Euro-Bonds, Europäischer Währungsfonds oder ein neuer institutioneller Rahmen für den Euro-Raum?


Seminararbeit, 2011

34 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Euro-Bonds
2.1. Grundannahmen
2.2. Charakteristik der Euro-Bonds Auflage
2.3. Zwischenergebnis
2.4. Eine grundlegende Kritik

3. Europäischer Währungsfonds
3.1. Finanzierungs-, Beistands- und Durchsetzungsmechanismen
3.2. Ein geregeltes Insolvenzverfahren
3.3. Zwischenergebnis

4. Neuer institutioneller Rahmen für den Euro
4.1. Erste Säule: Stabilitätspakt mit mehr Biss
4.2. Zweite Säule: Mehr Stabilität für das private Finanzsystem
4.3. Dritte Säule: Ein Europäischer Krisenmechanismus
4.4. Zwischenergebnis

5. Resümee und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Man sollte politischen Entscheidungsträgern nicht allzu laut dafür applaudieren, dass es nach einer Welle der Schuldenkrisen in den 1980er- und 1990er-Jahren zwischen 2003 und 2009 keine größeren Zahlungsausfälle bei Auslandsschulden gegeben hat. Gehäufte Zahlungsaus- fälle bleiben die Norm, wobei internationale Krisenwellen typischerweise viele Jahre […] auseinanderliegen.“1 Die Worte der renommierten US-Ökonomen Carmen M. Reinhart und Kenneth S. Rogoff, zitiert aus ihrem im Original 2009 erschienen Buch „Dieses Mal ist alles anders“, klingen wie eine dunkle Vorahnung dessen, was nur wenige Monate später, mitten in Europa zur bitteren Realität werden sollte und die Staatengemeinschaft bis zum gegen- wärtigen Zeitpunkt, wohl aber auch noch einige Zeit darüber hinaus vor große Herausforderungen stellt bzw. stellen wird. Ihren Anfang nahm die jüngste Schuldenkrise, von der hier die Rede ist, in Griechenland. Doch die Griechen waren nur das erste Glied in einer immer länger werdenden Kette von Staaten, die eingeholt von einer ausufernden Schuldenpolitik ihre Refinanzierungsmöglichkeiten an den Kapitalmärkten mehr und mehr beschränkt sahen. So läutete die Finanzkrise das Ende der Periode des billigen Geldes auch für souveräne Schuldner ein. Länder in Haushaltsnöten sahen sich bald mit hohen Risiko- zuschlägen an den Anleihemärkten als Augleich für ein erhöhtes Zahlungsausfallrisiko konfrontiert, was die Kreditaufnahme erschwerte und stark verteuerte. Bald wurde auch Irland von der Schuldenkrise erfasst, Portugal ist bis heute unmittelbar davon bedroht und auch ein Übergreifen der Krise auf Spanien, Italien und Belgien kann nicht ausgeschlossen werden, falls die Verunsicherung an den Finanzmärkten weiter zunimmt.2 Hatte die EU bereits im April 2010 ein Rettungspaket für Griechenland auf den Weg gebracht und mit finanziellen Hilfen im Umfang von 80 Mrd. Euro, ergänzt durch zusätzliche 30 Mrd. Euro in Form von IWF-Krediten, die drohende Zahlungsunfähigkeit des Landes abzuwenden versucht, sahen sich die politischen Entscheidungsträger nur einen Monat später aufgrund zunehmender Marktturbulenzen genötigt, zu einem groß angelegten Gegenschlag auszuholen. Das Ergebnis bildet der in der Nacht vom 9. zum 10. Mai in Brüssel beschlossene Euro-Rettungsschirm, mit einem Gesamtvolumen von 750 Mrd. Euro, welcher zunächst für drei Jahre aufgespannt bleiben soll und den Krisenstaaten finanzielle Mittel zu günstigen Konditionen gewährt.3

