Olympiade der Unterhaltung? - Das Kulturkonzept der Weltausstellung 'neuen Typs' EXPO 2000 Hannover


Diplomarbeit, 2000

135 Seiten, Note: 0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Problemaufriß und Entwicklung der Fragestellungen dieser Arbeit
1.1 Anspruch der EXPO als Weltausstellung „neuen Typs“
1.2 EXPO-Konzeption und Kultur
1.3 Der Vergleich zwischen EXPO und Olympiade
1.4 Kontext Kultur
1.5 Forschungsstand und Literatur

2. Zur Morphologie von „Kultur“- eine Begriffsbestimmung
2.1 Die zwei generellen Bedeutungsebenen von Kultur
2. 2 EXPO-bezogene Überlegungen:
2.2.1 Interkulturelle Ansätze
2.2.2 Differenzierung von „Kultur auf der EXPO“
2.2.3 Teilbereich Architektur
2.2.4 Kultur-Bezug der EXPO 2000 Thementrias

3. Die EXPO 2000 als Kulturveranstaltung ?! - Prof. Dr. Peter Düwels Exposé
3.1 Kerngedanken:
3.1.1 Die EXPO als Stätte kultureller Bildung – zu Düwels Kulturverständnis
3.2 Die Einbindung von Stadt und Region Hannover in die EXPO
3.2.1 Konzept eines kulturorientierten Tourismus in Niedersachsen zur EXPO
3.2.2 Soziokultur
3.2.3 Bürgerbeteiligung
3.3 Finanzierung
3.4 Zur Aktualität Düwels als Vertreter der Neuen Kulturpolitik

4. „Verrat an einem Motto“ ?
4.1 Motto- und Konzeptkorrekturen seit

5. Die Rolle der Kultur auf der EXPO
5.1 EXPO-Kultur im Spannungsfeld unterschiedlicher Einflußfaktoren
5.2 Der „Marktwert“ von Kultur für die EXPO am Beispiel der Öffentlichkeitsarbeit der EXPO GmbH
5.2.1 Das EXPO-Café
5.2.2 EXPO-Botschafter
5.2.3 Das Vier-Säulen-Modell der EXPO
5.2.4 Finanzen
5.3 Personelle Strukturen
5.3.1 Kuratorium, Kulturrat
5.3.2 EXPO GmbH - Geschäftsführung und Bereich Kultur
5.3.3 Koordination der Nationenbeiträge
5.4 Das Kulturverständnis der EXPO-Kulturmacher: Innovation – Risiko – Unterhaltung – Crossover – Internationalität – Live
5.5 Das Kultur- und Ereignisprogramm
5.5.1 Sparten
5.5.1.1 Musik
5.5.1.2 Kunst:
5.5.1.3 Theater/ Tanz
5.5.2 Inhaltlicher Schwerpunkt: Kinder- und Jugendprogramm
5.5.3 „Nachhaltigkeit“
5.6 Der Deutsche Pavillon: „Jeden Abend Kultur“
5.7 „Eine Reise um die Welt“: Weitere Beispiele für Länderpräsentationen
5.7.1 Jemen, Jordanien
5.7.2 Bhutan, Nepal, Griechenland
5.7.3 Die „Afrika-Halle“
5.8 Weltweite Projekte: Beispiel „Erhalt des Weltkulturerbes“
5.9 Der Themenpark: Kulturelle Vielfalt als Quelle der dargestellten Problemlösungen?
5.9.1 EXPO 2000 und Agenda
5.9.2 Die Dramaturgie des Themenparks: Beispiel „Der Mensch“
5.9.3 Die Konzeptumsetzung von „Der Mensch“

6. Resümee:
6.1 Materielles Welt- und Menschenbild
6.2 „Politik von unten“
6.3 Die Weltausstellung als Hohlspiegel von Gegenwartskultur
6.4 Weltausstellungen auf der Suche nach neuer Selbstdefinition
6.5 Das „Neue“ an der EXPO „neuen Typs“
6.6 Die Instrumentalisierung von Kunst und Kultur auf der EXPO
6.7 Wie realistisch sind EXPOs als Zukunftswerkstätten der „Global Community“?
6.8 Epilog

Literaturverzeichnis

Hinweis zur Lektüre: Um den Lesefluß nicht unnötig zu stören, wurde (mit Ausnahme von Zitaten) auf weibliche Substantiv-Formen oder Schrägstrichschreibweise verzichtet. Es wird als selbstverständlich vorausgesetzt, daß beispielsweise der Terminus „Mitarbeiter“ sowohl männliche als auch weibliche Personen bezeichnet, ohne daß darauf besonders hingewiesen werden müßte.

1. Einleitung: Problemaufriß und Entwicklung der Fragestellungen dieser Arbeit

1.1 Anspruch der EXPO als Weltausstellung „neuen Typs“

In den Monaten Juni bis Oktober des Jahres mit dem symbolträchtigen Datum 2000 ist die Bundesrepublik Deutschland zum ersten Mal Ausrichter einer universellen Weltausstellung. Diese “EXPO 2000” findet in der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover auf dem zum EXPO-Gelände erweiterten Messegelände der Deutschen Messe AG statt – neben Korrespondenzstandorten wie der Region Bitterfeld in Sachsen-Anhalt oder der “EXPO am Meer” in Wilhelmshaven.

Ein besonderes Merkmal dieser Weltausstellung ist die von den Initiatoren betonte Ausrichtung als “Weltausstellung neuen Typs”. So lautet das Motto der EXPO 2000 “Mensch – Natur – Technik”.

Der darin enthaltene Hinweis auf einen ökologischen Themengehalt soll eine Neuorientierung der einstmaligen Leistungsschauen der verschiedenen Nationalökonomien (im besonderen natürlich der des Gastgeberlandes) verdeutlichen. Im ersten Jahr des dritten Jahrtausends soll die Vergangenheit retrospektiv bilanziert, vor allem aber in die Zukunft geblickt werden. Zu den heutigen globalen Herausforderungen und Problemen soll kritisch Stellung bezogen und differenzierte Lösungsansätze sollen präsentiert und diskutiert werden:

“Mensch – Natur – Technik ist unser Thema. Damit wollen wir an der Schwelle des neuen Jahrtausends Chancen, Risiken und Wege für die Menschheit aufzeigen. Wir wollen der Idee der Weltausstellung eine neue Dimension geben. Sie soll einen Beitrag zur Daseinsvorsorge leisten und geprägt sein von der Verantwortung gegenüber unseren Nachkommen. ... Sie soll uns leiten bei der Verbesserung der Lebenschancen und der Lebensqualität der Menschen und bei der Erhaltung einer intakten Natur. Wir müssen heute erkennen, daß die zunehmende technische Durchdringung unseres Lebensumfeldes – und sei es auch nur aufgrund der Quantität der Eingriffe – ihre Schattenseiten und negativen Auswirkungen zeigt.“[1]

Die EXPO 2000 will demnach über den üblichen Rahmen einer Ausstellung hinausgehen und zum Forum einer diskursiven und problembewußten internationalen Auseinandersetzung über politische, soziologische, ökologische wie ökonomische und kulturelle Fragen werden - zu einem Multiplikator von zukunftsweisenden Ideen.

Das Wort kritisch ist hierbei ein wichtiges Stichwort, da es in der Vergangenheit an der kritischen Themendarstellung auf EXPOs mangelte. In der Konzeption der EXPO 2000 wird vom programmatischen Fortschrittsoptimismus ihrer Vorgängerinnen symbolisch Abschied genommen - genauso wie vom Nimbus der Weltausstellungen als „Wallfahrtstätten zum Fetisch Ware“. Diese Bezeichnung prägte Walter Benjamin einst in seinem „Passagen-Werk“.[2] Die niedersächsische Landesregierung wollte derartigen Befürchtungen mit neuen Konzepten für den „neuen Typ“ Weltausstellung entgegentreten:

“Mit ihrem Thema ‚Mensch – Natur – Technik‘ hebt sich die EXPO 2000 bewußt von früheren Weltausstellungen ab, die technischen Fortschritt noch allzuoft automatisch als Fortschritt der Menschheit feierten. Die Gegenwart beweist uns dagegen tagtäglich die Fragwürdigkeit dieser Einstellung. ... Es herrscht weitgehend Einigkeit darüber, daß die Menschheit insgesamt nach einem neuen Gleichgewicht zwischen Mensch, Natur und Technik suchen muß.”[3]

Laut dem früheren Leiter des Hannoveraner EXPO-Büros, Dieter Eisfeld, wagte mit Hannover “zum erstenmal ... ein Bewerber, nicht nur den Glanz, sondern auch das Elend des menschlichen Daseins als Stoff einer World Exposition anzukündigen”.[4]

Ob diese Ankündigung eingehalten wurde, wird die nähere Betrachtung der EXPO 2000 Inhalte zeigen.

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ging man dazu über, die Weltausstellungen inhaltlichen Motti zu unterstellen. Diese Motti schafften jedoch meist auch nicht mehr Klarheit bezüglich des konkreten inhaltlichen Stoffs einer EXPO. Titel wie “Bilanz der Welt für eine menschlichere Welt” (Brüssel, 1958), “Menschlicher Fortschritt in Harmonie” (Osaka, 1970) oder “Zeitalter der Entdeckungen” (Sevilla, 1982) gaben zwar einen inhaltlichen Anhaltspunkt; dieser war jedoch so vage, daß man fürderhin alles Mögliche assoziieren konnte. Auch das EXPO 2000 – Motto “Mensch – Natur – Technik” ist lediglich eine Aneinanderreihung dreier Begriffe mit einem sehr großen Interpretationsspielraum. Es ist eher unscharf konturiert, als daß es eine Festlegung beinhalten würde.

Das Pariser “Bureau International des Expositions” (B.I.E.), seit seiner Gründung 1928 oberstes Komitee einer jeden Weltausstellung, legte deren Zweck einst folgendermaßen fest:

“Eine [Welt-] Ausstellung ist eine Veranstaltung, deren Hauptzweck ungeachtet ihrer Benennung es ist, die Öffentlichkeit zu unterrichten, indem sie Mittel aufzeigt, über die der Mensch zur Befriedigung der Bedürfnisse der Zivilisation verfügt, und indem sie in einem oder mehreren Bereichen menschlicher Tätigkeit die erzielten Fortschritte oder die Zukunftsaussichten erkennen läßt.”[5]

Auch diese Definition läßt noch viel Spielraum für Auslegungen; davon abgesehen hat die Vergangenheit gezeigt, daß sich viele Teilnehmer dem jeweiligen Motto nicht verpflichtet fühlten, was eine inhaltliche Zerklüftung der EXPOs noch verstärkte.

