Das Konzept der Bewährung auf dem Prüfstand

Zur Theorie und Praxis der „Bewährung“ unter besonderer Berücksichtigung der Adoleszenz


Hausarbeit, 2010

23 Seiten, Note: 0,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Konzept der Bewährung– Hentigs Manifest

3. Die Besonderheiten des Jugendalters
3.1 Die Adoleszenz
3.1.1 Die Frühadoleszenz
3.1.2 Die mittlere bzw. eigentliche Adoleszenz
3.2 Was es bedeutet, in der heutigen Zeit Jugendlicher zu sein

4. Die Umsetzung des „Bewährungskonzeptes“ 10 am Beispiel der Montessori- Oberschule in Potsdam
4.1 Die Montessori- Oberschule Potsdam
4.2 Das Projekt „Schlänitzsee“
4.2.1 Vorstellung des Projektes
4.2.2 Pädagogisches Konzept zum Projekt

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Jugendliche, diese kleinen pubertierenden Monster, sind faul, hängen meist in Gruppen herum und tun einfach nichts, außer vielleicht an Bushaltestellen, die sie völlig vermüllt hinterlassen und an denen sie durch ihre ständige „Graffitisprayerei“ Vandalismus betreiben, vorbei-gehende Passanten anzupöbeln. Sie sind generell unfreundlich zu Erwachsenen, beleidigen ständig ihre Eltern, sprechen in ihrer eigenen Gossensprache, die sowieso kein anderer außer ihnen selbst versteht, verbringen die Zeit, in der sie mal nicht Passanten anpöbeln dann entweder in ihren Zimmern, spielen Ballerspiele und surfen im Internet oder aber sie besaufen sich sinnlos auf „Flatrate-Partys“. In der Schule, wenn sie denn mal hingehen, machen sie den Lehrern die Hölle heiß, mobben die Kleinen und verschmutzen den Schulhof. Sie haben einfach zu nichts Bock und tragen dies auch gerne mit ihrer Null-Bock-Mine zur Schau. Schaut man sich ihre Kleidung an, so sind die weiblichen Jugendlichen dermaßen aufgetakelt, dass man gerade nicht weiß, ob sie auf dem Weg zu einer Modenschau oder doch mal auf dem Weg zur Schule sind. Die männlichen Jugendlichen hingegen sehen so aus, als seien sie gerade erst von der Couch aufgestanden mit ihren weiten Jogginghosen, bei denen der Schritt schon in den Kniekehlen hängt und ihre Unterwäsche daher deutlich zu sehen ist.

Das ist das Bild der Jugend im 21. Jahrhundert. Jedenfalls wenn man die großen und auch kleinen Schlagzeilen der Medien liest und denen unkritisch Glauben schenkt. Jugendliche jedoch sind zu Höchstleistungen fähig, man muss ihnen nur einen für sie geeigneten Rahmen schaffen, in dem sie diese Leistungen vollbringen können. Das ist die These von Hartmut von Hentig, die er in seinem Buch „Bewährung. Von der nützlichen Erfahrung, nützlich zu sein“ (2005), aufstellt und praxisorientiert ausarbeitet, so dass ein Konzept entsteht: das Bewährungskonzept. Dieses Konzept wird in seiner Grundidee in dieser Arbeit vorgestellt werden. Da Hartmut von Hentig sein Konzept für Jugendliche, die sich in der Adoleszenz befinden, entwickelte, sollen sie in einem zweiten Schritt besonders in den Blick genommen werden. Das Bewährungskonzept hat durch die Montessori- Oberschule in Potsdam in Form eines Landbauprojektes bereits praktische Umsetzung erfahren - diese wird hier im dritten Teil dieser Arbeit zur Geltung kommen. In einem abschließenden Fazit werden diese drei Elemente - die Theorie des Bewährungskonzeptes, dessen erste praktische Umsetzung als auch die Jugendlichen, um die sich das Konzept dreht - miteinander verbunden, sodass eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema möglich werden kann. Die Frage, die hinter dieser kritischen Auseinandersetzung steht, lautet: Ist das Bewährungskonzept wirklich für Jugendliche, die sich mitten in der Adoleszenz befinden, geeignet?

