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Todesmentalitäten des Mittelalters - Mentalitätshistorische Betrachtung am Beispiel der Sepulchralkultur

Title: Todesmentalitäten des Mittelalters - Mentalitätshistorische Betrachtung am Beispiel der Sepulchralkultur

Term Paper (Advanced seminar) , 1996 , 29 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Dr. Holger Muench (Author)

German Studies - Older German Literature, Medieval Studies
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Die Lebenden spiegeln sich selbst in dem Bild, das sie sich vom Tod machen. Dieses Bild stellt sich dar als Triptychon, auf dessen erster Tafel wir den Tod als angsteinflößendes Phänomen des natürlichen physischen Verfalls sehen. Die zweite Tafel ist der Unsterblichkeitsgalube, der sich in allen (auch säkularen) Religionen und Mythenkreisen (und nicht nur dort) artikuliert. Das Gefühl der Sorge schließlich, das in die Leiche eine Kontinuität des vormals Lebenden projiziert, erscheint uns mit der dritten Tafel. Die Sterbe- und Todesmentalitäten begenen uns also in der Zeit als historische Variationen auf die Themen Angst, Unsterblichkeit und Sorge.

Das Besondere an den Todesmentalitäten des Mittelalters ist, dass hier der Friedhof - im Gegensatz zu Antike und Moderne - als Mittelpunkt des sozialen Lebens und Sterbens erscheint und damit als ein zentrales Moment dieser Epoche. In diesem Zusammenhang wurde unter anderem von Ariès die These aufgestellt, dass der christliche „Kinderglaube“ des Mittelalters die Angst vor dem Tod überwunden habe. Diese Arbeit wird versuchen, die mittelalterlichen Mentalitäten zum Thema Tod zu rekonstruieren und dabei auch diese These zu überprüfen. Sie analysiert zu diesem Zweck die mittelalterlichen Todesmentalitäten anhand der Entstehung und Entwicklung der christlichen Grabstätten.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Unsterblichkeit - der Doppelcharakter des Leichnams

3. Christliche Bestattung in den Kinderschuhen - antike Kontinuitäten

4. Bestattung ad sanctos - Annäherung zwischen Lebenden und Leichen

5. Der Kirchhof als Friedhof - Ansteigen des psychischen Drucks

6. Einwände - der Kirchhof als sozialer Mittelpunkt

7. Auslagerung der Friedhöfe - Abwendung von den Toten

8. Schlüsse - die Immanentisierung des Eschatons

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung der mittelalterlichen Todesmentalität durch die Analyse christlicher Bestattungskulturen und die damit verbundene räumliche Nähe zwischen Lebenden und Toten. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich dabei mit dem Spannungsfeld zwischen der angstvollen Abwehr des Todes und der aus eschatologischen Gründen gesuchten Nähe zu den Toten, sowie der Transformation dieser Haltungen bis in die frühe Neuzeit.

  • Die Entstehung und Entwicklung christlicher Grabstätten
  • Das Spannungsfeld zwischen Todesangst und Auferstehungsglaube
  • Die Rolle des Kirchhofs als sozialer und sakraler Mittelpunkt
  • Die Auslagerung der Friedhöfe als Zeichen mentalitätsgeschichtlicher Wandlung

Auszug aus dem Buch

4. Bestattung ad sanctos - Annäherung zwischen Lebenden und Leichen

Parallel zum politischen und sozialen Durchbruch des Christentums entwickelte sich auch die sogenannte Bestattung "ad sanctos". Nach der konstantinischen Wende wurden über vielen Märtyrergräbern Basiliken gebaut, zu denen die Pilger strömten, um der Heiligen zu gedenken. Diese Kirchen waren also gleichzeitig Grab und Kultraum. Die Wurzeln liegen im nordafrikanischen Märtyrerkult, der sich wohl auf die dort beheimatete Grabmagie gründet. Auf fruchtbaren Boden fiel der magische Apotheose-Kult allemal - es liegt auf der Hand, dass die konkretisierende Vereinfachung des kausalen Denkens dazu neigte, die positive Wirkung der Märtyrer zu Lebzeiten auch auf ihre Gebeine zu übertragen: Wer im Leben Wunder wirkte und den Tod überwunden hat, der kann auch als Leiche noch Gutes tun. Dieser magischen Auffassung schloss sich auch die Kirche schnell an: Ab dem 4. Jahrhundert begannen die Bischöfe, die städtischen Kirchen durch die Translation von Märtyrergebeinen aufzuwerten.

Die Heiligen besaßen allein den Schlüssel zum Himmel, von ihnen wollten viele Christen auch nach dem Tod profitieren, daher ließen sie sich in unmittelbarer Nähe der Grab-Basiliken bestatten. Zwischen 4. und 5. Jahrhundert begann die Grablege ad sanctos. Die Heiligen sollten Fürsprache bei Gott halten, um so das Schicksal der Verstorbenen günstig zu beeinflussen. Dem "Sociatus" nahmen sie einen Teil der Schuld ab, konkret sicherten sie die Unversehrtheit des Leibes gegen Grabräuber und somit die leibliche Auferstehung. Eine simplifizierende Übersetzung der christlichen Vorstellung - die Toten ruhen in ihren Gräbern bis zum Tag des jüngsten Gerichts, eine 1:1 Identität zwischen Mortuus und Defunctus, die wenig Raum ließ für eine individualistische Heils- oder Gerichtsvorstellung.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Einleitung führt in die mentalitätsgeschichtliche Betrachtung des Todes ein und etabliert den methodischen Rahmen der Untersuchung unter kritischer Auseinandersetzung mit der bisherigen Forschung.

