Typologische Aspekte der Medizinischen Versorgungszentren unter der Perspektive ihres Beitrags zur Sicherstellung einer adäquaten Versorgungsstruktur


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2011

10 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Problembereich

2. Definition der MVZ-Typen
2.1 Grundtyp Freiberufler-MVZ
2.2 Grundtyp Krankenhaus-MVZ
2.3 Grundtyp Konzern-MVZ

3. Das Gesundheitssystem und seine Probleme in konzentrierter Form und Problemlösungsaspekte
3.1 Unternehmensführungsaspekte im MVZ
3.1.1 Marketingaspekte
3.1.2 Personelle Aspekte

I Literatur

II Zum Autor

Zusammenfassung:

Die Erkenntnis, dass Gesundheit und Krankheit für jeden Menschen „Zustände von höchster Bedeutsamkeit“1 beinhalten, prägt das gesellschaftliche Denken stärker denn je, da Gesundheit als wertvolles Gut und zugleich als wichtige Voraussetzung gilt, „um alle Annehmlichkeiten des Lebens genießen zu können“2. Medizinische Fragestellungen und Erkenntnisse sowie der medizinisch-technologische Fortschritt erreichen für die Gesellschaft und das Gesundheitssystem einen maximalen Stellenwert, weshalb es durch verschiedenste Entwicklungen in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses rückt.

Im sechsten Kontradieff-Zyklus,3 der 2010 seinen Höhepunkt erreicht hat, steht der gesellschaftliche Bedarf an Gesundheit im Mittelpunkt, welcher sich nicht auf physisches Wohlbefinden beschränkt, sondern vor allem aus holistischer Sicht als soziale, physische, seelische oder ökologische Gesundheit betrachtet wird.4

Nach Nefiodow lebt das traditionelle Gesundheitswesen in erster Linie von dem fortwährenden Anstieg an Krankheiten und Kranken, da derzeit lediglich ca. 1 % der zur Verfügung stehenden Mittel in Gesundheitsfürsorge und Prävention investiert werden. Ein solches System … führt … zu der Entstehung neuer Ideen außerhalb dieses Gesundheitswesens, „nämlich dort, wo Spielraum ist und wo (…) neue Unternehmer, Manager und Wissenschaftler ihre Chance haben“5. Das MVZ in Deutschland ist eine Konstruktion, die einen solchen Spielraum organisatorisch realisieren kann. Daher ist es sinnvoll, dieses MVZ, eingebettet in das deutsche Gesundheitssystem, näher zu betrachten.

Die Einführung Medizinischer Versorgungszentren (Kurzform: MVZs) durch den Gesetzgeber hatte verschiedene Zielsetzungen. Als grundlegend sind zu nennen:

1.) eine Verbesserung der medizinischen Qualität in der ambulanten Versorgungsstruktur
2.) eine Optimierung der integrierten Versorgung
3.) mehr Flexibilität für Ärzte unter organisatorischen Gesichtspunkten
4.) die Möglichkeit, Kapital aus der medizinischen Industrie für MVZs zu binden.

Wie auch die MVZs selbst und die dort tätigen Personen sind diese ursprünglichen Ziele ständigen Änderungen im Rahmen der aktuellen Gesetzgebung unterworfen.

Der Beitrag des MVZs zur Versorgungsstruktur ist neu – was bedeutet, dass über die Auswirkungen, also ihr Funktionieren in der Versorgungsstruktur noch nicht abschließend bewertet werden kann.

Rudimentär betrachtet lässt sich das MVZ als eine spezielle Art von Arztpraxis erklären, wobei seine Komplexität durch die organisatorische Möglichkeit einer leichteren Vergrößerung einer MVZ-Einheit und die Einbindung juristischer Personen in die Eigentümerstruktur zunimmt.

