Wieland der Schmied - Eine Heldencharakteristik


Hausarbeit, 2011
13 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Geschichte von Wieland dem Schmied

3 Wieland der Schmied. Ein Held?!
3.1 Heldencharakteristik
3.2 Wieland in der Völundarkviða

4 Schlusswort

5 Anhang
5.1 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Helden begegnen uns im Alltag zu jeder Zeit und an jedem Ort. Es gibt reale Heldenfiguren, stereotype Helden in unseren Köpfen und literarische Helden in Märchen, Liedern und Sagen. Steht man jedoch vor der Aufgabe, einen Helden zu charakterisieren, stößt man unweigerlich auf Fragen wie: ‚Was ist überhaupt ein Held?’, ‚Wodurch zeichnet er sich aus?’ und ‚Ist jeder Held gleich?’.

Diese und andere Fragen werden in der folgenden Arbeit untersucht. Dabei arbeite ich mit zwei Übersetzungen der Völundarkviða, in der die Geschichte von Wieland dem Schmied[1] erzählt wird, der „zu den großen Figuren des west- und nordgermanischen Sagenkreises [gehört].“[2] Ich werde anhand dieser Textgrundlage aufzeigen, dass Wieland zu den Helden zu zählen ist und das, trotzdem zum einen die Völundarkviða rein formal nicht zu den Heldenliedern zu zählen ist und Wieland zum anderen einige negative Eigenschaften besitzt, die ein Held zu sein eigentlich widerlegen.

Die Verwendung eines größeren Textkorpus erscheint mir in diesem Fall nicht sinnvoll, weil sich die Wielandsaga zwar mit anderen Überlieferungen ergänzen lässt, es jedoch an der Tatsache, dass er ein (wenn auch atypischer-) Held ist, nichts ändert. Lediglich der Umfang dieser Arbeit würde man damit beeinflussen, nicht aber das Ergebnis.

2 Die Geschichte von Wieland dem Schmied

Die Sage um Wieland den Schmied findet man in unterschiedlichsten Darstellungen, wobei der Inhalt bzw. Kern der Geschichte, fast überall gleich ist. Die Hauptquellen der beiden Sagenvarianten sind die Thidrekssaga und die Völundarkviða[3] der Liederedda. In dieser Arbeit werde ich mich auf die letztere der beiden beziehen.

„Das Lied von der Rache des gelähmten Albenschmieds gilt als eines der älteren in der Edda“[4] und befindet sich im „ersten, mythologischen (und nicht im zweiten, heroischen) Teil der Liedersammlung im Codex regius.“[5] Oehlenschläger erklärt diesen Umstand damit, dass Wieland als Albenfürst kein Mensch und damit ein übernatürliches Wesen sei.[6] Aus heutiger Sicht zählt die Völundarkviða jedoch zu den Helden- und nicht zu den Götterliedern, da „in der Wielandsage zwei charakteristische Themenkomplexe der germanischen Heroik miteinander verschränkt sind.“[7] Das ist zum einen der mit ‚Von Völund’ titulierte Teil, in dem es um sein Leben mit den Brüdern und Schwanjungfrauen (und damit Wesen einer anderen Welt) geht, und zum anderen der Teil, der die „Rechtsverletzung und Rechtswiederherstellung“[8] (Rache) thematisiert (‚Von Völund und Nidud’). Im Folgenden wird kurz der Inhalt der Völundarkviða zusammengefasst.

Danach lebten in den Wolfstälern die drei Söhne des Finnenkönigs: Slagfidr (Slagfiðr), Egil (Egill) und Völund (Völundr) der Schmied, der den Titel ‚Fürst der Alben’ trägt. Eines Tages begegneten sie am See drei Schwanjungfrauen (Walküren), mit denen sie sich vermählten. Egil ehelichte Ölrun, Slagfidr heiratete Hladgud Schwanweiß (Hlaðguðr Svanhvit) und Völund nahm Hervör Ganzklug (Hervör Alvitr) zur Frau. Sieben Jahre lang wohnten sie gemeinsam mit ihnen in einer Hütte, dann verließen die Frauen jedoch das Tal, woraufhin Slagfidr und Egil von dannen zogen, um ihre Gemahlinnen zu suchen. Völund blieb allein zurück.