In Kapitel 2.2.4 wird eine assoziative Zuordnung des Begriffes Kultur zur Thementrias der EXPO 2000 vorgenommen, um den theoretischen inhaltlichen Spielraum bezüglich des Themas dieser Arbeit weitestgehend einzugrenzen.

1.2 EXPO-Konzeption und Kultur

Die Ausrufung eines „neuen Typs Weltausstellung“ anläßlich der EXPO 2000 legt den Schluß nahe, daß ihre Macher auf der Suche nach neuen Konzepten waren.

“Die Weltausstellungen wurden im 19. Jahrhundert geschaffen, um Technik und Kultur der Nationen der Welt auszustellen“, schreibt Peter Koslowski.[6] Gilt gleiches noch für eine Weltausstellung des beginnenden 21. Jahrhundert - und hat sich das Verhältnis der Exponate Technik und Kultur gewandelt, wie der Terminus „neuer Typ“ Weltausstellung suggerieren mag? Diesen Fragestellungen will die vorliegende Arbeit anhand einer kritischen Betrachtung der Planungsentwicklung der EXPO 2000 nachgehen.

In der Konzeption der EXPO 2000 wird die Kultur als ein wesentlicher Faktor für die EXPO benannt: „Die kulturelle Vielfalt erscheint als eine reiche Quelle zur Lösung der Probleme dieser Welt“, heißt es da.[7] Auch das EXPO-Konzept der niedersächsischen Staatskanzlei mißt der Kultur einen wesentlichen Stellenwert bei. Von Kultur als einem der Leitthemen der EXPO ist die Rede, sowie von der „Bedeutung von Kultur für die Lebensqualität“.[8] Wenig später heißt es in einem eigenen Abschnitt zum „Kulturprojekt EXPO“:

“Die Weltausstellung ist aber auch ein Kulturprojekt. Dabei wird Kultur nicht als schmückendes Beiwerk verstanden. Kultur und Kunst als wichtige Teile von Lebensqualität sollen vielmehr die Ausstellungsfelder selbst prägen und die immer wichtiger werdende Verzahnung, ja Einheit von Kunst und Kultur mit Ökonomie und Ökologie verdeutlichen.”[9]

In die gleiche Stoßrichtung zielt das Exposé des im März 1999 verstorbenen Prof. Dr. Peter Düwel mit dem Titel „ Die Weltausstellung EXPO 2000 als Kulturveranstaltung ! ?“. Es stellt nach Einschätzung des ehemaligen EXPO-Kulturprogrammchefs Jörg Krichbaum „bis heute die einzige öffentlich verfügbare Zusammenfassung von [für die Expo erläuterten] Ideen und Projekten aus dem Bereich Kunst und Kultur”[10] dar. Aus diesem Grunde wird es in Kapitel drei inhaltlich erläutert, um die ursprüngliche Basis, auf der das heutige Kulturkonzept der EXPO 2000 fußt, zu veranschaulichen.

Unterschiedliche Bedeutungsebenen des Begriffes Kultur werden in der EXPO evident: Einem spezifischen Kulturbegriff folgend, findet eine begriffliche Auffächerung statt, die sich vor allem im Kunst- und Kulturprogramm der Weltausstellung niederschlägt. Eine umfassende Definition des Begriffes Kultur (und seinem Bezug zum Thema EXPO 2000) ist deswegen unerläßlich. Sie wird deshalb im folgenden Kapitel den weiteren Kapiteln dieser Arbeit vorausgeschickt.

Mit Blick auf die Inhalte und das Wesen von Weltausstellungen schält sich neben der programmatischen eine weitere kulturelle Dimension der EXPOs heraus. Weltausstellungen stellen auch immer eine Projektionsfläche des jeweiligen zeitgenössischen Kulturverständnisses dar: von der Euphorie und Aufbruchstimmung des noch jungen Industriezeitalters - in der ersten Weltausstellung von und für die damaligen Industrienationen im Londoner Glaspalast 1851 - bis hin zum vielfältig vernetzten “Fest der Weltgemeinschaft” anno 2000, mit allem, was hierzulande für eine solche postmoderne Großveranstaltung für repräsentativ gehalten wird.

„Weltausstellungen waren immer auch große kulturelle Ereignisse“, beschreibt die für Organisation und Durchführung der EXPO verantwortliche EXPO GmbH dazu ihre Sicht und verweist hierbei auf mit vergangenen EXPOs assoziierte Künstler wie Verdi, Berlioz, Picasso, Dalí u.a.

Kohoutek und Pirhofer, die sich im Rahmen der 1995 geplanten EXPO Wien – Budapest mit dem „Kulturakzent“ von Weltausstellungen beschäftigten, erklärten jene Epochen hingegen als passé und zur Nostalgie:

„Das ist eine wunderbare Zeit gewesen, als man noch in Konzerte oder auf Weltausstellungen ging und niemals das Gefühl hatte, dabei die winzige Ameise einer einzigen großen nährend-gefräßigen ‘Kulturgesellschaft‘ zu sein.“[11]

Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß die EXPOs von heute, in Zeiten des „Global Village“, anders, kritischer und wohl auch mit weniger Interesse rezipiert werden als zu jenen Zeiten, da man noch staunend zu den Weltwundern der Technik und Großartigkeiten in Architektur und Kunst pilgerte. Zu der Zeit waren die Ausstellungen tatsächlich noch eine Sache „von Welt“. Nämlich „Universalschauen, in denen alle Bereiche menschlichen Schaffens dargestellt wurden - universelle Kulturschauen also, die zunehmend auch Einblicke in die Lebensweise fremder Völker vermittelten.“[12]

Waren die Weltausstellungen damals für Besucher und Künstler eine Quelle der Inspiration, so kann heutzutage – im Zeitalter der Wissensgesellschaft und Weltreisen – eine EXPO diese Art von Faszination nicht mehr bieten. Die Analyse der EXPO 2000 soll zeigen, in welcher Form sich die Weltausstellungen heutiger Zeit an diese veränderten kulturellen Umstände angepaßt haben.

1.3 Der Vergleich zwischen EXPO und Olympiade

Der Titel dieser Arbeit kommt nicht von ungefähr: im Falle der EXPO 2000 gibt es in mehrerer Hinsicht Kongruenzen zwischen Weltausstellungen und Olympiaden. Zum einen ist da der äußere Rahmen als Großereignis von internationaler Bedeutung, zu dessen Anlaß sich die Länder dieser Welt treffen: Zum sportlichen Wettkampf, oder - in diesem Falle -, um sich und Exponate individuellen Dünkels dar- bzw. auszustellen. Zum anderen wird die EXPO 2000 in Hannover immer wieder mit der 1972er Olympiade von München verglichen, als dem einzigen bisherigen Ereignis auf deutschem Boden, das der EXPO in seiner Bedeutung und Reputation (für die Bundesrepublik Deutschland) gleichkommt. Für EXPOs gilt wie heutzutage für die Olympiaden, daß ihre Dimensionen längst über ihr eigentliches Anliegen hinausgehen und politisches wie wirtschaftliches Kalkül miteinschließen. Derartige Massenspektakel sind auch immer zugleich ein Politikum und Spekulationsobjekt. Es geht um Prestige, nationales Ansehen und viel Geld. So wird der Vergleich zwischen Weltausstellung und Olympiade an vielerlei Stelle bemüht. Beispielsweise bemerkt das Anti-EXPO-Bündnis „Tipp-Ex“ etwas brüsk:

„Vergleichbar sind Olympiaden mit Expo-Projekten allerdings in zwei Punkten: Sie produzieren nationalistische Fixierungen auf das jeweilige Veranstalterland, sind also Prestigeobjekte, ... und sie sind Katalysatoren, um gesellschaftliche Umstrukturierungsprozesse auf allen Ebenen durchzupowern, bzw. die sogenannten Standortqualitäten der sie ausrichtenden Region zu ‚verbessern‘.“[13]

Das bedeutet, Veranstaltungen wie diese wären vor allem ein Motor für die Ökonomie. Im Gegensatz dazu bezeichnete die EXPO-Generalkommissarin Birgit Breuel die Weltausstellung EXPO 2000 als „eine Olympiade der Visionen und deren Umsetzung für die Gestaltung der Zukunft“.[14]

Während von Olympiaden jeder eine einigermaßen klare Vorstellung haben dürfte, bleibt der konkrete Sinn und Inhalt einer Weltausstellung im „EXPO-unerfahrenen“ Deutschland für viele doch eher abstrakt. Dies mag vor allem daran liegen, daß die Olympiaden viel mehr Präsenz in den Medien besaßen als EXPOs, die meist eher als Sache des Gastgeberlandes betrachtet wurden und in der Medienberichterstattung eher am Rande auftauchten.

Beiden Veranstaltungsformen eigen ist ein Wettbewerbscharakter. Man kommt zusammen, um seine Leistungen miteinander zu vergleichen. Der EXPO-Beauftragte der Firma Siemens, Walter Schusser, sprach sinngemäß von der Weltausstellung als „internationalem Wettbewerbskonzert der Länder“.[15]

Neuerdings ergibt sich in kultureller Hinsicht eine weitere Verbindung zwischen EXPO und Olympiade. Mittlerweile gibt es sogenannte Cultural Olympics, in denen dem eigentlichen sportlichen Wettkampf-Szenario eine kulturelle Variante beigefügt wird, in der die teilnehmenden Länder nationale Kultur-Beiträge präsentieren: So tanzte etwa der Solotänzer der Komischen Oper Berlin, Gregor Seyffert, bei den Cultural Olympics von Atlanta 1996 als deutschen Beitrag zwei eigene Choreographien.

1.4 Kontext Kultur

Interessant für die gewählte Problemstellung dieser Arbeit sind insbesondere die Fragen, welche Rolle der Kultur bei der EXPO zukommt, welche Qualität sie hat und in welcher Beziehung sie zu den anderen Ausstellungsinhalten steht.

