Hagen von Tronje im Spannungsfeld verschiedener Herrschaftsdiskurse


Examensarbeit, 2011
92 Seiten, Note: 1,00

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum Diskursbegriff
2.1. Die Methode der kritischen Diskursanalyse
2.2. Fazit zur Methodik der Diskursanalyse

3. Die Kohärenz der Motive - oder: Die Frage nach den Diskursen

4. Eine Makroanalyse des Nibelungenliedes

5. Höfisches und archaisches im Nibelungenlied
5.1. Merkmale des christlich-höfischen Diskurses
5.2. Merkmale des archaisch-heroischen Diskurses

6. Figurenkonzeption Hagens
6.1. Namensgebung und literarische Wurzeln
6.2. Verwandtschaftliche Beziehungen
6.3. Äußere Merkmale
6.4. Hagen als Modell: Ein Muster an Heldenepik?

7. Szeneanalysen I
7.1. Kriemhilds Warnträume
7.1.1. Der Falkentraum
7.1.2. Der Wildschweintraum
7.1.3. Der Bergetraum
7.2. Siegfrieds Ankunft in Worms
7.2.1. Siegmunds Warnung vor Siegfried
7.2.2. Ankunft und Jungsiegfriedgeschichte
7.2.3. Hagen im Sachsenkrieg
7.3. Isenstein
7.4. Der Mord an Siegfried

8. Ein Zwischenfazit

9. Szeneanalysen II
9.1. Kriemhild und Etzel
9.1.1. Etzels Werbung
9.1.2. Kriemhilds Einladung
9.2. Donauepisode
9.2.1. Zu Strophe 1526
9.2.2. Die merewîp-Prophezeiung
9.2.3. Übersetzung und Kaplanepisode
9.3. Am Etzelhof
9.3.1. Der bewaffnete Kirchgang
9.3.2. Rüdigers Schildgabe

10. Fazit

11. Primärliteratur

12. Sekundärliteratur

13. Anhang

1. Einleitung

"Man ist nicht daran gewöhnt, dass eine Figur in einer mittelalterlichen Erzählung in solchem Maße wie Hagen gute und böse Züge aufweist. Wir erwarten einen Helden oder einen Bösewicht, und assoziieren den Antihelden oder die gemischte Figur mit modernerer Literatur."[1]

Die Figur Hagens von Tronje ist in der Nibelungenliteratur eine der umstrittensten Figuren. Der Grund dafür liegt in der Widersprüchlichkeit der Gesamtkonzeption dieser Gestalt, wie das obige Zitat bereits andeutet. Auf der einen Seite steht 'der Ritter' Hagen, der wichtiger Bestandteil der höfischen Welt zu Worms ist. Andererseits begegnet man immer wieder ei- nem ganz unhöfischen Hagen, dessen Taten in keinster Weise einem Ritter anstünden. Wie können diese Widersprüche aber in einer einzigen Figur verbunden sein? War der Dichter ein Dilettant? Sind verschiedene Vorlagen schuld an diesen Spannungen? Oder wollte der Dichter seinen Hörern beide Seiten vorführen, um seine gesellschaftskritische Aussage in sein Werk hineinzuweben? Oder aber: Ist es vielleicht gar kein Widerspruch, lässt sich die Ambivalenz in dieser Hagenfigur vielleicht durch Regeln begründen, greifbar machen?

Auf jene Fragen möchte diese Arbeit versuchen Antworten zu finden. Bevor jedoch die eigentliche Thematik behandelt werden kann, soll zunächst ein kurzer Vorspann zur Theorie und zur Untersuchungsmethodik erfolgen. Hierbei ist besonders auf den Begriff des Diskurses einzugehen und einige wichtige Diskurstheoretiker vorzustellen. Es wird dabei kein Anspruch auf Vollständigkeit gelegt werden, da das nicht dem Erkenntnisziel dieser Arbeit entspräche. Stattdessen sollen einzelne Aspekte und Methoden, die für die Untersuchungsziele von Bedeutung sind, herausgegriffen und skizziert werden.

In einem ersten Schritt soll zunächst die Kohärenz des Textes untersucht werden; damit geht die grundlegende Frage einher, ob die im Nibelungenlied anzutreffenden Diskursstränge sinnhaft, reflektiert eingesetzt sind, oder, ob der Dichter bei der Schaffung seines Epos grobe Brüche in der Struktur desselbigen zugelassen habe, wodurch ein neben- und übereinander verschiedener Diskursstränge eher 'Unfall' oder unbeabsichtigte 'Collage' denn Sinnstruktur wäre. Im nächsten Schritt beginnt die eigentliche Auseinandersetzung mit dem Nibelungen- lied. Dabei werde ich mich entsprechend der diskursanalytischen Praxis vom Groben zum Feinen vorarbeiten: Zunächst bedarf es einer Analyse der Entstehungsgeschichte des Nibelungenliedes, um den sozio-kulturellen Hintergrund zu durchleuchten und dabei eventuell auch die Frage zu klären, inwiefern eine gesellschaftskritische Aussage durch die Ambivalenz Hagens überhaupt postuliert sein könnte.

Daraufhin gilt es die Existenz und die Beschaffenheit der beiden Diskursstränge im Nibelun- genlied generell nachzuweisen, und schließlich sich der Hagenfigur strukturell zu nähern, indem einige konzeptionelle Aspekte querschnittartig durch das Nibelungenlied verfolgt werden sollen. Den größten Teil der Arbeit werden schließlich die Analysen einiger ausge- wählter, repräsentativer Szenen aus dem Nibelungenlied einnehmen, an Hand derer die Zu- gehörigkeit Hagens zu einem jener diskursiven Systeme, oder aber eine Begründung für die eventuell vorzufindende Ambivalenz in der Hagendarstellung gefunden werden soll.

2. Zum Diskursbegriff

Der Begriff des Diskurses ist selbst einem langen wissenschaftlichen Diskurs unterworfen worden. Verschiedene Wissenschaften haben ihn ihren Vorgehensweisen gemäß interpretiert, und auch innerhalb der einzelnen Wissenschaften herrscht keineswegs Klarheit über das, was man unter einem Diskurs, bzw. einer Diskursanalyse verstehen soll. Daher ist es zunächst unabdinglich, sich einen kurzen Überblick zu verschaffen, um schließlich zu einem sinngemäßen Diskursbegriff und zu einer praktikablen, dem Gegenstand angemessenen, analytischen Vorgehensweise zu gelangen.

