Die Fragestellung dieser empirischen Arbeit war:
- Wie entscheiden und argumentieren Pflegekräfte, die an der Weiterbildung „Fachpflege Psychiatrie“ teilnehmen, in Situationen, die als Kontrasterfahrung zwischen dem eigenen beruflichen Selbstverständnis und ärztlichen Anordnungen erlebt werden?
- Gibt es Unterschiede, die sich aus Faktoren wie Geschlecht, Alter, Berufserfahrung oder beruflichem Selbstverständnis ableiten lassen?
Bei 115 Pflegekräften, aus unterschiedlichen psychiatrischen Weiterbildungs-einrichtungen in Deutschland, wurde das eigene berufliche Selbstverständnis mit dem, aus der Literatur abgeleiteten, Selbstverständnis der psychiatrischen Pflege verglichen. In sechs von acht Aspekten gab es eine sehr hohe Übereinstimmung.
Dann wurden die TeilnehmerInnen der Befragung mit zwei Fallbeispielen konfrontiert, in denen eine ärztliche Anordnung im Widerspruch zu dem angenommenen beruflichen Selbstverständnis stand. In beiden Fallbeispielen hätte die Ausführung der Anordnung schädliche Folgen für die Patientinnen haben können. Zudem wäre, bei der Ausführung der Anordnung, in beiden Fallbeispielen auch gegen Grundrechte verstoßen worden.
Die Erwartung, dass eine Mehrheit der Befragten die Durchführung der ärztlichen Anordnung in beiden Fallbeispielen ablehnen würde, wurde durch das Ergebnis widerlegt. Nur 14 von 115 Befragten lehnten in beiden Fallbeispielen die Durchführung der ärztlichen Anordnung ab. Bei diesen TeilnehmerInnen zeigten sich, in den Antworten zum beruflichen Selbstverständnis, in zwei Aspekten deutliche Unterschiede zu den anderen Befragten.
Inhaltsverzeichnis
1 Konfliktfelder in den Tätigkeitsbereichen der psychiatrischen Pflege
2 Professionalisierung in der Pflege
2.1 Professionalisierung der psychiatrischen Pflege
2.2 Zum beruflichen Selbstverständnis der psychiatrischen Pflege
2.3 Zum Verständnis von Psychosen
2.4 Psychiatrische Pflege und Ethik
2.4.1 Theoretische Grundlagen
2.4.2 Ethische Prinzipien und moralisches Handeln in der psychiatrischen Pflege
2.5 Zusammenfassung
3 Explorative Studie
3.1 Auswahl und Begründung der Fragen
3.2 Auswahl und Begründung der Fallbeispiele und der dazu gehörenden Fragen
4 Ergebnisse
4.1 Ergebnisse und Interpretation der persönliche Daten
4.2 Ergebnisse und Interpretation der Fragen zum Berufsverständnis
4.3 Zusammenfassung berufliches Selbstverständnis
5 Ergebnisse der geschlossenen Fragen zu den Fallbeispielen
5.1 Auswertung der offenen Fragen zu den Fallbeispielen
5.1.1 Argumente gegen die Durchführung der ärztlichen Anordnung in den Fallbeispielen
5.1.2 Vergleichende Betrachtung der TeilnehmerInnen, die in beiden Fallbeispielen die Anordnung nicht ausführen.
5.1.3 Argumente bei einer Durchführung der ärztlichen Anordnung in denFallbeispielen
5.2 Interpretation der Aussagen bei einer Durchführung der ärztlichen Anordnung in beiden Fallbeispielen
6 Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse
7 Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die empirische Studie untersucht, wie Pflegekräfte in der psychiatrischen Fachweiterbildung in ethischen Konfliktsituationen entscheiden und argumentieren, insbesondere wenn ärztliche Anordnungen mit ihrem beruflichen Selbstverständnis kollidieren. Das primäre Ziel ist es, den Einfluss von Faktoren wie Geschlecht, Alter und Berufserfahrung auf diese moralische Entscheidungsfindung zu analysieren, um Erkenntnisse für ein ethisch-didaktisches Unterrichtskonzept zu gewinnen.
- Professionalisierung der psychiatrischen Pflege
- Berufliches Selbstverständnis und ethische Werte
- Umgang mit psychotischen Erkrankungen und Autonomie
- Analyse moralischer Entscheidungsfindung anhand von Fallbeispielen
- Ethische Reflexion in der psychiatrischen Pflegepraxis
Auszug aus dem Buch
Prinzip 1: Wert des Lebens/Achtung vor dem Leben
In der psychiatrischen Arbeit haben wir es öfter auch mit Menschen zu tun, die aus unterschiedlichen Gründen keinen Sinn mehr in ihrem Leben sehen und die Selbsttötung dem Weiterleben vorziehen. 1989 kamen auf 100 000 Einwohner in der BRD 16,35 Suizide. Die Zahl der Suizidversuche war zehn mal so hoch, die Dunkelziffer ist unbekannt (Dörner/Plog 1996, S. 336). Nicht selten, eher ist es die Regel, werden Menschen nach einem gescheiterten Suizidversuch in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Die Gründe, die dazu führen, dass ein Mensch den Tod dem Leben vorzieht, sind sehr unterschiedlich. Verzweiflung, Ausweglosigkeit, Angst, Hoffnungslosigkeit, Verlust, mißglückte Altersadaption, Schmerzen durch Krankheiten und psychiatrische Erkrankungen, insbesondere Depressionen und Neurosen, seltener Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis werden für suizidale Handlungen am häufigsten genannt (Ringel, 1976). Nach Ringel ist der Mensch das einzige Lebewesen, dass die Möglichkeit besitzt, sich absichtlich selber umzubringen (vgl. ebd. S. 12).
