Gesellschaftliche Einflüsse und ihre Auswirkungen auf die Schule - Kindheit und Schule im Wandel


Examensarbeit, 1999
73 Seiten, Note: 2

Leseprobe

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1.Gesellschaftliche Einflüsse

1.1 ertewandel - Werteverfall?

1.1.1 Entwicklung seit den 60er Jahren

1.1.2 Sitte und Moralerziehung

1.1.3 Erziehungschancen heute

1.2 Das Leben in der Familie

1.2.1 Familienstrukturen

1.2.2 Die elterliche Verwöhnung

1.2.3 Auswirkungen von antiautoritärer Erziehung

1.3 Kulturaneignung durch Medien

1.3.1 Fernsehen und Video

1.3.2 Lernen am Computer - die Bedeutung der PC-Spiele

1.3.3 Heutiges Leseverhalten

1.4 Freizeitgestaltung

1.4.1 Isoliertes Leben - von der "Wohninsel" zur "Schulinsel"

1.4.2 Die Privatisierung des sozialen Umfelds

1.5 Das Leben in der Konsum- und Leistungsgesellschaft

1.5.1 Spaltung von Gesellschaft - Armut in Deutschland

1.5.2 Die Anforderungen in der Leistungsgesellschaft

1.5.3 Ursachen für die Gewalt von Jugendlichen

1.5.4 Zukunftsperspektiven

1.6 Idole und Vorbilder im Wandel

1.6.1 Die Bedeutung von Vorbildern in der Pubertät

1.6.2 Alte Muster - Neue Namen: Die Jugendgeneration im

ausgehenden 20. Jahrhundert

1.7 Zusammenfassung der gesellschaftlichen Einflüsse

2 Pädagogisch-didaktische Antworten

2.1 Pädagogisch-didaktische Antwort auf den Wertewandel

2.2 Pädagogisch-didaktische Antwort auf die Veränderungen in den familiären Erziehungsinhalten

2.3 Pädagogisch-didaktische Antwort auf die massenmedialen Einflüsse

2.4 Pädagogisch-didaktische Beiträge zu einer sinnvollen Freizeitgestaltung

2.5 Die Vorbildfunktion des Lehrers

2.6 Methodische Antworten zur Unterrichtsdurchführung: Innovative Unterrichtsformen

2.7 Die Rolle der Schlüsselqualifikationen

2.8. Zusammenfassung der pädagogisch-didaktischen Antworten auf die gesellschaftlichen Veränderungen

3 Die Grenzen pädagogischer Einflußnahme durch die Schule

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

Einleitung

 

In der Reformpädagogik wird das derzeitige Konzept von Schule in immer neuen Ansätzen in Frage gestellt. Schule müsse sich vor allem deshalb ändern, weil sich die Lebens- und Lernwelten von Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahren in einem radikalen Wandel befänden.

 

Aus diesem Grund soll der Gegenstand der vorliegenden Untersuchung die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Begründungszusammenhang von Schulreform und Kindheitswandel in der heutigen Zeit sein.

 

Ein realisitischer Einblick in unser gesellschaftliches Umfeld, in der die heutige Jugend aufwächst, ist der Ausgangspunkt dieser Arbeit.

 

Es wird zu belegen sein, warum und inwieweit sich die Lebens- und Lernwelten der Kinder und Jugendlichen gerade in den letzten Jahren stark  verändert haben.

 

Im Kontext gegenwärtiger Erziehungshaltungen wird zunächst historisch abgehandelt, inwiefern sich ein Wertewandel in unserer Gesellschaft von den 60er Jahren bis heute vollzogen hat. In diesem Zusammenhang wird ebenfalls zu untersuchen sein, inwieweit sich damalige Familienstrukturen bis heute verändert, und sich dementsprechende Anpassungen in der elterlichen Erziehung entwickelt haben.

 

Darüber hinaus haben sich auch im Bereich der täglichen Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen Verschiebungen, vor allem im sozialen Verhalten und in der Freizeitgestaltung, ergeben, die nicht zuletzt Auswirkungen der Konsumgesellschaft sind. Ein wesentlicher Bereich der heutigen, kindlichen Erfahrungswelt wird insbesondere durch den zunehmenden Einfluß der Massenmedien bestimmt.

 

In verschiedenen, wissenschaftlichen Beiträgen wird in einem zweiten Teil  zu untersuchen sein, inwiefern man auf die heutige Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen unserer Gesellschaft als LehrerIn pädagogisch-didaktisch einge­hen und unterrichtsmethodisch handeln sollte.

 

In diesem Kontext werden u.a. auch die Vorbildfunktion des Lehrers, inno­vative Unterrichtsformen und die Rolle der Schlüsselqualifikationen zu erör­tern sein.

 

In einem anschließenden dritten Teil werden die Grenzen pädagogisch-didaktischer Einflußnahme durch die Schule aufgezeigt, um einer möglichst realistischen Umsetzung von Unterricht nahezukommen, die sich gemäß gesellschaftlicher Veränderungen als eine  Anpassung an die heutige Kindheit versteht und sich als angemessen erweist.

 

Als Fazit dieser Arbeit sollen zusammenfassend Antworten auf die Frage gefunden werden, wie Schule letztendlich gestaltet werden muß, um ihrem gesellschaftlichen Zweck und ihre eigentliche, traditionelle Aufgabe, Kultur zu vermitteln, nachkommen zu können. 

1. Gesellschaftliche Einflüsse

 

Bedingt durch die heutige Leistungsgesellschaft zieht die Auflösung traditioneller Lebenszusammenhänge für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen auf absehbare Zeit vielfältige Konsequenzen mit sich.

 

Familienstrukturen werden zunehmend labiler. Kinder und Jugendliche werden immer häufiger damit konfrontiert, daß die Ehe ihrer Eltern oftmals nur noch eine Verbindung auf Zeit ist. Daneben gibt es immer mehr alleinerziehende Elternteile, bei denen die Kinder aufwachsen.

