Kohlbergs Theorie der moralischen Entwicklung und ihre pädagogischen Implikationen

Entwicklung als Ziel der Erziehung


Examensarbeit, 2011

83 Seiten, Note: 1,5

Marie-Luise Leise (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung 1

I.Kohlbergs Theorie der Entwicklung moralischer Urteilsfähigkeit
1. Stufen der Moralentwicklung
1.1. Voraussetzungen moralischen Urteilens
1.2. Entwicklungsniveaus
1.2.1. Das präkonventionelle Urteilsniveau
1.2.2. Das konventionelle Urteilsniveau
1.2.3. Das postkonventionelle Urteilsniveau
1.3. Weitere definitorische Merkmale
1.4. Moralische Orientierungen innerhalb der Stufen
1.5. Zur Angemessenheit des Stufenmodells
1.6. Entwicklungsstimulierende Faktoren
2. Moralisches Urteilen und Handeln
2.1. Unterscheidung von deontischem Urteil und Verantwortungsurteil
2.2. Vorhersage moralischen Verhaltens
3. Weiterentwicklung und Rekonzeptualisierung
3.1. Moralisches Urteilen und Handeln
3.2. Soziomoralische Wissenssysteme und Selbst
3.3. Moralisches Wissen und moralische Motivation
3.4. Die Sozialwelt der Kinder
4. Moralphilosophische und soziologische Grundannahmen
4.1. Kohlbergs strikter Universalismus
4.2. Weiterentwicklung: Der eingeschränkte Universalismus

II. Kohlbergs moralpädagogischer 'Just-Community'-Ansatz
5. Der progressive und diskursive Ansatz der Moralerziehung
6. Die Just-Community-Schule
6.1. Grundgedanken und Ziele
6.2. Die Struktur einer Just-Community-Schule
6.2.1. Minimalbedingungen
6.2.2. Exkurs: Dilemmadiskussionen
6.3. Demokratieform und Gerechte Schulgemeinschaft
6.4. Sozialisatorische Relevanz
6.5. Möglichkeiten und Grenzen des Ansatzes
7. Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse
8. Ausblick

Einleitung

Wenn man an Moralerziehung denkt, so identifiziert man den Beginn dieser langen Tradition unterschiedlich strukturierter Konzepte in der Philosophie mit Aristoteles’ prägnanter Tugendlehre und von substantieller Sittlichkeit geprägten Lebensform. Interessant hierbei ist, ohne schon zu sehr vorweg greifen zu wollen, dass dieser schon, in seiner ‚Nikomachischen Ethik’, die Lebensform mit der Polis verbindet. Von Aristoteles abweichend und bezugnehmend auf Piaget und Dewey konzeptualisiert Kohlberg (1927-1987) Moralerziehung als Prozess, festgehalten in der Formel ‚Entwicklung als Ziel der Erziehung’ (Kohlberg/Mayer, 1972). Die vorliegende Arbeit soll einen Beitrag dazu leisten, die Kohlbergsche Formel zu explizieren: So ist zunächst nach dem Gegenstandbereich zu fragen, danach, was sich überhaupt entwickeln soll (Kap. 1), in einem zweiten Schritt, wie sich Entwicklung als solche erklären lässt (Kap. 1.6), drittens, inwiefern diese als wünschenswert und zu fördernd ausgewiesen werden kann (Kap. 4), und viertens, auf das Verhalten bezogen, von welcher Art entsprechende Lernarrangements sein müssen (Kap. 5). In Kap. 6 schließlich wird Kohlbergs pädagogischer ‚Just-Community’-Ansatz vorgestellt, der nach im ersten Teil der Arbeit dargestellten entwicklungspsychologischen Annahmen und deren soziologische und moralphilosophischen Grundannahmen rekonstruiert werden soll, um so schließlich die Möglichkeiten und Grenzen des Kohlbergschen Ansatzes hinsichtlich seiner sozialisatorischen Relevanz auszuweisen. In den Schlussbetrachtungen werden dann die Ergebnisse zusammengeführt und abschließend mit Blick auf die heutige Schulkultur reflektiert, inwiefern sich Regelschulen diese zu nutzen machen können.

