Einfluss von globalen Informationsplattformen auf journalistische Prozesse

Am Beispiel von WikiLeaks


Bachelorarbeit, 2011
68 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Relevanz der Arbeit
1.2 Vorgehensweise
1.3 Zur Quellenlage

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Virtuelle Grundlagen
2.1.1 Das Social Web und Journalismus 2.0
2.1.2 Die Crowd und das Crowdsourcing
2.1.3 Whistleblower und das Whistleblowing
2.1.4 Was ist WikiLeaks?
2.1.5 WikiLeaks-ähnliche Online-Informationsplattformen
2.2 Journalistische Grundlagen
2.2.1 Der investigative Journalismus
2.2.2 Das Gatekeeping und Nachrichtenfaktoren
2.2.3 Das Agenda-Setting und der Media-Setting-Effekt
2.3 Gesellschaftspolitische und rechtliche Einordnung von WikiLeaks
2.3.1 Der Espionage Act, das First Amendment und die Bill of Rights
2.3.2 WikiLeaks und die deutsche und amerikanische Politik
2.4 Forschungsleitende Fragen

3 Empirische Forschung
3.1 Forschungsmethodik
3.2 Ergebnisse der empirischen Forschung

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

6 Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Wechselseitiger Agenda-Setting-Prozess (Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Rogers/Dearing, 1988, zit. nach Maurer, 2010, S. 68)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Übersicht über weitere Online-Informationsplattformen

1 Einleitung

Die Motivation, diese Arbeit zu schreiben, liegt in der Natur der Sache. Denn die Online- Informationsplattform WikiLeaks ist nicht nur eine spannende Neuzeiterscheinung, sondern kommt mit einer zunächst nobel erscheinenden Weltanschauung daher: Damit die Welt ein gerechterer Ort wird, darf es auf keiner staatlichen Ebene Geheimnisse geben und es muss totale Transparenz herrschen. Jeder Bürger hat diesem Gedanken zufolge das Recht, zu erfahren, was, warum, seit wann und wo im Verborgenen und hinter den verschlossenen Türen einer Regierung passiert. Ein weiteres Anliegen von WikiLeaks war und ist die totale Informationsfreiheit für den Journalismus. Diese Zielsetzung hat in den vergangenen Jahren gleich vier Watergate-ähnliche Situationen möglich gemacht: Die Veröffentlichungen der Irak- und Afghanistan-Kriegstagebücher, des Collateral Murder- Videos sowie zuletzt der U.S.-amerikanischen Diplomatendepeschen. Sowohl die Exportierbarkeit seiner Idee als auch die Frage, welche Bedeutung WikiLeaks für den Journalismus hat, machen die Plattform zu einem spannenden Gegenstand für Forschung und Gesellschaft.

1.1 Relevanz der Arbeit

Die Interneterscheinung WikiLeaks wurde bislang wenig erforscht, obwohl WikiLeaks.org bereits seit Ende 2006 besteht. Gleichwohl wurde on- und offline reichlich über die Plattform diskutiert, spekuliert und geschrieben. Es kursiert eine unerschöpfliche Menge von Meinungen über WikiLeaks. Des Weiteren gibt es bislang keine wissenschaftliche Fachliteratur darüber, welche Rolle WikiLeaks beim täglichen Agenda-Setting-Prozess - d. h. das tägliche Setzen von Themenschwerpunkten - des Journalismus‘ spielt oder wie die Informationsplattform den deutschen Investigativjournalismus beeinflusst. Mit großer Sicherheit kann gesagt werden, dass die Idee und die Wirkungsweise von WikiLeaks zukünftige Medienforscher und Medienwissenschaftler beschäftigen wird und viel Forschungspotential bietet. Die Relevanz dieser Arbeit zeichnet sich auch dadurch aus, dass die Medien regelmäßig sowohl über WikiLeaks selbst als auch über seinen australischen Gründer Julian Assange berichten, was nicht nur von einer hohen Aktualität und Relevanz, sondern vor allem von der Brisanz dieses Themas zeugt. Zudem ist die Quellenlage (siehe Kap. 1.3) zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Arbeit im Vergleich zu anderen Interneterscheinungen dürftig. Ein weiterer Relevanznachweis findet sich in der Tatsache der unproblematischen Exportierbarkeit von WikiLeaks‘ Idee: Beinahe täglich entstehen Nachahmerplattformen. Die Zahl solcher Informationsplattformen ist unübersichtlich.

Die Erkenntnisse aus der Empirie dieser Arbeit werden veranschaulichen, welchen Einfluss WikiLeaks tatsächlich auf journalistische Prozesse in deutschen und U.S.amerikanischen Medien hat.

1.2 Vorgehensweise

Diese Arbeit ist in vier Teile aufgeteilt: Die Einleitung, der theoretische Teil, der empirische Teil und das Fazit. Der theoretische Teil ist aufgegliedert in Virtuelle Grundlagen und Journalistische Grundlagen. Das Unterkapitel Virtuelle Grundlagen beschäftigt sich in seinen Teilkapiteln zunächst mit dem virtuellen Kontext von WikiLeaks sowie mit virtuellen Phänomenen, die eng im Zusammenhang mit WikiLeaks stehen. Es werden Begriffe und Phänomene erklärt, die stets mit WikiLeaks einhergehen. Es wird beschrieben, was WikiLeaks überhaupt darstellt, was es ausmacht, und es werden verschiedene Meinungen, Sichtweisen und Prognosen aufgezeigt. Zudem wird ein tabellarischer Überblick über WikiLeaks-ähnliche Informationsplattformen gegeben. Das Unterkapitel Journalismus-Grundlagen befasst sich in seinen Teilkapiteln mit der Bestandsaufnahme des investigativen Journalismus‘ und wesentlichen Journalismustheorien, die potentiell von WikiLeaks beeinflusst werden können. Im Anschluss wird WikiLeaks gesellschaftspolitisch und rechtlich eingeordnet, in dem zum Einen auf den Ist-Zustand eingegangen und die Plattform aus einem politischen Blickwinkel beleuchtet und zum Anderen die Bedeutung des US-amerikanischen Espionage Act sowie des First Amendement des amerikanischen Bill of Rights für WikiLeaks, Julian Assange und den Journalismus aufgezeigt wird. Für den dritten, empirischen Teil dieser Arbeit wurden sieben Experten interviewt. Hier liegt der Fokus darauf, ob WikiLeaks tatsächlich Einfluss auf das tägliche Agenda-Setting von deutschen Journalisten und Redaktionen nimmt. Zudem finden sich hier sowohl Antworten auf allgemeine als auch auf spezifische Fragen in Bezug auf WikiLeaks, Whistleblowing und investigativen Journalismus. Zum Schluss wird WikiLeaks aus dem rechtlichen Blickwinkel eines deutschen Anwalts beleuchtet, soweit dies möglich und im Rahmen dieser Arbeit sinnvoll war.