Der Begriff "Diskurs", vom lat. discursus - das Hin- und Herlaufen, der Streifzug, meint in sei- ner ursprünglichen Bedeutung eine systematische Arbeit zu einem bestimmten Thema.[2] In der Linguistik begann man kohärente Texte als Diskurse zu bezeichnen, sie beispielsweise strukturalistisch zu analysieren und dadurch die Sprachfunktionen des Diskurses zu ermit- teln.[3]

Anders wurde der Begriff in die Terminologie der Philosophie eingeführt, wo er besonders mit der sog. Frankfurter Schule und Jürgen Habermas in enger Verbindung steht: Habermas versteht unter einem Diskurs, beziehungsweise einer Diskursanalyse, den psychoanalyti- schen Ansatz einer Gesprächsanalyse,[4] wobei das Gespräch, also der Diskurs, als ungezwun- gene, auf Konsens abzielende Debatte über den Geltungsanspruch von Normen verstanden wird.[5] Habermas gesteht dem handelnden Subjekt dabei Souveränität gegenüber dem Dis- kurs zu, d.h. dass das der Handelnde den Diskurs konstituiert, und nicht dem schon präexis- tenten Diskurs unterworfen ist.[6]

In den Geschichts-, Literatur- und Sozialwissenschaften bezeichnet ein Diskurs ein "System des Denkens und Argumentierens"[7] das durch einen Bezugsgegenstand, durch die "Regulari- täten der Rede"[8] und durch "Relationen zu anderen Diskursen" bestimmt ist."[9] Oder einfa- cher, nach Foucault: Ein Diskurs ist eine beliebige Anzahl von Aussagen[10], die einem gemein- samen Formationssystem angehören.[11] Innerhalb dieser literaturwissenschaftlichen Terminologie lassen sich erneut verschiedene Richtungen unterscheiden, die drei große Gruppen bilden: Die semiotisch-philosophische Richtung, die Diskursanalyse als dekonstruktiven Ansatz versteht, die linguistisch-psychologische Richtung, die versucht Diskurse psychologisch zu durchdringen, und schließlich die historisch-genealogische Richtung .[12]

Für die folgende Umsetzung wird besonders der historisch-genealogische Ansatz von Bedeu- tung sein; dies liegt besonders daran, dass zur Analyse mittelalterlicher Texte keine geistes- wissenschaftlichen Modelle späterer Zeiten auf Vergangenes rückbezogen werden dürfen: Wenn also die Herrschaftsdiskurse um Hagen von Tronje analysiert werden sollen, können darauf keine psychologischen Analysetheorien bezogen werden, da diese bei der Abfassung des Nibelungenliedes noch für viele Jahrhunderte nicht bekannt waren und somit auch eine Psychoanalyse wenig Sinn ergeben würde.[13] Da für die Betrachtung des Nibelungenliedes besonders die Diskursanalyse nach historisch-genealogischen Standards Sinn ergeben wird, soll diese , besonders von Michel Foucault beeinflusste Theorie, nun kurz umrissen werden:

Es ist zu beachten, dass Foucault, als er in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahr- hunderts seine Diskurstheorien abfasste, nicht primär die Literatur im Zentrum seines Inte- resses stand.[14] Ferner ist noch einmal zu betonen, dass hier keine vollständige Analyse seiner Theorien erfolgen kann: Im Laufe seines produktiven wissenschaftlichen Lebens lassen sich drei Phasen unterscheiden,[15] in denen er vorhergehende Theorien überarbeitete und zum Teil revidierte.[16] Es sollen hier nur einzelne Aspekte dargelegt werden, wie sie für die weitere Analyse und die Untersuchungsziele dieser Arbeit für sinnvoll erachtet werden.

Für Foucault bestehen Diskurse sowohl aus den Aussagen des Diskurses, als auch aus den Bedingungen, in denen dieser Diskurs sich entwickelt hat; beides gilt es zu untersuchen.[17] Ein Diskurs entsteht und entwickelt sich dabei nicht selbstständig, sondern er wird gegenüber anderen Diskursen abgegrenzt und in sich reguliert. Dieser Vorgang geschieht Foucault zu Folge durch das Einwirken von sozialen Machtverhältnissen, von sog. Praktiken der Macht.[18] Die machtstrategische Verbindung von Diskursen mit reellen, nicht diskursiven Praktiken, bezeichnet Foucault als Dispositive.[19] Somit hat Foucault keine systematische Analyseverfah- ren des literarischen Diskurses entwickelt, sondern hat sich viel mehr als für die Literatur per se, für die in ihr auffindbaren und rekonstruierbaren Machtmechanismen und die daraus resultierenden Herrschaftsdiskurse interessiert.[20] Ein sehr treffendes Beispiel für die negativ ausschließende Macht eines Diskurses fanden Link/Link-Heer, als sie ausführten, dass der medizinische Diskurs des 19. Jahrhunderts beispielsweise alle Fragestellungen ausschloss, welche nicht seinen klinischen Argumentationsmustern gehorchten; zudem schließt dieser Diskurs institutionell[21] die Diskursteilhabe aller jener Menschen aus, die nicht eine vom Dis- kurs vordefinierte medizinische Ausbildung vorzuweisen hatten.[22]

Wie kann nun ein Diskurs die Wahrnehmung der Realität ordnen? Zunächst ist es wichtig festzustellen, dass der Diskurs von den ihn führenden Menschen prinzipiell kontrolliert und gestaltet ist, also beeinflussbar ist.[23] Foucault unterscheidet interne und externe Kontrollmechanismen, die den Diskurs bestimmen. Sie sind im Lauf der Geschichte der Diskurse und der Reflexion über sie historisch gewachsene, an sich zufällige Grenzziehungen, die sich auch historisch in ihrer Entwicklung verfolgen und nachweisen lassen.[24]

Die externen Mechanismen lassen sich in drei große Felder gliedern: Das Diskursverbot, die Ausgrenzung des Wahnsinns und den Willen zur Wahrheit.[25] Das Diskursverbot realisiert sich durch das Tabu über einen Gegenstand zu sprechen, das "Ritual der Umstände"[26], d.h. dass bestimmte Situationen es verbieten über gewisse Dinge zu sprechen, und schließlich das "ausschließliche Recht des sprechenden Subjekts"[27] - nicht jeder darf über alles sprechen, manche Diskurse werden nur ausgewählten Personen zugestanden. Die Ausgrenzung des Wahnsinns ist seit jeher in der menschlichen Kultur anzutreffen, denn das Wort des Wahn- sinnigen hat für gewöhnlich keinen Wert, es wird ihm rechtlich keine Bedeutung zugebil- ligt.[28] Und schließlich der externe Kontrollmechanismus des Willens zur Wahrheit: Dieser war schon seit der Antike der entscheidende, denn er war der herrschende Diskurs, der Recht sprechen konnte, der die Zukunft vorhersah und ihre Verwirklichung erstrebte, der die Zustimmung der Menschen erhielt und sie somit auf sich verpflichtete.[29] Wie Foucault nachweist, ist der Wille zur Wahrheit der dominierende Kontrollmechanismus, der auf die anderen Zwänge und Grenzen ausübt und im Lauf der Geschichte die Bedeutung der ande- ren beiden immer mehr verdrängte.[30] Man sehe dies daran wie durch neue Wissenschaften das Wort des Wahnsinnigen auf einmal von Bedeutung wurde, wie die Verbote des Wortes immer weniger zu werden schienen.

