Der Waldkindergarten - Ein Neues Konzept der Vorschulpädagogik


Vordiplomarbeit, 2008
33 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Historische Betrachtung von Waldkindergärten
1.1 Wurzeln des Waldkindergartens
1.2. Die Waldkindergartenbewegung in den neunziger Jahren
1.3. Die verschiedenen Formen von Waldkindergärten
1.3.1. Der „klassische“ Waldkindergarten
1.3.2. Der integrierte Waldkindergarten
1.3.3. Weitere Formen der Waldkindergartenpädagogik

2 Das pädagogische Anliegen des Waldkindergartens
2.1. Ohne Wände
2.2 Ohne Spielzeug
2.3 Soziale Erziehung
2.4 Entwicklung und Förderung der Sinne
2.5 Körper- und Bewegungserziehung
2.6 Umwelterziehung

3 Waldkindergarten und Schulfähigkeit

4 Kindheit im Wandel
4.1 Bedürfnisse nach Liebe Geborgenheit und Sicherheit
4.2 Bedürfnis nach Spannung, Abenteuer und Risiko
4.3 Bedürfnis nach Freiheit/Grenzen, Selbstständigkeit und Verantwortung
4.4 Das Bedürfnis, die Welt zu entdecken und zu verstehen
4.5 Das Bedürfnis, herzustellen und zu gestalten
4.6 Das Bedürfnis, zu spielen
4.7 Das Bedürfnis, sich zu bewegen
4.8 Das Bedürfnis, vielfältig wahrzunehmen

5 Praktische Umsetzung im Waldkindergarten
5.1 Die Rolle des Erziehers
5.2 Tagesablauf im Waldkindergarten am Beispiel Waldkindergarten Jena inzerla
5.3 Elternarbeit

6 Abschlussbetrachtung
6.1 Vorteile des Waldkindergartens
6.2 Nachteile des Waldkindergartens
6.3 Verbesserungsvorschläge des Models Waldkindergarten

7 Fazit

Literaturverzeichnis

Internetquellen:

Einleitung

“In den Wäldern sind Dinge, über die nachzudenken man jahrelang im Moos liegen könnte” (Franz Kafka). Dieser Satz sagt aus, was ich mit meinem Vordiplom näher bringen möchte. Ich möchte über den Waldkindergarten als eine neue Form des pädagogischen Arbeitens innerhalb der Kindergartenbewegung schreiben. Besonders der Ort Wald an sich, in welchem sich die Kinder beschäftigen und betreut werden, stellt einen seltenen Ansatz in der pädagogischen Arbeit dar. In Deutschland hat sich dieses Konzept erst seit den 90er Jahren etabliert. Grundlegend ist der Waldkindergarten ist eine Einrichtung, in welcher die pädagogische Arbeit und das Zusammenleben der Gruppe nicht in einem festen Gebäude stattfindet, sondern im Wald. Jedoch hatte es der Waldkindergarten nicht leicht sich zu etablieren, am Anfang wurden die Bestrebungen des Waldkindergartens von behördlicher Seite bewusst verschwiegen um keine Nachahmung zuzulassen, dennoch konnte sich die Waldkindergartenbewegung ausbreiten. Dieser Umstand ist diversen Elternbewegungen zu verdanken, die den Waldkindergarten immer wieder thematisierten und die Öffentlichkeit über das Angebot informierten. Gegenwärtig sind Waldkindergärten eine Selbstverständlichkeit und ihre Anzahl erhöht sich stetig. Dies ist auch auf die veränderte Kindheit in der heutigen Zeit zurück zu führen. Früher vollzog sich das Aufwachsen der Kinder wohl behütet, wenig Spielzeug stand zur Verfügung, die Eltern hatten eine Arbeit und die Kinder spielten auf der Strasse, um so ihren vielen Bedürfnissen gerecht zu werden. Heute ist das nicht mehr so, Kinder werden von Konsum Reiz überflutet, Eltern haben wenig Zeit, oft ist der Fernseher und das Computerspiel die einzige Freizeitbeschäftigung der Kinder in unserer heutigen Zeit. Auch durch die Überstädterung und der steigenden Kriminalität lassen Eltern ihre Kinder nicht mehr so einfach auf der Strasse spielen. Dabei bleiben viele Bedürfnisse der Kinder auf der Strecke. Dies ist ein Ansatz des Waldkindergartens, denn wenn Kinder mit und in der Natur einen Anteil ihres Alltags verbringen, entwickeln sich ihre natürlichen Bedürfnisse, die in diesem Aspekt geweckt und gelebt werden. In der vorliegenden Arbeit möchte ich mich anfangs mit der historischen Betrachtung von Waldkindergärten beschäftigen und die Frage klären, wie diese Form entstanden ist. Danach möchte ich die unterschiedlichen Formen dieser Pädagogik erörtern. Nach diesem allgemeinen Teil möchte ich auf die Bedürfnisse von Kindern heute eingehen und dies mit den pädagogischen Anliegen des Waldkindergartens verbinden. Im Anschluss dessen erkläre ich die Rolle des Erziehers im Waldkindergarten und gebe daraufhin einen kleinen Praxiseinblick anhand eines Tagesablaufs im Waldkindergarten Jena Winzerla. Um die Arbeit abzuschließen, möchte ich explizit auf die Vor- und Nachteile eines Waldkindergartens eingehen und Verbesserungsvorschläge finden.

