King Lear - Sympathielenkung und Schuldfrage in Shakespeares King Lear


Hausarbeit, 2011
23 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theorie zur Sympathielenkung in Dramen nach Manfred Pfister

3. Textanalyse
3.1. (Un-) Verantwortliches Handeln Lears
3.1.1. Liebestest und die Teilung des Landes
3.1.2. Einsamkeit Lears als Akt der Sympathielenkung
3.1.3. Lears Schuldanteil
3.2. Zentrale Figur: Cordelia
3.2.1. Cordelia. Eine Gefahr?
3.2.2. Sympathielenkung zu Cordelia
3.3. Handeln nach patriarchalischen Werten: Regan und Goneril

4. Resümee

All that follow their noses are led by their eyes but blind men, and there’s not a nose among twenty but can smell him that’s stinking1

1. Einleitung

Die folgende Hausarbeit befasst sich mit der Schuldfrage und die dazugehörige Analyse der Sympathielenkung in Shakespeares Drama King Lear. Der Aufsatz grenzt stark Figuren ein, sodass nur der Vater bzw. König Lear und die drei Töchter jeweils analysiert werden. Der Leser wird schnell merken, dass er mit der Zeit eine gewisse Sympathie zu König Lear und seiner jüngsten Tochter Cordelia entwickelt und eine Antipathie zu den anderen Töchtern Goneril und Regan. Bemerkenswert ist aber, dass sowohl Lear als auch Cordelia in ihren Verhaltensweisen und Einschätzungennicht ganz ordnungsgemäß agieren. Die Entscheidungen sind sehr effektiv, wirkungsvoll und gegen die Vorbestimmungen des jeweiligen Zeitalters. Obwohl Regan und Gonerileigentlich nach den Wertenund Normen ihrer Zeit handeln, werden sie hauptsächlich für schuldig erklärt und es besteht sozusagen eine Antipathie gegen sie. Die vorliegende Hausarbeit soll genau an dieser Stelle eingreifen und zeigen, dass sowohl Lear und Cordelia als auch Regan und Goneril in gewisser Weise schuldig am dramatischen Geschehen sind und dass eine intendierte Sympathielenkung zu Lear und Cordelia nachzuweisen ist.

Demzufolge ist der Einstieg mit einem Theorieteil der Sympathielenkung nach Manfred Pfister festgelegt. Anschließend folgt die Textanalyse. Der Analyseteil ist wiederum in drei Kategorien unterteilt: Erstens, König Lear, zweitens Cordelia und drittens die anderen beiden Töchter Regan und Goneril.

Bei Lear wird sein verantwortliches bzw. unverantwortliches Handeln näher unter die Lupe genommen. Deswegen werden die Szenen des Liebestests und die Teilung des Landes analysierend pointiert.Danacherfolgt die Analyse der Einsamkeit Lears und abschließend sein Schuldanteil.Im zweiten Teil wird eine der Zentralfiguren, Cordelia, analysiert. Ist sie eine Gefahr? Welche Funktionen übernimmt sie? Wie empfindet der Leser eine Sympathie für sie? Welche Mittel der Sympathielenkung werden angewendet? Und letztendlich ihr Schuldanteil. Und im letzten Teil wird das Agieren der beidenTöchter Regan und Goneril nach patriarchalischen Werten untersucht. Die Hauptfrage hier ist dementsprechend:Sind Goneril und Regan wirklich Schuld am tragischen Ende des Vaters oder wieso empfindet der Leser eine Antipathie gegen diese Figuren?

Also lautet unsere Fragestellung für die vorliegende Hausarbeit folgendermaßen:

Wird das Schuldverhältnis - zwischen Lear und seinen Töchtern - durch Sympathielenkungsstrategien bewusst bedient und festgelegt?

2. Sympathielenkung in Dramen nach Manfred Pfister

Die vorliegende Hausarbeit befasst sich mit der Schuldfrage und die damit verbundene Sympathielenkung. Deswegen ist es äußerst sinnvoll sich mit der Theorie der Sympathielenkung ein wenig auseinander zu setzen. Demzufolge folgt nun die Theorie der Sympathielenkung nach Manfred Pfister.