Als König Nidud (Níðuðr) erfuhr, dass Völund allein im Tal war und viele Reichtümer besaß (Schmuck, den er selbst geschmiedet hatte), nahm er ihn gefangen und stahl sein Schwert und einen Ring, den er seiner Tochter Bödvild (Böðvildr) schenkte. Auf Anraten der Königin durchtrennte man Wieland die Beinsehnen (Kniekehlen), um ihn so auf der Insel Seestätte (Sævarstaðr) festzuhalten, auf der er für den König allerhand Schmuck schmieden sollte. Als eines Tages die beiden Söhne zu Völund auf die Insel kamen, tötete er sie und fertigte aus ihren Überresten verschiedenste Kunstwerke an. Aus ihren Hirnschalen machte er silberne Trinkpokale, die er dem König schickte, aus ihren Augen fertigte er Edelsteine, die er der Königin zusandte, und die Zähne verarbeitete er zu Brustgeschmeide, die Bödvild bekam. Zudem betäubte er die Königstochter mit Bier, als sie bei ihm auf der Insel war, vergewaltigte und schwängerte sie. Zuletzt erklärt er sich gegenüber König Nidud und entschwand schließlich lachend in die Lüfte. Die Geschichte endet mit einem Gespräch zwischen dem König und seiner Tochter.

Anders als bei anderen Überlieferungen ist in der Völundarkviða nicht beschrieben, wie genau sich Wieland in die Lüfte erhebt. Eine Möglichkeit bezieht sich auf die Verbindung beider Erzählteile und der Mythologie der Schwanjungfrauen bzw. Walküren. Danach ist eine Walküre ein himmlisches Wesen, das die Gestalt eines Schwanes annehmen kann.

„Streift sie ihr Schwangefieder ab, so steht sie, nach dem durchgehenden Gesetz des Gestaltenwechsels, in nackter menschlicher Gestalt da; wer sich des Gewandes bemächtigt, erzwingt sich ihre Liebe, und das göttliche Mädchen muß ihm dienen. Aber die Sehnsucht nach dem früheren Leben treibt sie zur Flucht, sie findet ihr Schwankleid wieder und entflieht in ihr lichtes Reich.“[9]

Wenn Wieland also in Besitz eines solchen Schwanenhemdes wäre, besäße er auch die Möglichkeit zu fliegen. Eine tiefergehende Betrachtung seiner Flucht soll hier jedoch nicht durchgeführt werden.

3 Wieland der Schmied. Ein Held?!

Im Folgenden soll nun geklärt werden, welche charakterlichen Eigenschaften einen Helden kennzeichnen und ob man daraus resultierend Wieland den Schmied als Helden bezeichnen könnte.

3.1 Heldencharakteristik

Im REALLEXIKON DER GERMANISCHEN ALTERTUMSKUNDE heißt es:

„Der Begriff ‚Held’ steht für ein Bündel von Merkmalen, deren Umfang je nach Kontext unterschiedlich weit gefasst wird. Im weitesten Sinn kann man damit jede Person bezeichnen, die wegen irgendeiner Tat oder irgendeines Verhaltens bewundert wird oder Aufmerksamkeit erregt, positiv oder negativ. Im Bereich des Fiktionalen, insbesondere literarische Werke, trifft das auf jede Figur zu, der eine das Geschehen, die Struktur oder die Aussage des Textes beeinflussende Rolle zukommt. Meist ist ein engerer Begriff gemeint, der sich auf Kulturen bezieht, in denen als Mittel zur Durchsetzung des eigenen Willens physische Gewaltanwendung eine wesendliche Rolle spielt.“[10]