Vereinzelt werden im Laufe dieser Arbeit englische Begriffe wie Whistleblowing bzw. Whistleblower oder Leaking bzw. Leak als Substantive oder in Verbform erwähnt, weil es im Deutschen kaum treffendere und den Umstand besser charakterisierende Begriffe für den Vorgang des Geheimnisverratens oder den Vorgang des Whistleblowing gibt. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Die verwendeten Formulierungen richten sich jedoch ausdrücklich an beide Geschlechter.

1.3 Zur Quellenlage

Es existieren mehr Onlinequellen als gedruckte Literatur über WikiLeaks. Dementsprechend übersichtlich war die Quellenlage. Die meisten Quellen fanden sich online in Form von Essays, Kommentaren, Blog-Einträgen oder Magazin-Berichten, welche zum Teil als Grundlage für das Verfassen dieser Arbeit verwendet wurden. Bis jetzt gibt es keine wissenschaftlichen Abhandlungen über WikiLeaks. Trotz mehrmaliger Nachfrage war es nicht möglich, eine ausführliche Stellungnahme zu WikiLeaks von Mitarbeitern der amerikanischen Regierungsinstitutionen C.I.A. (US - amerikanischer Auslandsnachrichtendienst, JB) und des United States Department of Defense (US- amerikanisches Verteidigungsministerium, JB) zu erhalten. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass jeder Mitarbeiter auf präsidiale Anordnung von Präsident Barack Obama dazu verpflichtet ist, zu keiner Zeit weder über WikiLeaks zu recherchieren, noch eine Meinung darüber zu kommunizieren bzw. mit Dritten über WikiLeaks zu sprechen. Eine Verletzung dieser Anordnung würde schwerwiegende Strafen nach sich ziehen. Um die prekäre Quellenlage noch einmal zu verdeutlichen, wird folgendes Beispiel aufgezeigt: Selbst Studierenden der amerikanischen Columbia University wurde jüngst nahe gelegt, weder WikiLeaks-Material herunterzuladen, noch die Informations-Plattform in einem Sozialen Netzwerk zu erwähnen oder gutzuheißen oder ihre Einschätzungen mit den Medien zu teilen. Ihre Jobaussichten in einer Regierungs- oder regierungsnahen Institution sehen andernfalls schlecht aus (MacAskill, 2010, p. 1).

Zudem sei angemerkt, dass es in der Entstehungsphase dieser Arbeit zwei wichtigen Quellen (Alan Dershowitz, amerikanischer Anwalt und Harvard-Professor und Daniel Domscheit-Berg, IT-Experte, ehemaliger WikiLeaks-Pressesprecher und OpenLeaksGründer) aus persönlichen Gründen nicht mehr möglich war, wie versprochen einen wertvollen Beitrag zur Entstehung dieser Arbeit zu leisten.

Sämtliche Transskripte, die Transskripte der wissenschaftlichen Interviews, die indirekten Stellungnahmen von Mitarbeitern des U.S. Department of Defense und des C.I.A. in schriftlicher Form, ein Fotobeweis, die Audio-Interviews, zwei Umfrageergebnisse sowie die empirischen Fragebögen in englischer und deutscher Sprache finden sich im elektronischen Anhang auf CD.

2 Theoretische Grundlagen

Um WikiLeaks zu begreifen und um verstehen zu können, wie und ob diese globale Informationsplattform auf nationale oder internationale journalistische Prozesse einwirkt, soll in dieser Arbeit seine Wirkungsweise auf den Journalismus, die Gesellschaft und die Politik sowie den virtuellen Kontext, in dem sich WikiLeaks bewegt, untersucht werden. Ebenfalls soll auf die Folgen der verschiedenen Veröffentlichungen von Geheimdokumenten der letzten Jahre eingegangen werden. Dem virtuellen Umfeld (u. a. das Social Web) wird dabei eine ebenso große Wichtigkeit zugemessen, wie virtuellen Phänomenen (z. B. Whistleblowing und Crowdsourcing) und Journalismustheorien (z. B. der Agenda-Setting-Effekt und der Gatekeeping -Ansatz). Zudem werden in dieser Arbeit der investigative Journalismus und dessen Ist-Zustand beleuchtet.

Der theoretische Teil dieser Arbeit ist in zwei Kapitel aufgeteilt: Virtuelle Grundlagen und Journalismus-Grundlagen. Während im Unterkapitel Virtuelle Grundlagen verschiedene Internetphänomene beschrieben und erläutert werden und WikiLeaks definiert wird, werden im Unterkapitel Journalismus-Grundlagen zunächst der Investigativjournalismus und theoretische Journalismuskonstrukte beleuchtet. Dann finden eine gesellschaftspolitische und rechtliche Einordnung von WikiLeaks statt. Es folgt die Thematisierung des Espionage Act der USA und wie und ob dieser für WikiLeaks eine Gefahr bedeutet.

2.1 Virtuelle Grundlagen

Wir leben in einer Zeit, in der sich das Internet so schnell wie nie zuvor weiterentwickelt. Internetnutzer bewegen sich heute wie selbstverständlich durch das so genannte Social Web, einem Internet, das von seinen Nutzern aktiv mitgestaltet und weiterentwickelt wird und sekündlich wächst. Längst wird es nicht mehr nur dazu genutzt, um Informationen abzurufen oder diese auszutauschen, wofür es ursprünglich einmal gedacht war. Gesprächsforen, Chats, Blogs und Social Communities sind die dominierenden OnlineArenen und bieten Möglichkeiten zur sozialen Interaktion.