Eine Definition von Sympathiebetonte Edmond Burke in A Philosophical Enquiry into the Origin of our Ideas of the Sublime and Beautiful wiefolgend:

[A] sort of substitution, by which we are put into the place of another man, and affected in many respects as he is affected[.]

Die oben genannte (o.g.) Definition entspricht also nicht dem aristotelischen Moment der Darstellung imitation, sondern eher eine Identifikation des Autors und des Rezipienten mit einer Figur.2 Also ein „transfuse [of] their passions from one breast to another“3

Außerdem wird der Begriff in der Psychologie als eine „Zuneigung, positive Gefühlseinstellung einem oder mehreren Partnern gegenüber“4 definiert. Auch hier steht eher der Bezug der Figuren im Vordergrund, als die Handlung nach aristotelischem Sinne.

Manfred Pfister erläutert, dass positive Sympathielenkung nicht nur durch die naive, romantische Teilnahme des Rezipienten hervorgebracht wird, sondern auch durch die Erweckung von Antipathie für andere Figuren. Somit ist der Begriff der Sympathie unter zwei Ebenen zu verstehen. Zum einen ist es die ästhetische Einstellung des Publikums den fiktiven Figuren und Geschehensabläufen gegenüber, die zwischen den Polen der Identifikation und des Engagements und einer neutralen oder kritischen Distanzvarriert, und [zum anderen] die ganzheitliche, gefühlsmäßige, moralisch wertende und intellektuelle Momente integrierende Reaktion des Publikums auf die Dramenfiguren, die sich in ein Spektrum von uneingeschränkter Sympathie bis zu uneingeschränkter Antipathie abstufen läßt.5

Obwohl die beiden Ebenen voneinander strikt zu trennen sind, ist eine bedingte Relation zueinander deutlich erkennbar, denn „der Grad des Engagements bzw. der Distanzierung bedingt die Intensität der Sympathie- oder Antipathiereaktion.“6

Desweiteren fügt Pfister die auktorial intendierte Sympathielenkung bzw. Wirkung hinzu. Zum Handwerk dienen dazu die zentralen Elemente von Aristoteles eleos, phobos und katharsis, aber auch die späteren dramatischen Begriffe wie dramatische Ironie und Spannung.

Als eine der wichtigsten Strategien bzw. Strukturen der Sympathielenkung fügt Pfister den Begriff des Beziehungsaspektes der Kommunikation hinzu.7 Auf dieser Ebene legt der Sender fest, was der Empfänger verstehen soll. Also auch hier: eine bestimmte Intention. Somit kann man schlussfolgern, dass der Information sendende Dramatiker vorher festlegt, wie er die präsentierenden Figuren vom Leser verstanden wissen will. Dementsprechend versetzt er seine Charakteremit bestimmten Attributen, die die Intention des Autors bzw. Dramatikers resultieren. Besonders wichtig bei der strukturellen Analyse der Sympathielenkung in Dramen ist auch, dass man nicht nur die Relation der Figuren und ihren verbalenund non-verbalen Äußerungen analysiert, sondern die Gesamtheit der strukturellen Relationen im Text in Betracht zieht. Diese ganzheitliche Betrachtung ist deshalb notwendig, weil die dramatische Figur zu einer bestimmten Relation zu anderen Figuren (Korrespondenz- oder Kontrastfiguren) steht. Die Figur ist also ein Teil des Ganzen und muss dementsprechend als ein Ganzes betrachtet werden, um die Sympathielenkung analysieren zu können.8

Ferner ist die Figurenkonstellation für die Analyse bedeutend, denn durch das verbale bzw. non- verbale Verhalten werden den Figuren Eigenschaften, Wertvorstellungen und Handlungsmotivationen zugeschrieben, die mit anderen Figuren im Stück korrespondieren oder kontrastieren. Somit bewahrt der Leser unterschiedliche Distanzen gegenüber bestimmten Personen, entsprechend der identifikations- und sympathiefördernden Figurenkonzeption.