Eisfeld sprach von “den drei Aspekten einer Weltausstellung, dem unterhaltenden, dem belehrenden oder Erkenntnisse vermittelnden und dem wirtschaftlichen”[16]. Gleichzeitig sah er in den vorangegangenen EXPOs die Gefahr der Überkommerzialisierung im Bereich der Unterhaltung, die die Weltausstellungen in den Ruch reiner Massenunterhaltungs-Spektakel brächte:

“Die Veranstalter beschränkten sich auf ein Angebot von Vergnügungen und achteten im übrigen darauf, das Bruttosozialprodukt ihres Landes zu erhöhen. Beides gelang ihnen nach Wunsch. Die ‚menschliche Harmonie‘ [Motto der EXPO Osaka, Anm. d. Verf.] wurde in Osaka vor allem in der Perfektion der Möglichkeiten gesucht, sich gemeinsam zu amüsieren. ... Die Weltausstellungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ähnelten Musicals und Operetten mit einem gewissen Hang zur Hanswurstiade.”[17]

Ebenso wie bei ihren Vorgängerinnen zeigt auch der Planungsverlauf dieser EXPO, daß die wirtschaftliche Rentabilität eines solchen Projekts für seine Veranstalter ein entscheidendes, wenn nicht gar das alles bestimmende Kriterium ist. Die EXPO 2000 ist mit erwarteten 40 Millionen Besuchen in fünf Monaten eine Massenveranstaltung oberster Kategorie, die - einen beträchtlichen Kapitalfluß in Gang setzend - den Gesetzen der freien Marktwirtschaft unterliegt. Daß die Symbiose zwischen Kapital und Kultur nicht immer die schönsten Gewächse hervorbringt, zeigt ein Blick auf unsere heutige Unterhaltungsindustrie: Die kommerziell erfolgreichsten Veranstaltungen sind nicht unbedingt die anspruchsvollsten.

„Kommerz“ scheint in diesem Zusammenhang geradezu den dialektischen Gegensatz von „Kunst“ darzustellen, und für die verantwortlichen Planer der EXPO 2000 – wollen sie nicht in die Eisfeld´sche „Hanswurstiade“ abrutschen – gilt es, zwischen diesen beiden Polen einen Mittelweg zu finden, der möglichst viele zufriedenstellt. Sie müssen einen Spagat vollführen zwischen der Aufgabe, Massen zu unterhalten und dem (selbstauferlegten) Anspruch, Kultur nicht nur als säuselnde Untermalung des EXPO-Betriebes zu präsentieren. Oder – wie Krichbaum es formuliert: „Es geht weder um das reine Vergnügen noch um die reine Kunst – es geht um einen intelligenten, das Gesamtgeschehen der EXPO berücksichtigenden Austausch und Abgleich der Ideen“.[18]

Tatsächlich ist im Vergleich zu früheren Zeiten eine Verzahnung der Kultur mit den anderen Ausstellungsfeldern eingetreten. Walter Benjamin schrieb noch in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts über die Anfänge der Weltausstellungen: „Der Rahmen der Vergnügungsindustrie hat sich noch nicht gebildet. Das Volksfest stellt ihn“.[19] Heute haben die EXPOs in bester postmoderner Hybridisierung auch die Charakteristika von Volksfesten in sich aufgenommen.

Daß das Kulturangebot bezüglich des Erfolgs oder Mißerfolgs einer Weltausstellung ein nicht zu unterschätzender Faktor ist, zeigt die Vorgängerin der EXPO 2000, die EXPO ´92 in Sevilla, besonders deutlich. Unter dem Slogan „Fiesta in Sevilla“ übertraf jene EXPO an kulturellen Veranstaltungen sämtliche Vorgängerinnen: Rund 30 000 an der Zahl - im Gegensatz zu 10 000 bis 12 000 geplanten Veranstaltungen der EXPO 2000.

Mit ihren Abendkarten konnten die Besucher in Sevilla sich bei einem Programm, das von Opernaufführungen mit Stars wie Placido Domingo und José Carreras über Konzerte, Ballette, Straßentheater bis zu Kinoaufführungen, Flamenco- und Rockmusik reichte, bis in die frühen Morgenstunden auf dem Ausstellungsgelände amüsieren. Hier behält Eisfeld recht: Das - allerdings nicht unumstrittene - Image jener EXPO, welches sich hauptsächlich auf ihren Ruf als gewaltiges Kulturspektakel gründete, zahlte sich für die Veranstalter letztlich mit Gewinn aus.

Benjamin schreibt über den Zweck der Vergnügungsangebote auf Weltausstellungen:

„Sie eröffnen eine Phantasmagorie, in die der Mensch eintritt, um sich zerstreuen zu lassen. Die Vergnügungsindustrie erleichtert ihm das, indem sie ihn auf die Höhe der Ware hebt. Er überläßt sich ihren Manipulationen, indem er seine Entfremdung von sich und den andern genießt.“[20]

Im folgenden soll auch der Frage nachgegangen werden, ob dies auch für die heutigen EXPOs noch immer zutrifft: „Erlebnischarakter“ oder „Edutainment“ sind die diesbezüglichen Vokabeln, mit denen sich die EXPO 2000 in der Aufbereitung ihrer Inhalte auf den heutigen Zeitgeist bezieht.

„Es muß rauchen, krachen, blinken“, fordert Martin Roth, zuständig für die EXPO-Themenparkentwicklung[21]. Der Themenpark als eigentliches Herzstück der EXPO steuert laut Aussagen der EXPO GmbH zum Kulturprogramm bei[22] und ist als „Ausstellung in der Ausstellung“ mitsamt Dramaturgie und Vermittlungsstrategie hinsichtlich der Themenstellung dieser Arbeit interessant.

Darüber hinaus ergäben sich viele Anknüpfungspunkte in Zusammenhang mit weiterführenden Fragestellungen, die aber den gegebenen Rahmen sprengen würden, da sie eigene Themenbereiche darstellen: So beispielsweise die sogenannten weltweiten Projekte, die ausführlichere Behandlung der Agenda 21-Thematik, die Öko-Debatte und andere, die hier nur am Rande oder überhaupt nicht erwähnt werden können.

1.5 Forschungsstand und Literatur

Oskar Negt charakterisiert ganz treffend die Literaturlage zum Thema Weltausstellungen:

„ ... Daß es bis heute keine aktuell greifbare und fundierte Geschichte der Weltausstellungen gibt, ist ein Zeichen dafür, daß man diesen ... internationalen Ausstellungen keinen hohen Rang in der Bewahrung und Bildung geschichtlichen Bewußtseins zugesprochen hat“[23]

Findet sich zu mit EXPOs assoziierten Themen wie Städtebau, Stadt- und Regionalentwicklung, Verkehrsplanung oder Architektur ein Großteil der Publikationen insgesamt, so ist der Literaturbestand speziell zum Thema Kulturkonzept der EXPO 2000 recht spärlich, Sekundärliteratur ist so gut wie überhaupt nicht vorhanden. Während der Literatur-Recherche zu dieser Arbeit fand sich keine gesonderte Publikation, die sich mit diesem Thema befaßt. Quellen erschließen sich aus der Literatur zu Weltausstellungen und der EXPO 2000 allgemein, jedoch unterliegen die meisten dieser Texte einer spezifischen Problematik, nämlich der der Polarisierung hinsichtlich „pro“ und „contra“ EXPO. Viele der verfügbaren Publikationen sind von Autoren, die entweder selbst auf der EXPO Verantwortung tragen oder der EXPO nahestehen, verfaßt oder herausgegeben. Die darin enthaltenen Informationen sind also nicht immer unbedingt sachlich-objektiver Art. Dies trifft zum Beispiel für Jörg Krichbaum zu, der von 1995 bis 1996 Bereichsleiter für Kunst und Kultur der EXPO 2000 war. Sein Buch „EXPO 2000. Weltausstellung in Hannover“ stellt einerseits mit seiner Fülle von Informationen eine wichtige Quelle dar. Auf der anderen Seite liest es sich, informativ und eloquent geschrieben, wie eine Werbebroschüre für die EXPO 2000. Ähnliches gilt für die Publikationen des schon mehrfach zitierten Dieter Eisfeld.

Dem gegenüber stehen die Publikationen der EXPO-Gegner, die ihre ablehnende Haltung gegenüber der EXPO überhaupt nicht zu kaschieren versuchen.

Einen objektiven Überblick über die EXPO zu gewinnen, gestaltet sich deshalb anhand der zur Verfügung stehenden Quellen schwierig.

Ein weiterer Punkt, der die Informationsrecherche erschwerte, ist die Tatsache, daß bei Anfragen Mitarbeiter der EXPO GmbH zwar bereitwillig offizielle Informationsschriften zur Verfügung stellten, sich bei der Herausgabe von Interna aber meist bedeckt gaben. Dies ist auch ein Grund für den eher dürftigen Informationsstand etwa zu den Beiträgen der Nationen oder zum Punkt Finanzierung. Der künstlerische Leiter des EXPO-Kultur und Ereignisprogramms, Tom Stromberg, stand überdies für ein Gespräch nicht zur Verfügung.

Dem kargen Bücherbestand steht eine schier unüberschaubare Nachrichtenschwemme zum Thema EXPO in diversen Tageszeitungen gegenüber. Dieser Umstand weist zugleich auf eine andere Schwierigkeit hin: Eine Tagesaktualität des Themas, die zur Folge hat, daß Zahlen und Fakten bereits in dem relativ kurzen Zeitraum (von einigen Wochen bis Monaten) zwischen Informationsrecherche und -auswertung für diese Arbeit überholt sein können. Dies gilt natürlich für die gesamte Literatur, vor allem die in diesem Kontext schon „historischen“ Publikationen der frühen 90er Jahre, als die EXPO-Planung noch in ihren Anfängen steckte.

Insbesondere das Kultur- und Ereignisprogramm hat im Detail noch „work in progress“-Charakter. Das EXPO-Kulturmanagement will in der Planung flexibel sein, um in der Präsentation von Künstlern - dies gilt vor allem im (Pop-) Musik- und Jugendkulturbereich - auf der Höhe der Zeit zu sein: Trends sind bekannterweise nicht sonderlich langlebig. „Das Programm, das man heute bucht, ist morgen das Programm von gestern“, schrieb 1995 dazu Heinz Thiel im HANNOVER Journal[24].

Insgesamt unterliegt die Thematik der Arbeit dem Problem, daß das zugrundeliegende Ereignis noch bevorsteht, weshalb mehr Literatur zum Thema erst in den Jahren nach 2000 zu erwarten sein wird.

2. Zur Morphologie von „Kultur“- eine Begriffsbestimmung

Bevor hier weiter die Rede von Kultur sein wird, ist es angezeigt, diesen ebenfalls abstrakten Begriff näher einzugrenzen.

