Erörterung von Georg Büchners Literaturauffassung und anschließende Interpretation von zwei Szenen in Woyzeck


Hausarbeit, 2003

21 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

0. Einordnung Büchners in die Literaturgeschichte

1. Georg Büchners Literaturauffassung
1.1 Forderungen an den Dichters
1.1.1 Darstellung der Wirklichkeit
1.1.2 Anlehnung an Gottes Werk
1.2 Mittel zur Darstellung
1.2.1 Darstellung der Personen
1.2.2 Sprache in Woyzeck
1.2.3 Abkehr vom Idealismus

2. Interpretation von zwei Szenen aus Woyzeck
2.1 Szene 8: Woyzeck. Der Doctor
2.2 Szene 10: Die Wachstube: Woyzeck, Andres.

3. Wirkung des Werkes Woyzeck

4. Literaturverzeichnis
4.1 Primärliteratur
4.2 Sekundärliteratur

0. Einordnung Büchners in die Literaturgeschichte

Georg Büchner wurde 1813 in Goddelau bei Darmstadt geboren. Sein Vater war Militärarzt unter Napoleon und begeisterter Napoleonanhänger. Georg Büchner begann dann1831, nach einer Kindheit, die von einer liebenden Mutter und einem frankophilien, atheistischen Vater geprägt und in der er schon früh unterrichtet wurde und auch Zugang zur Bibliothek seines Vaters hatte, in Straßburg sein Medizinstudium. Diese Liebe zur Medizin sollte dann auch später auf seine Werke großen Einfluss nehmen, insofern, dass sowohl Woyzeck als auch Lenz Fallstudien über psychisch Kranke darstellen, die auf dem Hintergrund der Anamnese, also unter Betrachtung der Umstände in der Kindheit mit Auswirkung auf den späteren Krankheitsverlauf, genauer beleuchtet werden. Durch sein Studium in Frankreich gewann Büchner auch einen tiefen Einblick in den Fortschritt der Französischen Revolution, was wiederum großen Einfluss auf sein späteres Werk Danton´s Tod hatte. Literaturgeschichtlich lässt sich Georg Büchner wohl in den literarischen Vormärz einordnen, obwohl er keinerlei Verbindungen mit der damals existierenden Gruppe, das sogenannte Junge Deutschland. Die Mitglieder dieser Gruppe zeichneten sich durch die übereinstimmende Auffassung aus, einen absolutistischen Staat und die dogmatische Kirche abzulehnen. Wenn man Georg Büchners Lebenslauf betrachtet, läge aufgrund seiner Flucht aus Hessen 1834 nach der Veröffentlichung des Hessischen Landboten, einer radikal – sozialistischen Flugschrift, die Vermutung nahe, dass Büchner ebenfalls zum Jungen Deutschland zählte. Diese Annahme ist jedoch falsch, da Büchner keinerlei Kontakte zu dieser Gruppe unterhielt. Er war jedoch nicht weniger kritisch oder radikal in seinen Schriften und Werken. Durch das Verwenden von dialektaler Sprache mit derbem und unsittlichen Vokabular in seinen Werken, stieß er bei vielen seiner Zeitgenossen auf Ablehnung und Unverständnis. Doch gerade die Einführung dieser Neuerungen zeichnen Büchners Dramen aus. Trotz des Fehlens von Hochsprache ist es Büchner möglich derart präzise Charaktere, wie z. B. in Lenz und in Woyzeck, in denen psychisch gestörte Personen die Hauptfiguren darstellen, zu zeichnen. Im folgenden soll nun Georg Büchners Literaturauffassung und sein damit einhergehendes Verständnis von Ästhetik genauer erörtert werden.