1 Historische Betrachtung von Waldkindergärten

1.1 Wurzeln des Waldkindergartens

Ihre Wurzeln hat die Wald- und Naturpädagogik in Schweden. Seit 1892 gibt es dort eine Organisation, die ganzjährige Aktivitäten im naturpädagogischen Bereich anbietet. In nahe gelegenem Dänemark wurden diese pädagogischen Einflüsse Mitte der fünfziger Jahre von Ella Flatau aus Sölleröd aufgegriffen. Sie ging Anfangs jeden Tag mit ihren eigenen Kindern in den Wald, andere Eltern hörten davon, fanden die Idee gut und kurze Zeit später zog Frau Flatau mit einer ganzen Kinderschar in den Wald. Daraus entwickelte sich eine Elterninitiative, aus der später der erste Waldkindergarten hervorging (Vgl. Miklitz, 2004, S. 14). In Deutschland wurde der erste Waldkindergarten von Ursula Sube 1968 in Wiesbaden eröffnet. Eigentlich eher aus einer Notsituation heraus, da ein Bekannter keinen Kindergartenplatz fand, nahm sie sich den Kindern an und ging mit ihnen in den Wald, dies sprach sich herum, woraus sich schon bald eine Kindergruppe entwickelte. Das Jugendamt befürwortete diesen Waldkindergarten nicht, wollte aber auch nicht diese neue Form des Kindergartens verbieten, also wurde er stillschweigend geduldet und nicht im Umkreis populär gemacht. Ich denke, dies ist auch der Grund, warum erst 25 Jahre später ein zweiter Waldkindergarten in Deutschland eröffnet wurde. Ende der achtziger Jahre erfolgte eine Neubesetzung im Jugendamt. Der neue Referent wollte aus Aufsichtspflichtgründen diesen Zustand nicht weiterhin dulden. Er forderte eine zweite Aufsichtsperson, dies überstieg aber die finanziellen Möglichkeiten der Initiative. Es kam zu einem amtlichen Ortstermin, bei dem Spezialisten diese Form des Waldkindergartens begutachteten. Zum Erstaunen der Initiative erteilte nach der Begutachtung das Jugendamt die amtliche Betriebserlaubnis mit zwei Auflagen: für eventuelle Notfälle musste ein Handy mitgeführt werden und die Gruppenstärke durfte 15 Kinder nicht überschreiten. Damit war der Weg frei für weitere Waldkindergärten in Deutschland (Vgl. Schede, 2000, S. 8 f).

