Die Französische Revolution, die Russische Revolution und der Arabische Frühling. Voraussetzungen und Gründe

Ein historischer Vergleich


Referat / Aufsatz (Schule), 2011
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Vorwort

2.Einleitung

3.Vorrevolutionäre Umstände der Revolutionen
3.1. Aufklärung und gesellschaftliche Disparitäten, die Ursachen für die 4 Französische Revolution
3.2.Erster Weltkrieg sowie soziale und ökonomische Probleme als Gründe 8 für die Russische Revolution
3.3.Ernährungskrise, Perspektivlosigkeit breiter Bevölkerungsschichten und 11 totalitäre Regimes – Voraussetzungen für den Arabischen Frühling

4.Gemeinsamkeiten und Unterschiede
4.1.Revolutionen, in ihrer Epoche isoliert zu betrachtende Phänomene?
4.2.Gibt es, historisch gesehen, den „idealen Nährboden“, 17 für den Umsturz einer Gesellschaft?

5.Lassen sich politische Revolutionen voraussagen?
5.1.Ökonomische Indikatoren
5.2.Politische und gesellschaftliche Indikatoren

6.Revolutionen im 21. Jahrhundert
6.1.Beispiel: VR China

7.Literaturverzeichnis

1. Vorwort

In meiner Arbeit „Die Französische Revolution, die Russische Revolution und der Arabische Frühling – ein historischer Vergleich, im Hinblick auf Voraussetzungen und Gründe einer politischen Revolution“ möchte ich die genannten Ereignisse auf ihre Umstände, die letzten Endes allesamt in einer Revolution mündeten, untersuchen. Basierend auf Gemeinsamkeiten und Unterschieden der einzelnen Revolutionen werde ich versuchen, generelle und historisch unabhängige Bedingungen herauszustellen.

Nach den Protesten in den Staaten des Maghreb und des Nahen Ostens, die Ende 2010 durch die Jasmin-Revolution in Tunesien ihren Anfang nahmen, begann eine neue Zeitrechnung. Vor den Umstürzen der autoritären Regimes in Tunesien und Ägypten und den anhaltenden Protesten in Libyen und Syrien galt die arabische Welt als reformunfähig und politisch rückständig. Das Aufbegehren der zumeist jungen Bevölkerung gegen eine starre Gesellschaftsform sowie korrupte und dekadente Eliten weist Parallelen zu den bürgerlichen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts auf. So wie in den europäischen Revolutionen für die Elemente unserer Gesellschaft gekämpft wurde, um Kapitalismus, liberale Gesellschaft, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, so ringt die arabische Welt heute um den Anschluss das 21. Jahrhundert, mit eben jenen Elementen.[1] So überraschend und teilweise auch erfolgreich die Proteste des Arabischen Frühling verliefen, so schlüssig und offensichtlich sind deren Gründe. Der Ruf nach gerecht verteiltem Wohlstand, politischer Teilhabe und Freiheit ist unabhängig von Kultur und Zeit universell für jede Gesellschaft.

Diese Erkenntnis, dass ein Auflehnen der Bevölkerung in allen Gesellschaften möglich ist, führte mich zu der Frage welche Faktoren zu einer Revolution führen und ob diese frühzeitig erkannt werden können. Ausgehend von dieser Frage möchte ich auch noch einen Ausblick darauf geben, welche Regionen und Länder durch revolutionsbedingende Umstände gefährdet sind, angesichts der Tatsache, dass mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung in autoritären Regimes leben.[2] Die Arbeit soll dazu dienen, herauszufinden ob Länder wie beispielsweise die VR China politische Reformen durchführen müssen, oder ob das System der beiden Staaten, dass fast ausschließlich auf ökonomische Reformen setzt, weiter für die Zukunft tragfähig ist.

Meine Arbeit stütze ich hauptsächlich auf Sekundärliteratur über die drei genannten Revolutionen und Fachliteratur über das Phänomen einer politischen Revolution. Außerdem werde ich aktuelle Zeitungs-artikel und Publikationen in meine Recherche einbeziehen.