2.1 Die zwei generellen Bedeutungsebenen von Kultur

Der Begriff „Kultur“ zerfällt zumeist grob in eine soziale und eine künstlerische Komponente oder Bedeutungsebene. Nach dem britischen Gründervater der modernen Kulturanthropologie, E. B. Tyler, ist Kultur „jenes komplexe Ganze, das Wissen, Glauben, Kunst, Moral, Recht, Sitte, Brauch und alle anderen Fähigkeiten umfaßt, die der Mensch als Mitglied einer Gesellschaft erworben hat.“[25]

Der Duden definiert Kultur in diesem Zusammenhang wie folgt:

I.) a) „die Gesamtheit der geistigen und künstlerischen Lebensäußerungen einer Gemeinschaft, eines Volkes;“

b) „Kulturvolk.“

II.) „feine Lebensart, Erziehung und Bildung.“[26]

Zu I.) gehören demnach sowohl gemeinschaftsstiftende Faktoren wie Normen und Werte, Religion, wie auch die spezifische Ausprägung einer Lebensweise. Von den „Kulturen“ im Sinne von Kulturvölkern (Ib) sprechen wir, wenn wir die aufgrund von Differenzen in Normen und Werten, Religion, Gesellschaftsform, Lebensraum und -umständen entwickelten unterschiedlichen Lebensmodelle der Völker der fünf Erdteile meinen oder uns schlicht auf ethnische Unterschiede beziehen. In die „Gesamtheit der geistigen und künstlerischen Lebensäußerungen“ fallen aber auch soziale Gesichtspunkte von Kultur, die Art und Weise, in der sich die kulturbestimmenden Faktoren vermischt haben und das tägliche soziale Miteinander bestimmen. In dieser Beziehung kam in der deutschen Kulturpolitik der 70er Jahre der Begriff der Soziokultur auf, der eine Einbeziehung solcher Faktoren auch in die künstlerische Seite der Kultur forderte und die Idee des Kollektivismus vorantrug: Kultur von allen für alle. Hierin konstituierte sich der sogenannte erweiterte Kulturbegriff. Erweitert insofern, als daß bis Ende der 60er Jahre die in II.) angeführten Aspekte „feine Lebensart, Erziehung und Bildung“ das Kulturleben bei uns bestimmten. Als Gegenpol zur Soziokultur stand gewissermaßen die klassische, die Hochkultur für die Mußestunden des Bildungsbürgertums. Von der Zivilisation als eigenes Wertreich abgegrenzt, werden hier unter Kultur die Schönen Künste verstanden: Musik, Theater, Tanz, Literatur und Bildende Kunst, jene künstlerischen Lebensäußerungen einer Gesellschaft.

Heute wird meist allgemein von „Kunst und Kultur“ gesprochen, wenn die künstlerische Komponente der Kultur gemeint ist. Das Kultur- und Ereignisprogramm der EXPO fällt etwa darunter.

2. 2 EXPO-bezogene Überlegungen:

2.2.1 Interkulturelle Ansätze

Der Rahmen einer Weltausstellung böte auch Ansatzpunkte für eine Auseinandersetzung mit den Teilen von Kultur, die nicht explizit unter „Kunst und Kultur“ fallen: Die EXPO etwa als mögliche Stätte interkultureller Begegnung, interkulturellen Austausches und interkulturellen Lernens. Diese Aspekte werden in den Kapiteln 3 und 6 aufgegriffen.

2.2.2 Differenzierung von „Kultur auf der EXPO“

Um die kulturelle Dimension der EXPO 2000 als ganzes zu erfassen, ist es mit der Betrachtung ihres Kultur- und Ereignisprogramms allein nicht getan. Vielmehr bedarf es der Beleuchtung des Themas von unterschiedlichen Ansätzen aus: Zum einen gibt es mit dem Kultur- und Ereignisprogramm sozusagen die inhärente Art von Kultur auf der EXPO 2000, in Form kultureller Veranstaltungen und Darbietungen auf dem EXPO-Gelände (und darüber hinaus in Stadt und Region Hannover): Schon hier gilt es zwischen kulturellem „Rahmenprogramm“, dem des Veranstalters, und der kaum zu überschauenden Kultur-Präsentation der einzelnen EXPO-Teilnehmer zu unterscheiden.

Auf der anderen Seite gibt es die eingangs angesprochene kulturelle „Makro-Ebene“ der EXPO, da eine Weltausstellung auch immer eine Begegnung (von Vertretern) verschiedener Kulturen bedeutet, auch wenn dies vor dem Hintergrund ökonomischer Interessen oft nicht bewußt wird, geschweige denn in den Vordergrund gerückt würde. Daneben wird eine solch großangelegte Ausstellung unweigerlich zur Mattscheibe herrschender Kulturverständnisse und -modelle. Dieser Aspekt soll abschließend im Resümee dieser Arbeit diskutiert werden.

2.2.3 Teilbereich Architektur

Auch die Architektur als Teildisziplin der Schönen Künste gehört zur „inhärenten“ Form von EXPO-Kultur, wobei den Pavillons der Nationen bzw. Konzernen sowie der EXPO-Siedlung primäre Bedeutung zukommt. Auch EXPO-bedingte bauliche Maßnahmen der Stadt Hannover, etwa Verschönerungsmaßnahmen, können unter diesem Punkt zusammengefaßt werden, allerdings eher in einem kausalen, denn direkten Zusammenhang. Dies soll vor allem der Vollständigkeit halber erwähnt werden, da Düwel beizupflichten ist, der im Hinblick auf die Nutzung der vorhandenen Messehallen als Pavillons darauf hinweist, daß Architektur im Gegensatz zu früheren EXPOs bei der EXPO 2000 keinen (kulturellen) Primärzweck mehr darstelle.[27]

Ein vom Gastgeber Deutschland oder der Stadt Hannover errichtetes architektonisches Wahrzeichen, wie Peter Koslowski es für die EXPO forderte, wird es in Hannover nicht geben.

Der „Pavillon der Hoffnung“ des CVJM, der die Form eines Walfischs imitiert, wurde allerdings im Nachhinein zum Wahrzeichen der EXPO erklärt.

Verantwortlich für den architektonischen Masterplan der EXPO 2000, d.h. derjenige, bei dem die Fäden aller Bau- und Planungsprozesse zusammenlaufen, ist der Frankfurter Architekt und Stadtplaner Albert Speer.

Interessant im Hinblick auf einen erweiterten Begriff von Kultur, der auch das menschliche Wohnen miteinbezieht, ist die Tatsache, daß es bei der EXPO-Siedlung ein ganzheitliches Planungskonzept gibt. Dieses weitet den Begriff der „Wohn-Kultur“ auf Aspekte wie Energie und Abfallentsorgung und den der Sozialarbeit aus, die in das Baukonzept integriert wurden.

Multikulturelle Gedanken fanden sich darüber hinaus in den Plänen des Geschäftsführers des hannoverschen Wohnungsunternehmens Gundlach, Peter Hansen, der am Bau der EXPO-Siedlung beteiligt ist:

„Neben der Mitwirkung am Quartier mit 1000 Wohnungen hannoverscher Unternehmen ist ein zweites Vorhaben geplant: das ‚Basar-Viertel‘, so der Arbeitstitel. Gundlach möchte dicht bei einer Stadtbahn-Station, wo Einkaufsmöglichkeiten entstehen, einen Basar nach orientalischem Vorbild im Charakter einer Markthalle im Blockinnenhof einer Wohnanlage bauen. Der entscheidende ‚Kick‘ ist, daß über den zugeordneten Läden Wohnungen in einem Zuschnitt gebaut werden sollen, der ausländischen Mitbürgern aus ihren Herkunftsländern vertraut ist. In diese Planung werden vor allem ausländische Architekten einbezogen.

‚Ich denke, wir müssen unseren ausländischen Mitbürgern ermöglichen, ihre Kultur in unserer Kultur hochzuhalten [und] sich nicht zwanghaft assimilieren zu müssen, um anerkannt zu werden‘, erläutert Peter Hansen dieses Projekt.“[28]

Die EXPO Grund Gesellschaft ist als eigenständige GmbH von der EXPO GmbH getrennt und verfolgt ihre eigenen Pläne und Konzepte. Sie und die EXPO-Siedlung bilden wiederum einen Themenbereich für sich, der hier nicht ausführlich behandelt werden kann und soll, um das Thema nicht unnötig auszudehnen. Die EXPO-Siedlung ist kein unmittelbarer Bestandteil der Weltausstellung. Sie entsteht als ökologische Vorzeige-Siedlung auf dem Kronsberg in unmittelbarer Nachbarschaft zum EXPO-Gelände als neuer Stadtteil und berührt - ungeachtet des erweiterten Kulturbegriffs – in erster Linie stadtplanerische und umwelttechnische, denn kulturwissenschaftliche Interessen.

2.2.4 Kultur-Bezug der EXPO 2000 Thementrias

Dem EXPO-Management geht es laut ihren Konzepten darum, eine Balance zwischen den drei Themen-Komponenten Mensch, Natur und Technik zu suchen:

„Erstes Ziel ist eine Weltausstellung, die die Technik in den Zusammenhang mit Mensch und Natur stellt und die einen Schritt weiterführt auf dem Weg zu mehr Harmonie zwischen diesen drei Bereichen.“[29]

Auf welchen der drei Begriffe des Mottos läßt sich die Kultur beziehen?

Zuallererst sicherlich auf den Begriff Mensch, da das Wort Kultur in unserem Sprachgebrauch immer Lebensweisen und -äußerungen des Menschen oder die Produkte der menschlichen künstlerischen Kreativität meint, also unweigerlich assoziativ mit dem Begriff Mensch verknüpft ist.

Sicher wird dem in Form von Kunstdarbietungen und ausgestellter Kultur als Ingredienzen einer jeden EXPO auch in Hannover Rechnung getragen - siehe Kultur- und Ereignisprogramm.

Zum anderen fand dies auch Eingang in andere EXPO-Bereiche, etwa das Ausstellungskonzept für den Themenpark, das sich dem Thema „Der Mensch“ widmet.

Auch die Technik läßt sich mit Kultur in Verbindung bringen - steht der Grad ihrer Beherrschung durch den Menschen doch gemeinhin als Maßstab für eine bewertende Hierarchie der Kulturen, denn Kulturen werden nach dem Entwicklungsstand ihrer Technik beurteilt. Die technisch wenig entwickelten sogenannten „Naturvölker“ werden demnach als „primitive Kulturen“ eingestuft, im Gegensatz zu den „Hochkulturen“, deren Kennzeichen die weite Entwicklung der Naturwissenschaften und damit des technischen Fortschritts sind. Für die Thematik der EXPO 2000 ergibt sich hier eine besondere inhaltliche Relevanz. Es ist sicher nicht von der Hand zu weisen, daß die technische Entwicklung seit dem Mittelalter vieles zu der heutigen globalen Situation beigetragen hat. Erfindungen wie Navigationsgeräte und schlagkräftigere Waffen machten die einstigen Kolonialmächte den Kolonisierten überlegen. Mit ihrer Hilfe oktroyierten sie den anderen ihre kulturellen Normen und Werte auf, radierten – wie im Fall der Maya in Mittelamerika oder diverser anderer Indianerstämme in Nordamerika – ganze Kulturen aus und legten den Grundstein für eine (Abhängigkeits-) Entwicklung, die bis heute anhält: Die Kategorisierung der Menschheit in „Erste“, „Zweite“ und „Dritte Welt“ und das Ungleichgewicht in der weltweiten Güterverteilung[30]. Die Darstellung dieser Problematik auf der EXPO 2000 läge also nicht nur aufgrund kulturwissenschaftlicher oder kulturpolitischer Gründe nahe, sondern auch aus inhaltlichen Gründen, will man tatsächlich zu den Herausforderungen der Gegenwart und den Perspektiven für die Zukunft Stellung beziehen.

