Fantasiewelten bei Juan José Millás und Carmen Martín Gaite

Eine komparatistische Untersuchung der Werke "El orden alfabético" und "Caperucita en Manhattan"


Bachelorarbeit, 2011

50 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Fantasiewelten in dergegenwärtigen Literatur

2. Fantastische Narrativik
2.1 Eine Einführung nach Todorov
2.2 Merkmale der Fantastík
2.2.1 Aufder Erzählebene: Destabilisierung und Metalepse
2.2.2 Fiktive Realität und realistische Fiktion
2.2.3 Die andere Welt
2.2.3.1 Transformation von Raum und Zeit
2.2.3.2 Das Motiv des Doppelgängers
2.2.4 Fantasmatik von Schrift und Buchstaben
2.3 Eingrenzung und Klassifizierung der Fantastik
2.3.1 Kategoriale Grenzen
2.3.1.1 Fantastikvs. Märchen
2.3.1.2 Fantastik vs. „Magischer Realismus"
2.3.1.3 Fantastikvs. Fantasy
2.3.2 Das Neofantastische
2.3.3 Die Fantastik: Genre oder Gattung?

3. Carmen Martin Gaites Caperucita en Manhattan
3.1 Inhalt
3.2 Literarische Merkmale
3.2.1 Form und Erzählperspektive
3.2.2 Saras Traumwelt
3.2.3 Die Fantasmatikder Sprache
3.2.4 Der Märchencharakter
3.2.5 Das Wunderbare, Freiheitssymbolik und Angstmotivik
3.3 Die magische Bedeutung der Orte

4. Juan José Millás' El orden alfabètico
4.1 Inhalt
4.2 Literarische Merkmale
4.2.1 Form und Erzählperspektive
4.2.2 Die Ordnung und die Symbolik der Sprache
4.2.3 Julios Parallelwelt
4.2.4 Das andere Ich
4.3 Millás' versteckte Gesellschaftskritik

5. Die Werke im Vergleich
5.1 Die Welt der Sprache und der Bücher
5.2 Die Flucht vor der Realität
5.3 Derdestabilisierte Protagonist
5.4 Der Bruch mit Regeln und Normen: Medien- und Genderkonstrukte

6. Eine zusammenfassende Einordnung der Werke von Millás und Martin Gaite und ihr Beitrag zur modernen Literatur

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1. Fantasiewelten in der gegenwärtigen Literatur

Der Begriff „Fantasie" (auch „Phantasie") leitet sich von dem griechischen Wort phantàzesthai (dt. „phantasia") ab und bedeutet soviel wie „Einbildung", „Vorstellung" beziehungsweise „Einbildungskraft" oder „Vorstellungskraft".1 Heute spielt die Fantasie besonders in der Literatur- und Filmwelt eine Rolle, weil sie dort nicht nur angewendet, sondern auch selbst behandelt wird. In diesem Zusammenhang ist vor allem nicht die unzählige Literatur der letzten Jahrzehnte zu übersehen, die Fabelwesen, unbekannte Welten, magische Aspekte und vieles mehr thematisiert.

Dass das Phänomen „Fantasiewelten" ein unerschöpfliches Sujet ist, hat sich nicht nur im englischsprachigen Raum durch John J.R Tolkien oder Joane K. Rowling, sondern auch durch deutschsprachige Autoren wie Michael Ende, Cornelia Funke oder Walter Moers gezeigt. Doch wenn es um fantastische Elemente in der Literatur geht, ist ein europäisches Land ganz besonders hervorzuheben: Spanien. Bereits Autoren um die Jahrhundertwende wie Miguel de Unamuno verwendeten in Werken wie Niebla2 übernatürliche Symbole und Motive. Im Laufe des 20. Jahrhunderts diversifizierte sich das Fantastische in der spanischsprachigen Literatur, ja verfälschte sich zum Teil, schuf jedoch zugleich auch neue Möglichkeiten abseits der Rationalität.3