Von diesen drei externen Kontrollmechanismen unterscheidet Foucault weitere interne Pro- zeduren, die einen Diskurs ordnen. Auch hier wieder nennt er drei Systeme: Den Kommen- tar, den Autor und die Disziplin.[31] Der Kommentar thematisiert einen Primärtext, ist die dis- kursive Aufarbeitung einen vorhandenen Diskurses, der ihn interpretiert und pointiert.[32] Unter dem Autor versteht er nicht das sprechende oder schreibende Individuum, sondern die Schnittstelle der dem Diskurs zugrunde liegenden Bedeutungen und Diskurse; der Autor schafft also gewissermaßen eine semantische Einheit aus vorhandenen Diskursen, erfüllt sie mit neuem Sinn und stiftet neue Zusammenhänge,[33] ohne dabei ein Genie oder alleiniger Urheber eines neuen Diskurses zu sein, sondern mehr der Dreh-und-Angelpunkt, das Brenn- glas durch das zahlreiche andere Diskurse und Variablen in sein Werk eindringen.[34] Zuletzt konstituiert sich ein Diskurs aus den vorgefundenen Regeln, Techniken und Methoden der Disziplin, der er sich zugehörig fühlt, und die er nicht missachten darf, wenn er der Disziplin zugehörig sein möchte.[35] So muss beispielsweise ein literaturwissenschaftlicher Text den Methoden und dem Vokabular der Wissenschaft versuchen zu entsprechen, damit er von ihr ernst genommen werden kann.

Was ist nun aus Foucaults Diskursbegriff für die Analyse eines literarischen Textes abzulei- ten? Wie bereits dargelegt wurde ist Foucaults Ziel nicht primär Literaturanalyse, er stellt hierzu ein kein unmittelbar anwendbares Handwerkszeug zur Verfügung. Für ihn hat Litera- tur illustrierenden Charakter, an ihr kann er diskursive Machtfaktoren nachweisen und den Wandel innerhalb der Diskurse sichtbar machen, da Literatur nicht nur aus innerdiskursiven Praxen (also beispielsweise ästhetischen Paradigmen) sondern auch aus außerliterarischen Diskursen aufgebaut ist, wie dem politischen, dem historischen oder dem biologischen Dis- kurs.[36] Um dieses Erkenntnisziel zu erreichen müsste ein größere Zahl von Texten mit diskur- siven Schnittmengen verglichen werden, was aber nicht Ziel der hier vorliegenden Arbeit ist. Auch Fragen wie: Beeinflusst der Diskurs das Handeln der Charaktere, oder gelingt es den Charakteren, den Diskurs um sich herum nach ihrem Willen zu beeinflussen?, sind mögli- cherweise in Anbetracht eines mittelalterlichen Textes mit gewisser Vorsicht zu diskutieren, da die nibelungischen Charaktere über keinen 'freien Willen' oder einen echten Charakter verfügen, vielmehr als Typen für bestimmte Konzepte anzusehen sind.[37] Aber gerade weil Figuren wie Hagen auch einen ganz bestimmten Typus personifizieren, kann an ihnen dieser Typus, jener Diskurs für den sie stehen, herausgelesen werden: Hierzu wird im faucoultschen Sinne besonders auf die Ordnung der Diskurse zu achten sein, also wie beispielsweise Hagen wem gegenüber wann spricht, wer wie darauf reagieren kann und darf, und wie einzelne Charaktere in bestimmten Situationen nicht reden oder handeln dürfen, also vom Diskurs ausgeschlossen werden.

2.1. Die Methode der kritischen Diskursanalyse

Nachdem nun mit Foucault der wichtigste Theoretiker des Diskurses vorgestellt wurde, und mit Link/Link-Heer auch eine der wichtigen Sekundärarbeiten zu diesem Thema angespro- chen wurde, soll nun ein konkretes literaturwissenschaftliches Methodenrepertoire aufge- stellt werden. Ebenfalls von Foucaults Diskursbegriff ausgehend hat sich hier besonders Siegfried Jäger verdient gemacht, dessen kritische Diskursanalyse zunächst porträtiert wer- den soll.

Jägers kritische Diskursanalyse ist sehr stark intratextuell geprägt, was sich in seinem Grund- schema bereits niederschlägt: Diskursanalyse hat das Ziel, ein diskursives Netz zu entwirren, indem aus einem komplexen Diskurs einzelne Diskursstränge herausgearbeitet und analy- siert werden.[38] Der Diskurs wird dabei als das große Themenfeld gesehen, beispielsweise wäre die Einwanderungspolitik der Diskurs, aus dem als einzelner Diskursstrang beispiels- weise die Frage nach dem Umgang mit den Flüchtlingen auf Lampedusa herausgegriffen und analysiert werden könnte; in einem zweiten Schritt soll das Diskursfragment wieder in Bezug zu anderen Diskurssträngen und dem Gesamtdiskurs gesetzt werden, was eine entsprechen- de, in der Literatur also intertextuelle, syn- und teilweise, gerade bei historischen Themen, auch die diachrone Analyse des übergeordneten Diskurses notwendig macht.[39]

Ähnlich wie Foucault ist auch Jäger darauf bedacht, kein komplettes 'Rezept' vorzulegen, sondern bemüht sich lediglich darum, einzelne Aspekte und Vorschläge zum Analyseverfahren zu offerieren.[40] Da seine Offerte vor allen Dingen zur Analyse soziokultureller, zeitgenössischer Kurztexte ausgelegt ist, wird in folgendem besonders das referiert werden, was auch für die Analyse seines mittelalterlichen Textes geeignet zu sein scheint.

Wie in jeder wissenschaftlichen Arbeit steht am Anfang die Thesenfindung, also die Festle- gung auf einen zu bearbeitenden Diskursstrang. Dieser soll dann in fünf Schritten analysiert werden: Der Analyse der Makroebene, der der sprachlich-diskursiven Praxis, der Analyse des nicht-sprachlichen Textkontextes und der Mikroanalyse. Diese vier Schritte stellen die Vor- arbeit für den finalen fünften Schritt dar, in dem eine systematische Zusammenstellung der Eigenschaften des Diskurses erfolgen und der Diskursstrang im Gesamtdiskurs verortet wer- den soll.[41]

Die Analyse der Makrostruktur steht am Anfang der Beschäftigung mit dem Text, sie beinhal- tet die basalen ersten Fragestellungen an den Text: Um welche Textsorte handelt es sich? Was ist der Inhalt des Textes? Wie ist er aufgebaut, gibt es wichtige Sinnabschnitte und Zä- suren? Etc. Sie dient also in erste Linie der groben Orientierung, erschließt den Text für das Erstverständnis.[42]

Der zweite Schritt wendet sich der groben Analyse des sprachlich-diskursiven Kontextes zu.

