„Heterotopien“ im Okzident-Orient-Konflikt


Hausarbeit, 2008
20 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Foucaults „Heterotopien“

Die europäische Emanzipation und ihre „Heterotopie“

„Heterotopien“, Macht und symbolische Geschlechterordnungen

Vom kleinen zum großen Unterschied- Frauen in der Geschichte und Religion
- Die Stellung der muslimischen Frau in der Geschichte
- Die religiöse Stellung der muslimischen Frau
- Die weibliche Verschleierung heute
- Die Stellung der europäischen Frau in der Geschichte

Schlusswort

Einleitung

Jeden Tag begegnen wir dem „Anderen“ dem „Fremden“ in Medien und im Umfeld. Anstatt das uns Unbekannte zu akzeptieren, analysieren wir es und stellen es in Frage oder sehen darin sogar eine Gefahr für uns. Warum wir mit solch einer Emotionalität reagieren möchte ich mit dieser Arbeit beschreiben, um die Mechanismen greifbarer zu machen. „Orient und Okzident gemeinsam ist die Tatsache, dass sie ihre ungelösten Probleme an den weiblichen Körper verweisen: Die Erregungen um das Kopftuch erzählen von der symbolischen Kastration, die der männliche Körper durch die Gleichsetzung von Männlichkeit mit der abstrakten <Potenz> der Schrift erfahren hat. Der Konflikt der Geschlechterordnungen wird gerne als Konflikt um <die Rolle der Frau> gesehen. In Wirklichkeit stoßen zwei Konzepte von Schriftlichkeit, Männlichkeit und zwei Wissensordnungen aufeinander“ (Braun et al 2007, S. 148). Mir sind mehrere Punkte in der Arbeit wichtig, die ich bearbeitet habe: Zum einen, die Frage nach dem Orient als Heterotopie des Okzident. Dazu erkläre ich erst, was überhaupt eine Heterotopie wie Foucault sie definiert ist. In dem Abschnitt „Europäische Emanzipation und ihre Heterotopie“ nutze ich die zuvor beschriebene Foucault´sche Theorie zur mikrosoziologischen Analyse der westlichen Emanzipation als Machtinstrument. In dem darauffolgenden Abschnitt „Heterotopien, Macht und symbolische Geschlechterordnungen“ nutze ich diese Theorie als Grundlage einer makrosoziologischen Analyse. Ich bin der Frage nachgegangen, ob Heterotopien in der symbolischen Geschlechterordnung zu finden sind, wieso diese so unterschiedlich sind und welche Macht dabei ausgeübt wird. In dem Abschnitt „Vom kleinen zum großen Unterschied- Frauen in der Geschichte und Religion“ möchte ich den Beweis bringen, dass die orientalische Frau per se nicht anders ist, sondern sie eher anders gemacht wird. Der historische Abriss soll durchleuchten, dass sich einige Zeitabschnitte in beiden Weltteilen wiederholt haben und das Stück Stoff letztendlich mehr ist als nur ein Kleidungsstück. Diese Interpretation jedoch nicht von den Tragenden vollzogen wird, sondern von den Kritikern und Betrachtern.

