Rousseaus Menschenbild- Aussichtslos gefangen in seiner Unfreiheit?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
20 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung: Der freie Mensch – Nur ein Mythos?

II. „Hommenaturel“ und der Verlust seiner Freiheit

III. Der Gesellschaftsvertrag als Ausweg aus der Misere

IV. Fazit: Der Gesellschaftsvertrag: Pure Verblendung

Literaturverzeichnis

I. Einleitung: Der freie Mensch – Nur ein Mythos?

Zu allen Zeiten der Menschheitsgeschichte kann man förmlich das Verlangen nach Freiheit spüren, oder zumindest verstehen. Der Ruf nach Freiheit dringt nicht nur in die Seele eines einzelnen Menschen ein, sondern bewegt auch ganze Völker, so dass scheinbar festgefügte (weltliche) Herrschaft von Menschen über Menschen fundamental erschüttert werden kann.Das hat uns die Geschichte schon des Öfteren bewiesen und das wird sich auch in der Zukunft nicht ändern. Und doch ist Freiheit ein Begriff, der uns in vielerlei Erscheinungsformen begegnet und gleichzeitig einer der zentralen Begriffe der Philosophie und der Politik in der Neuzeit. Seine Mehrdeutigkeit lässt einen definierten und allgemeingültigen Konsens nicht zu. Zu verschieden sind doch seine Auslegungsmöglichkeiten. Seitdem im 18. Jahrhundert, insbesondere in der Epoche der Aufklärung, die Menschenrechte des Individuums formuliert wurden, besteht ein unüberwindbarer Zusammenhang zwischen der Individualität und dem Begriff der Freiheit.[1] So begann man nun die Freiheit als Autonomie zu verstehen, in der sich die Selbstbestimmung des Menschen als ,,Freiheit des Willens und des Handelns“[2] suggeriert. Und doch gibt es immer wieder kritische Stimmen, die die natürliche Freiheit bzw. Autonomie des menschlichen Wesens abstreiten. Im Hinblick auf die Freiheit erregt gerade diese Unterstellung, dass der Mensch von Natur aus unfrei ist, die Gemüter und lenkt unmittelbar alle Aufmerksamkeit und Blicke auf sich. Diese Debatte um Determination[3] und Freiheit des Menschen schlägt sich dann in Form literarischer Werke nieder, so dass man zu diesem Themaeine überaus große Anzahl an Literatur wiederfindet.[4] In dieser Hinsicht kann es einem neutralen Beobachter vorkommen, als ob der Freiheitsbegriff bzw. der Mensch als ein von Natur aus freies Wesen letztlich nichts anderes ist als ein Mythos. Den Verfasser dieser Arbeit interessierte im Hinblick der Freiheit des Menschen vor allem ein Philosoph, dessen philosophisches Wirken von der Nachwelt so unterschiedlich interpretiert wird, dass es einer ,,Odyssee“[5] gleicht, und doch gleichzeitig sein ganzes Leben wiederspiegelt: Jean-Jacques Rousseau. Es ist überaus gerechtfertigt, wenn Jean Starobinski in seinem Werk über Rousseau davon spricht, dass ,,jede Generation […] einen neuen Rousseau [entdeckt]“[6]. Diese Tatsache erklärt auch die Fülle an Literatur, die man zu Rousseau findet.[7] So war es nur eine logische Folge für den Verfasser, die Beschäftigung mit dieser philosophischen Größe auf eine bestimmte Leitfragestellung zu reduzieren, um aus dieser Arbeit keine weitere Monographie oder Biographie entstehen zu lassen. In dieser Arbeit soll die Frage geklärt werden, ob der Mensch (in Rousseaus Menschenbild) in seiner Unfreiheit aussichtslos gefangen ist, oder ob er ihn in irgendeiner Art und Weise Handlungsspielraum schafft bzw. gewährleistet und ihn damit, bildlich gesprochen, befreit. Dem Verfasser offenbarte sich während der Beschäftigung mit diesem Philosophen, dass er eine besondere Dramaturgie dadurch schuf, in dem er den Verlust bestimmter Eigenschaften des Menschen in seiner historischen Entwicklung beschrieb und die Unfreiheit des Menschen nicht von Grund aus ansetzte. Auf dieser Grundlage entwickelte Rousseau drei in ihren Eigenschaften unterschiedliche Menschentypen, den ,,Hommenaturel“, den ,,Bourgeois“ und den ,,Citoyen“. Diese anthropologischen Grundtypen wird der Verfasser im Laufe der Arbeit in unterschiedlichen Kontexten darstellen, die sich im Hinblick der Beantwortung der Leitfrage als unumgänglich offenbaren werden. Diesbezüglich diente dem Verfasser das Werk ,,Die politische Dimension der Anthropologie“[8] von Andreas Heyer als Hauptquelle.In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, dass der Verfasser als weitere Hauptquellen seiner Gesamtarbeit die Werke von Wolfgang Kersting ,,Die Republik der Tugend“[9] und Christian Schwaabes ,,Politische Theorie 2“[10] herangezogen hat.Da Rousseau den Freiheitsbegriff förmlich als ,,unhinterfragbaresFaktum“[11] vorausgesetzt hat, ging es in dieser Arbeit auch nicht darum diesen Begriff in seiner Systematik auseinanderzunehmen. In Anbetracht der Leitfrage hat der Verfasser den zweiten Gliederungspunkt ausschließlich dem Gesellschaftsvertrag gewidmet, das sich dem Leser zwar als Rousseaus Zukunftskonstrukt und möglicher Ausweg aus einer bestimmten Misere darlegen wird, jedoch ermöglichte dieses politische Hauptwerk dem Verfasser seine eingangs gestellte Leitfrage differenziert darzulegen und zu beantworten.