Eine derartige Diversität - die sich fast schon zu einem Trend entwickelt hat - lässt sich auch in gegenwärtigen Werken feststellen. Besonders hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang Carmen Martin Gaite und Juan José Millás. Aus diesem Grund wird in vorliegender Arbeit ein Vergleich zweier Werke der beiden Schriftsteller durchgeführt. Aufgrund ihrer Gemeinsamkeiten werden Caperucita en Manhattan und El orden alfabètico hier als Primärliteratur verwendet. Zudem gibt es bisher keine Veröffentlichungen im literaturwissenschaftlichen Bereich, die Martin Gaites und Millás' Schaffen, geschweige denn diese beiden Werke, miteinander vergleichen. Aus diesem Grund werden vorwiegend einzelne (meist spanischsprachige) Analysen als Sekundärliteratur genutzt. Zusätzlich dienen „traditionelle" sowie auch moderne Theorien über die Fantastík und weitere Genres als Quellen. Methodisch wird dabei qualitativ vorgegangen, indem die beiden genannten Werke zunächst analysiert und dann kontrastiv untersucht werden. Vor der Analyse von Millás' und Martin Gaites Büchern werden fantastische Elemente zunächst im Allgemeinen in einem Theorie-Teil erläutert. Dabei wird eine Einführung nach Todorov gegeben und Merkmale in der Erzählebene, die Bedeutung von Wirklichkeit und Realität, aber auch Raum, Zeit und die Motivik veranschaulicht. Anschließend erfolgt eine Abgrenzung der Fantastik von Märchen, Magischem Realismus und Fantasy. Danach wird das Neofantastische vorgestellt.

Erst dann können die Werke El orden alfabètico und Caperucita en Manhatten analysiert und miteinander verglichen werden. Dabei wird nach einer Inhaltszusammenfassung versucht, zu beantworten, welche literarischen Merkmale sich in den beiden Werken finden lassen. Danach werden jeweils Motive, Symbole und Charakteristika herausgearbeitet. Mit der Annahme, dass beide Protagonisten mitunter in einer Parallelwelt leben, ist im Anschluss zu fragen, welche Rolle die Fantasie spielt und inwieweit Traum und Realität in den Werken verschwimmen. Ein wesentlicher Punkt ist auch die Bedeutung von der Fantasmatik der Sprache bzw. Buchstaben.

Bei der anschließenden komparatistischen Untersuchung stellen sich außerdem die Fragen: Welche inhaltlichen Gemeinsamkeiten gibt es? Lassen sich formale oder technische Übereinstimmungen finden? Haben die jeweiligen Protagonisten ähnliche Charaktere?

Im Anschluss wird diskutiert, inwieweit sich beide Werke literaturwissenschaftlich einordnen lassen und ob sie eindeutig der Fantastik zuzuordnen sind. Nach einer Zusammenfassung der Ergebnisse der Arbeit wird zudem letztlich die Frage aufgeworfen, welche Bedeutung Millás' und Martin Gaites Schaffen für die Gegenwartsliteratur in Spanien hat.

2. Fantastische Narrativik

ln seinem Aufsatz Lo fantàstico en narrativa espanola actual schreibt David Roas: „Estos son buenos tiempos para la ficción fantàstica en Espana"4. Weiter führt er auf, dass viele gegenwärtige spanische Schriftsteller sowohl mit den Aspekten als auch der Geschichte der Fantastík vertraut seien.5 Bevor sich diese Auffassung anhand der ausgewählten Werke von Martin Gaite und Millás in Kapitel 3, 4 und 5 dieser Arbeit bestätigen lässt, ist es zuvor wichtig, eben diese Gesichtspunkte zunächst zu erläutern. So stellen sich die Fragen: Was ist das Fantastische und wie äußert es sich in der Literatur? Dabei werden Theorien und Konzepte einiger Literaturwissenschaftler vorgestellt, die die Begriffsbestimmung der Fantastik im letzten Jahrhundert maßgeblich geprägt haben.

