Martin Kippenberger (1953-1997) ist einer der wichtigsten und zugleich umstrittensten Künstler der deutschen Nachkriegskunst. Als singulär kann man seine Vita beschreiben, die im Ruhrgebiet 1953 begann und tragisch mit seinem Tod 1997 in einem Krankenhaus in Wien endete. In einer Schaffensperiode von nur zwanzig Jahren entwickelte Kippenberger ein gigantisches und hochreferentielles Werk für eine jedes Maß übersteigende Zahl von Ausstellungen. Weitestgehend abgelehnt von deutschen Kunstinstitutionen ehrten ihn die Teilnahme an der Documenta X, 1997 in Kassel und die Repräsentation Deutschlands 2003 auf der Biennale in Venedig zusammen mit Candida Höfer erst posthum. Mit diesem Jahr setzte eine Rezeption ein, die sich weitestgehend unbeeindruckt von Kippenbergers Umstrittenheit seinem Werk nähert und ihn heute als exemplarischen Wegbereiter identifiziert hat.
Aber warum Kippenberger heute? Was scheint heute so faszinierend an ihm, was vor rund 15 Jahren noch umstritten war? Kippenberger erscheint heute vielen als Modell, als utopische und exemplarisch realisierte Selbstbehauptung eines Künstlers, indem er weitestgehend als Autodidakt und durch die Kommunikation und Interaktion mit einer breiten Öffentlichkeit sein Werk und ein öffentliches Bild von sich entwickelte. Kippenberger hat wie kein anderer das Spiel mit der Ökonomie der Aufmerksamkeit beherrscht. Durch die Verschränkung mit einer großen Öffentlichkeit entstand ein Mythos, ein Gewebe aus Anekdoten, Erinnerungen, Meinungen und Parteien. Über Kippenberger zu schreiben, bedeutet folglich, sich auf Polaritäten und Verstrickungen einzulassen, mit ihnen umzugehen und bestenfalls die Art und Weise der Verstrickung der unterschiedlichen Ebenen zu beschreiben. Wie die Untersuchung dabei zeigen möchte, hat man es mit einem materiellen Werk und mit einer performativen und fiktionalen Figur „Kippenberger“ zu tun. Der Titel der Untersuchung bezieht sich nicht auf die Analyse von Kippenbergers Künstlerkarriere unter dem Fokus ökonomischer Faktoren, denn diese darf man primär als posthum bezeichnen. Das substantielle Geld wird heute auf dem Kunstmarkt vor allem mit Kippenbergers Malerei verdient. Das „Unternehmen Kippenberger“ bezeichnet Kippenbergers programmatischen Ansatz, sich durch den mit der Öffentlichkeit verschränkten Komplex des „Kippenbergers“ in Verbindung mit seinem Werk in die Kunstgeschichte einzuschreiben zu wollen und als Künstler damit Anerkennung zu finden.
Inhaltsverzeichnis
I Einleitung
I.1 Literatur und Forschungsstand
I.2 Kippenbergers besondere Problematik und ein theoretischer Versuch
I.3 Kippenberger im Kontext – der Kunstbetrieb der achtziger Jahre und die Kunstmetropole Köln
Die Metropole Köln
II Kippenberger als... : Öffentlichkeitsstrategien
II.1 Kippenberger: Der Impresario, der Organisator, der Auteur
Kippenberger in Florenz
Berlin: Kippenbergers Büro und das SO 36
Kippenberger als „Homme de Lettre“ in Paris
„Kippenberger raus aus Berlin“
II.2 Der Verleger Kippenberger
II.3 Der Kurator Kippenberger
II.4 Die Sammler Kippenberger
II.5 Das soziale Gefüge um Kippenberger
Max Hetzler – Gisela Capitain – Die Grässlins
Österreich
Die Kunstkritik
III Produktionsstrategien
III.1 Die wiederkehrenden Motive, der "Running Gag“
Fred the Frog und Dialog mit der Jugend
„Peter“-Ikonographie in Malerei und Zeichnungen
Die Laterne als Alter Ego
Bedeutungsträger: Der Kanarienvogel, der Weihnachtsmann und das Ei
Der Kanarienvogel und Weihnachtsmann
Das Ei