II. ,,Hommenaturel“ und der Verlust seiner Freiheit

,Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten.´[12] Dieses wohl bekannteste Zitat von Jean-Jacques Rousseau spiegelt sein komplettes Menschenverständnis wieder und wurde von vielen seiner Zeitgenossen als Fanal für den gewaltsamen Akt eines legitimen Umsturzes angesehen.[13] Er stellt damit den Gedanken der menschlichen Freiheit an den Ursprung seiner philosophischen Tätigkeit und Überlegungen.[14] Es ist die aufgestellte Hypothese, dass der Mensch von Geburt an mit der Eigenschaft des freien, also unabhängigen Wesens ausgestattet ist bzw. damit ausgestattet wird. Doch das Paradoxe an diesem Zitat ergibt sich erst durch den zweiten Teil des Zitates, wodurch sich gleichzeitig das Dramatische an dieser Grundeinstellung offenbart. Nämlich das der Mensch, trotz seiner verliehenen natürlichen Freiheit, doch letztlich überall in Ketten liegt. Das menschliche Individuum ist zwar von Grund aus ein freies Wesen, jedoch wird ihm genau diese Eigenschaft genommen. Von wem oder durch was diese natürliche Freiheit (und damit der Mensch als Spezies) in Ketten gelegt wird, lässt sich nur anhand dieses Zitates nicht entnehmen. Man kann zwar davon ausgehen, dass es jemand oder etwas sein muss, das dem Menschen die Ketten anlegt, jedoch begeben wir uns mit dieser Annahme zu leicht in die Sphäre der Vermutungen und Spekulationen. Diese aufkommende Frage ist jedoch berechtigt und der Verfasser wird im Laufe dieser Arbeit (u.a.) jene Fragestellung im Kontext der rousseauischenPhilosophie beantworten. Trotzdem lässt sich diesem Zitat noch mehr entnehmen, und zwar etwas ganz entscheidendes: das Tempus nämlich, in dem sich diese menschliche Unfreiheit abspielt. Im Hinblick auf Rousseaus Lebzeiten lässt sich diese menschliche ,,Gefangenschaft“ in der Gegenwart wiederfinden, da ja der Mensch ,überall […] gefesselt [ist]´[15]. Auf dieser Annahme der gegenwärtigen Unfreiheit des Menschen baut Rousseau seine fast komplette philosophische Tätigkeit auf. Der Blick soll aber nun vorerst auf den ersten Teil des Zitates gelenkt werden. Rousseau setzt dem Menschen, wie festgestellt, eine gebürtige bzw. natürliche Freiheit voraus. So knüpft sich an dieser Grundannahme die Frage an, was Rousseau unter dem Freiheitsbegriff versteht und vor allem was der natürliche, ursprüngliche Wesenszustand des Menschen ist. Mit diesen Fragestellungen begeben wir uns in eine Zeit, die von philosophischen Größen wie Thomas Hobbes (1588-1679) oder John Locke (1632-1704) bereits vor Rousseau explizit aufgegriffen und geprägt wurde: dem Naturzustand.

