Die Fragestellung, die in dieser Arbeit untersucht werden soll, ergab sich aus der sozialwissenschaftlichen Diskussion um wachsende soziale Gegensätze in unserer Gesellschaft. Zum Ausdruck kommt diese Diskussion etwa im Begriff der Zwei-Drittel-Gesellschaft, womit gemeint ist, daß zwei Drittel der Bevölkerung über einen geregelten Zugang zu Ressourcen wie Arbeit, Einkommen, Wohnraum und Bildung verfügen. Das andere Drittel hingegen weist Unterversorgungen in einer oder mehreren dieser Dimensionen auf, wobei dieses Drittel nochmals unterteilt werden kann in eine Minderheit, die sich dauerhaft in einer Problemlage befindet und einem größeren Teil, der vorübergehend davon betroffen ist.
In dieser Arbeit wird nun davon ausgegangen, daß soziale Gegensätze auch bei jungen Menschen deutlich hervortreten und daß diese Erfahrung bei den deprivierten Jugendlichen Reaktionsweisen in Form von abweichendem Verhalten begünstigen kann.
Es soll also untersucht werden, ob und inwiefern sich gesellschaftliche Verhältnisse auf individuelles, in diesem Fall delinquentes, Verhalten auswirken können.
Inhaltsverzeichnis
1.) Einleitung
1.1.) Theoretische Bezüge
1.1.1) Das Desintegrationskonzept von Heitmeyer
1.2) Die Entwicklung der offiziell registrierten Jugendkriminalität
1.2.1) Beurteilung der Aussagekraft der Polizeilichen Kriminalstatistik
2.) Auswirkungen von Defiziten im Bildungsbereich auf die Entstehung von Jugenddevianz
2.1) Die negativen Folgen für geringer qualifizierte Jugendliche
2.1.1) Der Einfluß von pessimistischen Zukunftsvorstellungen auf die Entstehung von Devianz
2.1.2) Negatives Selbstbild als Prädiktor für Devianz
2.1.3) Bildungsbedingte Statusdeprivation als Auslöser für den Anschluß an deviante Gruppen
2.2) Empirische Ergebnisse zu den Häufigkeiten devianten Verhaltens in Abhängigkeit von der Schulform
2.3) Bewertung der vorliegenden Ergebnisse
2.4) Weiterführende Überlegungen
3.) Auswirkungen von materiellen Mangellagen bei Jugendlichen auf die Entstehung von deviantem Verhalten
3.1) Die Analyse potentieller Wirkungsgefüge
3.1.1) Negative familiäre Interaktionsformen aufgrund materieller Deprivation als Auslöser von deviantem Verhalten
3. 1.2) Der Einfluß von mangelnden Konsum- und Freizeitmöglichkeiten materiell deprivierter Jugendlicher auf die Entstehung von Devianz
3.1.3) Ausgrenzungsprozesse im Umfeld der Gleichaltrigengruppe und Devianz als Versuch zur Integration
3.2) Der empirische Zusammenhang von materieller Deprivation und Devianz Jugendlicher
3.3) Bewertung des empirischen Materials
3.4) Das Zusammentreffen der beiden behandelten Problemlagen
4.) Möglichkeiten der Prävention
4.1) Die Bereiche der Kriminalprävention
4.2) Folgerungen für die primäre Prävention
4.2.1) Maßnahmen im Ausbildungs- und Arbeitsmarktbereich
4.2.2) Aufgaben im Bereich der Hauptschule
4.2.3) Verbesserung der Freizeitsituation von materiell deprivierten Jugendlichen
4.2.4) Beschaffung finanzieller Mittel
4.3) Folgerungen für die sekundäre Prävention
4.3.1) Den Funktionen der Devianz entgegenwirken
4.3.2) Handlungsalternativen eröffnen
5.) Schlußbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Wandlungsprozessen – konkret Bildungsdefiziten und materieller Deprivation – und der Entstehung von Jugendkriminalität bzw. deviantem Verhalten. Ziel ist es, intervenierende Wirkungsmechanismen auf der Mikro-Ebene zu identifizieren und daraus präventive Ansätze für die Jugend- und Sozialarbeit abzuleiten.