Trotz der enormen Geldbeträge, welche die Währungsgemeinschaft aufgeboten hat, ist es bis- her nicht gelungen, den Euro-Raum nachhaltig zu stabilisieren, im Gegenteil, die Anleihenmärkte gerieten sogar noch stärker unter Druck.4 Dass die gegenwärtigen Rettungs- maßnahmen als langfristige Lösung ungeeignet und darüber hinaus mit schwerwiegenden Anreizproblemen behaftet sind, darin ist sich die Wirtschaftswissenschaft weitgehend einig.5 Anspruch vorliegender Arbeit ist es allerdings nicht, ausführlich Kritik an den bisherigen Maßnahmen zu üben oder einen umfassenden Überblick über den Verlauf der Krise zu ge- währen. Vielmehr geht es darum Lösungsalternativen aufzuzeigen sowie ihre Vor- und Nachteile zu diskutieren, um schließlich einen Eindruck zu vermitteln, auf welche Basis ein langfristig tragfähiges Konzept zur erfolgreichen Stabilisierung der Währungsunion gestellt werden muss. Dabei spannt sich der Bogen von dem lange Zeit heiß diskutierten Konzept der Euro-Bonds über das Modell eines Europäischen Währungsfonds bis hin zu tief greifenden Reformvorschlägen für das institutionelle Gefüge des Euro-Raums.

2. Euro-Bonds

Wohl kaum ein anderes Instrument zur Überwindung der Krise ist so umstritten wie die Ein- führung von Euro-Bonds. Eingebracht in die aktuelle Diskussion wurde die Idee, welche gemeinsame Staatsanleihen mit gleichem Zinssatz für alle Euro-Mitglieder vorsieht, von dem luxemburgischen Ministerpräsidenten und Chef der Euro-Gruppe Jean Claude Juncker. Aufgrund der kollektiven Haftung aller Mitgliedsländer für die von der EU aufgelegten An- leihen könnte der Zinssatz für Krisenländer auf ein erträgliches Maß reduziert werden, so die Absicht dahinter.6 Länder wie Griechenland, Irland, Portugal oder Spanien - auch als GIPS- Staaten bezeichnet, erhielten leichter und billiger Zugang zu den Kapitalmärkten, wodurch die Gefahr einer Insolvenz vorerst gebannt wäre. Nicht verwunderlich, dass die Regierungen jener hoch verschuldeten Staaten zu den größten Befürwortern der relativ einfach und zügig zu implementierenden Gemeinschaftsanleihen zählen, während Länder mit relativ soliden Staatsfinanzen, allen voran Deutschland und Frankreich, aber auch die Niederlande, Öster- reich oder Finnland der Einführung von Euro-Bonds äußerst kritisch gegenüberstehen.7 Der Grund für diese ablehnende Haltung liegt auf der Hand, denn für die Risiken der schwächeren Länder haftet die Gemeinschaft durch die Nutzung der Bonität der wirtschaftlich starken Euro-Mitglieder, welche nach wie vor das Vertrauen der Märkte genießen. Verglichen zur 197,7 Mrd. beteiligt und stemmt damit einen Großteil der finanziellen Lasten. Vgl. dazu Sinn (2010a), S. 1f. sowie ders. (2010b), S. 3f.

jetzigen Situation würden für Letztere die Zinslasten durch die Emission von Euro-Bonds steigen, hätten sie doch das Ausfallrisiko der Krisenländer mitzutragen und im Ernstfall für deren Verbindlichkeiten zu haften, von weiteren kostenintensiven Rettungsaktionen ganz zu schweigen.8 Umgekehrt blieben die Schuldensünder von höheren Zinssätzen verschont, ist doch für das ursprüngliche Konzept der Euro-Bonds eine vollkommene Zinsangleichung un- geachtet der Bonität der Schuldner charakteristisch. In Kombination mit den bereits von der Union gewährten Garantien würden so Anreize zur Konsolidierung der Finanzhaushalte weiter gemindert.9 Paul de Grauwe und Wim Moesen greifen diese Problematik auf, wenn sie von einem befürchteten free-riding der Krisenländer zulasten der Gemeinschaft, insbesondere Deutschlands sprechen.10 Sich der Defizite des ursprünglichen Vorschlages bewusst, ent- wickelten die beiden belgischen Ökonomen ein modifiziertes Modell zur Emission von Euro- Bonds, auf dessen Charakteristik im Folgenden näher eingegangen werden soll.

