“American Beauty” – Filmanalyse aus queer-theoretischer Sicht


Hausarbeit, 2010

24 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. American Beauty und die Queer-Theorie
2.1. Queer
2.1.1. Homosexualität
2.1.1.1. US-amerikanische Geschichte der Homosexualität
2.1.1.2. Homosexualität und Militär
2.1.2. Die Queer-Theorie
2.3. American Beauty
2.3.1. ‚Queeres„ im Film
2.3.1.1. Jim und Jim
2.3.1.2. Colonel Frank Fitts

3. Fazit

Bibliographie Anhang

AMERICAN BEAUTY

1. Einleitung

Alan Ball ist der Autor des Drehbuchs für das mit fünf Oscars ausgezeichnete US- amerikanische Drama ÄAmerican Beauty“, das 1999 Premiere hatte. Mit Sam Mendes als Regisseur und Conrad L. Hall an der Kamera schrieb er mit diesem Spielfilm Geschichte.

Der Film handelt von einem Mann, der sein Leben neu ordnet. Kurz nach seiner erfolgreichen Wendung wird er erschossen - von einem Homosexuellen. Das Interessante daran: Alan Ball selbst ist homosexuell. Bei genauerem Betrachten finden sich im Film viele Facetten zu dieser Thematik. So geht es sowohl um tiefe gleichgeschlechtliche Beziehungen als auch um sexuelle Praktiken und vor allem die Verleugnung und Unterdrückung der eigenen Homosexualität eines Colonels.

Diese Hausarbeit widmet sich eben diesen Aspekten des Films. Nach einer kurzen Darstellung der gesellschaftlichen Verhältnisse bezüglich der Homosexualität in den USA und des Umgangs mit dieser beim Militär, werde ich eine Einführung in die Queer-Theorie geben, die als Bestandteil der Gender-Studies gilt und mit dieser Äals Analysekategorie[…] zur Erforschung gesellschaftlicher Herrschaft über Sexualitäts- und Geschlechterverhältnisse“ dient (Bendl & Walenta, 2007, S. 69).

Im folgenden Teil dieser Arbeit wird der Fokus nach einer kleinen inhaltlichen Einführung in den Film auf die homosexuellen Aspekte gelegt. Eine Beschreibung des Paares Jim und Jim zeigt hier die Vorteile einer offen ausgelebten gleichgeschlechtlichen Beziehung auf, während die detaillierte Analyse des Colonel Frank Fitts das tragische Scheitern eines Homosexuellen beleuchtet, der seine Neigungen unterdrückt.

In einem Fazit werde ich eine Bezugnahme auf den zeitgeschichtlichen Hintergrund leisten und die zuvor vorgestellten Blickwinkel der Queer-Theorie konkret auf die Ergebnisse meiner Filmanalyse beziehen.

2. American Beauty und die Queer-Theorie

2.1. Queer

2.1.1. Homosexualität

Homosexualität wird gewöhnlich als Bezeichnung für die sexuelle Anziehung zwischen Personen des gleichen Geschlechts verstanden. Diese Definition scheint weder fragwürdig noch unsicher. Die theoretische Entscheidung, was Homosexualität ausmacht - oder, pragmatischer gesagt, wer homosexuell ist - ist dennoch alles andere als selbstverständlich. (Jagose, 1996, S. 19)

Jagose leitet 1996 mit dieser Aussage ihre Ausführung theoretischer Konzepte des gleichgeschlechtlichen Begehrens ein. Vor allem Essentialisten und Konstruktivisten hegen unterschiedliche Ansichten über Homosexualität. Während Essentialisten laut Edward Stein behaupten, Ädaß [sic] die sexuelle Orientierung einer Person eine Eigenschaft ist, die unabhängig von Kultur existiert, die objektiv und essentiell ist“ (ebd., 1992a, S. 325, zitiert nach Jagose, 1996, S. 21), argumentieren Konstruktivisten, Äsie sei kulturabhängig, auf die Umwelt bezogen und vielleicht nicht objektiv“ (ebd., 1992a, S. 325, zitiert nach Jagose, 1996, S. 21).

Eine der bedeutendsten konstruktivistischen Positionen ist zurückzuführen auf den französischen Historiker Michel Foucault. Foucault prägte in seinem Band ÄSexualität und Wahrheit“ den Begriff der modernen homosexuellen Identität. Er ist sich bewusst, dass Homosexualität in großem Maße historisch verankert ist und nennt daher einen eindeutigen Beginn des Phänomens:

Man darf nicht vergessen, daß [sic] die psychologische, psychiatrische und medizinische Kategorie der Homosexualität sich an dem Tage konstituiert hat, wo man sie - und hier kann der berühmte Artikel Westphals von 1870 über Ädie conträre Sexualempfindung“ die Geburtsstunde bezeichnen - weniger nach einem Typ von sexuellen Beziehungen als nach einer bestimmen Qualität sexuellen Empfindens, einer bestimmten Weise der innerlichen Verkehrung des Männlichen und Weiblichen charakterisiert hat. (Foucault, 1983, S. 58, zitiert nach Jagose, 1996, S. 23)

