Roman eines Schicksallosen. Realität oder Fiktion?

Eine Auseinandersetzung im Kontext des autobiographischen Pakts


Seminararbeit, 2011

26 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das Leben des Imre Kertész

3. Die Autobiographie derModerne

4. „Roman eines Schicksallosen“: Fiktion oder Autobiographie?

5. Die Aufklärung durch Kertész selbst

6. Literaturverzeichnis

7. Internetverzeichnis

1. Einleitung

Ich habe das Werk „Roman eines Schicksallosen“ gelesen, den dazugehörigen Film des Regisseurs Lajos Koltai mehrmals gesehen, mich mit den zur „Trilogie des Schicksals“ gehörenden Werken „Fiasko“ und „Kaddisch für ein nicht geborenes Kind“ befasst. Auch mit dem Leben des Autoren Imre Kertész habe ich mich eingehend beschäftigt. Es kann also mit Fug und Recht behauptet werden, dass ich mich gewissenhaft auf diese Arbeit vorbereitet habe. Ein wahrer Kertész- Experte sollte ich mittlerweile also sein. Doch bin ich das wirklich? Kann ich die Kernfrage, die Frage über Realität oder Fiktion des Nobelpreisträgerwerkes nun spielend beantworten? Mitnichten!

In der nun folgenden Arbeit möchte ich der zentralen Problemstellung näher auf den Grund gehen. Im ersten Abschnitt wird auf das Leben von Imre Kertész eingegangen. Hier sollen zunächst die grundlegenden Informationen über seinen persönlichen Hintergrund aufgezeigt werden. Sprich, sein Aufwachsen, seine Zeit im Konzentrationslager und sein weiterer literarischer Werdegang werden hier kurz erläutert. Keineswegs soll dieser Teilbereich jedoch dazu dienen, bereits ein vollständiges Bild über den Menschen Kertész zu zeichnen. Es sind tatsächliche Fakten, die hier präsentiert werden. Lediglich ein Gerüst, das dennoch wichtig für den weiteren Fortgang der Arbeit ist.

Im zweiten Kapitel folgt ein theoretischer Abschnitt. Hier widme ich mich ausschließlich der Autobiographie der Moderne. Besonderes Augenmerk wird dabei auf Philippe Lejeunes „autobiographischen Pakt“ gelegt. Ein unabdingbarer Teilbereich, da eben anhand dessen Theorie überprüft wird, ob das Werk Kertész` überhaupt alle notwendigen Bedingungen einer einwandfreien Biographie erfüllt.

Die Bearbeitung des Fokus erfolgt schließlich im dritten Abschnitt. Hier werden zunächst die vorher beschriebenen Punkte, das reale Leben des Autors sowie die Theorie Lejeunes, auf das Werk übertragen und versucht, entsprechende Schlüsse zu ziehen.

Im vierten und letzten Kapitel soll der Schriftsteller sozusagen selbst zu Wort kommen. Mittels diverser Interviews sowie dem von Kertész mit der Bezeichnung regelrechte Autobiographie titulierten „Dossier K.“ soll der Versuch unternommen werden, das im vorigen Teilabschnitt erarbeitete zu verifizieren. Decken sich die gezogenen Schlüsse mit den Ansichten des Autors oder hatte dieser letzten Endes ganz andere Intensionen den „Roman eines Schicksallosen“ zu schreiben? Mehr oder weniger wird hier die Lösung, sprich die optimale Interpretation des Werkes vom Autoren selbst geliefert.