1. Problembereich

MVZs sind fachübergreifende, von Ärzten geleitete Einrichtungen, die an der ambulanten Versorgung von Patienten teilnehmen. Ärzten ist es dort möglich, als Freiberufler oder als Angestellte zu arbeiten. Am häufigsten vertretene Arztgruppen sind Hausärzte, Internisten und Laborärzte.6

Das MVZ als neues Versorgungskonzept für das Gesundheitssystem in der Bundesrepublik Deutschland bedeutet eine grundlegende Zäsur für die ambulante Versorgung. Diese ist so gravierend, dass sich auch mehr als sechs Jahre nach der Neuregelung eine Vielzahl wirtschaftlicher, rechtlicher und steuerrechtlicher Fragen auftun, die es zu beantworten gilt.7

Durch die Entwicklung in der ambulanten Versorgung ist in eine lebendige, kaum zu steigernde Diskussion um den enormen Wandlungsprozess des Gesundheitswesens entfacht worden. MVZs, die seit 2004 durch das Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung (GMG) zur vertragsärztlichen Versorgung zugelassen sind, wirken hierbei als Ergebnis der herausragenden gesetzlichen Veränderungen an der medizinischen Leistungserbringung.8

Auslöser und Treiber dieser intensiven Entwicklung ist eine Vielzahl von Einflussfaktoren. Genannt werden beispielsweise9 eine Zunahme an zentralen Versorgungszentren (MVZs), wobei die Zahnheilkunde – zumindest teilweise – langsam aus dem System der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) ausgegliedert wird. Der Beitragssatz der GKV wird sich erhöhen - um kostendeckend zu sein - und zwar auf ca. 25%, die privaten Krankenversicherer (PKV) werden die Vergütung weiter reduzieren und bei PKV und GKV entwickelt sich der Trend zu Einzelverträgen mit den Leistungserbringern und dadurch wird eine Zunahme des Verdrängungswettbewerbs hervorgerufen.10

2. Definition der MVZ-Typen

Es fällt bei der Gesamtbetrachtung der MVZs in Deutschland auf, dass es sich hierbei um organisatorisch unterschiedliche Konstruktionen handelt.

Daher ist es sinnvoll, für die MVZs in Deutschland eine Typologie zu entwickeln, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede darzustellen.

Die Typologie knüpft an die Träger der MVZs in Deutschland an.

Drei verschiedene Grundtypen kristallisieren sich heraus:

1.) Das Freiberufler-MVZ, das von einem oder mehreren niedergelassenen Ärzten gegründet wird
2.) Das Krankenhaus-MVZ, welches von einem Krankenhaus gegründet wird
3.) Das Konzern-MVZ, das von einer Kapitalgesellschaft gegründet wird.

Genauer betrachtet fällt auf, dass es auch Mischformen der oben genannten Typen gibt.

Abb. 1 stellt die Grundtypen und Mischformen dar.

Abb. 1: Grundtypen von MVZs und Mischformen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung

2.1 Grundtyp Freiberufler-MVZ

Beim Freiberufler-MVZ formt ein niedergelassener Arzt oder mehrere niedergelassene Ärzte seine / ihre Praxis bzw. Gemeinschaftspraxis zu einem MVZ um.

Sie schöpfen also die Möglichkeit, welche der Gesetzgeber zum 01.01.2004 geschaffen hat, aus.

Dies kann unterschiedliche Gründe haben. Zum einen sind die Vorteile bei der Wahl der Rechtsform zu nennen. Im Gesetzestext steht, dass sich das Medizinische Versorgungszentrum aller Rechtsformen bedienen kann. Beim Freiberufler-MVZ wird jedoch von der Möglichkeit, das MVZ in Form einer juristischen Person (insbes. GmbH und AG) zu betreiben, eher selten Gebrauch gemacht.

Es dominieren die GbR und die Partnerschaftsgesellschaft.

Das MVZ bietet für den Freiberufler die Möglichkeit, Synergien in Form von Kostenvorteilen zu heben und die Vorteile der fachübergreifenden Tätigkeit optimal zu nutzen.

Durch die Möglichkeit, Kassenarztsitze zum MVZ zu „ziehen“, sind die organisatorischen Möglichkeiten, die betreffenden Einheiten zu vergrößern, besser gegeben, als dies beispielsweise bei einer Gemeinschaftspraxis der Fall ist. Der Gesetzgeber hat mit der Organisationsform MVZ niedergelassenen Ärzten also neue organisatorische Möglichkeiten geschaffen.

