebe im 16./17. Jahrhundert kulturell nicht gegeben, sie galt als überflüssig. Es war üblich, Kinder nach der Geburt wegzugeben und von Ammen stillen und aufziehen zu lassen; sowohl für Frauen des Adels und des Bürgertums als auch für Frauen aus niederen sozialen Schichten. Für die einen war es gesellschaftliche Sitte, für die anderen ökonomisch notwendig. Somit war die mütterliche Zuwendung zum Kind eingeschränkt, eine enge Mutter-Kind-Beziehung konnte kaum aufgebaut werden. Dies war allerdings auch nicht erwünscht (vgl. Badinter 1982, S. 35-55).

Das Bild, das vom Kind bis ins 18. Jahrhundert existierte, hinderte Mütter daran, ihnen Zuwendung zu geben. Kinder wurden zur damaligen Zeit als in Erbsünde empfangen gesehen, sündig und vorbelastet. Eine strenge Erziehung war notwendig und Mütter wurden angehalten, ihre Kinder nicht zu verwöhnen oder durch das Stillen deren Begierde zu wecken. Ein liebevoller Umgang war gesellschaftlich verpönt, damalige Erziehungsziele der Mütter sollten stattdessen die Züchtigung der Kinder sowie das Brechen ihres Willens sein. Zudem gab es eine hohe Kindersterblichkeit und eine Geburt war für Frauen gefährlich und konnte zum Tod führen. Bis Ende des 19. Jahrhunderts war Mutterschaft mit Gefühlen der (Todes-) Angst besetzt und eine zu enge Bindung der Mütter wurde oft aus Angst vor Enttäuschung über den Verlust der Kinder nicht zugelassen (vgl. Marx/Rost 1989, S. 1082).

Ab dem 18. Jahrhundert, im Übergang zur Moderne, kam es zu weitreichenden gesellschaftlichen Veränderungen. Mit der Industrialisierung verlor die Familie ihre Funktion als Arbeits- und Wirtschaftsgemeinschaft, eine neue Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau entstand. Der Mann wurde auf die Außenwelt, den Beruf und die Öffentlichkeit verwiesen. Die Frau war von nun an für Heim, Haushalt und Familie zuständig. Gleichzeitig kam es zu einem veränderten Bild über Kinder und Erziehung. Die Sorge um das Kind rückte zunehmend in das Blickfeld von Philosophen, Theologen, Mediziner und Pädagogen (Anm.d.Verf.: darunter Luther, Rousseau und Pestalozzi), das Interesse an einer gezielten Einflussnahme auf das Kind wuchs. Zahlreiche Ratgeber für Mütter wurden veröffentlicht, die diese zum Selbststillen und zu einer geistigen, moralischen und gesunden Erziehung der Kinder aufforderten. Mit der zunehmenden Fokussierung auf das Kind wuchs auch der Arbeits- bzw. Erziehungsaufwand. Dieser wurde den Müttern zugeteilt. Der Frau wurden von „Natur“ aus Fähigkeiten zugeschrieben, die sie für die Mutterrolle prädestinierten, wie z.B. Fürsorglichkeit und Opferbereitschaft. Die Frau wurde von nun an über Mutterschaft definiert und aus der Statusaufwertung der Frau durch die Mutterrolle entstand „bald auch ein neuer Kult, ein Mutterschaftsmythos bis hin zur Mutterschaftsideologie“ (vgl. Beck-Gernsheim 2006, S. 41-49).

Die Idealisierung der Mutter erreichte im 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt. In politischen Reden und in der Dichtung wurde das Mutterideal hochgehalten, das Mutterbild wurde gefeiert und gepriesen. Nach Herrad Schenk (vgl. 2002, S. 183f.) lässt sich das Bild der guten Mutter im 19. und frühen 20. Jahrhundert auf folgende Elemente zusammenfassen:

Das höchste Ziel im Leben einer Frau ist es Mutter zu werden, die Mutterrolle ist vollkommen erfüllend für sie. Das Muttersein ist bestimmend für die weibliche Identität. Möchte eine Frau keine Mutter sein, so wird sie als unweiblich bezeichnet.