2. Das Konzept der Bewährung– Hentigs Manifest

Die Menschen sind sich nicht darüber im Klaren, dass sie in einer Gemeinschaft leben, in der jedes Individuum einen Teil dazu beitragen muss; „die vollzogene individuelle Emanzipation verdrängt das Bewusstsein von der fortbestehenden Abhängigkeit aller von den Ordnungen und Leistungen des Gemeinwesens.“ (Hentig, 2005, 15) Doch kommt dies nicht von ungefähr, denn ein Bewusstsein schaffen für diese Problematik, gibt es in der Allgemeinheit nicht. Bereits Jugendliche machen die Erfahrungen, dass sie nicht nur Individuum sondern Teil eines größeren Ganzen sind, vornehmlich in der Familie, dem Bekanntenkreis oder in der Schule. Hentig wünscht sich daher, „dass junge Menschen erfahren, was eine Gemeinschaft ist – eine größere als die Familie, in die sie hineingewachsen sind, und eine weniger künstliche und zufällige als die Schulklasse, in die man sie hineinverwaltet hat; dieses Erlebnis sollte so sein, dass sie vieles von dem, was sie lernen, für die Aufrechterhaltung dieser Gemeinschaft einzusetzen bereit sind, ja dass sie es zu einem großen Teil um ihretwillen – um ihre Fortsetzung und Vervollkommnung - lernen.“ (Ebd., 17) Hierzu hat er in seinem Bewährungskonzept neben der Forderung nach einem einjährigen allgemeinen Dienstjahr, einen konkret ausformulierten Vorschlag zur „entschulten Bewährung“ entwickelt, durch den die Jugendlichen die Möglichkeit bekommen sollen, ihre gewünschten Erfahrungen machen zu können.

Die „entschulte“ Schule besteht in seinen Kernelementen darin, dass die Jahrgangsstufen 7 und 8, wahlweise auch die Jahrgänge 8 und 9 aller Schularten (Haupt- und Realschule ebenso wie das Gymnasium und die Gesamtschule) für zwei Jahre aus dem üblichen Schul- und Unterrichtskonzept entlassen werden und stattdessen soziale Projekte erarbeiten/ besuchen/ gestalten/ entwickeln. Dies soll zunächst in einer mittelgroßen Stadt wie Essen oder Rostock und einem Landkreis geschehen – diese können sich bei dem dafür eigens gegründeten Verein um die Zuteilung des Projekts bewerben. Innerhalb der Bewerbung müssen bestimmte Informationen ersichtlich sein; hierzu gehören „Zahl, Art und Größe der beteiligten Schulen“, „die beteiligten Jahrgänge [...]“, „die Zustimmung der Eltern und Schüler“, „die Zusage der beteiligten Betriebe und Einrichtungen“, ein Kostenplan sowie ein Zeitplan, aus dem ersichtlich wird, in welchen Schritten das Projekt umgesetzt werden soll, so dass sich am Ende des Projektes eine dauerhafte „Entschulung“ für die betreffenden Jahrgänge ergibt (ebd., S. 22ff.).[1]

Während der Dauer des Projektes, also in der 7. und 8. Jahrgangsstufe, sollen die Schüler und Schülerinnen (im Folgenden „SuS“) unterschiedliche Erfahrungen sammeln. Hentig hat an dieser Stelle dreiundzwanzig willkürlich ausgewählte mögliche Erfahrungen angegeben, die jedoch keine Verpflichtung darstellen sollen. So könnten die SuS bspw. Denkmal- und Landschaftspflege betreiben, verschiedene Sportarten ausprobieren und ausüben, sich in humanitären Einrichtungen engagieren, Fahrradtouren machen, im Theater aktiv sein, etc. (vgl. ebd.). Die Kosten für das gesamte Projekt übernimmt zu 50% das Bundesland der betreffenden Stadt und des Landkreises, 25% entfallen auf den Schulträger, die restlichen 25% übernehmen beteiligte Firmen und Unternehmen; generell sollen die Kosten die üblichen nicht um mehr als 20% übersteigen.

