Lebenswelt und Naturzustand

Die Lebenswelt in Abgrenzung zu den Naturzustandskonzepten Hobbes' und Rousseaus


Essay, 2010

12 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Lebenswelt und Naturzustand

Die Lebenswelt in Abgrenzung zu den Naturzustandskonzepten Hobbes' und Rousseaus

Das essayistische Herantasten, der Versuch als Methode, scheint besonders geeignet zusein, um sich dem Thema Lebenswelt zu nähern, weil es dem Essay - als eher freierForm der Gedankenentwicklung - erlaubt ist, die strengen Vorgaben derWissenschaftlichkeit ein wenig zu vernachlässigen, was angesichts der Tatsache, dassdie Lebenswelt selbst frei von Wissenschaft ist, zumindest intuitiv einleuchtenderscheint.

Gewissermaßen ist dieses Vorgehen sogar durch Blumenbergs eigene Verfahrensweise legitimiert. So ist von einer „Tugend verminderter Strenge“[1] die Rede, die im günstigsten Fall in einer „kalkulierte[n] Zulassung des Unerlaubten“[2] besteht, die dadurch gerechtfertigt ist, „daß es sonst gar nichts gäbe, keinen Anfang oder den alsbaldigen Stillstand des Angefangenen.“[3]

Wenn die Gliederung dieses Essays eher „gewachsen“ als systematisch anmutet,zuweilen scheinbare Redundanzen auftreten und einige Begriffe nicht in der Schärfedefiniert sind, wie dies für eine Arbeit im strengsten wissenschaftlichen Sinneunabdingbar wäre, dann sei dies dem Umstand geschuldet, dass ich mich bei demVersuch Lebenswelt zu begreifen, tatsächlich in einem bestimmten Maße auf meineIntuition verlasse - vielleicht mit dem Erfolg, beim philosophisch ungeschulten Lesereinen ebensolchen intuitiven Eindruck dessen, was gemeint sein könnte, zu hinterlassen.

„Wir denken, weil wir dabei gestört werden, nicht zu denken.“[4]

Wir leben in einer durchdachten Welt. Die Dinge, die es uns ermöglichen, einen Großteil unseres Alltags ohne Nachdenken zu bewältigen, sind selbst Ergebnisse von Denkleistungen. Angefangen bei den einfachsten Gegenständen des alltäglichen Handelns, bis hin zu den kulturell komplexesten Sachverhalten, in die unser Handeln eingebettet ist - die Dinge, mit denen wir ganz selbstverständlich agieren und die Strukturen, in denen uns das ermöglicht wird, sind allemal begründet in einem Denkakt, der irgendwann stattgefunden hat. Wir empfinden es als angenehm, dass nicht vor jeder unserer Handlungen die Neuerfindung des Rades stehen muss. Denken ist anstrengend und, wie Blumenberg sagt, ein „Ausnahmezustand“[5].

„Wissenschaft ist nichts anderes, als der Versuch, mit den Folgen des Verschwindensvon Selbstverständlichkeit fertig zu werden.“[6] Wenn wir uns in der Theorie, respektivein der Sphäre der Wissenschaftlichkeit bewegen, befinden wir uns imAusnahmezustand, im Zustand des Denkens. Wie aber bereits festgestellt, generiert dasDenken oft Selbstverständlichkeit. Immer dann, wenn erbrachte Denkleistungen unsererSelbsterhaltung und der stetig fortschreitenden Komfortsteigerung dienlich sind, werdensie institutionalisiert und manifestieren sich in einem lebensregelnden Netz ausSelbstverständlichkeit. Die Beispiele dafür sind nahezu unerschöpflich - um nur eineinfaches zu nennen: Wenn ich einen Teller Suppe vor mir habe, greife ich zum Löffel,ohne vorher darüber nachzudenken, wie ich das heiße Nass wohl am Besten in meinenMund befördere. Ein genialer Vordenker hat für mich darüber nachgedacht und denLöffel als dafür adäquates Mittel erfunden. Wenn man also die These akzeptiert,Wissenschaft sei der Versuch mit den Folgen verschwundener Selbstverständlichkeitfertig zu werden, kann man wohl sagen, dass alle wissenschaftlichen Anstrengungen derMenschheit die Tendenz aufweisen, eine Sphäre der Selbstverständlichkeit zu schaffen.

