Frankreich als Faktor der NS Außenpolitik

Die Rolle Frankreichs in der Außenpolitik des Dritten Reiches


Seminararbeit, 2008

28 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Frankreich in Hitlers außenpolitischem Programm
2.1 Revisionismus und Revanchekrieg
2.2 Bündnispolitik gegen Frankreich
2.2.1 Bündnis mit Italien
2.2.2 England als möglicher Bündnispartner?
2.2.3 Das deutsch-russische Bündnis
2.3 Vom Revisionismus zum Eroberungskrieg im Osten

3. Vorfeldabsicherung im Westen
3.1 Die deutsche Frankreichpolitik bis
3.2 Der Westfeldzug: Besetzung und Teilung Frankreichs
3.2.1 Der Waffenstillstand.
3.2.2 Das besetzte Frankreich und die deutsche Militärverwaltung
3.2.3 Das Vichy - Regimes

4. Die Neugestaltung Westeuropas und Frankreichs Zukunft
4.1 Territoriale Neuordnungspläne
4.2 NS Wirtschaftspolitik

5. Frankreich als Faktor deutscher Interessensabsicherung:Das Unternehmen Attila

6. Schlussbetrachtung

7. Literatur

1. Einleitung

Vielseitig und kompliziert, von Hass geprägt, feindlich und unnahbar, misstrauisch und von Vorurteilen zerfressen. All diese Attribute beschreiben das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich zu Beginn der dreißiger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Wen sollte dieser Umstand auch verwundern. Die Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland waren im Laufe der Geschichte mehr als nur einmal von kriegerischen Auseinandersetzungen oder gegensätzlichen politischen Auffassungen bestimmt worden, was auf eine starke historische Vorbelastung hinweist. Spätestens nach dem Ersten Weltkrieg festigte sich in den Köpfen der Menschen in beiden Ländern ein vordefiniertes Bild des jeweiligen Nachbarn, das die zwischenstaatlichen Interaktionen nachhaltig prägte.

Allein in den letzten 200 Jahren standen sich beide Länder in gleich 5 Kriegen gegenüber, wobei der Zweite Weltkrieg den Höhepunkt der deutsch-französischen Erbfeindschaft markierte. Dies mag wohl vor allem an der untergeordneten Stellung ja bis zur von den Deutschen herbeigeführten Bedeutungslosigkeit Frankreichs während des Krieges gelegen haben.

Die Rolle Frankreichs in den Vorstellungen der Nationalsozialisten, speziell im Programm Hitlers, das dessen Zukunftsvisionen eines unter deutscher Vorherrschaft gestalteten Europa widerspiegelte, war keineswegs durchweg klar definiert. Viel mehr veränderte sich im Laufe der Zeit die der Frankreich zugedachten Position im neuen Europa. Entsprechend fiel die deutsche Frankreichpolitik jener Zeit aus. Während zunächst eine Revision der Beschlüsse des Versailler Vertrage angestrebt und Frankreich als derjenige Gegenspieler betrachtet wurde, der Deutschlands „angemessene Stellung“ in Europa gefährdete, wandelte sich diese Einschätzung hin zu einer untergeordneten Rolle, die Frankreich in den Plänen der Nationalsozialisten spielte.[1]

Eine genaue Betrachtung der sich stetig verändernden Pläne für die Berücksichtigung Frankreichs in Hitlers Europa soll mit Hilfe dieser Arbeit entstehen. Hierbei soll geprüft werden, welche grundlegenden Vorstellungen von Frankreichs Zukunft existierten und wie sich diese aufgrund der ständig ändernden Rahmenbedingungen entwickelten. Darüber hinaus wird ein Blick auf die Einbindung Frankreichs in die deutsche Kriegsplanung und die daraus resultierende deutsch-französische Zusammenarbeit während des Krieges geworfen. Abschließend sollen die gewonnenen Erkenntnisse einer Wertung unterzogen werden.

