Das Spiel der geschlechtsspezifischen Inszenierungen

Am Beispiel der "Butch"-Lesbe


Hausarbeit, 2006

26 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Hintergrund (Lissmann)

3. Konstruktion von Geschlecht und Darstellungsformen (Lissmann)

4. Die Theorien von Butler und Goffman (Haug)

5. Die Ausstellung „Geschlechterkonfusionen“ (Haug)

6. Bildanalyse (Lissmann)

7. Mögliche Gründe der Kategorisierung (Lissmann)

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

10. Anhang

1. Einleitung

Ob in der Literatur, in den Medien oder der Wissenschaft, das Thema „typisch Mann­typisch Frau“ scheint interessanter und gefragter denn je zu sein. Jeder hat eine Vorstellung von einem Mann und einer Frau. Da stellt sich nur die Frage, was mit den Menschen ist, die nicht dem Ideal entsprechen. Sei es auf der Straße, in der U-Bahn oder am Arbeitsplatz, überall trifft man auf Menschen, die diesem Idealbild nicht entsprechen. Manche fallen durch ihr untypisches Aussehen, andere durch ihr andersartiges Verhalten auf. In fast jedem Forschungsbereich hat das Geschlecht das Interesse geweckt. In der Psychologie wird das Verhalten von Individuen und Gruppen analysiert, in der Soziologie sind die Gender-Studies zu finden, die Pädagogen beschäftigen sich mit der geschlechtsspezifischen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen und die Berufspädagogen erörtern, warum und ob die Frau das gleiche Gehalt und die gleiche Chance im Berufsleben bekommen soll, wie ihr Pendant. Nicht nur in Universitäten ist das Thema allgegenwärtig. In der Literatur wird sogar das Geschlecht an sich aufgeschlüsselt und in Frage gestellt. Es entstehen nun Fragen wie: „Gibt es nur zwei Geschlechter?“ Und „Wenn es mehr gibt, was macht sie aus?“. Nie haben Vorurteile über Geschlechtseigenschaften für so viel Zündstoff gesorgt wie jeher. Nimmt man die typisch männlichen und typisch weiblichen Eigenschaften und Erscheinungen als Schablone, so fallen doch viele Gruppierungen hindurch. Unser Interesse gilt hierbei besonders lesbischen Frauen, welche sich nicht der Norm anpassen, sondern durch Inszenierung das binäre Geschlechtsmodell in Frage stellen. Um den Kontrast zwischen dem Idealtypus und der männlich-inszenierten (lesbischen) Frau sichtbar zu machen, gehen wir zunächst auf theoretische Grundlagen ein, welche die grundsätzliche Frage beantwortet, was Geschlecht eigentlich ist. Darauffolgend bringen wir die Konstruktion von Geschlecht und die Darstellungsformen ins Spiel, welche die Besonderheit der Inszenierung der „Butch“ im hinteren Teil beweisen wird. Der Übergang von allgemein gültigen Geschlechtsnormen zu „Butch-Lesben“ ist darauf im vierten Abschnitt zu finden, der mit den Theorien von Butch und Goffman begründet wird. Da dieses Thema sehr aktuell ist, bringen wir nach dem theoretischen Teil Bildanalysen ein. Die Vorlagen haben wir aus der Ausstellung „Geschlechterkonfusionen“, der Zeitschrift „L-mag“ und ein Bildbeispiel haben wir aus einem Film.

2. Theoretischer Hintergrund

Um die männliche Inszenierung von Lesben zu beschreiben, ist es vorher notwendig eine Grundlage darüber zu schaffen, was Geschlecht ist und was Weiblichkeit bzw. Männlichkeit ausmacht. Die Wichtigkeit des Geschlechts wird klar, wenn ein gerade geborener Säugling anhand seiner primären Geschlechtsmerkmale als Junge oder Mädchen erkannt wird. Dies ist der Beginn der Konstruierung von Geschlecht, welche bis ins hohe Alter bestehen bleibt. Geschlecht tritt am häufigsten in der Interaktion auf. Ein Mensch alleine zeigt nur wenig Interesse seinem eigenen Geschlecht gegenüber. Erst in der Reflexion zu anderen tritt es in Erscheinung (vgl. Fischer-Lichte 2000. S.120). Der Mensch wird als geschlechtliches Wesen erkannt und die Interaktion folgt nach einem geschlechtlichen Rollenspiel.

