Der Tramp und die Polizei

Chaplins komisches Spiel mit der Norm


Essay, 2010

14 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitendes Vorwort

II Die Figur des Tramps

III Die Darstellung der Polizei
a) Komik bei Keystone
b) Komik unter Chaplins Regie
c) Der prototypische Polizist in den Filmen Chaplins
d) Charlies Spiel mit den Polizisten

IV Nachwort

Verwendete Literatur

Filme auf die Bezug genommen wurde (in Reihenfolge der Erwähnung)

I Einleitendes Vorwort

„Polizei [zu mittelhochdt. polizi „Aufrechterhaltung der öffentl. Sicherheit“ (von griech. Politeía „Staatsverwaltung“)], im materiellen Sinn die gesamte Tätigkeit von Verwaltungsbehörden und Vollzugsorganen […] zur Abwehr von Gefahren für die öffentl. Sicherheit und Ordnung sowie zur Beseitigung bereits eingetretener Störungen“1.

Aufrechterhaltung der Ordnung und Beseitigung bereits eingetretener Störungen, dies sind die Aufgaben der Polizei. Es ist nicht schwer zu erkennen, dass diese Aufgaben den Akti- vitäten des Tramps diametral entgegengesetzt sind. Schon der Begriff „Tramp“, sagt ja et- was über einen potentielles Konfliktrisiko mit den Hütern der Ordnung aus. Ein Vaga- bund, ein Herumtreiber und Tagelöhner, jemand ohne Auskommen und feste Bleibe, das klingt schließlich schwer nach subversiven Machenschaften, die da am Werk sind, eine ernsthafte Bedrohung für die Institution der Ehe und des Acht-Stunden-Arbeitstages. Wenn nun jeder so leben würde?

Nun ist es aber auch nicht so, dass der Tramp sich große Mühe gäbe, unbehelligt durchs Leben zu gehen. Er stört die Ordnung, wo immer er auftaucht. Offensichtlich ist also, dass die Polizei dem Tramp ein Antagonist wie aus dem Bilderbuch sein muss. Wie die Polizei in den Filmen Chaplins dargestellt wird und wie die Begegnungen zwi- schen ihr und dem Tramp verlaufen, wie sich das Wechselspiel von Normen, Normhütern und dem Normbrecher Chaplin, das Wechselspiel zwischen Ordnung und Chaos gestaltet, das soll Thema dieser Hausarbeit sein. Die Grundlage für diese Arbeit wird eine Charakte- risierung des Tramps bilden. Schon in der Unkonventionalität der Figur ist konfliktträchti- ges Potenzial veranlagt. Daran schließt sich eine Untersuchung der Darstellungsweise der Polizei und ihrer Konflikte mit dem Tramp an.

II Die Figur des Tramps

Über den Tramp lässt sich vor allem eines sagen: er ist ein Herumtreiber. Selten weiß man am Anfang eines Films woher er kommt, sicher aber, dass er dort wohin er geht, nicht lange bleiben wird. Manchmal wird er zu Beginn eines Films frisch aus dem Gefängnis entlassen (z.B. Police). Das Spiel mit der Norm ist es, was ihn so komisch macht und es scheint ihn zuweilen hinter Schloss und Riegel zu führen.

Es beginnt bei seiner Kleidung, die als gänzlich konform, ja sogar als elegant und stilvoll durchgehen könnte - wären die Schuhe nicht zu groß und der Hut zu klein, die Hose zu lang und der Frack zu kurz. Jedoch bemerkt der deutschsprachige Journalist und Schriftsteller Egon Erwin Kisch bei seiner ersten Begegnung mit Chaplin:

„Außerdem sind seine Stiefel gar nicht so überwältigend groß und so überwältigend lächerlich, wie sie im Film erscheinen, es sind ausgelatschte, geflickte, zerrissene, vielleicht etwas zu große, aber immerhin gewöhnliche Schuhe, und erst die Kunst ihres boss hat ihnen kosmisches Ausmaß verschafft.“2

Erst Chaplins Spiel führt die Norm ins Absurde, macht aus dem Gewöhnlichen etwas Außergewöhnliches. Die Würde, mit der er die Kleidung trägt - Kleidung, die ihre beste Zeit, in der sie noch normatives Statussymbol zu sein vermochte, hinter sich hat - ist Sinnbild einer satirischen Auffassung der etablierten Meinung, man müsse sich als Erwachsener ernst nehmen und diese Seriosität durch die Kleidung ausdrücken. Der Tramp „zeigt, wie lächerlich es ist, ein erwachsener Mensch zu sein, der sich ernst nimmt.“3