2.1. Grundannahmen

Die beiden Wirtschaftswissenschaftler gehen davon aus, dass die dramatischen Zinsspreads innerhalb der Eurozone in erster Linie ein gestiegenes Liquiditätsrisiko reflektieren, welches seit der Finanzkrise die Märkte erfasst hat. Waren die Jahre vor dem Ausbruch der Subprime- Krise 2007 von einem geradezu fahrlässig niedrigen Risikobewusstsein geprägt, habe sich die Stimmung an den Märkten nun ins Gegenteil verkehrt. Anleger seien heute von einer über- steigerten Risikoaversion getrieben, was sich unmittelbar auf die Liquidität der Bondmärkte innerhalb der Euro-Zone auswirke.11 Als Nutznießer dieses Stimmungswandels, der eine Flucht der Investoren weg von riskanten privaten Assets hin zu einigen vermeintlich sicheren Staatspapieren bewirkte, gelten nach de Grauwe und Mosen in erster Linie die USA, Deutsch- land und in geringerem Umfang auch Frankreich. Während die Anleihen jener Länder von den Finanzmärkten als sichere Häfen interpretiert werden, sehen sich im Umkehrschluss ins- besondere Griechenland und Irland mit hohen Zinszahlungen auf ihre Staatsschulden konfrontiert, weil Finanzakteure ihr Kapital aus diesen Anleihemärkten abziehen und so eine kurzfristige Refinanzierung der Schuldtitel nur unter hohen Risikozuschlägen ermöglicht wird.12 Zwar geben de Grauwe und Moesen einleitend zu bedenken, dass neben den Liquiditätsengpässen an den Bondmärkten auch länderspezifische Gründe sowie die ge- steigerte Sensibilisierung der Anleger für Ausfallrisiken die zunehmenden Zinsspreads bedingen, der weitere Verlauf ihrer Argumentation zielt jedoch allein darauf ab, der Risiko- aversion an den Märkten und den daraus hervorgehenden Finanzierungsschwierigkeiten der GIPS-Staaten entgegenzuwirken, tiefer liegende Ursachen der Schuldenkrise werden weitest- gehend ausgeblendet.13 So sind die Wissenschaftler davon überzeugt, dass in dem Ausmaß in welchem die Zinsspreads einen Liquiditätsmangel zum Ausdruck bringen, volkswirtschaft- liche Fehlentwicklungen impliziert sind. Schließlich sei es angesichts der hohen Zinssätze den betroffenen Ländern kaum möglich, ein angemessenes Krisenmanagement zu betreiben. Staatliche Investitionen würden gekürzt, die wenigen expansiven Stimuli in ihrer Wirkung aufgrund der für Krisenzeiten typischen erhöhten Sparquote gedämpft sowie darüber hinaus die Stabilisierung des Bankensektors erschwert. Für de Grauwe und Moesen ergibt sich so eine Abwärtsspirale bei der sich wirtschaftliche Talfahrt, Instabilität im Finanzsystem und ein staatliches Haushaltsdefizit gepaart mit hohen Zinszahlungen für die Schuldenaufnahme gegenseitig bedingen und verstärken.14 Einen möglichen Ausweg sehen beide in der Ein- führung von Euro-Bonds, die nach ihrer Konzeption den schwierigen Spagat zwischen Liquiditätszufuhr einerseits und Eliminierung von free-riding andererseits meistern sollen.