Wenn Rousseau der Öffentlichkeit, mit dem zu Beginn des Textes angegebenen Zitat,seine Grundansicht bezüglich des menschlichen Individuums offenbart und darin jene Spezies als unfreie Wesen ausmacht, so geschieht das mit dem deutlichen Hinweis auf einen ursprünglich freien Wesenszustand. Genau diese Tatsache beinhaltet ein für die Masse großes Aggressionspotential, vor allem in einer Jahrhundertepoche, in der durch die Aufklärung, durch Revolutionen und Kriege die ,,vertraute Ordnung“[16] ohnehin auf den Kopf gestellt wurde und infolge dessen sich ,,eine tiefe Verstörung“[17] in den betroffenen Völkern bemerkbar machte. Weshalb Rousseau den menschlichen Freiheitsgedanken an einen von ihm explizit beschriebenen Naturzustand knüpft, offenbarte sich dem Verfasser dieser Arbeit als Mittel zum Zweck für Rousseaus weitere philosophische Tätigkeit und Stütze seiner Thesen. Die Begründung diesbezüglich wird der Verfasser ebenso aufgreifen und dem Leser im Schlussteil erläutern und preisgeben. Im Hinblick auf den Naturzustand, soll das Augenmerk vor allem auf den ,,Hommenaturel“[18] gerichtet und dessen Eigenschaften in jenem Zustand erläutert werden.,Nahrung, eine Frau und Schlaf sind die einzigen Güter, die er [der Naturmensch] in der Welt kennt, und die einzigen Übel, die er fürchtet, sind Schmerz und Hunger.´[19] So umschreibt Rousseau die physischen Grundbedürfnisse des ,,Hommenaturel“. Wir müssen weiter gehen und tiefgründiger fragen, ob es wirklich nur jene Grundbedürfnisse sind, die der Naturmensch zu stillen verlangt und ob sein Horizont wirklich nur auf dieses menschliche Verlangen ausgerichtet bzw. beschränkt ist.

