Friedrich Ebert und die Novemberrevolution

Vergebene Chancen der Sozialdemokratie?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
22 Seiten, Note: 1,3
Anonym

Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1. Forschungsstand

2. Abgrenzung zu den Arbeiter- und Soldatenräten
2.1. Das Phänomen der Bolschewismusfurcht
2.2. Politische Ausrichtung der Revolution
2.3. Die Bolschewismusgefahr aus Sicht der MSPD-Führung

3. Kooperation nach rechts und ungenügende Reformen
3.1. MSPD und OHL
3.2. Reformpolitik der Regierung
3.3. Das politische Verständnis Eberts

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

Einleitung

( … ) Der Kaiser hat abgedankt. Er und seine Freunde sind verschwunden. Über sie alle hat das Volk auf der ganzen Linie gesiegt! Der Prinz Max von Baden hat sein Reichskanzleramt dem Abgeordneten Ebert Übergeben. Unser Freund wird eine Arbeiterregierung bilden, der alle sozialistischen Parteien angehören werden. ( … ) Arbeiter und Soldaten! Seid euch der geschichtlichen Bedeutung des Tages bewusst! (..) Das Alte und Morsche, die Monarchie, ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue! Es lebe die deutsche Republik. 1

Am 9. November 1918 hatten die Ereignisse der Straße die- in der Bevölkerung ohnehin kaum wahrgenommenen2 - Verfassungsreformen des Oktobers 1918 eingeholt. Auf die „Revolution von oben“ folgte die „Revolution von unten“; was zunächst als Meuterei der Matrosen in Wilhelmshaven und Kiel begonnen hatte, erreichte seinen Höhepunkt in Berlin mit dem Ende der Monarchie auf deutschem Boden: Vom Balkon des Berliner Reichstagsgebäudes aus verkündete Philipp Scheidemann mit den eingangs zitierten Worten die deutsche Republik- und kam damit Karl Liebknechts Proklamation der sozialistischen Räterepublik nur zwei Stunden zuvor.

In diesem revolutionären Neuanfang verschwand innerhalb weniger Tage jeder einzelne der deutschen Monarchen von der politischen Bildfläche- nach zum Teil jahrzehntelanger, vielfach gar nicht unbeliebter Herrschaft. Allein die Tatsache, dass sich all dies völlig unblutig, ohne Bürgerkrieg, innerhalb kürzester Zeit- in manchmal fast gemütlichen Formen 3 - vollzog, lässt ein großes Potenzial dieser Revolution von unten erahnen. Dies wurde auch zeitgenössisch zum Teil schon so empfunden; das viel zitierte Urteil des linksliberalen Publizisten Theodor Wolff vom 11. November 1918 verdeutlicht dies: Dies sei ( … ) die gr öß te aller Revolutionen ( … ), weil niemals eine so fest gebaute, mit so soliden Mauern umgebene Bastion so in einem Anlauf genommen worden ist 4.

Auch in diesem Fall gilt jedoch: Aus der Rückschau stellt sich Vieles anders dar. Blickt man darauf, was diese gr öß te aller Revolutionen letztlich als Ergebnis aufweisen konnte- die Weimarer Republik mit ihren strukturellen Schwächen, den Straßenschlachten, ganz allgemein ihren Krisen und schließlich ihrer Auflösung in nationalsozialistischer Diktatur- so drängt sich die Frage auf, wie es zu einer solchen Entwicklung kommen konnte. Ins Blickfeld gerät dann zwangsläufig auch die Regierung der Novemberrevolution, der Rat der Volksbeauftragten. Immerhin waren die Monate von Mitte November 1918 bis Anfang Februar 1919 jene, in denen die Revolution noch jung, ihre Strahlkraft dementsprechend groß gewesen sein müsste: Versäumnisse dieser Tage konnten vielleicht später nicht mehr so leicht nachgeholt werden. Wurden dementsprechend bereits hier- vielleicht für immer- falsche Weichen gestellt und somit Chancen verpasst, noch vor der konstituierenden Nationalversammlung ein stabileres Fundament für die Weimarer Zeit zu schaffen?