Das Social Web hat vieles möglich gemacht - auch WikiLeaks. Dadurch gewannen virtuelle Prozesse wie Whisteblowing, Crowdsourcing und Journalismus 2.0 (die im Verlauf dieser Arbeit erläutert werden), welche ihrerseits erst durch WikiLeaks und die entsprechende mediale Berichterstattung prominent geworden sind, zunehmend an Bedeutung. Darauf wird in den folgenden Kapiteln eingegangen.

2.1.1 Das Social Web und Journalismus 2.0

Das Internet hat sich nach der Jahrtausendwende in ein „soziales Netz“ (Simons, 2011, S. 140) verwandelt. Seither ist es möglich, dass Menschen ihre sozialen Bedürfnisse auch in einem virtuellen Kontext bedienen können - besser als vorher. Dieses Phänomen des individualisierbaren Mitmach-Web wird als Social Web bezeichnet. Anders als noch beim Web 1.0, welches seine Nutzer voneinander isolierte und ihnen keinerlei Raum und Möglichkeit bot, ihre Meinungen und Emotionen auszutauschen und das zudem nur als reines Informationsmedium galt, brachte das Social Web (auch bekannt als Web 2.0) eine kommunikative und soziale Revolution mit sich: Es existieren Feedback- und Interaktionsmöglichkeiten und Plattformen, auf denen mediale Inhalte diskutiert bzw. selbst produziert werden können (Simons, 2011, S. 140). Laut Alby (2008) steht dieser Begriff für „alles, was sich im Netz und um das Netz herum weiter entwickelt [sic!] hat, seien es die wirtschaftlichen Aspekte des Web, seien es soziale Phänomene wie Partizipation“ (S. 18).

Nach Alby (2008) ist die kollektive Intelligenz des Social Web in der Lage, erstaunliche Dinge zu erschaffen. Es werden komplexe Aufgaben gelöst, zu denen ein einzelner Nutzer nicht imstande wäre (S. 182). Wikipedia ist ein Vorzeigeprojekt des Social Web und ein gutes Beispiel dafür, was Social Software - ihrerseits Bestandteil des Social Web - leisten kann; so gehört Wikipedia zu den beliebtesten Seiten im Internet (S. 92). Zudem ist die so genannte Schwarmintelligenz (siehe Kap. 2.1.2) im Hinblick darauf, was sie in Bezug auf das Lösen gesellschaftsrelevanter Probleme zu leisten imstande wäre, ein interessantes Forschungsfeld (S. 182).

Nach Simons (2011) gibt es mittlerweile eine unüberschaubare Zahl an Angeboten, in die Internetnutzer freiwillig und ohne finanzielle Entlohnung Zeit, Selbstdisziplin und Wissen investieren (S. 137). Gleichzeitig wird durch das Social Web ein grundlegendes menschliches Bedürfnis befriedigt - das des Wahrgenommenwerdens (S. 138). Alby (2008) schildert, Internetnutzer können sich selbst darstellen, direkt miteinander kommunizieren und einander Internetinhalte empfehlen. Zudem können sich Dank des Social Web Netzwerke bilden, die bislang unmöglich gewesen sind. Denn vorher gab es für Menschen mit gemeinsamen Interessen (gleich welcher geographischer oder soziokultureller Herkunft) keine ähnliche Möglichkeit, sich zu finden, einen Kontakt herzustellen, diesen zu halten und sich miteinander auszutauschen (S. 118).

Das Web 2.0 ermöglicht […] Interaktivität sowohl im Verhältnis zwischen Anbietern und Nutzern als auch zwischen Nutzern und Nutzern. Das Netz ist nicht länger ein Marktplatz mit klarer Trennung zwischen Anbietern und Kunden. Vielmehr gibt es jedem die Möglichkeit, nicht nur zu konsumieren, sondern eigene Inhalte zu erzeugen (Simons, 2011, S. 139).

Das Social Web selbst sowie der Kontext des Social Web haben WikiLeaks erst möglich gemacht und ihm eine gute, fruchtbare Basis geboten. Die Informationsplattform nutzt bewusst soziale Medien des Social Web wie beispielsweise Twitter und Facebook, um stets für ihre jüngst erworbenen Geheimdokumente zu werben. Julian Assange hält die Weltöffentlichkeit über seine Tätigkeiten und Gedanken unter Zuhilfenahme des Kurznachrichtendienstes Twitter auf dem Laufenden (Domscheit-Berg, 2011, S. 154 f.). Zudem nutzt WikiLeaks laut Stöcker (2011) wieder den Kurznachrichtendienst Twitter, um Internetnutzer zu der Auswertung der U.S.-Diplomatendepeschen aufzurufen.

Zu den eben erwähnten grundlegenden Bedürfnissen, die die Menschen seit Bestehen des Social Web nun auch virtuell erfüllen können bzw. erfüllt sehen, gehören nach Simons (2011) die Empfindung, einem höheren Wert zu dienen, etwas Bleibendes schaffen zu können, das befriedigende Gefühl, etwas in der Welt bewirken zu können und etwas Sinnvolles zu tun (S. 139). Rusbridger (2011) erkennt, dass jetzt nicht mehr nur Journalisten Texte, Fotos und Filme erzeugen und diese dann publizieren, sondern dass dies auch andere Menschen (d. h. Nutzer) gerne tun. „Seit der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg hatten sie dazu 500 Jahre lang keine Möglichkeit“ (http://www.freitag.de/positionen/1113-gutenberg-f-r-alle).

Der Journalismus 2.0 ist ein Bestandteil des Social Web. Er steht für die Weiterentwicklung des traditionellen Journalismus‘, der sich vor allem durch eine Einbahnstraßenkommunikation auszeichnete.