Rousseau konzeptualisiert einen Naturzustand, in diesem der ,,Hommenaturel“ zwar seine Begehrlichkeiten nicht über die überlebenswichtigen, für die Selbsterhaltung notwendigen, physischen Grundbedürfnisse hinaus ausrichtet.[20] Jedoch zeichnet sich dieser Naturmensch durch besondere Eigenschaften aus, wodurch er immer wieder in den Mittelpunkt der rousseauischen Philosophie rückt. Generell befinden wir uns beim Naturzustand Rousseaus in einer historischen Zeitphase, in der es scheinbar keinen Fortschritt gibt und die Zeit gleichermaßen still steht.[21] Innerhalb dieses Zustandes lebt der Mensch zwar abgeschottet von der Außenwelt und vollkommen auf sich allein gestellt, jedoch stellt sich diese Tatsache nicht als Defizit dar. Ganz im Gegenteil: der ,,Hommenaturel“, der von Grund aus ein gutes Wesen ist,[22] kann in diesem Zustand der Isolation bestimmte Eigenschaften und Konfliktpotentiale von sich fernhalten, die die Menschen im Laufe der Geschichte zu dem geformt haben, was Rousseau regelrecht anprangert. Zu nennen wäre in diesem Zusammenhang der Vergesellschaftung die Familiengründung. Da der Naturmensch, wie eingangs beschrieben, isoliert lebt, verspürt bzw. kennt er auch nicht den Drang seinen natürlichen Status des Einzelgängers für die Stiftung einer familiären Gruppenidentität aufzugeben.[23] Demzufolge ersucht er auch nicht die Zuneigung, Fürsorge und Liebe einer bestimmten Partnerin.[24] Den Menschen im Naturzustand geht es im Hinblick ihrer sexuellen Bedürfnisse in erster Linie nur um die Befriedigung jener Neigungen, so dass die Partnerwahl unbedeutend ist.[25] In dieser Hinsicht unterscheidet sich Rousseau grundlegend von John Locke, der den Akt der Ehe und die Familiengründung a priori im Naturzustand voraussetzt.[26] Auf dieser Grundlage des Verzichtes auf einen Familienzusammenschluss bzw. Familiengründung und der Entstehung bzw. Entwicklung von Liebesgefühlen, ist den Menschen im Naturzustand ein friedfertiges Leben förmlich garantiert,[27] da der ,,Hommenaturel“ keine Verantwortung und (außer für sich selbst und dem Wunsch nach Selbsterhaltung) keinerlei Fürsorge für einen Drittenübernehmen muss. So kann er eben weiterhin ,,einzelgängerisch und selbstgenügsam“[28] seinem Leben und seinen physischen Grundbedürfnissen friedlich und glücklich zugleich nachgehen. Mit dieser Beschreibung richtet sich Rousseau zugleich gegen die aristotelische Lehre, die den Menschen von Grund auf einen Drang nach Geselligkeit zuschreibt.[29] Der Mensch im anfänglichen Naturzustand muss laut Rousseau, frei von jeglichen Beeinflussungsmechanismen der Gesellschaft angesehen werden, um ihn richtig zu interpretieren und darzustellen. Diese Einstellung schürte gleichzeitig die Kritik an den bereits vor ihm (durch die philosophischen Größen Hobbes und Locke) beschriebenen Naturzustände, die seines Erachtens nie beim wahren Naturmenschen angekommen sind,[30] da sie,diezu ihrer Zeitgegenwärtigen Gesellschaftseinflüsse auf den jeweiligen Naturzustand einfach projizierten.[31] Folgerichtig ist es wichtig, den von Hobbes und Locke beschriebenen natürlichen Zustand einmal kurz aufzugreifen. Hobbes Naturmensch besitzt ein grundlegendes Machtstreben, welchem er generell nachgeht. Diese ständige Gier nach Macht mündet letztlich in einen chaotischen und rechtlosen Zustand, da jene Eigenschaft die Naturmenschen zu einem ständigen und gegenseitigen Kampf um eine höhergestellte soziale Rangordnung zwingt.[32] So artet dieser permanente Machtkampf zum ,,bellumomnium contra omnes, zum Krieg aller gegen alle“[33] aus. Anhand dieser Vorstellung Hobbes vom ursprünglichen Naturzustand und dem bisherigen Verständnis von Rousseaus ,,Hommenaturel“ scheint es nicht besonders überraschend, dass Rousseau sich vor allem gegen diesen Kriegszustand „aller gegen alle“ wendet. Für Rousseau kann es diesen skrupellosen und machthaberischen Kampf im Naturzustand nicht geben, da er der Auffassung ist, dass ein Krieg nur zwischen Territorien bzw. Staaten entstehen kann[34], diese Staatenkonstellation jedoch im Naturzustand