Die Wissenschaft stellt jedoch in Frage, ob sich Geschlecht nur anhand der körperlichen Merkmale konstituieren lässt. Sie gehen von der Annahme aus, dass ein Teil der Geschlechtsunterschiede der Natur (Sex) zuzuordnen ist und der andere der Kultur (Gender). Sex beschreibt das körperliche Geschlecht, welches auf der Basis der Geburtsklassifikation bestimmt wird. Der Sex ist nur selten änderbar. Es wird jedoch nicht mehr als „zwei entgegengesetzte einander ausschließende Kategorien verstanden, sondern vielmehr als Kontinuum, bestehend aus dem genetischen Geschlecht, dem Keimdrüsengeschlecht und dem Hormongeschlecht“ (Lorber 2003, S.7). Die Unterscheidung zwischen den drei Geschlechtern wird deutlich, wenn Personen einem Geschlecht zugeordnet werden, obwohl sie, ein genetisches Phänomen, nicht nur die Geschlechtschromosome XX für weiblich oder XY für männlich haben, sondern zusätzlich noch ein Chromosom, welches dem anderen Geschlecht zugeordnet wird.

Eine Ausnahme zeigt die Geschlechtsumwandlung bei Transvestiten, welche dadurch institutionell zum anderen Geschlecht umgewandelt werden. Das körperliche Geschlecht kann durch Hervorhebung oder Kaschierung der männlichen oder weiblichen Geschlechtsmerkmal betont werden.

Bevor man sich der Geschlechtskategorie Gender widmet, sollte noch auf die soziale Zuordnung zu einem Geschlecht eingegangen werden (Sex Category), welche sich an der sozialen Darstellung der Geschlechtszugehörigkeit orientiert.

Den Sex erhält man durch die Festlegung des körperlichen Geschlechts, welches jedoch im Alltag aufrecht erhalten werden muss durch sozial geforderte Darstellungen.

Diese Aufrechterhaltung durch Interaktion ist Gender, auch soziales Geschlecht genannt. Das soziale Geschlecht ist die Handhabung situationsgerechten Verhaltens unter Vorgaben und Berücksichtigung der Tätigkeiten, die der eigenen Geschlechtskategorie angemessen scheint. Offen bleibt bei dem Diskurs, ob es tatsächlich nur zwei Geschlechter gibt, die sich einerseits vom körperlichen und andererseits vom sozialen Geschlecht unterscheiden. Butler stellt diese These in Frage: Sie stellt nicht nur die binäre Geschlechtlichkeit in Frage, sondern geht auch von der Annahme aus, dass es ebenfalls mehr als zwei Geschlechtsidentitäten gibt (vgl. Butler 1991, S.23). Mead beschreibt die binären Geschlechter als Idealtyp, welche auf einer Skala als sehr feminin und sehr maskulin vermerkt werden können. Er fügt jedoch hinzu, dass es zwischen den sehr femininen und den sehr maskulinen Idealtypen Gruppen gibt, die in die Mitte zu gehören scheinen, weil sie weniger von den ausgesprochenen Merkmalen zeigen, die für das eine oder das andere Geschlecht kennzeichnend sind (vgl. Mead 1958, S.102). Zudem stellt sich die Frage, ob es ein drittes oder viertes Geschlecht gibt, wenn das körperliche und soziale Geschlecht sich unterscheiden, d.h. wenn die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht beansprucht wird, obwohl die körperlichen Merkmale fehlen. Ein Beispiel hierfür sind die Transvestiten: Sie leben körperlich teilweise noch als Mann (Sex), fühlen sich jedoch als Frau (Sex Category) und inszenieren sich zusätzlich noch als diese (Gender). Obwohl sie demnach als weiblich erkannt werden, sind sie jedoch als Mann institutionell kategorisiert. Erst nach der biologischen Anpassung werden sie als Frau vermerkt.

Wenn man der Frage nachgeht, warum es gerade zwei Geschlechter gibt (obwohl, wie oben gesehen, es nicht wirklich eindeutig sein kann) und ob es in jeder Gesellschaft gleich ist, muss man einen Blick in die Ethnologie und Kulturanthropologie werfen. „Es hat Kulturen gegeben, die ein drittes Geschlecht anerkannten. In anderen konnte das Geschlecht gewechselt werden, ohne dies begründen zu müssen (Bsp. Befdache, eine nordamerikanische Indianerkultur). Es gibt sogar heute noch Kulturen, bei denen die Geschlechtszugehörigkeit aufgrund der Ausführung der Geschlechterrolle, oft auch unabhängig von den körperlichen Merkmalen erfolgt (vgl. Hagemann-White 1984, S.229).