1.2. Die Waldkindergartenbewegung in den neunziger Jahren

In den neunziger Jahren begann in Deutschland die Anzahl der Waldkindergärten zu wachsen, man kann von einer regelrechten Bewegung sprechen. In Dänemark dagegen hatte sich der Waldkindergarten schon zu einer festen Größe etabliert. Nachdem 1991 zwei angehende Erzieherinnen aus Deutschland, einen Artikel über Waldkindergärten in Dänemark lasen, weckte dies so ihr Interesse, dass sie in Dänemark hospitierten, eine Konzeption entwickelten und schließlich einen Verein gründeten, mit dem sie die Behörden allmählich überzeugen konnten. 1993 wurde der erste deutsche staatlich anerkannte Waldkindergarten in Flensburg eröffnet. Durch eine sehr intensive Öffentlichkeitsarbeit und ein großes Interesse der Bevölkerung wurde dieses Konzept transparent. 1994 folgte die Eröffnung zweier weiterer Waldkindergärten in Berglen und Lübeck. Die Gründer dessen leisteten eine große Überzeugungsarbeit im Umgang mit den zu dieser Zeit noch skeptischen Ämtern und Behörden. Ab 1995 stiegen die Gründungen der Waldkindergärten enorm an, diese Eröffnungen wurden aber immer noch mit großer Skepsis behandelt. Dennoch kämpfte sich dieser neue pädagogische Ansatz durch, so dass 1996 der „Bundesarbeitskreis der Naturkindergärten in Deutschland“ gegründet wurde und im Jahr 2000 sogar ein Bundesverband. Mittlerweile gibt es über 400 Einrichtungen in ganz Deutschland mit ansteigender Tendenz (Vgl. Miklitz, 2000, S.15 f.).

1.3. Die verschiedenen Formen von Waldkindergärten

1.3.1. Der „klassische“ Waldkindergarten

Als „reine“ oder „klassische“ Waldkindergärten bezeichnet man Einrichtungen, indem die Kindergruppen den ganzen Vormittag in der Natur, in einem gewissen räumlich begrenzten Gebiet verbringen (Vgl. Mikliitz, 2000,S. 16). Der Waldkindergarten wird häufig als "Kindergarten ohne Dach und Wände" bezeichnet. Die Aktivitäten im Freien finden bei jedem Wetter statt; Einschränkungen gibt es bei starkem Frost, starkem Wind und Gewittern, sowie Witterungsbedingungen wie extremem Schneefall oder Regen, die einen sicheren Aufenthalt im Freien gefährlich machen. Vorgeschrieben ist in Deutschland eine beheizbare Unterkunft in zumutbarer Nähe des Waldgebietes, in welcher Kinder und Erzieher bei unzumutbaren Witterungsbedingungen Schutz und Aufenthaltsmöglichkeit finden sollen. Hierzu dienen in der Regel ein beheizter Bauwagen oder eine Waldhütte (Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Waldkindergarten, 15.03.08).

1.3.2. Der integrierte Waldkindergarten

Das Model des integrierten Waldkindergartens ist in Dänemark weit verbreitet, in Westdeutschland tritt dieses Modell jedoch nur vereinzelt auf, zeigt aber einen langsamen Anstieg. In Ostdeutschland dagegen ist der integrierte Waldkindergarten eher die Regel (Vgl. Miklitz, 2004, S.17. f ). Diese Variante ist ein Ganztageskindergarten mit eigenen Räumen. Dabei wird das pädagogische Konzept des Waldkindergartens in einen Regelkindergarten integriert. Von diesem Konzept gibt es heute in Deutschland mehrere Formen:

1. als täglich stattfindende offene Waldgruppe, wobei die Kinder sich jeden Tag entschieden können, ob sich mit in Wald gehen wollen oder lieber im Kindergarten bleiben möchten
2. als feste Waldgruppe mit wöchentlichem oder monatlichem Wechsel der Waldgruppenkinder.

Von Kritikern dieser Mischform wird beanstandet, dass der Grundgedanke des Waldkindergartens verloren geht. Die Kinder erleben die Natur nur unter erleichterten Bedingungen. Sie halten es für bedeutend, dass die Kinder bei jeder Witterung und zu jeder Jahreszeit in den Wald gehen. Des weiteren finden sie es fragwürdig, ob man Kindern die Wahl lassen sollte, in den Wald zu gehen oder nicht. Früherziehung im Wald impliziert auch, den Reiz zu entdecken, der in der Einschränkung liegt. Eine Fülle von Angeboten, in der der Wald nur ein Programmpunkt unter vielen ist, verträgt sich damit nicht unbedingt (Schede, 2000, S. 14f.).

„Um eine klare Begriffsdefinition zu erreichen, sollten diese Gruppen ausschließlich den Namen Wald- oder Wandergruppe verwenden“ (Scheuring, 2000, S. 139).