2. Frankreich in Hitlers außenpolitischen Programm

2.1 Revisionismus und Revanchekrieg

Noch bevor Hitler seine Visionen vom Lebensraum im Osten zum außenpolitischen Programm Deutschlands festlegte, hielt er ähnlich wie traditionelle und konservative Kräfte der deutschen Parteienlandschaft an Bemühungen zur Revision des Versailler Vertrages fest. Eine totale Revision der wirtschaftlichen und vor allem territorialen Beschlüsse, das bis dato wichtigste außenpolitische Ziel Hitlers, schien für ihn nur durch einen Revanchekrieg gegen den Erbfeind Frankreich möglich zu sein. Hierbei sollte die französische Vormachtstellung in Europa gebrochen und dafür eine deutsche Hegemonialstellung aufgebaut werden. Damit ging auch die Verschiebung der Außengrenzen Deutschlands einher.[2] Über den üblichen Revisionismus hinaus manifestierte Hitler hierbei Frankreich erneut zum deutschen Hauptgegner, den es zu bekämpfen galt. Dies tat er in einer bekannten und direkten Art und Weise, wie folgendes Zitat zeigt. „Für uns sitzt der Feind jenseits des Rheins, nicht in Italien oder sonstwo“.[3]

Die radikalen revisionistischen Ansätze Hitlers und der damit verbundene Aufruf erneut gegen Frankreich zu Felde zu ziehen, resultierten ganz klar aus dem Ausgang des verlorenen Ersten Weltkriegs und den damit verbundenen und gleichzeitig von Deutschland als Schmach empfundenen Friedensbestimmungen von 1919. Zudem erkannte Hitler, dass sich Frankreichs Ambitionen, selbst die Führungsrolle in Europa übernehmen und Deutschland schwächen zu wollen, zu einer großen Gefahr und Behinderung für die eigene innereuropäische Zukunft entwickelten.[4] Daher sah er nur in einem alles entscheidenden Krieg gegen den „Todfeind“ die Möglichkeit die deutschen Interessen wahren zu können, was Frankreich für Hitler in jener Zeit zu dem Hauptfaktor der deutschen Außenpolitik machte. Hitlers Kerngedanke wurde von Franz Knipping in seinem Beitrag zur Außenpolitik des Dritten Reiches treffend formuliert: „Das Hauptziel der Deutschen Außenpolitik musste sein, Vorbereitungen zu treffen, um den Erbfeind in einer endgültigen Abrechnung auf die Linien von 1914 zurückzuwerfen und seine Vormachtstellung zu beseitigen.“[5]

2.2 Bündnispolitik gegen Frankreich

Für die Erfolg versprechende Umsetzung der Frankreich feindlichen Politik war es notwendig, die Front der Siegermächte des Ersten Weltkrieges zu durchbrechen und die bis dahin Deutschland eher negativ gegenüberstehende Mächtekonstellation in Europa entsprechend zu beeinflussen und Bündnispartner für sich und gegen Frankreich zu gewinnen.

2.2.1 Bündnis mit Italien

Für Hitler kam als erster möglicher Bündnispartner das faschistische Italien in betracht. Hierbei versuchte er sich den italienisch-französische Gegensatz, der sich vor allem im Fiume-Zwischenfall[6] und einige Zeit später im Abessinienkrieg[7] deutlich zeigte, zu Nutze zu machen, um Italien für Deutschland zu gewinnen: „Wir müssen hierzu alle Hebel in Bewegung setzen, hauptsächlich die Gegensätze zwischen Frankreich und Italien ausnützen, damit wir Italien für uns bekommen.“[8]

Ziel war es demnach den italienisch-französischen Zwist zu vertiefen und gleichzeitig jegliche deutsch-italienische Gegensätze zu vermeiden, um Italien aus dem Kreise der Gegner herauszulösen. Das setzte jedoch voraus, dass die Interessen zwischen Italien und Deutschland miteinander vereinbar waren und keinerlei Reibungsflächen zwischen beiden Staaten entstünden.[9]