Foucaults „Heterotopien“

Er unterteilt sie in zwei Typen: Die Utopie und die Heterotopie. Utopien sind Platzierungen ohne reellen Ort, er beschreibt sie als „Perfektionierung der Gesellschaft“ (Foucault 2005, S.36). Heterotopien hingegen sind reelle Orte und realisierte Utopien, die tatsächlich geortet werden können. Diese zwei Typen können auch eine Mischform bilden (z.B. der Spiegel). Im Folgenden kommen sechs Grundsätze zu Heterotopien: „Es gibt wahrscheinlich keine einzige Kultur auf der Welt, die nicht Heterotopie etabliert“(ebda 2005, S. 37). Er bezieht sich auf Urgesellschaften, welche „Krisenheterotopien“ besitzen. „Krisenheterotopien“ sind privilegierte, geheiligte und verbotene Orte für Menschen im Krisenzustand (menstruierende Frauen, Alte etc.), die keine geographische Fixierung besitzen. Sie werden heute durch „Abweichungsheterotopien“ abgelöst, wohin Individuen mit Abweichungen der Norm gesteckt werden (Gefängnis, Klinik etc.).(vgl. ebda 2005 S. 37). Als nächstes kommt hinzu, „[...] dass eine Gesellschaft im Laufe ihrer Geschichte eine immer noch existierende Heterotopie anders funktionieren lassen kann“(ebda 2005, S. 38). Früher war der Friedhof mitten im Zentrum des Ortes integriert, heute wird er ausgelagert, da Tod mit Krankheit verbunden wird und seit den Zeiten des Atheismus und der Individualisierung, jeder einen Platz auf dem Friedhof erhalten kann. „Die Heterotopie vermag an einem einzigen Ort mehrere Räume, mehrere Platzierungen zusammen fügen, die an sich unvereinbar sind“ (ebda 2005, S.38). Beispiele sind das Theater, das Kino und der Garten. Er findet seinen Ursprung im Orient. Der Garten wurde in vier Teile geteilt, welcher jeweils einen Teil der Welt repräsentiert. In der Mitte befindet sich meist ein Brunnen als „Nabel der Welt“. Diese Anordnung des Gartens findet man auch in Orientteppichen wieder. „Die Heterotopien sind häufig an Zeitschnitte gebunden“ (ebda 2005, S.38). Dabei unterscheidet er zwischen ewigen Heterotopien wie z.B. Museen und Bibliotheken, die Zeit und Form von Kunst oder Wissen zusammenfassen und temporären Heterotopien, wie z.B. Feste oder Feriendörfer. „Die Heterotopien setzen immer ein System von Öffnung und Schließung voraus.“(ebda 2005, S. 39). Sie sind nicht für alle einfach zugänglich, bzw. setzen sie eine gewisse Erlaubnis des Betretens voraus, oft in Form eines Vollzugs gewisser Gesten. Jeder kann sie betreten, er wird jedoch dadurch ausgeschlossen (Illusion). Eine Heterotopie hat immer die Funktion, zwischen zwei extremen Polen zu liegen.

Als Beispiel nennt er hierfür einerseits den Illusionenraum, zu dem das Bordell gehört und die Kompensationsheterotopie, zu der Kolonien zählen. Der Grund, warum es Heterotopien gibt lässt sich mit dem Begriff des Dualismus beschreiben. Jeder Gesellschaft hat bestimmte Werte verinnerlicht, die eine Wertung voraussetzen. Für diese Normen muss es immer ein Negativ geben, dass den positiven Wert bejaht. So muss es für die Norm der „Zivilisiertheit“ einer Gesellschaft einen ausgelagerten Gegenpol für „Unzivilisiertheit“ geben, der die Existenz der zivilisierten Gesellschaft bestätigt. Genauso sieht es mit der Sexualität, dem Bildungsstand, der Struktur in einer Gesellschaft aus.