1.3.3. Weitere Formen der Waldkindergartenpädagogik

Zeitlich befristete Waldprojekte in Kindertagesstätten

Manche Regelkindergärten beschränken sich darauf, ab und zu in ihren Jahresablauf eine Woche oder auch einen fest integrierten Tag in der Woche Waldprojekte anzubieten. Dabei lehnen sich die Erzieher auszugsweise an die Konzepte der Waldkindergärten an. Bei den Kindern kommen die Projekte meist sehr gut an, sie erfordern aber von den Erzieherinnen ein hohes Maß an organisatorischem Aufwand, auch für die Kinder und Eltern. In Wald ist einiges zu bedenken, es fängt an bei der Kleidung und hört auf beim Unfallschutz (Vgl. Schede, 2000, S. 15 ff.).

Strand- und Naturkindergärten

An der Küste ist meist kein Wald vorhanden, wo sich ein Waldkindergarten entwickeln könnte, deshalb haben sich Erzieher dort den Strand als Erlebnis- und Naturraum aufgegriffen, um auch dort eine naturverbundene Früherziehung zu gewährleisten. Die Kinder lernen dort, den Strand nicht nur im Sommer zu kennen, wenn es heiß ist, sondern sie verbringen das ganze Jahr ihre Zeit dort. Meist besitzen sie auch eine Hütte oder einen Bauwagen um Zuflucht bei schlechten Witterungsbedingungen zu finden (Vgl. Schede, 2000, S. 16).

Unter Naturkindergärten wird ein Kindergarten verstanden, der unter verschiedenen Gesichtspunkten ökologische Aspekte in die pädagogische Arbeit einfließen lässt, dieser Begriff entspricht also nicht dem einheitlichen Aspekt des Waldkindergartens. Ein Naturkindergarten ist zum Beispiel der Bauernhofkindergarten, der sich neben der Natur- und der Tierwelt auch mit landwirtschaftlichen Themen wie Aussaat, Ernte, etc. auseinandersetzt. Die Kinder befassen sich mit Tieren und deren ökologischer Haltung. Sie helfen mit bei der Ernte und bei der Versorgung der Tiere. Ebenso werden verschieden Heil-, Nutz- und Färberpflanzen kennen gelernt. Es gibt nur sehr wenige Bauernhofkindergärten, da dieses Konzept noch sehr neu ist. In Deutschland sind drei dieser Einrichtungen bekannt (Vgl. www.hofschlachterei-muhs.de/18.0.html. 16.03.08)

2 Das pädagogische Anliegen des Waldkindergartens

Ableitend dazu, wie die Kinder in unserer heutigen Zeit aufwachsen und welchen Wert es für sie hat, einige Zeit ihrer Kindheit im Wald zu verbringen, hat die Waldpädagogik einige Ideen aufgegriffen. Historisch betrachtet ist die Idee des Waldkindergartens nicht neu. Schon der Pädagoge Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) hat eine Rückbesinnung auf die Natur verlangt, er wies auf das Unbehagen der Menschen in Lebensverhältnissen hin, in denen sie sich selbst immer fremder werden. Er meinte dazu, dass der technische Fortschritt und der gesellschaftliche Wandel zwar das Leben leichter machen, aber der Verlust an Unmittelbarkeit viele Menschen leiden lässt und dies der psychologische Preis dafür wäre (Vgl. Schede, 2000, S. 18). Der Mensch muss damit leben, dass die Welt in ihrer heutigen Form viele „Erleichterungen“ bringt, uns aber gleichzeitig auch immer weiter von der Natur „entfernt“. Diesen Zustand wollen die Waldkindergärten mit ihrem pädagogischen Konzept aufbrechen. Es wäre falsch zu denken, durch eine naturnahe Erziehung das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Das ist keineswegs der konzeptionelle Ansatz der Waldkindergärten, sondern sie wollen in erster Line den Wald als Lebensraum gemeinsam mit den Kindern erfahren, erforschen und erleben. Im Waldkindergarten wird mit der Natur gelebt, und man vertraut sich dem Rhythmus dieser an (Vgl. ebd, S. 18). Infolgedessen gibt es kein einheitliches pädagogisches Konzept, beziehungsweise Richtlinien, auf die sich alle Waldkindergärten berufen. Es lassen sich jedoch grundsätzliche pädagogische Betrachtungen herausarbeiten, die die Spezifik des Waldkindergartens beschreiben. Alle Ansätze haben dem Grundgedanken, das Kind mit seiner Erlebnis- und Erfahrungswelt zu sehen. Deshalb greifen Waldkindergärten vorrangig auf den Situationsansatz zurück. Ziel des situationsbezogenen Ansatzes ist es, dem Kind bei der Bewältigung seiner gegenwärtigen und zukünftigen Lebenssituation zu helfen. Dabei wird Stärke, Kompetenz, auch kindliche Hilflosigkeit, Unerfahrenheit und Schutzbedürftigkeit der Kinder berücksichtigt. Umgesetzt wird dieser Ansatz mit der Orientierung an der Lebenssituation, den Erfahrungen, Bedürfnissen und der Unterstützung der Eigenaktivität von Kindern (Vgl. dazu www.spi-nrw.de).