III.2 Papier als Stil: Zeichnungen auf Hotelbriefpapier
III.3 Inflationäre Produktion
Zahlen
Editionen
„Peter. Die Russische Stellung“ Galerie Max Hetzler, Köln 1987
III.4 Die Organisation von Autorschaft und Assistenz
III.5 Kippenberger in der Tradition der Kunstgeschichte
Pablo Picasso
Andy Warhol
Joseph Beuys
IV Die Rezeption
IV.1 Die Rezeption Kippenbergers: Die Jahre 1994, 1997 und 2006
1994
1997
2006
IV.2 Die Mythologisierung von Köln der achtziger und neunziger Jahre
IV.3 Kippenberger exemplarisch
V Ein Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, Martin Kippenbergers Werk nicht isoliert zu betrachten, sondern die komplexe Verschränkung zwischen seiner materiellen Produktion und seiner performativen Künstlerpersona "Kippenberger" als zentrales strategisches Element zu analysieren. Dabei wird die Forschungsfrage untersucht, wie Kippenberger das System der Kunst – Produktion, Rezeption, Erwerb und Kontextualisierung – sowohl nutzte als auch unterwanderte, um sich als Künstler zu etablieren und in die Kunstgeschichte einzuschreiben.
- Kippenbergers "Unternehmens"-Ansatz als performative Strategie
- Die Rolle der Öffentlichkeitsstrategien und der Aufbau einer "Künstlermarke"
- Produktionsstrategien, insbesondere der Einsatz von Wiederholung und Inflation
- Die Bedeutung von sozialen Netzwerken und Galeristen für das künstlerische Gesamtsystem
- Die kritische Rezeption und Mythenbildung um Köln als Kunstmetropole der achtziger Jahre
Auszug aus dem Buch
I EINLEITUNG
Martin Kippenberger (1953-1997) ist einer der wichtigsten und zugleich umstrittensten Künstler der deutschen Nachkriegskunst. Als singulär kann man seine Vita beschreiben, die im Ruhrgebiet 1953 begann und tragisch mit seinem Tod 1997 in einem Krankenhaus in Wien endete. In einer Schaffensperiode von nur zwanzig Jahren entwickelte Kippenberger ein gigantisches und hochreferentielles Werk für eine jedes Maß übersteigende Zahl von Ausstellungen. Weitestgehend abgelehnt von deutschen Kunstinstitutionen ehrten ihn die Teilnahme an der Documenta X, 1997 in Kassel und die Repräsentation Deutschlands 2003 auf der Biennale in Venedig zusammen mit Candida Höfer erst posthum. Mit diesem Jahr setzte eine Rezeption ein, die sich weitestgehend unbeeindruckt von Kippenbergers Umstrittenheit seinem Werk nähert und ihn heute als exemplarischen Wegbereiter identifiziert hat. Retrospektiven seines Werks fanden 2006 im K21 in Düsseldorf und in der Tate Modern in London statt und für 2008 sind weitere Schauen im Los Angeles Museum of Contemporary Art und im Museum of Modern Art angesetzt.
Aber warum Kippenberger heute? Was scheint heute so faszinierend an ihm, was vor rund 15 Jahren noch vollkommen umstritten war? Kippenberger erscheint heute vielen als Modell, als utopische und gleichermaßen exemplarisch realisierte Selbstbehauptung eines Künstlers, indem er weitestgehend als Autodidakt und durch die ständige Kommunikation und Interaktion mit einer breiten Öffentlichkeit sein Werk und ein öffentliches Bild von sich entwickelte. Kippenberger hat wie kein anderer das Spiel mit der Ökonomie der Aufmerksamkeit beherrscht. Durch die Verschränkung mit einer großen Öffentlichkeit entstand ein Mythos, ein Gewebe aus Anekdoten, Erinnerungen, Meinungen und Parteien. Über Kippenberger zu schreiben, bedeutet folglich, sich auf Polaritäten und Verstrickungen einzulassen, mit ihnen umzugehen und bestenfalls die Art und Weise der Verstrickung der unterschiedlichen Ebenen zu beschreiben.