Mutterliebe ist von der Natur gegeben. Durch die Geburt von Kindern stellt sich bei Frauen automatisch dieses Gefühl ein. Liebt eine Frau ihre Kinder nicht, ist sie nicht gesund und keine richtige Frau.

Der Mutterschaft werden alle anderen Lebensbereiche untergeordnet bzw. aufgeopfert, dies ist wahre Mutterliebe. Eine Frau kann nur Mutter sein und nichts anderes, Mutterschaft und individuelle Lebensziele schließen einander aus. Findet eine Frau nicht ihre ganze Erfüllung in der Mutterliebe, wird sie als egoistisch und schlechte Mutter bezeichnet.

Mutterliebe ist altruistisch und verlangt keine Gegenleistung.

Im deutschen Nationalsozialismus erfuhr der Muttermythos eine neuerliche Aufwertung. Hier lag der Fokus besonders auf der physischen Mutterschaft. Der Wert einer Frau machte sich am Muttersein fest, Frauen ohne Kinder waren „Kümmerwesen“. Die Lebensaufgabe der Frau wurde von den Nationalsozialisten auf das Muttersein reduziert. Das Mutterkreuz, das Ehrenkreuz der deutschen Mutter, wurde kinderreichen Frauen verliehen. Je nach Kinderanzahl erhielten es Mütter in Bronze (mehr als vier Kinder), Silber (mehr als sechs Kinder) oder Gold (mehr als acht Kinder) (vgl. Schenk 2002, S. 184).

Nach dem zweiten Weltkrieg war das Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit sowohl für Männer als auch für Frauen groß. Die Kernfamilie sollte dieses Bedürfnis stillen. In den 50er/60er Jahre erlebte das Ideal der heilen Familie mit der Mutter in der Mitte einen weiteren Aufschwung (vgl. Wikander 1998, S. 185). Für Mütter kristallisierte sich in dieser Zeit ein Bild heraus, das sie auf das Hausfrauendasein verwies. Ihre Aufgabe war die Erziehung, Versorgung und Betreuung der Kinder. Da ihnen zugeschrieben wurde, „von Natur aus liebevoll, selbstlos, fürsorglich, treusorgend, empathisch, zärtlich, emotional, aufopferungsbereit, familienorientiert usw.“ zu sein, war es als Konsequenz selbstverständlich, dass sie für die Erziehung, Versorgung und Betreuung der Kinder zuständig waren. Wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Forschung, z.B. aus der Psychoanalyse oder der Bindungsforschung (Bowlby) trugen dazu bei, dass der mütterliche Einfluss auf die frühe Kindheit einen sehr hohen Stellenwert erfuhr. Besonders die Anwesenheit einer aufmerksamen und unterstützenden Mutter war demnach für eine positive seelische Entwicklung des Kindes von Bedeutung (vgl. Textor 2008, Online- Familienhandbuch).

Welche Konsequenzen ergeben sich nun aus den Ausführungen? Die Darstellung der Mutterbilder der unterschiedlichen Epochen macht erstens deutlich, dass Mutterliebe kein natürlicher und unabänderlicher Instinkt ist. Zweitens kann gesagt werden, dass die Wurzel des Muttermythos in der Zeit der Aufklärung liegt, dieser sich immer wieder verfestigte und bis in die heutige Zeit hineinwirkt. Drittens werden Mutterbilder gesellschaftlich konstruiert, die jeweiligen Mutterbilder können als Spiegel der jeweiligen Gesellschaft gesehen werden. Mutterbilder „beinhalten normative Muster, die aus der Geschichte aufgegriffen werden, und in den Alltag einfließen und sich dort mit gesellschaftlichen Konzepten verbinden“. Hinsichtlich Mutterschaft werden Frauen mit „ideell aufgeladenen Ansprüchen“ konfrontiert (Friebertshöfer/Matzner/Rothmüller 2007, S. 187f).

