Der homo academicus im Kontext der Wissenschaftstheorie von Pierre Bourdieu


Essay, 2009
15 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Der homo academicus im Kontext der Wissenschaftstheorie von Pierre Bourdieu

Der vorliegende Aufsatz thematisiert das 1984 geschriebene Werk „Homo academicus“ von Pierre Bourdieu. Dieses war Gegenstand des Seminars „Pierre Bourdieu‘s homo academicus“ unter der Leitung von Frau Perski. Der Aufsatz möchte eine Antwort auf die Frage geben, wie das Werk des berühmten französischen Soziologen in Zusammenhang mit seiner kritischen Wissenschaftstheorie steht. Diese weiterführende Frage hat sich aus dem Kontext des Seminars insofern ergeben, da die mögliche Intention, die Bourdieu mit diesem Werk gehabt hat, ebenfalls Seminargegenstand war. Mit seinem Werk hat sich der Forscher den Ruf eines Nestbeschmutzers eingefangen. Daher ist die Frage nach der Intention äußerst interessant. Im Anschluss daran wird nach der Wissenschaftstheorie von Bourdieu gefragt, da diese zur Klärung der Intensionsfrage einen wichtigen Aufschluss gibt. Am Ende soll die Bedeutung des Werks „homo academicus“ für die Erziehungswissenschaft herausgestellt werden. Wie bereits angedeutet wurde, nahmen zahlreiche Kolleginnen und Kollegen die Veröffentlichung des „homo academicus“ negativ wahr. Sie fassten dieses Werk als Diffamierung und Veröffentlichung interner Angelegenheiten auf (vgl. Rehbein 2006, S.61). Diese Position ergibt sich aus der Tatsache, dass Bourdieu in „homo academicus“ die soziale Dynamik im universitären Feld offenlegt, indem er die unausgesprochene Übereinkunft der in diesem Feld Agierenden hinterfragt und darüber hinaus die Machtstrukturen angreift (vgl. ebd., S. 141). Bei Betrachtung der Reaktion, welche höchstwahrscheinlich schon vor der Veröffentlichung abzusehen war, stellt sich die Frage, warum er dies getan hat. Um Bourdieu‘s Beweggründe zu verstehen, welche ihm zu dieser Schrift getrieben haben, ist es am besten, den Autoren sich selbst erklären zu lassen. Die Intention, die Bourdieu‘s mit seinem Werk „homo academicus“ gehabt hat, beschreibt er folgendermaßen:

„Ich wollte beweisen - und zwar als Gegenposition zu all denen, die nur die Wissenschaftlichkeit der Soziologie in Frage stellen wollen, wenn sie davon reden, daß der Soziologe in der sozialen Welt angesiedelt ist und damit notwendig eine sozial bedingte Sicht auf diese Welt hat -, daß der Soziologe diesen historistischen Zirkel bis zu einem gewissen Grade durchbrechen kann: wenn er es nämlich versteht, gestützt auf seine Kenntnis des sozialen Universums, in dem die Sozialwissenschaft produziert wird, die Effekte der Determinismen zu neutralisieren, die in diesem Universum und damit auch beim Soziologen selbst wirksam sind.“ (Bourdieu zitiert in Fuchs-Heinritz; König 2005, S.251)

Dieses Zitat ist für sich genommen für die Frage nach der Intention, welche zur Geburt des „homo academicus“ geführt hat, nicht sehr erhellend, denn Bourdieu spricht hier von einem historistischen Zirkel und von Effekten der Determinismen. Jene Begriffe bedürfen zu aller erst einer genaueren Erläuterung und sind im Kontext der Wissenschaftstheorie von Pierre Bourdieu zu betrachten. Dennoch ist anhand dieses Zitates etwas zu erkennen, das für Bourdieu‘s Werke typisch ist und zwar der aufklärerische und politische Impetus, der seine Geburt teilweise Bourdieu‘s Erfahrungen in Algerien zu verdanken hat. Zum genaueren Verständnis muss darauf verwiesen werden, dass Bourdieu 1955 zum Militärdienst einberufen und nach Algerien, einer Kolonie Frankreichs, geschickt wurde. Die Besonderheit von Algerien ergibt sich aus folgenden Aspekten. Die algerische Bevölkerung war nach dem zweiten Weltkrieg nicht bereit, die französische Besatzung zu akzeptieren. In Algerien hatten sich viele Franzosen niedergelassen. Sie stellten annähernd zehn Prozent der Bevölkerung dar und bekleideten alle Führungspositionen im Land. Somit bestand die Oberschicht Algeriens aus den besagten annähernd zehn Prozent Franzosen, die etwa 20-mal so viel wie die einheimischen Algerier verdienten. Des Weiteren ist zu erwähnen, dass es bereits eine Schicht unter den Einheimischen gab, die bereits in den Genuss von europäischer Bildung gekommen sind und ebenfalls mit den europäischen Lehren der Emanzipation bekannt waren. Fragen der kolonialen Besatzung führten schon seit Jahren zu Streitigkeiten unter Frankreichs Intelektuellen. Als prominentester Vertreter der Gegner des algerischen Kolonialkriegs ist Sartre zu nennen. Bourdieu zählte sich ebenfalls zu den Gegnern des algerischen Krieges, aber er schloss sich nicht Sartre und seinen Anhängern an, denn seiner Meinung nach nahmen Sartre und seine Anhänger ein Urteil vor, ohne das algerische Volk und deren Nöte zu kennen. Er selbst konnte sich Vorort als Soldat der Besatzungsmacht ein genaues Bild machen und kam zu der Erkenntnis, dass eine rein theoretisch begründete Urteilsfindung über die Lage der Algerier unangemessen sei und beginnt daraufhin den Alltag der Menschen in Algerien zu untersuchen (vgl. Rehbein 2006, S. 22). Rehbein schreibt, dass die Zielsetzung dieser Untersuchung die Erstellung eines Werkes über die Wirklichkeit in Algerien war mit dem er die französischen Intellektuellen konfrontieren wollte. Des Weiteren verweist Rehbein darauf, dass Bourdieu rückblickend betont, dass die Franzosen über die Algerier nicht viel wussten und somit die Intelektuellen Frankreichs keine Grundlage für ihre Position bezüglich der Lage in Algerien hatten (vgl. Rehbein 2006, S. 23). Diese Erkenntnis und weitere Erfahrungen, die er durch die Beobachtung des Alltags der Menschen in Algerien machen konnte, haben sein Denken nachhaltig beeinflusst. Der besagte aufklärerische Impetus hat mit Sicherheit seinen Ursprung in Bourdieu‘s Erfahrungen, die er in Algerien gemacht hat. Die Bedeutung, die Algerien für Bourdieu hatte, lässt sich auch anhand seiner Äußerungen in „ein Soziologischer Selbstversuch“ (2002) ersehen.