Chaplins Spiel mit Normen, mit den ungeschriebenen Gesetzen des Alltags, mit diesem ernsthaften „das macht man halt so“, zieht sich wie ein roter Faden durch all seine Filme. Einerseits liegt das in der Sache selbst begründet: Chaplin machte Komödien. Das Komi- sche ist gewiss immer auch ein Abweichen von der Norm. Sonst wäre es eben nicht das Komische, sondern das Selbstverständliche. Aber da ist noch etwas anderes. Es ist die Entlarvung des Selbstverständlichen als Sinn-und Zwecklosigkeit. Immer wieder wird die Hohlheit aufgedeckt, die sich hinter alltäglichen Riten des kultivierten Selbstverständnis- ses verbirgt. Immer wieder wird das scheinbar Selbstverständliche in Frage gestellt, wenn der Tramp mit Mensch und Ding interagiert.

Von der menschlichen Gesellschaft wird der Tramp abgelehnt und es scheint, als lehne auch er selbst sie ab. In seinem kurzen Aufsatz „Der berühmteste Mann der Welt“4 aus dem Jahr 1922 beginnt Kurt Tucholsky mit einem Zitat von St. John Ervine, seinerseits irischer Dramaturg:

„All der Unsinn den Mister Chaplin macht, kommt nicht aus dem vergeblichen Versuch, klug zu sein, sondern aus den mißlingenden Versuchen, so zu sein, wie andere Leute auch.“5

Dieser Sichtweise ist nicht gänzlich zuzustimmen.6 Versucht der Tramp vergeblich so zu sein wie andere Leute auch, oder probiert er aus wie es ist, so zu sein wie andere Leute auch, um nicht viel später festzustellen, dass es ihm nicht gefällt? Zweitem ist wohl eher zuzustimmen. Wenn der Tramp „eine Art von Beruf ausübt […], handelt es sich eher um ein Spiel mit einer sozialen Rolle, nicht um den Ernst des Lebens.“7 Es handelt sich wie- der um ein Spiel mit der Norm. Ein Spiel kann im eigentlichen Sinne nicht misslingen, es kann nur Spaß machen oder eben nicht. Der Tramp probiert sich in den verschiedensten Berufen, als Pfandleiher, als Fließbandarbeiter, als Glaser. Doch das Gefühl, er würde sich große Mühe geben, seine Aufgaben pflichtbewusst und ordnungsgemäß zu erfüllen, be- kommt man beim Zuschauen nicht. Hinzu kommt eine gehörige Portion Ungeschick.

„Resümee: Im Arbeitsalltag ist dieser Mann nicht zu gebrauchen. Er passt nicht in eine Welt in der sich Männer (zusehends aber auch Frauen ihr Selbstbewusstsein, ihren Platz in der Gesellschaft durch disziplinierte Ausübung ihres Berufs erwerben.“8

Von einem ernsthaften, jedoch misslingenden Versuch kann also nicht die Rede sein. Zwar scheitert er daran, seinen Job nach normativen Maßstäben erfolgreich auszuführen, doch sein Spiel geht immer weiter. Das Besondere am Tramp ist, dass sich normative Maßstäbe nicht auf ihn anwenden lassen. Arbeitslosigkeit, Einsamkeit und Obdachlosigkeit: für den normalen Menschen ausreichende Gründe zu verzweifeln, nicht jedoch für den Tramp.

„Erstaunlich und nicht genug zu würdigen ist, dass ihm sein Ungeschick nicht den geringsten dauerhaften Verdruss bereitet. Er bleibt ein Mensch von unvermindertem Selbstwertgefühl, weil ihm die Mentalität völlig fremd ist, bei der sich der Tag nach der Stechuhr richtet“9

Der Tramp ist ein Außenstehender der Gesellschaft. Er ist weder angewiesen auf die Nächstenliebe seiner Mitmenschen, noch zieht er sein Selbstwertgefühl aus der gesell- schaftlichen Institution „Arbeit“. Er ist im wahrsten Sinne des Wortes frei, frei von schlechtem Gewissen, frei von institutionalisierten Moralvorstellungen, frei von dem Zwang, sein Selbstwertgefühl über seinen gesellschaftlichen Status zu definieren. Der Vergleich zum Kind liegt nahe, genauso gut könnte der Tramp aber ein Außerirdischer in menschlicher Gestalt sein. In jedem Fall erweckt er immer den Anschein, als nähme er das wirre Treiben seiner Mitmenschen zwar interessiert, teils verwundert wahr, ohne sich je- doch groß davon beeindrucken zu lassen - er hat ganz und gar seinen eigenen Kopf.