2. Einleitung

Meine Arbeit hat das Ziel einen, nach Möglichkeit auf messbare Indikatoren und Indizes gestützten, Ursachenkatalog für den Ausbruch einer politischen Revolution zusammenzustellen. Ausgehend von diesem Portfolio an revolutionsbegünstigenden Faktoren werde ich die VR China auf ihre momentane gesellschaftliche Situation hin untersuchen und der Frage nachgehen, ob sie revolutionsgefährdet sind. China wird zum einen von einer autoritären Staatsführung regiert, zum anderen besitzt sie in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts eine international so bedeutende Rolle, das politische Instabilität im Reich der Mitte zu einem ernsthaften Problem für die Staatengemeinschaft erwachsen könnte, nicht zuletzt für die Weltwirtschaft die in unterschiedlicher Weise auf die Volkswirtschaften Chinas angewiesen ist.

Wichtig ist hierbei die Abgrenzung der politischen Revolution von einer lediglich temporären Er-hebung oder eines Aufstandes. Ein solches Ereignis, welchem fest organisierte Strukturen und eine alternative Vorstellung der Gesellschaftsordnung fehlen, ist meist, unter Einsatz von ausreichenden Repressalien, für eine autoritäre Staatsführung leicht niederzuschlagen. Die politische Revolution dagegen bezeichnet die Um- bzw. Neugestaltung einer Gesellschaft, dies setzt demnach auch eine politische Grundhaltung voraus, die sich konträr der bestehenden gegenüber befindet. Diese neuen politischen Ideen müssen zusätzlich von einer relativ großen Masse der Bevölkerung akzeptiert werden, da andernfalls die Legitimation der neuen Ordnung fehlen würde.

Gemäß dieser Prämisse habe ich mich entschieden die drei Revolutionen in einem historischen Vergleich auf ihre Ursachen hin zu untersuchen. Bei dem Vergleich werde ich mich hauptsächlich auf die sozioökonomischen Umstände der Vorrevolutionszeit, das politische System und die Entstehung von neuen politischen Denkweisen und Ideen konzentrieren. Die drei Revolution sind. Die Französische Revolution, aufgrund dessen da sie zurecht als der Urvater der politischen Revolution gilt, denn sie hat, wenn auch nur zeitlich zunächst begrenzt, die feudalabsolutistischen Gesellschafts-strukturen zugunsten einer liberalen-bürgerlichen Verfassung verdrängt hat und dies als erste Revolution überhaupt. Die Russische Februarrevolution, weil sie die Reaktion mehrheitlich der Arbeiter, auf die soziale Frage während der Industrialisierung, war und eine in der Historie vielleicht einmalige mindestens aber untypische Richtung nahm, nämlich eine sozialistische, die einen Sozialismus zum Ziel hatte. Und schlussendlich der Arabische Frühling, der nicht nur die aktuellste Revolution unserer Zeit darstellt, sondern auch eine gesellschaftliche Um-wälzung in einer Region bedeutet, die vor Ausbruch der Unruhen selbst Experten nicht für möglich gehalten hatten.[3] Insgesamt liegen die einzelnen Revolutionen temporär so weit auseinander, dass eine Verbindung untereinander weitgehend ausgeschlossen werden kann.

Auf Grundlage von Unterschieden und Gemeinsamkeiten der Revolution werde ich die generellen Ursachen einer Revolution herausstellen und versuchen für diese sowohl politisch/gesellschaftliche, als auch ökonomische Indikatoren zu finden.

Meine These dabei lautet, dass es „weiche“ Faktoren, also welche die man nicht genau messen kann und „harte Faktoren, i.d.R. ökonomisch messbare, gibt. Ich denke beide Arten von Faktoren lassen sich bei den drei genannten Revolutionen nachweisen, sodass man von einer historischen Regel-mäßigkeit sprechen kann.

