Johannes Lepsius und der Völkermord an den Armeniern


Referat (Ausarbeitung), 2011

11 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Johannes Lepsius und der Völkermord an den Armeniern

Johannes Lepsius galt als ein Musterbeispiel der (deutschen) Selbstlosigkeit und als eine der Hauptpersonen, wenn nicht sogar die Hauptperson der deutsch-armenischen Beziehungen (zu seiner Zeit). Er veröffentlichte die damals mächtigsten Beweise zum Völkermord, der am Anfang des 20. Jahrhunderts durch die Türken an den Armeniern unter dem Decknamen „militärisch notwendiger Deportationen“ verübt wurde. In diesem Aufsatz soll kurz sein Lebenswerk, das Hilfswerk für die Armenier, und dessen Entwicklung nachgezeichnet werden.

Leben und Wirken bis zum Kriegsbeginn

Johannes Lepsius wurde am 15. Dezember 1858 in Berlin als sechstes und jüngstes Kind einer einflussreichen, intellektuellen Familie geboren, in der sich häufig wichtige Vertreter aus Politik, Kultur und Kirche trafen. Mit 19 Jahren nahm er ein Studium der Theologie auf, unterbrach es jedoch für 3 Jahre, um sich der Philosophie zu widmen.[1] 1884 wurde er Hilfsprediger und Lehrer in Jerusalem, was ihn mit besonderen Problemen in der örtlichen Bevölkerung konfrontierte, da er viel mit Waisenhäusern arbeitete. Insbesondere in einem Waisenhaus, das infolge von Massakern an Christen in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden war, setzte er sich zum ersten Mal mit diesem Thema auseinander.[2]

Nachdem er mit seiner neuen Frau nach Deutschland zurückgekehrt war und 1887 Pfarrer in Friesdorf im Harz wurde, zeigten sich bereits erste Missionsabsichten, die mit der Gründung eines Gebetsbundes (1895) verstärkt wurden. Dieser Bund, der als Anfangspunkt der Deutschen Orient- Mission (DOM) gilt, die dann Ostern 1896 gegründet wurde, sollte für die Mission in der muslimischen Welt einstehen. Jedoch wurde das Vorhaben von gewalttätigen Auseinandersetzungen und der ersten großen Verfolgung der armenischen Bevölkerung durch die Türken überschattet.[3]

Die Presse im Deutschen Reich tat die Ereignisse allerdings als „englische Lügen“ ab und sie gelangten kaum an die Öffentlichkeit.[4]

Doch Lepsius erkannte die Hilfsbedürftigkeit der Menschen: „Das Programm der DOM in dem zunächst nur an Mohammedaner-Mission gedacht war, wurde durch die Logik der Tatsachen auf eine andere Aufgabe abgelenkt: Das Hilfswerk für die Witwen und Waisen der sinnlos hingeschlachteten Armenier und Syrer.“[5] 1896 reiste er deshalb in die Massakergebiete im Osmanischen Reich und gründete nach seiner Rückkehr zusammen mit Ernst Lohmann den 'Deutschen Hilfsbund für Armenien'. Er hielt es von nun an für seine Aufgabe, über die Geschehnisse in der Türkei zu berichten und Hilfe für die armenische Bevölkerung zu organisieren. Die Waisenhausarbeit in Talas beim kappadokischen Kayseri (Caesarea) und im mesopotamischen Urfa (dem alten Edessa) , die große moralische und finanzielle Unterstützung aus Deutschland (insbesondere durch die Kirchen) erfuhr, war die erste Unternehmung dieses Projekts. Sein Engagement und seine Berichte über die Gräueltaten machten Lepsius bereits weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt.[6]

So wurden bis 1899 sieben Hilfsstationen in Persien, Bulgarien und der Türkei eröffnet, außerdem grundlegend notwendige Einrichtungen, wie Kliniken, Schulen, Apotheken und Werkstätten. Ziel war es, den mittlerweile älter gewordenen Waisen die Möglichkeit zu geben, eine selbstständige Existenz zu gründen.[7] Dort bekamen nicht nur Überlebende des armenischen Volkes Hilfe, sondern auch viele christliche Syrer und manchmal (in den Krankenhäusern) sogar Mittäter und Mitschuldige der Massaker. Wegen des hohen Arbeits- und Zeitaufwands, der von ihm nun beansprucht wurde, musste Lepsius allerdings sein Pfarramt in Friesdorf niederlegen, um sich ganz der Sache Armenier widmen zu können. Er war „nicht nur als Hauptorganisator, sondern theologisch und schriftstellerisch als geistiger Motor für alle am Hilfswerk Beteiligten“[8] tätig.