2.2. Charakteristik der Euro-Bonds Auflage

Der Partizipationsumfang jedes Euro-Landes richtet sich dabei nach dessen Anteilen an der Europäischen Investitionsbank (EIB). Der Zinssatz der Gemeinschaftsanleihen ergibt sich aus dem gewichteten Durchschnitt der Zinssätze nationaler Staatsanleihen zum Zeitpunkt der Bondsauflage, wobei sich die Gewichtung ebenfalls an den Vermögensanteilen der Länder an der EIB orientiert. Anders ausgedrückt setzt sich der Zinssatz des Euro-Bonds aus der Summe der Kapitalanteile der einzelnen Länder an der EIB multipliziert mit dem jeweiligen Zinssatz für nationale Staatsanleihen zusammen. Da Deutschland und Frankreich zu den Euro- Mitgliedern gehören, die mit am meisten Anteile an der EIB halten, würden deren niedrige Zinssätze vergleichsweise stark ins Gewicht fallen. Die Verteilung der Erlöse aus einer An- leihebegebung erfolgt entsprechend der gleichen Gewichtung. Die anschließenden jährlich anfallenden Zinszahlungen der einzelnen Regierungen auf ihren Teil der Bonds richten sich wiederum nach dem gleichen nationalen Zinssatz, der zur Bestimmung des Durschnittszinssatzes der Gemeinschaftsanleihen verwendet wurde.15 Unter Berücksichtigung entsprechender Daten vom Januar 2011 wäre Griechenland demnach zur Tilgung eines Zins- satzes von 11,73 Prozent auf seinen Teil der ausstehenden Bonds verpflichtet, während Deutschland lediglich Zinszahlungen in Höhe von 3,02 Prozent zu begleichen hätte.16 Aus diesem Blickwinkel betrachtet könnte solch ein Ansatz den Vorwurf, Gemeinschaftsanleihen würden zu verstärktem free-riding auf Kosten finanzkräftiger Staaten ermutigen, tatsächlich entkräftigen. Sowohl Griechenland, hier beispielhaft für diejenigen Schuldenländer mit Finanzierungsschwierigkeiten, als auch Deutschland hätten nach wie vor die üblichen Markt- zinsen zu bezahlen. Der Theorie nach wäre dadurch weder die Disziplinierung Griechenlands durch die Märkte außer Kraft gesetzt noch Deutschland durch die Zahlung unnatürlich hoher Zinssätze belastet. Ein verstärkter Anreiz zum free-riding, so sind de Grauwe und Moesen überzeugt, bestehe kaum. Stellt sich allerdings die Frage, worin der Vorteil Griechenlands durch den Handel mit Euro-Bonds liegt, wenn die Zinsen für seine Staatsschulden nicht ge- drosselt werden. Diesen sehen die beiden Ökonomen in dem erleichterten Zugang des Landes zu den Kapitalmärkten. Schließlich besteht die Gefahr, dass Griechenland und andere Risiko- staaten von den Märkten ausgeschlossen werden, solange das Sicherheitsbedürfnis der Anleger weiter anhält. Die Euro-Bonds stellen somit ein Tor zu den Kapitalmärkten dar, welches angeschlagenen Staaten weiter die Refinanzierung ihrer Schulden garantiert, ohne die übrigen Euro-Länder zusätzlich zu belasten, so die belgischen Architekten.17

Mit zwei praktischen Problemen sehen sich de Grauwe und Moesen bei ihrer Konzeption dennoch konfrontiert, denen sie sich allerdings elegant entledigen zu scheinen. So schlagen die Autoren bei der Aufteilung der den Anleiheemissionen zugrunde liegenden Verbindlich- keiten eine Haftung der nationalen Regierungen abermals nach ihren Kapitalanteilen an der EIB vor. Die Befürchtung, der tatsächliche Zinssatz der Euro-Bonds könnte von ihrem ge- wichteten Durchschnittszinssatz nach oben hin abweichen, teilen de Grauwe und Moesen aufgrund ihrer Einschätzung der Situation an den Kapitalmärkten nicht. Gesetz dem Fall, die hohen Zinssätze einiger Schuldverschreibungen gründen auf einem der Risikoaversion ge- schuldeten Liquiditätsmangel, würde die Inklusion nationaler Anleihemärkte in einen gemeinsamen Markt für Euro-Bonds das Sicherheitsbedürfnis der Anleger bedienen und somit die Liquidität erhöhen.18 Auch der deutsche Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel ist von der Attraktivität des neuen Marktes, insbesondere für Großanleger außerhalb der EU, und dessen enormen Liquiditätspotenzial überzeugt. Das aus griechischen, irischen, spanischen und portugiesischen Staatspapieren in die USA abgeflossene Kapital, ließe sich auf diesem Weg wieder zurückholen.19 Für de Grauwe und Moesen ist aufgrund der ver- muteten großen Nachfrage ein Zinssatz der Euro-Bonds unter ihrem Ausgangswert wahrscheinlich, was die Mitgliedsstaaten nicht be- sondern entlasten würde.20