3. Vorrevolutionäre Umstände der Revolutionen

3.1. gesellschaftliche Disparitäten und die „Aufklärung“, die Ursachen für die Französische Revolution

I Sozioökonomische und gesellschaftliche Voraussetzungen

Im 18. Jahrhundert erlebte Frankreich, u.a. bedingt durch die Wirtschaftspolitik des Merkantilismus´, einen für die damalige Zeit normalen wirtschaftlichen Aufschwung. In den 1760er und 70er Jahren stiegen die Preise v.a. für landwirtschaftliche Produkte wie Weizen und Roggen. Ein Preisindex, ermittelt aus den Durchschnittspreisen von 1726-1741 für 24 Lebensmittel und Handelsgüter, stieg in der Periode von 1771-1789 um 45 Prozent. Die Jahre 1785 bis 1789 machten mit 65 Prozent den Höhepunkt der Teuerung aus.[4] Der Preisanstieg war u.a. auf die Liberalisierung der Getreidemärkte zurückzuführen, die Getreidespekulation zur Folge hatte.[5] Die einfachen Bauern und die Erntehelfer profitierten jedoch von den hohen Preisen nicht, im Gegensatz zu den marktorientierten Großbetrieben, denn die Löhne blieben hinter den Teuerungen zurück, was zu Reallohnverlusten bei weiten Teilen der Landbevölkerung führte.[6] Aufgrund dieser Verarmung der Lohnempfänger kam es 1775 zu Unruhen im Pariser Umland, dem sog. „Mehlkrieg“. Neben diesen langfristigen Entwicklungen trieben auch saisonal bedingte Missernten die Preise in die Höhe. In der ersten Julihälfte des Jahres 1789, der Zeitraum in den der Sturm auf die Bastille fiel, kletterten der Weizenpreis auf 150 Prozent und der Roggenpreis auf 165 Prozent.[7] Die prekäre Ernährungslage der Bauern und der Tagelöhnern auf dem Land war also ein Grund für die Aufstände, war allerdings nicht der alleinige Grund.

Zudem befand sich die französische Gesellschaft in der Zeit vor der Revolution im Umbruch. Diese starre Ständegesellschaft war geprägt davon, dass man durch Geburt an einen der drei Stände, den Klerus, den Adel und den dritten Stand, dem Bauern, Tagelöhner und das städtische Bürgertum angehörten, gebunden war. Zwischen diesen Ständen gab es erhebliche soziale und wirtschaftliche Disparitäten. Die Verteilung von Grundbesitz war höchst ungleich verteilt, so besaß der Adel (1,3% der Bevölkerung) 30%, der Klerus 10% und die Bauern 30% des Bodens. Allerdings fällt auf, dass das aufstrebende Bürgertum aus den Städten durch Landkäufe bereits ebenfalls 30% des Grundbesitzes besaß.[8] Es fällt aber dennoch auf, dass der Adel und der Klerus, im Verhältnis zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung, unverhältnismäßig viel Land besaßen und die große Masse der Bevölkerung verhältnismäßig wenig. Neben der ungleichen Verteilung von Besitz von Grund und Boden gab es noch eine Reihe weiterer Privilegien, welche die ersten beiden Stände gegenüber dem dritten Stand innehatten. Weder Adel noch Klerus mussten Steuern zahlen und sie besaßen das Anrecht auf die höchsten Ämter in Staat, Kirche und Armee.

Aber auch die Stände selbst machten kein homogenes Gebilde aus. Neben dem alten Bluts- oder Schwertadel gab es den Amtsadel, der durch den Kauf von Ämtern zu Einfluss gekommen war. Die Adligen auf dem Lande waren zu einer Art adligen „Plebs“ abgesunken. Und auch die höchsten Ämter der Kirche waren fast ausschließlich von Adligen besetzt, die wesentlich mehr Macht und Vermögen besaßen, als die einfachen Pfarrer auf dem Land. Sowohl der verarmte Landadel als auch die einfachen Kleriker auf dem Land wussten um die Nöte der Bevölkerung und teilten diese mit ihnen. Die größten sozialen Unterschiede gab es jedoch im dritten Stand. Die große Geschäftsbourgeoisie war durch ihre wirtschaftliche Stellung aufgestiegen und besaß teilweise so viel Vermögen wie die alten Aristokraten, weshalb sie sogar bisweilen deren verschwenderischen Lebensstil teilten. Ihr gehörte das Handels-bürgertum an, das in Städten wie Marseille oder Bordeaux den Orient- und Überseehandel betrieb und außerdem noch die Bankiers der ersten kapitalistischen Banken. Ihre Profite investierten sie in die ersten Fabriken, beispielsweise die Metallverarbeitung in Lothringen oder wie angesprochen in den Kauf von Ländereien.[9] Eine andere weniger wohlhabendere aber materiell dennoch finanziell besser gestellte Gruppe als die Bauern und Erntehelfer machten die Advokaten und Ärzte, die Journalisten und Schriftsteller aus. Diese Schicht lebte hauptsächlich in den großen Städten, v.a. Paris. Die Bürger waren zumeist gut ausgebildet und waren maßgeblich von den Ideen der Aufklärung beeinflusst, weshalb aus ihnen später auch die Wortführer der Revolution hervor gingen.