Auf der Einbahnstraße herrscht nun auch Gegenverkehr: Die Anschlusskommunikation des Publikums der Massenmedien kann öffentlich verbreitet und zurück an den Journalismus adressiert werden. Das Massenpublikum kann über das Internet auch gemeinsame Maßnahmen gegen Anbieter (Proteste, Boykotts, Petitionen etc.) koordinieren. Nicht nur im Wirtschaftssystem, sondern auch im Öffentlichkeitssystem lässt sich deshalb ein Zuwachs an „Consumer Power“ beobachten (Neuberger & Nuernbergk, 2009, S. 40).

Die Sozialen Medien stellen hierbei einen maßgeblichen Einflussfaktor dar. Sie sind eine essentielle Säule des Social Web. Simons (2011) schreibt ihnen die Eigenschaft zu, dem klassischen Journalismus eine Vielzahl an Möglichkeiten zugänglich gemacht zu haben: Das Interagieren mit den Nutzern, die damit einhergehende Steigerung der Qualität und Attraktivität der medialen Angebote sowie breitere Distributionsoptionen sind erwünschte und gewollte Einflussfaktoren (S. 157). Die Möglichkeit, dass die Nutzer direkten Einfluss auf die Produktion eines Medienbeitrags nehmen oder selbst ein Teil der Berichterstattung sein können, ist eine wesentliche Charaktereigenschaft des Journalismus‘ 2.0 (S. 157) - auch wenn die Reaktion der Nutzer bzw. Rezipienten auf diese neue Form des partizipativen Journalismus‘ bisher eher verhalten war, wie aktuelle Studien belegen (Neuberger & Nuernbergk, 2009, S. 298). Die Rezipienten können journalistische Produkte kommentieren und so dem Journalisten oder dem Medium eine Rückmeldung geben und - ganz im Sinne des Web 2.0 - das journalistische Produkt einander empfehlen. Es handelt sich hierbei um einen „Echtzeit-Journalismus“, der „Mediennutzung zum Gemeinschaftserlebnis [macht]“ (Simons, 2011, S. 156). Jedes Medienunternehmen sollte dieses just beschriebene Potential ihrer Rezipienten nutzen (Simons, 2011, S. 156).

Der Journalismus 2.0 nutzt die Sozialen Medien auch für das Crowdsourcing (Simons, 2011, S. 157), das im nachfolgenden Kapitel erläutert wird. Partizipieren können Journalisten und Internetnutzer auch dann, wenn sie Geheimdokumente nach pikanten Informationen durchsuchen - so geschehen kurz nach der Veröffentlichung der U.S.Diplomatendepeschen. Mit Hilfe des Crowdsourcing, das im nächsten Kapitel beschrieben wird, gelang es sowohl WikiLeaks als auch der Washington Post, einen Überblick über den Inhalt der Dokumente zu bekommen (Heidmeier, 2011).

2.1.2 Die Crowd und das Crowdsourcing

Das Wort Crowdsourcing bezeichnet „the practice whereby an organization enlists a number of freelancers, paid or unpaid, to work on a specific task or problem” (Oxford Dictionary, 2011). In der Literatur ist hierbei oft auch von Schwarmintelligenz und kollektiver Intelligenz die Rede (Rosenbach & Stark, 2011, S. 85). Crowdsourcing schöpft aus einer kollektiven Intelligenz (Simons, 2011, S. 157). Dabei werden Aufgaben an eine bestimmte Menge von Menschen teilausgelagert, die diese Aufgaben in ihrer Freizeit - und oft kostenlos - lösen (S. 115). Die Vorteile vom Schöpfen aus der Intelligenz der Masse liegen auf der Hand: Während die Kosten nur minimal sind, findet eine hohe Wertschöpfung statt, denn die Nutzer generieren freiwillig Inhalte, entwickeln diese weiter und sind bereit, ihre Kenntnisse und Erfahrungen, Kontakte und Manpower einzubringen (S. 137). Nachteilig ist nach Simons (2011) jedoch, dass die Mitarbeit in aller Regel auf dem Lust- und Granularitätsprinzip beruht. Das heißt, dass einzelne Nutzer meist nur wenig zu einem Gesamtergebnis beitragen wollen oder können (S. 118).

Auch WikiLeaks baut auf diese Art der Webintelligenz, „bei der eine nicht näher bestimmte Gruppe digital vernetzter Akteure die eigentliche Interpretation des geheimen Materials übernimmt“ (Lovink & Riemens, 2011, S. 88). Als die amerikanischen Diplomatendepeschen bei WikiLeaks veröffentlicht wurden, wurden Freiwillige über das Internet zu einer Operation namens Leakspin aufgerufen. Wer teilnehmen wollte, sollte sich, nach interessanten Fakten Ausschau haltend, durch das Material der Depeschen klicken, einzelne Informationen nachrecherchieren und parallel dazu seine Ergebnisse möglichst akribisch dokumentieren. Eine Inhaltszusammenfassung dessen, was der Nutzer erstellt hatte wurde ebenfalls verlangt. Die Ergebnisse dieser freiwilligen Crowd sollten dann auf Blogs und bei YouTube veröffentlicht werden (Moorstedt, 2011, S. 130). Wie jüngst bekannt wurde, setzt WikiLeaks auch jetzt wieder auf die Weisheit der Massen und lässt Freiwillige der Internetgemeinde über 50 000 der insgesamt 250 000 U.S.- Diplomatendepeschen auf seiner Website nach interessanten Informationen durchsuchen (Stöcker, 2011).

Aber die Einbeziehung der Schwarmintelligenz der Internetnutzer bringt Rosenbach und Stark (2011) zufolge nur selten zufriedenstellende Ergebnisse hervor. Denn längst nicht alles können die Freiwilligen, die Julian Assange bei seiner Arbeit unterstützen, selbst bearbeiten. Denn WikiLeaks verfügte nicht über die entsprechenden Ressourcen wie beispielsweise Fremdsprachler oder Militärexperten. Weil es sich bei den Leaks unter anderem um Themen aus vielen verschiedenen Bereichen wie Wirtschaft, Wissenschaft, Geheimdienste, Klimaschutz und Politik handelt, greift Assange nach eigenen Angaben auf ein Netzwerk aus Experten zurück, auf „people who do things“ (Rosenbach & Stark, 2011, S. 85).