2.2 Grundtyp Krankenhaus-MVZ

Für Krankenhäuser gibt es ebenfalls die Möglichkeit, sich in der Form eines MVZs zu organisieren. Dies beinhaltet für Krankenhäuser, im Bereich der ambulanten Versorgung tätig zu werden, was bisher im Wesentlichen nur niedergelassenen Ärzten vorbehalten war. Wenn sich ein Krankenhaus als MVZ organisiert, kann es Vertragsärzte der GKV anstellen und Praxen betreiben und somit eine Vollversorgung (ambulant / stationär) anstreben. Dies bedeutet natürlich Konkurrenz für die niedergelassenen Ärzte. Daher sollten Krankenhaus-MVZs sehr behutsam vorgehen und beispielweise die örtlich ansässigen niedergelassen Ärzte über das Vorhaben informieren, um eine weitere Zusammenarbeit möglich zu machen.

Natürlich muss ein solches MVZ erst von der zuständigen gesetzlichen KV zugelassen werden.

Durch die organisatorischen Möglichkeiten des MVZs werden für Krankenhäuser ebenfalls Synergien gehoben und es wird einfacher, die Einheit, die das Krankenhaus in Form eines MVZs betreibt, zu vergrößern.

2.3 Grundtyp Konzern-MVZ

Durch die gesetzliche Möglichkeit, dass ein MVZ auch durch eine juristische Person betrieben werden kann, werden MVZs auch für Kapitalgesellschaften interessant. Diese können MVZs in Form einer GmbH oder AG führen. Unter dem Dach der Kapitalgesellschaft werden die MVZs betriebswirtschaftlich organisiert und mit angestellten Ärzten medizinisch umgesetzt.

Es entstehen Gesundheitskonzerne.

Ob dies vom Gesetzgeber gewollt war, ist nicht klar; die Möglichkeit dazu hat er jedenfalls geschaffen.

An den neuesten Entwicklungen in der Politik ist erkennbar, dass dem Einhalt geboten werden soll.

So sollen justament MVZs nur ärztlich geleitet werden. Damit soll vermieden werden, dass die medizinische Versorgung durch renditeorientierte Investoren gesteuert wird.

Durch die Zulässigkeit dieser Organisationsform ist es jedoch auch für Konzern-MVZs möglich, typische Synergien etwa im Sinne von „economies of scale“11 zu heben.

3.1 Das Gesundheitssystem und seine Probleme in konzentrierter Form und Problemlösungsaspekte

Grundlagen, Methoden, Inhalte und Aufgaben der Gesundheitswissenschaften können aus der Perspektive von zwei Fächern dargestellt werden: aus der Perspektive von „Public Health“ – die ihrerseits derzeit allerdings ebenfalls faktisch Oberbegriff für verschiedene auf Gesundheit und Krankheit fokussierende Objektwissenschaften ist und aus der Sichtweise der Gesundheitspsychologie.12

Das Fach Medizinische Soziologie hat den Zusammenhang zwischen der „Soziologie“ als Wissenschaft von der Gesellschaft und der „Medizin“ in Theorie und Praxis zum Gegenstand. Die Vermittlung der soziologischen Analyse gesellschaftlicher Bedingungen und ihrer Bedeutung für die Medizin bzw. das Gesundheitssystem dient hier als Ziel. Von besonderem medizin-soziologischen Interesse sind hierbei die Entstehung von Krankheiten und ihre Verteilung auf gesellschaftliche Gruppen sowie das Verhalten bei Krankheit und die Nutzung von präventiven Maßnahmen in Abhängigkeit von der gesellschaftlichen Lage. Auch die Gestaltung der Arzt-Patient-Beziehung wird in hohem Maße durch Prozesse der Sozialisation und der gesellschaftlichen Definition der Arzt- und Patienten-Rolle bestimmt. Die Soziologie bietet darüber hinaus bedeutsame Erklärungszusammenhänge und Instrumente für die Analyse der Institutionen des Gesundheitswesens, insbesondere des Krankenhauses, und die aktuellen Veränderungen im Gesundheitssystem.