2.1. Ohne Wände

Am charakterisierensten für den Waldkindergarten ist, dass er keine Räume oder Wände hat. Dies ist der größte und „offensichtliche“ Unterschied zum Regelkindergarten. Jedoch gibt es Naturräume, die bestimmte Funktionen haben. Wie z. B. der Platz, wo der Morgenkreis stattfindet, oder die Waldlichtungen, auf denen man sehr gut Pausen machen kann und die als allgemeiner Treffpunkt gut geeignet sind. Im Wald aber sind die „Räume“ nie klar abgegrenzt und es gibt die verschiedensten Mischungen. So dass es für Kinder immer sehr spannend und aufregend ist, da es immer etwas Neues zu entdecken gibt. Kinder können sich im Wald zurückziehen, ohne den Gruppenkontakt zu verlieren. Bereits hinter einem Baum findet man Ruhe und Entspannung, wenn man das gerade braucht, ohne das man gestört wird. Auch die Lärmentwicklung ist wesentlich geringer, da der Wald eine gute Schallschutzwirkung hat. Ebenso berichten Erzieher und Eltern, dass ihre Kinder stressfreier, ausgeglichener und weniger aggressiv sind (Vgl. Schede, 2000, S. 23). Für den Waldkindergarten spricht auch, dass Kinder, die diesen besuchen, immer wieder Grenzerfahrungen machen. Wobei sie im normalen Alltag kaum Möglichkeiten dazu haben. Der Waldkindergarten hingegen ermöglicht dies. Das Klettern auf einen Baum ist für Kinder eine große Herausforderung. Sie müssen hier Mut beweisen, Geschicklichkeit (Motorik) und Kraft. Die Kinder kommen in solchen Situation an verschiedene Grenzen. Seien es körperliche (die Kraft reicht nicht mehr) bis hin zu psychischen (Angst vor Verletzung bzw. herunterfallen). Diese elementaren Erfahrungen sind wichtig, damit das Kind selber einschätzen kann, was es sich zutrauen kann und was nicht. Auch Regeln werden im Wald leichter eingehalten und akzeptiert als im Regelkindergarten. Dies entwickelt sich daraus, dass immer etwas Unvorhersehbares geschehen kann, sei es, ein Tier wird aufgeschreckt, ein Kind verletzt sich, oder man hört unbekannte Geräusche. Deshalb sind die meisten Regeln für Kinder klar nachvollziehbar (z. B.: wir laufen nur soweit, dass wir noch Blickkontakt haben, um zu verhindern, dass sich ein Kind verläuft). Ihnen begegnen reale Gefahren, die sich unmittelbar erleben lassen. Deshalb bewegen sich die Kinder nicht zu forsch im Wald und haben einen gesunden Respekt. Ebenfalls ist zu beobachten, dass die Regeln für den Wald bei den Kindern fest eingeprägt sind und die Regelbefolgung gegenseitig kontrolliert wird. Die Erziehung „ohne Wände“ führt also dazu, dass die Abwesenheit sichtbarer Grenzen (Wände), die Schaffung und Befolgung unsichtbarer Grenzen (Regeln) zur Folge hat (Vgl. Schede, 2000, S.19f).