2.1.3 Whistleblower und das Whistleblowing

Ein Whistleblower ist nach Langenscheidt (2007) „someone who tells people in authority or the public about dishonest or illegal practices at the places where they work“ (S. 1882). Der Ausdruck wird regelmäßig im Zusammenhang mit der Informationsplattform WikiLeaks erwähnt. Whistleblower geben vertrauliche, interne und geheime Informationen preis. Nach Domscheit-Berg (2011) melden sich vermutlich die meisten Quellen aus dem Grund, weil sie ihr Wissen nicht länger für sich behalten können oder wollen und um es mit anderen Menschen zu teilen (S. 172). „Unsere Quellen konnten zum Beispiel frustrierte Angestellte, verprellte Wettbewerber oder auch moralisch motivierte Menschen sein - das Spektrum war groß“ (Domscheit-Berg, 2011, S. 168).

Es gibt viele andere Gründe, weshalb Menschen sich dazu entschließen, geheime oder klassifizierte Informationen zu denunzieren. Dabei können neben moralischen Bedenken im Hinblick auf unethische Geschäftspraktiken eines Unternehmens auch soziale Ungerechtigkeit wie beispielsweise Diskriminierung eine Rolle spielen. Weitere Beweggründe für das Leaken (d.h. Durchsickernlassen) von internen und nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Dokumenten oder Informationen können auch Boykott- Überlegungen eines frustrierten Individuums gegenüber seiner Körperschaft sein mit dem Ziel, dieser bewusst zu schaden. Die individuelle Genugtuung spielt dann dabei eine Rolle. Doch es können auch philanthropische Motive in die Entscheidung des Geheimnisverräters einfließen, wenn das Individuum andere Individuen innerhalb einer Gesellschaft oder Körperschaft vor einem Missstand wie illegalen Handlungen, Korruption oder Menschenrechtsverletzungen warnen und die Aufmerksamkeit darauf richten will. Eine erwünschte Nebenwirkung dessen könnte sein, dass diese Skandalaufdeckung Anklang bei den Massenmedien findet und dann gar zu einem Gesellschaftsthema wird (Donato, 2009, S. 193 ff.).

Whistleblowing kann wie folgt anhand der Psychologie eines Arbeitnehmers beschrieben werden. Nach Treier (2009) gibt es in der Personalpsychologieforschung das Phänomen des psychologischen Vertrags. Hierbei handelt es sich um einen ungeschriebenen Kontrakt, der die subjektiv erlebte Bindung einer Person an ein Unternehmen oder eine Körperschaft abbildet. Wird dieser Vertrag von Unternehmensseite aus zum Beispiel durch Vertrauensmissbrauch gerochen, stellt dies auch einen Bruch des psychologischen Vertrags dar und führt zu einem massiven Vertrauensverlust des Individuums gegenüber seiner Körperschaft (S. 96). Unsicherheit, Wut und Frustration auf Mitarbeiterseite, eine fortschreitende Arbeitsunzufriedenheit, die Reduzierung des Engagements und eine erhöhte Fluktuationsneigung sind mögliche Folgen des Bruchs dieses impliziten Vertrags (S. 97). Aus dieser ablehnenden Haltung bzw. aus diesen Verhaltensveränderungen resultiert dann die sogenannte innere Kündigung des Arbeitnehmers - und somit das unwiderrufliche Ende der Arbeitsmotivation und der Arbeitszufriedenheit des Arbeitnehmers (S. 267).

Von diesem Gemütszustand aus ist dann der Schritt eines Individuums zum Whistleblowing bzw. zum Leaken von unethischen Unternehmensinterna nicht mehr weit. Zumal so nicht nur der eigenen Frustration Luft gemacht werden kann, sondern auch weil dem Whistleblower während des gesamten Prozesses des Einstellens seiner Dokumente bei WikiLeaks Anonymität garantiert wird (Schulzki-Haddouti, 2011b, S. 10). Dies bestätigt Domscheit-Berg (2011), denn diese garantierte Anonymität ist der große Vorteil von WikiLeaks. Denn während in vielen Ländern kein Journalist seiner Quelle mit Gewissheit versichern kann, dass dessen Name oder Leben vor ermittelnden Behörden oder anderen Interessensgruppen, die der Quelle Schaden zufügen wollen, sicher ist, kann WikiLeaks seine Quellen durch seine ausgefeilte technische und rechtliche Konstruktion Sicherheit garantieren. Der Whistleblower bleibt anonym und kann nicht entlarvt und verfolgt werden - sofern er sich nicht selbst verrät (S. 173 f.).

Die Frage nach der Qualität der Quelle ist bei WikiLeaks die allerwichtigste. Wie lässt sich sicherstellen, dass eine Quelle, die WikiLeaks nach ein paar Tagen bittet, die hochgeladenen Dokumente doch wieder zu löschen, nicht gerade deshalb bedroht wird und zu diesem Schritt gezwungen wurde? Niemand kann zudem wissen, ob es dieselbe Quelle ist, die um diesen Gefallen gebeten hat. WikiLeaks hat sich deshalb zu einem grundsätzlichen Schritt entschlossen: Veröffentlicht wird, was eingereicht wurde, und zwar unmittelbar danach bzw. so früh wie möglich. Denn sobald jemand den Entschluss zum Hochladen von Geheimdokumenten fasst, hat er sich gleichsam dazu entschieden, dass diese veröffentlicht werden sollen (Domscheit-Berg, 2011, S. 174 f.).