Diesen Rahmenbedingungen erfolgt eine ausführliche Begründung für dieses angestrebte Projekt, in der von Hentig vor allem seine Schulkritik zu Worte kommen lässt und das entwickelte Projekt darin einbettet. Schule sei ein Ort, der den Jugendlichen mehr oder minder die Freude am Lernen nimmt, denn vieles, was sie in der institutionalisierten und verwalteten Schule erleben, widerspricht dem, was sie in der Realität erleben. In der Schule werden alltägliche Phänomene wie das „Laufen und Raufen“ plötzlich in den zwei- dreistündigen Sportunterricht verlegt, „aus sich natürlich bildenden gemischten Gemeinschaften sind kollektiv gleichaltrig, nach Schulleistung vorsortierter Mitschüler in genormten Klassenräumen und also auch in genormter Zahl geworden“, „der Natur begegnet man als geordnetem Wissen über die Natur“, anstatt sie selbst zu erforschen. Insgesamt gesehen ist es so, dass „Abenteuer dem Schulhof, dem Heimweg auf dem Moped, dem Mogeln während der Klassenarbeit, einer Schulwanderung im Sommer und einer im Winter vorbehalten“ werden (Hentig, 2005, 33ff.). Kinder, die voller Lernbegeisterung in die Schule kommen, wird hierdurch der Spaß am Lernen genommen. Dieser Entzug jedoch stellt sich nicht von jetzt auf gleich ein, er dauert eine Weile, denn die SuS sind zunächst damit beschäftigt, sich in diese neue Welt „Schule“ einzuarbeiten. Wenn sie dies jedoch geschafft haben, kommt bald die Langeweile auf und die Freude am Lernen wird im Keim erstickt, so dass es in der Pubertät schließlich dazu kommt, dass sie oftmals gänzlich abschalten, denn der sich aufgebaute „Überdruss an der zu keinem Ende führenden Belehrung [vermischt sich nun] mit dem Drang der physischen Emanzipation“, so dass sie „die fürsorgliche Behandlung ab[lehnen] und [..] die Selbsterfahrung [suchen]– eine Bewährung in eigenen Gemeinschaften, nach eigenem Maßstab, mit eigenem Risiko.“ (ebd., 35)

Die Schule allerdings nimmt weder die Suche nach Bewährung noch die Pubertät an sich wahr; sie übernimmt die Belehrung am Vormittag und klammert hierbei die Probleme der Jugendlichen in diesem Alter gänzlich aus; dies überlässt sie den Familien. Jedes Verhalten, dass durch die Pubertät hervorgerufen wird, wird in der Schule als Störung gewertet und ggf. sogar durch Extraaufgaben und schlechtere Noten sanktioniert.

3. Die Besonderheiten des Jugendalters

Zu Beginn dieses Abschnittes möchte ich die oftmals synonym verwendeten Begriffe Jugend, Pubertät und Adoleszenz voneinander abgrenzen, denn auch in der Literatur werden sie jeweils anders und nicht synonym gebraucht.

Der Begriff der Pubertät bezieht sich vornehmlich auf „den biologischen Reifungsvorgang“ eines jungen Menschen weg von der Kindheit hin zum Erwachsen sein, der„in erster Linie durch die Entwicklung der Fortpflanzungsfähigkeit und ihrer Begleiterscheinung (bspw. das Wachsen der weiblichen Brust, der erste männliche Samenerguss, das Wachsen der Brust- und Schambehaarung [Anm. d. Verf.]), aber auch durch einen Wachstumsschub gekennzeichnet ist.“ (Maas, 2003, 24) Dieser Vorgang ist in der Regel im Alter zwischen 17 und 18 Jahren abgeschlossen, was jedoch nicht auf die „sozialen und emotionalen Folgen“ (ebd.) der Pubertät zutrifft. Diese Folgen und deren Bewältigung werden als Adoleszenz bezeichnet, worunter weitläufig die „psychosozialen Reifungsprozesse“ (ebd.) fallen. Diese beiden Begriffe kann man als Spezialisierung des Begriffs Jugend beschreiben, denn dieser umfasst ganz allgemein „die zwischen der Kindheit und dem Erwachsenenalter liegende Altersphase und kann als biologisches, entwicklungspsychologisches, soziologisches, kulturelles oder historisches Phänomen verstanden werden.“ (ebd.)