noch gar nicht entwickelt war. Dieser Krieg der Staaten ist aber, und damit schließt er sich Hobbes Meinung an, auf das Machtstreben des Menschen zurückzuführen. Da das natürliche Menschenbild Rousseaus geprägt ist, vom Verständnis eines ursprünglich guten menschlichen Wesens, findet er im Hinblick auf Hobbes Zitat ,,homohominemlupus“[35], der Mensch ist des Menschen Wolf, keinerlei Zustimmung. John Locke hingegen entwirft einen Naturzustand, in dem die Menschen freie und gleiche Wesen sind, die zwar einem bestimmten Naturgesetz unterworfen sind, jedoch in einem ,,herrschaftsfreie[n] Naturzustand“[36] leben und darin natürliche Rechte besitzen. In Anlehnung an Rousseau und im Gegensatz zu Hobbes, offenbart sich der Naturzustand Lockes im Hinblick auf die Gleichheit, Freiheit und natürlichen Rechte, die er dem Naturmenschen zuschreibt, doch als ein positives Konstrukt[37]. Nun soll diese Freiheit und Gleichheit, die Locke in seinem Naturzustand entworfen hat, auf Rousseaus Naturzustand bezogen werden. So knüpft sich die Frage an, ob Rousseau dem widerspricht oder doch diesen Eigenschaften seinem ,,Hommenaturel“ zusagt. Es lässt sich bis hierhin festhalten, dass Rousseaus ,,Hommenaturel“ in seiner natürlichen Umgebung als Einzelgänger isoliert und selbstbezogen, sowie ohne jegliche Geselligkeitswünsche durch das Leben streift. Innerhalb diesem einsamen Zustand, der jedoch so von ihm nicht wahrgenommen wird, richtet er sein Augenmerk voll und ganz auf die Stillung seiner einfachen Bedürfnisse (Nahrung, Schlaf und den sexuellen Akt)[38], und das nur zum Zwecke seiner Selbsterhaltung. Der Naturmensch zeichnet sich jedoch durch zwei Eigenschaften aus, die ihn laut Rousseau vom den Menschen des 18. Jahrhunderts grundlegend unterscheidet: Er ist, wie John Locke vor ihm bereits erläutert hat, frei und gleich. Diese beiden Eigenschaften sollen nun näher betrachtet werden. Die Naturmenschen können laut Rousseau über die Eigenschaft der Gleichheit verfügen, da sie sich, auch bedingt durch die ,,Weitläufigkeit des [natürlichen] Gebietes“[39] und ihrer ,,Unwissenheit“[40], generell aus dem Weg gehen und den Unterschied in ihrer jeweiligen Individualität nicht wahrnehmen. Folglich ist zwar keiner dem anderen höhergestellt, jedoch muss man diese Gleichheit differenzieren. Die einzige Ungleichheit, die man in Rousseaus ,,Hommenaturel“ vorfindet, ist die naturgegebene Ungleichheit[41], die sich in der Körpergröße, der Statur oder dem Geschlecht bemerkbar macht. Diese natürliche Ungleichheit kann aber auch, und das ist erwähnenswert, zu einem Konflikt zwischen den Naturmenschen führen, wenn sie sich sprichwörtlich über den Weg laufen, und um eine bestimmte Mahlzeit konkurrieren.[42] Diese Streitigkeiten bleiben aber lokalisiert. Im Hinblick auf die (den Naturmenschen zugeschriebene) Freiheit, ist eine konkrete und definierbare Erläuterung dieser Eigenschaft wesentlich schwieriger, da Rousseau diesen Begriff, der bis zu unserer heutigen Zeit keine allgemeingültige Definition besitzt, zu keiner Zeit und in keiner seiner Schriften und Publikationen explizit erläutert,[43] geschweige denn sein persönliches Verständnis von Freiheit definiert. So viel bleibt jedoch festzuhalten, dass nämlich Rousseau seinem „Hommenaturel“ die Freiheit durch seine Unabhängigkeit („indépendance“)[44] anerkennt. Der Mensch in Rousseaus Naturzustand ist unabhängig und dadurch ein freies Wesen, da er, geleitet von seinem Gefühl, isoliert und förmlich gleichgültig neben den anderen Menschen koexistiert und innerhalb dieses Zustandes überleben kann. Er bleibt auch frei, da er auf der Grundlage der Selbsterhaltung über eine ,,Selbstliebe (,amour de soi-même´)“ verfügt, die ihn in dieser Lage bzw. in diesem Zustand weiterhin als Individuum existieren lassen möchte.[45] Aber nicht nur dem isolationistischen Naturzustand ist es zu verdanken, dass der ,,Hommenaturel“ gleich und frei bleibt, sondern auch der Eigenschaft des Mitleids, worüber sowohl die Naturmenschen, als auch die Tiere verfügen.