Außerdem werden mit dem Fokus bestimmte Figuren in den Vordergrund bzw. Hintergrund gerückt, da die lange „on stage“ bleibenden Charaktere meistens explizit eine Fremdcharakterisierung durchführen, wobei sie unbewusst, aber parallel dazu eine Selbstcharakterisierung implizieren, dass der Leser je nach Werten, Normen und Ansichten sympathie- oder antipathiefördernd findet.

Darüberhinaus können Innen- und Außenschau je nach Anordnung sympathiefördernd bzw. –hemmend sein. Meistens ist der Innenschau – wie etwa Monologe – eher sympathiefördernd und der Außenschau durch kritische Fremdcharakterisierung sympathiehemmend.

Weitere Aspekte – auf die hier nicht länger eingegangen werden – sind Handlungsverlauf, Informationsvergabe, Publikumsbezug und Techniken epischer Kommentierung.9

3. Textanalyse

3.1. (Un-) Verantwortliches Handeln Lears

Bevor man bestimmte Szenen analysiert, ist es besonders wichtig zu wissen, dass das poststrukturalistische Denken vom Diskurs geprägt ist. Das heißt, dass die Handlungen der Personen predeterminiert sind. Demzufolge sollte man mit äußerster Sensibilität überlegen, bevor man eine Figur im Stück für ‚schuldig‘ erklärt. Denn das Drama zeigt zwar im Vordergrund das handlungsmächtige Individuum, aber unterstellt gerade parallel dazu das Agieren nach bestimmten Vorbestimmungen. Genau diese beiden Blickwinkel sollen im Folgenden berücksichtigt werden. Für die Analyse vom Verhalten von König Lear sind deshalb nun Aufzug I./ Szene I. und Aufzug II./ Szene IV. festgelegt.

3.1.1. Liebestest und die Teilung des Landes

Sofort in der ersten Szene des ersten Aufzugs findet ein Liebestest statt, indem Lear seine Töchter über die Liebesbeziehung fragt. Offen bleibt aber, ob Lear die Antwort als ein Vater oder als ein Herrscher hören möchte. Die Ansprechpersonen spricht er aber lediglich mit „mydaughters“10 an:

Lear: […] Tell me, my daughters

Since now we will divest us both of rule,

Interest of territory, cares of state –

Which of you shall we say doth love us most,

That we our largest bounty may extend

Where nature doth with merit challenge.11

Daraufhin antworten die beiden älteren Schwestern entsprechend ihrer Position als Tochter und unter Lears Herrschaft lebende Bürger:

Goneril: I do love you more than word can wield the

matter,

Dearer than eyesight, space and liberty,

Beyond what can be valued, rich or rare,

No less than life, with grace, health, beauty, honour.

As much as childe’er loved, or father found,

A love that makes breath poor and speech unable,

Beyond al manner of so much I love you.12

Bemerkenswert bei GonerilsAntwort ist, dass sie sowohl das Wort honour, als auch child benutzt. Somit ehrt sie ihren König, aber liebt gleichzeitig den Vater. Regan hingegenantwortetwiefolgend:

Regan: Sir I am made of that self mettle as my sister,

And I prize me at her worth. In my true heart

I find she names my very deed of love:

Only she comes too short, that I profess

Myself an enemy to all other joys

Which the most precious square of sense possesses,

And I find I am alone felicitate

In your dear highnesss’ love.13

Auch die zweite Tochter ehrt in erster Linie denSir, also den König und drückt die Liebe zum Vater aus, so wie er es auch hören möchte. Es darf also bei beiden Töchtern nicht außer Acht gelassen werden, dass beide Lear als einen König und Vater ansprechen. Doch bei Cordelia sieht das Ganze ein wenig anders aus. Zuerst ist nämlich von nichts die Rede14:

Lear: […] Speak.

Cordelia: Nothing, mylord.

Lear: Nothing?

Cordelia: Nothing.

Lear: How, nothing will come of nothing. Speakagain.15

Obwohl Cordelia eine zweite Chance bekommt, zeigt sie ihre Liebe zum Vater und nicht zum König. Sie bricht alle herkömmlichen Regeln und ehrt nicht den König. Der KönigstitelLearswirdsozusagenvomRahmenentzogen.

