“Die Entstehung der Arten” von Charles Darwin

Eine rhetorische Betrachtung


Seminararbeit, 2010

27 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. EIN RHETORISCHES EXZERPTIUM
2.1 RHETORIK:allgemein
2.1.1 RHETORIK: EIN HISTORISCHER RÜCKBLICK
2.1.2 DAS RHETORISCHE SYSTEM
2.2 WISSENSCHAFTSRHETORIK

3. “DIE ENTSTEHUNG DER ARTEN”: EINE RHETORISCHE BETRACHTUNG

4. SCHLUSSBETRACHTUNG

5. LITERATURVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

Das 1859 erstmals veröffentlichte Werk “Die Entstehung der Arten” (engl. Originaltitel: On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life) von Charles Darwin (1809-1882), das in vorliegender Arbeit im Zentrum der Untersuchung stehen soll, führte eine grundlegende Veränderung in der Vorstellung von der Entwicklung und Modifikation der Arten herbei und stellt einen Meilenstein in der Geschichte der Wissenschaft der letzten Jahrhunderte dar. “Die Entstehung der Arten” erschien bis 1872 in insgesamt 6 Auflagen und wurde von Darwin einer mehrmaligen Korrektur, die eine Verbesserung des Werkes zum Ziel hatte, unterzogen. Im Fokus der Darwin’schen Abhandlung steht hierbei die Annahme, dass sich Arten durch den Prozess der natürlichen Selektion entwickeln, wobei die am besten an die Umweltverhältnisse angepassten Individuen (die Tüchtigsten) überleben. Obgleich seine Kerngedanken nicht neu waren, lieferte Darwin eine Fülle an Beweisen, die er entweder während seiner Reisen oder durch Experimente (etwa mit Pflanzen) gesammelt hatte, welche seine Theorie über die Entstehung der Arten belegen sollten.1

Um seine Aussagen, die gegen die zum damaligen Zeitpunkt allgemeingültigen Theorien der Schöpfungsbiologie verstoßen, plausibel darlegen zu können und somit die weitläufige Akzeptanz des Publikums zu erlangen, hat Darwin sich in seinen Ausführungen in erster Linie nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als gewandter Rhetoriker beweisen müssen, wobei er sich der Vielfalt der rhetorischen Mittel bewusst und zielgerichtet bediente, was dem Autor von “Die Entstehung der Arten” nicht zuletzt bei seinen Kritikern eher den Ruf eines Literaten als den eines Forschers eingebracht hat. Nichtsdestotrotz erweckte Darwins Werk im Rahmen der seit den 1980er Jahren verstärkt aufkommenden

Debatte über die Wissenschaftsrhetorik (rhetoric of science) zunehmend Aufmerksamkeit vonseiten solcher Literaturwissenschaftler wie etwa Marcello Pera, David J. Depew oder John Angus Campbell, die eine fundierte Übersicht der rhetorischen Gesichtspunkte in “Die Entstehung der Arten” geschaffen haben und somit eine weitere Betrachtung der rhetorischen Merkmale in Darwins Werk scheinbar weitgehend überflüssig machen.

Vorliegende Arbeit will dennoch versuchen neue Erkenntnisse über Darwins Rhetorik in “Die Entstehung der Arten” zu gewinnen, wobei lediglich auf einige ausgesuchte Kapitel des Werkes (die Einleitung und Kapitel drei, vier, sechs, sieben und fünfzehn) eingegangen wird, da eine grundlegende Betrachtung der rhetorischen Gesichtspunkte im gesamten Werk den Rahmen dieser Arbeit bei Weitem überschreiten würde. Bevor jedoch diese ausgewählten Kapitel aus Darwins Werk im Hinblick auf ihre rhetorischen Merkmale untersucht werden können, soll im zweiten Abschnitt der Arbeit zunächst ein Überblick über Rhetorik und Wissenschaftsrhetorik erarbeitet werden, um eine theoretische Grundlage für die weiterführende Untersuchung zu schaffen. Nach der anschließenden Betrachtung der rhetorischen Gesichtspunkte in den ausgewählten Kapiteln von Darwins “Die Entstehung der Arten” werden die Ergebnisse der Arbeit im Rahmen einer Schlussbetrachtung zusammengefasst.