Daraus lässt sich nun auch erklären, warum sich viele Frauen ausschließlich für die Erziehung der Kinder zuständig fühlen und ihre traditionelle Rolle bei der Kinderbetreuung kaum in Frage stellen. Martin Textor wendet ein, dass bei traditionellen Einstellungen zu Mutterbildern übersehen wird, dass nicht nur Mütter ausschließlich für die Betreuung der Kinder geeignet sind, sondern dass es weitere wichtige Bezugs- und Erziehungspersonen gibt. Er nennt im familialen Bereich Väter, Großeltern, ältere Geschwister und im außerfamilialen Bereich u.a. ErzieherInnen, LehrerInnen, NachbarInnen. Damit könnte einer Überbewertung der Mütter und der evtl. damit verbundenen Überbelastung entgegengesteuert werden (vgl. Textor 2008, Online Familienhandbuch).

4.1.3 Einstellungen der ÖsterreicherInnen zur guten Mutter

Welche Einstellungen gegenüber der Mutterrolle können in der österreichischen Bevölkerung beobachtet werden? Die AutorInnen der Werte- und Einstellungsstudie des Österreichischen Instituts für Familienforschung von 2004 waren von den Ergebnissen ihrer Studie dahingehend überrascht, dass das Mutterbild der befragten Personen weniger stark konservativ war, als in ihren Hypothesen angenommen (vgl. Kapella/Rille-Pfeiffer 2007, S. 10). Daraus kann geschlossen werden, dass es in Österreich zu einer Veränderung der Werthaltungen gekommen ist. Allerdings, ein nachfolgender europäischer Vergleich lässt erkennen, dass die österreichische Gesellschaft überdurchschnittlich traditionell bzw. konservativ eingestellt ist.

In der oben erwähnten Studie des ÖIF wurden 1000 Personen im Alter von 18 und 70 Jahren nach ihren Vorstellungen darüber befragt, was ihrer Meinung nach eine gute Mutter eines unter 3-jährigen Kindes ausmacht (vgl. Abbildung 7).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7: Eine gute Mutter soll, ...2 (vgl. Kapella/Rille-Pfeiffer 2007, S. 10)

72% der Befragten hielten es für absolut notwendig, dass eine gute Mutter möglichst viel Zeit mit dem Kind verbringt. Für die Betreuung eines Kindes soll aber nicht ausschließlich die Mutter zuständig sein, 71% der Befragten hielten eine Miteinbeziehung anderer Betreuungspersonen für absolut notwendig. Weiters sollten die Bedürfnisse einer Mutter nicht völlig dem Kind unterstellt werden. 60% der Befragten hielten es für absolut notwendig und 35% eher schon notwendig, dass eine Mutter auf ihre eigene Zufriedenheit achtet. Weiters wurde gefragt, ob es für eine gute Mutter wichtig sei, sich ausschließlich am Kind zu orientieren. 15% der Befragten hielten das für absolut notwendig, 42% für eher schon notwendig. Die Ergebnisse zu beiden Fragen scheinen widersprüchlich zu sein. Denn insgesamt 57% hielten es für absolut notwendig und eher schon notwendig, sich ausschließlich am Kind zu orientieren, d.h. sich an den Bedürfnissen des Kindes zu orientieren. Andererseits waren insgesamt 95% der Befragten dafür, dass es für eine gute Mutter absolut bzw. eher schon notwendig ist, auf die eigene Zufriedenheit zu achten und damit eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und umzusetzen. Es ist zu vermuten, dass dieses Ergebnis das Spannungsfeld widerspiegelt, in dem Frauen sich befinden, einerseits für andere da zu sein und deren Bedürfnisse zu stillen, andererseits ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Hinsichtlich der Vorstellung von einer guten Mutter konnten Unterschiede im Bildungsniveau festgestellt werden. Die Bildung der befragten Personen schien ausschlaggebend für das Antwortverhalten zu sein. Je höher die Bildung, desto mehr ist das Bild einer guten Mutter mit einer Erwerbstätigkeit vereinbar - 65% der Befragten mit Fachhochschulabschluss waren dieser Meinung. Umgekehrt waren 65% der Befragten mit Pflichtschulabschluss der Meinung, dass eine gute Mutter mit Kindern unter 3 Jahren nicht erwerbstätig sein sollte (vgl. Abbildung 8).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 8: Ist es mit dem Bild einer guten Mutter vereinbar, dass diese erwerbstätig ist? (nach Bildung) (vgl. Kapella/Rille-Pfeiffer 2007, S. 13)