Der deutsch-italienischen Annäherung standen jedoch der Anschluss Österreichs an Deutschland und die Zugehörigkeit Südtirols im Wege, was durchaus als Reibungspunkt zwischen beiden Staaten betrachtet werden konnte. Hitler wirkte dem entgegen, indem er Südtirol nicht länger zum Ziel Deutschlands erklärte und es zugunsten eines deutsch-italienischen Bündnisses und der damit verbundenen Politik gegen Frankreich opferte. Der Verzicht auf Südtirol sollte die erhoffte Zustimmung Italiens zum Anschluss Österreichs an Deutschland erbringen. Zudem glaubte er, dass Italien eine Bindung Österreichs an das westlich-französische Mächtesystem nicht hinnehmen und damit den Anschluss aus rein politischen als auch militärischen Gründen zulassen würde.[10]

Aus den Überlegungen Hitlers heraus war Italien ähnlich wie Deutschland zur Absicherung seiner nationalen Existenz dazu gezwungen die Nachkriegsordnung in Frage zu stellen und eine aggressive Expansionspolitik gegen seine europäischen Nachbarn durchzuführen. Diese sollte schließlich aufgrund des italienisch-französischen Gegensatzes in einem Krieg gegen Frankreich münden, in dem sich Deutschland und Italien zur Seite stünden.[11] Hitlers Gedankenspiel ging letztlich 1936 auf und sicherte Deutschland mit der Achse Berlin-Rom das erhoffte Bündnis mit Italien, das 1939 rechtskräftig wurde. Damit war eine wichtige Grundvoraussetzung für die politische Isolierung Frankreichs und der erste Schritt für ein erfolgreiches militärisches Vorgehen gegen den Feind jenseits des Rheins geschaffen worden.

2.2.2 England als möglicher Bündnispartner?

Nach anfänglicher Skepsis gegenüber England, das aus Sicht Hitlers als Siegermacht des Ersten Weltkrieges für die desaströse Lage Deutschlands mitverantwortlich war, wandelte sich das Bild vom großen Widersacher hin zu einem potenziellen und vor allem für die Zukunft überaus wichtigen Bündnispartner Deutschlands. Ähnlich wie im bereits zuvor erläuterten Fall Italiens beruhte Hitlers Umorientierung auf der Gegensatztheorie, die er nun auf Frankreich und Großbritannien anwandte. Hierbei sah er in den französischen Hegemonialbestrebungen in Europa und in den Bestrebungen Englands das Gleichgewicht der Mächte auf dem Kontinent zu bewahren einen unüberwindbaren Gegensatz beider Großmächte, den es auszunutzen galt.[12]

„Zwei Mächte sind maßgebend für die kommende Entwicklung Europas: England und Frankreich. England mit dem ewig gleich bleibenden Ziel, Europa zu balkanisieren und ein europäisches Gleichgewicht herzustellen, so dass seine Weltstellung nicht bedroht wird. Es ist nicht ein prinzipieller Feind Deutschlands, sondern der Macht, die die erste Stellung in Europa zu erringen versucht. Frankreich ist der ausgesprochene Feind Deutschlands. So wie England die Balkanisierung Europas braucht, so braucht Frankreich die Balkanisierung Deutschlands, um die Hegemonie in Europa zu erringen.“[13] Der englisch-französische Interessenkonflikt beruhte demnach auf der Annahme Hitlers, dass Frankreich neben seinen Hegemonialbestrebungen auch die Absicht hatte Deutschland in viele kleine Staaten zu zerschlagen, was sich seiner Meinung nach bereits in der Besetzung des Ruhrgebietes ankündigte. Ganz im Sinne der traditionellen Gleichgewichtspolitik Englands war Hitler davon überzeugt, dass das Empire dies nicht zulassen konnte und damit am Forbestand Deutschlands als kontinentales Gegengewicht zu Frankreich interessiert sein musste.[14] Dies machte England und Frankreich in den Vorstellungen Hitlers zu Widersachern, womit die Basis für ein gemeinsames Vorgehen Englands und Deutschlands gegen Frankreich geschaffen worden war.[15] Somit nahm Großbritannien fortan eine wichtige Position in den zukünftigen Plänen Deutschlands, besonders in der angestrebten Revidierung der Nachkriegsordnung von 1919, ein. Daher kann durchaus die Meinung von Axel Kuhn vertreten werden, dass „Hitler den Gedanken, mit England ein Bündnis zu schließen, aus dem Bedürfnis nach Revision des Versailler Vertrages“[16] entwickelt hatte.