Sein Spiel mit der Norm offenbart sich auch in der Art wie er mit Gegenständen des alltäglichen Lebens umgeht. Produkte für die Massen, normierte Gegenstände für normierte Menschen- im Zeitalter der Industrialisierung muss der Einzelne nicht mehr erfinderisch sein, um die Tücken des Alltags zu bewältigen. Produkte werden in Reihe produziert, damit jeder jedes zum gleichen Zweck nutzt- nicht jedoch der Tramp:

„Die Straßenlaterne in Easy Street dient als Narkosemaske […]. Ein wenig später wird ein kleiner gußeiserner Herd dazu benutzt, einen Mann zu Boden zu schlagen […]. In The Adventurer verwandelt ein Lampenschirm ihn in eine Stehlampe und macht ihn für die Polizei unsichtbar. In Sunnyside dient ein Hemd als Tischtuch, als Ärmel, als Handtuch und so weiter. Es hat den Anschein, als wollten die Dinge ihm nur zu Zwecken dienen, für die sie von der restlichen Menschheit wohl kaum vorgesehen sind.“10

Der Tramp lässt sich nicht von der Situation prägen, er prägt die Situation. So lässt er sich nicht von einem Gegenstand diktieren wie er ihn zu handhaben hat, ebenso wenig lässt er sich von der menschlichen Gesellschaft sagen wie er zu sein und was er zu tun hat. Der Tramp ist ein Anarchist. Jedoch keiner der passiven Sorte, der sein gesellschaftliches Versagen hinter der Fassade einer politischen Einstellung versteckt, an der dann alles ab- prallt was nicht gefällt. Sondern jemand, der scheinbar intuitiv immer wieder in Situatio- nen gerät, in denen er seine eigenen Ansprüche an das Leben vor den Vertretern einer Ge- sellschaft verteidigen muss, der er sich nie zugehörig gefühlt hat. Dabei gelingt es dem Tramp jede soziale Rolle einzunehmen, wenn in einer Situation Angepasstheit gefragt ist.

„Um es präziser auszudrücken: ein großer Teil von Charlies Komik resultiert aus seinen Bemü- hungen, den Anforderungen einer vorübergehenden Situation entsprechend uns zu imitieren“11.

Wenn er in The Pawnshop beispielsweise den Wecker seziert, ist die fachmännische Miene, die er aufsetzt, von solcher Überzeugungskraft, dass der Kunde erst draußen endgültig merkt, dass ein Stümper am Werk war.

Doch Charlies Spiel mit den gesellschaftlichen Konventionen ruft auch Spielverderber auf den Plan - die Polizei.

[...]


1 „Meyers grosses Taschenlexikon in 24 Bänden“, Bd.17, BI-Taschenbuchverlag, Wien, 1990. Seite 195

2 Wilfried Wiegand (Hrsg.), „Über Chaplin“, Diogenes, Zürich, 1989. Seite 43

3 „Über Chaplin“, S.40

4 „Über Chaplin“, S.36

5 „Über Chaplin“, S.36

6 Sie trifft eher auf Buster Keaton zu.

7 Thomas Koebner (Hrsg.), „Chaplin - Keaton. Verlierer und Gewinner der Moderne“, in: Filmkonzepte, Heft 2, Boorberg, München, 2006. Seite 11

8 „Chaplin - Keaton. Verlierer und Gewinner der Moderne“, S.10

9 „Chaplin - Keaton. Verlierer und Gewinner der Moderne“, S.11

10 „Über Chaplin“, S.138

11 „Über Chaplin“, S.148

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Der Tramp und die Polizei
Untertitel
Chaplins komisches Spiel mit der Norm
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
14
Katalognummer
V183870
ISBN (eBook)
9783656084716
ISBN (Buch)
9783656084846
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
tramp, polizei, chaplins, spiel, norm
Arbeit zitieren
Jan Dominic Broich (Autor), 2010, Der Tramp und die Polizei, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183870

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