Die europäische Emanzipation und ihre Heterotopie

Um zu verstehen, warum die europäische Frau so stark auf die Rolle der Frau im Orient und der verbunden „Kopftuchdebatte“ reagiert, muss erst mal die westliche Denkweise interpretiert werden. Basis dieser Debatte ist das Verständnis und Verhältnis der Geschlechter in der westlichen Welt. Geschlecht darf nicht eindimensional gedacht werden, sondern im Verhältnis zum jeweiligen anderen. Erst in Reflexion zum anderen Geschlecht tritt Geschlecht erst in Erscheinung, mit dem Leitsatz „Ich und der Andere“ (vgl. Fischer-Lichte 2000, S. 120). Dort beginnt der Moment der Konstruktion, was „weiblich“ und was „männlich“ ist. Dem Mann werden Eigenschaften wie Stärke, Unabhängigkeit und rationales Denken zugeschrieben und der Frau Sanftmut, Emotionalität und Verständnis. Diese Eigenschaften werden in Gestik, Verhalten und Kleidung eingeschrieben. Die Hose ist eines der offensichtlichsten Symbole für Macht und Stärke. Sie wurde früher nur von Männern getragen, heute wird sie von beiden Geschlechtern getragen, als Ausdruck der errungenen Machtstellung der Frau. Dem Gegenüber steht der Rock, der als typisch weibliches Kleidungsstück identifizierbar ist. Da der Trägerin das Spiel mit ihrer Weiblichkeit unterstellt wird, ziehen einige Frauen keine Röcke an. Hinter dem Kleidungsstück „Rock“ steht nicht nur das Weibliche, sondern viele verbinden damit schnell das Machtverhältnis Mann-Frau oder dem Sehen-Gesehenwerden-Prinzip, dass die Trägerin zu dem passiven Wesen werden lässt, dass sie oft nicht sein möchte.

Es gibt für mich zwei Momente, warum die europäische Frau auf die Kopftuchtragende orientalische Frau emotional reagiert kann. Zum einen verbindet sie mit dem Kopftuch (wie mit dem Rock etc) die Geschichte ihrer eigenen Unterdrückung und macht somit diese zu einer Heterotopie; Zum anderen wird das Prinzip der Okzident-Orient-Konflikts und dessen Machtausübung, das ich im nächsten Kapitel beschreibe wiederholt, das sich am ehesten mit dem Prinzip des hierarchischen Dualismus oder Heterotopie beschreiben lässt, im Sinne des „Wir“ als Ideal und den „anderen“ als Mangelhaft.

Kleidung spielt in unserer Gesellschaft eine tragende Rolle als Zeichen für ihre soziale Rolle und ihre Haltung zu der Kultur, in der sie leben. Mode kann dazu dienen eine bestimmte Gesinnung zum Ausdruck zu bringen. Traditionelle weibliche Kleidung verführt zu kleinen, kontrollierten, aber Aufmerksamkeit erregenden Bewegungen und Gesten. Sie bringt typisch weibliche Geräusche hervor (wie z.B. Stöckelschuhe) und ist meist mit angenehmen Gerüchen verbunden. Weibliche Kleidung ist nie bloß funktional, sie erfordert zierliche Schritte, angemessene Posen und kleine Gesten. Sie erinnert eine Frau stets daran, dass ihr Leben ein eingeschränktes zu sein hat. Wirklich weiblich zu sein bedeutet, die Nachteile dieser Behinderung und Beengung hinzunehmen und sie schließlich zu lieben. (vgl. Schneider 1991, S.59). Durch die Emanzipation in der Modewelt, wurde diese „Beengung“ gebrochen und die Modeschöpfer bringen seit jeher funktionellere Mode als Mischform männlicher und weiblicher Kleidungsstücke. „Mode ist keine <Unterwerfungsgeste> mehr“ (Ebda 1991, S.59). Aus dieser neuen Stellung heraus betrachtet die europäische Frau die orientalische und sieht sich mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Das Kopftuch als Unterdrückungsinstrument. Es steckt wohl weitaus mehr hinter dem „Kopftuch“ als nur eine Verschleierung. Warum die Verschleierung solch ein Interesse auf sich zieht, lässt sich auf die Zeit des Harems und der Kolonialmacht und sexuellem Begehren beziehen. In Zeiten von Kolonial-herrschaften im Orient stammen zahlreiche Reiseberichte von europäischen Frauen, die Harems besuchten und ihre Eindrücke deutlich schilderten. In diesen Berichten lässt sich erkennen, wie die westlich „zivilisierte“ Frau die Haremsdamen und ihren Schleier als „unzivilisierte“ Frau wahrnimmt. Sie schreibt ihr (als Heterotopie) den Objektstatus zu, der ihren Subjektstatus bestätigt, in dem ihr gefürchteter Objektstatus auf die orientalische Frau ausgelagert wird und dadurch Macht ausübt.