Nachfolgend sollen zunächst Rhetorik und Wissenschaftsrhetorik abgehandelt werden.

2. EIN RHETORISCHES EXZERPTIUM

2.1 RHETORIK: allgemein

2.1.1 RHETORIK: EIN HISTORISCHER RÜCKBLICK

Die Geschichte der Rhetorik, welche als Theorie und Praxis der menschlichen Redekunst (gemeint sei sowohl mündliche als auch schriftliche Beredsamkeit) definiert wird, beginnt bereits im 5./4. Jahrhundert v. Chr. in Athen. Die ersten theoretischen Ansätze der Rhetorik wurden von den Sophisten (Gorgias, Protagoras) entwickelt. Diese vertraten die Meinung, dass jede Behauptung durch ein sachgerechtes Gegenargument entkräftet werden kann. Auf die sophistische Rhetorik können zudem Argumentationstechniken zurückgeführt werden, mit deren Hilfe jeder Sachverhalt trotz dessen Strittigkeit als erdenklich dargestellt werden kann, d.h., wie etwas gesagt wird, ist wichtiger als der Inhalt des Gesagten. Doch während Plato die sophistische Rhetorik als “Scheinwissenschaft” abgetan hat, maß Aristoteles der Rhetorik viel Beachtung bei. In seinem Werk “Rhetorik” (“hè rhetorikè téchne”; entstanden etwa um 340/330 v. Chr.), das eine der wichtigsten Abhandlungen zu diesem Thema darstellt, setzte sich Aristoteles systematisch mit rhetorischen Vorgängen auseinander und verhalf der Rhetorik somit in die Reihen der wissenschaftlichen Disziplinen.

Bis zu diesem Zeitpunkt lässt sich die Rhetorikgeschichte weitgehend verfolgen, doch weist diese zwischen dem Ende des 4. und dem Beginn des 1. Jahrhunderts v. Chr. eine Lücke auf. Erst zu Beginn des 1. Jahrhunderts v. Chr. lassen sich Hinweise auf in lateinischer Sprache verfasste Lehrbücher finden, die bereits der Periode der römischen Rhetorik (etwa Cicero: “de inventione”), die sich primär mit den stilistischen Aspekten der Redekunst auseinandergesetzt und die Argumentationstheorie weitgehend vernachlässigt hat, zuzuschreiben sind. In der Spätantike erfährt die Rhetorik eine Rezeption im Bereich des christlichen Kulturkreises (Augustinus: “de doctrina christiana”), wobei die theoretischen Grundlagen der Rhetorik etwa bei der Verfassung von Predigten eingesetzt wurden. Nichtsdestotrotz verlor die Rhetorik während des Hochmittelalters zusehends an Bedeutung, und erst das Zeitalter der Renaissance brachte der Rhetorik neues Ansehen. Die 1421 und 1416 wiederentdeckten Lehrbücher von Cicero und Quintilian bildeten hierbei die Grundlage für ein fundiertes Wissen über die Wissenschaft der Redekunst. Auf diese Weise stieg die Rhetorik schnell zu einer der anerkannten und führenden wissenschaftlichen Richtungen auf und wurde gar an Schulen und Universitäten unterrichtet. Darüber hinaus wurde im Verlauf der nächsten Jahrhunderte zur bisher überwiegend lateinischsprachigen Wissenschaft der Redekunst eine Vielzahl von nationalsprachigen Schriften verfasst, welche zu einer weitgreifenden Etablierung der Rhetorik auf nationaler Ebene beigetragen haben.

