Märchenhafte Praxis?

Die Bedeutung von Märchen für Selbstverständnis und Praxis Sozialer Arbeit


Diplomarbeit, 2011

131 Seiten, Note: 1,1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Märchen
2.1. Entstehung des europäischen Volksmärchens
2.2. Merkmale des europäischen Volksmärchens
2.3. Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm
2.4. Die Bedeutung des Erzählens
2.5 Märchen in unserer Zeit

3. Das Märchen der Sozialen Arbeit
3.1. und ihre Entstehung: Die historische Entwicklung der Sozialen Arbeit
3.1.1. Armut und Armenfürsorge im mittelalterlichen Verständnis
3.1.2. Armut und Armenfürsorge zu Beginn der Neuzeit
3.1.3. Absolutismus, Aufklärung, Armut und Armenfürsorge
3.1.4. Armut und Armenfürsorge zur Zeit der Industrialisierung
3.1.5. Die Ursprünge einer modernen Sozialen Arbeit
3.2. auf der Suche nach sich selbst: Das Selbstverständnis Sozialer Arbeit
3.2.1. Die Bedeutung einer beruflichen Identität
3.2.2. Was bedeutet Soziale Arbeit?
3.2.3. Die ethischen Grundlagen Sozialer Arbeit

4. Volksmärchen und ihre Bedeutung für die Soziale Arbeit
4.1. Der Weg des Märchenhelden
4.1.1. Soziale Arbeit in der Rolle von Sneewittchen
4.1.2. Soziale Arbeit in der Rolle des Aschenputtels
4.2. Die Rolle des märchenhaften Helfers
4.2.1. Sneewittchen und die Soziale Arbeit
4.2.2. Aschenputtel und die Soziale Arbeit

5. Märchenhafte Möglichkeiten für die Praxis Sozialer Arbeit
5.1. Voraussetzungen für eine märchenhafte Praxis
5.2. Die Märchenreflexion

6. Schlusswort

7. Quellenverzeichnis

8. Anhang

1. Vorwort

Spätestens nach Erscheinen des Buches „Kinder brauchen Märchen“ (1980) von Bruno Bettelheim wird die Bedeutung von Märchen für die Entwicklung von Kindern zunehmend positiv bewertet. Durch diese Aufwertung werden sie immer häufiger auch Gegenstand pädagogischer Überlegungen. Im Bereich der Psychoanalyse wird ihr märchenhafter Symbolgehalt und dessen Bedeutung diskutiert, wodurch die tiefenpsychologischen Märcheninterpretationen in der psychotherapeutischen Arbeit an Einfluss gewinnen. Dabei beschränkt die psychoanalytische Märchenforschung den Nutzen von Märchen allerdings nicht allein auf das Kindes- und Jugendalter, sondern stellt heraus, dass sie für jedes Alter geeignet sein können, um Unterstützung in der Bewältigung von Krisen und Konflikten zu bieten. Märchen thematisieren existenzielle Probleme des menschlichen Lebens und zeigen dabei immer auch einen Weg wie diesen Schwierigkeiten begegnet werden kann, um sie zu lösen. Obwohl dies in einigen Disziplinen bereits zunehmend erkannt wurde und sich dort eine entsprechende Praxis eingerichtet hat und auch weiterhin entwickelt, spielte die Bedeutung von Märchen in der Sozialen Arbeit bisher keine Rolle. Mit der vorliegenden Diplomarbeit stelle ich daher die Frage nach einem möglichen Nutzen von Märchen für das Selbstverständnis und die Praxis Sozialer Arbeit. Bezüglich des Selbstverständnisses entwickelte sich die Idee aus meiner vorherigen Arbeit, welche sich mit der Bedeutung von Märchen für die Entwicklung von Kindern auseinandersetzte. Im Rahmen dieser Arbeit zeigte sich, dass Märchen viel zum Selbstverständnis der Kinder beitragen können und da dies nicht allein auf Kinder, sondern auf Menschen aller Altersgruppen zutrifft, entstand die Frage nach der Bedeutung von Märchen für das Selbstverständnis der Sozialen Arbeit. Damit ist nach dem Selbstverständnis der gesamten Profession gefragt, wenn ein solches existiert, gleichwohl wird das berufliche Selbstverständnis der professionell Tätigen einbezogen, da sie letztendlich die Soziale Arbeit bilden. Ebenfalls inbegriffen ist die Sozialpädagogik, sie wird hier als essentieller Teil der Sozialen Arbeit angesehen, da beide den gleichen geschichtlichen Wurzeln entspringen und sich nach einer Zeit der Auseinanderentwicklung mittlerweile wieder stark miteinander verwoben haben. Ein Umstand, der in dem Studiengang „Soziale Arbeit“ besonders deutlich wird, da in ihm die bisher getrennten Studiengänge „Sozialarbeit“ und „Sozialpädagogik“ zusammengeführt wurden . Aus diesem Grund soll auch darauf verzichtet werden explizit auf die Entwicklung der Sozialpädagogik einzugehen. Die Aktualität der Frage nach dem Selbstverständnis Sozialer Arbeit ergibt sich dabei aus dem „Identitätsproblem“, welches ihr oftmals zugeschrieben und vielfach diskutiert wird. Die Frage nach den Möglichkeiten, einer märchenhaften sozialen Praxis entstand aus der Tatsache heraus, dass die Menschheit seit Jahrhunderten von märchenhaften Erzählungen begleitet wird und dies unabhängig von lokalen oder kulturellen Unterschieden. Somit stellen sie einen Teil unserer Kultur dar und könnten dadurch, dass sie von vielen gekannt und erinnert werden, hilfreiche und vielseitige Unterstützung für die Soziale Arbeit bieten.

Um die Bedeutung von Märchen, in diesen Zusammenhängen, besser verstehen zu können werden die wesentlichen Merkmale dieser Literaturform im ersten Teil dieser Arbeit vorgestellt. Im Fokus der gesamten Diplomarbeit liegen die europäischen Volksmärchen und im Besonderen die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm. Diese Einschränkung geschieht dabei keinesfalls aus Gründen der Geringschätzung anderen Märchen gegenüber, sie ist allein der Tatsache geschuldet, dass die grimmschen Märchen zu den bekanntesten in der Bundesrepublik Deutschland gehören und sich somit für die Soziale Arbeit in Deutschland besonders eignen sollten. Zudem soll eine kurze Übersicht bezüglich der Besonderheiten der grimmschen Märchen geboten werden, ebenso wie auf die Frage ihrer Popularität eingegangen wird. Die Frage nach dem Selbstverständnis setzt, im Sinne eines biografischen Arbeitens, die Auseinandersetzung mit der Geschichte Sozialer Arbeit voraus. Erinnerungsarbeit ist dort hilfreich, wo es, normalerweise dem Individuum, an Anerkennung und einem festen, selbstverständlichen Platz in der Gesellschaft mangelt. Der geschichtliche Rückblick bietet die Möglichkeit Situationen und Entwicklungen distanzierter zu betrachten und sich mit der Annahme der eigenen Entwicklung, wie auch durch Akzeptanz der Umstände die dazu führten, in seinem Selbstwert zu stärken. Das Wissen um Vergangenes schafft Sicherheit in der Gegenwart und rüstet so für die Zukunft. Dies lässt sich nicht nur auf einzelne Individuen beziehen, sondern auch auf die Soziale Arbeit, zumal sie, wie bereits erwähnt aus einer Vielzahl einzelner Sozialarbeiter/Sozialpädagogen, also Individuen, besteht. Die historische Entwicklung der Sozialen Arbeit stellt somit einen wichtigen Teil dieser Diplomarbeit dar und bietet die Grundlage für die anschließende Auseinandersetzung mit der Frage nach ihrem Selbstverständnis. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, warum Soziale Arbeit ein mögliches „Identitätsproblem“ hat und worin sich dieses begründet. In dem darauf folgenden Kapitel soll die Entwicklung der Sozialen Arbeit aus einer märchenhaften Perspektive betrachtet werden. Damit soll der Frage nachgegangen werden, ob die entwicklungsfördernden Eigenschaften des Märchens auch in Bezug auf die Identitätsentwicklung der Sozialen Arbeit eine Bedeutung haben. Da sich Soziale Arbeit aber aus ihren Akteuren zusammensetzt soll auch auf diese, im Rahmen dieser Arbeit, eingegangen werden. Dafür wird die Rolle des Helfers im Märchen, anhand einiger Beispiele, mit der Rolle der professionell Tätigen verglichen. Im letzten Teil dieser Diplomarbeit wird, aufgrund meiner eigenen Erfahrungen in diesem Bereich, am Beispiel der pädagogischen Begleitseminare des „Freiwilligen Sozialen Jahres“, eine Methoden der Praxisreflexion vorgestellt, welche die Möglichkeiten einer märchenhaften Sozialen Praxis verdeutlichen soll.