Cordelia: Unhappy that I am, I cannot heave

My heart into my mouth. I love your majesty

According to my bond, no more nor less.16

Man könnte die unpassende Antwort Cordelias als ein Argument für ihr Schuldanteil erklären. Im Kontrast dazu kann man aber auch implizieren, dass Cordelia nicht wie ihre Schwestern „untreu und schmeichelhaft“17 antwortet, aber dafür die Aufrichtigkeit bewahrt und versucht ihren Vater non- verbal zu überzeugen. Man kann aber leicht erkennen, dass die Kommunikation bereits anfangs scheitert, weil Cordelia nicht in der Lage ist, sich ordnungsgemäß zu äußern. Zuerst antwortet sie mit nothing daraufhin fügt sie hinzu, dass sie ihr Herz nicht auf ihre Lippen heben kann. Diese Metapher soll einfach nur ausdrücken, dass Cordelia unfähig ist, das tief im Herzen Verborgene – die wahre Liebe – in die Öffentlichkeit zu tragen. Da sie sichweder ständig ausdrückenkann und der Vater bzw. der König erfolglos ist, sie zu verstehen, resultieren vom Gespräch die Enterbung und die eheliche Bindung an das fremde Land Frankreich. Cordelia wird verbannt bzw. verfremdet. Somit ist die Sympathie auf die schöne Cordelia gelenkt.

Desweiteren sollte das Land normalerweise in drei geteilt werden und alle drei Töchter würden einen Drittel vom Land bekommen, indem sie herrschen können. Die Voraussetzung dabei war lediglich das Bestehen des Liebestests. Demzufolge wurde die jüngste Tochter enterbt und hat kein Land bekommen, das ebenfalls die Sympathie des Lesers für Cordelia steigert. Die erste explizite Äußerung über die Teilung des Landes erfährt der Leser bereits ganz am Anfang in Zeile drei: the„divisionofthekingdom.“18

[...]


1 Foakes, R.A. (Hg.): William Shakespeare: King Lear (1609). 3. Auflage. 1997 London (The Arden Shakespeare), S. 242. [Im folgenden wird wie folgend zitiert: Shakespeare, S.XX.]

2 Vgl. Pfister, Manfred: Zur Theorie der Sympathielenkung im Drama. In: Habicht Werner, Schabert Ina (Hg.): Sympathielenkung in den Dramen Shakespeares. München 1978 (Band 9), S. 20.[Im Folgenden wird nur noch wie folgend zitiert: Pfister, S.XX.].

3 Burke, Edmond: A Philosophical Enquiry into the Origin of our Ideas of the Sublime and Beautiful. London 1958. S.44.

4 Hehlmann, W.: Wörterbuch der Psychologie. Stuttgart 1959. S.460.

5 Pfister, S. 21.

6 Pfister, S. 21.

7 Vgl. Pfister, S.25f.

8 Vgl. Pfister, S.26.

9 Vgl. Pfister, S.29ff.

10 Shakespeare, S.161.

11 Shakespeare, S.161.

12 Shakespeare, S.161f.

13 Shakespeare, S.162f.

14 Vgl. Wojciehowski, Dolora A.: For the Love of the Father. Repetition and Ambivalence in King Lear Criticism.In: Mosaic, 25:3 (1992), S.24.

15 Shakespeare, S.163f.

16 Shakespeare, S.164.

17 Ich möchte eigentlich ganz vorsichtig mit den Wörtern umgehen, um keine Figuren vorneherein zu beschuldigen.

18 Shakespeare, S. 157.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
King Lear - Sympathielenkung und Schuldfrage in Shakespeares King Lear
Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
23
Katalognummer
V183826
ISBN (eBook)
9783656084211
ISBN (Buch)
9783656084433
Dateigröße
603 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
king, lear, sympathielenkung, schuldfrage, shakespeares
Arbeit zitieren
Habib Tekin (Autor), 2011, King Lear - Sympathielenkung und Schuldfrage in Shakespeares King Lear, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183826

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