Mit der Französischen Revolution (1789-1799) gewann die Rhetorik zwar kurzzeitig eine neue Dimension im Rahmen des politischen Diskurses, doch auch dadurch ließ sich der Verfall der rhetorischen Kunst, welcher auf den Cartesianismus zurückgeführt werden kann, nicht mehr aufhalten. Der Cartesianismus, eine philosophische Lehre, die auf René Descartes zurückgeht, verlangt nämlich nach einer strikten Dissoziation zwischen Denken und Sprechen, wobei dem Denken die Rolle einer philosophischen Doktrin zugesprochen wird, während das Sprechen eine Zuordnung zur Wissenschaft der Redekunst erfährt, was unweigerlich zu einer gänzlichen Infragestellung der Rhetorik führt und ihr auf diese Weise, der Cartesian’schen Auffassung nach, das Recht auf Dasein entzieht. Gleichermaßen trug eine weitere philosophische Disziplin, die Ästhetik, dazu bei, dass die Rhetorik letztendlich von der Bildfläche der angewandten Wissenschaften verschwand. Erst im 20. Jahrhundert wurde die Wissenschaft der menschlichen Redekunst erneut ins Leben gerufen und ausgiebig diskutiert, wobei neuartige und weiterführende Aspekte der antiken Überzeugungskunst entwickelt wurden.2 Was jedoch kaum einer Modifikation unterzogen wurde, ist das rhetorische System, das bereits in der Antike von Aristoteles, Cicero und Quintilian weitgehend festgelegt worden war. Das System der Rhetorik umfasst hierbei insgesamt fünf Produktionsstadien einer Rede, welche im folgenden Kapitel in Aufeinanderfolge betrachtet werden sollen.

2.1.2 DAS RHETORISCHE SYSTEM

Die Rhetorik, welche nach Aristoteles in drei klassische Gattungen, d.h. Gerichtsrede, Beratungsrede bzw. Entscheidungsrede und Festrede,3 unterteilt wird, weist, wie bereits zuvor erwähnt, fünf Stadien der Produktion einer Rede auf, nämlich inventio, dispositio, elocutio, memoria und actio , die zu den wesentlichen systematischen Gliederungen der Rhetorik zählen. Beim Gedankenfindungsvorgang angefangen bis zur Präsentation liefern die fünf Produktionsstadien die Grundlage für die Erarbeitung einer Rede bzw. einer schriftlichen Abhandlung.

Das erste der fünf Produktionsstadien einer Rede, inventio, widmet sich der Erfindung der Argumente, die zu einer effektiven Auseinandersetzung mit dem entsprechenden Thema notwendig sind.4 Für die Auffindung von Argumenten, von derer Einsichtigkeit der Argumentationserfolg abhängig ist, verfügt die Rhetorik über “ein eigenes System von Suchkategorien […], die personen- oder problembezogen alle möglichen Fundorte für Argumente, Belege oder Beweise erschließen”.5 Dieses System von Suchkategorien wird in der Rhetorik als Topik (Lehre von den Orten: t ó poi / loci) bezeichnet, wobei das “topische[] Denken” imstande ist, “die gebundenen Aspekte einer Argumentation miteinander zu verbinden und daraus überzeugungskräftige Aussagen abzuleiten”.6

Als Beispiele für Topoi können an dieser Stelle etwa der Topos aus der Autorität und der Topos aus der Analogie genannt werden, wobei die beiden Topoi “ihre Schlusskraft einzig und allein durch die eingesetzten Inhalte gewinnen”.7

Im nächsten Produktionsstadium einer Rede, in der dispositio, erfolgt eine grundlegende Gliederung der Gedanken, die in der vorherigen Entwicklungsetappe der Rede “erdacht” wurden. Hierbei werden die Gedanken auf ihre Sachangemessenheit überprüft, wobei ferner der Aspekt des Adressaten im Vordergrund steht.8 Gleichermaßen wird der dispositio die Aufgabe zugedacht, eine Aufteilung der Rede in vier ihrer Bestandteile: Einleitung (exordium), Sachverhaltsdarstellung (narratio), Beweisführung bzw. Argumentation (argumentatio) und Schluss (peroratio) vorzunehmen.9