Entsprechend seines Ansatzes des ‚bootstrapping’, findet also zwischen philosophischen Annahmen, psychologischen Theorien und pädagogischen Bemühungen ein wechselseitiger Austausch statt. Dies gilt vor allen Dingen für das Moralprinzip der Universalisierung, das Kohlberg in Anlehnung an Piagets Konzept der Dezentrierung mit der Fähigkeit des Heranwachsenden verbindet, bestimmte soziomoralische Perspektiven einzunehmen, die er wiederum in seiner pädagogischen Methode wirksam werden lässt. Es geht ihm zunächst nicht um die Frage, welche Normen Heranwachsende unterschiedlichen Alters anerkennen, ob sie sich entsprechend verhalten oder nicht oder welche Entscheidung sie tatsächlich treffen, sondern um die Entwicklung von Begründungen normativer Urteile und um Orientierungen. Die soziomoralischen Perspektiven liegen den Handlungsentscheidungen zugrunde und lassen sich aus Argumentationsmustern erschließen, so bezieht sich seine Moraltheorie auf den Kernbereich moralischen Denkens und Urteilens. Kohlberg weist mehrere qualitativ verschiedene moralische Perspektiven beziehungsweise Stufen aus, die er in drei Niveaus, die wiederum je zwei Stufen implizieren, unterscheidet. Rekurrierend auf Dewey und Piaget ist Kohlberg moralische Urteilsfähigkeit ein Schlüsselthema für Erziehung und Demokratie zugleich, so nimmt er an, dass moralische Entwicklung nicht durch die bloße Übernahme von moralischen Begriffen und Haltungen gefördert werden kann, sondern durch die diskursive Verarbeitung von Problemen, die bei der Verwirklichung moralischer Prinzipien im Alltag, auch im schulischen, entstehen. Demokratische Teilhabe am Prozess der Erziehung ist nach ihm daher zugleich Ziel und Bedingung für dessen Gelingen, was ihn zum Konzept der ‚Just Community’ bringt.

Kohlberg selbst hat bis zu seinem Tode 1987 viele Veränderungen, Erweiterungen und Spezifizierungen an seinem Stufenmodell (Kohlberg, 1995) vorgenommen, wobei jedoch die Kernannahmen weitgehend unverändert geblieben sind; ebenso am Auswertungsverfahren (Colby/Kohlberg, 1987), an welchem hinsichtlich der empirischen Erfassung moralischer Urteilsstufen jedoch Revisionen vorgenommen wurden, weshalb sich mancher in den 1960er und 1970er berichtete empirische Befund nicht ohne weiteres auf den heutigen Stand der Theorie übertragen lässt. Das Kohlbergsche Modell hat von vielen Seiten unterschiedliche Kritik erfahren, auf welche ebenso in dieser Arbeit ebenso eingegangen werden soll. Insbesondere aber haben seine Schüler, wie beispielsweise Gertrud Nunner-Winkler, dazu beigetragen, vorhandene Einseitigkeiten und Widersprüche aufzuheben, indem sie sein Modell differenziert rekonzeptualisiert haben im Sinne einer das Modell stärkenden Weiterentwicklung (Kap. 3). Kohlbergs Veröffentlichungen haben seit den 1960er Jahren bis heute anhaltend in der Forschung zur moralischen Entwicklung große Aufmerksamkeit erhalten.