2. Märchen

„Es war einmal

ein Märchenerzähler

der hieß Eswareinmal

Er erzählte

unzählige Märchen

kleinen und manchen

großen Kindern

Die Geschichten fangen an

mit den Worten

Es war einmal“

(Rose Ausländer 1901-1988)

„Es war einmal“ – Erzählungen mit diesem oder einem ähnlich Beginn werden allgemein als Märchen bezeichnet und genießen in unserer Zeit einen geteilten Ruf. Dieser zeigt sich bereits in der Verwendung des Begriffs „Märchen“. Die Ausdrücke „märchenhaft“ oder „wie im Märchen“ verdeutlichen eine positive Einstellung gegenüber dem Märchen. Etwas wird als wunderschön, zauberhaft, also als „fast zu schön, um wahr zu sein“ beschrieben. Die negative Betrachtungsweise wird in den Worten „erzähl mir doch keine Märchen“ zum Ausdruck gebracht. Märchen werden, in diesem Zusammenhang, als frei erfundene Geschichte betrachtet, deren Inhalt nicht im Geringsten etwas mit der realen Welt gemeinsam hat, wodurch bei Kindern, im schlimmsten Fall, ein falsches Bild der Realität gefördert wird. Weiteren Anlass zur Kritik an Märchen mag ihre Darstellung von Gewalt bieten, welche gerade für Kinder ungeeignet scheint. Dennoch werden Märchen allgemein als „Kinderkram“ abgetan mit dem sich Erwachsene nicht beschäftigen, da die Geschichten, auf den ersten Blick, eine eher leichte literarische Kost abgeben. Auch die Frage, ob den Märchen in der heutigen Zeit und modernen Gesellschaft überhaupt noch eine nennenswerter Bedeutung zukommt ist berechtigt, da sie sich einer vielfältigen Unterhaltungsindustrie gegenüber sehen und aufgrund ihres Alters, gegenüber moderner Kinder- und Jugendliteratur, unattraktiv wirken können. In diesem Kapitel soll nun ein kurzer Blick darauf geworfen werden, wie Märchen entstanden sind, was sie auszeichnet und welchen Stellenwert die fantastischen Geschichten in der heutigen Gesellschaft besitzen.

2.1.Entstehung des europäischen Volksmärchens

Aufgrund von Erkenntnissen der Sprachforschung konnte festgestellt werden, dass sich die Sprache etwa alle 400 Jahre vollständig wandelt. Daher wäre es falsch zu behaupten, dass die Märchen, welche wir heute lesen oder hören bereits vor Jahrhunderten in dieser Form erzählt wurden (Knoch 2010, 119). Zumal bekannt ist, dass die ursprünglich erzählten Geschichten spätestens mit ihrer schriftlichen Festhaltung verändert und angepasst wurden. Auch die Bedeutung des Wortes „Märchen“ hat sich im Laufe der Zeit durch Veränderungen in der Sprache gewandelt. „Märchen“ leitet sich aus der „Mär“, also der Kunde, dem Bericht oder der Erzählung, aber auch dem Gerücht, ab und stellt die „Diminutivform“ dar. Durch eine Bedeutungsverschlechterung der Diminutiva wurde den „verkleinerten Erzählungen“ zunehmend die Bedeutung von Lügengeschichten zugesprochen. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wandelte sich die Bedeutung des Begriffs erneut und das Märchen wurde zunehmend als phantastische und mündlich überlieferte Erzählung verstanden (Lange 2010, 8). Abgesehen von der Tatsache, dass Märchen heutzutage selten erzählt und meist (vor-) gelesen werden, ist dieses Verständnis von ihnen bis heute aktuell. Trotz des begrifflichen Bedeutungswandels und der sprachlichen Entwicklungen haben sich die Hauptmotive der Märchen nicht verändert und finden sich in den Erzählungen aller Kulturen wieder. Bereits altägyptische Schriften (1290 v. Chr.) thematisieren menschliche Grunderfahrungen, beispielsweise Geburt und Tod, Liebe und Hass, Misserfolg und Erfolg, in einer Form, wie sie dem Märchen zugeordnet werden kann (Knoch 2010, 120). Dabei ist eine genaue zeitliche Eingrenzung zur tatsächlichen Entstehung eines Märchens schwer zu bestimmen, da dies zunächst in mündlicher Erzählform verbreitet und meist erst viel später niedergeschrieben wurde. Die Entwicklung der Erzählung „tausendundeine Nacht“ konnte, beispielsweise, bis ins 9. Jahrhundert zurückverfolgt werden, obwohl sie erst im 16. Jahrhundert schriftlich festgehalten wurde. Spuren des europäischen Volksmärchens, wie wir es heute kennen, tauchen vermehrt ab dem 16. Jahrhundert, beispielsweise in „Ergötzliche Nächte“ von G. Francesco Straparola, auf. Im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts wurden In Deutschland sorgte vor allem die Veröffentlichung der „Kinder- und Hausmärchen“ (1812) von Jacob und Wilhelm Grimm für eine steigende Beliebtheit und weitere Verbreitung der Märchen.

2.2. Merkmale des europäischen Volksmärchens

Märchen ist nicht gleich Märchen. So sollte in jeden Fall zwischen dem „Volksmärchen“ und dem „Kunstmärchen“ unterschieden werden. Letzteres wurde bewusst von einem Autor ausgedacht und entstand nicht in Folge von mündlichen Erzählungen. Kunstmärchen sind somit also kein Volksgut, sondern das Werk eines einzelnen kreativen Menschen. Sie greifen zwar Motive des „klassischen“ Märchens auf, weichen in ihrem Aufbau und Ablauf jedoch von deren Charakteristika ab. Zur besseren Darstellung der Unterschiede zwischen den beiden Märchenformen wird das Kunstmärchen „Das hässliche Entlein“[1] von Hans Christian Andersen einbezogen, dabei soll ebenfalls näher auf die, von Lüthi (1986) beschriebenen, Merkmale der „klassischen“ Märchen eingegangen werden. Im Verlauf der Geschichte von Andersen wird das ausgegrenzte Entlein aus seiner Notlage befreit, indem sich herausstellt, dass es eigentlich etwas ganz anderes ist. Es ist keine hässliche Ente, sondern ein schöner Schwan. Dabei muss das Entlein keine Aufgabe bestehen, an der es innerlich wachsen, sich also Entwickeln könnte. Es erträgt passiv sein Schicksal und wünscht sich zum Ende sogar den Tod. Lediglich die körperliche Entwicklung zeigt schließlich, dass es keine Ente ist und es erkennt sich als Schwan. Seine Probleme beruhten auf der Tatsache, dass es in der „falschen“ Welt gelebt hatte und aufgrund der Not die es dort erlebt hatte, wusste es sein neues Leben richtig zu schätzen. Allerdings war es nicht stolz auf seine Leistung, „denn ein gutes Herz wird niemals Stolz“ (Andersen 2004, 174-184). Ein grundlegender Unterschied zu einem „klassischen“ Märchen liegt in der Rolle des Helden, welche im Falle des hässlichen Entleins wohl eher in der eines „Antihelden“ besteht. Zu Beginn eines Volksmärchens befindet sich der Protagonist, wie das Entlein, in einer Notsituation. Allerdings sieht er es als seine Aufgabe an, aus dieser zu entkommen, wobei ihn eine stets positive Grundeineinstellung gegenüber dem Leben auszeichnet. Im Gegensatz zum Entlein würde also kein Märchenheld dermaßen an seinem Schicksal verzagen, dass er sich den Tod wünscht. Entsprechend würde er sich auch nicht still in die Ecke legen und, wie das Entlein, warten bis sich (vielleicht) etwas verändert, er nimmt die Herausforderungen des Lebens an und macht sich auf die „Suchwanderung“, wie Lüthi (Lange 2010, 14) es nennt. Der Held ist zwar zunächst isoliert, also allein, wie es auch das Entlein ist, aber er nutzt diese Ungebundenheit und entwickelt erst aus ihr die charakteristische Allverbundenheit. Er ist grundsätzlich beziehungsfähig und seine positive Grundeinstellung hilft ihm bei der Kontaktaufnahme mit seiner Umwelt. Dabei spielt es für den Protagonisten keine Rolle, ob es sich um magische oder natürliche Wesen handelt zu denen er oder welche zu ihm Kontakt aufnehmen. Beides, Diesseits und Jenseits, sind im Märchen ganz natürliche Bestandteile der Welt. Dies trifft auch auf Kunstmärchen zu, auch wenn in dem Beispiel des hässlichen Entleins kein magischer Aspekt vertreten ist. Das isolierte Entlein hingegen erfährt überall Ablehnung und bleibt allein. Im Gegensatz zum Helden, welcher zur Erfüllung seiner Aufgabe (fast) immer auf die Hilfe und Unterstützung anderer angewiesen ist und diese auch bekommt, erfährt es keinerlei Hilfe durch seine Umwelt. Es unternimmt aber auch keinen Versuch um Hilfe zu bekommen, es bleibt vollkommen passiv. Die Folgen eines solchen Verhaltens werden im Ende der Geschichte deutlich. Das Entlein hat sich verändert, es ist zu einem Schwan herangewachsen und dieser lebt fortan ein glückliches Leben. Dieses Ende stellt allerdings kein „Happy End“ dar, wie es für ein Volksmärchen typisch wäre. Der Schwan kann nicht stolz sein. Dieser Umstand wird in der Geschichte dadurch erklärt, dass es einem guten Herzen nicht zustehe etwas wie Stolz zu empfinden. Aber kritisch gefragt, worauf sollte der Schwan auch stolz sein? Ein gutes Herz soll ihm nicht abgesprochen werden, allerdings hat er keinerlei Eigeninitiative gezeigt um das schöne Ende zu erreichen. Die „Suchwanderung“ des Märchenhelden hingegen endet schließlich mit dem Finden seiner selbst. Er hat sich weiterentwickelt, hat Verantwortung für sich, aber auch für andere übernommen und ist dadurch gereift. Er ist nicht nur körperlich, sondern in seiner Persönlichkeit gewachsen und darauf kann er, trotz guten Herzens, zu Recht stolz sein. Die Annerkennung der eigenen Leistungen und der dadurch gesteigerte Selbstwert sind wichtige Bestandteile des Glücks, welches der Märchenheld in seinem „Happy End“ erfährt. Darüber hinaus gehört der Abstrakte Erzählstil zu den Merkmalen der Volksmärchen, welcher stets der Geschichte des Helden folgt. Unnötige Charaktere werden nicht erwähnt, das Märchen beschränkt sich also auf das Wesentliche, wobei auch die Darstellung der vorkommenden Figuren flächenhaft ist. Die Charaktere besitzen kein Innenleben, weder ihre Gedanken noch ihre Gefühle werden beschrieben und können daher nur über ihre Handlungen erfahren werden. Auch eine nähere Beschreibung ihres Aussehens wird nur in den Fällen gegeben, in denen diese Informationen für die Geschichte von besonderer Bedeutung sind, beispielsweise bei „Sneewittchen“ oder „Rotkäppchen“. Diese Reduzierungen auf das Nötigste führen zu einer recht kurzen und einfach strukturierten Form, deren Inhalt durch die bildliche Darstellung des Märchens besonders leicht verständlich ist. Auch Kontrastierung und Polarisierung der Charaktere sind Kennzeichen der Volksmärchen und erleichtern das Verstehen zusätzlich. Zu den weiteren Merkmalen zählen sowohl die Verwendung von direkter Rede, sowie der Einsatz von Versen und formelhafter Redewendungen. Zudem sind Volksmärchen sehr symbolhaltig und haben, im Gegensatz zu Kunstmärchen, keine namentlich bekannten Verfasser (Lange 2010, 14 f.).