Hier soll beleuchtet werden in welcher Tradition sich der Text sieht, ob er Referenzen zu anderen oder vorgelagerten Diskursen besitzt, ob er historische Ereignisse verarbeitet oder Quellen benennt etc.[43]

Im dritten Schritt soll weiterhin der Kontext des Textes betrachtet werden, allerdings dieses Mal der nicht-sprachliche. Besonders die Frage nach der Person des Autors, seinen Eigenhei- ten, der Frage nach dem Auftraggeber und dessen Motiven sowie auch die Verordnung der gesamten Urheberschaft in der Gesellschaft wären hier als Leitfragen herauszukristallisie- ren.[44]

Schließlich und endlich soll im vierten Schritt der Text selbst genauestens unter die Lupe ge- nommen werden: Gibt es eine besondere Symbolik? Anspielungen auf Vorwissen? Einer exakten Wortanalyse unter besonderer Berücksichtigung der Substantive und der mit diesen verbundenen Pronomen wird hier besonderes Gewicht beigemessen,[45] aber auch die Ver- ben, Tempora und Zeitsprünge sind zu berücksichtigen.[46] Landwehr, der Jägers Modell ver- suchte für die Geschichtswissenschaft umzusetzen, geht hier auch noch besonders auf die Bedeutung der Adjektive ein, die bei Jäger etwas außen vor bleiben: Gerade Adjektive ver- dienen besondere Bedeutung, da sie für einen grammatikalisch korrekten Satz beinahe nie notwendiger Bestandteil sind, werden sie vom Autor als besonders bedeutungstragende, pointierende Ergänzung eingefügt, und lassen somit den Charakter der Aussage, die Zielrich- tung erkennen.[47] Eine weitere sinnvolle Ergänzung Landwehrs soll hier ebenfalls bedacht werden: Die gesonderte Analyse der Rhetorik, die durch ihren persuasiven Charakter und die in ihr eingeschlossene Argumentation den Text und seine Aussageabsicht zugänglich machen kann.[48] Gerade in der Mikroanalyse wird aber auch deutlich, dass jeder Text seine Eigenhei- ten hat, die ein individuelles Herangehen erforderlich machen. Um mit Jäger zu sprechen: "Jeder Text [...] ist ein selbständiger Gegenstand, dem man nicht einfach ein Raster überstül- pen kann."[49]

Ist diese Vorarbeit erfolgreich abgeschlossen, hat man einen guten Überblick über einen eigenständigen Diskursstrang ermöglicht. Dieser ist dann als eine Einheit zu verstehen und soll in Relation zum Gesamtdiskurs gestellt werden, wozu ein entsprechendes Wissen des Diskurses durch intertextuelle Vergleiche und Analysen weiterer Diskursstränge notwendig wird.[50]

2.2. Fazit zur Methodik der Diskursanalyse

Nachdem nun auf den Begriff des Diskurses und einige Modelle einer Diskursanalyse eingegangen worden ist, soll daraus nun eine Synthese versucht werden, mit der die Analyse der Hagen umgebenden Herrschaftsdiskurse im Nibelungenlied gelingen soll.

Zur Einführung in die Thematik soll zunächst im Jäger'schen Sinne eine Makroanalyse erfolgen, die aber auch gleichzeitig die sprachlich-diskursiven und die nichtsprachlichen Kontexte mit einschließen soll.

Daraufhin soll die Arbeitshypothese vorgestellt und an ausgewählten Textpassagen nachge- wiesen werden. Dieser Schritt entspricht der Fokussierung auf ein einzelnes Diskursfrag- ment, dessen Eigenständigkeit und dessen Existenz intratextuell nachgewiesen werden muss. Nach einer schlaglichtartigen Querschnittsanalyse der konzeptionellen Struktur Ha- gens sollen schließlich repräsentative Textpassagen in chronologischer Reihenfolg einer Mik- roanalyse unterzogen werden, allerdings nicht dermaßen penibel wie Jäger dies vorschlägt, mit Wortstatistik und dergleichen, sondern eher im Foucault'schen Sinne, mit der Frage wer etwas wie und wann vor wem sagen und denken darf, was wo nicht gesagt werden darf und wie die Spezialdiskurse dieses Diskursstranges an den handelnden Personen markiert wer- den etc.

Eine abschließende Gesamtschau des intertextuellen Diskurses und eine Einbettung des Dis- kursstranges darin soll hier jedoch nicht erfolgen; diese Arbeit wird sich als Textgrundlage einzig auf das Nibelungenlied konzentrieren und nicht etwa den mittelalterlichen Herr- schaftsdiskurs zu Grunde legen, sie wird somit also im engeren Sinne eine literarische Dis- kursanalyse bleiben.

3. Die Kohärenz der Motive - oder: Die Frage nach den Diskursen

"Der Nibelungendichter vermeidet Schwarzweiß malerei, und die Interpreten wären von vornherein gut beraten, es bei ihren Urteilen ebenso zu hal- ten."[51]

Das Nibelungenlied (=NL) bietet viele Leerstellen, die den verschiedensten Interpretations- richtungen bis dato Tür und Tor geöffnet haben. Wie Heinzle schon richtig feststellte, stellt gerade das Füllen der Leerstellen eine Gefahr für die Interpretation dar: Je mehr sie vom modernen Leser gefüllt werden, desto weiter entfernt er sich von der mittelalterlichen Aus- sage des Textes.[52] Die Tatsache, dass viele der Leerstellen in späteren mittelalterlichen Ver- arbeitungen, namentlich der Klage, gefüllt wurden, und diese Klage fast allen erhaltenen NL Fassungen beigelegt wurde, deutet darauf hin, dass sich die mittelalterlichen Rezipienten dieser vermeintlichen Schwachstelle bewusst waren.[53] Es stellt sich also die grundlegende Frage, ob das NL in seinen Ambivalenzen sinnvoll interpretierbar ist, oder es sich um einen defizitären Text handelt, dessen Bruchstellen tatsächlich mehr 'Unfälle' denn sinnfällige, nu- ancierende Pointen des Dichters sind. Dazu zunächst ein skizzenhafter Überblick über die wichtigsten Grundrichtungen der Interpretationsforschung.

