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Genußmittel bei Wildbeutern

Drogengebrauch bei Jägern und Sammlern

Titre: Genußmittel bei Wildbeutern

Thèse de Doctorat , 1989 , 224 Pages , Note: gut

Autor:in: Gerhard Böck (Auteur)

Ethnologie / Anthropologie Culturelle
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Résumé Extrait Résumé des informations

Genussmittel- bzw. Drogengebrauch ist weit verbreitet. Auch bei Jägern und Sammlern (Wildbeutern)kann er beobachtet werden. Die Menscheit hat den größten Teil ihrer Geschichte im Status dieser soziökonomischen Anpassung an ihre Umwelt verbracht. Kann man daher annehmen, daß heute lebende Wildbeuter ein Modell für unsere Urgeschichte sein können und kann das Studium ihres Umgangs mit Drogen uns ein Bild des Genussmittelsgebrauchs unserer ältesten Vorfahren liefern? Sind daraus Aussagen zum heutigen oder künftigen Genussmittelgebrauch ableitbar?
Mit einem interkulturellen Vergleich von 26 rezenten Wildbeuterkulturen hat der Autor auf teils ungewöhnlich stringente Art gezeigt, was an allgemeinen Aussagen zur Diskussion um den Drogengebrauch gestern, heute, morgen aus ethnographischem Material gewonnen werden kann und dass überwiegend keine scharfe Grenze zu (vermeintlich) harmlosen Genussmitteln gezogen werden kann.

Extrait


Inhaltsverzeichnis

  • 1.0. Einführung
  • 2.0. Zur Methode
  • 3.0. Das Wildbeutertum als Problem der Ethnologie
  • 4.0. Zur Datenerhebung
    • 4.1. Zur Datenqualität
    • 4.2. Botanik der wichtigsten psychotropen Pflanzen in der Stichprobe
      • 4.2.1. Inebriantia
        • a) Weine
        • b) Biere
        • c) Destillierte Getränke
      • 4.2.2. Exitantia
        • a) Betel
        • b) Kaffee
        • c) Tabak
        • d) Kolanuß
        • e) Tee
        • f) Mate
      • 4.2.3. Euphorica (Opium)
      • 4.2.4. Hypnotica
      • 4.2.5. Phantastica
        • a) Fliegenpilz
        • b) Cannabis
        • c) Peyote
        • d) Stechapfel
        • e) Pituri
    • 4.3. Verkoderprobleme
    • 4.4. Welche Genußmittel der untersuchten Kulturen sind indigen?
      • 4.4.1. Afrika
        • a) Tabak und Cannabis?
        • b) Honigwein?
        • c) Kolanuß?
      • 4.4.2. Ainu-Hirsebier
      • 4.4.3. Der Betel-Komplex
      • 4.4.4. Pituri
      • 4.4.5. Mohua-Schnaps?
      • 4.4.6. Tasmanischer Most?
      • 4.4.7. Tabak in Nordamerika
      • 4.4.8. Stimulierende Kräutertees?
      • 4.4.9. Peyote?
      • 4.4.10. Atscha - eine nicht identifizierte Schlingpflanze
      • 4.4.11. Fliegenpilz
  • 5.0. Datenauswertung
    • 5.1. Beschreibung der Variation des Phänomens
    • 5.2. Aussagen über Ursachen und Wirkungen des Phänomens
  • 6.0. Überprüfung des Ergebnisses an Fallbeispielen außerhalb der Grundgesamtheit des Ethnographic Atlas
    • 6.1. Genußmittel der philippinischen Negritos
    • 6.2. Die Aka-Pygmäen in Zentralafrika
    • 6.3. Zusammenfassende Wertung
  • 7.0. Neuere Forschungen über die !Kung-Buschmänner
  • 8.0. Weiterentwicklung der Gedanken Nachtigalls
    • 8.1. Die Handelsware "Genußmittel"
    • 8.2. Die Forderung nach einer Geschichte des Tabaks in Nordamerika
    • 8.3. Das Trikompositum aus Religion, Heilverfahren und Genußmitteln
    • 8.4. Sind Genußmittel Substitute körpereigener Endorphine?
  • 9.0. Schlußbemerkungen und Schlußfolgerungen für die Behandlung des Drogenproblems bei uns
  • 10.0. Anhang
    • 10.1. Fragebogenmuster
    • 10.2. Datenmatrix
    • 10.3. Antworttabellen zu den Fragen 10 - 28
  • 11.0. Literaturverzeichnis

