Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem zweiteiligen Stummfilmepos „Die Nibelungen“ von 1924. Regie führte der 1890 in Wien geborene und 1976 in Beverly Hills gestorbene Fritz Lang.
Eine wichtige Erkenntnis des Seminars war es, dass das Heranziehen von Filmen für die Historiographie generell wichtig ist, da diese wie kein anderes Medium Geschichtsbilder prägen können. Dennoch ist die Forschung und Aufarbeitung von Spielfilmen mit mittelalterlicher Thematik immer noch als randständig zu beschreiben. Nach einer kurzen Inhaltsangabe der beiden Filmteile soll zunächst anhand einiger prägnanter Beispiele auf die zeitgenössische Kritik eingegangen werden. Im ersten Schwerpunkt der Hausarbeit wird dann im Sinne des Seminarthemas untersucht werden, ob und wie Fritz Lang eine mittelalterliche Welt konstruiert hat. Weiterhin soll in diesem Schritt geklärt werden, welche Funktion Lang an sein Mittelalterbild geknüpft hat. Im zweiten Schwerpunkt dieser Arbeit wird dann auf die Thesen des Filmwissenschaftlers Siegfried Kracauer eingegangen. Dies scheint vor allem wegen dessen Omnipräsenz in der populären und wissenschaftlichen Literatur bezüglich Fritz Langs Nibelungen von größter Wichtigkeit zu sein. Seine Hauptthese ist, dass der Nibelungenfilm aufgrund seiner Inszenierung eindeutig als präfaschistisch zu werten sei. Hierbei soll zunächst Kracauers Argumentation anhand seiner wichtigsten Schriften nachvollzogen werden, um dann darauf aufbauend seine Denkmuster sowie seine Stärken und Schwächen aufzeigen zu können, um so den Nibelungenfilm abschließend neu zu bewerten bzw. die bisherige Bewertung in Teilen zu revidieren. Ein Fazit rundet die Thematik schließlich ab.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Themendarstellung und Vorbemerkungen
1.2 Inhalt und zeitgenössische Kritik
2. Das Mittelalterbild im Nibelungenfilm
2.1 Aufbau und Form des Mittelalterbildes
2.2 Funktion und Botschaft des Mittelalterbildes
3. Siegfried Kracauer und der Nibelungenfilm
3.1 Thesen und Argumentationsmuster Kracauers
3.2 Eine Erwiderung auf Kracauer
4. Schlussbetrachtungen
5. Anhang
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das 1924 entstandene Stummfilmepos "Die Nibelungen" von Fritz Lang unter besonderer Berücksichtigung der Konstruktion seines spezifischen Mittelalterbildes und der wissenschaftlichen Debatte um dessen vermeintlich präfaschistische Tendenzen.
- Analyse der visuellen Inszenierung und Symbolik des Nibelungenfilms.
- Untersuchung der sozio-historischen Krisenerfahrung der Weimarer Republik als Kontext.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Filmtheorie von Siegfried Kracauer.
- Diskussion der Bedeutung von Werten wie Schicksal und Treue in der filmischen Erzählung.
- Bewertung des Films als Spiegel nationaler Identitätssuche.
Auszug aus dem Buch
2.1 Aufbau und Form des Mittelalterbildes
Wie sich in dem dieser Hausarbeit zugrunde liegendem Seminar gezeigt hat, gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten, das Mittelalter optisch zu inszenieren. Fritz Langs Nibelungenfilm erschien zu einer Zeit, in der das Medium Film noch relativ neu war. Dennoch war bereits bekannt, dass Filme als Massenmedium zu interpretieren sind. Anders als Hebbel und Wagner konnte Lang daher seinen Film nicht für bürgerliche Eliten konzipieren, sondern er musste von vornherein die Erwartungen der Masse erfüllen. Wie hat Lang nun aber sein spezielles Mittelalter, über die in der zeitgenössischen Kritik erwähnte mittelalterlich anmutende Ausstattung hinaus, konstruiert?