In der Medizinischen Soziologie stehen folgende Themen im Mittelpunkt: Gesellschaftliche Strukturen, soziale Schichtung, Lebensstile und Krankheit, Gesundheitsverhalten und Krankheitsverhalten aus soziologischer Sicht, Kommunikation und Interaktion als Grundlage sozialer Beziehungen und der Arzt-Patient-Beziehung, Situation des Patienten und Rolle des Arztes bei ambulanter und stationärer Behandlung, Soziologie des Krankenhaus: Historische Entwicklung, Struktur, Ökonomie und interprofessionelle Kooperation, Struktur des Gesundheitssystems in Deutschland und aktuelle Probleme.13

Um den Beitrag der Versorgungsform MVZ in Deutschland beurteilen zu können, insbesondere seine Auswirkungen auf das Gesundheitssystem sowie auch mögliche Effekte wie beispielsweise Kostenreduktion und damit einer Effizienz für das Gesundheitssystem, ist es wichtig, die Strukturen des MVZs genau zu explizieren.

[...]


1 Bourmer, H., (1985), S. 10, zit. nach: Distler, B., (2010), S. 1

2 List, R., (1999), S. 1; Definitionen von Gesundheit finden sich z.B. bei der WHO, die Gesundheit als einen „Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen“ definiert (WHO (1946), S. 2). Der Medizinsoziologe Parsons definiert sie als „Zustand optimaler Leistungsfähigkeit eines Individuums, für die wirksame Erfüllung der Rollen und Aufgaben, für die es sozialisiert (Sozialisation = Einordnungsprozess in die Gesellschaft, Normen- und Werteübernahme) worden ist“; Parsons, T., (1972), S. 71, Distler, B., (2010), S. 1

3 Unter den Kontradieff-Zyklen werden Wirtschaftsschwankungen verstanden, denen richtungsweisende und revolutionäre Innovationen zugrunde liegen. Der letzte Zyklus etwa bis Anfang des Jahres 2000 zeichnete sich durch Innovationstechnik aus und gestaltete den technologischen, wirtschaftlichen und sozialen Wandel in allen entwickelten Nationen mit. Das Phänomen langer Wirtschaftszyklen wurde zwar nicht auf den russischen Wissenschaftler Kontradieff zurückgeführt, ist jedoch nach seiner Abhandlung über lange Konjunkturwellen benannt. Nach der Theorie der langen Wellen kennzeichnet die wirtschaftliche Entwicklung nicht nur kurze Schwankungen, sondern vor allem in kapitalistischen Ländern lange Phasen von Aufschwung und Rezession., zit. nach: Distler, B., (2010), S. 1

4 Vgl. Nefiodow, L. A., (2006), S. 64, zit. nach: Distler, B., (2010), S. 1

5 Nefiodow, L. A., (2006), S. 55, zit. nach: Distler, B., (2010), S. 2

6 Vgl. O.V., (2008), Ärzte Zeitung Nr. 15 vom 25.04.2008, S. 4

7 Vgl. Sänger, (2011), das Krankenhaus, Heft 7/2011, S. 697

8 Vgl. Distler, (2010), Die Einführung Medizinischer Versorgungszentren und ihre Auswirkungen auf den Arzt als Freiberufler, S. 4

9 Vgl. Zöllner, (2007), Interne Corporate Governance, S. 1

10 Vgl. http://wurzelspitze.wordpress.com, (Stand: 03.08.2011)

11 Vgl. http://wirtschaftslexikon.gabler.de / [economies of scale], (Stand: 03.08.2011)

12 Vgl. Jacob, (1999), Buchbesprechung, in: Zeitschrift für Gesundheitspsychologie, Januar 1999, Vol. 7, No. 1 S. 46-48, Hogrefe-Verlag 1999, zit. nach: Weitkunat, Haisch, Kessler, (Hrsg.), (1997), Public Health und Gesundheitspsychologie – Konzepte, Methoden, Prävention, Versorgung, Politik

13 Vgl. http://www.unimedizin-mainz.de, (Stand: 03.12.2011)

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Details

Titel
Typologische Aspekte der Medizinischen Versorgungszentren unter der Perspektive ihres Beitrags zur Sicherstellung einer adäquaten Versorgungsstruktur
Autor
Jahr
2011
Seiten
10
Katalognummer
V183583
ISBN (eBook)
9783656080251
Dateigröße
412 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Versorgungsstruktur, Typologie, MVZ
Arbeit zitieren
Fabian Renger (Autor), 2011, Typologische Aspekte der Medizinischen Versorgungszentren unter der Perspektive ihres Beitrags zur Sicherstellung einer adäquaten Versorgungsstruktur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183583

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