Obwohl sich die Grundvoraussetzungen und Beweggründe für ein Bündnis mit England im Laufe der Herrschaft des nationalsozialistischen Regimes wandelten, kam es jedoch nie zu dem von Hitler erhofften Bündnis zwischen Großbritannien und Deutschland. Ohnehin hatte der ursprüngliche Zweck des Bündnisses mit England, nämlich ein gemeinsames Vorgehen gegen den Erzfeind Frankreich spätestens im Jahr 1940 an Relevanz verloren, da es dem Dritten Reich auch ohne Unterstützung gelungen war erfolgreich gegen Frankreich vorzugehen.

2.2.3 Das deutsch-russische Bündnis

Aus vielerlei Hinsicht kam für das nationalsozialistische Deutschland ein Bündnis mit Russland zunächst nicht in Frage. Viel zu groß waren die Gegensätze zwischen den innenpolitischen Gegebenheiten im Sowjet-Russland und dem politischen Programm des Dritten Reiches. Für Hitler war Russland nach der Beseitigung der „nichtslawischen, germanischen Oberschicht“ durch den Weltkrieg und die Revolution nicht mehr bündnisfähig, da es fortan vom „Weltjudentum“ beherrscht wurde. Zudem schien ein deutsch-russisches Bündnis nicht nur an der Ablehnung des Juden- und Slawentums sondern auch an der militärischen Unzuverlässigkeit Russlands und an dem in Deutschland allseits gefürchteten Kommunismus zu scheitern. Darüber hinaus machte die nationalsozialistische Weltanschauung hinsichtlich ihrer Lebensraumtheorie ein Zusammengehen Deutschlands und Russlands auf den ersten Blick unmöglich.[17]

Dem stand jedoch die strategisch ungünstige Position Deutschlands, in der Mitte Europas, gegenüber. Das Dritte Reich musste im Falle eines Krieges mit Frankreich, der anfangs auf Gedeih und Verderb gefordert, später unausweichlich wurde, einen erneuten Zweifrontenkrieg befürchten, sofern nicht Russland frühzeitig als möglicher Verbündeter Frankreichs ausgeschaltet werden würde. Da dies jedoch noch nicht militärisch möglich war, musste ein deutsch-russisches Bündnis in Betracht gezogen werden.[18]

Hier zeigt sich, dass Hitler selbst vor einem Bündnis mit dem doch so unvereinbaren Russland nicht zurückschreckte, um seine Ziele in die Tat umsetzen zu können. Schließlich war es der im Jahr 1939 abgeschlossenen Hitler-Stalin Pakt, der es 1940 ermöglichte ohne jegliche Einmischungen Russlands gegen Frankreich vorzugehen. Damit konnte sich Hitler dank der Vereinbarung mit Stalin eine ideale Voraussetzung für den Krieg im Osten, der Gewinnung neuen Lebensraums, schaffen, was letztlich weder Frankreich noch das deutsch-sowjetische Bündnis zu verhindern vermochten.

2.3 Vom Revisionismus zum Eroberungskrieg im Osten

Mit dem bereits angesprochenen Krieg im Osten ergänzte Hitler sein außenpolitisches Programm um den letzten aber wichtigsten Punkt, die Eroberung neuen Lebensraums.[19] Damit distanzierte sich Hitler in seinen außenpolitischen Konzeptionen von seiner ursprünglichen territorialen Revisionspolitik und änderte gleichzeitig die Prioritäten seiner außenpolitischen Ziele. Vor allem die Stellung Frankreichs erfuhr eine gravierende Änderung in den Plänen der Nationalsozialisten. An die Stelle des radikalen Revisionismus und dem Revanchekrieg gegen den Erzrivalen und Hauptgegner Frankreich traten die Ostkolonisation und der damit verbundene Krieg gegen die Sowjetunion.[20]