Die Natur als Schlüsselbegriff für den ökologischen Schwerpunkt der EXPO 2000 spielt ebenfalls keine unwesentliche Rolle in Sachen Kultur. Technischer Fortschritt beinhaltet auch immer Naturbeherrschung, im Gegensatz etwa zu den „in Einklang mit der Natur lebenden“ (d.h. auch implizit: unmittelbar von ihr abhängigen) indigenen Völkern. Darüber hinaus ist das Bild von Natur von Kultur zu Kultur unterschiedlich. Wie gut die jeweilige Anpassung an die Natur gelingt, ist prägend, wenn nicht gar lebensbestimmend für eine Kultur, gerade im Hinblick auf die sogenannte „Zwei-Drittel-Welt“. In der westlichen Zivilisation wird Natur vielfach nur noch als „Umwelt“, zur Regeneration in sogenannten Naherholungsgebieten, oder bei besonderen Unbilden (Naturkatastrophen) wahrgenommen, wobei wir letztere meist nur noch aus den Medien kennen. In den ärmeren Ländern bedeuten Orkane, Dürre, Erdbeben, Überschwemmungen für die Menschen vielfach einen Kampf ums Überleben und bilden die Ursachen für die zunehmende Verstädterung mit ihren sozialen Problemen. Unter der thematischen Dialektik Weltausstellung und Natur könnten die angesprochenen Faktoren in vielerlei Art und Weise auf der EXPO 2000 Berücksichtigung finden. Dies insbesondere, da die sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländer zwei Drittel der Erdbevölkerung stellen und somit eine paritätische Repräsentation auf einer Weltausstellung angemessen wäre.

Dieser vielfältigen Verflechtungen der EXPO-Inhalte mit dem Thema Kultur waren sich auch die EXPO-Macher bewußt. Eine sinngemäße Aussage von EXPO-Generalkommissarin Birgit Breuel, der obersten Verantwortlichen für den Bereich Kultur, mag dies belegen:

Wir ziehen und zerren am bestehenden Netzwerk der Natur, an der Balance der Kulturen dieser Welt und am Gefüge der menschlichen gesellschaftlichen Beziehungen. Dazu gehört aber auch das Problem der Verdrängung ganzer Kulturen und gewachsener gesellschaftlicher Zusammenhänge durch die rasante technische Entwicklung. ... Mehr noch als bisher kommt es darauf an, die Vielschichtigkeit und die Mehrdimensionalität, jene unendliche Vernetzung der Einzelelemente Technik, Natur, Kultur und Gesellschaft zu erforschen, um die unbeabsichtigten Auswirkungen und Nebenwirkungen unseres Handelns auf Mensch und Natur zu minimieren.

Dabei gilt es zu erkennen, daß wir nur im gemeinsamen Dialog - grenzüberschreitend und interdisziplinär -, im Dialog der Völker und im Dialog zwischen Gesellschaften und Kulturen Lösungen für die Probleme der Welt erarbeiten können.“[31]

Die zahlreichen Referenzen an die Kultur aus der Zeit Anfang der 90er Jahre sind durchaus charakteristisch für die damalige Phase der Konzeptfindung der EXPO 2000. In dieser wurde ernsthaft an der Weltausstellung als einer Kultur-Veranstaltung im weiteren Sinne gearbeitet. Dies manifestiert sich unbestreitbar in jenen Schriften zu den Ideensymposien Anfang der 90er Jahre, die den Terminus „Weltausstellung neuen Typs“ mit greifbaren Inhalten füllen sollten – hier wäre vor allem die Evangelische Akademie Loccum zu nennen. Im anschließenden Kapitel soll jene Planungsphase im einzelnen betrachtet werden: Einer der Vordenker jener Zeit war Peter Düwel, dessen Konzeptentwurf nachfolgend vorgestellt wird.

Im übrigen sei angemerkt, daß das EXPO 2000 Motto noch eine Modifizierung erfuhr: Es lautet heute „Mensch – Natur – Technik: Eine neue Welt entsteht“.

3. Die EXPO 2000 als Kulturveranstaltung ?! - Prof. Dr. Peter Düwels Exposé

Der im Frühjahr 1999 verstorbene Prof. Dr. Peter Düwel war in der Vorlaufphase der EXPO-Planung, d.h. vor den Vertragsabschlüssen zwischen Bund, Land und EXPO GmbH, als Kulturbeauftragter des Landes Niedersachsen in Sachen EXPO 2000 tätig. Sein Exposé, das an dieser Stelle eingehend erläutert werden soll, trägt den Titel „Die Weltausstellung EXPO 2000 als Kulturveranstaltung ! ? – Ein Resümee meiner Tätigkeit als Kulturbeauftragter der Niedersächsischen Landesregierung in der Zeit vom September 1991 bis Juni 1994 “. Es bildet – wie eingangs bereits erwähnt – in seinem Anliegen, wichtige Ideen der frühen EXPO-Symposien sowie konkrete Vorschläge für Projekte und ein Kulturkonzept zusammenzutragen, einen wichtigen Teil des Fundamentes, auf dem die EXPO GmbH ihr Kulturprogramm errichtete.

Das soll nicht bedeuten, daß die damaligen wie heutigen Verantwortlichen allen Anregungen und Vorschlägen von Düwels Exposé gefolgt wären. Es ist jedoch wie kein anderes diesbezügliches Konzept repräsentativ geeignet, da Düwels Kulturverständnis sehr exemplarisch die Positionen der sogenannten Neuen Kulturpolitik der BRD Mitte der 70er Jahre widerspiegelt - mit Querverweisen etwa auf Hilmar Hoffmann, Oskar Negt[32] oder Robert Jungk.[33]

Die EXPO-Konzeption der niedersächsischen Landesregierung mit ihrer gesellschafts-politischen Emphase entspricht inhaltlich im wesentlichen diesen Positionen. Düwel stellt somit ein gutes „Barometer“ jener kulturpolitischen Gesinnung der EXPO 2000-Konzeptfindung dar. Darüber hinaus finden auch zum Teil vieldiskutierte Konzeptionsvorschläge anderer, z.B. des Religionsphilosophen Peter Koslowski, bei Düwel Erwähnung, selbst wenn er sie nicht unterstützt:

„Andererseits habe ich mich nicht legitimiert gesehen, unter den an mich herangetragenen oder anderweitig bekanntgewordenen Projektideen in der Weise auszuwählen, daß ich diejenigen, die ich unter dem Gesichtspunkt der EXPO-Relevanz für weniger geeignet halte, schlichtweg unerwähnt lasse. Denn dies liefe auf eine Präjudizierung der zuständigen Instanzen hinaus, die zu gegebener Zeit über Realisierung und Nichtrealisierung zu entscheiden haben.“[34]

Im Gegensatz zu Düwel pflegten die meisten anderen Ideengeber hauptsächlich ihren eigenen hypothetischen Blickwinkel darauf, was und wie die Weltausstellung EXPO 2000 zu sein habe. Dagegen schafft Düwel es, eine gewisse Objektivität zu bewahren. Wie es sich indes mit den Entscheidungen der „zuständigen Instanz“ oben angeführter Realisierung bzw. Nichtrealisierung verhält, wird Gegenstand von Kapitel 5 dieser Arbeit sein.

Düwel beruft sich sehr eindringlich auf die Proklamation eines neuen Weltausstellungstyps in bezug auf die EXPO 2000 und ihr Motto. Mit dem Hinweis auf die Abgrenzung zu den früheren Technik-Leistungsschauen und die Nachnutzungs-Garantie durch die Deutsche Messe AG als integralem Bestandteil der Konzeption stellt er fest, daß die Primärzwecke auf anderen, neuen Gebieten liegen müßten, da bisherige ökonomische und architektonische Notwendigkeiten weitestgehend wegfielen. Als Philosophie der EXPO gilt Düwel nach eigenem Bekunden[35] die Präambel des Generalvertrags zwischen öffentlicher Hand und der „Gesellschaft zur Vorbereitung und Durchführung der Weltausstellung EXPO 2000 in Hannover mbH“ – kurz: EXPO-Gesellschaft oder -GmbH.

Dort heißt es: „Kunst und Kultur, Kreativität und Unterhaltung müssen als komplementäre Aktionsfelder zu Natur und Technik bei der inhaltlichen Gestaltung der Weltausstellung einen angemessenen Platz finden.“[36]

Und etwas weiter unten wird dort der Bereich „Bildung und Kultur“ als eins der sechs Leitthemen der EXPO 2000 benannt, neben Gesundheit und Ernährung, Wohnen und Arbeiten, Umwelt und Entwicklung, Kommunikation und Information, Freizeit und Mobilität.

3.1 Kerngedanken:

3.1.1 Die EXPO als Stätte kultureller Bildung – zu Düwels Kulturverständnis

Heinrichs und Klein bemerken in ihren Ausführungen zum Kulturbegriff: „Die Vorstellung davon, was denn Kultur überhaupt sei, bestimmt ganz wesentlich das auf diesen Vorstellungen aufbauende Kulturkonzept und daraus resultierend die entsprechende ... Kulturpraxis“[37]. So bezieht sich Düwel zur Illustration seines Kulturverständnisses auf den durch Hilmar Hoffmann geprägten erweiterten Kulturbegriff:

„Der Kulturbegriff umfaßt neben den Künsten auch das gesamte zivilisatorische Leben, d.h. auch Produktions- und Warenwelt, sowie Konsum und Kommunikation. Deshalb darf ein Kulturkonzept nicht neben der sonstigen WA [Abkürzung für „Weltausstellung“, Anm. d. Verf.] -Konzeption stehen, sondern muß sie einschließen. ... Kultur als Lebensqualität und Kunst darf nicht als Anhängsel erscheinen, sondern muß in allen Ausstellungsfeldern zur zentralen Frage werden.“[38]

In diesem Sinne forderte oder wünschte sich Düwel die Kultur als Strukturprinzip für die EXPO 2000, das dazu führen soll, „daß die Bearbeitung dieser Themen von der Kulturpolitik kontinuierlich und konstruktiv begleitet wird“, wenngleich „die Megathemen der EXPO 2000 (z.B. Energieeinsparung, Verkehr, Entsorgung) auf anderen Feldern liegen“, wie er einräumt[39].