Kohlbergs Theorie der Entwicklung moralischer Urteilsfähigkeit

Stufen der Moralentwicklung

Piagets kognitivistischen Ansatz reflektierend, verortet sich Kohlberg in seiner Beschäftigung mit Moralität in der kognitiv-entwicklungsorientierten Tradition: Als deutlichstes Merkmal gilt ihm das Vorhandensein eines Stufenkonzeptes, die Vorstellung von einer sequentiellen Reorganisation in der Entwicklung moralischer Einstellungen, d.h. Moralentwicklung enthält eine grundlegende kognitiv-strukturelle, moralische Urteilskomponente. Sie beruht auf einer generalisierten motivationalen Basis und wird in ihren grundlegenden Eigenschaften als kulturübergreifend verstanden, da sich alle Kulturen aus den gleichen Quellen von sozialer Interaktion, Rollenübernahme oder Konflikten speisten, die durch Moral integriert werden müssen. Fundamentale moralische Normen sind Strukturen, die aus Erfahrungen in sozialer Interaktion zwischen dem Selbst und anderen aufgebaut werden. Einflüsse der Umwelt meinen die allgemeine Qualität und das Ausmaß kognitiver und sozialer Anregung im Verlauf der Entwicklung (vgl. Kohlberg, 1976: 162f.). So ist das dahinterstehende Menschenbild ein entwicklungslogisches, das Entwicklung versteht im Sinne des Interaktiven Konstruktivismus, wonach die Quelle kognitiver Veränderungen in der beständigen Interaktion zwischen Individuum und Umwelt liegt (Ko-Konstruktion), d.h. in der Beziehung (vgl. Sutter, 2003a: 246).

Voraussetzungen moralischen Urteilens

Kohlberg bezieht sich in der Entwicklung seiner Stufenabfolge auf Piagets Stufen des logischen Denkens: Mit Fokus auf das Einsetzen des Sprechens findet man drei Hauptphasen der Entwicklung des Denkens, nämlich das intuitive das konkret-operatorische und das formal-operatorische. Etwa mit dem siebten Lebensjahr löst das Stadium des konkret logischen Denkens das intuitive ab, d.h. die Kinder sind dann fähig, logisch zu schließen, Gegenstände zu klassifizieren und quantitative Relationen zwischen konkreten Dingen herzustellen und mit diesen umzugehen. In der Adoleszenz erreichen viele, aber nicht alle Menschen das Niveau von formalen Operationen, d.h. die Fähigkeit, abstrakt zu denken. Das formal-operatorische Denken ist dadurch charakterisiert, dass viele Möglichkeiten auf komplexe Art und Weise durchdacht werden können, d.h. Beziehungen zwischen Systemelementen hergestellt, Hypothesen gebildet, aus ihnen Implikationen abgeleitet und an der Realität überprüft werden. Kohlberg geht davon aus, dass im allgemeinen fast kein Jugendlicher oder Erwachsener mehr ganz dem konkret-operatorischen Denken verhaftet ist, viele das formal-operatorische Denken teilweise beherrschen und die meisten gar die höchste Stufe der formalen Operationen erreicht haben (vgl. Kohlberg, 1976: 124.). Bedeutsam ist nun, dass für Kohlberg ein fortgeschrittenes moralisches Denken von einem fortgeschrittenen logischen Denken abhängt, und zwar in Form einer Parallelität zwischen der logischen Stufe eines Individuums und seiner Moralstufe. So kann beispielweise eine Person, die nur konkret-operatorisch denkt, über präkonventionelle Moralstufen nicht hinausschreiten. Die logische Entwicklung ist also eine notwendige Bedingung für Moralentwicklung, jedoch keine hinreichende Voraussetzung, denn viele Menschen haben eine höhere logische, aber deshalb noch nicht die parallele moralische Stufe erreicht und ebenso befindet sich kaum jemand auf einer höheren moralischen Stufe als logischen (vgl. Kohlberg, 1976: 124f.). Um darüber hinaus zu gehen, führt Kohlberg, bezugnehmend auf Selmans Stufen der sozialen Wahrnehmung (1984: 47ff.), das Konzept der Perspektiven- bzw. Rollenübernahme ein. Erfasst wird das Niveau, auf dem das Individuum andere Menschen wahrnimmt, ihre Gedanken und Gefühle interpretieren und ihre Rollen bzw. Stellung in der Gesellschaft verstehen kann.[1] Zwar hängen diese Stufen sehr eng mit den Moralstufen zusammen, doch haben sie allgemeineren Charakter, d.h. wie in Bezug auf die Logik, geht die Entwicklung der sozialen Kognition eines bestimmten Stadiums der Entwicklung der parallelen Stufe moralischen Urteilens voran. So gibt es neben der vertikalen Aufwärtsbewegung der Moralstufen auch eine horizontale Abfolge, und zwar von der Logik hin zur sozialen Wahrnehmung und von dieser dann zum moralischen Urteil (vgl. Kohlberg, 1976: 125f.). Als abschließender Schritt dieser horizontalen Sequenz gilt Kohlberg das moralische Verhalten. Auf dieses werde ich dann in Kap. 2 eingehen. Zu beachten ist, dass die Bestimmung einer moralischen Stufe jedoch allein auf dem moralischen Urteil gründet.

