Kunst, Erotik und die Pornographie - distinkte Kategorien?


Hausarbeit, 2011

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Begrifferläuterung
1.1 Pornographie
1.2 Erotik

2. Anwendung an praktischen Beispielen
2.1 Robert Mapplethorpe: Marty and Veronica, 1982
2.2 Jeff Koons: Butt Red (Close Up), 1991
2.3 Helmut Newton: Frau in einem Pelzmantel (Woman in a Fur Coat), 1976

Schluss

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

Im Laufe des Seminars wurde deutlich, dass die Unterschiede zwischen Kunst, Erotik und Pornographie teilweise zu verschwimmen scheinen. Insbesondere bei der Diskussion im Anschluss an mein Referat zeigte sich, dass diese Trennung stark subjektiv ist und häufig mit persönlichen Moralvorstellungen, Einstellungen und Hintergründen verbunden ist.

Diese Hausarbeit ist ein Versuch, dies theoretisch zu unterlegen. Ihr Ziel ist daher nicht eine normative Beurteilung („Ist Pornographie gut, schlecht oder gefährlich?“), sondern ein Aufzeigen von möglichen Kategorien, die Erotik und Pornographie unterscheiden können und ihre praktischen Anwendung an mehreren Beispielen, um sich der Grenze zwischen Pornographie und Erotik bewusst zu werden. Dazu habe ich drei Werke verschiedener Künstler ausgewählt, die aus dem letzten Jahrhundert stammen und möglichst realitätsgetreu dargestellt sind (zwei Fotographien bzw. eine Serigraphie).

1. Begrifferläuterung

In diesem Abschnitt sollen die beiden behandelten Begriffe „Pornographie“ und „Erotik“ definiert und voneinander abgegrenzt werden, um dann im nächsten Abschnitt mit ihnen argumentieren zu können.

1.1 Pornographie

Das Wort stammt aus den altgriechischen Begriffen πόρνη (porne „Dirne“) und γραφειν (graphein „schreiben“) (Pape 1914: 684) und ist laut Wörterbuch definiert als „einseitig das Sexuelle darstellend“ (Duden 2004: 759). Radikalfeministin Andrea Dworkin behauptet zur Stellung der Dirnen im antiken Griechenland:

Porne bedeutet „Hure“, und zwar spezifisch und ausschließlich die unterste Klasse der Huren, was im antiken Griechenland die Bordellschlampe war, die allen männlichen Bürgern zur Verfügung stand. Die porne war die billigste (im wörtlichen Sinn), am wenigsten respektierte, am wenigsten beschützte aller Frauen, einschließlich der Sklavinnen (zitiert nach von Fintel 1970: 19).[1]

Sie schließt daher, dass Pornographie „die schriftliche oder bildliche Darstellung von Frauen als wertlose Huren [ist]. Das Wort hat seine Bedeutung nicht verändert, und das Genre trägt keinen falschen Namen“ (zitiert nach ebd.: 19).

Autorin Julie Peakman beschreibt Pornographie explizit als „the written or visual representation in a realistic form of any general or sexual behavior with a deliberate violation of existing and widely accepted moral and social taboos“ und grenzt dieses Genre von der Erotik ab durch „explicit depiction of sexual organs and sexual practices with the aim of arousing sexual feeling“ (Peakman 2003: 5) – die sexuelle Stimulation des Betrachters sei folglich essentiell. Dies scheint auf den ersten Blick eine genaue Definition zu sein, ist jedoch wissenschaftlich sehr ungenau, denn „what is constituted as sexually stimulating changes with different societies and varies among individuals“ (Talvacchia 1999: 103).