Dies ist die wesentliche inhaltliche bzw. gedankliche Prämisse, die sich als roter Faden durch Düwels gesamtes Exposé zieht. Hinsichtlich der Rolle von Kunst und Kultur in der EXPO ergeben sich für Düwel zwei Funktionen: Neben dem Animatorischen, dem attraktiven Rahmen, nämlich die der kritischen Komponente von Kunst in der Bewußtmachung und Reflexion des Zustands unserer Welt.

Werner Hofmann thematisiert in seiner Projektskizze „Bilanz der Moderne“, die ebenfalls bei Düwel Erwähnung findet, den wichtigen Aspekt, „sowohl die zu den Weltausstellungen zugelassene offiziell-repräsentative Kunst wie die ausgegrenzte zu zeigen“.[40]

In seinem Bestreben, Sichtweisen in einen neuen, nichtkonventionellen Bewertungszusammenhang zu setzen, bezeichnet Düwel den vielbeschworenen „neuen Typus“ einer Weltausstellung als Chance, eine solche Ausstellung als Kulturveranstaltung bzw. als ein Vehikel zur Auslösung von Denk- und Handlungsanstößen auf den Weg zu bringen:

„Die Weltausstellung ist insgesamt ein Kulturvorhaben. Dies gilt insbesondere bei einer Weltausstellung neuen Zuschnitts, die nicht in der Präsentation technischen Fortschritts zentriert, sondern darauf ausgerichtet ist, Mensch, Natur und Technik in der Weise miteinander in Einklang zu bringen, daß das menschliche Leben dieser und künftiger Generationen gesichert und qualifiziert wird.“[41]

Hinsichtlich der Frage, ob gerade eine Weltausstellung das richtige Instrument zu solchen Zwecken sei, kommt Düwel in Abwägung des Für und Wider zu einem positiven Ergebnis. Das „Wider“ besteht in dem Vorwurf, daß die EXPOs schon sehr bald nach ihrer Entstehung als Mittel der Kommunikation angesichts der dort ausgestellten Technologien ins Hintertreffen gerieten. Daß zudem eine kritische EXPO mit ökologischer Ausrichtung in letzter Konsequenz sich selbst in Frage stellt, führte Hannovers Umweltdezernent Hans Mönninghoff sehr treffend aus:

„Nun kann man mit Recht ... die Schlußfolgerung ziehen, daß EXPO’s vollständig abgeschafft werden sollten. Alternativ könnten die gewaltigen Kommunikationsmittel des Jahres 2000 dazu genutzt werden, dezentral entwickelte Beispiele für eine positive Gestaltung der Welt im 21. Jahrhundert in Wort und Bild zusammenzuschalten, statt Menschenmassen mit erheblicher Energieverschwendung über große Entfernungen aus aller Welt nach Hannover zu schaffen. ... Über Satelliten und mehrdimensionale Medienräume könnten weltweit viel mehr Menschen an diesem Ereignis teilhaben als bei einer extrem zentralisierten EXPO, die allen ökologischen Systemen diametral entgegensteht.“[42]

Auch Düwel war sich dieser Problematik bewußt. Einer „EXPO im Fernsehen“ (oder im Internet) hält er jedoch entgegen, daß trotz der in den letzten Jahren sich dynamisch weiterentwickelnden Möglichkeiten - durch Digitalisierung und Vernetzung - die „Eindringlichkeit eines kompakten Gemeinschaftsereignisses“[43] durch kein Medium ersetzbar sei. Die tägliche Informationsflut erreiche uns in der Routine des Alltags gar nicht mehr oder bestenfalls peripher.

„Anders dann,“ argumentiert er, „wenn wir uns entschließen, ein paar Tage unseres Lebens ... ausdrücklich und ungeschmälert darauf zu verwenden, uns mit Hilfe eines Angebotes, das genau zu diesem Zwecke vorbereitet ist, den Standort und die Perspektive der Menschheitsentwicklung zu vergegenwärtigen“[44].

Im gleichen Zug formuliert er auch, was seiner Meinung nach den Menschen bewegen sollte, diese EXPO in Hannover aufzusuchen: Die Bereitschaft, „gemeinsam mit anderen nach dem zu suchen, was die eigene Position und den eigenen Beitrag ausmachen könnte, und dabei auch zu lernen, was von den anderen erwartet werden kann und was nicht“[45]. Eine Weltausstellung neuen Typs lebt folglich nicht durch die Konzeption und Vorbereitung allein, sondern auch durch die Bereitschaft möglichst vieler Menschen, dies individuell mitzutragen: auch ein „Besucher neuen Typs“ gewissermaßen, für den „der Besuch eine Tiefendimension des Erkennens und Fühlens erreicht, die zu einer bleibenden Bewußtseinsänderung führt“[46].

Düwel spricht von einer „Verbindung von Entfachlichung und Versinnlichung“[47] als Aufgabe der Inszenierenden – im Hinblick auf die adressatengerechte Aufbereitung der Megathemen, die der Weltausstellung, so Düwel, mit ihrer Möglichkeit der unmittelbaren Konfrontation des Individuums einen Wirkungsvorteil gegenüber anderen Medien verschafften.

„Kulturelle Bildung“, schreibt die Akademie Remscheid, „zeichnet sich durch sinnliche Erfahrung und spielerischen Erlebnisreichtum aus. Dadurch ist sie geeignet, neben den intellektuellen und künstlerischen Fähigkeiten eines Menschen auch seine sozialen und emotionalen Qualitäten auszubilden.“[48]

Die „Sinnlichkeit“ unterstreicht auch die EXPO GmbH als Determinante ihrer Didaktik, z.B. in einer Werbebroschüre:

„Sehen, hören, fühlen, riechen und schmecken Sie das 21. Jahrhundert. ... Die EXPO 2000 ist auch eine Reise nach innen. Durch ihr Gehirn und ihr Herz. Durch Gedanken, Gefühle und sinnliche Sensationen.“[49]

Daß die EXPO GmbH auf einen regen Besucherzustrom hofft, ja sogar angewiesen ist, steht außer Frage. Den Veranstaltern geht es im Gegensatz zu Düwels bildungspolitischem Anspruch aber eher um sinnliche Erfahrungen simplerer Art. Es ist wohl weniger im Sinne der kulturellen Bildung gemeint, wenn bei der EXPO von einer Reise mit den Sinnen die Rede ist. So wird es dort etwa einige (wenige) Massagestühle für Besucher geben oder – wie ihre Kritiker es zynisch formulieren – „Gen-Food zum Knabbern“[50], um nur zwei Beispiele zu nennen.

Düwel stellt dem Kritikpunkt des erhöhten Ressourcenbedarfs durch das Großereignis EXPO einen langfristig „heilsam“ wirkenden Multiplikatoreneffekt sozusagen als Wiedergutmachung gegenüber. Zugleich regt er an, daß es bei der EXPO neuen Zuschnitts nicht allein darum gehen könne, ökologische Innovationen lediglich in den Ausstellungshallen als Exponate zu zeigen, sondern diese auch in und um Hannover quasi als Anschauungsobjekte praktisch umzusetzen.

„Anschauliches Beispiel: Der Eindruck eines autofreien Stadtzentrums, in dem der Verkehr durch eine Kombination von S-Bahn, U-Bahn, Straßenbahn und abgasfreien Taxen sowie ein großzügiges Radwegenetz gewährleistet wird, ist zweifellos wirksamer als jede noch so eingehende Information und Präsentation in den Ausstellungshallen.“[51]

3.2 Die Einbindung von Stadt und Region Hannover in die EXPO

Als einen weiteren Kernpunkt der Ausgestaltung des „neuen Typs“ EXPO fordert Düwel das Gestaltungsprinzip Stadt und Region als Exponat.[52] Seine Sichtweise als Mitarbeiter der niedersächsischen Staatskanzlei ist mitbestimmt von kommunalpolitischen Gesichtspunkten, wenn er auf die latente Gefahr der ausschließlichen (örtlichen) Focussierung auf das - überdies vor den Toren der Stadt liegende - EXPO-Gelände aufmerksam macht:

Hannover und sein Umland sollen aber vor allem nicht nur der Austragungsort einer Veranstaltung der Bundesrepublik Deutschland sein, der als Hintergrund-Kulisse der Weltausstellung quasi austauschbar wäre. Laut Düwel bestand 1992 noch „Einigkeit darüber, daß sich die Landeshauptstadt Hannover selbst als Ausstellungsgegenstand präsentieren soll“[53].

Der Terminus Stadt und Region als Exponat wurde bis zur Umbenennung in Dezentrale beziehungsweise Weltweite Projekte auch in der EXPO-Konzeption benutzt. Jene gibt Düwel inhaltliche Rückendeckung, als da nachzulesen ist:

„Kunst und Kultur sind unverzichtbare Bestandteile eines zukünftig noch mehr von Freizeit geprägten Lebens. Will man sie in ihrer wirklichen Bedeutung erfassen, so darf man sie nicht nur in einem abgegrenzten Ausstellungsgelände isoliert darstellen, sondern muß sie auch dort ansiedeln und aufsuchen, wo sie hingehören – in die Lebenswelt der Stadt und der Region.“[54]

Auch andere EXPO-Brainstormer plädierten für eine örtliche Streuung der EXPO an adäquate Stellen in oder um Hannover. Geiling und Herrmann machten einen sehr anschaulichen Vorschlag, wie eine konkrete Einbindung Hannovers als Exponat aussehen könnte:

„Wenn also die Expo zu nachhaltigen Verbesserungen städtischer Lebensqualitäten verhelfen soll und nicht nur der Messe AG zu einem über die Jahrtausendwende konkurrenzfähigen Messegelände, darf nicht allein der auf internationalen Wettbewerb ausgerichtete Teil der Stadt (Flughafen, Messe, Kongreßzentrum, aufwendige Kultureinrichtungen) im Vordergrund der Planungen stehen. Stattdessen stelle man sich etwa vor, daß die Nationenpavillons oder wenigstens die Zentren für kulturelle Veranstaltungen nicht nur am Rande des Messegeländes bzw. auf dem Kronsberg konzentriert werden. Dann könnte sich beispielsweise der Pavillon der Türkei in dem Stadtteil mit dem höchsten Ausländer- bzw. Türken-Anteil an der Wohnbevölkerung befinden (im Falle Hannovers wäre dies im südlichen Linden). Nach Beendigung einer EXPO könnte dieser Pavillon zu einem (bisher noch fehlenden) Kommunikations- und Veranstaltungszentrum für die ausländische Bevölkerung in Hannover umfunktioniert werden.“[55]

Nachdem Anfang der neunziger Jahre Schritte in Richtung einer lokal dezentralisierten Weltausstellung gemacht wurden, beschränkte man sich allerdings von seiten der EXPO-Gesellschaft aus Mittelknappheit doch auf das Terrain auf dem Kronsberg. Zwar gibt es eine kulturelle Kooperation mit der Stadt Hannover. Sie betrifft jedoch in erster Linie jene „aufwendigen Kultureinrichtungen“ (s.o.) Hannovers, allen voran Sprengel-Museum, Kestner-Gesellschaft, Kunstverein und Wilhelm-Busch-Museum.