Zu dem dritten Stand gehörten aber auch Handwerker, Bauern, Tagelöhner und Erntehelfer. Die Bauern und die Beschäftigten in der Landwirtschaft machten den Großteil der Bevölkerung aus. Auf dem Land hatten sie meist nur genug Geld, um sich ihr Land von den adligen Großgrundbesitzern zu pachten. Ihr Ziel war es meist nur zu überleben und genug Vorräte für den Winter und schlechte Erntezeiten zu erwirtschaften. Zwar waren die Bauern im Gegensatz zum Mittelalter weitgehend selbstständig, dennoch waren sie durch eine Reihe von Gesetzten und Vorschriften an ihre Grundherren gebunden. So mussten die Bauern die Mühle und den Backofen des Grundherren benutzen, der ein Monopol für diese Dienstleistungen besaß, und Gebühren dafür zahlen, außerdem besaß der Herr das Recht auf dem Land der Bauern zu jagen und Taubenschläge zu errichten.[10] Diese Vorrechte der zumeist adligen Grundherren verstanden die Bauern als reine Schikane, weshalb sie sich dagegen erhoben, aus dem einfachen Grund, da sie lediglich frei arbeiten und leben wollten.

Neben den Abgaben an die Grundherren mussten die Bauern auch die Hauptlast der königlichen Steuern tragen, da der erste und zweite Stand von den Steuern befreit war. Um die ausufernden Staatsausgaben zu finanzieren, ließ sich der Staat eine Reihe neuer Steuern einfallen, denen die Bauern und Angehörigen des dritten Standes kaum entgehen konnten. So gab es eine Leib- (taille) und eine Kopfsteuer (capitation) sowie eine Frondienststeuer (corvée). Aber auch durch indirekte Steuern auf grundlegende Güter wie z.B. Salz (gabelle) und alkoholische Getränke (aides) waren die Landbevölkerung und das Bürgertum in den Städten betroffen.[11]

II Das politische System

Bereits seit der Mitte des 17. Jahrhunderts hatte sich in Frankreich das politische System des Absolutismus unter König Ludwig XIV, dem „Sonnengott“, etabliert. In Europa war es die am weitesten fortgeschrittene Form dieser Herrschaftsform.

Noch beeinflusst durch die schrecklichen Erfahrungen aus dem 30-Jährigen Krieg und früherer konfessioneller Kriege entwickelte sich die Staatstheorie des Absolutismus, in der die staatliche Gewalt durch einen Staatsapparat ausgeführt werden sollte, an dessen Spitze ein „absoluter“ Souverän stand. Andere Faktoren waren die zunehmende Bedeutung der Wirtschaft, die durch die Politik des Merkantilismus gefördert werden sollte, die ebenfalls klare staatliche Strukturen, wie beispielsweise einen funktionierenden Beamtenapparat benötigte. Begründet wurde die Theorie des Absolutismus durch das Gottesgnadentum, in dem der König als Stellvertreter Gottes auf Erden fungierte. Er besaß folglich eine umfassende Autorität, da er sich nur dem Gesetz Gottes zu unterwerfen hatte. Ein Kontrollorgan, wie die Generalstände, jene hatten zuletzt 1614 getagt, gab es nicht mehr. Die Parlamente, in denen fast ausschließlich Vertreter des Adels saßen, konnten die vom König vorgeschlagenen Gesetze nur ablehnen oder bestätigen, aber selber keine Gesetzesentwürfe einbringen, weshalb die Parlamente meist nur einen administrativen Akt in der Verabschiedung von Gesetzten darstellten.[12] Allerdings musste der Monarch zwischen den beiden Parteien, dem weitgehend entmachteten aber noch immer privilegierten Adel und dem allmählich wirtschaftlich aufstrebenden Bürgertum die Balance wahren, um das gesellschaftliche Gleichgewicht zu erhalten. Dies erforderte eine starke Herrscherpersönlichkeit.