1. Georg Büchners Literaturauffassung

1.1 Forderungen an den Dichter

1.1.1 Darstellung der Wirklichkeit

Georg Büchner äußert sich in seinem Brief an seine Eltern über sein eben erschienenes Werk Danton´s Tod und versucht sich für dieses Drama und die Neuerungen, die er darin hat einfließen lassen zu rechtfertigen. Er vertritt im Brief seine Ansicht, dass der „dramatische Dichter [...] nichts, als ein Geschichtschreiber“[1] sei, jedoch noch über diesem stehe, da er „die Geschichte zum zweiten Mal erschafft“[2] und, anstatt „trockener Erzählung zu geben“[3] den Leser direkt „in das Leben einer Zeit hinein versetzt“[4]. Diese Äußerung impliziert Büchners Anspruch an die Dichter, die Wirklichkeit „nach ihren eigenen Gesetzen [...] und nicht nach äußeren, ihr fremden Zwecken“[5] abzubilden, also ihre Geschichte so nah wie möglich an die wahren Begebenheiten und historischen Grundlagen anzulehnen. Es soll keine veränderte Wirklichkeit mit erfundenen und idealisierten Personen oder Wertanschauungen dargestellt werden, sondern in der Geschichte soll sich das wahre Leben abzeichnen, „weder sittlicher noch unsittlicher“[6] als in der Realität. Der Dichter soll „statt Charakteristiken Charaktere, und statt Beschreibungen Gestalten“[7] schaffen. Dieser Forderung kommt Büchner sowohl in seinem Werk Lenz, als auch in Woyzeck nach und schreibt diese auf der Basis von realen Ereignissen. Lenz basiert auf den Aufzeichnungen des Pfarrers Johann Friedrich Oberlin, bei dem der unglückliche und aus dem psychischen Gleichgewicht geratene Sturm - und - Drang – Schriftsteller Jakob Michael Reinhold Lenz einige Wochen seines Lebens verbrachte. Für die Tragödie Woyzeck diente Büchner das Gutachten des Hof- und Medizinalrates Johann Christian August Clarus, der darin die Zurechnungsfähigkeit des Johann Christian Woyzeck prüfte, der am 21. Juni 1821 seine Geliebte Johanna Christiane Woost ermordete. Der Gutachter Clarus bestätigte die Zurechnungsfähigkeit Woyzecks, obwohl dieser offensichtlich schwerwiegende psychische Störungen aufwies. Büchners Forderung nach der Darstellung der Wirklichkeit ist auch im Kunstmonolog in Lenz wieder zu finden, in dem sich Lenz gegenüber Kaufmann über die Unerträglichkeit der Dichter äußert, die versuchen, „die Wirklichkeit [zu] verklären“[8]. Lenz spricht jedoch auch den Dichtern, „von denen man sage, sie geben die Wirklichkeit“[9] die von ihm geforderte Realitätstreue ab, da diese „auch keine Ahnung davon“[10] hätten. Büchner weicht zwar in seinen Werken manchmal von der Realität ab, was die Personen betrifft, jedoch ist dies durch eine Forderung von Lenz im Kunstmonolog zu rechtfertigen. Lenz erklärt Kaufmann, das einzige Kriterium in Kunstsachen sei „das Gefühl, daß Was geschaffen sey, [also] Leben habe“[11]. Es stelle sich daher nicht die Frage, ob etwas schön oder hässlich ist, sondern Lenz verlangt nur das Bestreben der Dichter, Gott „ein wenig nachzuschaffen“ und daher „in allem Leben, [die] Möglichkeit des Daseins“[12]. Dies bedeutet jedoch keinesfalls, dass er frei von jeglicher Ästhetik ist, sondern er gibt damit nur seiner uneitlen Einstellung Ausdruck, nämlich dass nur das reale Leben von großer Bedeutung sei und sowohl Kunst als auch Literatur „über festgelegten Schönheitsidealen“[13] steht. Er fordert damit nicht so eindeutig wie Büchner in seinem Brief an die Familie eine absolute Realitätstreue zur geschichtlichen Grundlage, sondern begnügt sich damit, wenigstens annehmen zu können, die Personen hätten wirklich gelebt. Die Veränderungen an den Personen in Woyzeck sind für Büchner wichtig, um die Aussageabsicht des Werkes und dessen Wirkung auf die Menschen zu unterstützen, was jedoch später noch ausführlicher erläutert wird.