Ungeachtet dessen blieb der Krieg gegen Frankreich ein wichtiger Bestandteil der nationalsozialistischen Außenpolitik, auch wenn dieser nun aus anderen Gründen geführt werden sollte. Eine Auseinandersetzung mit der Sowjetunion musste ein Einschreiten der Westmächte, insbesondere Frankreichs, nach sich ziehen. Folglich war es unumgänglich geworden die Westflanke Deutschlands gegen einen möglichen Angriff einer westlichen Allianz abzusichern, um so einen drohenden Zweifrontenkrieg auszuschließen. Damit war Frankreich fortan „kein Kriegsziel an sich, sondern nur mehr ein Hindernis auf dem Weg der deutschen Ostexpansion“[21], das es zu überwinden galt. Der Krieg gegen Frankreich wurde somit von den Nationalsozialisten und von Hitler selbst nur noch als Instrument betrachtet, das die nötige Rückendeckung für die Eroberung des neuen Lebensraumes im Osten stellen sollte: „Das ewige und an sich so unfruchtbare Ringen zwischen uns und Frankreich […] war nur sinnvoll unter der Voraussetzung, dass Deutschland in der Vernichtung Frankreichs wirklich nur ein Mittel sieht, um danach unserem Volke endlich an anderer Stelle die mögliche Ausdehnung geben zu können.“[22] Zudem konnte die vorweg propagierte Revisionspolitik nebenher beibehalten und umgesetzt werden, war sie doch ein wichtiger Zwischenschritt in der außenpolitischen Planung Hitlers geworden. Auch die Bemühungen um Italien und England als Bündnispartner Deutschlands blieben bestehen. Hitler verfolgte eine machtpolitische Aufteilung, in der er Großbritannien die Kontrolle und Herrschaft in Übersee und Italien die Hegemonie über den Mittelmeerraum zusichern wollte. Im Gegenzug erhoffte er sich freie Hand für die deutsche Expansionspolitik im Osten. Frankreich fiel in diesem Konzept keine besondere Rolle zu.[23]

Obwohl Frankreich nun zu einem Sekundärziel deutscher Außenpolitik degradiert und lediglich ein Mittel auf dem Weg zu einem höheren Ziel wurde, blieb es aus der Sicht Hitlers weiterhin der erklärte Erzfeind Deutschlands: „Der unerbittliche Todfeind des deutschen Volkes ist und bleibt Frankreich“[24], es ist der „gefährlichste Gegner […] es wird immer unser Gegner sein“[25]. Diese Gedanken und die Notwendigkeit aus dem eigenen außenpolitischen Programm heraus den Krieg gegen den Nachbarn im Westen zu führen, sollten die Basis der deutschen Frankreichpolitik der folgenden Jahre bilden.

3. Vorfeldabsicherung im Westen

3.1 Die deutsche Frankreichpolitik bis 1939

Um einen erfolgreichen Feldzug gegen Frankreich führen zu können, mussten entsprechende Vorbereitungen getroffen werden. Hierbei lag die Kunst darin, Frankreich so lang wie möglich glaubhaft zu versichern, dass Deutschland keinerlei Interesse an einer kriegerischen Auseinandersetzung habe. Die deutschen Militärs fürchteten Frankreichs Stärke und sahen in ihrem westlichen Nachbarn die mächtigste Militärmacht auf dem Kontinent. Daher wurde Frankreich nicht nur als militärische Herausforderung, sondern auch als ein immenser Risikofaktor für die zukünftige außenpolitische Planung, ja sogar für die Existenz Deutschlands, betrachtet. Um Frankreich nicht frühzeitig zu provozieren, galt es, bei jeglichen außenpolitischen Aktionen größte Vorsicht walten zu lassen. Das bedeutete, dass die Kriegsvorbereitungen und die angestrebte Isolierung Frankreichs so gut es nur ging im Verborgenen durchgeführt werden mussten. Demnach versuchte Hitler gegenüber Frankreich ein verständigungsbereites und freundschaftliches Verhältnis aufzubauen und eine scheinbare Verbesserung der deutsch-französischen Beziehungen einzuleiten. Gleichzeitig vermied er aber jegliche ernsthafte bilaterale Bindungen mit Frankreich, die die deutsche Handlungsfreiheit hätten einschränken können.[26]