Entwicklungsniveaus

Die psychologischen Annahmen seiner Theorie verschärfen die Piagets dahingehend, dass Kohlberg die Stufen über die allgemeine kognitive Entwicklung hinaus nach strengeren theoretischen Kriterien definiert, sie bilden Tiefenstrukturen des Denkens, welche die Interpretation und Verarbeitung von Handlungssituationen bestimmen. Kriterium der Diagnose[2] seiner Entwicklungsstufen bilden die expliziten Argumentationen, sie sind Ausdruck der zugrunde liegenden Operationen, die soziomoralische Perspektiven (Mead), Typen der Perspektivenübernahme und –koordination. Sie gelten als zentrale strukturelle Charakteristika moralischen Urteilens, woraus sich strukturelle Hauptmerkmale einer Stufe ableiten lassen, und Einheit für die verschiedenen Vorstellungen und Thematiken eines moralischen Niveaus stiften. Zwar bezieht sich die soziomoralische Perspektive auf die Ebenen der Rollenübernahme, die den Moralstufen parallel laufen und eine kognitiv-strukturelle Hierarchie bilden (Selman), geht darüber jedoch hinaus: verstanden als strukturelles Konstrukt liegt es selbst der Rollenübernahme wie auch dem moralischen Urteil zugrunde; es bezieht sich auf den Standpunkt, den das Individuum bei der Vergegenwärtigung sozialer Fakten wie der Bestimmung soziomoralischer Werte, Sollensvorstellungen, einnimmt (vgl. Mead, 1968: 412ff.). Diese entwicklungsspezifische soziomoralische Perspektive als kognitive Organisationsstruktur liegt also den moralischen Urteilen zugrunde und definiert qualitativ unterschiedliche Formen der Beziehung zwischen dem Selbst und den moralischen Regeln und Erwartungen der Gesellschaft.[3] So ist festzuhalten, dass Kohlberg eine analytische Unterscheidung zwischen kognitiver Struktur und normativen Werthaltungen, die inhaltlich variieren können, vornimmt. Denn erst solch eine damit einhergehende Abstraktion von Lebensgeschichte des Einzelnen und dessen biographisch vermittelten, kulturspezifischen Werthaltungen und Orientierungen ermöglicht es Kohlberg, eine kulturübergreifende, universale Stufenabfolge auszuweisen. Deutlich soll nun in der folgenden Ausführung Kohlbergs Anliegen werden, inwiefern die zweite Stufe jeder Ebene die Entwicklung der Perspektive, die mit dem Übergang zur jeweils ersten Stufe begonnen wurde, vervollständigt. Entsprechend zu den drei Hauptniveaus des moralischen Urteils, die wiederum jeweils zwei Stufen enthalten, werden drei Hauptniveaus der sozialen Perspektive unterschieden: Präkonventionell (meisten Kinder bis zum 9. J., manche Jugendliche, viele jugendliche und erwachsene Straftäter) umfasst die konkret-individuelle Perspektive, konventionell (meisten Jugendlichen/Erwachsenen) die Perspektive eines Mitglieds der Gesellschaft und postkonventionell bzw. prinzipienorientiert (sehr wenige Erwachsene ab dem 20. J.) eine der Gesellschaft vorgeordnete Perspektive (vgl. Kohlberg, 1976: 133). Entsprechend dieser Ausführungen definiert Kohlberg die sechs Moralstufen in drei Dimensionen (Was gilt als richtig? Mit welchen Gründen wird das Richtige vertreten? Welche soziale Perspektive steht im Hintergrund der jeweiligen Stufe?). Dabei lassen sich diese Perspektiven ebenso als unterschiedliche motivationale Orientierungen verstehen: Dem Stufenschema zugrunde liegt nämlich Kohlbergs Annahme eines kognitiv-affektiven Parallelismus, d.h. eine Strukturgleichheit der Gründe, die die Geltung bzw. Gültigkeit der Normen ausweisen, und der Motive, die ihre Befolgung anleiten. So gilt es auf präkonventionellem Niveau, das zu tun, was einem nutzt, und das Interesse, Vorteile zu erringen und Nachteile zu vermeiden, motiviert das Handeln. Auf dem konventionellem Niveau ist es richtig, die in der Gruppe bzw. Gesellschaft herrschenden Normen zu befolgen, das Streben nach sozialer Akzeptanz bzw. Vermeidung eines schlechten Gewissens, in dem die herrschenden Normen verinnerlicht sind, motiviert Normkonformität. Auf postkonventionellem Niveau gilt es als richtig, das Handeln an universellen Moralprinzipien zu orientieren, Einsicht in deren universelle Rechtfertigbarkeit ist die Motivation.