Mit dieser Thematik will sich auch die hier vorliegende Arbeit auseinandersetzen. Sie betritt damit- zugegebenermaßen- kein Neuland. Gerade in der jüngeren Revolutionsforschung wurde die Frage nach Chancen- vor allem auch vergebenen Chancen- der Sozialdemokratie seit November 1918 zu einem Leitmotiv5. Daher ist es nicht Ziel dieser Arbeit, neue Antworten in der Auslegung der Ereignisse zu finden. Vielmehr soll zu den gängigsten Thesen kritisch Stellung bezogen werden, um eine eigene Gewichtung in der Auslegung der Ereignisse zu finden. Hierzu soll in einem ersten Schritt ein kurzer Einblick in die beiden wichtigsten, im Wesentlichen kontroversen Positionen der Forschung erfolgen. In Bezug hierauf sollen einige zentrale Streitpunkte analysiert werden, welche die Kontroverse prägen. Dies soll zu guter Letzt zu einer eigenen Akzentuierung im Urteil zu der genannten Fragestellung führen. Ein besonderes Augenmerk soll dabei in dieser Arbeit der Person Friedrich Eberts gelten. Wie Reinhard Rürup treffend feststellt, waren […] spätestens vom 9. November an […] die Biographie Eberts und die deutsche Politik so eng miteinander verknüpft, da ß - bis Anfang Februar 1919- die eine nicht ohne die andere behandelt werden kann. Die zentrale Stellung Eberts in der Revolutionszeit […] sei, so Rürup weiter, unbestreitbar, es gab in diesen Monaten keinen Politiker in Deutschland, dessen Meinungen und Entscheidungen ein gleiches oder höheres Gewicht besessen hätten.6

Ohne eine eingehende Betrachtung Friedrich Eberts, welcher de facto den Vorsitz im Rat der Volksbeauftragten einnahm, ist eine Analyse der Revolution unmöglich.

1. Forschungsstand

Die Erforschung der deutschen Revolution vollzog sich in mehreren Stadien, wobei gerade die ältere Forschung oftmals unter starker politischer Motiviertheit litt: Vor allem Extremrechts und -links bedienten sich der Ereignisse im Sinne der jeweils eigenen Ideologie: Gezeichnet wurde dabei von beiden Seiten das Bild des Verrats: Zum einem des Verrats probolschewistischer Hetzer am deutschen Volk, als Dolchstoß in den Rücken des unbesiegten Heeres. Zum anderen das Bild des Klassenverrats der sozialdemokratischen Führer an ihrer eigenen Anhängerschaft. Diese Extrempositionen- die hier keine weitere Beachtung finden sollen- prägten das kollektive Gedächtnis für einige Zeit.7

Erst im Westdeutschland der 50er Jahre vollzog sich ein Wandel: Nunmehr erfuhren Ebert und die Mehrheitssozialdemokraten positive Würdigung, vor allem aus liberalem- und konservativem Lager: Beeinflusst von den ersten Vorzeichen des Kalten Kriegs erkannte man besonders in Ebert einen Mann der „ Mitte “ , der ideologiefernen Praxis, welcher um der Demokratie willen einen Trennungsstrich zum linken Flügel der Arbeiterbewegung vollzogen habe […] und welcher […] Staatsinteresse Über Parteiinteresse stellte […] , den Ausgleich auch zwischen den Parteien suchte 8. Betont wurde also vor allem die Bedeutung der Revolution als gelungenen Abwehrkampf gegen den Bolschewismus in einer Phase des allgemeinen Zusammenbruchs. Die Entwicklungschancen des Kaiserreichs gegen Kriegsende wurden dabei überwiegend in Form einer Alternative dargestellt: Hier bolschewistische Rätediktatur, dort parlamentarische Republik von Weimar9.

Erst die neuere Forschung ab Mitte der 1960er Jahre manifestierte ein auf breiter Quellenbasis beruhendes, differenziertes Urteil der Leistungen der Revolutionsregierung (und insbesondere Eberts). Die Ereignisse von 1918/19 wurden immer weniger als bloßer Zusammenbruch gedeutet, stattdessen zunehmend deren revolutionäres Potential hervorgehoben10. Unumstritten sind dabei in aller Regel die Erfolge der Übergangsregierung, was die Stabilisierung Deutschlands in der Notsituation betraf (z.B. Sicherstellung der Ernährung der Bevölkerung, Heimführung der Fronttruppen). Zusammengefasst wird dieser Bereich meist unter dem Stichwort Konkursverwaltung.