 

Insbesondere in der Pubertät entfällt für die Jugendlichen zwar einerseits die soziale Kontrolle der Eltern, wodurch ihnen eine individuellere Entscheidungsfreiheit zukommt, andererseits wird ihnen jedoch durch die Abwesenheit der Eltern die Möglichkeit eines prägenden Vorbilds und die Sicherheit, Unterstützung bei privaten Problemen, genommen.

 

Zudem befindet sich unsere Gesellschaft derzeitig in einer Wertungs- und Erziehungskrise, in der Rationalismus, verstanden als eine Überschätzung der Vernunft, Individualismus, als einseitige Überbetonung der persönlichen

 

Interessen und Hedonismus, in Form einer Überbewertung von Lust, Vergnügen und Genuß, überwiegen. Diese drei Gedanken finden sich auch in den persönlichen Werteinstellungen zunächst bei den Erziehenden, später

 

gegebenenfalls bei den Jugendlichen selbst, in zunehmend negativer Form wieder.

 

In den folgenden Abschnitten werde ich mich mit den genannten Faktoren kritisch auseinandersetzen, um detaillierte Aussagen über das Aufwachsen der heutigen Kinder und Jugendliche in unserer Gesellschaft treffen zu können.

 

1.1.   Wertewandel - Werteverfall?

 

1.1.1. Entwicklung seit den 60er Jahren

 

Als Ziel- und Orientierungshorizont für SchülerInnen steht Unterricht und Erziehung in engem Kontext mit den Werten und Normen, die in einer Gesellschaft vorherrschen. Werte manifestieren sich in Ideen, Symbolen, sowie in moralischen und ästhetischen Verhaltensregeln.1 Sie sind folglich für den Bestand und für die Entwicklung einer jeden Gesellschaft unabdingbar. Sie bilden den Kern und sind die wesentliche Voraussetzung jeder sozialen Ordnung.

 

Im folgenden Abschnitt wird zu erörtern sein, unter welchen Bedingungen die jüngeren Generationen in unserer Gesellschaft zu anderen Erfahrungen und Gewohnheiten kommen mußten, als die ältere Generationen.

 

In den ersten Nachkriegsjahren war unsere damals sehr junge Demokratie noch eng mit Leistung, mit Wiederaufbau und dem sogenannten „Wirtschaftswunder” verbunden. Innerhalb der Bevölkerung herrschte weitestgehend noch die religiös verbundene Moral mit den konservativen Tugenden wie Disziplin, Gehorsam und Fleiß, aber auch Treue, Bescheidenheit, Einsatzbereitschaft und Uneigennützigkeit vor.

 

Doch der „Wohlstand für alle” in der alten Bundesrepublik wurde schon bald zu einer Gefahr für diese Tugenden, da sich nun nicht mehr nur die

 

Aufbaugeneration selbst verwöhnte, sondern diese vor allem ihre Kinder und Jugendliche in übermäßigen Maßen verwöhnten.2

 

Ein Wertewandel vollzog sich in der Weise, als daß die jüngere Generati­on, die nun unter veränderten Lebens- und Wohlstandsbedingungen auf­wuchs, zwangsläufig zu anderen Erfahrungen und Gewohnheiten gelangte, die somit auch zu anderen Werten innerhalb der jungen Generation führte.

 

Dieser Vorgang entwickelte sich zu dem Zeitpunkt der späten 60er Jahre. Der Begriff Leistung wurde diffamiert und die Moral bröckelte immer mehr ab.3

 

Man erfüllte den Kindern viele ihrer Wünsche und sah über auftretende Schwierigkeiten einfach hinweg, um nach dem Motto zu handeln, daß es „den Kindern einmal besser gehen soll als mir”.

 

Als Folgeerscheinung haben heute, u.a. aufgrund der damals einsetzenden freien Marktwirtschaft und den Veränderungen in der Freizeitgestaltung, viele der konservativen Tugenden an Bedeutung verloren.4 Beispielsweise wird der Wandel von Werten in Form von wachsendem Mißtrauen gegenüber gewohnten Autoritäten und an einer Neuorientierung der Vorbilder immer offensichtlicher.[5][5][5][5][5]

 

In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, daß seit den 60er Jahren Werte mit stärker emanzipativ-idealistischen Gesellschaftsbezügen wie z. B. der Emanzipation von Autoritäten, Demokratie, Gleichbehandlung von Autonomie immer mehr an Zuspruch gewannen. Hedonistische Werte wie bei­spielsweise Genuß, Abenteuer, Emotionalität, als auch individuelle Werte wie Kreativität, Selbstverwirklichung und Eigenständigkeit erfuhren ebenfalls eine zunehmende Bedeutung in dieser Zeit.

 

Die Transformation weg von den Pflicht- und Akzeptanzwerten hin zu Selbstverwirklichung- und Engagementwerten weist jedoch nicht als ein linearer Veränderungstrend von der Vergangenheit in Richtung Zukunft. Er vollzog sich vielmehr innerhalb aller entwickelten Industriegesellschaften als ein Schub, der in den 60er Jahren begann und mit Ende der 70er Jahre abgeschlossen war.[6]

 

Der Kern des Wertewandels, der sich in den 60er und 70er Jahren vollzogen hatte,  läßt sich zusammenfassend wie folgend erfassen:

 

Subjektiv stieg der Anspruch auf freie Entfaltung des menschlichen Individuums als oberstes Kulturprinzip moderner Gesellschaften. Objektiv fand eine Befreiung aus wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Zwängen und Abhängigkeiten statt.[7]

 

Damalige Wertstrukturen im Sin­ne von Askese und Verzichtbereitschaft gehen seit etwa 30 Jahren deut­lich zunehmend verloren und es ist kaum  noch wahrscheinlich, daß die Men­schen jemals wieder eindeutig zu ihnen zurückkehren. Innerhalb der Bevölkerung gibt es zum einen diejenigen Menschen, die ganz überwiegend alte oder eindeutig neue Werte aufweisen, zum anderen aber Personen, die beide Wertdimensionen vermischen.[8]

 

Hieraus resultiert, daß in der heutigen Gesellschaft keine klare Trennung zwischen neuen und alten Werte in Bezug auf einen Generationswechsel stattfindet, sondern vielmehr eine Kombination verschiedener Wertemuster auftaucht.  