[46] Das Mitleid grenzt nicht nur den Selbsterhaltungstrieb ein[47] und ermöglicht Freiheit und Gleichheit auf der Grundlage der Friedenslage (jene Lage sie gleichzeitig grundlegend mitbestimmt hat), die im Naturzustand herrscht, sondern ,,ist [sogar] in der Lage, Gesetz, Sitten und bürgerliche Tugenden im Naturzustand zu ersetzen.“[48] Sodann kann man richtigerweise zusammenfassend festhalten, dass Rousseaus Naturmensch ,,[…] weder das aristotelische ,zoonphyseipolitikon´ noch der ,Wolf´ des Thomas Hobbes [ist].“[49] Der Mensch verwahrt jedoch nicht in diesem durchaus positiv (durch Rousseau und auch Locke) beschriebenen Naturzustand, sondern macht auf der Grundlage der menschlichen Fähigkeit zur Vervollkommnung (,,perfectibilité“[50] ) eine anthropologische Entwicklung durch. Zwar kann sich diese Fähigkeit im Naturzustand nicht bemerkbar machen, da die Menschen in jenem Zustand isoliert und förmlich glücklich leben, wodurch sie keinen Grund für jegliche Veränderungen haben,[51] jedoch zwingen ihn laut Rousseau, externe Faktoren (Naturkatastrophen oder Platzmangel) zum Austritt aus diesem Zustand. Diese Umwelteinflüsse als Hauptargument für einen tiefgreifenden Wandel des Menschen zu nehmen, ist jedoch in den Augen des Verfassers nicht schlüssig genug und offenbart letztlich nur, dass es sich beim ,,Hommenaturel“ nur um eine fiktive Gestalt handelt, die hauptsächlich (wie vom Verfasser zu Beginn angedeutet) nur als Mittel zum Zweck fungiert. Jene Behauptung wird der Verfasser dieser Arbeit im Schlussteil aufgreifen und erläutern. So bewirkt der Austritt aus dem Naturzustand das Auftauchen des Eigentums, das Rousseau ,,als eigentlicher Grund allen Übels erscheint“[52]. Denn mit jenem Übel entstehen erste gesellschaftliche Strukturen und die ursprüngliche Gleichheit artet in einer zunehmenden Ungleichheit aus. Der Mensch beginnt sich über den Vergleich mit seinem direkten Gegenüber zu definieren, die ursprünglich gute Eigenliebe schlägt sich in einedominante und skrupellose Selbstsucht um und das friedliche Nebeneinanderwird durch die nun konkurrierende Ausrichtung der Menschen abgelöst. So ist es vor allem die Entwicklung der Kultur, der Sprache, der Wissenschaft und die sich entwickelnden Gesellschaftsformen (Luxus, Leidenschaft und gegenseitige Abhängigkeit), die dem ursprünglich freien Menschen Ketten anlegen und die Gleichheit auflösen. Der Mensch verliert also seine Freiheit und Gleichheit durch die bürgerliche Gesellschaft. So entsteht der zweite anthropologische Typ: der ,,Burgeois“[53], der sich durch jene beschriebenen Eigenschaften definiert und diese nur durch das Aufkommen der gesellschaftlichen Strukturen erhalten hat.[54] Mit diesem Menschentyp befinden wir uns jedoch nicht im Reich der Fiktionen, wie es beim Naturmenschen der Fall war,[55] obwohl Rousseau in dieser Hinsicht keine klare Stellung bezieht. Im Hinblick auf Rousseaus Grundeinstellung bezüglich seiner zeitgenössischen Gesellschaft,ist der ,,Burgeois“ ein realer und gegenwärtiger anthropologischer Grundtyp.[56] Und mit dieser Feststellung, nämlich das der Mensch sich vom isolierten Einzelgänger hin zum aristotelischen ,,zoonpolitikon“ entwickelt hat, schließt sich der Kreis wieder: Wir haben im Zitat (,der Mensch ist frei geboren, aber überall liegt er in Ketten´[57] ) vermutet, dass es jemand oder etwas sein muss, das den ursprünglich freien Menschen die Ketten anlegt. Durch jene beschriebene Rückschau des rousseauischen Naturzustandes konnten wir ermitteln, dass es die Gesellschaft mit all ihren Erscheinungsformen ist, die den Menschen metaphorisch die Ketten anlegt und sie damit zu ihren Gefangenen macht. Folglich ist im Hinblick auf die vom Verfasser eingangsgestellte Leitfrage vorerst ein Teilaspekt zu bejahen: Auf der Grundlage des rousseauischen Menschenbildes ist das menschliche Wesen tatsächlich unfrei und innerhalb der gesellschaftlichen Strukturen gefangen. Gibt es aber einen Weg aus diesem Dilemma der scheinbar aussichtslosen Gefangenschaft oder bleibt das Individuum auf Ewigkeiten eine allgegenwärtige Marionette der Gesellschaft?