Es scheint wirklich nur in den weiterentwickelten Kulturen eine binäre Geschlechtskategorisierung zu geben, dessen Grund noch nicht wirklich erleuchtet wurde oder nur selten in Frage gestellt wird.

3. Konstruktion von Geschlecht und Darstellungsformen

Die Norm der Geschlechterrollen wird vom Verhalten des Genders und vom Inszenieren bzw. Schmücken des Körpers bestimmt. Beim Mann lassen sich nur wenige Entwicklungen in der Zeitgeschichte verschreiben. Der Mann wird, wie vor Jahrzehnten schon, als stark, unabhängig und rationaldenkend bezeichnet. Nur eine kleine Anzahl hat die Eigenschaften, wie Verständnis, Fürsorge und Sanftmut, welche als weibliche Eigenschaften bekannt sind in Anspruch genommen.

Um die „NornT-Eigenschaften, neben Gestik und Verhalten, auszudrücken, wird auch bewusst oder unbewusst Wert auf Kleidung gelegt. Die Hose ist wohl das ausdrucksstärkste Symbol männlicher Stärke bzw. Macht, welches nun auch von Frauen in Anspruch genommen wird. Am besten lässt sich seine Stärke am Spruch „Die Hosen anhaben“ ausdrücken. Demzufolge muss es wohl auch, neben der Hose, männliche und weibliche Kleidungsstücke geben, welche die Hauptcharakter­Eigenschaften des jeweiligen Geschlechts widerspiegeln. Hagemann-White (1988) schreibt die Eigenschaften aktiv, unabhängig, aggressiv, rational und logisch dem männlichen Stereotyp zu und sanft, passiv, freundlich, emotional, anpassungsfähig und abhängig dem weiblichen. Müsste man nach diesem Stereotyp einen Mann konstruieren, so sähe er so aus: er hat große Füße, einen Anzug, vielleicht auch eine Krawatte und kurze, robuste Haare. Neben dem Stereotyp Mann hat sich in den letzten Jahren ein weiterer Typ entwickelt, welcher weibliche Eigenschaften, neben Charaktereigenschaften wie Sanftmut auch Schminke und Körperpflege, verinnerlicht hat und diese positiviert (Backham-Phänomen).

Das Gegenteil des starken Mannes scheint die Frau zu sein. Ihre Aufgaben bestanden, vor allem seit der Industrialisierung, welche erstmals eine Separation zwischen Arbeit und Privathaushalt forderte, aus Haushaltsführung und Erziehung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eine weitere Möglichkeit, die sich für sie durch die Emanzipation eröffnet hat, ist die Berufstätigkeit und somit die finanzielle Unabhängigkeit vom Mann. Diese Unabhängigkeit kann man auch in der Kleidung wiederfinden. Die „moderne“ Frau ist nicht mehr gezwungen Röcke zu tragen, vielmehr hat sie die Freiheit zwischen Hose und Rock zu wählen. Das Zitieren der Weiblichkeit drückt sich durch Schminke, süßes Parfum, Schmuck, hohe Schuhe und Rock aus.

Die Konstruktion von Weiblichkeit und Männlichkeit basiert- darin liegt die zentrale Gemeinsamkeit- auf einer als natürlich postulierten und immer wieder aufs Neue bekräftigten Differenz. Anstatt nach einer überlappenden Verteilung zu suchen, wird ein rigoroses Entweder-Oder (entweder männlich oder weiblich) gesetzt (vgl. Gildemeister/Wetterer 1992, S. 210; Degele 2004, S. 99).

Die Menschheit wird, als natürlich postulierte Voraussetzung, in zwei Kategorien unterteilt, welche sich durch Kleidung, Gestik, Körper, Lächeln, Gang, Interessen und Beschäftigung unterscheiden. Diese Unterscheidung kann jedoch nicht separiert betrachtet werden, sondern Weiblichkeit und Männlichkeit sind relationale Kategorien, wobei die eine auf die andere Bezug nimmt (vgl. Vogel 2005, S. 113).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Unterscheidungsformen sind Zuweisungen von Rollen und knüpfen an Gesellschaftsideologien an, welche Männlichkeits- und Weiblichkeitsideale kodieren. Die Idealtypen schaffen Sicherheit und steuern das Verhalten. Für jede Interaktion ist es von immenser Wichtigkeit zu wissen, welches Geschlecht die gegenüberstehende Person hat. Der primäre Geschlechtsunterschied- die Geschlechtsorgane- wird nicht erkannt und muss durch die Codes- z.B. Verhalten, Kleidung etc.- entschlüsselt werden, sonst führt dies zu Unsicherheiten. Welches Geschlecht sich wie zu verhalten hat, legen die Mitglieder der jeweiligen Gesellschaft fest. Dabei zeigt die generalisierte Geschlechtstypisierung nicht nur das Geschlecht, sondern verrät auch, zu welcher Gruppierung- Subkultur oder auch sozialer Status- jemand gehört. Die Gesellschaft und die Subkultur legt fest, was Frauen und Männern „möglich und was unmöglich, was wahrscheinlich und was unwahrscheinlich, was real und was eingebildet ist, aber auch was freundlich und was feindlich, was nah und was fern und was £Bzi$hejid und was abstoßend ist