2.3. Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm

Jakob (1785-1863) und sein Bruder Wilhelm (1786-1859) Grimm haben mit ihren „Kinder- und Hausmärchen“ eine der wohl bekanntesten Märchensammlungen geschaffen, welche sich bis in unsere Zeit großer Beliebtheit erfreut. Dabei wird allerdings oft übersehen, dass sie in Deutschland keineswegs die ersten waren, die gesammelte Volksmärchen veröffentlichten. Bereits zwischen 1789 und 1792 erschien die Sammlung „Neue Volksmärchen der Deutschen“, welche von Benedikte Naubert veröffentlicht wurde und lediglich ein paar Monate vor Herausgabe der grimmschen Märchensammlung erschien „Volkssagen, Märchen und Legenden“ (1812) von Johann Gustav Büsching (Lange 2010, 15). Zudem galten die Märchen der Grimms, bis in die Gegenwart, als Erzählungen, welche die Brüder bei einfachen Märchenerzählern des Volkes gehört und mitgeschrieben hätten. Dabei konnte Rölleke (1998) durch Untersuchungen der grimmschen Quellen belegen, dass diese fast ein Drittel der Texte aus anderen literarischen Vorlagen übernommen hatten. Ein weiterer Beleg dafür, dass die Gebrüder Grimm nicht durch das Land gestreift sind, um mündliche Erzählungen „einzufangen“, ist die zunehmende Identifizierung der, durch die Grimms, angegebenen einfachen Märchenerzähler aus dem Volk. Einige dieser Erzähler waren nachweislich gebildete Frauen aus der Bürgerschicht, welche ihre Geschichten niederschrieben und den Brüdern zukommen ließen. Diese Umstände wurden von den Gebrüdern Grimm nie aufgeklärt und führten daher lange Zeit zu einer falschen Vorstellung im Bereich der Grimm- und Märchenforschung (Lange 2010, 17). Auch bezüglich vorgenommener Veränderungen sprachen sich die Brüder dafür aus die Erzählungen in ihrer ursprünglichen Form belassen zu haben. So heißt es in ihrer Vorrede (1918):

„Was die Weise betrifft, in der wir hier gesammelt haben, so ist es uns zuerst auf Treue und Wahrheit angekommen. Wir haben nämlich aus eigenen Mitteln nichts hinzugesetzt, keinen Umstand und Zuge der Sage selbst verschönert, sondern ihren Inhalt so weitergegeben, wie wir ihn empfangen hatten.“ (Grimm 2008, 21)

Dabei geben sie in derselben Vorrede an, jeden „für das Kindesalter nicht passenden Ausdruck […] sorgfältig gelöscht“ zu haben (Grimm 2008, 17). Diese Veränderungen waren es aber schließlich, die dazu führten, dass die „Kinder- und Hausmärchen“ zu einer der erfolgreichsten Märchensammlung wurde und Einzug in die deutschen Kinderzimmer hielt. Tatsächlich veränderten die Grimms und ins besondere Wilhelm, die, wie sie es im oben genannten Zitat noch nennen, Sagen im Laufe ihrer Bearbeitungen grundlegend und erschufen dadurch erst die Literaturform „Märchen“, wie wir sie heute kennen.

2.4. Die Bedeutung des Erzählens

Für Linde Knoch (2010, 18) stellt das Erzählen an sich eine lebenswichtige Tätigkeit dar, welche es dem Menschen ermöglicht, etwas über sich selbst, aber auch über andere, ebenso wie über seine Umwelt zu erfahren und somit einen sinnstiftenden Charakter besitzt. Das folgende Gedicht „Kommt“ verdeutlicht ihre Einstellung.

„Kommt, reden wir zusammen Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenwer redet, ist nicht tot, Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenes züngeln doch die Flammen Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenschon sehr um unsere Not.Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenKommt, sagen wir: die Blauen, Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenkommt, sagen wir: das Rot, Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenwir hören, lauschen, schauen Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenwer redet, ist nicht tot.Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenAllein in deiner Wüste, Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenin deinem Gobigraun- Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltendu einsamst, keine Büste, Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenkein Zwiespruch, keine Fraun,Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenund schon so nah den Klippen, Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltendu kennst dein schwaches Boot- Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenkommt, öffnet doch die Lippen, Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenwer redet, ist nicht tot.“

(Gottfried Benn 1886-1956)

Der Verfasser dieses Gedichtes erkannte anscheinend ein Jahr vor seinem Tod die Bedeutung zwischenmenschlicher Kommunikation und schrieb es daraufhin nieder. Da mündliche Erzählungen den Hörer einbeziehen, kann dieser sich nicht als passiver Konsument verhalten. Dies wäre durch das „einfache“ Lesen eines Märchens durchaus möglich, da ein Buch nicht auf die Reaktion des Lesers reagieren kann, genauso wenig schenkt es ihm bewusst Aufmerksamkeit oder erzählt ihm aktiv seine Geschichte. Der Erzähler hingegen möchte sich seiner Umwelt bewusst mitteilen und ruft dadurch eine Reaktion derselbigen hervor, auf welche er wiederum reagiert. Durch diese wechselseitige Beeinflussung wird die Erzählsituation von beiden Seiten kommunikativ gestaltet. Da Kommunikation immer mindestens zwei Kommunikationspartner voraussetzt, können dem Erzählen von Märchen, als kommunikativem Prozess, somit allgemein gemeinschafts- und kommunikationsfördernde Aspekte zugesprochen werden.