Die Kluft zwischen persönlicher Erfahrung und Kulturerfahrung wird dabei immergrößer. Der „einfache Bürger“ wird in das gemachte Nest gesetzt, ohne durchschauen zumüssen, wie es gebaut wurde. Er tut gut daran, nicht danach zu fragen, denn dannbeginnen die Probleme. Man kann ja alles zum Thema theoretischer Erörterungenmachen. Das ist möglich, weil der Großteil unserer gesamten Alltagspraxis auf einsttheoretischen Erkenntnissen fußt. So ist uns der Gegenstand gegeben, an dem wir uns in theoretischer Einstellung abarbeiten können. Oft ist das allerdings mehr unserer Verwirrung, als der Entdeckung von bahnbrechend Neuem zuträglich. Warum benutzeich den Löffel und nicht die Gabel, um Suppe zu essen? Eine theoretischeAuseinandersetzung mit dieser Frage scheint wenig sinnvoll, weil der Löffel seineFunktion soweit erfüllt, respektive die Gabel in der Funktion als Suppenesswerkzeug sosehr versagt, dass eigentlich kein weiteres Nachdenken erforderlich ist. Der oft innegativem Sinne verwendete Begriff des Vorurteils, drückt diesen Sachverhalt aus.Unter Vorurteil sollen hier all jene Urteile verstanden werden, die ihrem Wesen nach garkeine sind, da sie nicht durch theoretische Überlegungen gefällt worden sind, sondernimplizit immer schon da waren. Das Vorurteil erlaubt es uns, in Situationen zu handeln,in denen wir sonst in Theorie stagnieren würden. Das Vorurteil bleibt Vorurteil, solangees sich in der Praxis bewährt und deswegen nicht hinterfragt zu werden braucht - es istlebensdienlich.

Problematisch wird es, wenn die Rückbindung an einen selbstverständlichen Kontext,an die gewohnte Ordnung, nicht mehr gegeben ist, wenn Störungen im Lebensflussauftreten und das Vorurteil nicht mehr greift. Befinde ich mich beispielsweise bei mirvöllig fremden Menschen zu Gast und es wird Suppe serviert, ohne dass dazu aberLöffel gereicht werden, bin ich gezwungen eine eher theoretische Einstellung gegenübermeiner gewohnten einzunehmen. Ich werde mein Verhalten unter Beobachtung undEinbezug der äußeren Umstände planen und eine ganz individuelle Erfahrung machen,welche in diesem Fall beispielsweise darin bestehen könnte, dass es Menschen gibt, fürdie es durchaus normal ist, die Suppe aus dem Teller zu schlürfen.[7]