In der modernen Rezeptionsforschung lassen sich verschiedene Vorgehensweisen im Umgang mit diesen Problemen herausarbeiten. Als Exempel soll in dieser Arbeit die Figur Hagens herausgegriffen werden, da sie eine der ambivalentesten, und mit Sicherheit eine der für das NL charakteristischsten Figuren ist.[54]

Grob lassen sich zwei Interpretationsrichtungen unterscheiden, die in sich dann wiederum differenziert werden müssen: Interpretationsansätze, die von einer fehlenden Kohärenz in der Hagenfigur ausgehen (2a/2b), und Interpretationsansätze die Hagen als in sich schlüssig und kohärent lesen (1a/1b). Beginnen wir mit letzterer Gruppe, da diese als klassische in der Hagenrezeption bezeichnet werden darf:

Innerlich kohärent bedeutet in diesem Fall, dass man für Hagen als eine rein archa isch-heroische Gestalt (1a) plädiert, oder ihn, was seltener getan wurde, als rein christlich- höfischen Charakter (1b) sieht. Besonders die Interpreten des 18., 19. und 20. Jahrhunderts waren der geschlossenen archaisch-heroischen Interpretation Hagens zugetan.[55] Aber auch heute finden sich weiterhin Verfechter dieser Position, so beispielsweise Hoffmann, als er schrieb: "Seine [=Hagens] Position ist die der alten Heroik, deren beeindruckende Geschlos- senheit wie ethische Fragwürdigkeit zugleich der Dichter an niemandem mehr als an Hagen dargestellt hat."[56] Doch auch Hoffmann weicht von dieser absoluten Ansicht leicht ab, indem er Hagen eine Janusköpfigkeit unterstellt, mit modernen Worten ausgedrückt: einen viel- schichtigen Charakter.[57] Auch Gernot Müller sieht in Hagen einen durch das Motiv der êre getriebenen heroischen Helden, dessen Ziel letztlich die Schicksalserfüllung durch den eige- nen, vorhergesehenen Tod sei,[58] ein "leuchtendes Bild heldischer Schicksalsbejahung."[59] Oder beispielsweise Haug, der, zugleich sich selbst teilweise relativierend, über Hagen schreibt: Er sei eine Figur, die "der Gesetzlichkeit des heroischen Typus verpflichtet [...] mit aller Konsequenz nach ihr handelt. [...] Er ist direktes [...] intaktes Typuszitat der gleichzeiti- gen mündlichen heroischen Epik - wenn die Figur auch keineswegs darin aufgeht."[60]

Zahlenmäßig weit unterlegen sind die Interpreten, die in Hagen das genaue Gegenteil sehen: Einen zwar ebenfalls kohärenten Charakter, der aber als einheitliches Beispiel für einen christlich-höfischen Herrschaftsdiskurs (1b) stehe. Als Beispiel kann hier Ehrismann dienen, der Hagen ein durchgehend durch machtpolitische Aspekte motiviertes Handeln unterstellt, in dem er "sehr rational und zielstrebig im Rahmen des [...] Personenverbandsstaates zur ere des burgundischen Reiches" handle;[61] dies sieht Ehrismann auch im Burgundenunter- gangsgeschehen gewahrt, indem er als Hagens Leitmotiv die Führung des Hofes ausmacht, dem er durch persönliche Verbindungen versucht ist, neue Verbündete zu sichern.[62]

Konträr zu dieser Großgruppe findet sich eine Vielzahl an Interpreten, die die Kohä renz Hagens in Frage stellen. Unter diesen wiederrum ließe sich unterscheiden nach jenen, welche (2a) eine Kohärenz für nicht gegeben halten, weil es entweder dem Dichter schlicht misslungen sei, oder weil es nicht zu seinen Prämissen gehörte, eine Handlung völlig schlüssig und rational nachvollziehbar zu motivieren, und jenen, (2b) welche ein vom Dichter gewolltes Diskursschisma in der Hagenfigur personifiziert sehen.

Die Annahme, dass der Dichter schlicht und ergreifend versagt habe, macht eine Interpreta- tion in sich zweckfrei, soll daher zunächst hintangestellt werden; erhellender sind hingegen Hoffmanns Feststellungen, dass der Dichter generell mehr um die Finalität der Handlung, denn um eine durchgängig schlüssige Motivation derselben bemüht sei,[63] oder Backenköh- lers These, dass Hagen als Vertreter seines ordo schlüssig sei, diesem aber zuweilen vom Dichter unpassende Charakterzüge ad hoc hinzugefügt wurden, wenn die Finalität der Hand- lung diese gerade gebrauchen konnte,[64] wodurch ein gemeinsamer Nenner für die Gesamt- heit der Hagengestalt nicht mehr zu finden sei.[65] Er geht hier von einem vorgegebenem Textmuster 'heroische Epik' aus, dessen Einhaltung dem Dichter wichtiger gewesen sei als eine exakte Figurenzeichnung.[66] Besonders ausgezeichnet in der Analyse der Bedeutung des fatalistischen Textmusters hat sich Haug, der darin zu der Erkenntnis kam, dass in mittelal- terlicher heroischer Epik weit weniger nach Kausalketten gefragt werden müsse, wie das moderne Leser gewohnt seien zu tun, sondern nach Handlungsmustern;[67] Brüche in den Kausalketten seien hierbei für den Dichter ein nachrangiges Problem gewesen, das von mo- dernen Lesern jedoch zu oft historisch-psychologisierend gekittet worden sei, woraus dann zumeist mehr Verwirrung resultiere als Klarheit.[68]