[...]


[1] Vgl. Bauer, Emmanuel J. (Hg.): Freiheit in philosophischer, neurowissenschaftlicher und psychotherapeutischer Perspektive, München 2007, S. 11.

[2] Recki, Birgit: Freiheit, Wien 12009, S. 7.

[3] Der Determinismus kann in theologischer, soziologischer, psychologischer und in neuronaler Form begründet werden. Vom Verfasser ist diesbezüglich das Werk von Birgit, Ricki: Freiheit, Wien 12009, vor allem die Seiten 19 bis 50, zu empfehlen.

[4] Vgl. Rosenberger, Michael: Determinismus und Freiheit. Das Subjekt als Teilnehmer, Darmstadt 2006, S. 9.

[5] Heyer, Andreas: Die politische Dimension der Anthropologie. Zur Einheit des Werkes von Jean-Jacques Rousseau, Frankfurt am Main 2006, S. 135.

[6] Starobinski, Jean: Rousseau. Eine Welt von Widerständen, München/Wien 1988, S. 403.

[7] Vgl. Caspar, Johannes: Wille und Norm. Die zivilisationskritische Rechts- und Staatskonzeption J.-J. Rousseaus, Baden-Baden 11993 (= Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie 3), S. 11.

[8] Heyer: Politische Dimension, 2006.

[9] Kersting, Wolfgang (Hg.): Republik der Tugend. Jean-Jacques Rousseaus Staatsverständnis, Baden-Baden 12003.

[10] Schwaabe, Christian: Politische Theorie 2. Von Rousseau bis Rawls, Paderborn 2007.

[11] Oberparleiter-Lorke, Elke: Der Freiheitsbegriff bei Rousseau. Rousseaus praktisches System der Freiheit im Kontext der deutschen Transzendentalphilosophie und eines modernen, interpersonalen Freiheitsbegriffs, Würzburg 1997 (= Philosophie 208), S. 43.

[12] Rousseau, Jean-Jacques, zit. nach Oberparleiter-Lorke: Der Freiheitsbegriff bei Rousseau, S. 16.

[13] Vgl. Schwaabe: Politische Theorie 2, S. 20.

[14] Vgl. Fuchs-Goldschmidt, Inga: Konsens als normatives Prinzip der Demokratie. Zur Kritik der deliberativen Theorie der Demokratie, Wiesbaden 2008, S. 29f.

[15] Starobinski, Jean: DIE ERFINDUNG DER FREIHEIT [sic] 1700-1789, Frankfurt am Main 1988, S. 12.

[16] Wehler, Hans-Ulrich: Der Deutsche Nationalismus bis 1871, in: Ders. (Hg.): Scheidewege der deutschen Geschichte. Von der Reformation bis zur Wende 1517-1989, München 1995, S. 116-130, hier: S. 119.

[17] Ebd., S. 121.

[18] Heyer, Andreas: Die politische Dimension der Anthropologie. Zur Einheit des Werkes von Jean-Jacques Rousseau, Frankfurt am Main 2006, S.25.

[19] Rousseau, Jean-Jacques, zit. nachSturma, Dieter: Rousseaus Kulturphilosophie, in: Kersting, Wolfgang (Hg.): Republik der Tugend. Jean-Jacques Rousseaus Staatsverständnis, Baden-Baden 12003, S. 27-54, hier: S. 28.

[20] Vgl. Heyer: Politische Dimension, S. 31.

[21] Ebd., S. 25.

[22] Vgl. Schwaabe: Politische Theorie 2, S. 13.

[23] Vgl.Sturma: Rousseaus Kulturphilosophie, in: Kersting: Republik der Tugend, S. 28.

[24] Vgl. Heyer: Politische Dimension, S. 26.

[25] Vgl. Rang, Martin: ROUSSEAUS LEHRE VOM MENSCHEN [sic], Göttingen 1959, S. 128.