2.3. Zwischenergebnis

Folglich stellen die Wirtschaftswissenschaftler am Ende ihrer Ausführungen fest, dass die Möglichkeit zur Schaffung eines gemeinsamen Bondmarktes, der keinen Anlass zu free-riding bietet, durchaus besteht. Dabei überzeugt das vorgeschlagene Konzept nach Auffassung seiner Konstrukteure in mehrerlei Hinsicht. So würde nicht nur auf der Nachfrageseite das Bedürfnis nach sicheren Investitionen gestillt, sondern auch auf der Angebotsseite der Zugang zum Kapitalmarkt erleichtert werden. Ferner handele es sich auch in Bezug auf das Verhältnis der Staaten untereinander um eine pareto-optimale Lösung, denn schließlich erfolge eine Wohlfahrtssteigerung der Krisensaaten ohne die übrigen Mitgliedssaaten der Eurozone schlechter zu stellen.21

Unbestritten ist, dass es de Grauwe und Moesen mit ihrem Modell der Euro-Bonds gelungen ist, einige entscheidende Schwächen der ursprünglichen Idee zu korrigieren. Trotzdem bleibt die Auflage von Gemeinschaftsanleihen nach wie vor problembehaftet, wie auch das Konzept von de Grauwe und Moesen im Speziellen entscheidende Mängel aufweist. Nachfolgend gilt es einige dieser Kritikpunkte aufzuzeigen. Deren ausführliche Darstellung soll nicht als über- zogene Kritik an der Konzeption der Euro-Bonds verstanden werden, sondern vielmehr dazu beitragen einige generelle Schwierigkeiten auf der Suche nach einem angemessenen Hand- lungsrahmen für die gegenwärtige Krise zu beleuchten. Nichtsdestotrotz dienen sie freilich auch dazu, von einem angeblich pareto-optimalen Lösungsansatz ein differenzierteres Bild zu zeichnen.

2.4. Eine grundlegende Kritik

Als Befürworter der Euro-Bonds hält Hickel die damit verbundenen Risiken für beherrschbar. Zwar betrachtet der ehemalige Direktor des Instituts Arbeit und Wirtschaft die Gemein- schaftsanleihen nur als ein Instrument zur Vollendung der Wirtschafts- und Währungsunion und fordert darüber hinaus einen umfassenden Europäischen Krisenmechanismus mit einer Insolvenzordnung für notleidende Staaten, von den Vorteilen einer Euro-Bonds-Union ist Hickel allerdings überzeugt.22 So werde durch die Einführung der Bonds beispielsweise Spekulanten Einhalt geboten, die mit den Hilfen aus den EU-Rettungsprogrammen kalkulieren würden und die Risikozuschläge für notleidende Mitgliedsländer gewinnbringend nach oben zu treiben versuchten.23 Während der Wirtschaftsprofessor solche „hysterischen Spekulationen“24 für das Zinsgefälle innerhalb des Euro-Raums mitverantwortlich macht und auch der Sachverständigenrat diesbezüglich „von nicht immer nur rational begründeten Ver- trauenskrisen der Finanzmärkte“ spricht,25 bezweifelt Hans-Werner Sinn, dass von Spekulanten eine ernste Gefahr für die Finanzstabilität der Währungsunion ausgeht. So ver- misst der Präsident des Ifo Instituts jeglichen Beleg dafür, dass es eine Gruppe von Spekulanten mit ausreichend Marktmacht gegeben haben soll, die durch ihre Aktionen gezielt den Kurs einiger Anleihen gedrückt haben könnte.26 Was der Vorsitzende der Eurogruppe Juncker als „weltweit organisierte Attacke gegen den Euro“ bezeichnet,27 ergibt sich für Sinn in erster Linie aus einer Neubewertung der Risiken durch die Kapitalanleger nach der Bonität der Kreditnehmer, stellt also vielmehr eine natürliche Reaktion der Kapitalmärkte auf die ge- wachsene Angst vor Staatsinsolvenzen und keinen Komplott von Spekulanten dar.28