„In Hannover werden die städtischen und regionalen Institutionen von der Weltausstellung gefordert, und sie werden zugleich eingebunden, ohne daß sie in organisatorischer [oder finanzieller, Anm. d. Verf.] Weise Teil des Konzeptes oder der Veranstaltung sind“, faßt Thiel[56] den Sachverhalt lakonisch zusammen: Er spricht von „den“ städtischen und regionalen Institutionen, richtiger hieße es aber „einige“. Von einer tiefgreifenden kooperativen Verflechtung mit der „Hannover-Kultur“, wie Düwel sich dies vorstellte, kann man hierbei nicht sprechen.

Thiel plädiert unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit, den sich die EXPO 2000 inhaltlich zu eigen gemacht hat, auch hier auf die Nutzung bzw. den Ausbau der bereits vorhandenen kulturellen Infrastruktur.

„Wie andere vergleichbare Städte hat auch Hannover seine Highlights, für Besuche ebenso anziehend wie für Einwohner“[57], konstatiert Düwel, der als ortsansässiger Kulturpolitiker zugleich über umfassende Kenntnisse der lokalen und regionalen Kultur verfügte, und zitiert im folgenden das Strategiepapier der Kulturoffensive Hannover ´92:

„ ... die spezifische Qualität dieser Stadt liegt nicht in ihren Highlights, sondern in der Fülle der verschiedensten Kulturangebote ... .“[58]

„Kennzeichnend hierfür ist das Nebeneinander und Miteinander von Hochkultur und Alltagskultur, von E-Musik und U-Musik, von Kultur und Natur, von Bürgersinn und Internationalität, von Geschichte und Gegenwart,“ führt er weiterhin aus und appelliert, „diese Hannover-Kultur ... zu aktivieren und – möglichst in Konkordanz mit den oben genannten Leitthemen der EXPO 2000 – weiterzuentwickeln“.[59]

Die EXPO solle also nicht eine Art „Zusatz-Kultur“ oder gar einen kulturellen Fremdkörper in der Stadt schaffen. Sie solle auch nicht primär die städtischen Institutionen fordern, sondern sich - im Sinne des EXPO-Slogans nachhaltiger Entwicklung - in die kulturellen Gegebenheiten der Stadt einfügen und diese ergänzen. Eine seiner Hauptanregungen war deshalb, zwecks Nutzung der (touristischen) Attraktivität der Herrenhäuser Gärten, die Errichtung eines Konzertgebäudes auf dem ehemaligen Gelände des im Krieg zerstörten Herrenhäuser Schlosses, um die Konzerterwartungen interessierter Besucher erfüllen zu können:

„Es empfiehlt sich, mit einem solchen Konzertgebäude – anders, als dies etwa in Sevilla geschehen ist – nicht auf das EXPO-Gelände zu gehen, sondern einen Platz in der Stadt in Anspruch zu nehmen, in dem das Konzertleben mit einem kulturgeprägten Umfeld eine Symbiose eingehen kann. Dies gilt umso mehr, als Hannover – ganz unabhängig von der EXPO – eine solche Konzerthalle benötigt und mit einer ganzjährigen Nutzung ausfüllen kann.“[60]

Es bedeutete zwangsläufig sozialen Brennstoff, etwas „aus dem Boden gestampftes“ wie eine EXPO auf gewachsene (kulturelle) Strukturen aufzupflanzen – zumal zwischen der Kultur Hannovers und dem internationalem Niveau, das die EXPO aufzubieten als Aufgabe ansieht, auf weiter Ebene eine Lücke klafft. Düwel empfiehlt in Anbetracht dessen einen Weg des „sowohl, als auch“, der sinnvoll erscheint. „Sowohl, als auch“ soll heißen, daß Düwel vorschwebte, die EXPO-Kulturaktivitäten auf das EXPO-Gelände zum einen und zum anderen auf die Stadt Hannover und deren Region zu verteilen. Er gliedert deshalb Kultur inhaltlich auf in die Kapitel „Kultur auf dem EXPO-Gelände“ und „Kultur in Hannover“ bzw. „Kultur in Niedersachsen“.

Die EXPO-Gesellschaft ist dieser Anregung nicht gefolgt. Ein Blick auf den zehnköpfigen Aufsichtsrat der EXPO GmbH zeigt überdies, daß Stadt, Landkreis und Großraum Hannover einzig durch die Person des Oberbürgermeisters Schmalstieg vertreten sind. Dies läßt eher den Schluß zu, daß dort primär andere Interessen durchgesetzt werden als die Hannovers und der Hannoveraner.

So empfinden viele lokale Kulturanbieter Hannovers die EXPO eher als Konkurrenz denn als Ergänzung, da sie selbst im EXPO-Konzept nicht berücksichtigt sind. Die Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultureller Zentren (LAGS), die sich 1994 noch

dem Thema EXPO stellen und daran partizipieren wollte, hat sich mittlerweile davon zurückgezogen. Hannovers soziokulturelle Zentren wie der „Pavillon“ konzentrieren sich weiterhin darauf, ihre angestammte Zielgruppe zu bedienen – und werden die EXPO an sich vorbeiziehen lassen (s. unten, 3.2.2). Allenfalls die Etablierten innerhalb der (Hoch-) Kulturlandschaft Hannovers schaffen noch den Anschluß an die EXPO. Diese könnte dann zum Fremdkörper in Hannover, zu einem Trabanten, einem Tummelplatz für „EXPO-Touristen“ – ähnlich den alljährlichen Messebesuchern – werden und stünde damit im unübersehbaren Gegensatz zu dem, was Düwel fordert: „Die Frage, was Hannover und den Hannoveranern/innen gut tut, sollte ... zwar nicht die Ideensuche leiten, wohl aber stets als Kontrollkriterium zur Hand sein.“[61]

3.2.1 Konzept eines kulturorientierten Tourismus in Niedersachsen zur EXPO 2000

Einem EXPO-Areal als touristischem Exclusiv-Ziel entgegenzuwirken, galt Düwel als ein Hauptanliegen der von ihm angestrebten Integration der EXPO in Stadt und Region. Er bezieht sich hierbei auf die Merkmale des „sanften Tourismus“ – „eine erlebnis- und erholungsorientierte Freizeitgestaltung, die sich der Schonung von Natur und Landschaft sowie der Lebenswelt der Ortsansässigen verpflichtet fühlt“[62], die für Niedersachsen als Tourismusregion ohnehin gelten.

So schlug Düwel eine Bestandsaufnahme und Verknüpfung regionaler Kulturangebote in Niedersachsen zu einem überregionalen touristischen Kulturpfad vor. Er führte in diesem Rahmen im Sommersemester 1994 an der Universität Hildesheim ein Projekt mit Studierenden durch, um die Vorarbeit, d.h. Entwicklung von Kulturprofilen einzelner Regionen, zu leisten.

Zugleich regte er die Gründung einer zentralen Koordinierungsinstanz an und wies dabei auf die Notwendigkeit hin, daß „die regionalen Kulturangebote zu einem inhaltlich überzeugenden und werblich wirksamen Gesamtprofil Niedersachsens verbunden und in dieser Verbindung dargestellt werden“ müßten,[63]

1.) es bei der Auswahl, Gestaltung und Förderung dezentraler EXPO-Projekte im Kulturbereich eines Zusammenwirkens zwischen EXPO und dem Land Niedersachsen bedürfe,

2.) überregionale Mittel entsprechend eingeworben und verteilt werden müßten.

Den Punkt „Tourismus“ und Düwels Vorarbeiten und Vorschläge hat man innerhalb der EXPO GmbH offensichtlich über lange Zeit vernachlässigt. Die Tourismusbranche beklagte in der Vergangenheit mangelnde Professionalität bei der Vermarktung und das Ausbleiben von Informationsmaterial für Reiseveranstalter seitens der EXPO.[64]

3.2.2 Soziokultur

Düwels Wunsch nach einem lebensqualifizierenden Effekt der Kultur im Miteinander von Hochkultur und Alltagskultur entspricht im besonderen der schon erwähnte Bereich der Soziokultur.

„ ... untrennbarer Bestandteil eines solchen [durch Kultur qualifizierten, Anm. d. Verf.] ‚neuen Lebens‘ sind Kunst und Kultur.“[65] Hinsichtlich ihrer Funktion für die Entwicklung unserer Gesellschaft dürfe man sie nicht in einem externen Gelände präsentieren, zitiert er die Argumente der Niedersächsischen Landesregierung für „Stadt und Region als Exponat“ (s.o.) und konstatiert:

„Für die Projekte und Institutionen der Soziokultur ist dies mit den Händen zu greifen. Geht es z.B. darum, verbesserte Möglichkeiten für das fruchtbare Miteinander in einer multikulturellen Gesellschaft zu finden und darzustellen, so kann dies nicht allein auf den Stellwänden der Ausstellungshallen oder in flüchtigen EXPO-Kongressen geschehen, sondern muß in seinem Funktionieren (oder auch Nichtfunktionieren) ‚vor Ort‘ demonstriert werden. Entsprechendes gilt ... auch für Veranstaltungen der sog. Hochkultur“.[66]

Er forderte - wie Geiling und Herrmann weiter oben - von der EXPO als tätigem „Bekenntnis zur multikulturellen Gesellschaft“[67] konkret den Bau von Begegnungsstätten für ausländische Mitbürger.

Die (politische) Frage der multikulturellen Gesellschaft, ein Kernpunkt soziokultureller Arbeit, wurde von der EXPO GmbH im Sinne der an sie herangetragenen Vorschläge jedoch inhaltlich nicht weiter thematisiert – weder auf Stellwänden, noch in konkreten Projekten.

Hannovers soziokulturelle Einrichtungen waren der EXPO gegenüber von Anfang an kritisch eingestellt. Nach anfänglichen zaghaften „Annäherungsversuchen“ seitens der Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultureller Zentren (LAGS, vgl. Düwels Anlage 7 zum Resümee) ist heute ein offensichtliches Mißverhältnis zwischen Soziokultur und EXPO festzustellen, das durch ein Nebeneinander statt Miteinander charakterisiert ist.