Ludwig (2007) sieht sieben Faktoren, die die individuelle Situation eines Whistleblowers bestimmen können. Dazu gehört zum Einen der Grad der Bereitschaft, interne Informationen an einen Journalisten weiter reichen zu wollen: Entweder der Informant will, er bezweifelt die Richtigkeit seines Vorhabens, lässt sich dann aber überzeugen oder er will gar nicht. Zum Anderen spielt das Know-How eine Rolle - wie sollte der Whistleblower seinen Plan am besten in die Tat umsetzen? Auch der Grad der eigenen Überwindung spielt eine Rolle. Nicht selten entscheidet sich der Geheimnisverräter im letzten Moment um und bleibt lieber anonym. Auch die Qualität des Motivs des Informanten spielt mit in die Situation des Whistleblowers rein: Handelt jemand aus egoistischen oder philanthropischen Motiven? Dann gilt zu beachten, welchen Handlungsspielraum der Informant besitzt und welche Position dieser in einem Unternehmen oder einer Körperschaft innehat. Zudem spielt die Dringlichkeit des Materials eine Rolle. Schließlich beeinflusst die individuelle Risikodimension die Entscheidung des Informanten (S. 305 f.). Ein recherchierender Investigativjournalist sollte nach Ludwig (2007) auf diese Situation des Informanten Rücksicht nehmen und dessen Lebens-, Arbeits- und Interessenssphäre verstehen lernen. So kann ein Journalist die Ziele und Schutzbedürfnisse eines jeden Whistleblowers begreifen (S. 305 f.).

Derzeit gibt es in Deutschland keinen rechtlichen Schutz für Whistleblower. Das Risiko, als Arbeitnehmer und Kollege sein Gesicht zu verlieren und als Verräter dazustehen, ist groß. Deutschen Beamten ist es gesetzlich verboten, sich mit internen Dokumenten an die Presse zu wenden. Der beste Weg, als Journalist mit einem Informanten umzugehen, ist, den Skandal, den dieser ins Rollen gebracht hat, hieb- und stichfest zu recherchieren, sodass der Informant nicht länger eine Rolle spielt und anonym bleiben kann (Schulzki- Haddouti, 2009, S. 24; Schulzki-Haddouti, 2011c, S. 25; Schulzki-Haddouti, 2011a, S. 10).

2.1.4 Was ist WikiLeaks?

Einer Selbstdefinition von WikiLeaks zufolge könnte die Informationsplattform „der mächtigste ‚Nachrichtendienst‘ der Welt“ werden - ein „Nachrichtendienst des Volkes“ (WikiLeaks, n. d.). Weiter heißt es: „Wikileaks ist ein unzensierbares Wiki für die massenhafte und nicht auf den Absender zurückzuführende Veröffentlichung und Analyse von geheimen Dokumenten […]“ (WikiLeaks, n. d.).

Der Begriff WikiLeaks setzt sich zusammen aus den englischen Worten Wiki und Leaks. Laut Kantel (2009, S. 145) stammt das Wort Wiki aus dem Hawaiianischen (wikiwiki) und bedeutet schnell . Ein Wiki bezeichnet eine spezielle Struktur, nach dem eine Webseite gestaltet ist. Demnach können die einzelnen Seiten eines Wikis miteinander intern verlinkt werden. Das prominenteste Wiki ist sicherlich Wikipedia (Kantel, 2009). Die technische Voraussetzung dazu stellt die Website selbst bereit. Wikipedia distanziert sich wegen WikiLeaks‘ Entwicklungen und der Idee, die WikiLeaks verkörpert, deutlich von seinem Namensverwandten (Handelsblatt, 2010).

Das Wort Leaks ist Englisch und beschreibt nach Langenscheidt (2007) „a situation in which secret information is deliberately given to a newspaper, television company etc“ (S. 915). Es bezeichnet den Vorgang des Aufdeckens geheimer, interner und nicht für die Öffentlichkeit bestimmter Regierungs-, Unternehmens- oder religiöser Dokumente „ohne Autorisierung oder amtliche[r] Genehmigung […], trotz Bemühungen um Geheimhaltung“ (WikiLeaks, n. d.). Domscheit-Berg (2011) ist gegensätzlicher Meinung. Gegen Ende seiner Karriere bei WikiLeaks sah er die Plattform nur noch als „Gemischtwarenladen oder sogar noch schlimmer: [als] ein[en] riesige[n] Supermarkt für Geheimpapiere […]“ (S. 272). Die Motivationsgründe für das Leaken wurden im Kapitel 2.1.3 erläutert.

Streng genommen ist WikiLeaks per definitionem also kein echtes Wiki, da nach Simons (2011) jedes Wiki eine Sammlung von Webseiten ist, die jeder im Webbrowser lesen, bearbeiten und verlinken kann (S. 62). Bei WikiLeaks jedoch können die Inhalte und Dokumente der Plattform tatsächlich nur gelesen und heruntergeladen, aber nicht bearbeitet werden.

WikiLeaks ist eine Website, die anonym eingereichte und nicht für die Öffentlichkeit bestimmte, geheime und sensible Dokumente im Internet veröffentlicht. Die Plattform macht es jedem Individuum, das über einen Internetanschluss verfügt oder in der Lage ist, das Internet zu nutzen, möglich, durch Zensur oder Geheimhaltung unzugängliche oder geheime Dokumente einzusehen (WikiLeaks, n. d.). Gleichzeitig strebt die Informationsplattform danach, ihre Quellen während des gesamten Prozesses des Hochladens der oben genannten Dokumente vollständig anonym zu halten und eine Nicht- Nachvollziehbarkeit der Quellenherkunft zu gewährleisten - beides beginnend ab eben diesem Zeitpunkt (WikiLeaks, n. d.). Whistleblower müssen während des Hochladens kurz begründen, weshalb es das von ihnen eingereichte Material wert ist, veröffentlicht zu werden. Das sieht das Sicherheitskonzept der Plattform vor (Domscheit-Berg, 2011, S. 168).

Die technischen Voraussetzungen für die nötigen kryptografischen Technologien zum Verschlüsseln der Quellenherkunft bringen sowohl ihr Gründer, der australische ExHacker Julian Assange, als auch viele der in der Vergangenheit hinzugekommenen freiwilligen Helfer mit (Lovink & Riemens, 2011).

Registriert wurde WikiLeaks am 4. Oktober 2006 (Domscheit-Berg, 2011, S. 299). Julian Assange hatte einen Cyberaktivisten namens John Young, der seinerseits eine ähnliche Plattform betreibt, gebeten, sein Vorhaben, eine Website, auf der vertrauliche Informationen aus Politik und Wirtschaft veröffentlicht werden können, online zu registrieren. Young registrierte die Adressen wikileaks.org, wikileaks.cn und wikileaks.info (Smiljanic, 2011). Young war es auch, der WikiLeaks Ende des Jahres 2010 für gescheitert erklärte (Ihlenfeld, 2010).