1.1.2 Anlehnung an Gottes Werk

Büchner verweist in seinem Brief an die Familie auch auf Gott und speziell auf die Schöpfungsgeschichte. Er erklärt, Gott habe diese Welt geschaffen wie sie sein soll und es wäre geradezu anmaßend, sich über diese Schöpfung hinwegzusetzen und zu versuchen, eine bessere Welt zu schaffen. Georg Büchner kombiniert hier seine Rechtfertigungsversuche mit dem damaligen Geschichtsbild, das besagte, die Geschichte sei so wie sie ist von Gott gewollt und führt hiermit Gott als oberste Legitimationsinstanz an. Dadurch entkräftigt er die Kritik der Unsittlichkeit an seinem Werk und rechtfertigt es dadurch, dass er anführt, Gott hätte die Geschichte „nicht zu einer Lectüre für junge Frauenzimmer geschaffen“[14] und es sei ihm deshalb verziehen, wenn sein Drama auch nicht für diese geeignet sei. Frauen sollten sich in der damaligen Zeit nicht mit Politik oder sozialen Zuständen beschäftigen, da diese Bereiche als niedere Dinge galten. Stattdessen sollten sie zu Hause bleiben und sich dort an biblischen Schriften geistlich und sittlich erbauen. Büchner jedoch wollte diese Zustände ändern und allen Menschen zeigen, wie das wahre Leben wirklich ist. Es wäre daher ebenso gefährlich, die Geschichte zu studieren und mit offenen Augen durch die Straßen zu gehen, da dort die Grundlage seines Werkes zu finden ist und es dort eben so viele Unsittlichkeiten gäbe wie in seinem Drama. Man müsste dann also „über einen Gott [ebenso] Zeter schreien, der eine Welt erschaffen, worauf so viele Liederlichkeiten vorfallen“[15]. Diese Argumente finden sich auch in Lenz wieder, der ebenfalls auf Gott und dessen Werk hinweist, es jedoch nicht so stark zum Ausdruck bringt, wie es im Brief dargestellt ist. Lenz ist der Meinung, „unser einziges Bestreben soll[te] seyn, [Gott] ein wenig nachzuschaffen“[16], anstatt zu versuchen, „was Besseres [zu] klecksen“[17].

[...]


[1] Büchner, Georg: Brief an die Familie 1835. In: Georg Büchner Woyzeck. Erläuterungen und Dokumente. Stuttgart: Reclam 2000. S. 255 – 256.

[2] Ebd.

[3] Ebd.

[4] Ebd.

[5] Hoda, Issa: Das „Niederländische“ und die „Autopsie“. Die Bedeutung der Vorlage für Georg Büchners Werke. Diss. Johannes Gutenberg – Universität Mainz 1988. S. 19.

[6] Büchner, Georg: Brief an die Familie 1835. In: Georg Büchner Woyzeck. Erläuterungen und Dokumente. Stuttgart: Reclam 2000. S. 255.

[7] Ebd.

[8] Büchner, Georg: Lenz. Studienausgabe. Hg. v. Hubert Gersch. durchges. und erw. Ausgabe. Stuttgart: Reclam 1998. S. 14, Z. 6 – 7.

[9] Ebd. S. 14, Z. 4 – 5.

[10] Ebd. S. 14, Z. 5.

[11] Ebd. S. 14, Z. 12 – 13.

[12] Ebd. S. 14, Z. 10 – 11.

[13] Hoda, Issa: Das „Niederländische“ und die „Autopsie“. Die Bedeutung der Vorlage für Georg Büchners Werke. Diss. Johannes Gutenberg – Universität Mainz 1988. S. 19.

[14] Büchner, Georg: Brief an die Familie 1835. In: Georg Büchner Woyzeck. Erläuterungen und Dokumente. Stuttgart: Reclam 2000. S. 255.

[15] Ebd. S. 255.

[16] Büchner, Georg: Lenz. Studienausgabe. Hg. v. Hubert Gersch. durchges. und erw. Ausgabe. Stuttgart: Reclam 1998. S. 14, Z. 9 – 10.

[17] Ebd. S. 14, Z. 9.

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Details

Titel
Erörterung von Georg Büchners Literaturauffassung und anschließende Interpretation von zwei Szenen in Woyzeck
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Germanistik)
Note
1,0
Jahr
2003
Seiten
21
Katalognummer
V18316
ISBN (eBook)
9783638226875
Dateigröße
389 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erörterung, Georg, Büchners, Literaturauffassung, Interpretation, Szenen, Woyzeck
Arbeit zitieren
Anonym, 2003, Erörterung von Georg Büchners Literaturauffassung und anschließende Interpretation von zwei Szenen in Woyzeck, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18316

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