2.1 Eine Einführung nach Todorov

Während die Fantastik in der Literatur durch Walter Scott und Jean-Jacques Ampère bereits im 19. Jahrhundert bekannt wurde, nahm man sie außerhalb Frankreichs teilweise erst in den 1970er Jahren durch Tzvetan Todorovs Rezeption wahr. ln seiner „Einführung in die fantastische Literatur" erklärt dieser das Phänomen folgendermaßen:

„ln einer Welt, die durchaus die unsere ist, die, die wir kennen, eine Welt ohne Teufel, Sylphiden oder Vampire, geschieht ein Ereignis, das sich aus den Gesetzen eben dieser vertrauten Welt nicht erklären läßt."6

Er geht davon aus, dass sich die Bezeichnung des Fantastischen aus seinem Verhältnis zu den Begriffen des Realen und des Imaginären definiert. Derjenige, der das unerklärliche Ereignis wahrnimmt, spürt die Widersprüchlichkeit dieser zwei Welten und muss sich entscheiden, ob es sich um eine Sinnestäuschung handelt, oder etwas, das in der Realität stattgefunden hat. Das Fantastische liegt im Moment dieser Ungewissheit und bildet die Trennlinie zwischen den benachbarten Genres des „Unheimlichen" und des „Wunderbaren". Um die Definition des Fantastischen zu präzisieren, gibt Todorov folgende Bedingungen an, die erfüllt werden müssen: Der erste Aspekt ist, dass der Text den Leser zwingen muss, die fiktionale Welt als Welt lebender Personen zu betrachten. Dabei spielt auch die Identifzierung mit dem Erzähler eine Rolle. Häufig wird die Ich-Form verwendet, da den Aussagen auf diese Weise mehr Glauben geschenkt wird. Nicht zu übersehen ist zudem die Haltung des Lesers zum Text, seine Unschlüssigkeit bezüglich dessen, ob die narrative Welt natürlich oder übernatürlich ist. Denn würde er diese zu interpretieren beginnen, träte er wieder aus der Welt der handelnden Personen aus - womit das Fantastische seine Wirkung verlöre.7

2.2 Merkmale der Fantastík

Der Begriff „Fantastík" ist vor allem durch eins geprägt: durch mangelnde Präzisierung. Denn neben Todorov haben n]och viele weitere Wissenschaftler versucht, diesen Terminus einzugrenzen. Aus diesem Grund werden nun in folgenden Unterkapiteln die Gegenstandsbereiche der Fantastik näher erläutert, um zumindest eine grobe literaturwissenschaftliche Darstellung zu geben. Dabei werden literarische Merkmale wie die Erzählebene und die Verhältnisse von Fiktion und Realität sowie die Komponenten Raum und Zeit, aber auch typische Motive beziehungsweise Bilder erläutert.

2.2.1 Auf der Erzählebene: Destabilisierung und Metalepse

In der Literaturwissenschaft unterscheidet man bei der Textanalyse üblicherweise zwischen folgenden Erzählebenen: der heterodiegetischen, in der die Erzähl - instanz nicht Teil der dargestellten Welt ist, die sie präsentiert (dritte Person) und die homodiegetische, in der die Erzählinstanz Teil der dargestellten Welt ist (Ich­Form). Diese lassen sich noch einmal in vier Erzählertypen unterordnen. Dem extradiegetisch-heterodiegetischen8, dem extradiegetisch-homodiegetischen9, dem intradiegetisch-heterodiegetischen („allwissender Erzähler")10 und dem intradiegetisch-homodiegetischen Erzähler (auch als „autodiegetisch" bezeichnet)11.12