Zwar wird das Bild des skrupellosen Spekulanten immer wieder gerne von Politikern bemüht, dahinter verbirgt sich allerdings nur allzu oft interessengeleitete Semantik und wenig finanz- wirtschaftliche Realität.29 Das Argument, Euro-Bonds würden Spekulationen gegen notleidende Mitgliedsländer einen Riegel vorschieben, scheint daher schon allein aufgrund der fehlenden Beweislast für die manipulativen Fähigkeiten spekulativer Praxis wenig stich- haltig. Auch Jürgen von Hagen betont, dass die hohen Prämien, welche die Märkte von einigen Euro-Ländern für ihre Staatsschuld fordern, primär die Erwartung der Investoren reflektieren, deren Regierungen könnten in Zahlungsverzug geraten.30 Dies gilt es an dieser Stelle nochmals zu betonen, erwecken doch de Grauwe und Moesen mit ihrer Argumentation, die Liquiditätsengpässe würden in erster Linie aus einer übertriebenen Vertrauenskrise an den Kapitalmärkten resultieren, den Eindruck als seien die Problemstaaten unverschuldet in Finanzierungsschwierigkeiten geraten. Dass Länder wie Griechenland, Portugal oder Spanien, in denen die Neuverschuldung im Jahr 2009 mehr als das Dreifache des nach den Maastricht- kriterien zulässigen Höchstsatzes von drei Prozent des BIPs beträgt, für diese Entwicklung in erster Linie selbst verantwortlich sind, verschweigen die belgischen Ökonomen.31 So be- teiligten sich Griechenland und Portugal durch eine ausufernde Verschuldung in den Jahren vor der globalen Finanzkrise aktiv an der Überhitzung ihrer Binnenwirtschaft, was nicht nur die öffentliche Schuldenlast vergrößerte, sondern auch die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der boomenden Länder durch hohe Inflationsraten minderte.32 Im Falle Griechenlands kommt noch ein erdrückend hoher absoluter Schuldenstand hinzu.33 Spanien hingegen versäumte es in der lang anhaltenden Phase wirtschaftlichen Aufschwungs entsprechend hohe Budgetüberschüsse zu bilden, um für schlechte Zeiten gewappnet zu sein und frühzeitig der Blasenbildung in der eigenen Wirtschaft entgegenzuwirken.34

Auch wenn de Grauwe und Moesen mit ihrem Model der Euro-Bonds zumindest nicht direkt beabsichtigen, die Zinsspreads zusammenzuführen, sollte doch festgehalten werden, dass die Ausdifferenzierung der Risikozuschläge weniger das Problem als vielmehr die überfällige Korrektur einer Fehlentwicklung darstellt, welche über nahezu ein Jahrzehnt Investitions- kapital aus Deutschland in die Staaten der südwestlichen Peripherie Europas abfließen ließ. Den Kapitalimporteuren ermöglichte dies eine günstige Kreditaufnahme, was dort eine Phase der allzu lockeren Budgetbeschränkung sowohl im öffentlichen wie im privaten Sektor ein- leitete.35 Jene Länder, welche heute die erste Riege der Schuldensünder stellen, erfuhren vor dem Absturz in die jetzige Krise aufgrund ihrer Aufnahme in die Währungsunion einen fulminanten Wirtschaftsboom, finanziert durch ausländische Investitionen; zur Stabilisierung ihres Haushaltsbudgets genutzt haben sie ihn nicht. Ob sich allein mit der erhofften Liquidi- tätszufuhr durch Euro-Bonds daran etwas ändert, darf bezweifelt werden.

[...]


[...]


1 Zitat: Reinhart (2010), S. 125.

2 The Economist (2011) sowie boerse.ard.de (2011a).

3 Im Einzelnen entfallen dabei 60 Mrd. Euro auf den European Financial Stability Mechanism (EFSM), der Kredite direkt über die EU-Kommission gewährt. Außerhalb des Regelwerks der EU wurde eine Zweckgesell- schaft namens European Financial Stability Facility (EFSF) gegründet, die in Luxemburg organisiert ist und derzeit über ein Kreditvergabevolumen von 440 Mrd. Euro verfügt, wobei aufgrund der hohen Sicherheits- leistungen effektiv nur 250 Mrd. Euro verliehen werden können. Gekoppelt an EFSM und EFSF sind weitere 250 Mrd. Euro an IWF-Hilfen. Insgesamt ist Deutschland bei der Gesamtheit der verabschiedeten Maßnahmen, die zusätzlichen Staatsanleihenkäufe der EZB noch nicht mit eingerechnet, durch eine Haftungssumme von

