Das Konzept der Mehrsprachigkeitsdidaktik
Im Kontext der Spracherwerbsforschung und der Allgemeinen Didaktik ist seit den letzen 30 Jahren ein Paradigmenwechsel zu konstatieren. Während zuvor Fragen der Lehrstoffauswahl und der Lernkontrolle im Mittelpunkt standen, kann in jüngster Zeit von einer verstärkten „Hinwendung zur Erforschung und Entfaltung der Lernerperspektive“ gesprochen werden (vgl. Hufeisen/ Neuner 2005: 13). Die Konzentration auf die Lerner als Subjekte des individuellen Aneignungsprozesses führt auch zu einem vermehrten wissenschaftlichen und didaktischen Interesse an deren Lernvoraussetzungen und Lernerfahrungen. Auch wenn dieser positive Trend durchaus zu verzeichnen ist, scheint „Multilingualismus als Norm“ eher auf theoretischer Ebene relevant zu sein.
In der Unterrichtspraxis wird das Konzept der Mehrsprachigkeit noch relativ wenig beachtet, vor allem aber wird Mehrsprachigkeit leider immer noch als Hindernis gesehen, das dem „Ideal des monolingualen Sprechers“ vor allem im Sprachunterricht entgegensteht (vgl. Kärchner-Ober 2009: 45).
Die Notwendigkeit und der Sinn potenzielle Mehrsprachigkeit positiv zu nutzen und so in den Unterricht einzubinden, dass die Lerner in ihrem Spracherwerb davon profitieren können, muss noch den Sprung von der Forschung in das Klassenzimmer schaffen, damit angewandte Mehrsprachigkeitsdidaktik zum Regelfall an Schulen und Hochschulen werden kann.
Die lernerorientierte Forschung und Fremdsprachendidaktik hat sich dieser Notwendigkeit bereits angenommen und beschäftigt sich in diesem Zusammenhang mit Fragen nach dem Sprachbesitz und den vorausgehenden Sprachkenntnissen. Der Fokus liegt hierbei auf dem Aspekt der sprachlichen und außersprachlichen Vorerfahrungen und Vorkenntnisse der Lerner. Zu Hinterfragen ist hier in erster Linie, welche Rolle diese Fähigkeiten beim Fremdsprachenlernen spielen und wie diese sinnvoll aktiviert und in die Unterrichtspraxis integriert werden können (vgl. Hufeisen/ Neuner 2005: 14).
Wichtig hierbei ist das Bewusstsein, dass Lerner einer Fremdsprache mit dem Beginn des Fremdsprachenerwerbs bereits über ein muttersprachliches System und andere fremdsprachlichen Kenntnisse einerseits, über ein breites Kontext- und Weltwissen andererseits verfügen, sie also niemals bei „Null“ anfangen. Fremdsprachenerwerb ist auf dieser Grundlage deshalb immer als Prozess von Spracherweiterungen beziehungsweise Sprachveränderungen zu betrachten (vgl. Hufeisen 1991: 24).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Das Konzept der Mehrsprachigkeitsdidaktik
1.2 Zielsetzung und Herangehensweise
2. Mehrsprachigkeitsdidaktik und Wortschatzarbeit
2.1 Verarbeitungsstrategien für den Wortschatzerwerb
2.1.1 Herstellen von Zusammenhängen
2.1.2 Verankerung im Gedächtnis
2.1.3 Übungen zum Wortschatz
2.2 Nutzung von Mehrsprachigkeit beim Wortschatzerwerb
2.2.1 Inferieren
2.2.2 Transfer
3. Didaktische Umsetzung am Beispiel einer Unterrichtseinheit
3.1 Allgemeine Erläuterungen zur Aufgabenstellung
3.2 Hinweise zur didaktischen Umsetzung: Teil 1
3.3 Hinweise zur didaktischen Umsetzung: Teil 2
4. Schlussbemerkungen
4.1 Resümee und Stellungnahme
4.2 Seminarreflexion
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, die Wortschatzarbeit im Fach Deutsch als Fremdsprache im Kontext der Mehrsprachigkeitsdidaktik zu verankern, indem sie den gezielten Einbezug des sprachlichen Vorwissens der Lernenden als lernerleichterndes Potenzial hervorhebt.
- Paradigmenwechsel in der Spracherwerbsforschung (Lernerperspektive).
- Kognitive Verarbeitungsstrategien wie Inferenz und Transfer.
- Nutzung der L2 (Englisch) als Brückensprache im L3-Unterricht.
- Didaktische Umsetzung durch eine exemplarische Unterrichtseinheit.
- Förderung des Sprachlernbewusstseins durch bewusste Reflexion.