 

                                                      

 

1.1.2. Sitte und Moralerziehung

 

Auch die Erziehungsziele zwischen 1951 und 1991 haben sich in ihrer Wertigkeit von Gehorsam und Unterordnung in Richtung Selbständigkeit und Individualität verschoben.[9]

 

Folglich wurden die jünge­ren Generationen immer früher gezwungen, individuelle Entscheidungen zu treffen und dafür Verantwortung zu übernehmen, was nicht ausschließlich von Vorteil sein muß. So fällt es den Jugendlichen heutzutage z. B. immer schwieriger, sich für einen Beruf zu entscheiden, da soziale Milieus zunehmend als Orientierungsstütze wegfallen, und es den Jugendlichen an einer Unterstützung von außen mangelt.[10]

 

Die jahrzehntelangen rationalistischen, individualistischen und hedonistischen Illusionen über die Natur des Menschen und die Bedingungen für sein Glück sind zwar immer noch weit verbreitet, jedoch nicht mehr unangefochten.[11] Viele Menschen haben erkannt, daß diese Lehren einseitig sind und schädliche Folgen mit sich bringen kann. 

 

Auch die zunehmende Anonymität wirkt sich negativ auf moralische Wertvorstellungen aus. In der Regel werden moralische Anstrengungen nur noch  geleistet, wenn sie in einer überschaubaren Lebensgemein­schaft von jedermann gefordert und kontrolliert werden. In großen Gruppen mit unpersönlichen Beziehungen bleibt die moralische Anstrengungsbereitschaft jedoch gering und die Neigung stark, auf Kosten anderer zu leben und öffentliche Güter auszubeuten.[12]

 

Grundfertigkeiten in den Kulturtechniken, sich sicher und souverän in der bestehenden Lebenswelt bewegen und sozial, genauer moralisch, handeln zu können sind vielmehr realistische und sogar notwendige Erziehungsziele,

 

wenn man Selbständigkeit als Lebensbewältigung der Kinder und Jugendlichen anstrebt.[13]  

 

In unserer Gesellschaft fehlt es weniger an erzieherischen Tätigkeiten, als vielmehr an Wertungsgemeinschaften, die den Glauben an uneigennützige gemeinsame Ideale vermitteln und stärken. Der älteren Generation fehlt es immer mehr an Kraft, sich selbst an solche Glaubensinhalte zu binden und der jüngeren Generation für die gleichen Bindungen zu gewinnen.

 

Die Tatsache, daß wir reflektieren können und so zwischen Alternativen zu wählen haben, versetzt uns erst in die Lage, auch Zielbilder in der Erziehung festzulegen. Diese sind allgemeine Persönlichkeitsideale, die von allen Mitgliedern einer Gesellschaft zu erfüllen sind. Die nachwachsenden Generatio­nen müssen daran angepaßt und wiederum umfassend in die Lage versetzt werden, darüber zu reflektieren.[14]

 

1.1.3. Erziehungschancen heute

 

Eine Möglichkeit, auf die veränderten Lebensbedingungen erzieherisch einzuwirken, ist durch Anpassung möglich. Sie ist weniger problematisch, weil neue Informationen in Form einer veränderten Lebensweise schnell erlernt werden können. Problematisch ist vielmehr, daß die Umwelt sich im ausgehenden Jahrhundert so rasch ändert, daß gar nicht mehr gewiß ist, an welche Umwelt man sich denn nun anpassen soll.[15]

 

Daraus folgert jedoch nicht, daß Anpassung kein angemessenes Erziehungsziel mehr sei. Der Erziehungsberechtigte hat heutzutage lediglich eine schwierigere Aufgabe zu erfüllen als zu damaliger Zeit: Er muß einerseits die Kinder an die veränderte Umwelt anpassen, und andererseits, soweit er kann, diese Veränderung dahingehend beeinflussen, daß sie sich nicht schädigend auf die Kinder auswirkt. Letzteres gelingt lediglich in dem Falle, indem Kinder und Jugendliche dazu befähigt und ermutigt werden, ihre Lebenswelt selbst zu verbessern und eigene, angemessene Werteentscheidungen treffen zu können.

 

1.2.   Das Leben in der Familie

 

1.2.1. Familienstrukturen

 

Nicht nur die Wertvorstellungen haben sich geändert, sondern auch im Bereich der familiären Beziehungsstrukturen und Lebensverhältnisse in unserer Gesellschaft ist ein Wandel zu erkennen.

 

besonders vehement entwickelt sich die Vereinzelung in den Familien heraus, die zwangsläufig zu einer zunehmenden Individualisierung führt: In bereits 80% der Familien wachsen die Kinder mit nur einem oder keinem Geschwisterteil auf.[16]

 

Im zuge des starken Anstiegs der Ein-Kind-Familien enstanden neue Interaktionsstile und -formen zwischen Eltern und Kindern. In kleineren Familien bekommen die Kinder eher die Möglichkeit, als gleichwertiger Partner behandelt zu werden, mit denen ein gegenseitiges „Aushandeln” ihrer persönlichen Wünsche und Bedürfnisse möglich ist. Diese verständigung bereitet vielen eltern erzieherische probleme. sie konzentrieren sich oft zu intensiv auf das kind und erkennen nicht, daß sie zu einer übermäßigen Umklammerung und Verwöhnung des kindes neigen.

 

der grund für die herausbildung der kleinfamilie liegt in den drastisch zurückgegangenen Geburtenraten, die in den vergangenen 25 Jahren um 50 % schrumpften. Über zwei Drittel aller deutschen Kinder wachsen in einer Kleinfamilie auf, davon 31 % in Ein-Kind-Familien, 45 % haben eine Schwester oder einen Bruder.[17]

 

Desweiteren läßt sich hinsichtlich der veränderten familienstrukturen feststellen, daß auch die anzahl der alleinerziehenden kontinuierlich zunimmt. Diese tatsache liegt in der stetig zunehmenden zahl der Ehescheidungen begründet.