Westliche Frauen gezwungen über die Stellung der Frau im Orient zu reden, da ihre aktuell geführten Diskussionen um Weiblichkeit eine große Rolle spielen. Die einseitige Argumentation über dieses Thema „geben Auskunft über das Unbehagen der westlichen Frau- und damit sind auch orientalische Frauen gemeint, die das westliche Frauenbild angenommen haben- an ihrer eigenen (entblößten) Weiblichkeit. Indem sie die fremde Frau als passiv und ungebildet wahrnimmt, erscheint sie selbst, die doch ebenfalls eine Frau und damit den herrschenden Geschlechterdiskurs zufolge ein <Naturwesen> ist, als kultiviert.“ (Mathes et al. 2007, S.215)

„Heterotopien“, Macht und symbolische Geschlechterordnungen

Die Geschlechterordnung wird als Spiegelbild der göttlichen Botschaft begriffen. Sie bestimmt über das Verhältnis von Mann und Frau und ist in der religiösen Begründung von Regeln zu finden. Die christliche symbolische Geschlechterordnung hat ihren Ursprung in der Verkörperlichung Gottes zu einem Menschen, somit ist die Differenz von Gott und Mensch aufgehoben. Dadurch nahm Gott zwei Geschlechter an: „eines, das die menschliche Sterblichkeit und Mütterlichkeit repräsentiert, und eines, das die Überwindung der Sterblichkeit darstellt“ (ebda 2007, S. 99) Im Christentum findet somit eine Vereinigung von Mensch und Gott statt, was die Einheit beider Geschlechter symbolisieren soll.

Die symbolische Geschlechterordnung des Islams geht von einer „extrakorporalen“ Trennung der Geschlechter aus, die unter anderem vom Schleier symbolisiert wird. Harem und Schleier sind somit Ausdruck der Sakralität des Weiblichen.

Die Rolle des Mannes im Islam geht von zwei Prinzipien von Männlichkeit aus. Die erste spiegelt der Familienvater wider, der übermächtig zu sein scheint und schon von Anfang an als „Exekutor“ des Sohnes fungiert. Söhne fühlen sich oft entmündigt was Depressionen oder Gewalt zur Folge haben kann. Dem gegenüber steht der verzeihende Gott, der Schutz, Wahrheit und Liebe vermittelt. Durch diese beiden Richtungen ergeben sich zwei unterschiedliche Machtordnungen:

Im Westen ist die Geschlechterordnung zwar hierarchisch, durch die Ursprungsgeschichte, nur ist nicht zu vergessen, dass durch die Säkularisierung und der Emanzipation der Frau Geschlechtergleichheit als Grundsatz in der Verfassung zu finden ist.

Im Orient ist diese Geschlechterordnung präsenter, da Religion einen immens höheren Stellenwert einnimmt. Somit ist dort zwar, wie im Exkurs beschrieben, religiös die Gleichheit gegeben, jedoch wird gleichzeitig eine Ungleichheit geschaffen, da die Frau zu einem sakralen Ort ernannt wird, ergo Ungleichheit hergestellt wird. Der Zwiespalt im Orient mit dem „gütigen“ und dem „bösen“ Vater spiegelt laut Braun den Okzident-Orient-Konflikt wider, da der „böse Vater“ für die westlich militärische und wissenschaftliche Überlegenheit steht und der „gütige Vater“ den Islam symbolisiert. (vgl. ebda 2007, S. 113)

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
„Heterotopien“ im Okzident-Orient-Konflikt
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Soziologie)
Veranstaltung
Verschleierte und entblößte Körper
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V184809
ISBN (eBook)
9783656097389
ISBN (Buch)
9783656097198
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Orient Foucault Kopftuch Fremde
Arbeit zitieren
Joana Lissmann (Autor), 2008, „Heterotopien“ im Okzident-Orient-Konflikt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184809

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