Die Phase der Adoleszenz werde ich im Folgenden detaillierter in Blick nehmen, da es sich hierbei vornehmlich um die Phase innerhalb des Jugendalters handelt, die bei von Hentig in den Blick geraten ist – bei der von Hentig für das Jugendalter postulierten Suche nach Bewährung handelt es sich sowohl um einen sozialen als auch einem emotionalen Vorgang und ist somit eindeutig der Phase der Adoleszenz zuzurechnen.[2]

3.1 Die Adoleszenz

Die Adoleszenz ist eine Entwicklungsphase[3] des Menschen, „in der biologische Veränderungen und psychische Erfahrungen am direktesten aufeinander bezogen sind und umfassende Integrationsprozesse stattfinden.“ (Bohleber, 2000, 25) Die Jugendlichen sind in dieser Phase mit der psychischen Verarbeitung ihrer körperlichen und sexuellen Reifung ebenso konfrontiert, wie mit der Ablösung vom Familienkreis als auch der eigenen beruflichen und sozialen Zukunftsplanung (vgl. ebd., 24f).

Blos (1962) unterteilte die Adoleszenz in verschiedene Phasen, in der der Jugendliche unter-schiedliche Aufgaben zu bewältigen hat: Die Präadoleszenz, die Frühadoleszenz, die mittlere Adoleszenz und die Spätadoleszenz. Maas (2003) übernimmt dieses Modell und zieht das von Streeck-Fischer (1994) hinzu. Beide Modelle geben „angesichts der großen Schwankungsweite der adoleszenten Entwicklung und der zahlreichen Faktoren (Geschlechts-zugehörigkeit, hormonell-psychologische Reifung, familiäre Rahmenbedingungen, Schul- oder Arbeitsverhältnis usw.), von denen die Schnelligkeit abhängt, mit der die verschiedenen Phasen erreicht bzw. durchlaufen werden“ (Maas, 2003, 45), keine konkreten Angaben zu der jeweiligen Altersstufe, in der die jeweiligen Phasen durchlaufen werden. Dies holt Maas, mit dem Verweis, dass es sich bei den Phasen um solche mit fließenden Übergängen handelt, nach; dies allerdings tut er vor allem nach seinem Eindruck davon, wann diese Phasen „hauptsächlich und typischerweise (also nicht ausschließlich!) zu beobachten sind.“ (ebd.) Hierzu erstellt er folgende Tabelle, die ich an dieser Stelle für die weitere Arbeit übernehmen möchte, da sie mir sowohl übersichtlich als auch plausibel erscheint:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Da sich Hentig in seinem Manifest vor allem auf die Jahrgänge 7 – 9 bezieht, werde ich im folgenden die Subphasen Früh- und eigentlichen Adoleszenz genauer in den Blick nehmen.

3.1.1 Die Frühadoleszenz

Nachdem in der Präadoleszenz „die hormonelle Umstellung, das Wachsen der Fortpflanzungsorgane und die Entwicklung der sekundären Geschlechtsmerkmale“ einsetze, und „die seelische Verarbeitung der körperlichen Veränderungen [..] im Mittelpunkt [standen]“, beginnt die Frühadoleszenz beim Mädchen mit der ersten Periode und beim Jungen mit dem ersten Samenerguss (Bohleber, 2000, 25). Damit verbunden ist, dass in sexueller Hinsicht Wege gefunden werden müssen, um den auftretenden Trieben Befriedigung zu verschaffen (Masturbation, erste sexuelle Erfahrungen). Mit diesem körperlichen Trieb geht die Ablösung von inzestuösen Liebesobjekten, bei denen es sich meist um die Eltern handelt, einher; wo die Kinder in der Latenzzeit (Kindesalter) noch nach einem Gefühl der Gemeinsamkeit mit den Eltern strebten („Ich will so wie Mama und Papa sein“), lösen sie sich jetzt von diesem und wollen als Individuum gesehen werden[4] – dies äußert sich meist darin, dass sie sowohl gegen die von den Eltern aufgestellten Regeln verstoßen und diese ablehnen, als auch generell gegen jede Belehrung von außen „allergisch“ und mit Ablehnung reagieren (vgl. Maas, 2003, 47). Dies macht es für Lehrer schwierig, an die Jugendlichen heranzutreten und in der „militarisierten“ Schule Regeln aufzustellen, bei denen die Jugendlichen auch tatsächlich bereit sind, sich daran zu halten.