Für die Beschwichtigung möglicher Interventionsambitionen Frankreichs sprachen zum einen Hitlers stetige Friedensbeteuerungen, das Verbot eine nationalsozialistische Bewegung im Elsaß aufzubauen, aber auch die Beteuerungen an Frankreich auf jegliche territoriale Forderungen nach der Rückgliederung des Saargebietes[27] zu verzichten, womit auch endgültig die Elsaß-Lothringen Frage zu Gunsten Frankreichs geklärt werden sollte. Die Strategie sich als verständigungsbereites Deutschland zu repräsentieren war für die kommende innenpolitische Konsolidierung und für die Wiederaufrüstung Deutschlands, die sich zunächst hauptsächlich gegen Frankreichs Hegemonie- und Sicherheitspolitik richtete, unabdingbar. Viel zu groß war die Gefahr, dass das bis dato noch weit überlegenen Frankreich bei der geringsten Provokation militärisch eingreifen und das noch nicht wieder erstarkte Deutschland ernsthaft bedrohen konnte.[28] Daher verschwanden auch die noch vor der Machtergreifung propagierten Großmachtpläne aus dem politischen Alltag, an deren Stelle die bereits erwähnte Verständigungspolitik trat.

[...]


[1] Vgl. Jäckel, Eberhard: Frankreich in Hitlers Europa: Die deutsche Frankreichpolitik im Zweiten Weltkrieg, Stuttgart 1966, S. 18.

[2] Vgl. Deist, Wilhelm/ Messerschmidt, Manfred/ Volkmann, Hans-Erich/ Wette, Wolfram: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg: Band 1, Ursachen und Voraussetzungen der deutschen Kriegspolitik, Stuttgart 1979, S. 535-540.

[3] Vgl. Deist, Wilhelm/ Messerschmidt, Manfred/ Volkmann, Hans-Erich/ Wette, Wolfram, S. 539.

[4] Vgl. Knipping, Franz: Frankreich in Hitlers Außenpolitik, in: Funke, Manfred (Hg.): Hitler, Deutschland und die Mächte: Materialien zur Außenpolitik des Dritten Reiches, Düsseldorf 1976, S. 612-616.

[5] Ebd., S. 613.

[6] Um Italien während des Ersten Weltkrieges zum Kriegseintritt auf der Seite der Entente Mächte zu gewinnen, wurde Italien im Londoner Vertrag vom 26.04.1915 Südtirol und Fiume zugesichert. Nach Kriegsende wurde die Vereinbarung hinsichtlich Fiumes aufgrund französischen Interesses auf dem Balkan nicht erfüllt. Der Verrat Frankreichs führte schließlich dazu, dass Italien ähnlich wie Deutschland Zweifel an der Richtigkeit der Nachkriegsregelungen hatte. Am 12.09.1919 besetzte der italienische Dichter und bekennende Patriot Gabriele D’Annunzio mit Hilfe eines Freikorps Fiume, was für weltweites Aufsehen sorgte und gleichzeitig verdeutlichte welche Folgen die Entscheidung von 1919 für die zukünftigen Beziehungen zwischen Italien und Frankreich hatte. Vgl. Kuhn, Axel: Hitlers außenpolitisches Programm: Entstehung und Entwicklung 1919- 1939, Stuttgart 1970, S. 42-43.

[7] Im Zuge des Italienisch-Äthiopische Krieges bzw. Abessinienkrieges, der vom 3.10.1935 bis zum 9.05.1936 andauerte, annektierte Italien Äthiopien, das damalige Kaiserreich Abessinien. Dieses aggressive außenpolitische Vorgehen führte zur politischen Isolierung Italiens und zu dessen Verurteilung durch den Völkerbund, der Sanktionen gegen das faschistische Regime beschloss. Die Nichtteilnahme Deutschlands an dieser Verurteilung verbesserte das deutsch-italienische Verhältnis, worauf 1936 die Achse Berlin-Rom entstand. Vgl. Altgeld, Wolfgang (Hg.): Kleine italiensche Geschichte, Stuttgart 2002.