2.5. Märchen in unserer Zeit

Wie bereits erwähnt sehen sich Märchen in unserer Gesellschaft einer Vielzahl von Unterhaltungsmöglichkeiten gegenüber. Dieser Umstand legt die Überlegung nahe, dass sie an Bedeutung verloren haben und zunehmend aus den Kinderzimmern verschwinden, um beispielsweise Platz für einen Fernseher oder den neuen Lerncomputer zu machen. Diese Einschätzung wäre allerdings nicht korrekt. Eine 2003 durchgeführte Umfrage des Allensbacher Instituts für Demoskopie hat ergeben, dass Märchen noch immer ein zentrales Kulturgut unserer Gesellschaft darstellen, dessen Bedeutung in den letzten Jahren sogar gestiegen ist. Die Ergebnisse werden im Folgenden kurz vorgestellt und mit Werten aus Umfragen der Jahre 1973 und 1996 verglichen. Die Untersuchungen zeigten, bezüglich des Erinnerungsvermögens an Märchen, dass sich 1973 82% der Befragten an mindestens drei Märchen aus ihrer Kindheit erinnern konnten. Dieser Wert sank bis 1996 auf 72%, stieg jedoch 2003 wieder auf 81%. In der Umfrage von 1996 wurde zusätzlich zwischen Ost- und Westdeutschen unterschieden, um das jeweilige Erinnerungsvermögen zu ermitteln. Das Ergebnis zeigte, dass sich 86% der Ostdeutschen und 72% der Westdeutschen an drei oder mehr Märchen erinnerten. Um die beliebtesten oder bekanntesten Märchen zu ermitteln, sollten die Befragten spontan drei Märchen nennen. Der Vergleich zwischen 1996 und 2003 zeigt dabei, dass sich die Nennung der Märchen nicht wesentlich veränderte. Die einzige Veränderung besteht darin, dass das Märchen „Der Wolf und die sieben Geißlein“ stark an Zustimmung verloren hat. In der Umfrage von 1996 lag es mit 19% noch auf Platz vier, 2003 erreichte es nur noch 12% und fiel auf den siebten Platz ab. In Absteigender Reihenfolge belegten folgende Märchen die ersten fünf Plätze: „Schneewittchen“, „Hänsel und Gretel“, „Rotkäppchen“, Aschenputtel“ und „Dornröschen“. Zur Klärung des Stellenwertes von Märchen in der Gesellschaft wurde eine weitere Frage untersucht: „Finden Sie, man sollte auch heute noch den Kindern Märchen erzählen, oder paßt das nicht mehr so gut in unsere Zeit?“ Ein Vergleich der Ergebnisse zeigt dabei deutlich, dass sich das Ansehen der Märchen zunehmend verbessert. Im Jahr 1973 wurden sie von 16% als unpassend eingeschätzt, 1996 lag dieser Wert bei 10% und in der Untersuchung von 2003 waren nur noch 8% dieser Meinung. Umgekehrt stieg die Zahl der Befürworter von 75% im Jahr 1973, über 82% im Jahr 1996, auf 83% im Jahr 2003. Diese Entwicklung verdeutlicht, dass den Märchen auch in unserer Zeit noch viel Bedeutung zukommt und dass sie, zumindest in Teilen, von fast allen erinnert werden. Für Lange (2010, 6). stellen Märchen daher „ein unverzichtbares und unersetzliches Kulturgut unserer Gesellschaft“ dar. Diese Bedeutung wurde bereits von einigen Disziplinen zum Anlass genommen, um sich näher mit der Literaturform „Märchen“ zu befassen. In der Volkskunde wird beispielsweise nach dem genauen Ursprung, der Entwicklung oder Motivzusammenhängen geforscht. Die Literatursoziologie beschäftigt sich, unter anderem, mit den gesellschaftlichen Bedingungen, wie sie im Märchen dargestellt werden und wie sie in der Zeit ihrer Entstehung tatsächlich herrschten. In der Psychologie beschäftigen sich bereits unterschiedliche Teildisziplinen mit den Möglichkeiten, welche durch Märchen geboten werden und auch verschiedene Bereiche der Pädagogik befassen sich mit Märchen in unterschiedlichster Form.

Der erste Teil dieser Arbeit gibt einen Überblick zur Entstehung des europäischen Volksmärchens und stellt heraus, dass sich diese auch in unserer Zeit noch einer sehr großen Beliebtheit erfreuen. Ebenso verweist er darauf, dass den Märchen in einigen Disziplinen bereits ein gewisses Maß an professioneller Aufmerksamkeit geschenkt wird. Somit bleibt die Frage, warum sie im Bereich der Sozialen Arbeit bislang keine nennenswerte Rolle spielen. In diesem Kapitel sollte ein Verständnis dafür vermittelt werden, was Volksmärchen auszeichnet. Entsprechend soll im Anschluss die Entwicklung der Sozialen Arbeit vorgestellt werden, um ihr gegenüber ebenfalls ein Verständnis aufzubauen. Die Frage nach ihrem möglichen Nutzen aus Märchen wird im vierten Kapitel wieder aufgegriffen.

3. Das Märchen der Sozialen Arbeit …

Soziale Arbeite bedeutet, vom Bürger ausgehende Hilfe für den Bürger (Wendt 1995, 19). Sie beschreibt den „Bereich der Hilfe von Menschen an andere Menschen, die sich in besonderen Notlagen befinden“ (Kuhlmann 2008a, 11). Hilfe wird dabei, von Scherpner (zit. n. Schilling 2005, 19), als „eine Urkategorie des menschlichen Handelns überhaupt“ beschrieben und den Blick auf die Geschichte der Menschheit, wie auch des Einzelnen gerichtet, macht deutlich, dass der Mensch auf Hilfe aus seiner Umwelt angewiesen ist. Er kommt in Situationen, die er ohne seine Familie, seine Gruppe oder andere Mitglieder der Gesellschaft nicht bewältigen kann. Zudem ist der Mensch, wenn er auf die Welt kommt, nicht in der Lage selbstständig zu leben. Er ist von einer hilfsbereiten Umgebung abhängig und dadurch wird „Hilfe eine natur- und lebensnotwendige Kategorie der Menschheit und des Menschen“. Als Hilfsbedürftig gelten, nach Scherpner, jene Mitglieder einer Gesellschaft, die den gestellten Anforderungen nicht gerecht werden können und somit Gefahr laufen aus der Gemeinschaft heraus zufallen (Schilling 2005, 19). Durch wirtschaftliche, politische und technische, aber auch strukturelle Entwicklungen haben sich sowohl die Art der Ursachen, wie auch die Notlagen für die einzelnen Mitglieder einer Gesellschaft verändert. Die Notwendigkeit gegenseitiger Hilfeleistungen besteht bis heute, denn sie bilden ein soziales Netz, welches gegenseitiges Vertrauen, Solidarität und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit, also „soziales Kapital“ fördert und somit der gesamten Gesellschaft Stabilität und Sicherheit gibt (BMFSFJ 2004, 18). Die Beweggründe für bürgerliches soziales Engagement können sehr unterschiedlich sein und reichen von altruistischen Motiven oder der Einhaltung christlicher Gebote, über Gefühle der Verpflichtung oder der Solidarität bis hin zu Motiven der Persönlichkeitsentwicklung, der sozialen, kulturellen, sowie politischen Bildung und der beruflichen Orientierung. Egoistische Beweggründe, wie das Ausnutzen der Abhängigkeit anderer, oder die Aufwertung des eigenen Selbstwertegefühles durch den Umgang mit Benachteiligten, wie der Erwerb eines besseren Ansehens in der Gesellschaft, können ebenfalls zu sozialem Engagement führen.

Professionelle soziale Berufe entwickelten sich aus nachbarschaftlichen, spontanen oder gemeindlichen Hilfstätigkeiten und Ehrenämtern, welche organisiert und weiterentwickelt wurden (Wendt 1995, 19). Die erbrachten Hilfeleistungen wurden, über das reine behilflich sein hinaus, als Arbeit angesehen und entsprechend ausgestaltet, daraus entstand im 19. Jahrhundert die „junge Profession“ der Sozialen Arbeit (Kuhlmann 2008a, 8). Da sich Soziale Arbeit auf die Mitglieder einer Gesellschaft und im speziellen auf deren individuelle Notlagen und Bedürfnisse bezieht unterliegt sie zwangsläufig einem ständigen Wandel. Dieser begründet sich in unterschiedlichsten, z.B. politischen, technischen oder demografischen Entwicklungen in der Gesellschaft, die wiederum Veränderungen in der Lebenswelt des Einzelnen bewirken. Zum anderen wird Soziale Arbeit von der sozialpolitischen Situation, des jeweiligen Landes in dem sie tätig ist, beeinflusst, genauso wie von dem aktuellen Deutungsmuster für Armut, sie muss rechtliche Vorgaben einhalten und sich im Rahmen der, ihr zugänglichen, finanziellen Mittel bewegen. Doch auch gesetzliche Vorgaben und die Menge an finanziellen Mitteln unterliegen Veränderungen, ebenso wie die Träger Sozialer Arbeit. Aufgrund der unterschiedlichen Faktoren, welche auf sie einwirken und der Vielzahl an Handlungsfelder, auf welche sie sich bezieht, gestaltet sich eine umfassende, alle Aspekte Sozialer Arbeit aufgreifende und zugleich klar von anderen Disziplinen abgrenzende Definition schwierig.