Normalität ist in diesem Zusammenhang ein wichtiger Begriff. Denn was die bisherigenAusführungen deutlich gemacht haben sollten, ist die Tatsache, dass der Mensch dazutendiert sich Räume zu schaffen, in denen nicht der Ausnahmezustand, sondern dieNormalität regiert. Der Mensch schafft sich seine Umwelt, um in ihr einen gewohntenGang gehen zu können. Während sich der Mensch Umwelt schafft, ist sie dem Tiernatürlich gegeben. Es ist vollkommen eingebettet in den natürlichen Kreislauf, aus demes aufgrund seiner gegenwartsgebundenen Wahrnehmung und seines Unvermögens,abstrakt zu denken, niemals heraustritt. Die Umwelt des Tiers besteht aus Motiven, aufdie es instinktiv, unmittelbar und ohne vorangehende Deliberation reagiert. Es folgt einer Art angeborenem Programm, während der Mensch sein Programm selbst zu schreiben hat. Der bereits erwähnte Begriff der Institution ist hier von Bedeutung.„Institution ist jede Einrichtung, welcher Mittel sie sich auch immer bedienen mag, dieauf die Herstellung oder Wiederherstellung von unmittelbaren, unreflektiertenLebensregelungen zielt.“[8] Der Mensch kompensiert das Verschwinden vonUnmittelbarkeit, durch das Einrichten von Instanzen, die Unmittelbarkeit gewähren,„Institutionalität ist also Vorentschiedenheit von Vielem zugunsten derUnentschiedenheit von Wenigem, sofern in dieser Verteilung das Wenige auch dasWesentliche ist.“[9] Ein Beispiel für solch eine Institution ist die der Ehe. VieleEntscheidungen über die Form des geschlechtlichen Zusammenlebens in einerGesellschaft sind durch sie vorweggenommen. Die für das Leben des Einzelnenwesentliche Entscheidung für oder wider die Ehe, das heißt die, „wo es auf dasSelbstverständnis und die Selbstgestaltung der Person, des Lebens […] ankommt“[10],liegt beim Einzelnen selbst.

Die Formulierung „das Verschwinden von Selbstverständlichkeit“, impliziert die Annahme, dass an einen Zustand (zumindest) gedacht werden kann, in dem das Selbstverständliche nicht verschwunden, sondern in Gänze anwesend ist; einen Zustand, in dem der Mensch Teil des Programms ist, sein Verstand nicht hinausgreift über das ihm sinnlich Gegebene, einen Zustand frei von unbeantworteten Fragen und ungesicherten Antworten. Dieser Zustand ist die Lebenswelt.

Im folgenden Verlauf dieser Ausarbeitung soll der Versuch im Mittelpunkt stehen, sich dem Begriff der Lebenswelt, wie Blumenberg ihn fasst, noch weiter anzunähern. Es soll gezeigt werden, wie er sich von den Naturzustandstheorien Hobbes' und Rousseaus abgrenzen lässt, inwieweit er mit ihnen vergleichbar ist, und was diese Differenzierung für eine Theorie der Lebenswelt zu leisten vermag.

[...]


1 Hans Blumenberg, „Eine Theorie der Lebenswelt“. Suhrkamp, Berlin, 2010, S.10

2 Hans Blumenberg, „Eine Theorie der Lebenswelt“, S.10

3 Hans Blumenberg, „Eine Theorie der Lebenswelt“, S.10

4 Hans Blumenberg, „Eine Theorie der Lebenswelt“, S.61

5 Hans Blumenberg, „Eine Theorie der Lebenswelt“, S.61

6 Hans Blumenberg, „Eine Theorie der Lebenswelt“, Siehe Klappentext

7 Das ist natürlich keine wirklich problematische Situation, aber das Beispiel veranschaulicht den Dualismus zwischen Verlegenheit und Selbstverständlichkeit. Denkbar wären weitaus dramatischereSituationen, in denen die plötzliche Nichtbewährung eines Vorurteils sich als Schrecken manifestiert.

8 Hans Blumenberg, „Eine Theorie der Lebenswelt“, S.69

9 Hans Blumenberg, „Eine Theorie der Lebenswelt“, S.70

10 Hans Blumenberg, „Eine Theorie der Lebenswelt“, S.70

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Lebenswelt und Naturzustand
Untertitel
Die Lebenswelt in Abgrenzung zu den Naturzustandskonzepten Hobbes' und Rousseaus
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Philosophisches Institut)
Veranstaltung
Hans Blumenberg: Theorie der Lebenswelt
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
12
Katalognummer
V183815
ISBN (eBook)
9783656083641
ISBN (Buch)
9783656083498
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hans Blumenberg, Theorie der Lebenswelt, Naturzustand, Hobbes, Rousseau, Phänomenologie, Husserl, Lebenswelt, Lebenswelt Naturzustand, status naturalis
Arbeit zitieren
Jan Dominic Broich (Autor), 2010, Lebenswelt und Naturzustand, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183815

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