Zielsetzung & Themen

Diese Arbeit widmet sich dem Phänomen des Genussmittelgebrauchs bei Wildbeuterkulturen und hinterfragt die vorherrschende Auffassung, dass Drogengebrauch primär ein Problem der westlichen Zivilisation sei. Das primäre Ziel ist es, anhand ethnologischer Daten eine objektive Betrachtung des Genussmittelgebrauchs zu ermöglichen, die über moralische Wertungen wie "Rauschgift" hinausgeht und die historischen sowie kulturellen Dimensionen dieses Verhaltens in den Fokus rückt.

  • Definition und Abgrenzung des Begriffs "Genussmittel" gegenüber "Drogen" oder "Rauschgift".
  • Historische und kulturelle Konstanz des Genussmittelgebrauchs bei Wildbeutern.
  • Systematische Datenerhebung und -auswertung anhand eines repräsentativen ethnologischen Materials.
  • Identifikation indigener Genussmittel und die Rolle technischer Entwicklung.
  • Analyse der sozialen, religiösen und heilenden Funktionen von Genussmitteln (Trikompositum).
  • Betrachtung von Genussmitteln als mögliche Substitute körpereigener Endorphine.

Auszug aus dem Buch

1.0. Einführung

In der westlichen Welt spricht man seit etwa 20 Jahren im Zusammenhang mit Drogen von einem Problem (=Drogenproblem). Gemeint ist damit der zunehmende Gebrauch von psychoaktiven Mitteln und deren zum Teil verheerende Folgen auf Psyche und Körper der Konsumenten. Gemeint ist aber auch die Auswirkung dieses Gebrauchs auf die übrige Gesellschaft, d.h. die angeblich aus dem Drogengebrauch resultierende Zunahme der Kriminalität sowie die Belastung der Gemeinschaft durch die Sorge für die "Drogenkranken".

Im folgenden wird allgemein von Genußmitteln1 gesprochen, da das Wirkungsspektrum der eingenommenen Pflanzen, Mineralien oder deren Extrakte von geringer Stimulation bis zu visionären Rauschzuständen reicht und deren untere Abgrenzung zu den Nahrungsmitteln gar nicht immer eindeutig ist. So spricht man z.B. in Bayern vom Bier als "flüssiger Nahrung", und in Indonesien gibt es auf der Insel Kalimantan eine Wildbeuterguppe, die Punan, die bei der alljährlichen Honigernte in eine rauschhafte Euphorie geraten (Hildebrand 1982:267).2 Damit wird gezeigt, wie durch die Wahl der Begriffe eine Wertung festgeschrieben werden kann. Der Ausdruck "Rauschgift" legt zum Beispiel schon eine Aussage über die toxische und psychedelische Wirkung eines Genußmittels vor und impliziert dabei bereits einen zweifachen Superlativ: Rausch und Gift. Solche Begriffe sind für objektives Arbeiten ungeeignet. Sie wurden schon vor dem Erreichen eines Erbegnisses festlegen.

Der Drogengebrauch ist überall auf der Welt verbreitet. Von Pflanzervölkern existiert eine Fülle zum Teil recht ausführlicher Beschreibungen orgiastischer Erntefeste unter dem Einfluß psychoaktiver Genußmittel, vor allen Dingen Biere.

Doch auch von Völkern aneignender Wirtschaftsform ist der Drogengebrauch bekannt. Man könnte deshalb glauben, daß es ein elementares Bedürfnis des Menschen sei, seine Psyche zu bestimmten Anlässen zu verändern. Dazu waren neben bestimmten "archaischen Ekstasetechniken" (Eliade 1957) immer auch psychoaktive Pflanzen häufige Hilfsmittel. Gewisse Analogismen zwischen heutigen Wildbeutern und der europäischen Altsteinzeit legen Rückprojektionen nahe. Man könnte deshalb in Versuchung kommen in solche Vorstellungen auch das Phänomen des Genußmittelgebrauches miteinzubeziehen. So vertritt z.B. Nachtigall die Ansicht, daß die Menschheit seit Jahrtausenden mit dem "natürlichen" Drogengebrauch gelebt und überlebt hat (Nachtigall 1986:4, 53). Für die alten Hochkulturen trifft diese Aussage zu und kann durch archäologisches Material bestätigt werden3. Für den Bereich des Wildbeutertums gibt es zum Thema Genußmittel jedoch keine ähnlich eindeutige, archäologische Quellenlage. Die vorliegende Untersuchung beschränkt sich daher zum größten Teil auf rein ethnologisches Material, also auf eine repräsentative Auswahl rezenter Wildbeuterkulturen4 (Jäger und Sammler). Die Gründe für die Beschränkung auf Wildbeuter sind zum einen die Tatsache, daß sich 99% der Menschheitsgeschichte in dieser sozio-ökonomischen Anpassung an die natürliche Umwelt abgespielt haben. Zum anderen in der axiomatisch gesetzten Annahme, daß angeborene menschliche Bedürf-