Es ist also die Gesellschaft, welche den Idealtypus formt. Jeder Einzelne kommt nicht mit dem Wissen über das Ideal zur Welt, sondern lernt dies durch Erkennung der weiblichen und männlichen Verhaltens- und Inszenierungsmaßstäben.

Haug (1988) steht der Maßstabsaneignung der Frauen kritisch gegenüber, da sie die Unterwerfung unter herrschenden gesellschaftlichen Vorstellungen vom Frau-Sein bedeutet.

Schon früh lernen Mädchen, dass Sexualität nicht nur einen aktiven Vorgang beschreibt, sondern dass „Sexualisierung“ erreicht wird durch Haltung, Gestik, Aussehen und Bewegung, welche durch Anerziehungsmaßnahmen verboten wird und später, paradoxerweise, dazu benutzt wird aktiv mit ihr zu spielen (vgl. Haug 1988, S. 45f über Sklavinnenverhalten).

Primär gehört es auch zum „weiblichen Grundwissen“, welche Farben welche Effekte erzielen, welche Muster, welche Struktur des Gewebes zum Betonen oder Verdecken bestimmter Körperteile besonders geeignet sind.

Dieses Grundwissen und das Erziehen von Maßstäben zeigt vor allem die essentielle Wichtigkeit von Körper und Geschlecht.

Der vorherige Abschnitt zeigt, dass nicht der Körper an sich Geschlecht vermittelt, sondern vor allem seine Erscheinung geschlechtlich geprägt ist, welche kodiert sind und verschiedene Interpretationen zulässt. Barthes (1982) sieht die Kleidung als das Moment, worin das sinnlich Wahrnehmbare Bedeutung annimmt und somit zum Träger von Zeichen oder sogar seiner eigenen Zeichen wird (vgl. Haug 1988, 84). Dies kann an verschiedenen körperbezogenen Maßstäben verdeutlicht werden:

1 ) Haare 2) Schminken; 3) allgemeine Maßstäbe; 4) Größe; 5) Beine.

Weitz sieht Haare mit den verschiedensten Bedeutungen versehen, da siefast immer sichtbar, mit dem Körper verbunden und hochgradig wandelbar sind (vgl. Weitz 2003 In: Haug 1988, S. 168). So steht in einer psychoanalytischen Sichtweise langes Haar für ungezügelte Sexualität, kurzes Haar für Kontrolle und die Glatze für Keuschheit. Aus Identitätstheoretischer Perspektive markiert Haar die Zugehörigkeit zu einer (Sub-) Kultur (vgl. Degele 2004, S. 168). Es gibt bei der Haarlänge geschlechts­gebundene Normen: eine Frau hat mittellanges bis langes Haar und ein Mann kurzes. Kurze Haare bei Frauen symbolisieren Androgynie, Egalitarismus oder Homosexualität und reduzieren die Sichtbarkeit der Geschlechterdifferenz. Unterteilt man den weiblichen und männlichen Körper in drei Behaarungszonen (Kopf, Gesicht, Körper), wird die Differenz beider Geschlechter deutlich.

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Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Das Spiel der geschlechtsspezifischen Inszenierungen
Untertitel
Am Beispiel der "Butch"-Lesbe
Hochschule
Technische Universität Darmstadt
Note
1,7
Autoren
Jahr
2006
Seiten
26
Katalognummer
V184820
ISBN (eBook)
9783656097303
ISBN (Buch)
9783656097471
Dateigröße
18730 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
gescannte Seiten mit Anmerkungen des Korrektors. Das E-Book lässt sich nicht per Software durchsuchen.
Schlagworte
spiel, inszenierungen, beispiel, butch, lesbe
Arbeit zitieren
Joana Lissmann (Autor)Natalie Haug (Autor), 2006, Das Spiel der geschlechtsspezifischen Inszenierungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184820

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