Im Bezug auf die Fantastík hängt die Wahl der Erzählform für Todorov damit zusammen, inwieweit das Erzählte dem Leser glaubwürdig erscheinen soll. Deswegen seien die meisten Texte nur dann fantastisch, wenn sie in der Ich- Perspektive geschrieben würden, da der Leser wie auch der Protagonist die Wahl haben, zu entscheiden, ob das unnatürliche Ereignis als „Wahrheit" betrachtet werden kann oder nicht. Diese These diskutiert Uwe Durst in seinem Werk „Theorie der phantastischen Literatur"13. Er bestätigt Todorovs Meinung in der Hinsicht, dass man die Aussage eines Er-Erzählers eher als gegeben hinnähme und so weniger Zweifel hervorgerufen werden könnten. So schreibt er: „Im Falle einer allwissenden Erzähldistanz ist das Phantastische unmöglich."14 Denn gerade die Widersprüchlichkeit des Erlebten, die Infragestellung des Dargestellten - sprich: die „Zerrüttung einer gesicherten Erzählperspektive"15 - sei ein Merkmal der Fantastik. Die Behauptungen eines stabilen Erzählers dagegen werden stets als gültig betrachtet, so dass man sagen kann: Das Fantastische beruht auf einer Destabilisierung der Erzähldistanz(en)!16

Ein weiteres Phänomen auf der Erzählebene, das laut Sonja Klimek nicht selten in fantastischer Literatur vorkommt, ist die sogenannte „narrative Metalepse17 ", bei der infolge einer Rahmenüberschreitung die Grenze zwischen extra- und intradiegetischer Position aufgehoben wird. Geprägt wurde der Begriff von dem französischen Narratologen Gérard Genette und hat zwei Bedeutungen: Zum einen kann damit gemeint sein, dass sich der Erzähler handelnd in die Welt seiner Erzählung einmischt (zum Beispiel, indem er zugibt, die erzählte Geschichte selbst zu erfinden) und zum anderen trifft der Begriff auch auf das Motiv zu, wenn der intradiegetische Leser wie durch ein Tor in die Welt seiner eigenen Lektüre steigt oder auch die umgekehrte Variante, wenn Figuren aus einem Binnenroman in die „Realität" (Intradiegese) fliehen. Es lässt sich also dann von einer „narrativen Metalepse" sprechen, wenn es zu einer paradoxen Vermischung der Erzählebene und der Ebene der erzählten Geschichte innerhalb eines fiktionalen Textes kommt.18

In Anbetracht der eben genannten Aspekte, die eine Zerrüttung der Erzählebene durch die Erzähldistanz aber auch durch eine Grenzüberschreitung von Erzählungen evozieren können, stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Wirklichkeit und Fiktion und sowie Raum und Zeit in der fantastischen Literatur. Darauf wird nun in folgenden Unterkapiteln eingegangen.

2.2.2 Fiktive Realität und realistische Fiktion

Wann ist die Wirklichkeit imaginär und wann Fiktion realistisch?