2. Das Leben des Imre Kertész

Imre Kertész wurde am 09. November 1929 in Budapest geboren. Er stammt, wie er selbst sagt, nicht aus einer gebildeten, sondern vielmehr aus einer kleinbürgerlichen, jüdischen Familie. Sein Großvater, der mit dem Namen ‚Klein‘ barfu ß aus der Provinz nach Budapest kam und dort ein reicher Mann wurde, verlor während des Ersten Weltkrieges sein gesamtes Vermögen. Sein Vater war einfacher Holzhändler, der sich bereits in frühen Jahren von Imre Kertész' Mutter scheiden ließ. Diese fing im Alter von 16 Jahren zu arbeiten an und führte schließlich ein sozial auf einem etwas h ö heren Niveau liegenden Niveau, als sein Vater.1

Im Jahre 1944, im Alter von 14 Jahren, wurde Imre Kertész zunächst ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert, später dann nach Buchenwald gebracht, wo er am 11. April 1945 durch amerikanische Truppen befreit wurde.2

Im Anschluss an seine Befreiung kehrte er unmittelbar nach Budapest zurück. Dort lebte er zunächst bei seiner Mutter3 und besuchte erneut das Gymnasium. Er maturierte zwar, lernte in der Zeit jedoch, wie er heute beteuert, nicht sehr viel („ Ich war ein heiterer Mensch und habe mich zu sehr am Leben erfreut “ ). 4 Nach der Matura im Jahre 1948 arbeitete er anfangs für die Tageszeitung Vil á goss á g. Nachdem diese jedoch 1951 den Kommunisten unterstellt wurde, kündigte man ihm umgehend („ Ich wurde einfach rausgeschmissen. Es war ein gro ß es Glück, andere wurden verhaftet [...] ” 5 ). Die Folgejahre verbrachte er zunächst damit seinen Militärdienst abzuleisten, um im Anschluss dann als freier Schriftsteller und Übersetzer in Budapest zu leben. Besonders Werke Nietzsches, von Hofmannsthals, Schnitzlers und Freuds wurden in der Zeit durch Kertész ins Ungarische übersetzt. Zwar reichte diese dazu, gerade eben seinen täglichen Lebensunterhalt zu bestreiten. Dennoch berichtet er heute, dass ihn die Publikationen der genannten Autoren entscheidend prägten. 6 Doch ausschlaggebend für seinen schriftstellerischen Weg war paradoxerweise die Musik: beeindruckt von Richard Wagners „Walküre”, stieß er auf Thomas Manns (den er im Übrigen bis heute sehr bewundert) Werk „Wälsungenblut”, das eben jene Oper karikariert.7 Kertész war verwundertüber die literarische Kühnheit, da ihm bisher jegliche Weltliteratur unbekannt war. Er verschlang mehr oder weniger die Bücher des deutschen Literaten und gelangte auf diese Weise eben selbst auf die Fährte der Literatur.

1960 begann Kertész schließlich mit der Arbeit an seinem Werk „Roman eines Schicksallosen”. Diese nahm insgesamt 13 Jahre in Anspruch und brachte nach Fertigstellung nicht ansatzweise den erhofften Erfolg ein. Er musste sich harte Kritik gefallen lassen, da Schriftsteller-Kollegen sowie die Öffentlichkeit der Meinung waren, dass Kertész die Opfer mit diesem Buch schlichtweg verhöhnen würde. Erst als das Werk 1985, sprich in einem deutlich liberaleren Zeitalter, neu aufgelegt wurde, stellten sich die ersten Honorationen ein. Der absolute Durchbruch gelang schließlich, als der „Roman eines Schicksallosen” 1996 neu (und anscheinend deutlich verbessert) ins Deutsche übersetzt wurde. Im Jahre 2002 erhielt Kertész für sein Werk schließlich den Literatur-Nobelpreis.8

Andere bedeutende Publikationen sind unter anderem die, wie bereits erwähnt, zur „Trilogie des Schicksals” gehörenden „Fiasko” und „Kaddisch für ein ungeborenes Kind”, die 1988 respektive 1990 erstmals erschienen. Deutlich mehr ins Autobiographische gehende Werke sind beispielsweise sein „Galeerentagebuch” (1992), „Ich - ein anderer” (1997) und das ebenfalls schon angesprochene „Dossier K.” (2006).9 Die Thematik des Holocaust spielt in nahezu all seinen Veröffentlichungen eine zentrale Rolle.