„Und nicht zuletzt bedeutet Algerien, ein Land, aus dem ich mit einer ethologischen Erfahrung zurückkehrte, die den schwierigen Bedingungen eines Befreiungskriegs entstammte, für mich einen entscheidenden Bruch mi der gelehrten Sicht der Dinge und führte zu einer kritischen Sicht der Soziologie und der Soziologen, in der der Ethnologe den Philosophen bestärkte, und vielleicht und vor allem auch zu einer einigermaßen entzauberten – oder realistischen - Sicht der Intelektuellen, für die in meinen Augen die algerische Frage einen wichtigen Prüfstein dargestellt hat.“ (Bourdieu 2002, S. 44)

Bourdieu‘s und Sartre waren nicht gänzlich unterschiedlicher Meinung in Bezug auf die Algerische Frage, denn beide übten starke Kritik an der Kolonialpolitik Frankreichs. Die Unterscheidung der beiden Positionen besteht vielmehr in der Grundlage, die zu der jeweiligen Position geführt hat und im weiteren Sinne was die Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnis sein sollte. Diesbezüglich betont Rehbein, das Bourdieu und Sartre sich darin unterscheiden „(…), dass Bourdieu keine Urteile als gegeben oder gar axiomatisch voraussetzen wollte; sondern er war der Meinung, dass wissenschaftliche Tätigkeit das Mittel sei, menschliches Leiden zu erkennen und letztendlich zu beseitigen.“ (Rehbein 2006, S. 23) D.h. Bourdieu ging davon aus, dass erst die Arbeit am spezifischen Untersuchungsgegenstand zu wissenschaftlichen Urteilen führen kann. Diese Arbeit ist anthropologisch eingefärbt, denn besagte Arbeit besteht in erster Linie in der Informationssammlung im Feld des Untersuchungsgegenstandes. Aber sie ist ebenfalls geprägt von einem aufklärerischen Charakter, der die besagten Leiden der Menschen öffentlich zugänglich macht, d.h. im engeren Sinne überhaupt erst ersichtlich macht. Im Folgenden werden nun diese beiden Aspekte, der aufklärerische Charakter und der kritische Umgang mit wissenschaftlichen Urteilen, auf den „homo academicus“ übertragen. In diesem Licht stellt der „homo academicus“ den Versuch dar, das universitäre Feld für die Menschen zu entzaubern und die diesem Feld entsprechenden Mechanismen zu erklären. Dies bedeutet, die spezifische Logik, welche im Schatten liegt, ans Licht zu zerren. Jene Feldanalyse ist aber auch im Lichte des kritischen Umgangs mit wissenschaftlichen Urteilen zu betrachten, wie bereits betont wurde. Um sich diesem Aspekt des Werkes zu nähern, soll zuerst der Frage nachgegangen werden, was die Wissenschaft für den Menschen bedeutet. Diesbezüglich ist auf Max Weber, einer der Stammväter der Soziologie, zu verweisen. Er prägte Bourdieu nachhaltig mit seinem Werk „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ (2006). Bourdieu versuchte die zentrale Frage dieses Werkes in seinen algerischen Studien nachzugehen, die darin bestand, eine Erklärung für die Entwicklung des kapitalistischen Geistes zu geben (vgl. Rehbein 2006, S.24). In Bezug auf Wissenschaft hat sich Max Weber in „Wissenschaft als Beruf“ folgendermaßen geäußert:

„(…), was leistet denn nun eigentlich die Wissenschaft Positives für das praktische und persönliche »Leben«? (…) Kenntnisse über die Technik, wie man das Leben, die äußeren Dinge sowohl wie das handeln der Menschen, durch Berechnung beherrscht (…).“ (Weber 1995, S. 37)

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Details

Titel
Der homo academicus im Kontext der Wissenschaftstheorie von Pierre Bourdieu
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Institut für Erziehungswissenschaften )
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
15
Katalognummer
V183184
ISBN (eBook)
9783656073147
ISBN (Buch)
9783656072973
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pierre Bourdieu, Wissenschaftstheorie, homo academicus
Arbeit zitieren
Elias Buck (Autor), 2009, Der homo academicus im Kontext der Wissenschaftstheorie von Pierre Bourdieu, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183184

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