Eine wichtige Vorkenntnis dazu liefert Stuart Airlie, der sagt, dass die Kenntnis der Geschichte der Entstehungszeit eines Filmes wichtiger sei, als die Kenntnis der jeweiligen mittelalterlichen Epoche. Dazu empfiehlt sich ein Blick auf die politische und gesellschaftliche Situation der Weimarer Republik um das Jahr 1924 herum. Prägend waren nicht nur die vernichtende Niederlage im Ersten Weltkrieg, der anschließende Diktatfrieden von Versailles, die Novemberrevolution, der Mord an Walther Rathenau und die immens wachsende Inflationsrate, sondern auch Mussolinis Marsch auf Rom, der davon inspirierte, aber gescheiterte Hitler-Ludendorff-Putsch sowie die Besetzung des Rheinlandes als Folge des Ersten Weltkriegs. Kurz, es herrschte Chaos, Tod und Untergang waren allgegenwärtig.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema ein, erläutert die Bedeutung von Filmen für die Geschichtsschreibung und definiert die Schwerpunkte der Analyse sowie die Relevanz der Thesen von Siegfried Kracauer.
2. Das Mittelalterbild im Nibelungenfilm: Dieses Kapitel analysiert, wie Fritz Lang durch eine stilisierte und artifizielle Inszenierung eine eigene mythische Mittelalterwelt konstruiert, die weniger historisch korrekt als vielmehr zeitgenössisch wirksam ist.
3. Siegfried Kracauer und der Nibelungenfilm: Hier werden die filmsoziologischen Thesen Kracauers dargelegt, der den Nibelungenfilm als präfaschistisch wertet, sowie Gegenargumente diskutiert, die auf Langs Intentionen und die komplexe Rezeptionsgeschichte verweisen.
4. Schlussbetrachtungen: Das Fazit fasst zusammen, dass Langs Werk eine archaische Mythologie zur Identitätsstiftung nutzte, wobei die Präfaschismus-These zwar hinterfragt, der rassistische Unterton der Zeit jedoch kritisch eingeordnet wird.
5. Anhang: Dieser Abschnitt enthält das Literatur- und Filmverzeichnis sowie wichtige Belege für die Abbildungen.
Schlüsselwörter
Fritz Lang, Die Nibelungen, Stummfilm, Weimarer Republik, Siegfried Kracauer, Mittelalterbild, Mythos, Präfaschismus, Filmsoziologie, nationale Identität, Ornament der Masse, Thea von Harbou, Filmgeschichte, visuelle Inszenierung, Treue.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Fritz Langs Film "Die Nibelungen" von 1924 hinsichtlich seiner filmischen Konstruktion eines spezifischen Mittelalterbildes und untersucht dessen ideologische Implikationen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Rolle des Kinos in der Weimarer Republik, die visuelle Ästhetik des Stummfilms, die Verarbeitung von Mythen als nationale Identität sowie die kritische Rezeption durch Filmwissenschaftler.
Welches Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Es soll untersucht werden, ob und wie Fritz Lang ein Mittelalterbild konstruiert hat und inwieweit die These, der Film sei als präfaschistisch zu werten, heute noch haltbar ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit kombiniert eine filmhistorische Analyse der Bildsprache mit einer kritischen Literaturrecherche zu zeitgenössischen und nachfolgenden filmsoziologischen Theorien.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der stilisierten Welten des Films, die Funktion der Chiffren "Idealismus" und "Brutalität" sowie die Auseinandersetzung mit Siegfried Kracauers Thesen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem "Nibelungenfilm", "Fritz Lang", "Siegfried Kracauer", "Präfaschismus-These" und "Mittelalterkonstruktion".
Wie unterscheidet sich Langs Mittelalterbild von der historischen Realität?
Lang verzichtete auf historische Korrektheit zugunsten eines artifiziellen, mythisch überhöhten Bildes, das dazu dienen sollte, die Identitätskrise der deutschen Bevölkerung nach 1918 zu adressieren.
Warum spielt die Person Siegfried Kracauer eine so große Rolle?
Kracauer prägte die filmwissenschaftliche Debatte maßgeblich mit seiner Behauptung, der deutsche Film dieser Ära sei ein Spiegel psychologischer Dispositionen, die den Weg in den Nationalsozialismus ebneten.
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- Heiko Suhr (Author), 2008, Fritz Langs 'Nibelungen' - Rezeption mittelalterlicher Vergangenheit im Film, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184959