- Desintegrationskonzepte und Anomietheorie als theoretische Basis.
- Einfluss von Bildungsbenachteiligung und pessimistischen Zukunftsperspektiven auf Devianz.
- Die Rolle materieller Armut und fehlender Konsummöglichkeiten für die jugendliche Identitätsbildung.
- Bedeutung der Gleichaltrigengruppe und Statusdeprivation bei der Integration in deviante Szenen.
- Kriminalpräventive Maßnahmen in Schule und Jugendarbeit.
Auszug aus dem Buch
2.1.2) Negatives Selbstbild als Prädiktor für Devianz
Als nächste potentielle vermittelnde Variable zwischen einer ungünstigen Bildungssituation und deviantem Verhalten Jugendlicher soll nun das Selbstbild der Jugendlichen untersucht werden. Dies geht aus der Perspektive der Regulationskrise hervor, nach der auch in beruflicher Hinsicht den Jugendlichen „die erweiterten Handlungsspielräume und Optionsmöglichkeiten [..] vor Augen“ geführt werden, die von den Hauptschülern aufgrund der Abwertung der Bildungszertifikate jedoch nicht realisiert werden können, was sich m.E. besonders auf das Selbstbild der Jugendlichen auswirken könnte.
Aufgrund der unterschiedlichen Definitionen in den empirischen Untersuchungen soll das Selbstbild an dieser Stelle lediglich als Summe der positiven und negativen Einschätzungen des Jugendlichen bezüglich seiner eigenen Fähigkeiten und Eigenschaften umschrieben werden. Wie bei Einstellungen generell, so kann auch bei diesen Einstellungen gegenüber sich selbst davon ausgegangen werden, daß sie kognitive (Selbstbewertung), affektive (Selbstwertgefühl) und konative (auf das Verhalten ausgerichtete) Komponenten umfassen.
Die schulische Situation der Jugendlichen, in der sie sich als „individualisierte Fähigkeitsbesitzer verorten lassen“ müssen, kann m.E. deshalb einen so großen Einfluß auf das Selbstbild der Schüler ausüben, weil schulischer Erfolg bzw. Mißerfolg unter der Annahme der Chancengleichheit generell internal attribuiert wird: „Nach allgemeinem gesellschaftlichen Verständnis tragen Jugendliche heute den Schlüssel zum Erfolg oder Mißerfolg im schulischen Sektor bei sich. Das individuelle Leistungsverhalten entscheidet über die Position in der Hierarchie von Belohnungen im Schulsystem. [...] Versagen gilt als ein persönlich-individuell zuschreibbares Verhalten, ebenso wie Erfolg.“
Zusammenfassung der Kapitel
1.) Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des Anstiegs der Jugendkriminalität ein und stellt die theoretische sowie sozialwissenschaftliche Basis der Arbeit vor.
1.1.) Theoretische Bezüge: Hier werden kriminalitäts- und gesellschaftstheoretische Konzepte wie die Anomietheorie von Merton und das Desintegrationskonzept von Heitmeyer als Bezugsrahmen erläutert.
1.2) Die Entwicklung der offiziell registrierten Jugendkriminalität: Dieses Kapitel liefert eine quantitative Übersicht zur Entwicklung der Jugendkriminalität anhand der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS).
1.2.1) Beurteilung der Aussagekraft der Polizeilichen Kriminalstatistik: Eine kritische Auseinandersetzung mit der Aussagekraft und den Grenzen der PKS hinsichtlich des realen Kriminalitätsgeschehens.
2.) Auswirkungen von Defiziten im Bildungsbereich auf die Entstehung von Jugenddevianz: Die Analyse der Zusammenhänge zwischen Bildungsbenachteiligung und abweichendem Verhalten bei Jugendlichen.