2.2 Ohne Spielzeug

Kinder haben ein hohes Bedürfnis, wahrzunehmen und ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen und zu spielen. Deshalb ist auch ein großes pädagogisches Anliegen im Waldkindergarten, ihnen kein vorgefertigtes Spielzeug anzubieten. Der Wald bietet eine unerschöpfliche Fülle von Anregungen, die Materialien, mit denen Kinder in Wald spielen, gewinnen ihren Wert erst dadurch, dass man ihnen einen Wert gibt. So wird aus einem Stock ein Schwert und wiederum in einem anderen Spiel ein Zauberstab mit wundersamen Eigenschaften. Wo Erwachsene einen gefällten Baum sehen, da sehen Kinder einen Einkaufsladen und der Tannenzapfen wird zur Kartoffel, die sie in ihrem Laden verkaufen. Weil die Dinge, die im Wald herumliegen und auf keinen Zweck festgelegt sind, bieten sie den Kindern die Möglichkeit kreativ zu werden. Dies schafft eine tiefe innere Befriedigung, denn sie stellen dabei fest, dass ihre Phantasie sie ausfüllt, das sie ständig neue Ideen haben, und das sie mit wenigen Dingen auskommen um sich in interessante Spiele zu vertiefen. Über dies Bescheid zu wissen und es so ausleben zu können, macht die Kinder selbstsicher. Demzufolge stellen die Erfahrungen, die Kinder im Wald machen, spielzeugfrei zu agieren, auch einen wichtigen Aspekt zur Suchtvorbeugung dar (Vgl. Schede 2000, S. 21). Ziel dessen ist, Kindern schon früh zu vermitteln, dass es andere Wege der Problemlösung gibt, als auf Konsumgüter zur Ersatzbefriedigung zurückzugreifen. Durch diese Prävention soll bei den Kindern Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen, Selbstständigkeit, Frustrationstoleranz, und Kommunikationsfähigkeit entwickelt und gestärkt werden. Kinder lernen ohne Spielzeug mehr aufeinander zuzugehen, aufeinander einzugehen, ihr Bedürfnis auszusprechen und ihre Verstellungen und Ideen durchzusetzen (Vgl. Bickel, 2001, S. 5).

2.3 Soziale Erziehung

Das wichtigste Ziel aller Kindergärten ist die Vermittlung sozialer Kompetenzen. Kinder sollen lernen, Kontakte zu knüpfen, zuzuhören, sich durchzusetzen, eigene und fremde Gefühle wahrzunehmen. Des weiteren sollten einige Fähigkeiten erlernt werden, wie die Selbsteinschätzung, das Tragen von Verantwortung, die Bereitschaft von Rücksichtnahme und die Fähigkeit einer fairen Konfliktlösung. Der Waldkindergarten bietet dafür beste Voraussetzungen. Durch die Gegebenheiten im Wald und dem Fehlen von Spielzeug entwickelt sich ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl (die Kinder sind aufeinander angewiesen). Dies erfordert Hilfsbereitschaft, Rücksicht, Verständnis und Toleranz gegenüber anderen Kindern und fördert damit das soziale Verhalten und die Kommunikation untereinander. Ob ein Bach überquert, ein schwerer Stein umgedreht oder ein Hang erklettert wird: oft brauchen die Kinder Hilfe. Dazu müssen sie aufeinander zugehen, ihre Ideen austauschen und miteinander umsetzen. Solche gemeinsamen Aktionen wirken sich auf das Gemeinschaftsgefühl der Kinder aus und stärken damit ihr Selbstwertgefühl. Im Laufe der Zeit lernen sie daraus eigene Bedürfnisse und Wünsche zurückzustellen, tolerant zu sein, anderen zu helfen, geduldig zu sein und Konflikte friedlich zu lösen. (Vgl. Bickel, 2001, S. 30f. ). Auch durch die überschaubare Gruppenstruktur lernen die Kinder ganz gezielt aufeinander Rücksicht zu nehmen, z. B. an so genannten Haltestellen aufeinander zu warten und individuelle Stärken und Schwächen als Selbstverständlichkeit zu sehen (Vgl. Scheuring, 2000, S. 168).

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Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Der Waldkindergarten - Ein Neues Konzept der Vorschulpädagogik
Hochschule
Ernst-Abbe-Hochschule Jena, ehem. Fachhochschule Jena
Veranstaltung
Erziehungswissenschaften
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
33
Katalognummer
V182908
ISBN (eBook)
9783656069409
ISBN (Buch)
9783656069454
Dateigröße
588 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
waldkindergarten, neues, konzept, vorschulpädagogik
Arbeit zitieren
Antje Kreher (Autor), 2008, Der Waldkindergarten - Ein Neues Konzept der Vorschulpädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182908

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