2.1.1.1. US-amerikanische Geschichte der Homosexualität

Mit der von Foucault genannten Datierung der Homosexualität geht keineswegs die politisch-rechtliche und gesellschaftliche Toleranz gegenüber homosexueller Neigungen einher. Sogenannte Sodomiegesetze legten alle Praktiken, die nicht der Heteronormativität entsprechen, als strafbar fest. Erst 1969, nach dem als Stonewall bekannt gewordenen Aufstand in New York, bei dem sich erstmalig eine große Gruppierung der Verhaftung widersetzte, begann ein langwieriger Kampf für Gleichberechtigung. Gleichgeschlechtliche Ehen sind in den USA erst seit 2004 möglich.

2.1.1.2. Homosexualität und Militär

Das Militär war in den USA der letzte große Arbeitgeber, der Homosexuelle bis in die 90er Jahre noch explizit diskriminierte. Bis 1993 war es Homosexuellen offiziell verboten, den Streitkräften beizutreten. Bill Clinton einigte sich 1993 mit der Militärführung nach langen Verhandlungen auf die ‚Don‟t-ask,-don‟t-tell-Richtlinie„. Homosexuelle durften somit zum Militär gehören, solange sie ihre homosexuellen Neigungen im Verborgenen hielten. Im Mai 2010 wurde diese Regel nach heftiger Kritik wieder aufgehoben. Erst seitdem können homosexuelle Soldaten offen im US-Militär dienen (vgl. Gabbert, 2007, S. 107-147).

2.1.2. Die Queer-Theorie

1990 wurde die Organisation ÄQueer Nation“ gegründet. Ihr Slogan lautete: ÄWe‟re here. We‟re queer. Get used to it“.

Früher war der Begriff ‚queer„ im besten Fall ein umgangssprachlicher Ausdruck für ‚homosexuell„ und im schlimmsten ein homophobes Schimpfwort. Seit ein paar Jahren jedoch wird ‚queer„ anders gebraucht - als Sammelbegriff für ein politisches Bündnis sexueller Randgruppen und zur Bezeichnung eines neuen theoretischen Konzepts, das sich aus den bereits etablierten Lesbischen und Schwulen Studien entwickelt hat. (Jagose, 1996, S.13)

Der Begriff ‚queer theory„ wurde erstmals 1990 von Teresa de Lauretis eingeführt. Grundlegende Befürworter nach Foucault waren Eve Kosofsky Sedgwick, Judith Butler, Adrienne Rich und Diana Fuss.

Laut Queer-Theoretikern sind die bis in die 1990 Jahre dominanten Begriffe, nach denen Menschen nach Geschlecht und Sexualität kategorisiert werden können, nicht haltbar. So gibt es nur einen Begriff für sexuelle Neigungen zwischen beiden Geschlechtern - heterosexuell - für gleichgeschlechtliche Beziehungen allerdings unzählig viele: homosexuell, schwul, lesbisch, bisexuell, transsexuell, intersexuell und viele mehr. Seit den 1990er Jahren werden diese Begriffe daher nach und nach von dem ins Deutsche übernommenen weitergefassten Begriff Äqueer“ ersetzt.

Die Queer Studies verstehen sich als eine interdisziplinäre Kulturwissenschaft mit einem Fokus auf Beobachtungen abseits der Heteronormativität (vgl. Hauer & Paul, 2006). Sie setzen sich theoretisch mit Genderidentitäten und Kategorien wie Sex, Gender und Begehren auseinander, wobei besonders auf die Verknüpfung dieser Bereiche mit dem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext Wert gelegt wird (vgl. Müller, 2009). Laut Jagose steht queer Ävor allem für ‚Widerstand gegen die Regime der Normalität„“ (Jagose, 1996, S. 134). ÄDie queer-theoretische Entlarvung der stabilen Geschlechter und Sexualitäten stammt aus einer besonderen lesbischen und schwulen Verarbeitung poststrukturalistischer Auffassung, die Identität als Anordnung vielfältiger und unbeständiger Positionen verstehen“ (ebd., 1996, S. 15). Ein Mensch dürfe nicht nach seinen sexuellen Handlungen gedeutet werden, ebenso wie Geschlechterrollen nicht nach dem definiert werden können, was ein Mensch tut. Es wird von einem entscheidenden Unterschied ausgegangen, zwischen dem, was ein Mensch tatsächlich ist, und der Rolle, die er in der Gesellschaft annimmt. ÄAllgemein gesagt, beschreibt ‚queer„ Ansätze oder Modelle, die Brüche im angeblich stabilen Verhältnis zwischen chromosomalem, gelebtem Geschlecht (gender) und sexuellem Begehren hervorheben“ (Jagose, 1996, S. 15).