Neben diesen schwierigen Umständen für den herrschenden Monarch krankte der Staat an einer chronischen Überschuldung. Neben den immensen Kosten für die Hofhaltung, v.a. unter Ludwig XIV aber auch unter Ludwig XVI, hatte sich Frankreich auch in zahlreichen Kriegen engagiert, u.a. im Siebenjährigen-Krieg (1756–1763) gegen Großbritannien, was zu hohen Schulden führte. Die Niederlage führte auch dazu, dass Frankreich die nordamerikanischen Kolonien im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg unterstützen, um Großbritannien zu schwächen. Die Ironie der Geschichte ist, dass sich nach diesem für die USA siegreichen Krieg, auch durch Einwirken Frankreichs, die erste Republik entwickelte, die v.a. im französischen Militär eine bleibende vorbildliche Erinnerung hinterließ.

In den Jahren vor der Revolution war Frankreich so hoch verschuldet, dass es ca. 50% der gesamten Staatseinnahmen für die Tilgung der Zinsen aufwenden musste.

III Aufklärung und Kommunikationsstrukturen

Die Aufklärung, also der „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“[13] war die geistige Grundlage für das Aufbegehren der französischen Bürger gegen das „Ancien Regime“. Zwar waren die aufklärerischen Werke nur dem gebildeten Bürgertum zugänglich, da die Landbevölkerung zumeist nicht einmal lesen konnte, dennoch beeinflussten die Ideen und Vorstellungen von Montesquieu, Voltaire und Rousseau die Meinungen und Gedanken der Bürger dahin gehend, dass sie an Veränderungen glaubten und sich für diese einzusetzen begannen. Aber auch die Bildung eines Selbstbewusstseins und die Bewusstwerdung der eigenen politischen und gesellschaftlichen wurde Bedeutung durch die Schriften der Aufklärung begünstigt. Die kirchliche Dogmatik, die immer inkompatibler mit dem sich im Bürgertum herausbildenden Leistungsgedanken und Fortschrittsoptimismus zu sein schien, wurde dadurch zunehmend verwässert. An die Stelle Gottes trat die Vernunft und die Wissenschaften ersetzten die Bibel, als erklärendes Werk über das Leben. Das Gottesgnadentum, zurückgedrängt durch die Naturrechtslehre, verlor in der Bevölkerung zunehmend an Legitimation.[14]

In Frankreich waren es v.a. die oben genannten Theoretiker, die die Bürger beeinflussten. Montesquieu schrieb in seinem Werk „Vom Geist der Gesetze“, dass alle Beamten des Staates, einschließlich des Königs, „im Namen des Gesetzes“(1748) zu handeln haben. Die Vorstellungen, in denen sich selbst der absolute Souverän des Staates dem Gesetz unterzuordnen hat, waren gerichtet gegen ein damaliges Rechtssystem, in dem eben jener König willkürlich durch einen schriftlichen Haftbefehl (lettre de cachet) in die Justiz eingreifen konnte.7

Rousseau befasste sich mit den Gründen für die Ungleichheit unter den Menschen in einer Gesellschaft. Das Eigentum spaltete ihm zufolge die Menschen in Klassen. Die „Sucht, sein Glück auf Kosten anderer“[15] zu suchen sei, daher die Wurzel allen gesellschaftlichen Übels. Das Recht auf privates Eigentum wollte Rousseau jedoch nicht antasten, denn er betrachtete es als „das heiligste von allen Bürgerrechten, in gewissen Beziehungen noch wichtiger als die Freiheit selbst [...], weil das Eigentum die wahre Begründung der menschlichen Gesellschaft und der wahre Garant der Verpflichtung der Bürger ist.“[16] Jedoch trat er für ein, aus heutiger Sicht, progressives Steuersystem ein, in dem die Steuerlast gerecht verteilt wird, sodass gesellschaftliche Ungleichheiten gemindert werden können.[17]

Sowohl die Ideen Montesquieus´, als auch die Rousseaus fanden sich später in der politischen Debatte im Verlauf der Revolution wieder. Sie bilden mit der Gewaltenteilung und dem progressiven Steuersystem noch heute Grundpfeiler der europäischen Demokratien und hatten bereits zu Zeiten der Französischen Revolution eine große Bedeutung in der bürgerlichen Gesellschaft.