[8] Vgl. Kuhn, Axel, S. 42.

[9] Vgl. Jäckel, Eberhard, S. 13-15.

[10] Vgl. Deist, Wilhelm/ Messerschmidt, Manfred/ Volkmann, Hans-Erich/ Wette, Wolfram, S. 539-540.

[11] Vgl. ebd., S. 540.

[12] Vgl. Kuhn, Axel, S. 87-91.

[13] Vgl. Jäckel, Eberhard, S. 15-16.

[14] Vgl. Kuhn, Axel, S. 88-90

[15] Für Hitler waren Deutschland und England, als auch Italien, natürliche Verbündete, die gleiche bzw. keine gegensätzlichen Interessen verfolgten. Hierbei ergab sich eine Art Interessenabgrenzung, bei der England als Welt- und Seemacht, Italien als Mittelmeermacht und Deutschland als große Kontinentalmacht mit Ausdehnung nach Osten betrachtet wurden. Frankreich war in diesem Gedankenspiel eher ein Störenfried, der den Interessen der Anderen im Wege stand. Vgl. Deist, Wilhelm/ Messerschmidt, Manfred/ Volkmann, Hans-Erich/ Wette, Wolfram, S. 540-542.

[16] Kuhn, Axel, S. 95.

[17] Vgl. Deist, Wilhelm/ Messerschmidt, Manfred/ Volkmann, Hans-Erich/ Wette, Wolfram, S. 543-544.

[18] Vgl. Jäckel, Eberhard, S. 16-17.

[19] In „Mein Kampf“ erläutert Hitler mit Hilfe seiner Lebensraumtheorie die Notwendigkeit neuen Raum für das deutsche Volk zu erobern. Dieser Raum war für ihn einzig und allein im Osten zu finden, was für Hitler den Krieg gegen Russland rechtfertigte. Von der Ausdehnung Deutschlands nach Osten hing für Hitler das Überleben des deutschen Volkes ab, das sich in naher Zukunft aufgrund stetig wachsender Bevölkerungszahlen und dem damit verbundenen Ressourcenmangel nicht mehr hätte versorgen können. Vgl. Jäckel, Eberhard, S. 18-19.

[20] Vgl. Deist, Wilhelm/ Messerschmidt, Manfred/ Volkmann, Hans-Erich/ Wette, Wolfram, S. 544.

[21] Jäckel, Eberhard, S.20.

[22] Vgl. Deist, Wilhelm/ Messerschmidt, Manfred/ Volkmann, Hans-Erich/ Wette, Wolfram, S. 544.

[23] Vgl. Schmidt, Rainer F.: Die Außenpolitik des Dritten Reiches 1933-1939, Stuttgart 2002, S. 117-121.

[24] Vgl. Jäckel, Eberhard, S. 19.

[25] Vgl. ebd., S. 22.

[26] Vgl. Knipping, Franz, S. 616-618.

[27] Nach einer Volksabstimmung im Januar 1935, bei der 91 % der Bevölkerung für die Wiedervereinigung stimmten, wurde das Saargebiet wieder ein Teil Deutschlands.Vgl. Recker, Marie-Luise: Die Außenpolitik des Dritten Reiches, München 1990, S. 19-10.

[28] Vgl. Knipping, Franz, S. 619-622.

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Details

Titel
Frankreich als Faktor der NS Außenpolitik
Untertitel
Die Rolle Frankreichs in der Außenpolitik des Dritten Reiches
Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
28
Katalognummer
V183707
ISBN (eBook)
9783656080794
ISBN (Buch)
9783656081135
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
frankreich, faktor, außenpolitik, rolle, frankreichs, dritten, reiches
Arbeit zitieren
Thomas Hallmann (Autor), 2008, Frankreich als Faktor der NS Außenpolitik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183707

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