Mit der Veröffentlichung des manipulierten Collateral Murder -Videos haben die Plattform und seine Betreiber ihre einstige, selbstauferlegte Neutralität stark verletzt. Diese Tatsache spricht auch gegen die legitime Einordnung als journalistisches Medium. Allein der wertende Name des Materials bzw. des Videodokuments sowie die Tatsache, dass WikiLeaks ein eigenes Video aus dem Rohmaterial geschnitten und mit Untertiteln zum Wortlaut der beteiligten Soldaten versehen hatte, sind Anzeichen dafür, dass WikiLeaks seine streng verfolgte Linie der bedingungslosen Objektivität aufgegeben hatte. Dafür wurde die Plattform stark kritisiert. Als unbearbeitetes Rohmaterial hätte die Filmsequenzen jedoch eine weitaus geringere Wirksamkeit erzielt, sich Domscheit-Berg (2011) sicher (S. 165 f.).

Nichtsdestotrotz erkennt Schulzki-Haddouti (2011) durchaus journalistische Grundzüge, denn es wird eine redaktionelle Auswahl der Themen getroffen, die anschließend bearbeitet und aufbereitet werden (2011c., S. 24 f.).

Julian Assange sieht sich als den Erschaffer einer neuen Form des Journalismus‘: Des „(…) scientific journalism (…)“ (Assange, 2010). Diese Art des Journalismus‘ praktiziert WikiLeaks (Assange, 2010).

We work with other media outlets to bring people the news, but also to prove it is true. Scientific journalism allows you to read a news story, then to click online to see the original document it is based on. That way you can judge for yourself: Is the story true? Did the journalist report it accurately? (Assange, 2010, http://www.theaustralian.com.au/in- depth/wikileaks/dont-shoot-messenger-for-revealing-uncomfortable-truths/story- fn775xjq-1225967241332).

Assange (2010) führt weiter an, dass wenn jemand einen Bericht über DNA publiziert, er dazu verpflichtet ist - nach allen Regeln biologischer Fachblätter - auch das Datenmaterial, das ihn zu dem Ergebnis seiner Forschungen geführt hat, seinen Rezipienten zu präsentieren. Die Idee dahinter ist, dass die Leser dann diese Daten mit dem journalistischen Endergebnis abgleichen können (Übersetzung: JB). Dieser Vorgang findet so auch im Journalismus statt (Khatchadourian, 2010 - Übersetzung: JB).

Die Dokumente von WikiLeaks auszuwerten, bedeutet, Daten auszuwerten. Rogers (2011) charakterisiert diesen Vorgang gar als einen investigativen Datenjournalismus (S. 118). Die Veröffentlichungen der Afghanistan- und Irakkrieg-Reporte sind nach Rogers (2011) ein Triumph des investigativen, an Fakten orientierten Datenjournalismus und stellen exakt dar, wie diese Sonderform des Journalismus‘ von statten geht (S. 119). Im Fall von WikiLeaks arbeiten das Internet und der Journalismus eng zusammen, indem klassischer Journalismus sich neuer Technologien bedient, um spannende Geschichten zu erzählen (Rogers, 2011, S. 127). Laut Bunz (2011) hat der Datenjournalismus die Regeln des Journalismus‘ verschoben. Während dieser mit Hilfe der Industrialisierung massenfähig wurde, führen jetzt zunehmende Digitalisierung und ausgereiftere Technologien dazu, dass er Massen an Daten verarbeiten kann (S. 140 f.).

Der Datenjournalismus hat eine vielversprechende Zukunft, sagt Westbrook (2010, S. 3). Anders als der Journalismus 2.0 oder der Videojournalismus wird dem Datenjournalismus oft keine Beachtung geschenkt. Dabei handelt es sich nach Westbrook (2010) eigentlich um die wahre Essenz des Journalismus‘, wonach sich Journalisten durch Datenberge und Statistiken arbeiten. Ein Schritt, den das Medienpublikum selbst nie in Erwägung ziehen würde. Journalisten, die sich mit Daten auseinandersetzen, geben den bloßen Zahlen und Fakten einen Kontext und verwandeln sie in eine Geschichte (S. 3). Die Gesellschaft wäre eine viel aufgeklärtere, wenn es mehr Journalisten gäbe, die sich dem Datenjournalismus verschrieben (S.3 - Übersetzung: JB).

Vor fünfzehn Jahren war es noch kostspieliger und komplizierter, bloße Daten für Berichterstattungszwecke auszuwerten. Es waren umfangreiche IT-Kenntnisse dafür notwendig. Reine Daten und Datenbanken dienten hauptsächlich Investigativjournalisten als Quelle. Heute sind große Datenbanken online für Jedermann verfügbar. Es gibt Werkzeuge, die es ermöglichen, große Datenmengen nach Relevantem zu durchsuchen (European Journalism Centre, 2010, p. 6 - Übersetzung: JB). Für WikiLeaks besteht nach Schmidt (2007) die Möglichkeit, zu genau solch einem Werkzeug zu werden. Solange es von Journalisten mit einer gesunden Prise Skepsis benutzt wird, stehen die Chancen gut, dass WikiLeaks ein genau so wichtiges Instrument wird, wie der amerikanische Freedom of Information Act der 1960er Jahre (Schmidt, 2007).

Doch dass Datenjournalismus bzw. das Auswerten großer Datenmengen nicht immer attraktiv ist und in gewisser Weise abschreckend wirken kann, belegt Domscheit-Berg (2010): Bei der WikiLeaks-Veröffentlichung von Feldtagebüchern eines amerikanischen Kriegsschauplatzes erwartete die Plattform ein großes öffentliches Interesse und eine exklusive Berichterstattung seitens der Medien. Stattdessen wurde den Dokumenten kaum Aufmerksamkeit geschenkt, weil das Thema und die dargebotenen Informationen und Fakten einfach zu umfangreich waren (S. 177).