Betrachtet man die rechtliche Definition von Pornographie, so werden Parallelen mit gleichen Schwachstellen deutlich: Laut Definition des Sonderausschusses für die Strafrechtsreform weise Pornographie „Stimulierungstendenz und Anstandsverletzung“ auf (Schroeder 1992: 17).[2] Außerdem wird auf weitere hilfreiche Kriterien hingewiesen, wie beispielsweise „die unrealistische Darstellung“ durch „verzerrte“ oder „aufdringlich vergröbernd[e]“ Schilderung (ebd.: 18); die „Isolierung der Sexualität“, bei der Sexualität „auf sich selbst reduziert“ wird und der Mensch „auf ein physiologisches Reiz-Reaktions-Wesen reduziert wird“ (ebd.: 18) – d. h. der eigentliche künstlerische, tiefer gehende Inhalt fehlt; sowie die Versachlichung von Menschen, bei der „Pornographie [...] den Menschen zum bloßen (auswechselbaren) Objekt geschlechtlicher Begierde degradiert“ (ebd.: 18). Weitere Kategorien seien die „Erniedrigung eines Geschlechts“, das allerdings nicht auf die „Darstellung von Frauen beschränk“ sei (ebd.: 18) und die intensive Aufdringlichkeit (ebd.: 18).

Interessant ist auch ein Rückblick, wie in den 1970er-Jahren über Pornographie diskutiert wurde. Lothar Streblow stellte die These auf, dass „echte pornographische“ Werke anhand von elf Merkmalen identifiziert werden können (Streblow 1968: 34). Die für die weitere Analyse wichtigsten Kategorien sind Defloration mit sadistischen Elementen, d. h. die Darstellung des ersten Geschlechtsverkehrs, bei der „das Mädchen sich ausnahmslos nicht um den ihr zugefügten Schmerz kümmert“ (ebd.: 35) und häufig mit voyeuristischen Einflüssen verbunden ist; „unverhohlen praktiziert[em]“ Inzest (ebd.: 36); „Profanieriung des Heiligen“, d. h. die Darstellung sexueller Aktivitäten von Nonnen und Priestern, die den „pychologischen Reiz“ erhöht (ebd.: 37) und „hypersexuelle Männer“ (ebd.: 38), die mit „unbegrenzter Potenz“ (ebd.: 38) und übertrieben großen Geschlechtsteilen nymphomane Frauen verführen, die als „Personifikation sexueller Wunschträume“, „maßlos leidenschaftlich, sexuell unersättlich“ und nur an „permanentem Koitus“ interessiert gelten (ebd. :38).[3]

Zusammenfassend ist Pornographie ein rein sexuell stimulierendes Genre, das auf den (harten, teilweise brutalen) Geschlechtsverkehr reduziert wird und bei dem „auf alle nicht erotisch stimulierenden Beschreibungen, beispielsweise der Landschaft [...] bewußt [sic!] verzichtet wird“ (ebd.: 42).

1.2 Erotik

Erotik wird meistens als „sinnliche Liebe“ definiert (Duden 2004: 349). Detaillierter beschreibt das Lexikon für Sexualforschung Erotik als einen „Ausdruck der ästhetischen Lebensbereiche, welche das sexuell-sinnliche Begieren in der Wirkung auf das Gesamterleben einzuschränken bzw. zu modifizieren vermögen“ (zitiert nach Kahmen 1971: 7). Im Gegensatz zur „physischen“ Sexualität sei Erotik „was an Sinnlichem psychisch seine Auflösung im Gehirn“ findet (ebd.: 7). Daher sei Erotik in der Kunst „Form gewordene, sichtbar gewordene, [...] höchste und edelste Form der Sinnlichkeit“ (ebd.: 10). Der Professor für Psychologie Herbet Selg meint, dass Erotik trotzdem „mit der Absicht hergestellt werden [kann], sexuell zu erregen“ (Selg 2003: 60) und schlägt als Unterscheidungsmöglichkeit zur Pornographie vor, dass Erotik keine „deutliche Degradierung“ enthält (ebd.: 60).