Weiterhin sei ein Held geprägt durch Leistungen im Kampf, Abneigung gegen körperliche Arbeit, ausgenommen natürlich des Krieges, und dem Opfern seiner Lebenszeit für die Zukunft der Nachwelt.[11] Die dem Helden zugeschriebenen Attribute beziehen sich in dieser weit gefassten Definition vorrangig auf Leistungen im Kampfe und lassen zudem eine Abspaltung des Begriffes ‚Antiheld’[12] nicht zu. Eine Ergänzung liefert die Erklärung in MEYERS ENZYKLOPÄDISCHES LEXIKON. Danach ist ein Held ein „durch große und kühne Taten besonders im Kampf und Krieg sich auszeichnender Mann edler Abkunft, […] der sich mit Unerschrockenheit und Mut einer schweren Aufgabe stellt [oder] eine ungewöhnliche Tat vollbringt, die ihm Bewunderung einträgt.“[13] Noch genauer nimmt es die Definition im REALLEXIKON DER LITERATURWISSENSCHAFT, in der der Held „weiterhin durch positive Merkmalsätze die Sympathien auf sich [lenkt].“[14] Ergänzend zur Definition des REALLEXIKONS DER GERMANISCHEN ALTERTUMSKUNDE ist zu sagen, dass besonders in der altnordischen Literatur Gewaltanwendung als wesentliches Heldenmerkmal hervorsticht. Dabei ist es, ganz im Gegensatz zur heutigen literarischen Auffassung, durchaus legitim, mittels physischer Gewalt die eigenen Belange zu verfolgen. Rache gilt als anerkannte Konfliktlösung, die auch ohne politische oder soziale Rücksichtnahme durchgesetzt werden darf. Verschlagenheit und List wiegen genauso viel wie ehrlich durch Manneskraft gewonnene Kämpfe. Generell ist nicht die Durchführung der Kriegstat wichtig, sondern der siegreiche Ausgang: Wer den Kampf gewinnt, der ist ein Held. Abweichend zur Definition des REALLEXIKONS DER GERMANISCHEN ALTERTUMSKUNDE ist jedoch zu sagen, dass in der altnordischen Literatur das Streben des Helden nicht dem Wohl der Allgemeinheit untergeordnet wird, sondern der Held vielmehr über den Regeln steht und seiner eigenen Intention folgt. Den einzigen Einbruch dieses Verhaltens erzeugt das Schicksal selbst, welches vom Helden angenommen und akzeptiert wird, selbst dann, wenn die vorherbestimmten Zustände zum Untergang und Tod führen.

Neben den physischen und psychischen Eigenschaften sind auch äußerliche Merkmale gegeben, die einen Helden ausmachen. Im Altnordischen sind das zumeist edle Gesichtszüge, stechende Augen und volles lockiges Haar. Ebenfalls athletische und wohl geformte Gliedmaßen sowie Jugend und Gesundheit.

[...]


[1] Für Wieland der Schmied gibt es in den einzelnen Übersetzungen verschiedene Bezeich- nungen. In dieser Arbeit verwende ich daher Wieland simultan mit Völund und Völundr.

[2] Pesch, A.: Wieland. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Hrsg. von Johan- nes Hoops. Berlin/New York: Walter de Gruyter 2006. S. 604-622.

[3] Ich verwende bei der nachfolgenden Untersuchung die Übersetzungen von Neckel/Kuhn und teilweise zum Vergleich die Übersetzung von A. Krause.

[4] Schäfer, Hermann: Götter und Helden. Über religiöse Elemente in der germanischen Hel- dendichtung. Stuttgart/Berlin: Kohlhammer 1937. S. 108.

[5] Oehlenschläger, Adam: Waulundur. Ein nordisches Märchen. Wien: Praesens Verlag 2007. S. 91.

[6] Ebd.

[7] Ebd.

[8] Ebd.

[9] Herrmann, Paul: Nordische Mythologie in gemeinverständlicher Darstellung. Leipzig: W. Engelmann 1903. S. 98.

[10] Reichert, H. (u.a.): Held, Heldendichtung und Heldensage. In: Reallexikon der Germani- schen Altertumskunde. Hrsg. von Johannes Hoops. Berlin/New York: Walter de Gruyter 1999. S. 260-282.

[11] Ebd.

[12] ‚Antiheld’ bezeichnet einen literarischen Charakter, der anders als der Held physische und moralische Schwächen aufweisen kann und somit einer Identifikation des Lesepublikums entgeht. Dabei trägt er jedoch auch (einige) heldenhafte Züge in sich.

[13] [Art.] Held. In: Meyers Enzyklopädisches Lexikon. Hrsg. von Günther Drosdowski. Mann- heim 1980. S. 1184.

[14] Platz-Waury, Elke: Figurenkonstellation. In: Reallexikon der Literaturwissenschaft. Hrsg. von Klaus Weimar. Berlin/New York: Walter de Gruyter 1997. S. 591-593.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Wieland der Schmied - Eine Heldencharakteristik
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Nordisches Institut)
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
13
Katalognummer
V183118
ISBN (eBook)
9783656073369
ISBN (Buch)
9783656073123
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wieland der Schmied, Held, Heldencharakterisierung, Julia Steinborn, Völundarkviða
Arbeit zitieren
Julia Steinborn (Autor), 2011, Wieland der Schmied - Eine Heldencharakteristik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183118

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