In den folgenden Jahren, etwa 1900 bis 1912, verschob sich sein Arbeitsbereich wieder mehr zur Mission und zur Theologie. Mit großer Entschlossenheit warb er für die Orient-Mission, die für ihn vornehmlich auf Muslime abzielte und sich von der Heiden-Mission unterscheiden müsse. Zu diesem Zweck gründete er in Berlin, zusammen mit der DOM, einige Seminare, in denen die zukünftige Missionare speziell ausgebildet wurden. Dort standen die notwendigen Sprachen, die Theologie, das Recht und die Literaturen des Islam im Mittelpunkt. In Bulgarien und Russland erzielte man sogar einige Erfolge die aber nicht von großer Dauer und Wirkung waren.[9]

Bis 1914 schien Lepsius' Lebenswerk den Höhepunkt zu erreichen. Nach dem Regierungswechsel durch die Jungtürkische Revolution (1909) ergaben sich neue Chancen auf eine staatliche Unabhängigkeit der armenischen Bevölkerung vom Osmanischen Reich. Dies weckte große Hoffnungen auf eine armenierfreundlichere Haltung und auf eine Öffnung der Türkei die für Missionsarbeit. Zwischen 1912 und 1914 tat Lepsius sein Bestes, als Diplomat zwischen Russland, Deutschland, der Türkei und England zu vermitteln, die alle unterschiedliche Pläne und Ziele in der Sache der Armenier hatten.[10] Bereits zu dieser Zeit äußerte er aber auch Bedenken darüber, „dass in der Türkei bezüglich der Armenier der Ruf laut wurde „In die Steppe!“ und er fragte sich besorgt, „ob auch dieser Ruf sich verwirklichen wird. Ist keine Versöhnung im Rassenkampf möglich und muß wirklich die Einheit der Zivilisation durch die Hinopferung ganzer Völker erkauft werden?“[11].

Der Verlauf der Verhandlungen gipfelte im Frühjahr 1914 in der Unterzeichnung des Vertrags über die „Armenischen Reformen“, denen sich alle Großmächte, sogar die Türkei, anschlossen. Darin sehen sie die Unabhängigkeit der armenischen Gebiete vom Osmanischen Reich vor. Außerdem gründete Lepsius, gemeinsam mit einigen anderen, zu dieser Zeit auch die Deutsch-Armenische Gesellschaft (DAG), die sich die Förderung des wechselseitigen Verständnisses und der kulturell- wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Völkern zum Ziel setzte. Jedoch veränderte der Ausbruch des Ersten Weltkriegs die gesamte Situation radikal und machte die Hoffnungen auf eine Autonomie der Armenier zunichte.[12]

Der Völkermord und die Zeit des Ersten Weltkriegs

Die Missionsarbeit gelang infolgedessen nur noch schlecht. Vor allem der Transfer der finanziellen Mittel erwies sich auf Grund der politischen Lage als äußerst problematisch. Mit dem Kriegseintritt der Türkei an der Seite von Deutschland begannen zwar die letzten Jahre des Osmanischen Reiches, jedoch bekamen die nationalistischen Diktatoren aus dem jungtürkischen Lager, vor allem Kriegsminister Enver Pascha und Innenminister Talat Pascha, nun auch die Gelegenheit, ihre sorgfältig geplanten Deportationen der armenischen Bevölkerung ‚ins Nichts‘ durchführen zu lassen. Nachdem die Türken einige schwere militärische Niederlagen erlitten hatten, machten sie die armenischen Christen zum Sündenbock und warfen ihnen Hochverrat und Unterstützung ihrer Feinde vor (Russland).[13] Dies nahmen sie zum Anlass, „alle nicht ganz einwandfreien Familien“ auszusiedeln und „in Mesopotamien anzusiedeln“, auch um „Massenerhebungen“ zu verhindern, wie sie es euphemistisch ausdrückten.

Lepsius war die Tragweite dieser Verordnung sofort bewusst:

„ Um ,Massenerhebungen vorzubeugen ‘ verschickt man nicht ,Familien ‘ , die ,nicht ganz einwandfrei ‘ sind, sondern ,Massen ‘ . Massendeportationen sind Massenmassakers. Da ß wei ß jeder, der die inneren Zustände der Türkei und die Bedingungen, unter denen solche Verschickungen stattfinden, kennt. “ [14]

[...]


[1] Vgl. Baumann, 2007, 10.

[2] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Lepsius, abg. 02.12.11.

[3] Vgl. Baumann, 2007, 11.

[4] Vgl. Goltz, 2002, 4.

[5] Baumann, 2007, 10f.

[6] Vgl. Baumann, 2007, 12 sowie Goltz, 2002, 4.

[7] Vgl. Baumann, 2007, 13.

[8] Goltz, 2002, 5.

[9] Vgl. Baumann, 2007, 13-16.

[10] Vgl. Baumann, 2005, 74f. sowie Baumann, 2007, 16f. sowie Goltz, 2002, 7.

[11] Baumann, 2005, 76.

[12] Vgl. Baumann, 2005, 74f. sowie Baumann, 2007, 16f. sowie Goltz, 2002, 7.

[13] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Jungt%C3%BCrken, abg. 13.12.11, sowie Goltz, 2002, 7.

[14] Baumann, 2005, 76.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Johannes Lepsius und der Völkermord an den Armeniern
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Theologische Fakultät)
Veranstaltung
Christen in der islamischen Welt
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
11
Katalognummer
V184254
ISBN (eBook)
9783656089704
ISBN (Buch)
9783656524731
Dateigröße
730 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Im Anhang befindet sich ebenfalls das Handout zum Referat, in dem alle Daten und Fakten zu Johannes Lepsius übersichtlich zusammengefasst wurden.
Schlagworte
Johannes Lepsius, Völkermord, Armenien, Türkei, Erster Weltkrieg, Orient, Mission, Hilfswerk, Genozid, Christen, Islam, Biographie
Arbeit zitieren
Steffen Schütze (Autor), 2011, Johannes Lepsius und der Völkermord an den Armeniern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184254

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