Es wird also deutlich, dass es eine „Differenz zum rein Triebhaften und Körperlichen des Sex“ gibt (Scholz 2000: 5) und im Gegensatz zur Pornographie mit „einem Mehrwert verbunden“ ist (ebd.: 5). Nichtsdestotrotz kann Erotik „als Darstellung von Sexualität zwischen Partnern oder auch autosexuell angesehen werden, die anregen und positive sexuelle Gefühle erzeugen soll“ (Heiliger 2005: 131). Im Gegensatz zu Pornographie ist die Art der Stimulation unterschiedlich: Erotika „sollen die Phantasie anregen und die Möglichkeiten sexueller Erfahrungen erweitern und intensivieren[;] Pornographie dagegen ist Darstellung von Frauen als Huren, als entwerteten und herabgewürdigten Personen, die sich sexuell für Geld anbieten und den männlichen Betrachter im Auge haben, um ihn sexuell zu erregen“ (ebd.: 131 f.). Dies wird auch im folgenden Zitat von der amerikanischen Feministin Gloria Steinem deutlich:

After all, „erotica“ is rooted in „eros“ or passionate love, and thus in the idea of positive choice, free will, the yearning for a particular person. [...] „Pornography“ begins with a root „porno“, meaning „prostitution“ or „female captives“, thus letting us know that the subject is not mutual love, or love at all, but domination and violence against women (zitiert nach von Fintel 1970: 19).

2. Anwendung an praktischen Beispielen

Im Folgenden werde ich anhand von drei Beispielen den Konflikt zwischen Erotik, Pornographie und Kunst verdeutlichen.[4]

2.1 Robert Mapplethorpe: Marty and Veronica, 1982

Dieses Bild wurde im Jahre 1982 von Robert Mapplethorpe veröffentlicht und war Teil seiner Serie „Marty and Veronica“. Diese schwarz-weiß Aufnahme zeigt die Grauzone zwischen Pornographie und Kunst: Dargestellt wird ein eindeutig sexueller Akt, der auf Lust basiert und nicht der eigentlichen Fortpflanzung dient. Ist dieses Foto also pornographisch?

[...]


[1] Diese Sichtweise sei jedoch nicht unumstritten. So bemerkt Claudia Gehrke, dass ‚πόρνη’ ebenfalls der Beinamen Aphrodites gewesen sei und folgert, dass ‚πόρνη’ bezeichne ‚die Gesamtheit der Liebesdienerinnen und Liebesdiener’, deren Beruf „zunächst mal noch nichts schlechtes [sei]“. Daher widerspricht sie der Auffassung, dass ’Pornographie’ „vom Wortsinn her die Erniedrigung“ festlegt (zitiert nach von Fintel 1970: 19 f.).

[2] „Stimulierungstendenz“ bedeutet demnach, dass das Werk „ausschließlich oder überwiegend auf die Erregung eines sexuellen Reizes bei dem Betrachter“ abzielt. „Anstandsverletzung“ ist definiert als „die im Einklang mit allgemeinen gesellschaftlichen Wertvorstellungen gezogenen Grenzen des sexuellen Anstandes eindeutig überschreiten“ (Schroeder 1992: 16).

[3] Anhand der von Streblow zitierten Kategorien ist auch ein Wandel in der Definition von Pornographie über die Zeit möglich. Er beschreibt, dass „Neger und Asiaten als Sexsymbole“ (ebd.: 39) und homosexuelle Handlungen in jedem pornographischen Werk vorkommen. Meist werden letztere nicht direkt dargestellt, sondern die „heterosexuellen Handlungen [sind] meist mit stark homosexuellen Elementen durchsetzt“ (ebd.: 39 f.). Im Zuge der Liberalisierung unserer Gesellschaft wurden diese Gruppe zunehmend toleriert und wurden für die Pornographie teilweiser uninteressanter, weil sie keine Tabus mehr darstellten und dadurch den sexuellen Reiz verloren. Heutzutage können sie zwar Teil von Pornographie sein, müssen es aber nicht.

[4] Das Beispielbild unter der Überschrift dient lediglich zur Kontrolle, um Missverständnisse zu vermeiden und ist deshalb sehr klein gehalten.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Kunst, Erotik und die Pornographie - distinkte Kategorien?
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
13
Katalognummer
V184227
ISBN (eBook)
9783656089162
ISBN (Buch)
9783656089315
Dateigröße
5060 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kunst, erotik, pornographie, kategorien
Arbeit zitieren
Lennart Marx (Autor), 2011, Kunst, Erotik und die Pornographie - distinkte Kategorien?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184227

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