Ein Beispiel: Das in Hannover seit langem anerkannte Kultur- und Kommunikationszentrum „Pavillon“ richtet alljährlich im Sommer das gutbesuchte Weltmusikfestival „Masala“ mit Künstlern von internationalem Renommee aus. Parallel dazu wird auf der EXPO vom 14. bis zum 16. Juli 2000 ebenfalls ein Weltmusikfestival stattfinden: Eine Doppelbesetzung in Sachen Weltmusik, ohne eine vorherige gegenseitige Abstimmung. Es mag auch ein Indiz dafür sein, daß sich die EXPO-Planer mit Hannovers Kultur im Grunde nicht eingehend beschäftigt haben.

Ein anderes Beispiel: Statt urbane Subkulturen aus Hannover aufzuspüren und zu integrieren – zu denken wäre an die mannigfaltigen ausländischen „Communities“, von denen viele auch in Hannover anzutreffen sind, werden Vertreter solcher Kulturen aus London, New York, Trinidad oder Kingston nach Hannover eingeflogen.

Die gesamte Bandbreite des Themas Soziokultur - besonders im hannover-spezifischen Kontext - spielt in der heutigen Gestalt und Konzeption der EXPO keine erwähnenswerte Rolle mehr. Dies dürfte in erster Linie mit einer Einengung des Düwel’schen Kulturbegriffes zusammenhängen: Kultur wird von der EXPO GmbH weitestgehend begrifflich mit „Kunst und Kultur“ in Übereinstimmung gebracht. Düwels lebens- bzw. gesellschaftsqualifizierende Dimensionen der Kultur werden somit weitgehend ausgeklammert. In Zusammenhang mit einer Änderung der konzeptionellen Stoßrichtung von einer „ökologischen EXPO“ hin zu einer Wirtschaftsschau (vgl. unten 4.1 ), die mit einer entsprechenden politischen Färbung einhergeht, rückten soziokulturelle Zentren wie der „Pavillon“ von einer Zusammenarbeit mit der EXPO ab.[68]

Die Positionen von Hannovers Vertretern der Soziokultur sind schon innerhalb der einzelnen Institutionen sehr unterschiedlich. Nicht alles mit der „EXPO-Etikette“ wird kategorisch abgelehnt oder ignoriert, sondern mit einem gewissen gelassenen Pragmatismus gesehen: Trotz einer grundsätzlich kritischen Distanz zur EXPO behalten sie sich vor, Aspekte, sofern sie für sie von Belang sind, für sich aufzugreifen.

[...]


[1] Breuel, B. in: Reichardt, H. (Hg.): West-Ost-Symposium, Mensch – Natur – Technik, 1990, S. 24

[2] Benjamin, W.: Das Passagenwerk, 1982, S. 50

[3] Niedersächsische Landesregierung (Hg.): EXPO 2000 – Die Konzeption, “Mensch - Natur - Technik”, 1992, S.7f

[4] Eisfeld, D.: Commedia dell´Expo, 1992, S. 65

[5] Eisfeld, D.: Commedia dell´Expo, 1992, S. 106

[6] Koslowski, P: Die Kulturen der Welt als Experimente richtigen Lebens, 1990, S. 12

[7] zit. n.: alaska, Zeitschrift der entwicklungspolitischen und internationalistischen Aktionsgruppen in der BRD, Nr. 224, Februar 1999, S. 23.

[8] vgl. Niedersächsische Landesregierung (Hg.): EXPO 2000 – Die Konzeption, 1992, S.8

[9] Niedersächsische Landesregierung (Hg.), a.a.O., S. 15

[10] Krichbaum, J.: Expo 2000. Weltausstellung in Hannover, 1997, S. 142

[11] Kohoutek, R. u. Pirhofer, G.: Kulturakzent, in: IWS (Hg.): Offene Herausforderung. Weltfachausstellung ´95 Wien Budapest, o.J., S. 84

[12] Kretschmer, W.: „Zukunft“ wurde zum zentralen Thema der universellen Show. Handelsblatt, 19.10. 1999, S. B 3

[13] Anti-EXPO-Bündnis „Tipp-Ex“ (Hg.): Anti-EXPO Reader Teil 1, 1999, S. 9

[14] zit. n.: EXPO Watch Büro (Hg.): Welche Welt wird ausgestellt?, 2000, S. 3

[15] in: Alles im Griff – Expo 2000 und Nachhaltige Entwicklung. Film-Projekt am FB Landespflege, Uni Hannover, 1998

[16] Eisfeld, D. (1992), S. 45

[17] Eisfeld, D. (1992), S. 45

[18] Krichbaum, J. (1997), S. 217

[19] Benjamin, W. (1982), S. 50

[20] Benjamin, W. (1982), S. 50f

[21] vgl. Bürgerinitiative Umweltschutz (BIU) e.V. (Hg.): BIU Umwelt Depesche. EXPO 2000, Sprüche und Widersprüche, 1998, S. 22

[22] vgl. EXPO 2000 Hannover GmbH (Hg.): EXPO magazin Nr. 3, 1999, S. 7

[23] Negt, O.: Weltausstellung 2000: Industriemesse oder ein „Haus Salomonis“?, in: Brandt, A.: Das Expo-Projekt, 1991, S. 35

[24] Thiel, H.: Weltfestival für Kunst und Kultur, in: Winkel-Kirch, A. (Hg.): Expo 2000 Hannover, 1995. S. 48

[25] Heinrichs, W. u. Klein, A.: Kulturmanagement von A – Z, 1996, S. 134

[26] Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG: Duden Fremdwörterbuch, 1990, S. 440

[27] Düwel, P.: Die EXPO 2000 als Kulturveranstaltung ? !, 1994, S. 6

[28] Thiel, H.: Weltfestival für Kunst und Kultur, in: Winkel-Kirch, A. (Hg.): Expo 2000 Hannover, 1995, S. 26

[29] Breuel, B. in: Reichardt, H. (Hg.): West-Ost-Symposium, Mensch – Natur – Technik, 1990 , S. 24

[30] vgl. Koslowski, P. (1990), Kap. 1

[31] Breuel, B. in: Reichardt, H. (Hg.): West-Ost-Symposium, Mensch – Natur – Technik, 1990, S. 25

[32] Negt ging so weit zu fordern, „den Hochleistungsprodukten das Liegengebliebene, Unentwickelte, Verelendete unmittelbar zu konfrontieren ... . Einer konkreten Darstellung des technischen Fortschritts durch seine Produkte muß eine konkrete Darstellung des Elends entsprechen“ ( Negt, O. in: Brandt, A. [Hg]: Das Expo-Projekt,1991, S. 31).

[33] Jungk plädiert nachdrücklich und unter Berufung auf Negt – und im übrigen wie Eisfeld – für eine dialektische Weltausstellung, „welche [auch] die Verwerfungen der menschlichen Existenzweise, namenlose Verbrechen verknüpft mit grandiosem technischem und wissenschaftlichen Erfindungsgeist, Ausbeutung der Natur bis zur Bedrohung der eigenen Existenzgrundlagen ... ins Bild setzt“ (vgl. Düwel, P. [1994], S. 3).

[34] Düwel, P. (1994), S. 1

[35] vgl. Düwel, P. (1994), S.7

[36] Landeshauptstadt Hannover (Hg.): Präambel des Vertragswerks zur Weltausstellung EXPO 2000. Beschlußdrucksache Nr. 333/94, 1994, S. 3

[37] Heinrichs, W. u. Klein, A. (1996) , S. 133

[38] Düwel, P. (1994), S. 13

[39] Düwel, P. (1994), S. 13

[40] Hofmann, W.: Bilanz der Moderne. Allgemeine Überlegungen und Strukturskizze für eine Ausstellung im Rahmen der EXPO 2000 Hannover, 1992, S. 7

[41] Düwel, P. (1994), S. 13

[42] Mönninghoff, H.: Betonrausch oder eine EXPO neuen Typs mit Ökologieschwerpunkt?, in: Brandt, A. (Hg.): Das EXPO-Projekt, 1991, S. 79

[43] Düwel, P. (1994), S. 8

[44] Düwel, P. (1994), S. 8

[45] Ebd.

[46] Düwel, P. (1994), S. 10

[47] Ebd.

[48] Akademie Remscheid (Hg.): Programm 2000, 1999, S. 16

[49] EXPO GmbH (Hg.): Gehen Sie auf Weltreise in die Zukunft, 1999

[50] Bürgerinititative Umweltschutz e.V. (1998), S. 23

[51] Düwel, P. (1994), S. 12

[52] Düwel, P. (1994), S. 39

[53] Düwel, P. (1994), S. 28

[54] Niedersächsische Landesregierung (Hg.): Expo 2000 – Die Konzeption, 1992, S. 20

[55] Geiling, H. und Hermann, Th.: Epochenwechsel, in: Brandt, A.: Das Expo-Projekt, 1991, S. 193

[56] Thiel, H.: Weltfestival für Kunst und Kultur, in: Winkel-Kirch, A. (Hg.): Expo 2000 Hannover, 1995, S. 48

[57] Düwel, P. (1994), S. 27

[58] Ebd.

[59] Ebd.

[60] Düwel, P., Anlage 6 zum Resümee, 1994, S. I

[61] Düwel, P. (1994), S. 27

[62] Düwel, P. (1994), S. 42

[63] Düwel, P. (1994), S. 50

[64] Baer-Bogenschütz, D.: Fest der Superlative? Kunstzeitung, Nr. 35 / Juli 1999, S. 2

[65] Düwel, P. (1994), S. 15

[66] Ebd.

[67] Düwel, P. (1994), S. 36

[68] Pavillon-Mitarbeiterin Hanne Bangert am 29.11. 1999 im Pavillon Hannover in einem Gespräch mit dem Verfasser

Ende der Leseprobe aus 135 Seiten

Details

Titel
Olympiade der Unterhaltung? - Das Kulturkonzept der Weltausstellung 'neuen Typs' EXPO 2000 Hannover
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Note
0
Autor
Jahr
2000
Seiten
135
Katalognummer
V185498
ISBN (eBook)
9783656980209
ISBN (Buch)
9783867463874
Dateigröße
1592 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
olympiade, unterhaltung, kulturkonzept, weltausstellung, typs, expo, hannover
Arbeit zitieren
Cord Radke (Autor), 2000, Olympiade der Unterhaltung? - Das Kulturkonzept der Weltausstellung 'neuen Typs' EXPO 2000 Hannover, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/185498

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