Der Wirklichkeitsbegriff lässt sich als Teilmenge eines kulturellen Wissens sehen, das die Gesamtheit aller für wahr gehaltenen Aussagen beinhaltet.19 Diese Wahrheit wird in der Literaturwissenschaft jedoch selbst im Bezug auf traditionell realistisches Erzählen angezweifelt, da es durch subjektiv-arbiträres Schildern ein unvollständiges Bild der Wirklichkeit gäbe.20 Der Aspekt des Realismus soll in diesem Zusammenhang jedoch nicht näher erläutert werden.21 Vielmehr ist es notwendig, das Verhältnis von Fiktion und Realität darzulegen. Fiktionale Texte, so heißt es bei Albert Gier, konstituieren ihre eigene Wirklichkeit, indem sie auf Fragmente der außersprachlichen Realität zurückgreifen, die weitgehend aus ihrem Realitätsbezug gelöst erscheinen.22 Todorovs Überlegung, „unsere Welt" würde durch die fantastische Literatur in Zweifel gesetzt23, ist in diesem Zusammenhang also kritisch zu betrachten, da es sich dabei, laut Durst, mehr um eine innerliterarische Normrealität handelt, die von realistischen Konventionen geprägt sei. Aus diesem Grund bildet Durst einen neuen literarischen Wirklichkeitsbegriff: das „Realitätssystem"24. Es handle sich dabei um die Organisation der Gesetze, die innerhalb einer fiktiven Welt gelten. Dabei können Gesetze, die in der außerfiktionalen Welt gültig sind, außer Kraft gesetzt sein und neue, für „unser Realitätsverständnis" unlogische Gesetze integriert werden. In der Fantastík selbst, so Durst, gäbe es jedoch aufgrund der Unentschiedenheit zwischen den Gesetzen verschiedener Realitätssysteme - der „fiktionsexternen Wirklichkeit" und der „fiktionsinternen Realität" - kein Realitätssystem.25 Oder schlicht gesagt: Die Fantastik bildet die Welt so ab, wie sie der Leser selbst erfahren kann - und diese Wahrnehmung ist zweifelsohne immer subjektiv.

2.2.3 Die andere Welt

Ohne die oben genannten Überlegungen von Durst, die Fantastik als schwebende Grenze zwischen verschiedenen Realitätsebenen zu sehen, anzuzweifeln, ist in diesem Zusammenhang die „Zwei-Welten-Definition"26 zu nennen. Sonja Klimek orientiert sich hierbei an den Theorien von Marianne Wünsch. Demnach bestehe die fantastische dargestellte Textwelt aus zwei Teilwelten. Die eine erscheint in der Realität als möglich, die zweite als unmöglich. Wie auch schon bei Todorov und Durst gesehen, definiert Klimek die Fantastik durch die Ambivalenz dieser Komponenten.27

Wenn man im Bezug auf die Fantastik von zwei Welten spricht, so zeigt sich, dass sowohl der Protagonist als auch der Leser zwischen diesen hin und her „switchen". Von Klaus Kanzog wird die intradiegetische Welt (oder von Durst als „fiktionsinterne Realität" benannt) als „anderer Raum" bezeichnet. Dies kann ein „Fluchtraum" sein, oder ein Raum der Distanz oder Entspannung, welcher eine eigene Handlungslogik aufweist. Diese „Grenzüberschreitung" ist dazu da, aus dem normgeregelten Leben „auszubrechen", ist aber auch immer an die Rückkehr in den Ausgangsraum gebunden.28 Während dieser Grenzüber­schreitung sind Räumlichkeit und Zeit willkürlich. Körper und Geist ver­schwimmen. Auch kann es zu Spaltungsfantasien des Ichs kommen.

Diese genannten Elemente werden nun im Folgenden näher untersucht.

2.2.3.1 Transformation von Raum und Zeit

Dass der Erzähler die Wiedergabe des Geschehens bestimmt und dieses zugleich auch ordnet, zeigt sich daran, dass der narrative Diskurs (die „Erzählzeit") häufig kürzer ausfällt, als der Diskurs der Ereignisse der erzählten Welt (sprich die „erzählte Zeit").29 Es gibt selbstverständlich verschiedene Verhältnisse dieser Zeitformen, auf die jedoch nicht näher eingegangen werden soll.30 Vielmehr gilt es, die Wahrnehmung der erzählten Zeit zu betrachten. Denn wenn - wie es in der Fantastík fast immer der Fall ist - die erzählte Welt aus zwei (oder mehreren) gegensätzlichen Teilräumen besteht, so sind gerade die Grenzüberschreitungen zwischen diesen Welten entscheidene Ereignisse der Handlung und relevant für das Zeitverständnis des Protagonisten und auch des Lesers.31 In diesem Zusammenhang kann Dursts Ansicht von verschiedenen Realitätssystemen folgendermaßen interpretiert werden: Indem die Gesetze, die in der außer- fiktionalen Welt gültig sind, außer Kraft gesetzt werden, verschwimmt auch die „rationale" Zeitauffassung.