4 Kösters (2010), Sinn (2010a), S. 2f. sowie The Economist (2011).

5 Vgl. dazu u.a. Franz (2010), Hagen (2009), Hickel (2010a), Kösters (2010), Sachverständigenrat (2010), S. 89f., Sinn (2010a), S. 1-9, Sinn (2010b), S. 3-8 sowie The Economist (2011).

6 Hickel (2010b) sowie Kösters (2010).

7 Alich (2010) sowie Kösters (2010).

8 De Grauwe (2009), p. 134, Franz (2010), Hickel (2010b).

9 Franz (2010) sowie Kösters (2010).

10 De Grauwe (2009), p. 134.

11 De Grauwe (2009), pp. 132.

12 Ebd. sowie zur Problematik der Liquiditätskrise allgemein vgl. Reinhart (2010), S. 115f.

13 De Grauwe (2009), p. 133.

14 Ebd.

15 Ebd., p. 134.

16 Zu den Zinssätzen langfristiger Staatsanleihen vgl. European Central Bank (2011).

17 De Grauwe (2009), p. 134.

18 Ebd.

19 Hickel (2010b).

20 De Grauwe (2009), pp. 134.

21 Ebd., p. 135.

22 Hickel (2010a) sowie ders. (2010b).

23 Hickel (2010b).

24 Zitat: Hickel (2010a).

25 Zitat: Sachverständigenrat (2010), S. 96.

26 Sinn (2010b), S. 6.

27 Zitat: Spiegel Online (2010).

28 Sinn (2010b), S. 6.

29 Vgl. dazu auch die Äußerung von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy am Rande eines Gipfeltreffens in Brüssel, der einerseits kämpferisch verlauten ließ: "Der Euro ist Europa, wir können ihn nicht den Spekulanten überlassen" (Zitat: Spiegel Online 2010), andererseits aber selbst mit einem Austritt Frankreichs aus der Währungsunion drohte, sollte Deutschland dem für französische Banken wichtigen griechischen Rettungspaket nicht zustimmen (Fletscher 2010 sowie Sinn 2010b, S.4). Auch Angela Merkel schloss sich mit der Feststellung, „dass es doch ein hohes Maß an Spekulationen gegen den Euro als Ganzes" gibt (Zitat: Spiegel Online 2010), der Lesart einer von Spekulanten provozierten Krise an. Zu den Beweggründen der Politik vgl. Fn. 44.

30 Hagen (2009).

31 Franz (2010) sowie zu den entsprechenden statistischen Werten Eurostat (2011a).

32 Sinn (2010a), S. 7.

33 Franz (2010).

34 Sinn (2010a), S. 6.

35 Während die Wirtschaft so an der Peripherie Europas hohe Wachstumsraten verzeichnen konnte, erschlaffte die Konjunktur in Deutschland. Durch den Kapitalexport ins Ausland gingen heimische Investitionen zurück und die Binnennachfrage erlahmte. Gleichzeitig war die Inflation niedrig und der Spielraum für Lohsteigerungen gering, was die Wettbewerbsfähigkeit des Landes weiter erhöhte und, den Kapitalabflüssen entsprechend, zu hohen Exportüberschüssen führte. Vgl. dazu Franz (2010), Kösters (2009), p. 137, Sinn (2010a) S. 6f. sowie Sinn (2010b), S. 7.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Euro-Bonds, Europäischer Währungsfonds oder ein neuer institutioneller Rahmen für den Euro-Raum?
Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg  (Wirtschaftspolitik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
34
Katalognummer
V182954
ISBN (eBook)
9783656070528
ISBN (Buch)
9783656070993
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
euro-bonds, europäischer, währungsfonds, rahmen, euro-raum
Arbeit zitieren
Master of Arts Thomas Rohm (Autor:in), 2011, Euro-Bonds, Europäischer Währungsfonds oder ein neuer institutioneller Rahmen für den Euro-Raum?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182954

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