2.1) Die negativen Folgen für geringer qualifizierte Jugendliche: Untersuchung der Folgen von schlechteren Bildungsabschlüssen für Jugendliche im Kontext der aktuellen Arbeitsmarktsituation.
2.1.1) Der Einfluß von pessimistischen Zukunftsvorstellungen auf die Entstehung von Devianz: Analyse, wie Zukunftsangst und die Einschätzung der eigenen Perspektiven als Belastungsreaktion zu Devianz führen können.
2.1.2) Negatives Selbstbild als Prädiktor für Devianz: Betrachtung des Selbstwertgefühls als vermittelnde Variable zwischen Schulerfolg und individuellem Verhalten.
2.1.3) Bildungsbedingte Statusdeprivation als Auslöser für den Anschluß an deviante Gruppen: Untersuchung des Zusammenhangs zwischen mangelndem Bildungsstatus und der Integration in deviante Subgruppen zur Kompensation.
2.2) Empirische Ergebnisse zu den Häufigkeiten devianten Verhaltens in Abhängigkeit von der Schulform: Darstellung und Auswertung von Studien, die den Zusammenhang zwischen Schulform und Delinquenz belegen.
2.3) Bewertung der vorliegenden Ergebnisse: Eine resümierende Einordnung der empirischen Erkenntnisse zum Themenkomplex Bildungsdefizite und Devianz.
2.4) Weiterführende Überlegungen: Übergreifende Überlegungen zur Bedeutung der Bildungsdefizite über die reine Schulzeit hinaus.
3.) Auswirkungen von materiellen Mangellagen bei Jugendlichen auf die Entstehung von deviantem Verhalten: Untersuchung, wie materielle Armut und finanzielle Engpässe deviante Reaktionen bei Jugendlichen fördern.
3.1) Die Analyse potentieller Wirkungsgefüge: Theoretische Herleitung, auf welchen Pfaden materielle Deprivation das Verhalten von Jugendlichen beeinflussen kann.
3.1.1) Negative familiäre Interaktionsformen aufgrund materieller Deprivation als Auslöser von deviantem Verhalten: Analyse der Vermittlung von materieller Armut über elterliches Erziehungsverhalten.
3. 1.2) Der Einfluß von mangelnden Konsum- und Freizeitmöglichkeiten materiell deprivierter Jugendlicher auf die Entstehung von Devianz: Untersuchung der Bedeutung von Konsumgütern und Freizeitgestaltung im Jugendalter.
3.1.3) Ausgrenzungsprozesse im Umfeld der Gleichaltrigengruppe und Devianz als Versuch zur Integration: Analyse von Stigmatisierungsprozessen innerhalb von Freundeskreisen bei Jugendlichen.
3.2) Der empirische Zusammenhang von materieller Deprivation und Devianz Jugendlicher: Vorstellung und Bewertung von Studien, die einen Zusammenhang zwischen Armutslagen und Delikten belegen.
3.3) Bewertung des empirischen Materials: Zusammenfassende Bewertung der Aussagekraft der Studien zu materiellen Mangellagen.
3.4) Das Zusammentreffen der beiden behandelten Problemlagen: Betrachtung der Kumulation von Bildungsdefiziten und materieller Deprivation.
4.) Möglichkeiten der Prävention: Darstellung kriminalpräventiver Strategien zur Vermeidung von Delinquenz.
4.1) Die Bereiche der Kriminalprävention: Strukturierung der Prävention in primäre, sekundäre und tertiäre Ansätze.
4.2) Folgerungen für die primäre Prävention: Analyse gesellschaftspolitischer Maßnahmen, die an den Ursachen ansetzen.
4.2.1) Maßnahmen im Ausbildungs- und Arbeitsmarktbereich: Forderungen für eine bessere Integration in den Arbeitsmarkt.
4.2.2) Aufgaben im Bereich der Hauptschule: Vorschläge zur pädagogischen und strukturellen Verbesserung der Hauptschule.