Heute lebt Imre Kertész mit seiner amerikanischen Frau in seiner Wahlheimat Berlin ( „ Ich mag die liberale Tradition, die Offenheit, die Toleranz der Stadt ” 10 ).

3. Die Autobiographie der Moderne

Zunächst dürfte es nicht schaden zu erläutern, um was es sich bei einer Autobiographie eigentlich handelt. Was macht diese aus? Wie ist sie grundlegend definiert?

Nähern wir uns also am besten dem Begriff an sich. Dieser ist griechischen Ursprungs und setzt sich aus drei verschiedenen Wörtern zusammen: aut ó s (selbst), b í os (Leben) und gr á phein ((be-)schreiben)11. Eine literarische Beschreibung des eigenen Lebens also durch den Autoren selbst. Das Besondere (und natürlich auch notwendige) an dieser Erzählweise ist demnach die sogenannte Retrospektive: es erfolgt ein Rückblick in die Lebenserinnerungen, eine Art Auseinandersetzung der entsprechenden Person mit ihrer Vergangenheit.12

Ihren Ausgangspunkt hat die Autobiographie in der Antike. Die wohl erste (und bekannteste) Quelle dürfte Platons Siebter Brief (in etwa 427 v.Chr. - 367 v.Chr.) sein, in dem er über seine Erlebnisse auf Sizilien berichtet. Die Echtheit dieser Übermittlung wird heute jedoch mitunter angezweifelt. Ohnehin entsprechen die Publikationen dieser Zeit nicht unbedingt dem klassischen Bild, welches wir mittlerweile von einer Autobiographie haben. Waren es damals doch eher Ausführungen über politische und ähnliche Ereignisse die wiedergegeben wurden, änderte sich dies im Laufe des vierten Jahrhundertes n. Chr. Als namhaftestes Beispiel gelten die Darstellungen des römischen Kaisers Aurelius Augustinus. In Confessiones (397/398 n. Chr.) reflektiert er über seinen anfänglichen sündhaften Lebensweg bis hin zu einem gottgefälligen Dasein.13

Nun stellt sich allerdings die Frage, ab wann von der Autobiographie der Moderne gesprochen werden kann, da hier die Meinungen (wie so oft) stark auseinander gehen. Geht es etwa nach T.C. Price Zimmermann, leitet diese bereits der interessanterweise in Budapest geborene Humanist der Kommunen des Veneto Giovanni Conversino da Ravenna mit seiner Autobiographie Ende des 14.

Jahrhunderts ein. Zimmermann (und auch andere) sind der Auffassung, dass Conversino mit seinem Werk eine besondere Rolle in der Entwicklung der Autobiographie zukommt.14 Indem Conversino das im Mittelalter noch übliche Sündenbekenntnis umgestaltet und die Beichte schlichtweg auf seine Publikation, sprich seine Autobiographie überträgt, legt er den Grundstein für ein

autobiographisches Schreiben, das dem Mainstream der modernen Autobiographieerwartung entspricht. 15 Zimmermanns Meinung nach eignet sich die Autobiographie gerade deswegen als optimale „Weiterführung” zur Beichte, da eben jene auch die selben Eigenschaften wie Zuverlässigkeit, Aufrichtigkeit und Vollständigkeit verlangt.16 Dass Conversino in seiner Veröffentlichung diesen Attributen gerecht wird, proklamiert er bereits in der Einleitung: Berichte von deinem unglücklichen Schicksal mit einer Feder, die weder verlogen noch falsch ist! [...] Für das eigene Leben gibt es keinen zuverlässigeren Zeugen als das eigene Ich. 17