Für diese zweite Teilgruppe (2b) finden sich wiederrum zahlreiche Vertreter, um nur einige wenige zu nennen: Jan-Dirk Müller geht davon aus, dass im ersten Teil des NL der höfische Diskurs weitestgehend, mit wenigen Ausnahmen, vorherrsche, dieser aber während des Ver- laufes der Handlung systematisch destruiert werde.[69] Und "gerade an Hagen wird die Diffe renz zwischen der höfischen Welt zu Beginn und der heroischen am Schluss ablesbar."[70] Gewissermaßen eine Mittelstellung zwischen Kohärenz und Ambivalenz nimmt Frey ein, der in Hagen zwar einen sich nicht verändernden Heldentypus erblickt,[71] aber einen Diskurswech- sel bei der Bewertung des Protagonisten beim Autor wahrnimmt, der diesen heroischen Ty- pus zunächst negativ konnotiere, um ihn dann im Untergangsgeschehen nichtsdestotrotz als Helden zu feiern.[72] Erneut Ehrismann, dieses Mal jedoch anders argumentierend: Er trennt, nicht unbedingt auf Hagen bezogen sondern auf die Gesamtdarstellung des NL, zwischen Archaisch-heroischem und Christlich-höfischem:[73] Er sieht darin einen Hinweis auf die stoff- geschichtliche Tradition des NL, in dem archaisches Material mit zeitgenössisch höfischen Ideen verschmolzen wurde, ohne es letztlich miteinander in Einklang bringen zu können.[74] Er unterstellt dem Autor sogar eine gesellschaftspolitische Aussageabsicht: Diese Ambivalenz verschiedener Herrschaftsdiskurse zeige letztlich eine brüchige Struktur des, wie er es nennt, historischen archaischen Feudalismus auf.[75] Interpreten, die die Begründung des Diskurs- schismas im heterogenen Quellenmaterial des Dichters zu finden versuchen, finden sich zu Hauf; als überzeugendes Beispiel kann hier ebenfalls Schulze gelten, die nachzuweisen ver- sucht, dass archaische Elemente vom Dichter auf Grund der Erwartungshaltung der Rezipien- ten, die Gestalten wie Siegfried aus archaischen Erzählungen ja bereits kannten, nicht gänz- lich ausgespart werden konnten, deren archaische Züge aber versucht wurden zurückzu- drängen und auf die für den Handlungsablauf unbedingt notwendigen Momente zu be- schränken.[76] In die gleiche Richtung zielt Haug, der in der Verbindung von archaisch- heroischem und christlich-höfischem Gedankenmaterial eine um 1200 historisch nachweis- bare gedankliche Freiheit abgebildet sieht, eine Freiheit zu irrationalem, heroischen Han- deln, die aber, so die Aussage des NL nach Haug, von Kriemhild und Hagen, die sich dieser Freiheit bedienen, zu ihrem Verderben ausschlaggebend ist - somit sei das NL eine Verhand- lung beider Diskurse, in der letztlich der christlich-höfische überlebt, der archaisch-heroische blutig untergeht;[77] wobei schon an dieser Stelle eingeschoben sein soll, dass besonders der Nachsatz von der Moral des NL in der Forschung teils heftig bestritten wird, so beispielswei- se kurz und bündig bei Schulze: "Eine fabula docet gibt es nicht."[78]

4. Eine Makroanalyse des Nibelungenliedes

Mögliche Hinweise zur Erschließung der Aussageabsichten des Nibelungendichters könnte eine Makroanalyse der äußeren gesellschaftshistorischen Bedingungen zur Zeit der Abfassung des NLs geben.

Das NL gilt als eines der zentralen Werke des Hochmittelalters. Die Verbreitung, die das NL erfuhr, lässt einen groben Rückschluss auf seine Beliebtheit zu: Es sind 35 handschriftliche Zeugnisse überliefert, 11 Handschriften sind nahezu vollständig.[79] Lediglich die Werke Wolf- ram von Eschenbachs haben sich offensichtlich noch größerer Beliebtheit und damit auch Verbreitung erfreut.[80] Die Handschrift mit der hier gearbeitet werden soll, entspricht der Fassung B, der Klassifikation von Kar Lachmann 1826 folgend, der die Handschriften des 13. und 14. Jahrhunderts mit großen Sigeln A, B, C abkürzte, und, auf der Suche nach einem vermeintlichen Original, der subjektiv beigemessenen Wertschätzung nach anordnete.[81]

Die Entstehungszeit lässt sich ziemlich genau eingrenzen: Im Parzival findet sich eine direkte Anspielung auf die nibelungische Figur Rumolds, ergo muss das NL vor dem Parzival entstan- den sein. Vom Parzival weiß man wiederrum sehr genau, dass er kurz nach 1203, also 1204 oder 1205 entstanden sein muss, da er die noch sichtbaren Zerstörungen im Erfurter Wein- garten erwähnt, welcher, historisch belegt, 1203 verwüstet wurde.[82] Zudem finden sich in beiden Werken die Namen Zazamanc und Azagour, was darauf schließen lässt, dass sie sehr zeitnah entstanden, als jene Namen gerade in Mode waren.[83] Zu der Datierung passend nimmt man an, dass der Auftraggeber der Dichters der Passauer Bischof Wolfger von Erla war, der von 1191 bis 1204 das Bischofsamt bekleidete.[84] Diese Annahme wird durch die häufige, wenn auch nicht handlungstragende, aber dadurch um so auffälligere Erwähnung Passaus gestützt.[85] Ebenso durch die Tatsache, dass im NL ein Vorgänger Wolfgers auftaucht, namens Bischof Pilgrim;[86] dieser wird als Onkel der Burgunden erwähnt,[87] wohingegen sich Wolfger ebenfalls auf Pilgrim berief, sich somit also selbst in ein entferntes verwandtschaftliches Verhältnis zu den Nibelungen rücken ließ.[88]

Somit lassen sich Auftraggeber und Entstehungszeit anhand einiger Indizien eingrenzen, wenn auch nicht mit letzter Gewissheit beweisen. Wesentlich schwieriger ist die Identität des Autors zu bestimmen, der sich, im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen, nicht im Werk verewigt hat. Die Tatsache, dass auch im Mittelalter niemand nach einem Autor oder Dichter fragte, lässt darauf schließen, dass der im NL behandelte Stoff möglicherweise als Allgemeingut gesehen wurde, das den meisten durch mündlich vorgetragene Gedichte und Sagen bekannt war.[89] Denn die groben Inhalte des NL waren alles andere als neu, man kann vielmehr davon ausgehen, dass der erste Teil des NL (=Av. 1-19) die Verbindung verschiede- ner schon vorhandener, miteinander nur lose verwandter Geschichten darstellt, die vom Dichter nur noch inhaltlich verknüpft und arrangiert werden mussten.[90] Der zweite Teil des NL war schon in einer Vorform relativ geschlossen vorhanden, das Burgundenuntergangsge- schehen der Av. 20-39.[91] Dabei versuchte der Dichter, die einzelnen Segmente kausal mitei- nander zu verbinden, was er in erster Linie durch den Handlungsstrang Kriemhilds erreichte, dabei besonders Kriemhild, aber auch viele andere Strukturen und Handlungsmotivationen der Charaktere abändern musste, oder aber wenigstens archaisch Anmutendes dem vor- herrschenden Zeitgeist gemäß renovieren musste.[92]

Als historischer Referenzrahmen beziehungsweise als Vorlage dienten im ersten Teil vermut- lich Namen und Ereignisse aus dem sechsten Jahrhundert, die sich hier um die austrasische Königin Brunichild und ihren Mann Sigibert drehen.[93] Andere Personen, im Besonderen im Zusammenhang mit dem Nibelungenuntergangsgeschehen, gehen auf Namen und Ereignisse der Völkerwanderungszeit zurück: 436/7 n. Chr. wurde der König Gundahar (= der Gunther des NL) mitsamt einem großen Teil seines Volkes durch Aetius vernichtend geschlagen.[94] Man siedelte die Überreste des Stammes an die Rhone um, wo Gundobald König wurde und seine Ahnen aufzeichnen lies: Darunter Gislaharius (= Giselher), Gundomaris (= Gernot) und weitere mehr. Andere Figuren jenes Jahrhunderts fanden in Form von Attila (= Etzel) und Theoderich d. Großen (= Dietrich von Bern) Eingang in das NL, auch wenn sie teils leicht zeit- versetzt lebten.[95]