 

scheidungskinder müssen sich die geringe Zuwendung der Eltern oft mit einem oder mehreren Geschwistern teilen und wachsen bei nur einem Elternteil sehr viel einsamer auf als Kinder in einer „vollständigen” Familie. Bereits 15% der heutigen Grundschulkinder leiden darunter, daß ihnen ein verläßlicher Ansprechpartner fehlt.[18] Diese fehlenden Sozialbindungen ziehen nach sich, daß psychische Störungen unter Kindern keine Seltenheit mehr sind. Das Spektrum kann von autoaggressiven Regressionen wie autismusähnliche Abkapselungen bis hin zu außengelenkter Aggression und Vandalismus reichen.[19]

 

Die wachsende Zahl der Ehescheidungen ist auf eine Veränderung in den Anforderungen an die Ehe zurückzuführen.[20] Ehepartner sind heutzutage eher bereit, ihre Ehe zu annullieren, weil man dieser Instanz eine so hohe psychische Bedeutung und Wichtigkeit für die Erfüllung des einzelnen zuschreibt wie noch nie. Unharmonische Verhältnisse werden heute weniger ertragen als zu früheren Zeiten, was zu einer schnelleren Auflösung der Ehe führt.[21]

 

1.2.2. Die elterliche Verwöhnung

 

In einer Wohlstandsgesellschaft kommt jeder Mensch in die Versuchung - und die meisten erliegen ihr -, sein Lustempfinden nach Möglichkeit zu steigern und Unlust zu vermeiden. Wird diesem Verlangen nachgegangen, bedeutet dies jedoch ein Eingriff in das natürliche Gleichgewicht von Anstrengung und Erholung. Wer seine Lust dauerhaft ohne Anstrengung befriedigt, ist schließ­lich nicht mehr in der Lage, Anstrengungen auf sich zu nehmen.

 

Ein Beispiel für die elterliche Verwöhnung der Kinder ist im heutigen China zu beobachten. Bedingt durch das große Bevölkerungswachstum, schreibt der chinesische Staat seit Anfang der 80er Jahre die Ein-Kind-Familie vor.

 

Diese „staatlich verordneten” Einzelkinder werden dort in dem Maße verwöhnt, als daß sie schon „kleine Kaiser” genannt werden und sie sich dem-entsprechend auch verhalten.[22] Zu ihrem Wohle werden ihnen von den Eltern sowohl jegliche Schwierigkeiten und Konflikte aus dem Wege geräumt, als auch möglichst alle Kindheitsträume und -wünsche erfüllt. Folglich schrauben die Kinder ihre Ansprüche immer höher und wissen schließlich gar nicht mehr, mit welchem Leistungsaufwand ihr Reiz befriedigt wurde. Für ein neues Auto von „Papi” hat ein Vater wahrscheinlich, um sein Kind glücklich zu machen, drei Jahre lang schwer gearbeitet.

 

Das erläuterte Beispiel läßt sich auch auf andere Wohlstandsgesellschaften, beispielsweise auf die heutige Bundesrepublik, übertragen.     

 

Die Folgen von Verwöhnung stellt eine Gefahr für die Erziehung dar. Indem die Eltern die natürlichen Reize ihrer Kinder zu hoch bewerten, entsteht bei diesen ein falsches Verhaltensbild. Eltern müssen darauf achten, daß bei ihren Kindern ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Anstrengung und Lustbefriedigung entsteht, um sie auf die selbständige Lebensbewältigung hinzulen­ken. Dies betrifft u. a. auch den Bereich der Ernährung, auf die die Eltern achten müssen. Immer höhere Nahrungsreize, wie z. B. durch „Fast Food“, führen in vielen Fällen zu falscher Ernährung, diese wiederum zu häufigeren Krank­heitsbildern. Auch mangelnde Bewe­gung führt zwangsläufig zu Herz-, Kreislauf, Magen- und Darmkrankheiten. Auf diese Art belastet Verwöhnung sogar nicht nur den Einzelnen, sondern auch die Gemeinschaft.[23]

 

Über das körperliche Befinden hinaus wirkt sich Verwöhnung auch negativ auf den seelischen Zustand aus. Neben mangelnder Bewegung uvm. ist eben­falls die Gewalt, die in der heutigen Zeit vermehrt zu beobachten ist, zu einem Teil auf Verwöhnung zurück­zuführen.[24]

 

Drohungen, Raub und Gewalt, auch innerhalb der Familie, sind heute bequemere Wege, seine natürlichen, aggressiven Reize auszuleben, als sich Anerkennungen durch Leistung zu verschaffen.

 

1.2.3. Auswirkungen antiautoritärer Erziehung

 

Mit  der Studentenbewegung von 1968 wurde fast alles in Frage gestellt, was über Jahrhunderte hinweg an Erziehungsweisen gewachsen war. Viele heutige Eltern, aber auch Lehrer und Erzieher, die damals selbst antiautoritär erzogen worden sind, stehen in Sachen Erziehung oftmals völlig hilflos dar, da sie nicht mehr wissen, wohin und auf welche Art sie das Kind erziehen sollen.[25] Die erzieherische Hilflosigkeit der Bezugspersonen von Kindern und Jugendlichen kann zum einen positiv, zum anderen auch negativ bewertet werden.

 

Von Vorteil ist, daß Kinder nicht mehr einfach nur gedankenlos erzogen und „dressiert” werden, wie zu damaliger Zeit. Das autoritäre Erziehungsverhal­ten, das den unbedingten gehorsam fordert, wurde allmählich von einem autoritativenVerhalten abgelöst, das nun­mehr die Bejahung des Kindes voraussetzte. Autoritativ ist jemand, der sich auf echte autorität stützt und maßgebend ist.