„Die Sozialarbeiterin wird als „Fürsorgerin“ gerufen; der Journalist schreibt über den „Sozialhelfer“; bei der Klientel ist einfach „Sozi“ im Schwange. Ein unverzerrtes Fremdbild kann indes kaum entstehen, wenn der Beruf von sich her kein klares und scharfes Bild bietet“ (Wendt 1995, 16).

Das Wissen um die Entstehung und Entwicklung der professionellen Sozialen Arbeit ist Grundlage zum Aufbau eines beruflichen Selbstverständnisses (Schilling 2005, 18). Kenntnisse über Ursprünge, Irrwege und Entwicklungsstadien der sozialen Berufe stellen die Basis zur Entfaltung einer eigenen Professionalität dar und tragen einen großen Teil zum Selbst-, aber auch zum Fremdverständnis Sozialer Arbeit bei. Darüber hinaus ermöglichen geschichtliche Rückblicke die (Weiter-) Entwicklung einer berufsspezifischen Ethik und zeigen verschiedene Deutungsmuster, auf, welche soziale Probleme, je nach Epoche, unterschiedlich auffassten (Kuhlmann 2008a, 7f.). Dies führt zu Reflexions- und Kritikfähigkeit innerhalb sozialer Berufe. Da eine Auseinandersetzung mit dem Selbstverständnis Sozialer Arbeit ohne Bezug auf geschichtliche Hintergründe kaum möglich ist, wird in den folgenden Kapiteln die Entwicklung professioneller Sozialer Arbeit dargelegt, um anschließend auf ihr Selbstverständnis einzugehen.

3.1. …und ihrer Entstehung:

Die (vor-)geschichtliche Entwicklung der Sozialen Arbeit

In den frühen agrarischen Gesellschaften wurde Armut, in ihren unterschiedlichsten Formen, als Problem der Klein- oder Familiengruppe angesehen. Schwierigkeiten, wie z.B. der Mangel an Nahrung oder Geld wurden im „sozialen Primärverband“ angegangen und geregelt. Innerhalb der bäuerlichen Großfamilien, der kleinen Dorfgemeinschaften oder der Zünfte wurde gegenseitige Hilfe geleistet, daher gab es keinen Bedarf an öffentlicher Fürsorge. Nach Kriegen und Krankheiten waren die sozialen Primärverbände oftmals nicht mehr in der Lage ihre Armut intern zu beheben. Ebenso führten ökonomische und politische Veränderungen dazu, dass Armut zu einer öffentlichen Angelegenheit wurde. Dieser Umstand kann als Ausgangspunkt Sozialer Arbeit gesehen werden, da die öffentliche Fürsorge notwendig wurde. Das gesellschaftliche Verständnis von und für Armut hat sich im Laufe der Zeit immer wieder gewandelt und mit ihm natürlich auch die daraus resultierende Form der Armenfürsorge. Im groben unterteilt Schilling (2005, 19) diese geschichtlichen Entwicklungsstufen der Sozialen Arbeit in fünf Zeitabschnitte, welche im Folgenden näher erläutert werden sollen:

- das Mittelalter (etwa 12. – 13 Jahrhundert)
- Beginn der Neuzeit (14. – 16. Jahrhundert)
- Absolutismus und Aufklärung (17. – 18. Jahrhundert)
- Zeitalter der Industrialisierung (18. – 19. Jahrhundert)
- Armut und Wohlfahrtspflege des 20. Jahrhunderts

3.1.1. Das mittelalterliche Verständnis von Armut und Armenfürsorge

Das Mittelalter und die Neuzeit werden von Carola Kuhlmann als „Vorgeschichte“ Sozialer Arbeit beschrieben. Die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte schafft Verständnis für das Neuartige an sozialen Berufen und verdeutlicht die Interessen hinter den öffentlichen und privaten Hilfe- und Kontrollabsichten, welche seit der Neuzeit Einfluss auf soziale Berufe ausüben (Kuhlmann 2008a, 8).

Die mittelalterliche Armenfürsorge, sowie der Umgang mit „Armen“ wurden von den Lehren des Christentums und, im Besonderen, durch die Almosenlehre von Thomas von Aquin beeinflusst.

Die mittelalterliche Gesellschaftsordnung bestand in einer Ständeordnung. Diese, von Gott gewollte, Ordnung unterschied zwischen dem geistlichen und somit obersten Stand, dem weltlichen Stand, bestehend aus den Herrschern und dem bürgerlichen Stand. Die untersten Stände der Gesellschaft bestanden aus dem Stand der Besitzlosen und dem Stand der Bedürftigen, hierzu zählten Waisen, Witwen und Kranke. In dieser Gesellschaft stand das Gemeinwohl über dem Wohl des Individuums, welches sich der Gemeinschaft unterzuordnen hatte und außerhalb dieser Stände, somit außerhalb der Gesellschaft, standen die so genannten Ehrlosen, die öffentlichen Sünder. Arbeit wurde in dieser Zeit als Notwendigkeit und Pflicht zum Erwerb des Lebensunterhaltes verstanden. Es wurde als ein natürliches Gesetz und dem zu folge als ein göttliches Gebot betrachtet, dass der Mensch für seinen Lebensunterhalt sorgen muss. Der Glaube an ein Leben nach dem Tod und die damit verbundene Hoffnung auf die Einkehr ins Himmelreich, aber auch Furcht vor der Hölle und ewige Qualen, waren dominierend. Entsprechend stand die Bewahrung oder Wiederherstellung des eigenen Seelenheils im Vordergrund. In dieser Gesellschaft bildeten die „Armen“ eine anerkannte Schicht und stellten einen festen Bestandteil der göttlichen Ordnung dar. Durch die Abgabe von Almosen wurde allgemein der christlichen Pflicht nachgekommen, sie wurden aber auch ihrer Verankerung im Bußsakrament entsprechend vergeben und waren abhängig von der vorausgegangenen Sünde des Einzelnen. Dieser Umstand bedeutet allerdings, dass sich die Art und der Umfang der Almosen nicht unbedingt an der Notlage und den daraus resultierenden Bedürfnissen des „Armen“ orientierten, sondern an der Lebens- oder Sündensituation des Spenders. Armut wurde zu dieser Zeit aus einer ethisch-religiösen Perspektive und als ein von Gott gewolltes Schicksal wahrgenommen (Schilling 2005, 23). Ein Lebensumstand der den Reichen die Möglichkeit gab „Gutes“ zu tun und spätestens im Leben nach dem Tod „belohnt“ werden sollte.

„Selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich.“

(Matthäus 5,3)

Die Mehrzahl der Hilfsbedürftigen war durch Krieg oder Krankheit gezeichnet, arbeitsunfähig und auf Zuwendungen angewiesen. Die durch Armut bedingte Bettelei wurde nicht grundsätzlich negativ bewertet und war als religiöse, wenn auch niedere Tätigkeit anerkannt. Diese gesellschaftliche Einstellung der Armut und den „Armen“ gegenüber wurde durch den Umstand verstärkt, dass sich einige, aus religiösen Gründen, freiwillig für ein Leben in Armut entschieden. Ein solches Leben „stellte […] einen Zustand dar, der von Gott mehr geachtet wurde als der Reichtum“ und galt als „gute Startbedingung“ für das Jenseits (Kuhlmann 2008a, 15).

„Doch wehe euch, ihr Reichen, denn ihr habt schon euren Trost. Wehe euch, die ihr gesättigt seid, denn ihr werdet hungern.“

(Lukas 6, 24-25)

Der Theologe Thomas von Aquin (1225-1274) schrieb als einer der ersten über seine Gedanken zu dem richtigen Umgang mit Armut und Almosen. Er unterschied verschiedene Formen der Armut und beschränkte sie nicht allein auf einen Mangel an finanziellen Mitteln. Für ihn stellte auch ein Mangel an Bildung, sozialen Bezügen und Einflussnahme Merkmale von Armut dar. Thomas von Aquin unterschied bei den dargebrachten Almosen zwei Gattungen voneinander. Die „leiblichen Almosen“ sollten dem Nächsten erwiesen werden, wenn er an leiblichen Mängeln litt. Innerhalb dieser Gattung zählte er Möglichkeiten der Almosengabe auf und nannte sie die „sieben Werke der Barmherzigkeit“. Diese Werke beinhalteten „den Hungrigen speisen, den Durstigen tränken, den Nackten bekleiden, den Fremden aufnehmen, den Kranken besuchen, den Gefangenen loskaufen, den Toten begraben“ (Aquin zit. n. Kuhlmann 2008b, 7). Für die zweite Gattung, die der „geistigen Almosen“, beschrieb er ebenfalls „sieben Werke der Barmherzigkeit“, welche in Zeiten geistiger Not getan werden sollten. Zu Werken dieser Gattung zählte er „den Unwissenden lehren, den Zweifelnden beraten, den Traurigen trösten, den Sünder bessern, dem Beleidiger nachlassen, die Lästigen und Schwierigen ertragen und für alle beten“ (ebd.). Seine Almosenlehre stellte den Helfenden in den Vordergrund und forderte dazu auf, sich auf die Dinge zu beschränken, welche zum standesgemäßen Leben benötigt werden. Er sah die Abgabe des überflüssigen Besitzes, an Hilfsbedürftige, als christliche Pflicht und Akt der Barmherzigkeit an und bezog die Almosengabe auf das Gebot der Nächstenliebe, wodurch er ihren Gebotscharakter unterstrich. „Da die Nächstenliebe unter Gebot steht, so muß notwendig alles unter Gebot fallen, ohne das die Liebe zum Nächsten nicht gewahrt werden kann. Zur Nächstenliebe gehört aber, daß wir dem Nächsten nicht bloß das Gute wollen, sondern es auch werklich tun […] was durch die Spendung von Almosen geschieht. Und deswegen steht das Almosenspenden unter Gebot“ (Aquino 1266 zit. n. Kuhlmann 2008b, 8). Demzufolge sündigen diejenigen, die nicht geben, obwohl sie genügend besitzen und einem anderen mit ihrer Gabe aus seiner Not helfen könnten.