Zusammenfassung der Kapitel

1.0. Einführung: Stellt das Problem des Drogengebrauchs in westlichen Gesellschaften vor und definiert den Begriff "Genussmittel" im Kontext der Arbeit, wobei die Beschränkung auf rezente Wildbeuterkulturen und die historische Dimension des Themas beleuchtet werden.

2.0. Zur Methode: Beschreibt den ethnologischen Ansatz der Untersuchung, die Entwicklung und Prüfung von Hypothesen mittels statistischer Verfahren und die Gliederung der Arbeit in sechs systematische Schritte.

3.0. Das Wildbeutertum als Problem der Ethnologie: Erörtert die Herausforderungen und Spezifika der Erforschung von Wildbeuterkulturen im Rahmen der Ethnologie, insbesondere hinsichtlich ihrer Definition und Abgrenzung sowie der Rolle von „Jäger und Sammler“-Gruppen.

4.0. Zur Datenerhebung: Details zur Sammlung der Daten, zur Qualität der Quellen, zur botanischen Klassifizierung psychotroper Pflanzen und zur kritischen Bewertung der Indigenität von Genussmitteln in den untersuchten Kulturen.

5.0. Datenauswertung: Analysiert die erhobenen Daten, um die Variation des Phänomens des Genussmittelgebrauchs zu beschreiben und Aussagen über dessen Ursachen und Wirkungen zu treffen, unterstützt durch statistische Darstellungen.

6.0. Überprüfung des Ergebnisses an Fallbeispielen außerhalb der Grundgesamtheit des Ethnographic Atlas: Validiert die Ergebnisse der Hauptstudie durch die Untersuchung spezifischer Beispiele wie philippinische Negritos und Aka-Pygmäen, um eine breitere Gültigkeit der Thesen zu prüfen.

7.0. Neuere Forschungen über die !Kung-Buschmänner: Greift aktuelle Studien zu den !Kung-Buschmännern auf, um frühere Annahmen über ihre Genussmittelpraktiken zu korrigieren und die kulturelle Komplexität besser zu verstehen.

8.0. Weiterentwicklung der Gedanken Nachtigalls: Diskutiert Nachtigalls Theorien zum Genussmittelgebrauch und erweitert diese um Aspekte wie "Genussmittel" als Handelsware, die Geschichte des Tabaks in Nordamerika, das "Trikompositum" von Religion, Heilung und Genussmitteln sowie die Hypothese körpereigener Endorphine.

9.0. Schlußbemerkungen und Schlußfolgerungen für die Behandlung des Drogenproblems bei uns: Fasst die Kernergebnisse zusammen und leitet daraus Schlussfolgerungen für das Verständnis und die Behandlung des Drogenproblems in modernen Gesellschaften ab, unter Berücksichtigung historischer und kultureller Perspektiven.

Schlüsselwörter

Genussmittel, Wildbeuter, Ethnologie, Drogengebrauch, psychotrope Pflanzen, Kulturen, Hypothesenprüfung, Datenerhebung, Datenanalyse, Schamanismus, Ekstasetechniken, Endorphine, Kulturkonstanz, Handel, Tabak