 

Diese Ablösung läßt sich an einer neueren wissenschaftlichen Befragung ver­deutlichen, in der alle Familien, in denen das Kind seine Mutter oder seinen Vater als „immer“ gut informiert und zugleich mit hoher Beziehungsqualität und hohe Anforderungen stellend beschreibt, als autoritativ, alle anderen als nicht-autoritativ beschrieben wurden.[26] Demnach gehören zu den „gut infor­mierten” 31 % der befragten Familien; eine gute Beziehung mit hohen An­forderungen wurde bei 46% der Familien festgestellt. Zu den autoritativ gel­tenden Familien, in denen beide Erziehungsaspekten einen hohen Stellenwert aufweisen, zählten insgesamt etwa 20 % aller befragten Familien.

 

Von Nachteil ist jedoch, daß die Bemühung um das erzieherische Gelingen des Kindes vielfach überbetont wurde und zu unangemessenen Erziehungs­weisen geführt hat. Antiautoritäres, erzieherisches Verhalten zieht nicht selten Inkonsequenz und die Vernachlässigung der kindlichen Grundbedürfnis-

 

se nach sich. Kinder brauchen dringend Autoritäten, damit sie sich orientieren können und ein stimmiges Weltbild aufzubauen vermögen. Wer­den den Kindern keine Orientierungsmöglichkeiten geboten, bleiben sie in ih­rem Verhalten hilflos. Die Folgeerscheinung der Hilflosigkeit zeigt sich dann meist in Reaktionen ag­gressiver, hyperaktiver, kranker, unzuverlässiger, erfolgloser oder lebensun­tüchtiger Art.[27] 

 

In anbetracht der vielseitigen erziehungsstile läßt sich also auch eine zunehmende komplexität im bereich der folgeerscheinungen feststellen.

 

Erziehung wir heute vielmehr als eine Kunst denn eine Wissenschaft verstanden, da sie sich, politisch gesehen, sowohl an den Grundbedürfnissen des Kindes als auch an das Grundgesetz orientieren muß. Diese „Kunst” kann demnach Widersprüche von alten Erziehungsweisen und neuer Verfassung hervorrufen, da die zu unserem Grundgesetz passenden erzieherischen Beziehungsformen zwischen Erwachsenen und Jugendlichen noch nicht weit genug entwickelt sind.[28]

 

Wenn man versteht, daß Kinder von Anbeginn lernwillig und leistungsbereit sind, daß sie sich nach dem Zusammensein mit Bezugspersonen sehnen, Her­ausforderungen und Grenzerfahrungen benötigen, und Vorbilder zur eigenen Orientierung suchen, erklärt es sich von selbst, daß von den eltern autoritative Formen wie Normen, Zurückweisungen und Erwartungen von den Erziehungsberechtig­ten gefordert sind. Dennoch lassen sich die elterlichen Erziehungsstile heut­zutage bereits in vier Gruppen differenzieren[29]:

 

Etwa 15 % der deutschen Eltern empfinden ihr Kind als inakzeptabel, weil es anders geraten ist, als sie selbst. Diese Eltern stellen fest, daß das Kind nicht in ihren Lebenszusammenhang paßt und sie mit der Elternrolle nicht zurecht kommen. Kinder, die unter solchen Eltern aufwachsen, benötigen

 

erziehungsstarke Lehrer, da die Eltern völlig inkonsequent handeln und der erzieheri­schen Verantwortung nicht gewachsen sind.

 

Weitere 15 % der Eltern verplanen ihr Kind schon so früh, daß das Kind häufig unter Druck steht und kaum Freiheiten hat, geschweige denn, zu eigenen Entscheidungen kommt. Sie überfordern ihr Kind mit zu hohen Erwartungen und sorgen für ständige Versagererlebnisse in Form von schlechten Noten und ihren zutiefst enttäuschten Gesichtern.

 

Ca. 60 % der Eltern sind erzieherisch hilflos (vgl. Entwicklung in den 60er Jahren, S. 11). Sie möchten dem Kind alles recht machen und eine optimale Erziehung bewirken, verhalten sich jedoch meist nur zufällig richtig oder falsch. Ihr Erziehungsstil kennzeichnet sich durch Unsicherheit, und durch die Extreme, auf der einen Seite ihr Kind beschimpfen und bestrafen zu müssen, auf der anderen Seite es jedoch übermäßig beschenken und loben zu wollen. Kinder, die unter dieser Erziehungsweise heranwachsen, lassen sich durch ihre Eltern nichts vorschreiben und verfallen diesen gegenüber oft in Terrorisierungen, da ihnen mal etwas verboten, mal wieder etwas erlaubt wird.

 

Nur etwa 10 % der Eltern verhalten sich erzieherisch  konsequent. Sie stellen einen natürlichen Ausgleich zwischen Anforderungen und Entlastungen in Bezug auf die kindliche Lebenswelt her. Sie vernachlässigen ihren Nachwuchs nicht, stellen aber auch keine Überforderungen an ihn an, so daß  Aggressionen, Rauschbedürfnisse oder Krankheiten seitens der Kinder mäßig erlebt werden.

 

1.3.    Kulturaneignung durch Medien

 

1.3.1. Fernsehen und Video

 

Familie und Schule werden zwar immer noch am häufigsten als die wesentli­chen Instanzen von Erziehung und Sozialisation erwähnt, gleichwohl ver­bringen heutige Kinder und Jugendliche etwa die gleiche Zeit mit Medien, die sie für den Schulbesuch verwenden.[30] Damit haben sich die Medien zu einer dritten Sozialisationsinstanz entwickelt, die nicht zuletzt auch den Bereich der Pädagogik herausfordert. 

 

Zu dem Bereich der hier erwähnten Medien gehören zum einen Printpro­dukte wie Bücher, Comics, Zeitschriften und Zeitungen, zum anderen auditi­ve Medien wie Schallplatten, MCs und CDs, audiovisuelle Medien wie Fernsehen und Video sowie interaktive Medien wie Bildschirm-, PC-Spiele und die CD-ROM.