Das präkonventionelle Urteilsniveau

Stufe 1 (Gehorsamsorientierung) steht für eine heteronome Moralität, nach der es rechtens ist, Regeln einzuhalten, deren Übertretung mit Strafe bedroht ist. Grund, das Rechte zu tun, ist das Vermeiden von Strafe bzw. die überlegene Macht der Autoritäten, gesellschaftliche Regeln und Erwartungen werden noch nicht verstanden. Die soziale Perspektive ist charakterisiert durch einen egozentrischen Gesichtspunkt des isolierten Aktors, d.h. der Handelnde berücksichtigt die Interessen anderer nicht bzw. erkennt nicht, dass sie von den seinen verschieden sind. Stufe 2 (instrumenteller Hedonismus) steht für Individualismus, Zielbewusstsein, aber auch Austausch. Rechtens ist es, Regeln zu befolgen, jedoch nur dann, wenn es irgendjemandes unmittelbaren Interessen dient; ebenso, was fair ist, was ein gleichwertiger Austausch ist. Das Rechte wird zur Befriedigung eigener Bedürfnisse getan, wobei nun aber anerkannt wird, dass auch andere Menschen bestimmte Interessen haben, d.h. wenn den eigenen Interessen gefolgt wird, wird die Reaktion des anderen antizipiert und die Richtigkeit von Handlungen richten sich inhaltlich primär danach, ob sie nutzen oder schaden (so ist Gerechtigkeit relativ). Dabei steht der eigene Standpunkt an erste Stelle, bei Übereinkunft wird jeder etwas für den anderen tun (‚konkret-individualistische’ soziale Perspektive). So zeigt sich im Übergang zu Stufe 2 eine Veränderung in der Einschätzung der Reaktionen anderer, die egozentrische Perspektive wird ein Stück weit überwunden, doch bleiben dem präkonventionelle Subjekt soziale Normen und Erwartungen noch äußerlich (vgl. Kohlberg, 1976: 127ff.).