Zusammenfassung der Kapitel
I Einleitung: Diese Einleitung führt in die Bedeutung Kippenbergers als singuläre Figur der deutschen Nachkriegskunst ein und erläutert den analytischen Ansatz der Untersuchung, der das Werk mit der fiktionalen Künstlerpersona verknüpft.
II Kippenberger als... : Öffentlichkeitsstrategien: Dieses Kapitel analysiert Kippenbergers Rollen als Impresario, Verleger und Kurator als bewusste Strategien zur Etablierung seiner Künstlerpersona in der Öffentlichkeit.
III Produktionsstrategien: Hier werden die inhaltliche Dynamik und das Referenzsystem des Künstlers untersucht, von wiederkehrenden Motiven wie Frosch und Laterne bis hin zur inflationären Produktion als methodischem Prinzip.
IV Die Rezeption: Dieser Abschnitt beleuchtet die vielstimmige und oft kontroverse Rezeptionsgeschichte sowie die Mythologisierung von Köln als Kunstmetropole der achtziger Jahre.
V Ein Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Kippenbergers Werk als exemplarische Öffnung der Kunst zu hybriden, diskursiven Modellen zu verstehen ist, die den Weg für zeitgenössische Konzepte der Autorschaft geebnet haben.
Schlüsselwörter
Martin Kippenberger, Künstlerpersona, Postmoderne, Kunstbetrieb, Öffentlichkeitsstrategien, Produktionsstrategien, Gesamtkunsturheber, Köln, Rezeption, Performativität, Appropriation, Autorschaft, Inflationäre Produktion, Künstlerbuch, Mythos
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das "Unternehmen Kippenberger" als eine komplexe Verschränkung von bildkünstlerischem Werk und der performativen Künstlerpersona "Kippenberger". Es wird beleuchtet, wie der Künstler seine Karriere strategisch im Kunstbetrieb verortete.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Rolle der Öffentlichkeit, die Bedeutung des Netzwerks (Galeristen, Sammler, Autoren), die verschiedenen produktionsstrategischen Ansätze wie die "inflationäre Produktion" und das Verhältnis zur Tradition der Kunstgeschichte.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass Kippenbergers Werk und seine Künstlerpersona als eine untrennbare Einheit zu begreifen sind, wobei die Persona selbst als konzeptuelles "Vehikel" und zentraler Gegenstand seiner Öffentlichkeitsarbeit dient.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine kunstwissenschaftliche Analyse, die biographische Aspekte, eine systematische Auswertung von Quellenmaterial (Interviews, Kataloge, Sekundärliteratur) und eine kritische Auseinandersetzung mit der Rezeptionsgeschichte kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Öffentlichkeitsstrategien des Künstlers (Rollen als Kurator, Verleger), die Produktionsstrategien (wiederkehrende Motive, inflationäre Arbeitsweise) sowie die Einordnung Kippenbergers in die Tradition von Vorbildern wie Picasso, Beuys und Warhol.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Schlüsselwörtern gehören: Künstlerpersona, Öffentlichkeitsstrategien, Produktionsstrategien, Kunstbetrieb, "Gesamtkunsturheber" und "inflationäre Produktion".
Welche Rolle spielt der Standort Köln für Kippenbergers Erfolg?
Köln fungierte als "prosperierender Kontext" und eng vernetztes soziales Gefüge, das Kippenberger als Basis für sein Netzwerk und zur ständigen öffentlichen Kommunikation über seine Arbeit nutzte, bevor sich die Rezeption nach seinem Tod stärker globalisierte.
Warum ist die "Künstlerpersona" für die Analyse so wichtig?
Weil sie bei Kippenberger nicht nur ein Nebenprodukt seiner Arbeit ist, sondern ein bewusstes, "performativ zu vollziehendes" Hilfsmittel darstellt, mit dem er historische Künstlertopoi und institutionelle Anforderungen im eigenen Werk dynamisierte und unterwanderte.
- Citar trabajo
- Philipp Selzer (Autor), 2008, Das Unternehmen Kippenberger, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183499