[26] Ebd.

[27] Vgl. Heyer: Politische Dimension, S. 26.

[28] Pelz, Monika: Der hellwache Träumer. Die Lebensgeschichte des Jean-Jacques Rousseau, Weinheim/ Basel 2005, S. 148.

[29] Vgl. Schmidt, Manfred G.: Demokratietheorien. Eine Einführung, Wiesbaden 42008, S. 82.

[30] Dazu Hinweise bei Schwaabe: Politische Theorie 2, S. 15f., sowie bei Heyer: Politische Dimension, S. 24.

[31] Ebd.

[32] Vgl. Waschkuhn, Arno: Demokratietheorien. Politiktheoretische und ideengeschichtliche Grundzüge, München 1998, S. 201.

[33] Ebd.

[34] Vgl. Rang: Rousseaus Lehre vom Menschen, S. 129.

[35] Rousseau, Jean-Jacques zit. nach Pelz: Der hellwache Träumer, S. 151.

[36] Waschkuhn: Demokratietheorien, S. 211.

[37] Ebd.

[38] Vgl.Sturma: Rousseaus Kulturphilosophie, in: Kersting: Republik der Tugend, S. 28.

[39] Heyer: Politische Dimension, S. 27.

[40] Ebd., S. 84.

[41] Vgl. Schwaabe: Politische Theorie 2, S. 15.

[42] Vgl. Heyer: Politische Dimension, S. 28.

[43] Vgl. Oberparleiter-Lorke: Der Freiheitsbegriff bei Rousseau, S. 10.

[44] Schwaabe: Politische Theorie 2, S. 16.

[45] Vgl. Heyer: Politische Dimension, S. 32.

[46] Einen kompakten Überblick über die wesentlichen Unterschiede ihrer jeweiligen Fähigkeiten zwischen den Naturmenschen und den Tieren erhält man bei Heyer: Politische Dimension, S. 29-36, sowie bei Rapic, Smail: Subjektive Freiheit und soziales System. Positionen der kritischen Gesellschaftstheorie von Rousseau bis zur Habermas/Luhmann-Kontroverse, München 2008, S. 149-151.

[47] Ebd., S. 33.

[48] Ebd.

[49] Schwaabe: Politische Theorie 2, S. 16.

[50] Caspar: Wille und Norm, S. 46.

[51] Ebd., S.36.

[52] Schwaabe: Politische Dimension, S. 17.

[53] Heyer: Politische Dimension, S. 83.

[54] Ebd.

[55] Vgl. ebd., S. 36f.

[56] Vgl. ebd., S. 77.

[57] Rousseau, Jean-Jacques zit. nach Oberparleiter-Lorke: Der Freiheitsbegriff bei Rousseau, S. 16.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Rousseaus Menschenbild- Aussichtslos gefangen in seiner Unfreiheit?
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Pädagogik und Allgemeine Pädagogik)
Veranstaltung
Einführung in die Allgemeine Pädagogik
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V183762
ISBN (eBook)
9783656082712
ISBN (Buch)
9783656083009
Dateigröße
639 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Im Zentrum dieser Arbeit steht der Begriff der Freiheit. Inwiefern ist der Mensch, der den Drang nach Freiheit zu allen Lebzeiten verspürt, in seinem Handeln determiniert? Rousseaus Arbeiten sollen -im Hinblick auf diese Frage- Aufschlüsse geben. Besonders sein berühmtes Zitat, dass der Mensch frei geboren wird, aber überall in Ketten liegt, hat bis zum heutigen Tage für enormes Aufsehen gesorgt. Damit rückt unmissverständlich der Gesellschaftsvertrag in den Fokus dieser Arbeit. Ein spannender und höchstkontroverser Diksurs soll diese Arbeit hoffentlich informativ umrunden.
Schlagworte
Jean-Jaques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag, Homme naturel, Burgeois, zoon politikon, volonté générale et volonté de tous, citoyen, John Locke, Thomas Hobbes, Freiheit
Arbeit zitieren
Studierender Arian Sahitolli (Autor), 2009, Rousseaus Menschenbild- Aussichtslos gefangen in seiner Unfreiheit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183762

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