Viele sind jedoch der Ansicht, dass erst der französische Schriftsteller Jean-Jacques Rousseau den tatsächlichen Beginn der modernen Autobiographie einleitete. Das Individuum stand in dieser Epoche (Renaissance) besonders im Fokus und es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass auch die literarisch festgehaltenen Lebenserinnerungen ein blühendes Zeitalter erlebten. Rousseaus „Bekenntnisse” („Confessions“) - dessen Titel bewusst dem des Kaisers Aurelius Augustinus gleichte - sind dann auch eine unverhüllte Offenlegung seines Lebens und der eigenen Versündigungen. Auf eine schonungslose Art und Weise entblößt er sich selbst in seiner Autobiographie18. Sprich, eben das, was der Humanist Conversino bereits einige Jahrhunderte zuvor von sich selbst verlangte und auch die Öffentlichkeit heutzutage erwartet. Neu (und daher modern?) war jedoch unzweifelhaft die Unverblümtheit, mit der zum Teil doch sehr pikante Details beschrieben wurden.

[...]


1 Tätigkeit lediglich Vgl. http://nobelprize.org/mediaplayer/index.php?id=529 [Zugriff: 08.08.2011]

2 Vgl. http://www.axel-dossmann.de/ausstellung/bilder/Literatur_Buchenwald.pdf [Zugriff: 08.08.2011]

3 Anmerkung: Sein Vater wurde im Arbeitslager ermordet

4 Vgl. http://nobelprize.org/mediaplayer/index.php?id=529 [Zugriff: 08.08.2011]

5 Interview Kertész im Rahmen der Nobelpreisverleihung 2002 (vgl. http://nobelprize.org/mediaplayer/index.php?id=529 [Zugriff: 09.08.2011]

6 Vgl. http://www.buecher.de/autor/imre- kertsz/vnode/2/autor_id/2678/session/22b3f9b25a732a1161c7730acfa6c623/selection/2678 [Zugriff: 08.08.2011]

7 Vgl. Kristina Werndl: Zur Ironie in Thomas Manns „Wälsungenblut“, S.19

8 Vgl. http://www.rowohlt.de/magazin_artikel/Imre_Kertesz_Briefe_an_Eva_Haldimann.2820092.html [Zugriff: 08.08.2011]

9 Vgl. http://www.scheinschlag.de/archiv/1999/10_1999/texte/spezial2.html [Zugriff: 09.08.2011]

10 Vgl. Interview mit der „Berliner Zeitung“ 2004 (vgl. http://www.berlinonline.de/berliner- zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2004/1106/magazin/0001/index.html [Zugriff: 09.08.2011]

11 Vgl. http://www.cornelia-goethe-akademie.de/kontakt/glossar.html [Zugriff: 09.08.2011]

12 Vgl. http://www.ib.hu-berlin.de/~pannier/HA_Mayer.htm [Zugriff: 09.08.2011]

13 Vgl. http://www.theorie-der-zeit.de/Confessiones.html [Zugriff: 09.08.2011]

14 Vgl. Karl A.E. Enenkel: Die Erfindung des Menschen, S. 147

15 Ebd.

16 Vgl. Price Zimmermann: Bekenntnis und Autobiographie in der frühen Renaissance, in Niggl: Die Autobiographie, S.346

17 Conversino da Ravenna: Rationarium vite (introduzione)

18 Vgl. http://www.frankreich-experte.de/fr/6/6214202.html [Zugriff: 10.08.2011]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Roman eines Schicksallosen. Realität oder Fiktion?
Untertitel
Eine Auseinandersetzung im Kontext des autobiographischen Pakts
Hochschule
Universität Wien
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
26
Katalognummer
V182660
ISBN (eBook)
9783656062745
ISBN (Buch)
9783656062868
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kertész, Lejeune, Autobiographischer Pakt, Roman eines Schicksallosen, Konzentrationslager, KZ, Autobiografischer Pakt, Autobiographie, Autobiografie, Autobiographie der Moderne, Autoobiografie der Moderne, Realität, Fiktion, Autobiographischer Roman, Autobiografischer Roman
Arbeit zitieren
Felix Zinser (Autor), 2011, Roman eines Schicksallosen. Realität oder Fiktion?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182660

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