Was hingegen die Umsetzung der politischen Ziele der Revolution betrifft, lassen sich zwei gegensätzliche Tendenzen erkennen. Zwar ist man sich weitestgehend einig, dass der Rat der Volksbeauftragten Reformen nicht so durchgeführt habe, wie dies für eine stabile Weimarer Republik nötig gewesen sei11 ; unterschiedlich bewertet wird aber, inwieweit dem Rat überhaupt der nötige Handlungsspielraum hierfür zur Verfügung gestanden habe. Dabei, so die Kritik12, hätten Ebert und seine „Mannen“ nach dem 9. November eine geradezu stoische Fixiertheit auf die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung an den Tag gelegt. Statt das revolutionäre Potential der Arbeiterschaft für tiefgreifende Reformen vor allem in den Bereichen Militär, Industrie und Bürokratie einzusetzen, habe man die Gefahr einer bolschewistischen Revolution dramatisiert und sich zunehmend von den Anhängern, der Arbeiterschaft, distanziert - was eine Fehleinschätzung der tatsächlichen politischen Lage gewesen sei. Zugleich habe man die viel realere Bedrohung von rechter Seite übersehen: Ja, die MSPD habe sogar durch zunehmendes Heranziehen der OHL zum Schutz der Regierung selbst die entscheidenden Schritte ergriffen, die nach der Revolution am Boden liegenden reaktionären Kräfte vorzeitig wieder aufzubauen. Die Kritik geht stellenweise sogar so weit, die MSPD um Ebert sei zur Kindsmörderin an der selbst lange ersehnten Revolution geworden, zum Verräter der eigenen Anhängerschaft.13

Demgegenüber steht eine ganze Reihe an Publikationen, welche ein anderes, wesentlich positiveres Bild der Mehrheitssozialdemokratie für diese Zeit zeichnet14. Betont werden dabei vor allem deren Leistungen hinsichtlich der schon erwähnten Konkursverwaltung. Durch kluge Politik habe man es verstanden, drohende Katastrophen wie z.B. eine Hungersnot von Deutschland abzuwenden; zu mehr habe unter den vorherrschenden Bedingungen (vor allem drohender alliierter Einmarsch und drohender Bürgerkrieg) ohnehin kein Handlungsspielraum bestanden. Außerdem sei die Gefahr einer bolschewistischen Revolution zumindest für die Zeitgenossen durchaus nachvollziehbar, also keineswegs überbewertet worden.

2. Abgrenzung zu den Arbeiter- und Soldatenräten

Der erste zentrale Streitpunkt, mit dem sich diese Arbeit auseinandersetzen will, ist der Vorwurf, die MSPD-Spitze habe sich in der revolutionären Übergangsphase zunehmend von den Arbeiter- und Soldatenräten abgegrenzt. Somit habe man deren wertvolles Demokratisierungspotential nicht genutzt und tatsächlich wertvolle Chancen vergeben, ein stabiles demokratisches Fundament für die spätere Weimarer Republik zu schaffen. Anlass hierfür sei neben weiteren Aspekten vor allem eine rational unbegründete Bolschewismusfurcht der Regierung gewesen.

2.1. Das Phänomen der Bolschewismusfurcht

Wenn die Völker fortschreiten und die Verfassungen still stehen, kommen die Revolutionen. Die besitzenden Klassen Deutschlands können froh sein, wenn der deutsche Volksstaat sich im Wege der politischen Entwicklung durchsetzt. Blicken Sie nach Ru ß land, und Sie sind gewarnt. 15

Bereits in seiner letzten Rede im alten Reichstag am 22. Oktober 1918 warb Friedrich Ebert für eine Unterstützung der neugebildeten sozialdemokratischen Regierung, indem er die drohende Alternative einer bolschewistischen Revolution nach russischem Vorbild aufzeigte. Damit bediente er sich ganz bewusst der weit verbreiteten Ablehnung des Bolschewismus, welche fester Bestandteil der politischen Kultur im Kaiserreich geworden war- auch bei den Sozialdemokraten, wie unter anderem Peter Lösche erfolgreich nachweisen konnte16. Eine zentrale Rolle in dieser Entwicklung nahm dabei ohne Frage die russische Revolution 1917 ein.