Auch die Kommunikationsstrukturen hatten sich im Laufe des 18. Jahrhunderts verändert, denn sie begünstigten nun die Verbreitung von neuen Gedanken. Zu den Institutionen, in denen sich die Bürger trafen, um selbstständig sich zu bilden oder anderen dabei behilflich waren, gehörten die Lese-gesellschaften und das Vereinswesen.[18]

In den Lesezirkel, die vornehmlich vom gebildeten Bürgertum gegründet wurden, war es das gemeinsame Ziel die Leitgedanken der Aufklärung zu verbreiten und sich zu bilden. Es wurden dabei auch Bevölkerungsschichten unterstützt, die es sich nicht leisten konnten die neue Literatur zu erwerben. Das damals wohl wichtigste und am kontroversesten diskutierte Werk war die „Encyclopédie“, erschienen zwischen 1751 und 1772. Trotz der Versuche der Regierung, das Lexikon zu verbieten, sollte es sich schnell in den Lesekreisen verbreiten. In diesem Lexikon der Aufklärung waren all die neuen Theorien über die Technik, das Handwerk und das Gewerbe gesammelt und es „enthielt mehr Sprengstoff als ein Ancien Regime zu unterminieren“.[19]

Durch den wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg des Bürgertums kam dem Vereinswesen eine zentrale Rolle bei der Gestaltung des gesellschaftlichen und öffentlichen Lebens zu. Als Verein galt ein Zusammenschluss von Personen zu einer Organisation, mit dem Ziel die selbsterklärten Zwecke zu verfolgen. Diese autonome Organisation der gemeinsamen Angelegenheiten lief damals völlig konträr zu der vorherrschenden Ständeordnung, in der es eine starre Barriere zwischen den Gesellschaftsschichten gab. In den Vereinen wurde eine Vielzahl von Angelegenheiten geregelt. Es gab z.B. Ackerbaugesellschaften, Vereine zur Förderung der Industrie und wissenschaftliche Akademien[20]. Aus diesem Engagement des Bürgertums lässt sich der Wille nach einer größeren Teilhabe an politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen ablesen, die bisher noch ausschließlich von den ersten beiden Ständen getroffen wurden.

Durch diese zunehmende Selbstorganisierung der bürgerlichen Schichten entwickelte sich immer mehr eine neue Öffentlichkeit, die aufgeklärt, gebildet und v.a. im Bewusstsein der eigenen wirtschaftlichen sowie gesellschaftlichen Bedeutung war. Diese Öffentlichkeit trat der alten Herrschaft selbstbewusst gegenüber.

Erst durch diese Organisation und Emanzipation des Bürgertums, aus der dann eine wachsende gesellschaftliche Mitbestimmung abgeleitet wurde, konnten sich der Geist der Revolution und später die Revolution selbst überhaupt über das ganze Land verbreiten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es am Vorabend der Französischen Revolution eine ganze Reihe von Faktoren gab, die das System des „Ancien Regime“ gefährdeten. Zum einen gab es eine Divergenz zwischen dem - in fast allen Gebieten der Gesellschaft aufstrebenden - Bürgertum auf der einen Seite und einer kleinen Kaste von Privilegierten, die beinahe die gesamten gesellschaftlichen Ämter und somit auch die Entscheidungsgewalt inne hatte, auf der anderen Seite. Diese Ungleichheit zeigte sich besonders bei der Verteilung des in den neuen Formen der Wirtschaft entstehenden Vermögens. Die alte Ständeordnung wurde durch eine neue Einteilung in arm und reich abgelöst. Die alten Stände besaßen, gemessen an ihrer eigenen wirtschaftlichen Bedeutung und der des Bürgertums, unverhältnismäßig viel politische Macht, weshalb sich gesellschaftliche Spannungen bildeten, ob der fehlenden Legitimation der alten starre Feudalgesellschaft, in der das Bürgertum von hohen gesellschaftlichen Ämtern ausgeschlossen waren.