4.2.3) Verbesserung der Freizeitsituation von materiell deprivierten Jugendlichen: Vorschläge für niederschwellige Freizeitangebote.
4.2.4) Beschaffung finanzieller Mittel: Diskussion der Finanzierungsmodelle für Präventionsmaßnahmen.
4.3) Folgerungen für die sekundäre Prävention: Analyse direkter Interventionen bei Risikogruppen.
4.3.1) Den Funktionen der Devianz entgegenwirken: Strategien zur Reduzierung des „Erfolgs“ devianten Verhaltens.
4.3.2) Handlungsalternativen eröffnen: Vorstellung von Trainingsmaßnahmen wie Antiaggressivitätstraining und Mediation.
5.) Schlußbemerkungen: Zusammenfassendes Fazit der Arbeit und Ausblick auf die Notwendigkeit sozialpolitischer Verbesserungen.
Schlüsselwörter
Jugendkriminalität, materielle Deprivation, Bildungsdefizite, Anomie, Desintegrationskonzept, Devianz, Armut, Schulerfolg, Statusdeprivation, Kriminalprävention, Sozialisation, Aggression, Selbstwertgefühl, Identitätsbildung, Soziale Ungleichheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Magisterarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichem Wandel, materieller Not und Bildungsbenachteiligung und deren Einfluss auf die Entstehung von Jugendkriminalität sowie Möglichkeiten der Prävention.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit fokussiert sich auf die zwei Hauptbereiche "Bildungsbereich" und "materieller Bereich" und wie diese durch soziale Vergleichsprozesse, Statusverlust und Identitätsprobleme zu abweichendem Verhalten führen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die intervenierenden Faktoren zwischen gesellschaftlichen Strukturkrisen (Bildung/Armut) und dem Verhalten Jugendlicher auf der Mikro-Ebene sichtbar zu machen, um daraus gezielte präventive Handlungsansätze abzuleiten.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Der Autor führt eine theoretische Einordnung auf Basis soziologischer Konzepte durch und nutzt Sekundäranalysen bestehender jugendsoziologischer Studien, ergänzt durch Einblicke aus der kommunalen Sozialarbeit.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse von Bildungsdefiziten (Schulform, Status, Zukunftsangst) und materiellen Mangellagen (Familie, Freizeit, Peergroups), jeweils mit empirischen Belegen und anschließender Bewertung.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Konzepte wie Anomie, Desintegration, materielle Deprivation, Statusdeprivation, Identitätsarbeit und präventive Interventionsstrategien geprägt.
Welche Rolle spielt die Schule für die Entstehung von Devianz?
Die Schule fungiert laut Autor als Ort der Statuszuweisung. Schulversagen oder die Zuweisung zur "Restschule" Hauptschule führt häufig zu einer Abwertung, was wiederum das Selbstwertgefühl mindert und den Anschluß an deviante Gruppen begünstigt.
Warum spielt die Gleichaltrigengruppe (Peer-Group) eine so große Rolle für deprivierte Jugendliche?
Die Peer-Group bietet für Jugendliche, die im Bildungssystem oder durch Armut ausgegrenzt sind, oft den einzigen Raum für Statuserwerb und Anerkennung, wobei durch deviantes Verhalten ("Abziehen", Konsum) soziale Kohäsion hergestellt wird.
Was schlägt der Autor zur Kriminalprävention vor?
Der Autor unterscheidet zwischen primärer Prävention (z.B. Öffnung des Arbeitsmarktes, Verbesserung der Hauptschule) und sekundärer Prävention (z.B. Konfliktlotsen, Antiaggressivitätstraining, niedrigschwellige Freizeitangebote).
- Arbeit zitieren
- Alexander Bruns (Autor:in), 2000, Die Auswirkungen von materieller Deprivation und Defiziten in der Ausbildung auf die Entstehung von Jugendkriminalität und Möglichkeiten der Prävention, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/185522