[...]


1 Zitiert nach: Maser, Werner: Friedrich Ebert, der erste deutsche Reichspräsident. Eine politische Biographie, München 1987, S. 181.

2 Vgl. z.B. ( … ) Die wirkliche Bedeutung dieser friedlichen Revolution ist den Massen gar nicht klargeworden. ( … ) Um an das neue System zu glauben, hätten die Massen es funktionieren sehen müssen. Der einfache Arbeiter und Soldat sah aber so eine Veränderung nicht. Zitiert nach: Rosenberg, Arthur; Kersten, Kurt: Entstehung der Weimarer Republik, Hamburg 1991, S. 224.

3 Vgl. Haffner, Sebastian: Von Bismarck zu Hitler. Ein Rückblick, München 2009, S.162.

4 Zitiert nach: Wehler, Hans-Ulrich: Das Deutsche Kaiserreich 1871-1918, Göttingen, 1983, S. 218.

5 Vgl. Rürup, Reinhard: Probleme der Revolution in Deutschland 1918/19, Berlin 1968, S. 9.

6 Zitiert nach: Rürup, Reinhard: Friedrich Ebert und das Problem der Handlungsspielräume in der deutschen Revolution 1918/19, in: König, Rudolf u.a. (Hrsg.), Friedrich Ebert und seine Zeit. Bilanz und Perspektiven der Forschung, München 1990, S. 69-87, davon S. 72.

7 Vgl. Winkler, Heinrich August: Von der Revolution zur Stabilisierung. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1918 bis 1924, Bonn 1985, S. 19; hier findet sich ein guter Überblick über die verschiedenen Stadien der Revolutionsforschung.

8 Vgl: Rürup, Problem der Handlungsspielräume in der deutschen Revolution 1918/19, in: König, Rudolf u.a. (Hrsg.), Friedrich Ebert und seine Zeit. Bilanz und Perspektiven der Forschung, München 1990, S. 69-87, davon S. 72.

9 Vgl. Wehler, Hans-Ulrich: Das Deutsche Kaiserreich 1871-1918, Göttingen 1983, S. 219.

10 Vgl. Rürup, Problem der Handlungsspielräume, S. 73.

11 z.B. auch in den grundsätzlich kontrovers angelegten Arbeiten von Rürup und Jesse: Rürup, Problem der Handlungsspielräume; Jesse, Eckhard: Friedrich Ebert und das Problem der Handlungsspielräume in der deutschen Revolution 1918/19, in: König, Rudolf u.a. (Hrsg.), Friedrich Ebert und seine Zeit. Bilanz und Perspektiven der Forschung, München 1990, S. 89-110.

12 Kritisch v.a.: Wehler, S. 220 ff.

13 Vgl. Haffner, Sebastian: Die deutsche Revolution 1918/19, Reinbek 2007, S. 236 ff.

14 Vgl. v.a. die beiden wohl bekanntesten positiv wertenden Rezensenten Eberts in jüngerer Zeit: Mühlhausen, Walter: Friedrich Ebert 1871 - 1925. Reichspräsident der Weimarer Republik, Bonn 2006; auch: Jesse.

15 Zitiert nach: Ebert, Friedrich: Schriften, Aufzeichnungen, Reden. Zweiter Band. Mit unveröffentlichten Erinnerungen aus dem Nachlaß, Dresden 1926, S. 76.

16 Vgl. Lösche, Peter: Der Bolschewismus im Urteil der deutschen Sozialdemokratie 1903-1920, Berlin 1967, S. 133 ff.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Friedrich Ebert und die Novemberrevolution
Untertitel
Vergebene Chancen der Sozialdemokratie?
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Department Geschichte)
Veranstaltung
Hauptseminar „Der Erste Weltkrieg"
Note
1,3
Jahr
2010
Seiten
22
Katalognummer
V182937
ISBN (eBook)
9783656081067
ISBN (Buch)
9783656081395
Dateigröße
667 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erster Weltkrieg, Novemberrevolution, Friedrich Ebert, Sozialdemokratie, Kaiserreich
Arbeit zitieren
Anonym, 2010, Friedrich Ebert und die Novemberrevolution, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182937

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