 

In diesem Abschnitt steht der weit verbreitete Fernseh- und Videokonsum im Vordergrund, da dieser Bereich bei Kindern und Jugendlichen einen großen Teil der Mediennutzung ausmacht. So verbringen Kinder im Alter zwischen sechs und dreizehn Jahren seit einiger Zeit durchschnittlich etwa 90 Minuten täglich vor dem Fernseher.[31] Der Anteil der sogenannten “Vielseher”, die drei und mehr Stunden am Tag Fernsehen und Video konsumieren, ist bei den neun- bis zehnjährigen Kindern bereits zu einem Viertel vertreten, bei den Vierzehnjährigen liegt er bei ca. 10 %.[32]

 

Diese Zahlen hängen u.a. mit der sich ausweitenden Vernetzung von Kabel­anschlüssen der Haushalte zusammen. Die durchschnitt­liche Sehzeit bei den vier- bis sechsjährigen Kindern in Kabelhaushalten nahm um fast 70 % zu, während sie bei den Sieben- bis Neunjährigen immerhin noch um 40 % anstieg.[33]

 

Der intensive Medienkonsum steht aber auch mit der Tatsache in Verbin­dung, daß er immer mehr als Ersatz für fehlende soziale Bindungen in unse­rer Gesellschaft dient.

 

Grundsätzlich ist positiv zu konstatieren, daß Kinder mit multimedia-bedingten Hirnvernetzungen, die sich erst nachgeburtlich durch die jeweiligen Lebens­erfahrungen einstellen, wichtige Persönlichkeitserfahrungen sammeln. Denkt man darüber hinaus an den Wirtschaftsstandort Deutsch-land im Zu­sammenhang mit der internationalen Konkurrenz, und somit an die Tatsache, daß im kommenden Jahr 2000 nur noch 35 % der deutschen Arbeitsplätze ohne einen Computer auskommen werden [34], sind die Kinder, die mit dem Fernsehen, Video und Computer aufwachsen, später weitaus arbeitsweltge­eigneter, als Kinder, die nicht oder nur wenig mit diesen Medien  in Berüh­rung kommen.

 

Nachteilig werden bei den Kindern schon früh durch die permanente Über­dosierung von visuellen und nonver­balen auditiven Reizen des stundenlan­gen Fernsehguckens die Wahrnehmungssinne und die Konzentrationsfä­hig­keit geschwächt. Insbesondere der Konsum schnell wechselnder, farb- und aktionsreicher Bil­der, wie z. B. in Comicfilmen, bewirkt, daß u.a. blühende Pflan­zen oder Landschaftssituationen derartig geringe Reizmengen für die Kinder darstellen, daß sie gar nicht mehr richtig von ihnen wahrgenommen werden. Vor allem kleinen Kindern, die die Sprache des Fernsehens anfangs noch nicht verstehen und sich daher ausschließlich an den wechselnden Bil­dern orientieren, fällt es, wenn sie größer werden, äußerst schwierig, ihre Sinnesrezeptoren auf die verbale Kommunikation umzustellen.[35]

 

Diese Kinder haben auffällig große Schwierigkeiten beim Zuhören, was sich nicht zuletzt auch im Schulunterricht äußert.

 

Da die schnell wechselnden Bilder des Fernsehens und Videos darauf abzielen, Emotionen und Impulse des Menschen anzuregen, gehen dabei die Eigenschaften wie Abstraktionsvermögen und Phantasie völlig verloren. Der menschliche Geist wird somit nicht mehr beansprucht und wird von den Konsumenten unbewußt übergangen. Die durch das Fernsehen sekundär

 

vermittelten Informationen werden vom Rezipienten einfach akzeptiert, ohne daß an die eigene Urteilsfähigkeit appelliert wird.

 

1.3.2. Lernen am Computer - die Bedeutung der PC - Spiele 

 

Während jeder dritte Grundschüler heutzutage schon einen eigenen Fernse­her besitzt, verfügt jedes fünfte Kind in diesem Alter bereits über einen eige­nen Computer.[36] Obwohl Computerspiele immer noch eine untergeordnete Rolle im Rahmen des Medienkonsums von Kindern in der Freizeit spielen[37], ist das Angebot und die Nachfrage entgegen früheren Jahren enorm gestie­gen.

 

Der Computer arbeitet völlig anders als das menschliche Gehirn. In dem Maße jedoch, wie Kinder schon früh, lange und oft fernsehen, am Computer spielen und mit dem Gameboy umgehen, hat die Hirnforschung bereits erkannt, daß sich ihre Hirnvernetzungen in Richtung auf computerähnliche Assoziationsweisen entwickeln.[38] Die heutigen „Computer Kids”, die ganz anders als ihre Eltern aufwachsen, machen also völlig andere Erfahrungen im Denken und lernen auch auf eine ganz andere Weise als ihre vorige Generation. So stehen Erwachsene oft fasziniert neben ihren Kindern, die im Gegensatz zu ihnen reaktionsschnell und einfach mit elektronischen Küchengeräten, PC- oder Videogerä­ten umgehen können. Der häufiger Umgang mit Computern fördert durchaus ihre Hirnentwicklung und damit die intellektuelle Kapazität junger Menschen, selbst wenn diese sich wesentlich weniger bewegen als frühere Ju­gendgenerationen und selbst wenn ihre Sinnesorgane wie Ohren, Haut und Muskelkoordinationen auf diesem Wege stark geschwächt werden.[39]

 

Über den Computer vermittelte Botschaften entsprechen oftmals sachlicher Natur. Da Kinder und Jugendliche bekanntlich über eine besonders schnelle

 

und hohe Auffassungsgabe verfügen, fällt es gerade dieser Altersgruppe leicht, Sachinformationen aufzunehmen und aus ihnen zu lernen.

 

Allerdings ist ein großer Teil der von den Kindern und Jugendlichen konsu­mierten Medien­inhalte fiktionaler Natur. Dies kann sich nachteilig auf das Urteilsvermögen auswirken. Es wird ange­nommen, daß Medien über das kognitive System in bestimmten rezeptiven Situationen einen unbewuß­ten Einfluß auf das eigene Werte- und Normensystem ausüben.[40]

 

In dieser Hinsicht erfährt der Computer einen gewissermaßen sozialisatorischen Cha­rakter.