2. Unsterblichkeit - der Doppelcharakter des Leichnams: Dieses Kapitel thematisiert die biblisch-christliche Verknüpfung von Tod, Sünde und Auferstehung und wie sich daraus die Transformation des Leichnams vom gefürchteten Kadaver zum gläubig verehrten Defunctus ergibt.

3. Christliche Bestattung in den Kinderschuhen - antike Kontinuitäten: Die Untersuchung zeigt auf, wie das frühe Christentum bei der Totenbestattung zunächst an antike Strukturen und Sitten anknüpfte, wobei der Totenkult primär als Abwehrkult fungierte.

4. Bestattung ad sanctos - Annäherung zwischen Lebenden und Leichen: Hier wird der Prozess beschrieben, in dem sich Gläubige durch die Bestattung in unmittelbarer Nähe von Märtyrergräbern spirituellen Schutz für ihre eigene Auferstehung erhofften.

5. Der Kirchhof als Friedhof - Ansteigen des psychischen Drucks: Das Kapitel analysiert, wie die zunehmende Belegung des Kirchhofs und die Praxis des Sondergerichts den psychischen Druck auf die Lebenden erhöhten und das Totenverständnis veränderten.

6. Einwände - der Kirchhof als sozialer Mittelpunkt: Diese Sektion setzt sich kritisch mit der Deutung auseinander, dass die physische Nähe der Toten im mittelalterlichen Alltag zwingend auf eine emotionale Vertrautheit hindeutet.

7. Auslagerung der Friedhöfe - Abwendung von den Toten: Der Text beschreibt die Auswirkungen der großen Pestwellen und der Reformation, die zu einer physischen Trennung von Lebenden und Toten und der Auslagerung der Friedhöfe führten.

8. Schlüsse - die Immanentisierung des Eschatons: Im Fazit wird dargelegt, wie die ursprüngliche jenseitsorientierte Todesmentalität zunehmend durch eine immanente, diesseitsorientierte Sichtweise und neue, moderne Unsterblichkeitskonzepte abgelöst wurde.

Schlüsselwörter

Todesmentalität, Mittelalter, Sepulchralkultur, ad sanctos, Friedhof, Kirchhof, Auferstehung, Märtyrerkult, Memento Mori, Eschatologie, Dechristianisierung, Totenbrauchtum, Jenseitsvorstellung, Mentalitätshistorie, Immanentisierung.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit befasst sich mit der mentalitätshistorischen Betrachtung des Todes im Mittelalter unter besonderer Berücksichtigung der Bestattungskultur und der sich wandelnden Einstellung der Menschen zum eigenen Lebensende.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Zentrale Themen sind die christliche Heilslehre, der Wandel von der Todesfurcht zur Fürsorge für die Toten, die räumliche Anordnung der Bestattungen sowie der Übergang zu einer säkularen, diesseitsorientierten Weltsicht.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das Ziel ist es, die Brüche und Transformationen in der mittelalterlichen Todesmentalität aufzuzeigen, anstatt von einer stetigen Entwicklung oder einer bloßen Zähmung des Todes auszugehen.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit nutzt einen mentalitätshistorischen Ansatz und analysiert dazu ausgewählte historische Quellen, Grabstättenentwicklungen sowie sozialwissenschaftliche Theorien zur Todesforschung.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil behandelt die historische Entwicklung der Grabstätten, die magische Schutzfunktion des Kirchhofs, die Auswirkungen des Pestgeschehens und der Reformation auf das Bestattungswesen sowie das Aufkommen des "Memento Mori".

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit wird durch Begriffe wie Todesmentalität, Bestattungskultur, ad sanctos, Eschatologie und Immanentisierung charakterisiert.

Welche Rolle spielten die Heiligen für das mittelalterliche Bestattungswesen?

Die Heiligen fungierten als "Schlüsselträger" des Himmels; ihre physische Nähe in der Grablege sollte den Verstorbenen Schutz vor Grabräubern bieten und Fürsprache bei Gott gewährleisten.

Wie veränderte sich die Einstellung der Lebenden zu den Toten?

Die Einstellung änderte sich von einer antiken, angstvollen Abwehr über ein mittelalterliches, durch Sorge geprägtes Miteinander bis hin zu einer neuzeitlichen Distanzierung und Verdrängung des Todes aus dem Alltag.

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Details

Title
Todesmentalitäten des Mittelalters - Mentalitätshistorische Betrachtung am Beispiel der Sepulchralkultur
College
University of Cologne  (Institut für deutsche Sprache und Literatur)
Course
Hauptseminar: Studien zur mittelalterlichen Mentalitätsforschung
Grade
1,0
Author
Dr. Holger Muench (Author)
Publication Year
1996
Pages
29
Catalog Number
V18430
ISBN (eBook)
9783638227827
ISBN (Book)
9783638645683
Language
German
Tags
Todesmentalitäten Mittelalters Mentalitätshistorische Betrachtung Beispiel Sepulchralkultur Hauptseminar Studien Mentalitätsforschung
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Dr. Holger Muench (Author), 1996, Todesmentalitäten des Mittelalters - Mentalitätshistorische Betrachtung am Beispiel der Sepulchralkultur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18430
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