Den ersten beiden Produktionsstadien der Rede, inventio und dispositio, wird dabei die Argumentationstheorie (sachbezogene und affektische) zugewiesen, welcher zweifellos die Rolle eines der wesentlichsten Elemente der Rhetorik zugesprochen werden kann, da erst diese entweder eine Bestätigung oder eine Widerlegung eines Sachverhaltes herbeiführen kann. Während jedoch im Rahmen der inventio die Argumente aufgefunden werden, werden diese in der dispositio -Phase sorgfältig und sinngemäß gegliedert. Die Funktionalität einer Argumentation lässt sich dabei auf zwei differenzierte Argumentationsschemata zurückführen, welche in Enthymemargumetantion und Beispielargumentation unterteilt wird. Die Enthymemargumentation dient dabei entweder der Implementierung einer strittigen Aussage anhand einer unstrittigen Aussage (vom Allgemeinen zum Besonderen) oder der endgültigen Verwerfung der strittigen Aussage.10

Die dabei zur Hilfe genommene unstrittige Aussage fungiert als Argument (auch Prämisse genannt), das die strittige Aussage in die Konklusion überführen, sie also in einem nicht mehr strittigen Schlusssatz festschreiben soll. […] In der Argumentation wird ein Argument (A) eingesetzt, um eine strittige Aussage glaubhaft, d.h. plausibel zu machen und sie so in eine Konklusion (K) zu überführen.11

Unter Zuhilfenahme einer Schlussregel (SR) wird hierbei vom Argument (A) auf die Konklusion geschlossen, was schematisch wie folgt dargestellt werden kann: (A) ® (SR) ® (K). Dieses Schema der Enthymemargumentation wird als Enthymem (Deduktion/Syllogismus) bezeichnet,12 wobei die Prämissen die allgemein anerkannte Meinung, doxa, repräsentieren. Am nachfolgenden Beispiel soll die Funktionsweise eines Enthymems demonstriert werden. Wenn die Aussage: “Sokrates ist ein Mensch” ein Argument (A) und die Aussage: “Alle Menschen sind sterblich” eine Schlussregel (SR) darstellt, dann fungiert die daraus gezogene Erkenntnis: “Sokrates ist sterblich” in der Rolle einer Konklusion (K).

[...]


1 Ausführlich dazu: Heberer, Gerhard. Charles Darwin: Sein Leben und sein Werk. Stuttgart 1959.

2 Die Angaben zur Geschichte der Rhetorik stammen aus: Ottmers, Clemens. Rhetorik. Stuttgart/Weimar 1996. S. 1-5.

3 Mehr dazu siehe: Ueding, Gert. Klassische Rhetorik. 4. Auflage. München 2005. S. 54 f.

4 Ebd. S. 56.

5 Ebd. S. 56.

6 Ottmers, Clemens. Rhetorik. Stuttgart/Weimar 1996. S. 88.

7 Ottmers, Clemens. Rhetorik. Stuttgart/Weimar 1996. S. 110.

8 Vgl. dazu: Ueding, Gert. Klassische Rhetorik. 4. Auflage. München 2005. S. 65.

9 Mehr dazu siehe: Ottmers, Clemens. Rhetorik. Stuttgart/Weimar 1996. S. 54-60.

10 Vgl. dazu: Ottmers, Clemens. Rhetorik. Stuttgart/Weimar 1996. S. 73.

11 Ottmers, Clemens. Rhetorik. Stuttgart/Weimar 1996. S. 73.

12 Vgl. dazu: Ottmers, Clemens. Rhetorik. Stuttgart/Weimar 1996. S. 73 f.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
“Die Entstehung der Arten” von Charles Darwin
Untertitel
Eine rhetorische Betrachtung
Hochschule
Universität Konstanz
Veranstaltung
Allgemeine Rhetorik und Wissenschaftsrhetorik
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
27
Katalognummer
V182862
ISBN (eBook)
9783656067016
ISBN (Buch)
9783656067405
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entstehung, arten”, charles, darwin, eine, betrachtung
Arbeit zitieren
Irina Frey (Autor), 2010, “Die Entstehung der Arten” von Charles Darwin , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182862

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