 

In Anbetracht der vielzähligen Computerspiele werden z. B. unter dem Begriff „Action” ein hoher Anteil gewaltverharmlosender und anderen meinungs-manipulierender Ele­mente vermittelt, die voraussichtlich in den kommenden Jahren weiterhin zu­nehmen werden.

 

Aufgrund des großen Multimediaangebots fällt es zum ei­nen Sozialisationsin­stanzen wie den Schulen, zum anderen auch Kindern und Jugendlichen im­mer schwieriger, sich kritisch mit den über die Medien vermittelten Texten im Sinne einer Medienerziehung auseinanderzusetzen.[41]

 

Da besonders die PC-Spiele einen großen Einfluß auf Kindern und Jugendliche nehmen, müßte sich auch die Schule verpflichtet sehen, sich mit diesem Medienfeld kritisch auseinanderzusetzen, indem im unterricht z. b. auf eine al­tersge­rechte, sowie werte- und moralorientierte Auswahl von Spielen eingegangen wird.

 

1.3.3. Heutiges Leseverhalten

 

Lesen fördert die Imaginations- und Konzentrationsfähigkeit. Der Leser selbst kann bestimmen, wie lange er über eine verfaßte Aussage nachdenken will. Er setzt sich automatisch länger mit den Inhalten auseinander, weil ihm die Zusammenhänge, anders als beim Fernsehen, nicht durch visuelle Bild-abfolgen erleichtert werden, und er sie selbst erschließen muß. Dieser Pro-

 

zeß schult die Konzentrationsfähigkeit und die Vorstellungskraft, aber auch die innere Gelassenheit, da durch die ruhigere Atmosphäre beim Lesen gleichermaßen Streßfaktoren abgebaut werden. Diese Komponenten sind dem  Fernsehzuschauer weitestgehend nicht gegeben, da die Aussagen schnell hintereinander weggesprochen werden.

 

Im Gegensatz zum Fernsehen wird man beim Medium Buch folglich auch eher „gezwungen”, sich mit komplexen Satzkonstruktionen, sowie den drei literarischen Ausdrucksmöglichkeiten Lyrik, Epik und Drama auseinandersetzen, was wiederum die eigene Ausdrucksfähigkeit fördert.  

 

Für das Leseverhalten der heutigen Kinder und Jugendlichen können keine generellen, quantitativen Aussagen gemacht werden, da in diesem Bereich wesentlich mehr nach Alter, Geschlecht und sozialer Herkunft differenziert werden muß als beispielsweise beim  Fernsehen. Nur etwa 1 % der Kinder besitzen keine Bücher, wogegen  ca. 60 % über 21-100 Exemplare verfügen. 25 % aller Kinder und Jugendlichen haben 1-20, 14 % sogar mehr als 100 Bücher.[42] 

 

Man geht von einer „Leselebenskurve” aus, die bei Mädchen ihren Höhepunkt mit 12 bis 14 Jahren, bei Jungen zwischen 13 und 15 Jahren erreicht und dann für längere Zeit rapide wieder abfällt.[43]    

 

Darüber hinaus hängt die Entwicklung von Leselust und -fähigkeit entscheidend von dem sozialen Milieu ab, in dem ein Kind aufwächst.[44]

 

Insgesamt wird zwar wesentlich weniger gelesen als beispielsweise ferngesehen, historische Vergleiche zeigen jedoch, daß es sich dabei weniger um ei­nen Verdrängungsprozeß der elektronischen Medien gegenüber den Print­medien handelt, als vielmehr um die Besetzung der neu gewonnenen Freizeit  durch elektronische Medien und andere Freizeitaktivitäten.[45]

 

1.4. Freizeitgestaltung

 

1.4.1. Isoliertes Leben - von der „Wohninsel” zur „Schulinsel”

 

Schule vertraut darauf, daß das Kind im wesentlichen zu Hause erzogen wird, und daß die Arbeitsteilung zwischen der Familie, die das Kind erzieht,  und der Schule, die das Kind bildet, funktioniert.

 

Dies läuft heute in vielen Fällen schief. Immer mehr Kinder wachsen, noch bevor sie zur Schule kommen, mit einem Mangel an Bezugspersonen, an sinnlichen Erfahrungen, an Spiel und Kommunikation, an Zuwendung und Herausforderungen auf. Die Folge ist, daß Kinder im Alter von sechs Jahren immer seltener eingeschult werden, da sie noch nicht die entspre­chende Schulreife mitbringen.

 

Gerade eingeschränkte Bewegungsmöglichkeiten und -nutzungen füh­ren heutzutage immer mehr zu Rechenschwächen, Ungelenkigkeit, sowie falschen Geschwindigkeits- und Distanzeinschätzungen, die wiederum das Unfallri­siko der Kinder erhöhen.[46]

 

Der Grund für mangelnde Bewegung ist in der heute überwie­gend sitzenden Lebensweise wiederzufinden, die sich z. B. durch zu enge Räumen, Kindergarten- oder Schreibtischgestühl, Kinder- und Rücksitzen von Autos, sowie das stundenlange Verbleiben vor dem Fernseher kennzeichnet.

 

Besonders den Stadtkindern werden oftmals ihre natürlichen Entfaltungsräume in Form von zubetonierten Hinterhöfe, zugeparkten und verkehrsrei­chen Straßen, Betretungsverboten auf Grünflächen, kinderfeindlichen Haus­ordnungen uvm. genommen. Daher ziehen sich die Kinder vorwiegend wieder in die geschlossenen Räume zurück.