Damit die geheimen Veröffentlichungen der „Hacker-Organisation“ (Böhm, Lau, Pham, Schröter, Thumann & Ulrich, 2011) zum Einen Aufmerksamkeit erwecken und zum Anderen der Weltöffentlichkeit präsentiert werden können, kooperiert WikiLeaks seit den letzten drei Großveröffentlichungen (die Afghanistan- und Irak-Kriegsberichte sowie die Geheimdepeschen der U.S.-Diplomaten) mit ausgewählten großen, einflussreichen Medien. Für Deutschland hat sich WikiLeaks den Spiegel ausgewählt, für den englischsprachigen Raum die U.S.-amerikanische Zeitung New York Times und den britischen Guardian. Bei späteren Veröffentlichungen wurden die französische Le Monde und El País für den spanischsprachigen Teil der Welt mit einbezogen (Rosenbach & Stark, 2011). Es hat sich gezeigt, dass die Geheimdokumente und sonstige, nicht für die Öffentlichkeit bestimmte Informationen dann einen größtmöglichen Effekt haben und eine kritische Masse erreichen, wenn sie „das Gütesiegel von seriösen Medien tragen, um Wirkung zu erzielen“

(Böhm et al., 2011). Wirkung auch dann, wenn Menschen keinen Internetzugang haben oder WikiLeaks (noch) nicht kennen. Deswegen war die Whistleblower-Seite oft auf die Medien und auf eine mediale Unterstützung angewiesen (Domscheit-Berg, 2011, S. 52). Es liegt jetzt in der Hand dieser fünf Medien, welche Themen innerhalb der Diplomaten- Depeschen Aufmerksamkeit verdienen und an die Öffentlichkeit gelangen und welche nicht. Sie bestimmen darüber, welches Thema den Weg in die Öffentlichkeit und somit die Köpfe des Medienpublikums erreicht. Aber diese Veröffentlichungsstrategie hält Domscheit-Berg (2010) für problematisch. Seiner Meinung nach hat sich WikiLeaks mit der Entscheidung des Kollaborierens mit Massenmedien zu weit von seiner einstigen Grundidee entfernt (S. 268). Tholl und Sternberg (2010) befinden, was WikiLeaks macht, ist kein Journalismus, sondern lediglich Informationshandel. Weil es mit verschiedenen Massenmedien kooperiert, stellt dies ein Abschweifen von der einstigen Idee, „nichts weiter zu tun, als Dokumente ins Netz zu stellen in der sowohl fundamentalistischen wie naiven Überzeugung, dass alles, was geheim ist, an die Öffentlichkeit gehört“ dar (S. 1). Die beiden Investigativjournalisten Rosenbach und Stark (2011) halten dagegen und nennen WikiLeaks einen „wertvolle[n], in Teilen einzigartige[n] Steinbruch für journalistische Arbeit (S. 9). Seit Ende August 2011 lässt WikiLeaks jedoch wieder die Internetgemeinde Dokumente auf seiner Website auswerten. Hierbei handelt es sich um die einst geheimen U.S.-Diplomatenberichte. Dieser Vorgang stellt eine Rückkehr zu den Wurzeln WikiLeaks‘ dar: „Informationen veröffentlichen und sehen, was die Welt damit anstellt“ (Stöcker, 2011).

Dass es sich bei WikiLeaks aber nicht um Journalismus handelt, lässt sich mit der Tatsache belegen, dass die Quellen, aus denen WikiLeaks seine Geheimdokumente und -Informatio- nen speist, vollkommen anonym sind und bleiben (WikiLeaks, n. d.). Somit ist also auch eine Verifizierung oder Falsifizierung aller Daten ausgeschlossen. Eine Rückrecherche - seitens WikiLeaks oder von interessierten Journalisten - ist nach Domscheit-Berg (2011) freilich ebenfalls unmöglich (S. 173). Es gibt kein „Feedback-System“ (Domscheit-Berg, 2011, S. 173). Auch Lovink und Riemens (2011) können bei WikiLeaks nur kaum journalistische Charakteristika entdecken, obwohl die Plattform in der Vergangenheit immer behauptet hatte, ein journalistisches Medium mit investigativjournalistischem Anspruch zu sein. Tatsächlich aber findet die traditionellen Vorgehensweisen des Investigativjournalismus‘, nämlich Tatsachen zu ermitteln, zu prüfen und in den entsprechenden Kontext einzuordnen, bei WikiLeaks nur eingeschränkt statt (S. 88).

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Ende der Leseprobe aus 68 Seiten

Details

Titel
Einfluss von globalen Informationsplattformen auf journalistische Prozesse
Untertitel
Am Beispiel von WikiLeaks
Hochschule
Business and Information Technology School - Die Unternehmer Hochschule Iserlohn
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
68
Katalognummer
V183505
ISBN (eBook)
9783656077732
ISBN (Buch)
9783656078159
Dateigröße
1555 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kontaktdaten aus dem Anhang wurden anonymisiert.
Schlagworte
WikiLeaks, Wiki Leaks, Julian Assange, Assange, Anonymous, OpenLeaks, Open Leaks, Daniel Domscheit-Berg, Social Web, Web 2.0, Journalismus 2.0, Crowd, Crowdsourcing, Whistleblower, Whistleblowing, Online-Informationsplattform, Investigativer Journalismus, Investigativjournalismus, Gatekeeping, Gatekeeper, Agenda-Setting, Agenda-Setting-Effekt, Media Setting, Media-Setting-Effekt, Espionage Act, First Amendment, Bill of Rights, USA, Deutsche Politik, Amerikanische Politik, US-Politik, Obama, CDU, CSU, SPD, FDP, WAZ, Manning, Bradley Manning, Der Spiegel, Geheimdienst, Diplomaten, Diplomatendepesche, Geheimbericht, Botschaftsdepeschen, Island, Afghanistan, WikiLeaks und die Folgen, CIA, C.I.A., Marcel Rosenbach, Holger Stark, BrusselsLeaks, IndoLeaks, BalkanLeaks, Privacybox, GreenLeaks, CrowdLeaks, Cryptome, WAZLeaks, John Young, Hacker, Schwarmintelligenz, Social Software
Arbeit zitieren
Julian Borchert (Autor), 2011, Einfluss von globalen Informationsplattformen auf journalistische Prozesse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183505

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