Die gesellschaftliche Bewertung einer suizidalen Handlung ist kulturell sehr unterschiedlich. In Japan wird der Suizid als heroische Tat verehrt, im eher katholisch geprägten Irland als Verbrechen betrachtet (vgl. Dörner/Plog 1996, S. 337). In der deutschen Psychiatrie wird eine suizidale Handlung als absolute Zuspitzung einer Krise betrachtet, in der der betroffene Mensch seine Handlungsalternativen (bis auf eine) verloren hat. Zugleich aber wird auch angenommen, dass sich nach einer Überwindung der Krise wieder Handlungsalternativen eröffnen. Psychiatrisches Handeln ist somit darauf ausgerichtet, den Suizid zu verhindern und gleichzeitig mit dem Patienten andere Bewältigungsformen zu entwickeln.
In akuten suizidalen Krisen kommt es vor, dass ein Mensch oft über Tage fixiert und medikamentös sediert sowie rund um die Uhr überwacht werden muss, um am Leben zu bleiben. Der Wert des Lebens an sich steht hier über allen anderen Prinzipien. In den meisten Fällen wird dies von den psychiatrisch Tätigen als notwendiger Teil der Arbeit gesehen, in dem Wissen, dass es andere Wege der Krisenbewältigung geben wird. Es kommt aber auch vor, dass psychiatrisch Tätige vor der Frage stehen, welchen Sinn das Leben eines Menschen für ihn denn noch haben kann und ob seine Entscheidung, seinem Leben ein Ende zu setzen, verständlich ist und von ihnen nur hinausgezögert werden kann.
Zusammenfassung der Kapitel
Konfliktfelder in den Tätigkeitsbereichen der psychiatrischen Pflege: Beschreibt typische ethische Spannungsfelder im psychiatrischen Alltag, insbesondere zwischen pflegerischer Sichtweise und medizinischen Standardvorgaben.
Professionalisierung in der Pflege: Beleuchtet das Streben der Pflege nach einem akademischen Berufsverständnis, ethischer Reflexion und fachlicher Autonomie.
Professionalisierung der psychiatrischen Pflege: Analysiert die historische Entwicklung der psychiatrischen Pflege von der reinen Verwahrung hin zur therapeutischen Begleitung im Team.
Zum beruflichen Selbstverständnis der psychiatrischen Pflege: Definiert die Rolle der psychiatrischen Pflege, die zunehmend durch Beziehungspflege, Empowerment und den Schutz des Klienten geprägt ist.
Zum Verständnis von Psychosen: Skizziert den Paradigmenwechsel vom biologisch determinierten Krankheitsmodell hin zu einem psychosozialen Verständnis, das den Patienten als Experten seines Erlebens begreift.
Psychiatrische Pflege und Ethik: Thematisiert die Notwendigkeit einer pflegespezifischen ethischen Handlungskompetenz zur Bewältigung moralischer Dilemmata.
Theoretische Grundlagen: Erläutert die Begrifflichkeiten von Ethik und Moral sowie deren Bedeutung für das professionelle Handeln.
Ethische Prinzipien und moralisches Handeln in der psychiatrischen Pflege: Stellt fünf Grundprinzipien einer Ethik der Verantwortung vor, die als Orientierung für moralisch schwierige Entscheidungen in der Praxis dienen.
Zusammenfassung: Fasst die wesentlichen Aspekte der Professionalisierung und die ethische Ausrichtung der modernen psychiatrischen Pflege zusammen.
Explorative Studie: Beschreibt die methodische Vorgehensweise der durchgeführten Befragung von Fachpflegekräften.
Auswahl und Begründung der Fragen: Erläutert die Zielsetzung der entwickelten Fragebögen zur Erfassung von persönlichen Daten und beruflichen Einstellungen.
Auswahl und Begründung der Fallbeispiele und der dazu gehörenden Fragen: Begründet die Verwendung hypothetischer Dilemmata zur Untersuchung von Kontrasterfahrungen zwischen professionellem Anspruch und ärztlicher Anordnung.
Ergebnisse: Präsentiert die quantitative Auswertung der Befragung.
Ergebnisse und Interpretation der persönliche Daten: Liefert einen Überblick über die demografischen Daten und die beruflichen Voraussetzungen der Teilnehmer.