Ebenso unterschieden sich Männer und Frauen in ihrem Antwortverhalten. Geschlechtsspezifisch waren insofern Unterschiede erkennbar, dass mehr Männer als Frauen, nämlich 34% gegenüber 28%, der Meinung waren, dass Erwerbstätigkeit nicht mit dem Bild einer guten Mutter vereinbar sei. Frauen scheinen in dieser Hinsicht moderner und progressiver eingestellt zu sein und weniger stark einer traditionellen Rolle zugeneigt (vgl. Abbildung 9).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 9: Ist es mit dem Bild einer guten Mutter vereinbar, dass diese erwerbstätig ist? (nach Geschlecht) (vgl. Kapella/Rille-Pfeiffer 2007, S. 13)

Wie bereits erwähnt, gingen der Autor und die Autorin in ihren Hypothesen davon aus, dass die ÖsterreicherInnen stärker konservativ eingestellt seien und waren von den Ergebnissen überrascht. Auch wenn die Untersuchung einen Wertewandel in Österreich erkennen lässt, ist es interessant, einmal näher zu betrachten, wo Österreich im Vergleich mit anderen europäischen Ländern einzuordnen ist. Dazu soll ein Blick auf ein Ergebnis der Studie „Geschlechterrollenwandel und Familienwerte (1988-2002), Österreich im europäischen Vergleich“ des ÖIF geworfen werden. Auf die Frage, ob ein Vorschulkind darunter leidet, wenn seine Mutter berufstätig ist, lag Österreich mit 67% Zustimmung deutlich über dem europäischen Durchschnitt, der 46% betrug (vgl. Abbildung 10).

Das bedeutet, dass über die Hälfte der österreichischen Bevölkerung von einem gewissen Leid des Vorschulkindes ausgeht, wenn die Mutter erwerbstätig ist. Finnland (36%), Dänemark (32%), Schweden (23%) und Ostdeutschland (33%) gehören zu den Ländern, die der Aussage am wenigsten zustimmten. Ebenso erkennbar ist ein Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland, in Westdeutschland sind 56% der Bevölkerung der Meinung, dass ein Vorschulkind darunter leiden wird, wenn seine Mutter berufstätig ist.

[...]


1 In Deutschland wurde die Zeitspanne, die der Betreuung und Erziehung der Kinder dient, bis 2004 als Erziehungsurlaub bezeichnet; seit 2004 wird der Begriff der Elternzeit verwendet. In Österreich wird diese Phase als Karenz bezeichnet.

2 Die genaue Frage lautete: „Es gibt verschiedenen Vorstellungen darüber, was für eine gute Mutter eines unter 3-jährigen Kindes wichtig ist. Halten Sie da die folgenden Punkte für absolut notwendig, für eher schon wichtig, für unwichtig oder für eher schlecht?

Ende der Leseprobe aus 139 Seiten

Details

Titel
Zur Retraditionalisierung der Lebensverläufe von Frauen durch Mutterschaft
Untertitel
Hintergründe und Widersprüchlichkeiten
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz  (Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
139
Katalognummer
V182655
ISBN (eBook)
9783656063445
ISBN (Buch)
9783656063124
Dateigröße
1554 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Retraditionalisierung, Vereinbarkeit Familie und Beruf, kulturelle Leitbilder, Kinderbetreuung, weibliche Lebensverläufe, Familiale Arbeitsteilung, Rollenverständnis - männlich und weiblich
Arbeit zitieren
Mag.phil Bakk.phil Karin Eck (Autor), 2008, Zur Retraditionalisierung der Lebensverläufe von Frauen durch Mutterschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182655

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