Das konventionelle Urteilsniveau

Nach Stufe 3 (Gruppenkonformität) ist es rechtens, den Erwartungen Nahestehender zu entsprechen. Es gilt gut zu sein, d.h. ehrenswerte Absichten zu haben, Beziehungen zu pflegen und Vertrauen, Loyalität, Wertschätzung und Dankbarkeit zu empfinden. Das Rechte zu tun gründet im Verlangen, vor sich selbst und anderen als guter Mensch zu erscheinen, Zuneigung zu anderen, Glaube an die Goldene Regel u.a. Dementsprechend ist die soziale Perspektive die eines Individuums, das in Beziehung zu anderen steht, wobei es sich gemeinsamer Gefühle, Übereinkünfte und Erwartungen bewusst ist, die der anderen nun aber vorrangig der eigenen behandelt. Mittels der ‚konkreten goldenen Regel’ und des Versetzens in andere bringt es unterschiedliche Standpunkte miteinander in Beziehung, gesehen wird also aus dem Blickwinkel gemeinsamer Beziehungen (einer konkreten Bezugsgruppe) (vgl. Kohlberg, 1976: 140). Stufe 4 (Orientierung an Recht und Ordnung) bezeichnet Kohlberg als soziales System und Gewissen. Rechtens ist, die Pflichten zu erfüllen, die man übernommen hat und Gesetze zu befolgen. Das Recht steht im Dienste der Gesellschaft, Gruppe oder Institution, deren Bestehen und Funktionieren gewährleistet werden soll, ebenso aber des Gewissens, das an die selbstübernommenen Pflichten mahnt. Die soziale Perspektive übernimmt den Standpunkt des Systems, das Rollen und Regeln festlegt, individuelle Beziehungen werden dabei betrachtet als Relationen zwischen Systemteilen; inhaltlich lässt sich die konventionelle Ebene danach beschreiben, ob sie den faktisch geltenden Regeln jener Primärgruppen oder Gesellschaften, unter denen sie leben, entsprechen oder nicht (vgl. Kohlberg, 1976: 127ff.).

Das postkonventionelle Urteilsniveau

Stufe 5 (Orientierung an sozialen Abmachungen) nennt Kohlberg Stufe des sozialen Kontrakts bzw. der gesellschaftlichen Nützlichkeit und zugleich als die individueller Rechte. Utilitaristische Erwägungen sind zu beobachten wie eine Maximierung des Gewinns für möglichst viele. Auch gewinnt eine neue Dimension der Gerechtigkeit an Bedeutung: Gerechtigkeit des Verfahrens bei der Entscheidungsfindung (z.B. nach dem Modell demokratischer Entscheidungen). Gewusst wird darum, dass es eine Vielzahl von Werten und Meinungen gibt, zudem, dass die meisten davon gruppenspezifisch sind. Diese relativen Regeln sind im Interesse der Gerechtigkeit und des sozialen Kontraktes im allgemeinen zu befolgen. Werte wie ‚Leben’ und ‚Freiheit’ aber müssen in jeder Gesellschaft und unabhängig von der Meinung der Mehrheit respektiert werden, was begründet liegt im Verpflichtungsgefühl gegenüber dem Gesetz (Gesellschaftsvertrag, d.h. zum Wohl und Schutz der Rechte aller Menschen), und zweitens durch ein Gefühl der freiwilligen vertraglichen Bindung an Familie, Freundschaft, Vertrauen und Arbeitsverpflichtungen sowie drittens durch ein Interesse daran, dass Rechte und Pflichten gemäß der rationalen Kalkulation eines Gesamtnutzens verteilt werden (‚Der größtmögliche Nutzen für die größtmögliche Zahl’). Die soziale Perspektive ist der Gesellschaft vorgeordnet, d.h. es ist die eines rationalen Individuums, das sich der Existenz