Aber auch wenn der Dichter in großem Stil auf vorhandene Vorlagen zurückgriff, bleibt es dennoch fragwürdig, warum er sie nicht namentlich nannte; andere hochmittelalterliche Dichter, wie beispielsweise Veldeke, der mit dem Eneasroman eine Übersetzung und Poin- tierung der Aeneis Vergils lieferte, scheute keineswegs davor zurück, sich stolz mit seinem Namen zu seinem Werk zu bekennen.[96] Was sich also über ihn sagen lässt, ist letztlich nicht viel: Es wurde versucht aus dem NL Rückschlüsse auf seinen Stand und seine Bildung zu zie- hen, was jedoch kaum über die Vermutung hinaus kam, dass er möglicherweise ein Kleriker mit niederer Weihe war, gebildet vermutlich in den septem artes liberales und, wie für Kleri- ker jener Zeit unumgänglich, mit Vergils Aenaeis, einem Grundbestandteil des klerikalen Studiums und seiner deutschen Umsetzung durch Veldeke vertraut;[97] als Anhaltspunkt für letzteres gelten die zahlreichen strukturellen Parallelen zwischen dem Eneasroman und dem NL.[98]

Die Zweiteilung des Stoffes ebenso wie die Trennung in a) diskursive Elemente des ausge- henden 12. Jahrhunderts und b) solche Elemente, die einer älteren Stoffschicht entspringen, haben den Interpreten des Diskursschismas, wie es oben bereits angesprochen wurde, viele Argumente an die Hand gegeben. So ist es nicht zu bezweifeln, dass sich Motive und Hand- lungsebenen verschiedener Herkunft nebeneinander finden lassen, teils kontrastierend. Bei der Aktualisierung konnte der Autor jedoch nicht willkürlich verfahren, sondern musste die bekannten "alten maeren," wie er sie in Strophe 1 nennt, behutsam anpassen, damit die Erwartungen der Hörer bzw. Leser nicht enttäuscht wurden.[99] Dies wurde realisiert, indem Elemente der alten maeren nur insofern übernommen wurden, als sie unverzichtbarer Kernbestand der Handlung waren: Beispielsweise die Geschichte des jungen Siegfried, mit der Erwerbung des Hortes, des Tarnmantels und der schützenden Haut als Folge des siegreich überstandenen Drachenkampfes.[100]

Neben der vielschichtigen Stoffvorlage des Nibelungenlieddichters wird zuweilen im Rahmen der Makroanalyse öfter auf eine historische Umbruchsituation um 1200 hingewiesen, die ebenfalls im NL einen Niederschlag gefunden haben könnte: Beispielsweise bei Haug, der, wie schon ausgeführt, für jene Zeit eine neue Form der Individualität und gedanklicher Frei- heit bei den Menschen auszumachen können glaubt.[101] In eine ähnliche Richtung geht auch Wenzels Vorschlag, der für jene Zeit die Tendenz erkennt, literarische Figuren erstmals am- bivalent zu zeichnen - d.h. nicht mehr nur als einen fixierten Typus, sondern als eine Vorstufe eines echten Charakters, de, mehrere Gesichtspunkte und Handlungsmöglichkeiten zur Ver- fügung stehen.[102] Dies sieht er nicht zuletzt in der höfischen Umbruchsituation um 1200 be- gründet, die sich dadurch auszeichne, dass Herrschaft sich beginne aufzuspalten: In dem Sinne, als dass vormals ein Herrscher durch seine Person herrschte und diese Herrschaft per- sonell repräsentierte, diese Einheitlichkeit aber um 1200 durch die neuen Verwaltungsmo- delle brüchig wurde,[103] und der Herrscher sich häufig gezwungen sah, Macht an andere zu delegieren, d.h. teilweise auch zu institutionalisieren, diese Macht aber gleichzeitig nach außen weiterhin einheitlich in seiner Person repräsentieren zu müssen.[104]

Im Einzelnen werden diese Thesen am NL selbst später verhandelt werden müssen, aber auch hier sei schon die deutliche Relativierung Brandts angebracht: Beziehungen zwischen dem NL und der realen Situation um 1200 sind sicherlich nicht von der Hand zu weisen, doch können diese schnell überinterpretiert werden, denn sie haben kaum mehr als Verweischa- rakter für die zeitgenössischen Rezipienten gehabt, schwingen in Untertönen mit und sind latent stets vorhanden, doch eben nicht als 1:1 Abbildung.[105] Dem Autor eine zentrale politi- sche Aussageabsicht zu unterstellen würde mit Sicherheit zu weit führen, aber es ist richtig und bedenkenswert, dass im NL natürlich auch 'Altes' 'Neuem' gegenübergestellt und zu einem gewissen Maße auf seine Nützlichkeit hin überprüft wird.[106]

[...]


[1] Haymes: Nibelungenlied. S. 99.

[2] Winko: Diskursanalyse. S. 463.

[3] Winko: Diskursanalyse. S. 464.

[4] Link/Link-Heer: Diskurs. S. 88 f.

[5] Winko: Diskursanalyse. S. 464.

[6] Link/Link-Heer: Diskurs. S. 89.

[7] Titzman 1991, S. 406 nach Winko S. 464 unten, wegen Zitation noch mal checken!

[8] Ebd.

[9] Ebd.

[10] Nicht nur Sprechakte oder Worte stellen dabei für Foucault eine Aussage dar, sondern alle funktionstragen den Elemente eines Diskurses - also auch Nonverbales. Vgl. Landwehr: Geschichte des Sagbaren. S. 111.

[11] Kammler: Diskursanalyse. S. 38.

[12] Winko: Diskursanalyse. S. 465.

[13] Schulze: Nibelungenlied. S. 254.

[14] Kammler: Diskursanalyse. S. 50.

[15] Winko: Diskursanalyse. S. 469.

[16] Oder um mit den eloquenten Worten Kammlers zu sprechen: "Da Foucault selbst nie den Anspruch erhoben hat, ein homogenes Theoriegebäude zu entwickeln, [...] ist es nur legitim, wenn ihn die Literaturwissenschaft in einer selektiven und teilweise eklektizistischen Weise rezipiert." Kammler: Diskursanalyse. S. 44.

[17] Winko: Diskursanalyse. S. 468.

[18] Winko: Diskursanalyse. S. 468.

[19] Kammler: Diskursanalyse. S. 43.