Dieses zweite Realitässystem basiert laut Todorov jedoch auch darauf, dass die Grenze zwischen Geist und Materie beziehungsweise Körper nicht infrage gestellt wird. Dies liefert einen Vorwand für Überschreitungen, indem kein Unterschied zwischen dem Psychischen und Physischen (dem Ich und der Welt) gemacht wird. Sie durchdringen sich gegenseitig und fördern so eine Fusion ihrer selbst. Zeit und Raum scheinen „suspendiert".32 Ein häufiges Thema hinsichtlich dieser von Zeit und Raum gelösten Körper-Geist-Transformation ist die Vervielfältigung der Persönlichkeit (die Existenz eines Doppelgängers), die nun erklärt werden soll.

2.2.3.2 Das Motiv des Doppelgängers

In Lexika, Literaturwissenschaft und der Psychologie ist der „Doppelgänger" ein viel diskutierter Terminus und wird häufig als nicht verbindlich definiertes Wort bezeichnet. Einfach formuliert handelt es sich bei einem „Doppelgänger" um eine sich aufs Haar gleichende Erscheinung einer Person. Aus der räumlichen Perspektive, die hier bezüglich des vorherigen Themas gewählt wird, kann er auch als jemand gesehen werden, der sich zu gleicher Zeit an zwei verschiedenen Orten aufhält.

Gerald Bär unterscheidet in „Das Motiv des Doppelängers"33 verschiedene Doppelgängertypen durch ihre Erscheinungsformen, betont dabei jedoch, dass sich diese auch überschneiden können. Sie können als physisch ähnliches Wesen (oder Ding), als Allegorie (Schatten, Spiegelbild), als parapsychologisches Phänomen (Geist) oder als innerpsychisches Phänomen (Spaltungs­ /Verdoppelungsfantasie) auftreten.

Als Indikatoren für literarische Doppelgänger nennt Bär folgende:

„Einer Ich-Spaltung liegt oft der starke Drang zugrunde, unrealisierbare oder unrealisierbar scheinende Träume, Phantasien, Wünsche zu verwirklichen. [...] Die Unrealisierbarkeit der Wünsche ist bedingt durch gesellschaftliche Faktoren (z.B.: Religion, Tabus, Wertesystem, Normen) und individuelle Faktoren (...)."34

Ausgelöst wird das „Sich-selber-sehen" unter anderem durch Träume oder „Dämmerzustände zwischen Wachen und Schlafen, in denen die Kontrollinstanz des Ichs (Vermittlerfunktion zwischen Innen- und Außenwelt) zeitweilig oder permanent gestört"35 ist.36

Inwieweit sich dieses Phänomen in den Werken von Martin Gaite und Millás manifestiert, wird später noch untersucht. Zunächst soll ein weiteres Element der fantastischen Literatur aufgegriffen werden - die Fantasmatik von Schrift und Buchstaben.

2.2.4 Fantasmatik von Schrift und Buchstaben

Die Semantik bzw. Soziolinguistik hat uns gelehrt, dass Wörter die Grundlage der Gedanken sind. Demnach präge Sprache nicht nur gesellschaftliche Gruppen, sondern auch deren Art der Erfassung der Wirklichkeit.37 Geht man also in diesem Zusammenhang davon aus, dass Sprache die Realität formt, so zeigt sich, welchen Einfluss Wörter - und somit auch Schrift und Buchstaben - auf unser Leben haben. Dabei ist es jedoch wichtig zu betonen, dass die Anordnung dieser Zeichen arbiträr ist und Buchstaben mehr als nur eine alphabetische Bedeutung haben können.