Die Almosengabe stellte einen wichtigen Aspekt des damaligen Lebens dar, doch nicht allen „Armen“ konnte auf diese Art geholfen werden. Hilfsbedürftigen, die Nöte in den Bereichen der Pflege und Versorgung erlitten, konnte das Spenden von Kleidung oder Trost nicht gerecht werden. Neben der spontanen und privaten Almosengabe entstand eine zweite, organisierte Form der Armenhilfe in Form von Spitälern, Findelhäusern und Klöstern. Diese Häuser verpflegten all diejenigen, die sich aufgrund körperlicher oder geistiger Gebrechen nicht allein versorgen konnten. Im Gegensatz zu den Spitälern und Findelhäusern, lag der Zweck von Klöstern nicht primär in der Pflege und Versorgung der „Armen“. Dementsprechend war der Alltag im Kloster von Arbeit und Gebet bestimmt. In den Städten wurden, oft durch reiche Bürger gestiftete, Spitäler eingerichtet, um Hilfsbedürftigen Unterkunft und Versorgung zu bieten. Parallel zu diesen Einrichtungen entstanden die ersten kirchlichen Findelhäuser, diese sollten der hohen Zahl von Abtreibungen und Kindstötungen entgegenwirken. Die Kinder konnten anonym an einer „Babyklappe“ abgegeben werden und wurden versorgt. Diese besondere Form der Einrichtung war nötig, da sich viele Klöster und Waisenhäuser weigerten Kinder unklarer Herkunft aufzunehmen. Dies führte dazu, dass bereits sehr früh eine Abgrenzung und Spezialisierung der Jugendfürsorge stattgefunden hat (Kuhlmann 2008a, 17f). Organisation und Aufsicht der Einrichtungen wurden gegen Ende des Mittelalters zunehmend in städtische Hand genommen, wodurch sich die Möglichkeit eröffnete fürsorgerisches Handeln unter die politischen Ziele der Gemeinschaft zu stellen. Trotz der langsamen Übernahme durch die Städte waren die vier großen Träger der Armenfürsorge im Mittelalter Kirchen, Klöster, Orden und finanziell gut gestellte Einzelpersonen (Schilling 2005, 24). Eine Besonderheit der Armenfürsorge des Mittelalters besteht in der Tatsache, dass von den Bedürftigen keine Gegenleistungen, für die ihnen zuteil gewordenen Hilfen, verlangt wurden. Sie wurden lediglich dazu angehalten für den Spender zu beten und ihn dadurch, vor Gott, in ein besseres Licht zu rücken.

3.1.2. Armut und Armenfürsorge zu Beginn der Neuzeit

Gegen Ende des Mittelalters brachen die traditionellen ländlichen Versorgungsverbände zunehmend auseinander. Die Folge daraus war, dass ein Großteil der Bevölkerung, dessen Existenzgrundlage in der Agrarwirtschaft lag, vom Land in die Städte strömte. Die Bevölkerungszahl stieg konstant an, doch die Produktionsentwicklung stagnierte. Das Resultat dieser Entwicklung war eine Teuerungskrise mit anschließender Hungersnot. Insgesamt verschlechterte sich die Lebenssituation der Bevölkerung rapide und die verbreitete Einstellung gegenüber der Armut sorgte für ein rasches Wachstum des Bettelwesens (Schilling 2005, 26).

Der Umgang mit Almosengaben und den „Armen“ wandelte sich zu Beginn der Neuzeit, durch ökonomische und die daraus resultierenden sozialen, wie auch politischen Veränderungen (Kuhlmann 2008a, 22). Die Städte waren der steigenden Zahl Hilfsbedürftiger nicht gewachsen und die Tatsache, dass einige Bettler zu versteuerndes Vermögen besaßen und es offenkundig unehrliche „Arme“ gab, welche sich diverser Tricks bedienten, um mehr Almosen zu bekommen, führten zu einer veränderten Wahrnehmung der Armut und des Bettelwesens (Schilling 2005, 25 f). Das Ideal der Armut verlor an Gültigkeit und sie wurde zu einem, von Gott ungewollten, Zustand, welcher als Folge menschlichen Versagens begriffen wurde (Kuhlmann 2008a, 19). Dabei galt es sich durch harte Arbeit und einem sparsamen Leben selbst aus diesem Lebensumstand zu befreien. Auch die Bedeutung des Reichtums veränderte sich in dieser Zeit. Finanzieller Erfolg wurde zunehmend als Indikator göttlichen Wohlwollens angesehen. Konfrontiert mit den Folgen der ökonomischen, politischen und sozialen Veränderungen musste die Armenfürsorge angepasst werden, um der neuen Situation gerecht zu werden und ihr gleichzeitig entgegenzuwirken. Schilling (2005, 27) nennt, nach Sachße und Tennstedt, vier Aspekte der Entwicklung einer städtischen Armenfürsorge:

- die Kommunalisierung
- die Rationalisierung
- die Bürokratisierung
- die Pädagogisierung

Die Kommunalisierung beschreibt den Übernahmeprozess der Armenfürsorge durch die Städte. Die Verantwortung für Einrichtungen der Armenhilfe, welche zuvor größtenteils bei der Kirche lag, wurde zunehmend an städtische Räte übertragen, ebenso wie der Auftrag zur Vergabe von Almosen.

Durch die Rationalisierung sollten Kriterien festgeschrieben werden, anhand derer Art und Umfang der Unterstützungsleistungen geregelt werden konnten. Unter diese Kriterien fielen die Fragen nach der Arbeitsfähigkeit, der Familiensituation und des Einkommens.

Mit der Festsetzung bestimmter Kriterien zur Bestimmung der Bedürftigkeit, wie auch durch den Einsatz überprüfender Instanzen zur Kontrolle der tatsächlichen Bedürftigkeit entstand ein Verwaltungsapparat, wodurch der Prozess der Armenhilfe bürokratisiert wurde.

Die Pädagogisierung bezeichnet den Umstand, dass von den Hilfesuchenden, für die erhaltene Unterstützung, Gegenleistungen erwartet wurden. Sie sollten sich an den Werten und Normen der städtisch-handwerklichen Mittelschicht orientieren und entsprechend ein diszipliniertes Leben in Fleiß und Ordnung führen, welches durch Mäßigung gekennzeichnet ist. Die „Arbeitserziehung“ sollte den Willen zur Arbeit stärken und fungierte gleichsam als Arbeitsbeschaffungsprogramm.

Der Übergang von einer kirchlichen hin zu einer städtischen Armenfürsorge hatte für die „Armen“ zahlreiche Konsequenzen. Die Kommunen waren darauf bedacht nur für die eigenen Hilfsbedürftigen aufzukommen, so wurde die Einbürgerung streng reglementiert. Zudem wurden Bettel- und Almosenordnungen erlassen, welche sowohl die Zeit des Aufenthaltes innerhalb der Stadt, wie auch die Almosengabe streng reglementierten (Kuhlmann 2008a, 22). Die Hilfeleistungen waren nicht länger religiös motiviert, sondern das Ergebnis einer „zweckrationalen, sozialpolitischen Strategie“ (Sachße/Tennstedt 1980, 33 zit. n. Schilling 2005, 28). Die Kategorisierung von Bedürftigkeit rückte Armut als soziales Problem in das Bewusstsein der Gesellschaft. Die Gruppe der Hilfsbedürftigen wurde dadurch leichter abgrenzbar und durch die Einführung der, so genannten, Bettelzeichen wurden sie nach außen zusätzlich kenntlich gemacht. Sie wurden zu einer geächteten gesellschaftlichen Randgruppe und das Bettelwesen wurde vielerorts gänzlich verboten. Diese Veränderungen waren, zum Teil durch den Umstand möglich, dass das christliche Weltbild der katholischen Kirche, in dieser Zeit, unter anderem durch die „kopernikanische Wende“ und die Neuinterpretation der Bibel von Martin Luther (1483-1546) geschwächt wurde (Kuhlmann 2008a, 23). Luther widersprach der Almosenlehre des Thomas von Aquin, nach der es möglich war durch die Almosengabe oder den Kauf von Ablässen in das Himmelreich zu gelangen. Nach seiner Ansicht konnte die Rettung der Seele nur über den Glauben und die Gnade Gottes, aber keinesfalls durch verrichtete Werke, wie die Vergabe von Almosen, erreicht werden. Ein weiterer Gegner der „thomistischen“ Almosenlehre war Johann Calvin (1509-1564). Er vertrat die Meinung, dass Erfolg im weltlichen Leben eine Form besonderer Erwähltheit darstellt. Armut ist demnach ein Zeichen dafür, dass nicht jeder Mensch von Gott erwählt wird. Die „calvinistische Arbeitsmoral“ bezog sich, unter anderem, auf den Satz des Apostel Paulus, aus dem zweiten Brief an die Thessalonicher: „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen“. „Lutheraner“ und „Calvinisten“ kritisierten entsprechend die Faulheit der „Armen“ und warnten vor Müßiggang, denn dieser sei „aller Laster Anfang“ (Scherpner 1966, 43 zit. n. Schilling 2005, 27). Ihre Ansichten beeinflussten den Umgang mit Armut und Hilfsbedürftigen deutlich. Im Umgang mit „Armen“ setzten sich die Arbeitspflicht für Arbeitsfähige und der Arbeitszwang für Arbeitsunwillige durch (ebd.). Auch der „Humanismus“ trug merklich zu den Veränderungen in der Wahrnehmung des sozialen Problems der Armut bei. Er orientierte sich an Aussagen der katholischen Lehre und wollte diese „in ihrer praktischen Einfachheit wieder allen zugänglich machen“. Zudem orientierte er sich aber auch an den jeweiligen Notlagen und individuellen Bedürfnissen der Notleidenden und sprach sich entsprechend für Einzelfallhilfen aus. Auch in der humanistischen Soziallehre wurden Arbeitspflicht und bei Verweigerung Zwangsarbeit gefordert, allerdings standen die „Humanisten“ den „Armen“ nicht so verachtend und kritisch gegenüber, wie es bei den „Lutheraner“ und „Calvinisten“ der Fall war (Kuhlmann 2008, 23).

Der spanische Humanist Juan Luis Vives (1492-1540) entwickelte erste Ansätze und Ideen, zu einem neuen Verständnis davon, wie der Armut und den „Armen“ auf einem angemessenen Weg zu begegnen und zu helfen ist. In seinem Buch „Über die Unterstützung der Armen“ (1526) stellt er ein Konzept zur künftigen Gestaltung und Finanzierung der Armenhilfe vor, gleichwohl ruft er die Regierenden und reichen Bürger dazu auf, ihre Verantwortung den „Armen“ gegenüber wahr- und ernst zu nehmen. Vives kritisierte die Gesellschaft für die Tatsache, dass es so viele Hilfsbedürftige gab und beschrieb es als „schimpflich und beschämend für uns Christen, denen nichts mehr aufgetragen ist als die Liebe, ja vielleicht als Einziges überhaupt, dass man in unseren Staaten so viele Arme und Bettler auf Schritt und Tritt antrifft“ (Vives zit. n. Kuhlmann 2008b, 15). Er stellte Armut als soziales und politisches Problem in den Vordergrund und warnte davor die Schwächeren zu vernachlässigen, da dieses nicht ohne Schaden für die Mächtigen bleiben würde. Vives meinte, dass eine Verwaltung, welche sich nur um die Reichen kümmert, handele, „wie wenn ein Arzt nicht viel Wert darauf legt, den Händen und Füßen zu helfen, weil sie weit vom Herzen weg sind“ (Vives zit. n. Kuhlmann 2005b, 13). Die Notwendigkeit einer umfassenden Versorgung der „Armen“ ergab sich für ihn aus verschiedenen Gründen. Die ungleiche Verteilung materieller Güter und daraus entstehende Notsituationen könne die Zahl krimineller Handlungen, wie z.B. Diebstähle und Raubüberfälle, steigen lassen, aber auch zu einer Wut auf die Reichen führen, welche letztendlich in einem Bürgerkrieg enden würde. Aus diesem Grund sollten Reiche, schon allein zum Selbstschutz, die Hilfsbedürftigen versorgen. Sie sollten die „Armen“ nicht verachten, sondern als Schande ihrer Gesellschaft betrachten und ihnen in ihrer Not helfen. Einen weiteren Grund sah Vives in der Verbreitung ansteckender Krankheiten. Er bemängelte die Situation, dass sich die Kranken an hohen Festtagen vor der Kirche versammelten um zu betteln, wodurch sich die Kirchgänger durch Reihen von Krankheit, Geschwüren und Wunden zwängen mussten. Darum forderte er die Verwaltung dazu auf den Kranken zu helfen, wodurch die Ausbreitung von Krankheiten verhindert und das Gemeinwohl geschützt würde. Auch die schlechte Bildung der „Armen“, insbesondere die ihrer Kinder, und mögliche daraus resultierende Entwicklungen waren für Vives ein Argument für die Versorgung der Hilfsbedürftigen. Bildung stellte für ihn einen wichtigen Aspekt der Armenhilfe dar, da sie erst das Wissen um ein tugendhaftes Leben vermittelt (Kuhlmann 2008a, 20). Durch die Abgrenzung der „Armen“ vom Rest der Gesellschaft war unsicher, nach welchen Gesetzen sie lebten, welches Verständnis vom christlichen Glauben sie besaßen und was sie über die Normen und Werte der Gesellschaft dachten. Vives sah darin die Gefahr, dass die Bettler nach „völlig verlotterte[n] Sitten“ lebten und dadurch die kommunale Ordnung gefährden könnten. Fehler, welche auf einen Mangel an Bildung zurückzuführen waren, sollten dem Betroffenen, seiner Meinung nach, nicht zu schwer angelastet werden, denn auch in diesem Bereich sah er die Verantwortung auf Seiten des Staates. Dieser sollte seine Aufmerksamkeit weniger darauf richten die „bösen“ Bürger zu bestrafen, sondern sich vielmehr darum bemühen seine Bürger „gut“ zu machen (Kuhlmann 2005b, 15). Das von Vives entwickelte Konzept, stellt ein System dar, welches alle Bereiche der Armenfürsorge in einen einheitlichen Zusammenhang bringt, da es sowohl materielle, wie auch geistige und bildende Förderungen beinhaltet. Daher verdeutlichen seine Schriften den Übergang zu einer organisierten und somit kontrollierbaren städtischen Armenfürsorge. In seiner Arbeit ging er, nach Schilling (2005, 29) von den folgenden vier Grundsätzen aus:

- Arbeitspflicht für Arme
- Versorgung der Armen mit Arbeit
- Individualisierung der Armenfürsorge
- Erziehung in der Armenfürsorge

Für Vives stellte Arbeit keine von Gott gewollte Tätigkeit dar. Seiner Ansicht nach, besitzt der Mensch eine natürliche Veranlagung zur Arbeit und sollte dieser nachkommen. Der Wert von Arbeit wurde somit nicht mehr von außen bestimmt, sondern ergab sich aus ihr heraus, wodurch sie zu einem erstrebenswerten Gut wurde. Demnach konnte vom Menschen erwartet und verlangt werden, dass er seinen Kräften entsprechend arbeitet, allerdings wurde die Bettelei nicht mehr als berufliche Tätigkeit anerkannt (ebd.). Durch die ausgerufene Pflicht zur Arbeit war die Vermittlung von Arbeitsstellen das wichtigste Mittel zur Unterstützung der Hilfsbedürftigen. Diese sollten von einem Arzt auf ihre Arbeitsfähigkeit überprüft und anschließend in eine Beschäftigung vermittelt werden, der sie früher bereits nachgegangen sind oder die sie interessiert. Für jene, die zwar arbeitsfähig waren, jedoch nicht arbeiten wollten, sah Vives eine Zwangsbehandlung vor. Um die individuellen Verhältnisse überprüfen zu können, sollten „Armenregister“ angelegt werden in denen die spezielle Notlage, die frühere Lebenssituation, sowie der Anlass der Verarmung, die Lebensart und die Moral der Bedürftigen festgehalten wurden. Die jeweiligen Hilfen sollten sich dabei in Art, Dauer und Umfang an den leiblichen, geistigen und materiellen Bedürfnissen des Einzelnen orientieren. Den vornehmsten Aspekt der Hilfeleistungen sah Vives allerdings in dem erzieherischen Charakter der Armenfürsorge. Er wollte die „Armen“ sowohl aus ihrer Notlage befreien und dadurch das Gemeinwohl schützen, als auch eine moralische Förderung des Einzelnen betreiben und die, von der Gesellschaft abgegrenzten, Hilfsbedürftigen zu „guten“ Bürgern, wie auch zu „guten“ Christen machen. Zu diesem Zweck forderte er „Institutionen der Erziehungsaufsicht“, welche sich nicht nur um Kinder, sondern auch um Erwachsene kümmern sollten (Schilling 2005, 30). Bezüglich der Umsetzung und Finanzierung seines Modells, war er darauf bedacht die Spendenfreudigkeit der Bürger anzuregen und das Problem der Armenerziehung zu lösen. Um dies zu erreichen stellte er selbst einige Möglichkeiten vor. Unterstützungen sollten den „Armen“ nur gewährt werden, wenn sie nachweislich bedürftig waren und selbst dann auch nur, wenn sie sich entsprechend verhielten und Besserung möglich schien (Kuhlmann 2008a, 21). Durch die Einführung der „Armenregister“ würde die Bearbeitung der Einzelfälle leichter und zur Überprüfung der tatsächlichen Lebensumstände, sollten die Hilfeempfänger regelmäßig von zwei Ratsherren besucht werden. Zusätzlich benötigte Auskünfte, über familiäre Verhältnisse, könnten so auch von den Nachbarn eingeholt werden. Die Stadt sollte dafür in Bezirke unterteilt werden, welche die jeweiligen Verantwortungs- und Handlungsgebiete der „amtlichen Besucher“ darstellten. Ein stetiger Informationsfluss zwischen den Ratsherren, dem Stadtrat und dem Bürgermeister, sowie die damit verbundene Ausarbeitung des „Armenregisters“ setzte Vives voraus und „denen, die der Rat mit der Prüfung und Durchführung dieser Dinge beauftragt, soll[te] er Macht verleihen, zu verlangen und zu verbieten bis hin zu der Möglichkeit, ins Gefängnis zu werfen, damit der Rat Gericht halten kann über diejenigen, die nicht gehorsam waren“ (Kuhlmann 2005b, 17). Laut Vives klagten Schafzüchter, Seidenweber und andere Handwerker oft darüber, dass sie keine Angestellten finden würden, weil die Eltern der „armen“ Kinder der Meinung waren, diese „brächten vom Betteln mehr nach Hause“ (Kuhlmann 2008b, 19). Aus diesem Grund standen diese Betriebe im Fokus seiner Arbeitsvermittlung, zumal wohnsitzlosen Bettlern dort die Möglichkeit einer festen Unterkunft geboten wurde. Um die Handwerksmeister zur Schaffung neuer Arbeits- oder Ausbildungsplätze zu motivieren, schlug Vives vor diese Betriebe mit der Vergabe von öffentlichen Aufträgen zu unterstützen. Ebenso sollten solche Aufträge an die zur Selbstständigkeit gelangten ehemaligen „Armen“ gehen. Darüber hinaus vertrat er die Meinung, dass es durch Anordnung der Stadtregierung möglich sein müsse einzelnen Handwerksbetrieben eine bestimmte Zahl „Armer“ zuzuweisen. Um eine Verarmung der Gemeinde zu vermeiden, sollten die Hilfeleistungen keinem fremden Bettler zugute kommen, diese sollten in die Heimat zurück geschickt werden, sofern dies nicht durch einen Krieg verhindert wurde. Kranken Bettlern hingegen sollte so lange in den Spitälern geholfen werden, bis sie gesund genug waren, um die Stadt wieder zu verlassen. Die Finanzierung der Hilfeleistungen sollte durch Stiftungen am Sterbebett, wie auch durch die Errichtung von Opferstöcken an den Kirchen geleistet werden. Ebenso forderte er von der Stadt, dass sie auf Festumzüge oder –essen verzichtet, um weitere finanzielle Mittel für die Armenhilfe abzusparen. Das Ziel dieser Maßnahmen lag für Vives darin ein Stadt- oder Staatsbild zu erschaffen, welches den Bürger versorgt und in Zeiten der Not Hilfe leistet. Dadurch sollte auf Seiten des Bürgers eine „Vaterlandsliebe“ entstehen, welche ihn von Aufständen, Bürgerkriegen und dem Streben nach „Neuerungen“ Abstand nehmen lässt.

Die Institutionen der Armenhilfe in der Neuzeit erstrecken sich von den wenigen staatlichen Arbeits-, sowie Zuchthäusern, über die kirchlichen, sowie kommunalen Armen- und Waisenhäuser. Obwohl grundsätzlich die Kommunen für die Versorgung „ihrer Armen“ verantwortlich waren, wurden in Deutschland, um 1600, die ersten zentralen Arbeits-, Zucht- und Besserungshäuser errichtet. Diese waren für die umherziehenden „Armen“ vorgesehen um der „Landarmenplage“ Einhalt zu gebieten. In diesen Einrichtungen wurden die „umherziehenden Vagabunden“ samt ihrer Familien gemeinsam mit Straftätern untergebracht und zur Arbeit erzogen. Der Tagesablauf war durch die Einteilung in Weck-, Bet- und Mahlzeiten streng strukturiert. Die Anstaltsbewohner wurden isoliert und nach Geschlechtern getrennt, ihnen wurden die Haare kurz geschoren und das Fluchen und Schwören war verboten. Sie verrichteten zumeist „stumpfsinnige“ Arbeiten und wurden bei Ungehorsam und Regelverletzungen mit Essensentzug, aber auch harten körperlichen Strafen diszipliniert. (Kuhlmann 2005a, 24). Parallel dazu entstanden neue kirchlich getragene Institutionen der Armen- und Kinderfürsorge. Betteln wurde als Sünde ausgelegt, der man nur durch verordnete Zwangsarbeit begegnen könne. Allerdings sollte die Zwangsarbeit in Bezug auf Kinder mit Schul- und Religionsunterricht kombiniert werden. Nach dieser Vorstellung entstanden Anstalten, welche zumeist mit einer „Hausarmenpflege“ und in manchen Fällen zusätzlich mit einem „Besserungshaus“ für Straftäter und verhaltensauffällige Jugendliche verbunden waren. Die seit dem 16. Jahrhundert bestehenden „Bürgerwaisenhäuser“ wurden durch Stiftungen reicher Bürger finanziert. Sie nahmen keine unehelichen Kinder auf und kümmerten sich nur um die, durch Krankheiten oder Krieg elternlos gewordenen Kinder von Stadtbürgern (Kuhlmann 2008a, 26). Klöster und Spitäler hatten weiterhin in unterschiedlicher Trägerschaft bestand. So entstanden bereits zum Ende des Mittelalters und dem Beginn der Neuzeit die ersten Institutionen, welche auf die Organisation und Durchführung sozialer Hilfeleistungen spezialisiert waren und zugleich einer bürgerlichen oder staatlichen Kontrolltätigkeit nachgingen. Das Hauptaugenmerk lag dabei auf der „Erziehung zur Arbeit“ und wurde durch den Gedanken geprägt, dass die materielle Versorgung allein nicht zu einer nachhaltigen Verbesserung der Lebenssituation des Hilfsbedürftigen führen könne. Ebenso wichtig für eine dauerhafte Besserung, wenn nicht noch wichtiger, sei eine Veränderung der psychischen Verfassung. Dabei fand Erziehung allerdings vor dem Hintergrund der Gewöhnung an Arbeit und der Anpassung an die gesellschaftliche Ordnung, durch Zwang zur Unterwerfung und Disziplinierung statt.

[...]


[1] s. Anhang 1

Ende der Leseprobe aus 131 Seiten

Details

Titel
Märchenhafte Praxis?
Untertitel
Die Bedeutung von Märchen für Selbstverständnis und Praxis Sozialer Arbeit
Hochschule
Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe
Note
1,1
Autor
Jahr
2011
Seiten
131
Katalognummer
V185013
ISBN (eBook)
9783656099482
ISBN (Buch)
9783656099291
Dateigröße
28603 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Märchen, Sozialpädagogik, Soziale Arbeit, Biografisches Arbeiten, Geschichte Sozialpädagogik, Gebrüder Grimm, Selbstverständnis Sozialer Arbeit, Selbstverständnis Sozialpädagogik, Geschichte Sozialer Arbeit, Biografie, Volksmärchen, Kunstmärchen, Diplomarbeit, Entwicklung Sozialer Arbeit, Entwicklung Sozialpädagogik, moralische Grundprinzipien Sozialer Arbeit, moralische Grundprinzipien Sozialpädagogik, Fremdwahrnehmung Soziale Arbeit, Fremdwahrnehmung Sozialpädagogik, Aschenputtel, Methoden Märchenarbeit, Schneewittchen und die 7 Zwerge, Märchenbrille
Arbeit zitieren
Sabrina Junga (Autor), 2011, Märchenhafte Praxis?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/185013

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