[20] Winko: Diskursanalyse. S. 469.

[21] Zum sich institutionell nach außen hin abschließenden Diskurs siehe auch Foucault: Ordnung. S. 26.

[22] Link/Link-Heer: Diskurs. S. 90 f.

[23] Foucault: Ordnung. S. 10.

[24] Foucault: Ordnung. S. 13 f.

[25] Foucault: Ordnung. S. 16.

[26] Foucault: Ordnung. S. 11.

[27] Foucault: Ordnung. S. 11.

[28] Foucault: Ordnung. S. 12.

[29] Foucault: Ordnung. S. 14.

[30] Foucault: Ordnung. S. 16.

[31] Foucault: Ordnung. S. 18 ff.

[32] Foucault: Ordnung. S. 19.

[33] Foucault: Ordnung. S. 20 f.

[34] Kammler: Diskursanalyse. S. 45.

[35] Foucault: Ordnung. S. 22 f.

[36] Winko: Diskursanalyse. S. 469.

[37] Dazu auch Backenköhler: Untersuchungen. S. 211.

[38] Jäger: Diskursanalyse. S. 184.

[39] Jäger: Diskursanalyse. S. 184.

[40] Jäger: Diskursanalyse. S. 187.

[41] Jäger: Diskursanalyse. S. 188.

[42] Jäger: Diskursanalyse. S. 184 ff.

[43] Jäger: Diskursanalyse. S. 191 f.

[44] Jäger: Diskursanalyse. S. 192 f.

[45] Jäger: Diskursanalyse. S. 196.

[46] Jäger: Diskursanalyse. S. 193 ff.

[47] Landwehr: Geschichte des Sagbaren. S. 125.

[48] Landwehr: Geschichte des Sagbaren. S. 119.

[49] Jäger: Diskursanalyse. S. 198.

[50] Jäger: Diskursanalyse. S. 199.

[51] Hoffmann: Nibelungenlied-Grundlagen. S. 73.

[52] Heinzle: Gnade für Hagen? S. 275.

[53] Heinzle: Gnade für Hagen? S. 273.

[54] Wie auch schon von Brinker-von-der-Heyde ausgeführt in: Brinker-von-der-Heyde: Hagen. S. 105 13

[55] Ehrismann: Strategie. S. 92 f.

[56] Hoffmann: Nibelungenlied-Interpretation. S. 94

[57] Ebd. S. 74.

[58] G. Müller: Symbolisches. S. 175 und 179 f.

[59] Ebd. S. 241.

[60] Haug: Idealität. S. 303.

[61] Ehrismann: Strategie. S. 102 f.

[62] Ebd. S. 107.

[63] Hoffmann: Nibelungenlied-Grundlagen. S. 74.

[64] Backenköhler: Untersuchungen. S. 211.

[65] Ebd. S. 213.

[66] Ebd. S. 211 ff.

[67] Haug: Szenarien. S. 402.

[68] Ebd.

[69] Jan-Dirk Müller: Spielregeln. S. 445.

[70] Ebd. S. 441.

[71] Frey: Gegner. S. 77 ff.

[72] Ebd. S. 79.

[73] Ehrismann: Archaisches. S. 164.

[74] Ebd. S. 164

[75] Ebd. S. 169.

[76] Schulze: Nibelungenlied. S. 138 f.

[77] Haug: Idealität. S. 306 f.

[78] Schulze: Nibelungenlied. S. 32.

[79] Schulze: Nibelungenlied. S. 33.

[80] Dazu Schulze: Nibelungenlied. S. 33: Vom Parzival gibt es 80 Zeugnisse und 16 vollständige Ausgaben, vom Willehalm sind 76 Werke überliefert wovon 12 vollständig sind.

[81] Schulze: Nibelungenlied. S. 34.

[82] Schulze: Nibelungenlied. S. 57.

[83] Hoffmann: Nibelungenlied-Interpretation. S. 11.

[84] Schulze: Nibelungenlied. S. 27 f.

[85] NL. 1295, 1427, 1495, 1629.

[86] Der historische Pilgrim bekleidete das Amt des Passauer Bischofs von 971 bis 991. Vgl. Brandt: Gesellschafts thematik. S. 30 f.

[87] NL. 1295,3.

[88] Brandt: Gesellschaftsthematik. S. 31. Jan-Dirk Müller spricht hier von einem im Mittelalter weit verbreiteten System der Ansippung: Die "Herstellung dynastischer Verbindung eines gegenwärtigen Adelsgeschlechtes mit einem heroischen 'Spitzenahn'." Jan-Dirk Müller: Nibelungenlied. S. 21.

[89] Schulze: Nibelungenlied. S. 21 f.

[90] Martin: Metamorphosen. S. 74 f.

[91] Ebd.

[92] Ebd. S. 75 ff.

[93] Schule: Nibelungenlied. S. 63.

[94] Ebd. S. 61.

[95] Ebd. S. 61 f.

[96] Dazu auch Schulze: Nibelungenlied. S. 22.

[97] Schulze: Nibelungenlied. S. 29 f.

[98] Ebd.

[99] Martin: Metamorphosen. S. 79.

[100] Schulze: Nibelungenlied. S. 32.

[101] Haug: Idealität. S. 307.

[102] Wenzel: Ze hove. S. 298.

[103] Ebd. S. 296 f.

[104] Ebd. S. 298.

[105] Brandt: Gesellschaftsthematik. S. 34.

[106] Ebd. S. 113.

Ende der Leseprobe aus 92 Seiten

Details

Titel
Hagen von Tronje im Spannungsfeld verschiedener Herrschaftsdiskurse
Hochschule
Universität Bayreuth
Note
1,00
Autor
Jahr
2011
Seiten
92
Katalognummer
V184296
ISBN (eBook)
9783656089889
ISBN (Buch)
9783656090090
Dateigröße
1071 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit wurde 2011 an der Universität Bayreuth als Zulassungsarbeit zum Staatsexamen für Gymnasien in Bayern eingereicht. Nach einer kurzen diskurstheoretischen Einführung wird die grundlegende Spannung des Nibelungenliedes - zwischen archaischem und höfischem Herrschaftsdiskurs - an der Figur des Hagen ausführlich analysiert. Im Anhang befindet sich eine Tabelle mit Angaben zu allen Strophen des Nibelungenliedes, die Bezug auf Hagen nehmen. Die Arbeit umfaßt incl. Anhang 91 Seiten und wurde mit der Note 1 bewertet.
Schlagworte
Nibelungenlied, Hagen, von Tronje, Diskurse, Höfisch, Archaisch
Arbeit zitieren
Ed Hahne (Autor), 2011, Hagen von Tronje im Spannungsfeld verschiedener Herrschaftsdiskurse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184296

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