von Werten und Rechten bewusst ist, die sozialen Bindungen und Verträgen vorgeordnet sind. Integriert sind zudem unterschiedliche Perspektiven durch die formalen Mechanismen der Übereinkunft, des Vertrags, der Unvoreingenommenheit und der angemessenen Veränderung (vgl. Kohlberg, 1976: 131). Unterschieden wird zwischen moralischem und rechtlichem Gesichtspunkt, doch besteht Schwierigkeit, eine moralische Perspektive unabhängig von legal-kontraktuellen Rechten zu gewinnen, so geht sie dem rechtlichen noch nicht voraus (vgl. Kohlberg, 1976: 141). Auf Stufe 6 (Orientierung an universalen Prinzipien) ist es rechtens, selbst gewählten ethischen Prinzipien zu folgen. Diese beziehen sich nicht auf einen Katalog inhaltlicher Normen, vielmehr geht es um ein allgemeingültiges Verfahren zur Prüfung normativer Entscheidungen. Bestimmte Gesetze oder gesellschaftliche Übereinkünfte sind im allgemeinen deshalb gültig, weil sie auf diesen Prinzipien beruhen, wenn Gesetze jedoch gegen diese Prinzipien verstoßen, dann handelt man in Übereinstimmung mit dem Prinzip. Es handelt sich um universelle Prinzipien der Gerechtigkeit, wonach alle Menschen gleiche Rechte haben und die Würde des Einzelnen zu achten ist, und um solche allgemeiner Wohlfahrt (zur moralischen Orientierung innerhalb der Stufen vgl. Kap. 1.4). Begründet ist dies im Glauben eines rationalen, moralischen Subjekts an die Gültigkeit universaler moralischer Prinzipien und einem Gefühl persönlicher Verpflichtung ihnen gegenüber (vgl. Kohlberg, 1976: 132). So sollten nach Kohlberg die Werte und Gesetze einer Gesellschaft so beschaffen sein, dass sich jede vernünftige Person, welche Position sie auch immer in der Gesellschaft einnehmen sollte und zu welcher Gesellschaft sie auch immer gehören mag, auf sie verpflichten könnte (vgl. Kohlberg, 1976: 136). Während auf den einzelnen vorangegangenen Stufen je spezifische moralisch relevante Gesichtspunkte thematisiert werden, wird es dem Individuum erst auf dem postkonventionellen Niveau möglich, diese vergleichend gegeneinander abzuwägen und in einer Metareflexion zu integrieren, wodurch die Unterscheidung zwischen faktisch geltenden und rechtfertigbar gültigen Normen notwendig und möglich wird. So kehrt die soziale Perspektive zum Standpunkt des Individuums zurück, das aber als vernünftiges Subjekt die Perspektive eines Mitglieds der Gesellschaft kennt und sie gegebenenfalls aus einer individuumsbezogenen moralischen Perspektive befragt und revidiert mit Blick auf ein verallgemeinerbares Prinzip. Das Ziel moralischer Entwicklung ist dann als einsichtsvolles Verständnis zu verstehen. Rawls und Mead reflektierend führt Kohlberg hier das Konstrukt der idealen Rollenübernahme (ideal role taking) ein, d.h. der auf Stufe 6 Urteilende nimmt neben der eigenen die Perspektive einer jeden Person ein und erwägt in vollkommener Unparteilichkeit alle möglich zu erhebenden Ansprüche (Form des Kategorischen Imperativs)[4], was vertiefend in Kap. 4 expliziert wird. Wie die beschriebene Entwicklung Richtung Stufe 6 nach Kohlberg angetrieben werden kann, soll in Kap. 1.6 bzw. 5 und wie ein Urteil handlungsleitend werden kann in Kap. 2 aufgezeigt werden.

