Der Einfluss der Pest im Mittelalter auf die demographische Entwicklung

Die Familien- und Bevölkerungsstruktur in Skandinavien


Hausarbeit, 2010

14 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Bevölkerungsgröße in den Ländern Nordeuropas im Mittelalter

3. Die Familien- und Bevölkerungsstruktur in den nordischen Ländern

4. Ausbruch der Pest und ihre eventuellen Folgen für die Bevölkerungsstruktur

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Zweck dieser vorliegenden Arbeit soll es sein die folgende Frage zu beantworten: „Hatte die Pest im Mittelalter auf die demographische Entwicklung, sowie auf die Familien- und Bevölkerungsstruktur in Skandinavien einen Einfluss?“

Die Antwort werde ich versuchen mit Hilfe von Daten und Fakten, jeweils vor und nach dem „Schwarzen Tod“ herauszuarbeiten. In diesem Zusammenhang erfolgt eine Darstellung der Bevölkerungsgröße in den einzelnen Ländern Nordeuropas zur Zeit des Mittelalters (14. Jh.). Anschließend wird die genaue Familien- und Bevölkerungsstruktur analysiert um letztendlich aufzuzeigen, welche eventuellen Folgen der Ausbruch der Pest für die Bevölkerung hatte.

Um eines vorweg zu nehmen, die Literatur- und Quellenlage ist zu diesem Thema eher mit Vorsicht zu genießen, denn es existieren oft nur ungenaue Angaben aus der Zeit oder es werden Vermutungen und Berechnungen angestellt, die niemals genau belegt werden können.

Die ergiebigste Literatur war von Ole Jørgen Benedictow „The Medieval Demographie System of the Nordic Countries”. Dieses Buch verwendete ich hauptsächlich in meiner Arbeit, neben noch einem weiteren Buch und Text von ihm. Ergänzend nutzte ich noch ein Buch und Texte von Bergdolt, Kiaupa, Olesen und Vahtola. Alle Bücher und Texte sind im Literaturverzeichnis am Ende dieser Arbeit zu finden.

Als Ergebnis lässt sich vorweg festhalten, dass es nicht möglich war, eine klare Antwort auf die aufgeworfene Frage zu geben.

2. Die Bevölkerungsgröße in den Ländern Nordeuropas im Mittelalter

Mein Hauptaugenmerk werde ich folgenden Ländern widmen: Norwegen, Dänemark, Schweden, Finnland und Island.

Als erstes nordisches Land betrachte ich die mittelalterliche Bevölkerung Norwegens. Hier, so ist man sich einig, sei eine einigermaßen zuverlässige Schätzung möglich, weil erstens mindestens 90 Prozent der Bevölkerung auf dem Land lebte und zweitens die Topographie des Landes die Lage der Gehöfte, Farmen und des Anbaulandes eingrenzte. Hatte sich eine Familie einmal niedergelassen, so blieb sie mit großer Wahrscheinlichkeit an dessen Ort, weil sie dort alles aufbauten, was sie für ihr Leben brauchten.[1] Im Jahre 1330 ging man von einer ländlichen Bevölkerung von 270.000 Personen aus. Damit würden aber immer noch zehn Prozent der Bevölkerung fehlen, die in den Städten wohnten, zu Fischereigemeinschaften oder sogar zu den Armen (Bettlern) zählten. Somit würde die geschätzte Bevölkerung auf 343.000 ansteigen.[2] Jedoch konnte man sich dabei nicht so sicher sein, da die Durchschnittsgröße der Familien nicht ganz genau festlag. Mit den „Sklaven“ waren es meistens zwischen sechs bis sieben Personen[3] und die Kernfamilie bestand aus 4,5 Personen[4]. Deshalb geht Benedictow von der obigen Zahl aus und Jørn Sandnes von 400.000, während wiederum Kåre Lunden von ca. 460.000 Personen ausgeht[5].Um 1500, nach der großen Pestwelle, sollen es letztendlich nur noch grob 125.000 Menschen gewesen sein, die diese schlimme Zeit überlebt haben.

Dänemarks genaue Bevölkerungsgröße zur damaligen Zeit ist bis heute nicht bekannt, aber sie war mit ziemlicher Sicherheit größer als die von Norwegen und Schweden, wenn nicht sogar von beiden zusammen. Um 1300 herum gab es bereits schon durch Urbanisierung siebzig Städte im Land, was auch dazu beitrug, dass sich Dänemark zur größten politischen Macht im Norden entwickelte.[6] 1938 unternahm A.E. Christensen einen sehr durchdachten Versuch die dänische Bevölkerung des Mittelalters zu schätzen. Dabei wurden auch die Gebiete berücksichtigt, die seit dem 17. Jh. zu Schweden gehören. Seine Schätzung stützte sich auf ein Steuerregister aus Halland (Anzahl erwachsener Männer), auf die Anzahl der Kirchen in Dänemark und die jeweiligen Anteile der dänischen Kirche in Halland. Damit soll es 290.000 erwachsene Männer gegeben haben und diese sollen sich zu nicht-erwachsenen Männern und Weiblichen so verhalten haben, wie 1 : 3,5. Folglich musste man jetzt nur noch die erwachsenen Männer mit 3,5 multiplizieren und man erhält eine mittelalterliche Bevölkerung Dänemarks um 1300 herum, die sich auf über knapp eine Million Menschen belief. Jedoch sollte dieser Zahl mit Vorsicht begegnet werden, denn wie bekannt ist, neigten die mittelalterlichen Steuerregister zur Ungenauigkeit.[7]