Zum anderen gab es mit der Aufklärung die geistige Antwort auf die gesellschaftlichen Disparitäten. Die Lehren, dass jeder Mensch gleich beschaffen sei sorgte dafür, dass in den Köpfen der Bürger die alten Gesetze des Gottesgnadentum und der kirchlichen Lehre und Dogmatik zerbrachen. Und auch die politischen Ideen der Aufklärer waren wie ein Programm für eine Neuorganisation von Staat und Gesellschaft.

3.2. Erster Weltkrieg sowie soziale und ökonomische Probleme als Gründe für die Russische Revolution

I Die russische Gesellschaft im Strukturwandel

Das Russische Zarenreich war bis ins späte 19. Jahrhundert sowohl politisch als auch wirtschaftlich rückständig, im Gegensatz zu den im Westen Europas entstandenen und entstehenden Staaten. Die Ideen der Aufklärung, die moderne Auffassung über die Legitimation des Staates bzw. die Neu-definierung des Verhältnisses zwischen Staat und Individuum durch den Liberalismus fanden keinen Einzug in die russische Bevölkerung. Dies behinderte nicht nur die Bildung eines Bürgertums, was ein Grund für die spätere bolschewistische Richtung der Revolution ist, sondern auch die Entstehung einer dynamischen Leistungsgesellschaft, die in den westlichen Ländern Europas ausnahmslos eine wirtschaftliche Prosperität zur Folge hatte.

Überdeutlich wurde das nach der Niederlage Russland im Krimkrieg 1853-1856 gegen die westeuropäische Allianz aus Großbritannien, Frankreich, dem Osmanischen Reich und dem Königreich Sardinien (ein Vorläuferstaat des späteren Italien). Die russische Armee hatte erhebliche Defizite bei der Kriegstechnologie, was in der fehlenden Schwerindustrie begründet war. Diese Niederlage sollte die dominierende Rolle Russlands, die es seit Beginn der Napoleonischen Kriege in Europa innehatte, beenden.[21]

Um die Rückstände Russlands, v.a. auf dem Gebiet der Wirtschaft, zu verringern leitete, Zar Alexander II umfassende Reformen ein. 1861 wurde die Bauernbefreiung beschlossen, die Bauern von der jahrhundertelang andauernden Leibeigenschaft befreite. Der Zar hatte erkannt, dass er für den Aufbau einer Schwerindustrie die gebundenen Arbeitskräfte auf dem Land benötigte. Auch wurde die „Semstows“, eine lokale Selbstverwaltungseinheit auf dem Land, 1864 eingeführt, um die neuen Vorgaben des Staates in Bezug auf Bildung, Steuerwesen und Handels- und Industrieförderung durchzusetzen.[22] Anfangs beteiligten sich die Bauern auch in diesen regionalen Parlamenten, doch gegen Ende des 19. Jahrhundert wurden aufgrund adliger Vorbehalte zum einen diese Verwaltungs-einheiten wieder stärker in die zentrale Staatsverwaltung eingegliedert, zum anderen wurde das Wahlrecht so ausgestaltet, dass die adligen Grundbesitzer bevorzugt wurden.[23] Dennoch war diese kurze Zeit der politischen Partizipation ein erster Berührungspunkt mit den basisdemokratischen Ideen, die später die Politisierung auf dem Land beeinflussen sollte. Insgesamt aber hatte sich die Lage der Landbevölkerung durch die Reformen des Staates, wenn überhaupt nur marginal verbessert. Im Jahr 1905 waren nur etwa 11% des bestellten Agrarlandes im Besitz von Einzelhöfen und selbst diese Bauern, die es sich leisten konnten die Ländereinen von den vormaligen Großgrundbesitzern zu kaufen, waren nun meist in finanzieller Abhängigkeit.[24] Die reelle Abhängigkeit der Bauern gegenüber dem alten Adel sollte also auch noch lange nach der Bauernbefreiung bestehen bleiben. Neben dieser faktischen Unfreiheit gab es noch eine weitere Komponente, die die Unzufriedenheit in der Landbevölkerung, die rund 80% der gesamten Bevölkerung ausmachte[25], vergrößerte. Dies war die dramatische Ausmaße annehmende Überbevölkerung auf dem Land. Zwischen 1861 und 1897 wuchs die Landbevölkerung von 50 auf fast 80 Millionen an.[26] Bedingt durch diese Entwicklung kam es zu einer Landverknappung und einer damit einhergehenden Landarmut. Die logische Konsequenz war eine Hungersnot während des strengen Winters 1891/1892, die den Anfang einer Periode von fast immer saisonal wiederkehrenden Unruhen markierte.