[...]


[1] Zu Selmans Stufenabfolge zunehmend komplexerer Leistungen: Im Alter von 3-6 J. (Stufe 0) glaubt das Kind, Erkennen beinhalte die Abbildung einer objektiv gegebenen Welt; mit 6-8 J. beginnt es die Perspektivität der Sichtweisen zu erkennen (subjektive Rollenübernahme), bevor es schließlich zur Wechselseitigkeit der Perspektivenübernahme (Stufe 2, 8-10 J., reflexive Rollenübernahme) fähig ist. Auf Stufe 3 (10-12 J.), der neutralen Beobachterperspektive, lässt sich die Berechtigung der unterschiedl. Sichtweisen gegeneinander so abwägen, dass eine ‚objektive’ Sichtweise entsteht. Stufe 4 (12-15 J./älter): Perspektivenübernahme mit dem sozialen/ konventionellen System, d.h. es wird gesehen, dass wechselseitige Perspektivenübernahme nicht immer zu einem vollständigen Verstehen führt. Soziale Konventionen werden als notwendig angesehen, weil sie von allen Mitgliedern der Gruppe unabhängig von ihrer Person, Rolle oder Erfahrung verstanden werden (vgl. Pfeifer, 2009: 245ff.).

[2] Prototypisches hypothetisches Dilemma ist das ‚Heinz-Dilemma’, in welchem das Recht auf Leben mit dem Eigentumsrecht konfligiert: „Eine Frau in Europa war dem Tode nahe, da sie an einer seltenen Form von Krebs litt. Es gab ein Medikament, von dem die Ärzte annahmen, dass es die Rettung bringen könnte. Es handelte sich um eine Art Radium, das ein Apotheker aus derselben Stadt jüngst entdeckt hatte. Der Apotheker verlangte 2000 Dollar, das Zehnfache dessen, was die Herstellung kostete. Der Ehemann der kranken Frau, Heinz, suchte alle, die er kannte, auf, um sich das Geld zu leihen. Aber er konnte nur etwas die Hälfte des Kaufpreises zusammenbringen. Er sagte dem Apotheker, dass seine Frau im Sterben lag, und bat ihn, das Mittel billiger abzugeben oder ihn später bezahlen zu lassen. Aber der Apotheker lehnte ab, Heinz geriet in Verzweiflung und brach in die Apotheke ein, um das Medikament für seine Frau zu stehlen“ (vgl. Kohlberg, 1976: 147f.). In Kohlbergs Untersuchungen schließen sich Fragen dieser Art an (vgl. vollständigen Interviewleitfaden Kohlberg, 1995: 495ff.): „1) Sollte Heinz das Medikament stehlen? Warum oder warum nicht? 2) Wenn Heinz seine Frau nicht liebt, sollte er dann das Medikament stehlen? 3) Angenommen, die Person, die im Sterben liegt, ist nicht seine Frau, sondern ein Fremder. Sollte Heinz das Medikament für einen Fremden stehlen? Warum oder warum nicht? 4) Heinz verstößt gegen das Gesetz, wenn er einbricht. Ist dies moralisch falsch?“ Erfragt wird das situationsspezifische moralische Urteil unter den gegebenen Bedingungen wie unter verschiedenen situativen Modifikationen, ebenso wird die allgemeine Geltung der involvierten Normen exploriert.

[3] Neben den Strukturaspekten hat Kohlberg auch Inhalte moral. Denkens definiert, die anhand der Entscheidungsrichtung durch ein System von zwölf universellen Werten (wie Leben/Eigentum) bestimmt werden.

[4] Siehe Kants Unterscheidung zwischen hypothetischen und kategorischen Imperativen: Kant, 2004b: 414ff.

Ende der Leseprobe aus 83 Seiten

Details

Titel
Kohlbergs Theorie der moralischen Entwicklung und ihre pädagogischen Implikationen
Untertitel
Entwicklung als Ziel der Erziehung
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Bildungswissenschaft)
Note
1,5
Autor
Jahr
2011
Seiten
83
Katalognummer
V184781
ISBN (eBook)
9783656097044
Dateigröße
805 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kohlberg, Entwicklung, Moral, moralische Entwicklung, Piaget, Erziehung, Stufen der Moralentwicklung, präkonventionell, konventionell, postkonventionell, Rawls, Kant, Nunner-Winkler, Sutter, moralisches Urteilen, moralisches Handeln, deontisches Urteil, Verantwortungsurteil, moralisches Wissen, moralische Motivation, soziomoralische Wissenssysteme, Selbst, Sozialwelt, Universalismus, eingeschränkter Universalismus, Just Community, progressiv, diskursiv, Habermas, Dilemmadiskussionen, Dilemma, Gerechte Schulgemeinschaft, Demokratie, Demokratiepädagogik, Dewey, Moralphilosophie, Dezentrierung, Normen, soziomoralische PErspektive, Perspektivenwechsel, normative Urteile, Urteile, Begründungen, Entscheidung, moralisches Denken, Stufen, Urteilsfähigkeit, kognitivismus, kognitiv-strukturell, logisches Denken, formal-operatorisch, konkret-operatorisch, Perspektivenübernahme, Rollenübernahme, Kognition, Selman, Mead, Heinz-Dilemma, Prinzipien, Colby, Durkeim, Utilitarismus, Mill, Krettenauer
Arbeit zitieren
Marie-Luise Leise (Autor), 2011, Kohlbergs Theorie der moralischen Entwicklung und ihre pädagogischen Implikationen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184781

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