Die Quellenlage für Schweden sieht eher schlecht aus. Es gibt kein zuverlässiges Material, welches uns ein hinreichend genaues Ergebnis der Bevölkerungsgröße liefern könnte. Aus der Geschichte Skandinaviens heraus wissen wir, dass sich die Länder höhere politische und militärische Stärke aneigneten, woraus sich wiederum schließen lässt, dass die schwedische Bevölkerung beachtlich kleiner war als die Dänische, aber bedeutend größer als die Norwegens. Damit liegt die Spanne zwischen 343.000 und 1.000.000 Einwohnern vor der Pestwelle. Aus den Steuerlisten von fünfzehn Kommunen in Norduppland vor der Epidemie und nationalen Grundbüchern nach ihr, ergab sich, dass es ca. um die fünfzig Prozent der Bevölkerung (zwischen 1312 und 1540) dahingerafft haben muss. Vorsicht sollte man jedoch auch hier wieder walten lassen, denn Steuerregister gaben nicht immer die gesamte Bevölkerung wieder. So umgingen sie oft Armut und sozialen Rang der einzelnen Personen.[8]

Laut Vahtola soll die Bevölkerungszahl Schwedens vor dem Rückgang, im späten Mittelalter, um die 500.000 bis 650.000 betragen haben[9]. Damit käme die vorherige Schätzung ungefähr hin.

Auch heute noch gilt Finnland für uns als Land der vielen Seen und unzähligen Wälder. Auf der riesigen Fläche des Landes leben heute gerade mal rund 5 Millionen Menschen. Das Verhältnis der Einwohner auf das Gebiet Finnlands gerechnet war damals noch extremer. Leider liegen uns keine Quellen vor, die uns eine genaue Zahl der Bevölkerungsgröße liefern könnten, aber aller Vermutung nach, war diese sehr gering. Laut Cornelia Kiaupa belief sich die Zahl der Einwohner im 17. Jahrhundert auf ca. 300.000[10]. Womit die Annahme Benedictows bestätigt wäre, dass es in Finnland, und nur dort, sogar zu einem Entwicklungswachstum und einer Siedlungserweiterung kam. Die denkbarste Erklärung für dieses Phänomen ist, dass der internationale Handel nicht oder kaum ausgeprägt war. Schließlich soll es nur zwei Städte in ganz Finnland gegeben haben. Aus diesem Grund wurden auch keine „verseuchten Waren“ ins Land eingeschleppt. Der Kontakt mit anderen Reisenden kam eher selten zustande. Das soll nicht heißen, dass es dort die Pest nicht gegeben hat. Das Gegenteil ist der Fall, mittelalterliches Beweismaterial erwähnt auch in Finnland verlassene Besitztümer, doch bei weitem nicht so oft, wie in anderen nordischen Ländern.[11]

Als letztes sei noch Island betrachtet, auch wenn es nicht unmittelbar zu Skandinavien zählt. Die vorhandenen Quellen um die Bevölkerungsgröße zu ermitteln sind zwar vorhanden, aber nur schwer zu interpretieren, da uns nicht bekannt ist, nach welchen Kriterien sie erhoben wurden. Zumindest nimmt man stark an, dass die Einwohnerzahl Islands um 1300 kaum größer gewesen sein soll als um 1703. Dort gab es die erste moderne Volkszählung, welche ergab, dass zwischen 32.500 und 39.000 Einwohner im Land lebten und das verteilt auf 5000 bis 6000 Höfe. Womit man pro bäuerlichen Betrieb auf 6,5 Personen kam. Weshalb die Pest auch in Island nicht so extrem wütete, ist der gleiche Grund wie in Finnland. Islands Handel mit anderen Ländern war eher eingeschränkt.[12]

Nachdem ich gerade einen Überblick der Bevölkerungsgrößen gegeben habe, um eine gewisse Vorstellung der damaligen Verhältnisse zubekommen, soll jetzt ein Einblick in die Familien- und Bevölkerungsstruktur der nordischen Länder zu der Zeit des Mittelalters gegeben werden.