Ergebnisse und Interpretation der Fragen zum Berufsverständnis: Analysiert die Identifikation der Befragten mit dem idealen psychiatrisch-pflegerischen Selbstverständnis.
Zusammenfassung berufliches Selbstverständnis: Führt die Diskrepanz zwischen idealisierten theoretischen Vorstellungen und der wahrgenommenen pflegerischen Realität auf.
Ergebnisse der geschlossenen Fragen zu den Fallbeispielen: Zeigt auf, wie die Probanden auf ärztliche Anordnungen reagieren, die im Widerspruch zu ihren eigenen ethischen Vorstellungen stehen.
Auswertung der offenen Fragen zu den Fallbeispielen: Analysiert die qualitative Begründung der Entscheidungen durch die Pflegekräfte.
Argumente gegen die Durchführung der ärztlichen Anordnung in den Fallbeispielen: Kategorisiert die Gründe, die von Pflegenden angeführt werden, um eine ärztliche Anordnung abzulehnen.
Vergleichende Betrachtung der TeilnehmerInnen, die in beiden Fallbeispielen die Anordnung nicht ausführen.: Untersucht die Merkmale der Gruppe, die konsequent professionell im Sinne des ideellen Selbstbildes entscheidet.
Argumente bei einer Durchführung der ärztlichen Anordnung in denFallbeispielen: Diskutiert die Begründungsmuster für die Befolgung ärztlicher Anordnungen trotz eigener ethischer Vorbehalte.
Interpretation der Aussagen bei einer Durchführung der ärztlichen Anordnung in beiden Fallbeispielen: Reflektiert die Ursachen für das pflegerische Verhalten, insbesondere unter dem Aspekt wahrgenommener Machtlosigkeit.
Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse: Synthetisiert die Studienergebnisse und diskutiert die Kluft zwischen professionellem Anspruch und pflegerischer Praxis.
Ausblick: Formuliert Forderungen für die künftige pflegeethische Ausbildung und die institutionelle Weiterentwicklung der psychiatrischen Versorgung.
Schlüsselwörter
Psychiatrische Pflege, Berufliches Selbstverständnis, Ethik der Verantwortung, Ethische Entscheidungsfindung, Moralische Kontrasterfahrung, Professionalisierung, Patientenorientierung, Beziehungspflege, Empowerment, Psychiatrische Weiterbildung, Klinische Praxis, Patientenrechte, Therapeutische Beziehung, Handlungsautonomie, Machtlosigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das zentrale Anliegen dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht, wie Pflegekräfte in der Psychiatrie ethische Konflikte erleben und verarbeiten, wenn sie sich zwischen ärztlichen Anordnungen und ihrem eigenen beruflichen Selbstverständnis entscheiden müssen.
Welche Themenfelder stehen im Fokus der Untersuchung?
Im Mittelpunkt stehen die Professionalisierung der psychiatrischen Pflege, das theoretische Selbstverständnis des Berufsstandes sowie die praktische Anwendung von ethischen Prinzipien in konflikthaften Arbeitssituationen.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Es soll analysiert werden, ob und inwieweit psychiatrische Fachpflegekräfte tatsächlich professionell-ethisch handeln oder ob bestehende Hierarchien und eine Orientierung an ärztlicher Autorität das Handeln dominieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wurde eine quantitative explorative Studie durchgeführt, bei der 115 psychiatrische Fachpflegekräfte mittels eines strukturierten Fragebogens zu Einstellungen und zum Verhalten in hypothetischen Fallbeispielen befragt wurden.
Welche Inhalte dominieren den Hauptteil?
Der Hauptteil behandelt neben der theoretischen Fundierung (Berufsethik, Psychoseverständnis, professionelle Identität) die ausführliche Analyse der Studienergebnisse inklusive der Interpretation von Antwortmustern bei Fallbeispielen.
Durch welche Schlagworte lässt sich die Studie charakterisieren?
Die zentralen Charakteristika sind Psychiatrie, Ethik, Berufsidentität, Kontrasterfahrungen, professionelles Handeln sowie der Gegensatz zwischen pflegerischer Theorie und klinischer Praxis.
Welche Rolle spielt die "Kontrasterfahrung" im Kontext der Fallbeispiele?
Sie dient als Analyseeinheit für Situationen, in denen die Pflegenden eine ärztliche Anordnung als ethisch falsch oder schädlich für den Patienten wahrnehmen, was ihre professionelle Haltung herausfordert.
Warum ist das Ergebnis der Untersuchung für die psychiatrische Ausbildung relevant?
Die Studie deckt eine Diskrepanz zwischen theoriegeleitetem Selbstbild und der tatsächlichen Praxis auf, was die Notwendigkeit von ethischen Fallbesprechungen und einer verbesserten Vermittlung von Ethik in der Weiterbildung unterstreicht.
- Citar trabajo
- Dipl. Pflegewirt, M.A. Bernd Meyer (Autor), 2011, Professionalität und Autorität in der psychiatrischen Pflege, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183341