David M. Halperin kritisiert als weiterer Queer-Theoretiker die Vorstellung von Stereotypen. Er beanstandet, dass jeder zu wissen scheint, wie ein gleichgeschlechtlich Orientierter aussieht, sich benimmt (vgl. ebd., 1995, S.201).

‚Du kannst ihn an seinem provozierend schmelzenden Blick erkennen und an der raschen Bewegung seiner intensiv starrenden Augen. Seine Stirn ist gefurcht, während seine Augenbrauen und Wangen in dauernder Bewegung sind. Sein Kopf ist zur Seite geneigt, seine Lenden halten nicht still und seine lockeren Glieder ruhen niemals in einer Position. Er trippelt mit kleinen hüpfenden Schritten umher; seine Knie schlagen zusammen. Er trägt seine Händeballen nach außen gewendet. Er hat einen schweifenden Blick, und seine Stimme ist dünn, weinerlich, schrill und schleppend.„ (Gleason, a.a.O., S.63, zitiert nach Halperin, 1995, S. 202)

Jagose stellt weiterhin fest, dass die Queer-Theorie sich zunächst vorwiegend mit der Entneutralisierung der Sexualität beschäftigt habe. Hinzu kämen neuerdings jedoch auch andere Aspekte. Rosemary Hennessy bezeichne so nun auch die Abweisung von Anpassung und Separatismus als Bestandteile der Theorie (vgl. Jagose, 1996, S.127). Die Queer-Theorie wendet sich damit gegen die schlichte Kategorisierung Homosexueller, gegen die Unterdrückung und Diskriminierung derselben, selbst wenn sie nur unbewusst geschehen. So nimmt sie gegenüber der Normalisierung der Heterosexualität eine kritische Position ein und grenzt sich bewusst von jeglichen Stereotypisierungen ab. Gleichzeitig wehrt sie sich gegen eine allzu eindeutige Eingrenzung ihrer Theorie selbst und bezeichnet sich selbst als eine sich ständig im Wandel befindende und stets zu erweiternde Theorie (vgl. Jagose, 1996, S. 7-12).

2.3. American Beauty

Allein der offizielle Trailer des Films verrät mit seinen insgesamt fünfzig eingeblendeten Schlagworten eine Fülle an inhaltlichen Aspekten. Es geht um Schönheit, Familie, Liebe und Leben; um Hass, Angst, Waffen, Erfolg und Tod.

Die Hauptrolle in diesem Netzwerk von Gefühlen, Motivationen und sozialen Geflechten spielt Lester Burnham, ein zweiundvierzigjähriger Magazinmitarbeiter in einem anonymen Vorort in den USA. Gespielt von Kevin Spacey und gelöst von jeglicher Vorstellung von Zeit erzählt der Protagonist den Zuschauern post-mortal von den Erlebnissen seines letzten Lebensjahres und demaskiert dabei seine Gesellschaft und sich selbst. Inmitten einer Midlife-Crisis definiert Lester Burnham sein Leben neu, indem er zu längst vergessenen Träumen und Prinzipien zurückfindet. Dabei überwindet er die Fassade seines kleinbürgerlichen Vororts, die Erfolgsgier seiner Frau Carolyn, die Abgrenzung seiner pubertären Tochter Jane und seine triebhaft jugendliche Leidenschaft für die selbsternannte Schönheit Angela.

Zum Ende des Films empfindet Lester zum ersten Mal wahres Glück. Während er zufrieden auf ein Familienfoto blickt und sich an die schönen und glücklichen Momente mit seiner Familie erinnert, wird er erschossen.

Zu diesem Zeitpunkt ist dem Zuschauer nicht klar, von wem er getötet wird. Jane und ihr Freund Ricky sind im Haus anwesend und spielen zuvor mit dem Gedanken, dass Ricky Janes Vater für sie umbringen könne. Lesters Frau, Carolyn, ist vom Zuschauer zuletzt aufgelöst mit dem Auto und einer Waffe auf dem Beifahrersitz auf dem Weg nach Hause gesehen worden. Angela ist ebenfalls noch im Haus und hat den Raum erst kurz zuvor verlassen.

Im Laufe einer vielfachen Wiederholung der Sequenz - jeweils aus den dargestellten Perspektiven - wird jedoch klar, dass es sich bei dem Mörder um den Nachbarn Colonel Frank Fitts, Rickys Vater, handelt. Dieser hatte kurz zuvor Lester und sich selbst eingestehen müssen, gegen seinen Willen und seine konservativen Ansichten homosexuell zu sein. Von Lester ist er freundlich zurückgewiesen worden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
“American Beauty” – Filmanalyse aus queer-theoretischer Sicht
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Autor
Jahr
2010
Seiten
24
Katalognummer
V184163
ISBN (eBook)
9783656087991
ISBN (Buch)
9783656087809
Dateigröße
813 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
american, beauty”, filmanalyse, sicht
Arbeit zitieren
Frauke Schoon (Autor), 2010, “American Beauty” – Filmanalyse aus queer-theoretischer Sicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184163

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