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht den Gebrauch von Genussmitteln bei Wildbeuterkulturen weltweit aus einer ethnologischen Perspektive, um die historischen, kulturellen und sozialen Aspekte dieses Phänomens jenseits westlicher Drogenproblematik zu beleuchten.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Zentrale Themenfelder sind die Definition von Genussmitteln, die Konstanz menschlichen Verhaltens, Datenerhebung und -analyse von Genussmittelgebrauch bei Wildbeutern, die Rolle von Genussmitteln in Religion und Heilverfahren sowie ihre potenzielle Funktion als Endorphin-Substitute.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das primäre Ziel ist es, eine objektive, wissenschaftliche Grundlage für das Verständnis des Genussmittelgebrauchs bei Wildbeutern zu schaffen und die oft moralisch geprägte Sichtweise auf Drogen zu hinterfragen, indem die kulturelle Integration und historische Tiefe des Konsums aufgezeigt werden.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit verwendet eine ethnologische, hypothesenprüfende Methode, die auf statistischen Vergleichen von Kulturen basiert und Daten aus dem Human Relations Area Files (HRAF)-Archiv analysiert, ergänzt durch Fallbeispiele.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil behandelt detailliert die Datenerhebung und -analyse von Genussmitteln und psychotropen Pflanzen, die Überprüfung der Ergebnisse an Fallbeispielen, neuere Forschungen zu spezifischen Kulturen und eine Weiterentwicklung von Theorien zum Genussmittelgebrauch, inklusive des Konzepts des "Trikompositum".

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Genussmittel, Wildbeuter, Ethnologie, Drogengebrauch, psychotrope Pflanzen, Kulturen, Hypothesenprüfung, Datenerhebung, Datenanalyse, Schamanismus, Ekstasetechniken, Endorphine, Kulturkonstanz, Handel, Tabak.

Welche Rolle spielt die "Kulturkonstanz" im Kontext des Genussmittelgebrauchs bei Wildbeutern?

Die Arbeit postuliert ein "Axiom des unveränderten menschlichen, anlagebedingten Individualverhaltens" und untersucht, inwieweit der Genussmittelgebrauch über lange Zeiträume hinweg konstante Muster in Wildbeuterkulturen zeigt, was auf tief verwurzelte menschliche Bedürfnisse hindeuten könnte.

Wie wird der Begriff "Genussmittel" in dieser Arbeit von "Rauschgift" abgegrenzt?

Der Begriff "Genussmittel" wird als neutraler Terminus verwendet, der das breite Wirkungsspektrum psychoaktiver Substanzen umfasst, von geringer Stimulation bis zu visionären Rauschzuständen. Er grenzt sich bewusst vom wertenden Begriff "Rauschgift" ab, der bereits negative Aussagen über toxische und psychedelische Wirkungen impliziert und für eine objektive Forschung als ungeeignet erachtet wird.

Welche Bedeutung hat das "Trikompositum" aus Religion, Heilverfahren und Genussmitteln für die untersuchten Kulturen?

Das "Trikompositum" beschreibt die untrennbare Verbindung von Genussmitteln mit religiösen Praktiken (z.B. Schamanismus), Heilverfahren (z.B. Erreichen von Trancezuständen) und sozialen Funktionen in Wildbeuterkulturen, wodurch eine ganzheitliche Betrachtung des Konsums ermöglicht wird.

Wie werden die Erkenntnisse der Arbeit auf die Behandlung des Drogenproblems in modernen Gesellschaften übertragen?

Die Arbeit schlägt vor, dass ein besseres Verständnis der historischen und kulturellen Funktionen von Genussmitteln in traditionellen Gesellschaften dazu beitragen kann, das Drogenproblem in modernen Gesellschaften neu zu bewerten und Lösungsansätze zu entwickeln, die auf Vernunft und gesellschaftlicher Integration statt auf bloßer Kriminalisierung basieren.

Fin de l'extrait de 224 pages  - haut de page

Résumé des informations

Titre
Genußmittel bei Wildbeutern
Sous-titre
Drogengebrauch bei Jägern und Sammlern
Université
University of Marburg
Note
gut
Auteur
Gerhard Böck (Auteur)
Année de publication
1989
Pages
224
N° de catalogue
V184602
ISBN (ebook)
9783656095002
ISBN (Livre)
9783656094722
Langue
allemand
mots-clé
Genussmittel Drogen Jäger Sammler Wildbeuter Religion Evolution Urgeschichte Rituale Heilwesen Medizin Pharmakologie Ethnologie Ethnosoziologie Trikompositum Technologie Technikentwicklung historische Indikatoren interkultureller Vergleich Gesellschaft Drogenproblem Drogenlegalisierung Drogenpolitik Kognition Gehirn Vehalten Psychologie Divination Jagen Motivation Endorphine endogene Steuerung Rauchen
Sécurité des produits
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Citation du texte
Gerhard Böck (Auteur), 1989, Genußmittel bei Wildbeutern, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184602
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