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Inferieren
Das Inferieren als angewandte Wortverarbeitungsstrategie beim Fremdsprachenlernen bezieht sich auf die mitgebrachten sprachlichen sowie außersprachlichen Wissensbestände der Lerner, die sie unbewusst oder bewusst zur Bedeutungserschließung einsetzen. In der Literatur zur Theorie des Spracherwerbs wird diese Vorgehensweise oft als „intelligentes Raten“ bezeichnet, da die Bedeutung einer unbekannten lexikalischen Einheit auf der Basis von Vorwissen erschlossen wird. Inferieren wird in der Forschungsliteratur als die am meisten genutzte Strategie und als „Hauptquelle von beiläufigem Wortschatzerwerb“ dargestellt (vgl. Ender 2007: 45). Zur Erschließung nutzen die Lerner verschiedene Wissensbestände, die im Wesentlichen durch die Kategorien intralingual, interlingual und extralingual zusammengefasst werden können. Während sich intralinguales Wissen auf die bereits erworbenen Kenntnisse in der Zielsprache bezieht (z. B. Grammatikregeln und Satzstruktur), verweist interlinguales Vorwissen auf die Kenntnisse in anderen Sprachen (Muttersprache und erlernte Fremdsprachen). Extralinguales als dritte Wissensquelle für die Bedeutungserschließung meint das außersprachliche Welt- beziehungsweise Kontextwissen, das auch als prozedurales Wissen (Abläufe, Zusammenhänge) bezeichnet werden kann (vgl. Ender 2007: 46).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert den Paradigmenwechsel in der Spracherwerbsforschung hin zur Lernerperspektive und stellt die Zielsetzung der Arbeit dar, Mehrsprachigkeit im Unterricht als Potenzial statt als Hindernis zu begreifen.
2. Mehrsprachigkeitsdidaktik und Wortschatzarbeit: Dieses Kapitel erläutert kognitive Verarbeitungsstrategien wie Inferenz und Transfer und zeigt auf, wie das mentale Lexikon durch den Rückgriff auf sprachliches Vorwissen effektiver strukturiert werden kann.
3. Didaktische Umsetzung am Beispiel einer Unterrichtseinheit: Hier wird ein konkretes Unterrichtsbeispiel präsentiert, das zeigt, wie Schüler ihr Wissen aus anderen Sprachen (insbesondere Englisch) nutzen können, um neuen deutschen Wortschatz zu erschließen.
4. Schlussbemerkungen: Das abschließende Kapitel resümiert die Bedeutung einer konsequenten Verankerung der Mehrsprachigkeitsdidaktik in Lehrplänen und reflektiert die persönlichen Erfahrungen aus dem begleitenden Seminar.
Schlüsselwörter
Mehrsprachigkeitsdidaktik, Wortschatzarbeit, Fremdsprachenerwerb, Mentales Lexikon, Inferenz, Transfer, Tertiärsprachenlernen, Sprachlernbewusstsein, Lernerperspektive, Unterrichtsentwurf, Interkulturelles Lernen, Sprachkontakt, Strategieeinsatz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Wortschatzarbeit im Deutschunterricht so gestaltet werden kann, dass sie das mehrsprachige Vorwissen der Lernenden aktiv einbezieht und zur Unterstützung des Lernprozesses nutzt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den zentralen Themen gehören kognitive Strategien beim Wortschatzerwerb, die Rolle des mentalen Lexikons, der Einsatz von Transfer und Inferenz sowie die praktische Gestaltung von Unterrichtseinheiten für L3-Lerner.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Möglichkeiten aufzuzeigen, wie vorhandene Kenntnisse aus der Muttersprache und anderen Fremdsprachen (wie Englisch) als „Lernerleichterung“ genutzt werden können, um den Erwerb von Deutsch als Zielsprache effizienter zu gestalten.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine schriftliche Ausarbeitung, die auf der Analyse aktueller fachdidaktischer Theorien und Forschungsansätze zum Spracherwerb basiert und diese in einen konkreten, selbst entworfenen Unterrichtsvorschlag überführt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden theoretische Verarbeitungsstrategien erläutert, die Bedeutung von Mehrsprachigkeit für den Wortschatzerwerb dargelegt und ein Unterrichtsbeispiel inklusive didaktischer Hinweise für L3-Lerner detailliert vorgestellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Mehrsprachigkeitsdidaktik, Wortschatzarbeit, Inferenz, Transfer, Sprachlernbewusstsein und Tertiärsprachenlernen sind zentrale Begriffe, die den Kern der Arbeit prägen.
Wie soll der Transfer im Unterricht konkret gefördert werden?
Die Arbeit schlägt vor, dass Lehrkräfte den Einsatz von Transfer durch gezielte Impulse fördern und Aufgabenstellungen so gestalten, dass Schüler explizit aufgefordert werden, Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Sprachen zu untersuchen.
Warum ist die „Brücke Englisch“ für den Deutschunterricht so bedeutsam?
Aufgrund der sprachtypologischen Verwandtschaft zwischen Deutsch und Englisch können Lerner diesen intensiven Sprachkontakt nutzen, um unbekannte Elemente in der Zielsprache Deutsch schneller zu erschließen und zu verknüpfen.
Welche Rolle spielen „Falsche Freunde“ im Unterricht?
Die Autorin argumentiert, dass „Falsche Freunde“ keine große Gefahr für den Lernprozess darstellen und durch den Einsatz von Kontexttexten vermieden werden können, wobei das positive Potenzial des Transfers stets im Vordergrund stehen sollte.
- Citation du texte
- Nicole Borchert (Auteur), 2011, Wortschatzarbeit und Mehrsprachigkeitsdidaktik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183517