3.1.2 Die mittlere bzw. eigentliche Adoleszenz

In der mittleren bzw. eigentlichen Adoleszenz steht vor allem die Akzeptanz gegenüber dem eigenen Körper im Mittelpunkt – der Umgang mit dem nun sexuell reifen Körper und die Verantwortlichkeit ihm gegenüber sind dabei zentrale Elemente (vgl. Bohleber, 2000, 25).

Hierzu gehört auch die bewusste „Hinwendung zum anderen Geschlecht“[5] (Maas, 2003, 47); das erste Verliebt-Sein und die Suche nach einem Freund/ einer Freundin setzen ein. Dies bewirkt nach Blos, dass maskuline und feminine Züge deutlich hervortreten, was zur Folge hat, dass „die geschlechtsfremden Tendenzen dem anderen Geschlecht eingeräumt worden sind und nun im gegenseitigen Besitzen der Partner geteilt werden können.“ (Blos, 1962, 119) Sollte dieses Verliebt-Sein jedoch nicht erwidert werden, kann es zu dramatischen Gefühlen kommen, wodurch sich „der Jugendliche [...] in seiner psychischen Existenz bedroht [fühlt]. Die Abwehrstrategien gegen die neuen heftigen sexuellen Impulse können sich auch in einer kompromisslosen Abkehr von allem Lustvollen darstellen, das asketische Ideal gewinnt mit seinem Ausschließlichkeitsanspruch die Oberhand.“[6]

Die Liebe steht bei vielen Jugendlichen in dem Alter, auch auf Grund der Aufgabe der eigentlichen Adoleszenz, die eigene Femininität bzw. Maskulinität auszuarbeiten, im Vordergrund, doch ist dies nicht alles, was diese Subphase ausmacht. Das Aufgeben der „äußeren und inneren Abhängigkeitsbindung an die Eltern“ (Bohleber, 2000, 25), die Suche nach Identität durch Hilfe der peer group, welche in dieser Phase generell eine wichtige Rolle spielt und die damit verbundene Frage ‚wer bin ich?’ sind weitere wichtige Bestandteile dieser Zeit.

3.2 Was es bedeutet, in der heutigen Zeit Jugendlicher zu sein

Die vorangegangenen Abschnitte beschäftigten sich mit der Adoleszenz aus dem Blickwinkel der Psychoanalyse, es ging also vornehmlich um die innere Wandlungsprozesse des Jugendlichen. Nun möchte ich den Blick auf den Rahmen werfen, den der Adoleszente heute in unserer Gesellschaft wiederfindet, der Rahmen, in dem er seine Pubertät bzw. Adoleszenz durchläuft resp. durchlaufen muss.[7]

Die Lebenswelt der Jugendlichen heute und die der Jugendlichen von vor 50 Jahren hat sich in vielen Bereichen verändert. Nicht nur in der Welt der Familie, in der sie leben, hat sich ein Wandel vollzogen (in der 1950er Jahren sind die meisten Jugendlichen in der Konstellation Vater - Mutter - Kind(er) aufgewachsen; heute ist diese Familienstruktur dahingehend verändert, dass es immer häufiger Alleinerziehende gibt, der Kontakt zu älteren Generationen, also den Großeltern, immer mehr verloren geht und auch die Anzahl der Einzelkinder steigt), sondern auch in der Freizeit und in der Arbeitwelt. Die Freizeitgestaltung der Jugendlichen ist heute einfacher und doch komplizierter als je zuvor. Die meisten Jugendlichen können sowohl einen Fernseher und eine Musikanlage, als auch eine Spielkonsole und ein PC ihr Eigen nennen. Sie haben alles, womit sie sich die Zeit vertreiben können und doch strotzen sie oft vor Langeweile; die Überkommunikation und Übertechnisierung ist daher Segen und Fluch für die Jugendlichen zugleich. Die heutige Arbeitswelt ist für die Jugendlichen ebenso paradox. Entfernen sie sich zeitlich auf Grund der Schulzeitverlängerung immer mehr von ihr, sind sie ihr geistig näher als zuvor, denn sie verschafft ihnen schon im Vorfeld Kopfzerbrechen. Es ist immer seltener, dass Jugendliche problemlos die Schule absolvieren können um im Anschluss eine Berufausbildung zu absolvieren und diesen dort erlernten Beruf bis zu ihrem Rentenalter auszuüben; „Flexibilität, Selbstständigkeit und Teamfähigkeit sind wichtige Schlüsselqualifikationen geworden, um im Arbeitsmarkt zu bestehen.“ (Maas, 2003, 27)

[...]