[...]


[1] Die ZEIT 32/2011, Die Geschichte sind wir!

[2] The Economist Intelligence Unit’s Index of Democracy 2010

[3] Editorial, Asiye Öztürk, Politik und Zeitgeschichte 39/2011

[4] Axel Kuhn, Die Französische Revolution. 1999 Stuttgart

[5] http://www.historicum.net/themen/franzoesische- revolution/einfuehrung/hintergruende/art/V_OEkonomische/html/artikel/409/ca/c86c77eaf96ce3fa3359900c6befe09c/

[6] http://www.historicum.net/themen/franzoesische- revolution/einfuehrung/hintergruende/art/V_OEkonomische/html/artikel/409/ca/c86c77eaf96ce3fa3359900c6befe09c/

[7] Axel Kuhn, Die Französische Revolution. 1999 Stuttgart

[8] Axel Kuhn, Die Französische Revolution. 1999 Stuttgart

[9] Axel Kuhn, Die Französische Revolution. 1999 Stuttgart

[10] Axel Kuhn, Die Französische Revolution. 1999 Stuttgart

[11] Axel Kuhn, Die Französische Revolution. 1999 Stuttgart

[12] Axel Kuhn, Die Französische Revolution. 1999 Stuttgart

[13] Immanuel Kant, Berlinische Monatsschrift. Dezember-Heft 1784

[14] Axel Kuhn, Die Französische Revolution. 1999 Stuttgart

[15] Rousseau, Jean-Jacques: Abhandlung über die Politische Ökonomie, 1755

[16] Rousseau, Jean-Jacques: Abhandlung über die Politische Ökonomie, 1755

[17] Rousseau, Jean-Jacques: Abhandlung über die Politische Ökonomie, 1755

[18] Axel Kuhn, Die Französische Revolution. 1999 Stuttgart

[19] Axel Kuhn, Die Französische Revolution. 1999 Stuttgart

[20] Axel Kuhn, Die Französische Revolution. 1999 Stuttgart

[21] de.wikipedia.org/w/index.php?title=Krimkrieg&oldid=93922975

[22] Heiko Haumann, Die Russische Revolution 1917. 2007 Köln

[23] Heiko Haumann, Die Russische Revolution 1917. 2007 Köln

[24] Hausarbeit „Voraussetzungen der Russischen Revolution“. Freie Universität Berlin Osteuropa-Institut WS 1996/97

[25] SPIEGEL Geschichte 04/07, Experiment Kommunismus – Die Russische Revolution und ihre Erben

[26] SPIEGEL Geschichte 04/07, Experiment Kommunismus – Die Russische Revolution und ihre Erben

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Französische Revolution, die Russische Revolution und der Arabische Frühling. Voraussetzungen und Gründe
Untertitel
Ein historischer Vergleich
Hochschule
Helene-Lange-Gymnasium Rendsburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
24
Katalognummer
V184901
ISBN (eBook)
9783656123231
ISBN (Buch)
9783656132356
Dateigröße
700 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Revolutionen, Arabischer Frühling, Historischer Vergleich, Revolution, Umsturz
Arbeit zitieren
Finn-Ole Wulf (Autor), 2011, Die Französische Revolution, die Russische Revolution und der Arabische Frühling. Voraussetzungen und Gründe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184901

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