3. Die Familien- und Bevölkerungsstruktur in den nordischen Ländern

Zunächst sei darauf hingewiesen, dass es fünf Familientypen gibt, welche jeweils unterschiedlich in den einzelnen skandinavischen Ländern vorkommen. Der eine Typ ist in einem Land mehr ausgeprägt, als in einem anderen. Außerdem ist wichtig zu wissen, dass die Familie in der Zeit als ein wichtiges soziales Netzwerk fungierte. Hier konnte sich jeder auf jeden verlassen und auch das Überleben konnte so besser gesichert werden. Der Erste und damit auch „engste“ Familientyp ist die nuclear family oder auch Kernfamilie genannt. Sie umfasst Vater, Mutter und die Kinder.[13] Die Zweite, etwas „ausgedehntere“ Familie bezeichnete man als extented family. Hier gehörten nicht nur die Eheleute und deren Kinder dazu, sondern auch noch andere Verwandte.[14] Als Dritter und auch besonderer Familientyp gab es die Stammfamilie oder auch stem family. Diese beinhaltete nur die sogenannte vertikale Ebene der Familie, also die Großeltern, Eltern und Kinder.[15] Teilten sich jedoch zwei oder sogar mehr nuclear families ein und dasselbe Haus, entstand eine joint family, genannt Knotenfamilie. Zu diesem vierten Typ zählten aber nur diejenigen, die auch verwandt untereinander waren.[16] Gab es keine Verwandtschafts-verhältnisse unter den verschiedenen Familien, so sprach man wiederum vom fünften und letzten Typ, der multiple family, Vielfachfamilie. Hier lebte z.B. eine Besitzfamilie mit einer Sklavenfamilie zusammen oder eine Bauernfamilie mit einer Untermieterfamilie.[17]

In Finnland gab es hauptsächlich die Knotenfamilie, welche um 1500 dreiundzwanzig Prozent der Haushalte im ganzen Land ausmachte[18]. Ich denke, dies lässt sich damit erklären, dass es in Finnland eben wenig Einwohner gab und diese sich, um besser überleben zu können, zusammenschlossen. Wenn erst mehrere hundert Kilometer das nächste kleine Dorf lag, musste man lange auf Hilfe warten und so schloss man sich, anstatt nur zu kleinen Kernfamilien, lieber zu großen Knotenfamilien zusammen. In Norwegen geht man stark davon aus, dass es vorwiegend Kernfamilien gab, auch wenn es immer noch Diskussionen darum gibt[19]. So meint Steinnes, dass es bis heute keine Beweise gäbe, die belegen, dass sich joint families zu nuclear families zurückbildeten[20]. Holmsen hingegen versucht den Beweis anhand der Haushaltsgröße festzumachen. So hätten norwegische Familien erst bis zu sechs Nachkommen gezeugt, bevor sie aufhörten sich zu reproduzieren. Die mittlere Zahl der überlebenden Kinder pro Ehe lag allerdings nur bei drei.[21] Jedoch um 1300 herum kam es zu einem Punkt, wo die Kernfamilie nur noch aus 3,5 Personen bestand, zwei Erwachsenen und 1,5 Kindern[22].

[...]


[1] Benedictow, The Medieval Demographie System of the Nordic Countries, S. 167

[2] Benedictow, The Medieval Demographie System of the Nordic Countries, S. 168

[3] Benedictow, The Medieval Demographie System of the Nordic Countries, S. 117

[4] Benedictow, The Medieval Demographie System of the Nordic Countries, S. 168

[5] Olesen, Die Verbreitung des Schwarzen Todes in Skandinavien und Finnland, S. 174

[6] Benedictow, Black Death 1346-1353. The Complete History, S. 159

[7] Benedictow, The Medieval Demographie System of the Nordic Countries, S. 169

[8] Benedictow, The Medieval Demographie System of the Nordic Countries, S. 172/173

[9] Vahtola: Population and settlement, S. 566

[10] Kiaupa, Die Bevölkerung Finnlands

[11] Benedictow, The Medieval Demographie System of the Nordic Countries, S. 173

[12] Benedictow, Demographic conditions, S. 247; Vahtola: Population and settlement, S. 567

[13] Benedictow, The Medieval Demographie System of the Nordic Countries, S. 83

[14] Benedictow, The Medieval Demographie System of the Nordic Countries, S. 83

[15] Benedictow, The Medieval Demographie System of the Nordic Countries, S. 84

[16] Benedictow, The Medieval Demographie System of the Nordic Countries, S. 84

[17] Benedictow, The Medieval Demographie System of the Nordic Countries, S. 84

[18] Benedictow, The Medieval Demographie System of the Nordic Countries, S. 92

[19] Benedictow, The Medieval Demographie System of the Nordic Countries, S. 138

[20] Benedictow, The Medieval Demographie System of the Nordic Countries, S. 138

[21] Benedictow, The Medieval Demographie System of the Nordic Countries, S. 140

[22] Benedictow, The Medieval Demographie System of the Nordic Countries, S. 141

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss der Pest im Mittelalter auf die demographische Entwicklung
Untertitel
Die Familien- und Bevölkerungsstruktur in Skandinavien
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Veranstaltung
General Studies II
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
14
Katalognummer
V184765
ISBN (eBook)
9783656098942
ISBN (Buch)
9783656099109
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
einfluss, pest, mittelalter, entwicklung, familien-, bevölkerungsstruktur, skandinavien
Arbeit zitieren
Nadine Schibrowski (Autor), 2010, Der Einfluss der Pest im Mittelalter auf die demographische Entwicklung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184765

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Einfluss der Pest im Mittelalter auf die demographische Entwicklung



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden