Das Elsaß ist diejenige Region Frankreichs, mit der ein deutscher Schüler, z. B. durch Ausflüge am Wandertag nach Straßburg, normalerweise zuerst in Kontakt kommt. Der Schüler stellt jedoch, wenn er Kontakt zu "Innerfranzosen" bekommt, recht bald fest, daß dies noch nicht das "richtige Frankreich" gewesen ist. Er bemerkt, daß er nicht unbedingt gezwungen ist, im Kontakt mit älteren Personen französisch zu sprechen, er kommt auch mit Deutsch gut zurecht.
Für einige der Franzosen außerhalb des Elsaß, gelten die Elsässer heute noch als "Deutsche".
Historisch läßt sich dies natürlich leicht nachvollziehen, denn das Elsaß gehörte jahrhundertelang zum deutschen Reich. Doch seit 1945 ist das Elsaß eine französische Region. Man muß sich fragen, warum die Elsässer in den Augen vieler Franzosen immer noch als Deutsche bezeichnet werden.
Ein - vielleicht der wichtigste - Grund für diese Einschätzung ist die Sprache der elsässischen Bevölkerung, der elsässische Dialekt. Es handelt sich hierbei um einen deutschen Dialekt.
In Frankreich wurde im Verlauf der französischen Revolution die Einstellung geprägt, ein gemeinsames Volk müsse auch eine gemeinsame Sprache sprechen. Diese Einstellung ist zum Leidwesen der Elsässer auch heute noch stark in den Köpfen der Franzosen, sowohl in gesellschaftlicher als auch in politischer Hinsicht verankert. Diese mangelnde Toleranz gegenüber dem Dialekt der elsässischen Bevölkerung stellt eine große Bedrohung für diesen dar. Entscheidend für sein Überleben wird sein, inwieweit die Elsässer bereit sind, ihren Dialekt nicht zugunsten einer gemeinsamen Hochsprache aufzugeben, sondern eine Situation der Zweisprachigkeit im Elsaß zu erhalten.
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich zunächst mit der Geschichte des Elsaß, wobei besonderes Augenmerk auf die sprachliche Entwicklung der Bevölkerung gelegt wurde. Die neuere Geschichte, die Ereignisse, die sich nach dem Ende des II. Weltkrieges ergeben haben, bildet hierbei den Schwerpunkt.
Der Hauptteil der Arbeit besteht aus der Darstellung der Ergebnisse eines Fragebogens, mit dessen Hilfe die heutigen linguistischen Verhältnisse im Elsaß erforscht werden sollen. Dieser Fragebogen wurde in der Region Sélestat von 230 Personen ausgefüllt.
Inhaltsverzeichnis
1. Das Elsaß: Geographische Lage und Namensgebung
2. Geschichte des Elsaß unter besonderer Berücksichtigung der Auswirkungen auf das Sprachverhalten der Bevölkerung
2.1 Altertum und Mittelalter
2.2 Zwischen Dreißigjährigem Krieg und Französischer Revolution
2.3 Von der Französischen Revolution bis zum deutsch-französischen Krieg 1870/71
2.4 Die erneute Zugehörigkeit zum deutschen Reich (1871 - 1918)
2.5 Die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen
2.6 Die Zeit des II. Weltkrieges
2.7 "Final"
3. Die sprachliche und kulturelle Situation des Elsaß nach 1945
3.1 Reaktionen nach dem Ende des II. Weltkrieges
3.2 Widerstände gegen die französische Sprachpolitik und das langsame Einlenken der französischen Regierung
3.3 Dialekt und Hochsprache
3.4 Die elsässische Zweisprachigkeit
4. Die Umfrage
4.1. Beobachtung in Sélestat
4.2 Der Fragebogen
4.2.1 Die Auswahl der Fragen
4.2.2 Die Auswahl der Personen
4.3 Die Auswertung der Fragebögen
4.3.1 Die Antworten der Testpersonen
4.3.1.1 Die biographischen Daten der Schüler
4.3.1.2 Die biographischen Daten der Erwachsenen
4.3.1.3 Die Antworten der Schüler zu den "habitudes linguistiques"
4.3.1.4 Die Antworten der Erwachsenen zu den "habitudes linguistiques"
4.3.1.5 Die Fragen zur Einstellung gegenüber dem Dialekt
4.3.2 Zusammenhänge in der Beantwortung ausgewählter Fragen
4.3.2.1 Diejenigen Eltern, die mit ihren Kindern ausschließlich französisch sprechen
4.3.2.2 Diejenigen Erwachsenen, die glauben, man könne sich nicht als Elsässer fühlen, wenn man nicht dialektophon ist
4.3.2.3 Erwachsene, die nicht der Ansicht sind, daß der Übergang vom Dialekt zum Hochdeutschen dem Erlernen einer neuen Sprache gleichkäme
4.3.2.4 Schüler, die an der Option "Langue et culture régionale" teilnehmen
4.3.2.5 dialektophone Schüler
4.3.3 Übereinstimmungen zwischen den Schülern und ihren Eltern
4.3.4 Die offene Frage zur persönlichen Meinung der Elsässer zum Verhältnis elsässischer und französischer Sprache bzw. Kultur
5. Wie wird es mit dem elsässischen Dialekt weitergehen?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die aktuelle sprachliche Situation im Elsaß, insbesondere den Einfluss der Geschichte und staatlicher Sprachpolitik auf den Erhalt des elsässischen Dialekts. Ziel ist es, durch die Analyse historischer Hintergründe sowie die Auswertung eines Fragebogens in der Region Sélestat die Einstellung der Bevölkerung zu Dialekt, Identität und Zweisprachigkeit zu erfassen.
- Historische Entwicklung der Sprachverhältnisse im Elsaß
- Einfluss staatlicher Bildungs- und Sprachpolitik auf das Dialektverhalten
- Analyse des Sprachgebrauchs zwischen Generationen
- Einstellung zur Zweisprachigkeit und Identitätsbildung
- Empirische Untersuchung des Sprachverhaltens mittels Fragebogen
Auszug aus dem Buch
2. Geschichte des Elsaß unter besonderer Berücksichtigung der Auswirkungen auf das Sprachverhalten der Bevölkerung
Die Geschichte des Elsaß ist eine sehr wechselvolle.
Das Elsaß war immer ein Randgebiet, ganz gleich, zu welchem Reich oder zu welcher Republik es gerade gehörte. Diese Region war unfreiwillig der Spielball zweier feindlicher Nationen und somit (seit 1648) umkämpft und wechselnden Herrschaften unterworfen. Die lange bestehende Feindschaft zwischen Frankreich und Deutschland war es auch, die die Sprache der elsässischen Bevölkerung zum Politikum werden ließ und die Intoleranz gegenüber der jeweils anderen Sprache hervorrief.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Das Elsaß: Geographische Lage und Namensgebung: Das Kapitel erläutert die geographischen Grenzen und die etymologische Herkunft des Namens "Elsaß".
2. Geschichte des Elsaß unter besonderer Berücksichtigung der Auswirkungen auf das Sprachverhalten der Bevölkerung: Dieser Abschnitt bietet einen chronologischen Überblick über die wechselvolle Geschichte des Elsaß und deren Einfluss auf die Sprachsituation von der Antike bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs.
3. Die sprachliche und kulturelle Situation des Elsaß nach 1945: Hier werden die sprachpolitischen Entwicklungen nach 1945, der Widerstand dagegen sowie das Spannungsfeld zwischen Dialekt und Hochsprache analysiert.
4. Die Umfrage: Dieser Teil beschreibt die methodische Vorgehensweise, Durchführung und Auswertung einer empirischen Umfrage zur linguistischen Situation in der Region Sélestat.
5. Wie wird es mit dem elsässischen Dialekt weitergehen?: Das abschließende Kapitel wagt eine Prognose zur Zukunft des elsässischen Dialekts angesichts der fortschreitenden Sprachveränderungen.
Schlüsselwörter
Elsaß, elsässischer Dialekt, Zweisprachigkeit, Sprachpolitik, Identität, Französisch, Deutsch, Sprachgeschichte, Regionalsprache, Assimilierung, Diglossie, Empirische Untersuchung, Sélestat, Sprachverhalten, Kulturgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der linguistischen und kulturellen Situation im Elsaß, wobei der Fokus auf dem Spannungsfeld zwischen der Verwendung des elsässischen Dialekts und der französischen sowie deutschen Hochsprache liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die historische Entwicklung des Elsaß, die Auswirkungen staatlicher Sprachpolitik auf die Bevölkerung und eine empirische Analyse des Sprachgebrauchs und der Spracheinstellung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die heutigen linguistischen Verhältnisse im Elsaß zu erforschen und zu verstehen, wie sich die Bevölkerung hinsichtlich ihres Dialekts und ihrer kulturellen Identität positioniert.
Welche wissenschaftliche Methode wurde für die empirische Untersuchung verwendet?
Der Autor führte eine eigene Befragung (Umfrage) mittels eines Fragebogens in der Region Sélestat unter 230 Personen durch, ergänzt durch Beobachtungen während einer Tätigkeit als Deutschassistent.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historische Sprachsituation seit dem 17. Jahrhundert, die sprachpolitischen Maßnahmen nach 1945 sowie die Ergebnisse der eigenen empirischen Erhebung und deren Interpretation.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie elsässischer Dialekt, Zweisprachigkeit, Sprachpolitik, kulturelle Identität und Assimilierung geprägt.
Welche Rolle spielt die Schulbildung für die Zweisprachigkeit im Elsaß?
Die Schule wird als zentraler Ort der Sprachpolitik und der Vermittlung von Sprachen beschrieben, wobei diskutiert wird, inwieweit zweisprachiger Unterricht zur Konservierung des Dialekts beitragen kann.
Wie unterscheidet sich die Einstellung der jüngeren Generation zur Dialektverwendung von der älteren Generation?
Während ältere Generationen den Dialekt stärker als lebendige Umgangssprache nutzen, zeigt die Untersuchung bei jüngeren Personen eine stärkere Hinwendung zum Französischen bei gleichzeitigem Wunsch nach Erhalt des Dialekts als kulturelles Erbe.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Dialektbeherrschung und Identitätsempfinden?
Die Arbeit stellt fest, dass für viele Elsässer der Dialekt zwar als wesentlicher Teil der Kultur angesehen wird, aber für das individuelle Identitätsempfinden ("Alsässer sein") nicht zwingend eine aktive Dialektbeherrschung vorausgesetzt wird.
- Citation du texte
- Stephan Finger (Auteur), 1997, Das Elsaß. Die sprachliche und kulturpolitische Situation einer Minderheitsregion., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/185362