[1] Hentig schrieb dieses Konzept in dem Bewusstsein darüber, dass das Projekt nicht von heute auf morgen zu 100% umgesetzt werden kann. Daher unterscheidet er es in Variante A und E. Bei Variante A handelt es sich um die Ausgangsvariante und Variante E beschreibt die Umsetzung des Projektes im Endstadium, also die 100%ige Umsetzung. Der Zeitplan beinhaltet also die Übersicht, wie der betreffende Bewerber von Variante A ausgehend Variante E erreichen will. (Hentig, 2005, 24ff.)

[2] Ich gehe an dieser Stelle davon aus, dass Hentig in seinem Manifest die drei Begriffe ebenfalls synonym gebraucht hat.

[3] Entwicklungsaufgaben sind Lernaufgaben, die ein Mensch im Laufe seines Lebens bewältigen muss. Das bedeutet konkret, dass jeder Mensch in einem bestimmten Alter (egal ob im Kleinkindalter oder als Erwachsener) mit einer bestimmten Aufgabe konfrontiert wird, die er zu bewältigen hat, wozu jeder Mensch bestimmte Fähigkeiten und Techniken entwickeln muss, um sie erfolgreich zu lösen (vgl. Mienert, 2008, 31). Das Konzept dieser Entwicklungsaufgaben geht auf Robert Havinghurst und Erik Erikson zurück, wobei Erikson eher von Entwicklungskrisen ausgeht; ist eine bestimmte Entwicklungsaufgabe nicht erfolgreich bewältigt worden, kann sich das auf die Persönlichkeit des Menschen niederschlagen und die Bewältigung der nächsten Aufgabe verhindern (vgl. ebd., 35f.).

[4] Erik Erikson hat 1956 ein theoretisches Modell entwickelt, in dem er das Leben in acht Zyklen einteilt. Jeder dieser acht Zyklen besteht aus einer Entwicklungsaufgabe, wobei es sich bei der Adoleszenz, die den fünften Zyklus darstellt, um die Identitätsentwicklung handelt. Hierbei kann „Identität im Sinne Eriksons [..] grob als ein Gefühl des Gleichseins und der Kontinuität mit sich selbst und anderen beschrieben werden.“ (Maas, 2003, 42) Wo Kinder dieses Gefühl noch stark zeigen, beginnen Adoleszente, sich gegen dieses Gefühl zu stellen. Sie wollen nicht mehr mit den Eltern eins sein, sondern suchen sich, bedingt durch die pubertären Umstellung, andere Personen, mit denen sie dieses Gefühl haben können. Vgl. hierzu auch 3.1.2.

[5] Die Hinwendung zum eigenen Geschlecht werde ich an dieser Stelle nicht anführen, da sie auch in der Literatur, die ich verwendet habe, nicht in den Blick genommen wird. Mir ist jedoch bewusst, dass auch dies eine Form der sexuellen Hinwendung darstellen kann.

[6] Zöllner (2010): Pickel, Zoff und starke Gefühle. Tiefenpsychologische Aspekte der Aufgabe, erwachsen zu werden, online unter: http://www.rpi-loccum.de/zozoff.html , Zugriff am 13.06.2010.

[7] Es ist an dieser Stelle unmöglich, die Lebenswelten aller Jugendlichen zu beschreiben. Ich werde meinen Blick daher auf allgemeine Aspekte, die in unserer Gesellschaft als „normal“ gelten, richten. Wichtig ist mir, dass im Folgenden deutlich wird, dass sich der Lebensraum der meisten Jugendlichen verändert hat, was natürlich auch zu einer Veränderung in der Adoleszenz führt.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Das Konzept der Bewährung auf dem Prüfstand
Untertitel
Zur Theorie und Praxis der „Bewährung“ unter besonderer Berücksichtigung der Adoleszenz
Hochschule
Universität Kassel
Note
0,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
23
Katalognummer
V183425
ISBN (eBook)
9783656076452
ISBN (Buch)
9783656076308
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
konzept, bewährung, prüfstand, theorie, praxis, berücksichtigung, adoleszenz
Arbeit zitieren
Tanja Hühne (Autor), 2010, Das Konzept der Bewährung auf dem Prüfstand, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183425

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