In „Erzählte Phantastik" erklärt Renate Lachmann, dass Buchstaben multi­referentielle Zeichen sind. Sie können nicht nur eine rein mediale Funktion besitzen (beispielsweise beim Buchstabieren eines Wortes), sondern auch als autonome Einzelzeichen agieren und fungieren so nicht im Sinne der festen Syntax des Alphabets. Kalligraphen, Letristen und andere Künstler können diesen beispielweise ein visuelles Profil oder einen magischen oder mystischen Charakter verleihen. In der Literatur wird diese Funktion häufig aufgegriffen, indem Buchstaben als Akteure auftreten und sich teilweise aus dem Schriftzusammenhang lösen. Durch ihr symbolisches Potential transportieren sie zum Beispiel geheime Botschaften oder ihre ikonische Gestalt wird zur Schau gestellt.38 Auch der phonische Charakter von einzelnen Buchstaben und Wörtern ist hierbei nicht außer Acht zu lassen.

Diese Multireferentialität von Schrift und somit der Sprache bedingt ebenso eine Motivik im fantastischen Sinn wie bereits weitere oben genannte Elemente.

[...]


1 Baer 2002, S.172

2 Unamuno 2011

3 Vgl. Pedraza 2005

4 Roas 2011, S.1

5 Vgl. Roas 2011

6 Todorov 1996, S.25

7 Vgl. Todorov 1996

8 Erzähler, der die Rahmenhandlung ein Geschichte erzählt, in der er nicht vorkommt

9 Erzähler, der die Rahmenhandlung seiner eigenen Geschichte erzählt

10 Erzähler, der die innere Handlung einer Geschichte erzählt, in der er nicht vorkommt

11 Erzähler, der die innere Handlung seiner eigenen Geschichte erzählt

12 Vgl. Gröne et al. 2009

13 Durst 2001

14 Ebenda, S.189

15 Wörtche 1987, S.102 (zitiert in Durst 2001, S.189)

16 Vgl. Durst 2001

17 Ursprünglich ist die „Metalepse" eine rhetorische Figur der Antike und steht für die Umkehrung von Ursache und Wirkung. Vgl. Klimek 2010, S.20

18 Vgl. Klimek 2010

19 Vgl. Durst 2001

20 Vgl. Gier 2000

21 Siehe aber Kapitel 2.3.1.2

22 Siehe Gier 2000

23 Vgl. Kapitel 2.1

24 Siehe Durst 2001, S.92

25 Vgl. Durst 2001

26 Begriffnach Klimek 2010, S.121

27 Vgl. Klimek 2010

28 Vgl. Kanzog 2002

29 Vgl. Gröne et al. 2009

30 Nachzulesen in Gröne et al. 2009

31 Vgl. ebenda

32 Vgl. Todorov 1996

33 Siehe Bär 2005

34 Ebenda, S.452

35 Ebenda, S.452

36 Vgl. Ebenda

37 Vgl. Schlieben-Lange 1991

38 Vgl. Lachmann 2002

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Fantasiewelten bei Juan José Millás und Carmen Martín Gaite
Untertitel
Eine komparatistische Untersuchung der Werke "El orden alfabético" und "Caperucita en Manhattan"
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Romanistik/Literaturwissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
50
Katalognummer
V183191
ISBN (eBook)
9783656076049
ISBN (Buch)
9783656075790
Dateigröße
707 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Juan José Millás, Carmen Martín Gaite, Komparatistik, Romanistik, spanische Literatur, Fantastik, fantastische Literatur, Todorov, Fantasiewelten, Fantasmatik, Fiktion, Caperucita en Manhattan, El orden alfabético, Rotkäppchen in Manhattan, Die alphabetische Ordnung, Parallelwelt, Welt der Buchstaben, Bücherwelt, Flucht in die Fantasie
Arbeit zitieren
Ida Blick (Autor), 2011, Fantasiewelten bei Juan José Millás und Carmen Martín Gaite, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183191

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