 

In diesem Kontext sei der Wandel von Groß- zu Kleinstfamilien, sowie die „neue Ar­mut” stark überschuldeter Eltern erwähnt. So sind in Deutschland im Durchschnitt etwa 12 qm Stellfläche für jedes Auto vorgesehen, hingegen nur 6 qm für je­des Kind.[47]

 

Ambivalent zu dieser Entwicklung wurde festgestellt, daß während 1979 lediglich 22 % aller deutschen Kinder nicht mehr draußen spielten, es 1995 bereits 55 % waren.[48]

 

Viele Kinder erleben ihr Dasein nur noch als ein Pendeln zwischen abgeschlossenen, inselartigen Räumen, in denen sie sich aufhalten können und fühlen sich zunehmend isoliert. Verängstigte Mütter lassen ihre Schulan­fangskinder kaum noch allein eine Ampel überqueren, da sie fürchten, daß die Unfallgefahr zu hoch ist. Je mehr Verkehrsteilnehmer die Straßen benutzen und damit auch Staub, Lärm und Gestank erzeugen, um so mehr nimmt die ursprüngliche Aufenthaltsqualität in diesem Bereich für Kinder ab. Während in Westdeutschland 1956 nur zwei Millionen Autos angemeldet waren, lag die Zahl der PKW 1966 bereits bei 10, 1986 bei 27 und 1989 schon bei 30 Millionen. 1985 verunglückten bereits 8100 Kinder unter sechs Jahren.[49]

 

Aber auch aufgrund des Geburtenrückganges in den letzten 25 Jahren, ist die Möglichkeit, draußen vor der Tür Kinder zum Spielen zu tref­fen, deutlich geringer geworden. Während 1970 ca. 14,1 Millionen Kinder in den alten Bundes­ländern (23,1% der Gesamtbevölkerung) lebten, waren es 1981 10,6 Millionen Kinder (17,2 %), und 1988 gar nur 9,1 Millionen ( 14,8 %). [50]

 

Im Rahmen allgemein gesellschaftlicher Funktionseinmischungen lassen sich für den Kinderalltag ähnliche Tendenzen feststellen, wie sie für den All­tag von Erwachsenen gelten. Eltern stellen den Kindern nach Möglichkeit immer häufiger Kontexte bereit, die nicht mehr als multifunktionaler Zusam­menhang in unmittelbarer Umgebung der Familienwohnung gegeben sind, sondern als „Inseln” angesteuert werden.[51]

 

Trotz dieses Wandels gesellschaftlicher Zusammenhänge hat die Wohnum­welt als Bereich für den eigenständigen und von den Eltern unabhängigen Aufenthalt  junger Kinder auch weiterhin eine hohe Bedeutung. Empirische Untersuchungen belegen, daß für junge Kinder auch heute der Wohnraum

 

im Umkreis von ca. 100 Metern  um ihr elterliches Zuhause immer noch ein häufig und in­tensiv genutzter Spiel- und Aufenthaltsort ist.[52]  

 

1.4.2. Die Privatisierung der sozialen Umwelt   

 

In Anbetracht der in den 60er Jahren geförderten und durchgesetzten Individualisierungs- und Selbstverwirklichungsmöglichkeiten wird den Kindern und Jugendlichen heutzutage im sozialen Bereich ein immer größerer Freiraum zur Umsetzung dieser Komponenten gewährleistet.

 

Unter den Jugendlichen selbst wird dieser geschaffene Freiraum tendenziell jedoch nicht mehr in Bezug auf das Engagement im politischen und ehren­amtlichen Bereich genutzt. Vielmehr konzentriert sich die Selbstverwirkli­chung auf den privaten Sektor. Diese Privatisie­rung wird im Sinne eines Ver­hältnisses zwischen den jugendlichen Individuen zu ihrer sozialen Welt ver­standen, in dem der Einzelne vorgefundene Bedin­gungen und Notwendigkeiten einfach hinnimmt. [53]

 

Jugendliche sind zwar äußerst engagementbereit, nur erscheinen ihnen die Strukturen und Aktivitätsmöglichkeiten in der Politik nach ihrer Selbsteinschätzung derart ungeeignet, daß sie ein eigenständiges Agieren in diesem Bereich für unmöglich halten.[54]

 

Dieser Befund äußerte sich in einer Befragung der 12-24jährigen Jugendlichen.[55] So gaben 93 % der Be­fragten als oberste Freizeitbeschäftigung an, „am liebsten mit Freunden zu­sammen zu sein“, dahinter 92 %, die gerne „Musik hören“ und 79 %, de­ren liebste Freizeitbeschäftigung das Fernsehgucken ist. 76 % der befragten Ju­gendlichen verbringen die meiste Freizeit mit ihrem festen Freund oder ihrer festen Freundin, gefolgt von 66 %, die am liebsten bei ihrer Familie verwei­len.

 

96 %  der Befragten gaben hingegen an, daß sie „selten” oder „nie” in einer Bürgerinitiative mitarbeiten, dicht gefolgt von 95 %, die ebenfalls fast nie an Demonstrationen teilnehmen. 93% der 12- bis 24jährigen engagieren sich nicht oder kaum im Bereich der Schüler-, Jugend- oder Studentenzeitschriften. 

 

Während weibliche Jugendliche Unternehmungen mit der Familie, einkaufen in der Innenstadt, Bücher lesen oder Alleinsein bevorzugen, interessieren sich die männlichen eher für Fernsehen- und Videogucken, Sport und Technik, in Form der Beschäftigung mit vorwiegend motorisierten Fahrzeugen, wie das Auto oder das Motorrad, und den Computer.[56]

 

1.5.   Das Leben in der Konsum- und Leistungsgesellschaft

 

1.5.1. Spaltung von Gesellschaft - Armut in Deutschland

 

Bei der Armut in der Bundesrepublik handelt es sich um eine „Armut im Wohlstand”, bei der, anders als in der unmittelbaren Nachkriegssituation oder in den sogenannten „Dritte Welt”- Ländern, die Armut nicht Ausdruck eines allgemein niedrigen Lebensstandards der Bevölkerung ist, sondern die  Armutslage begrenzter Bevölkerungsgruppen mit dem Wohlstand der übri­gen Bevölkerung mehr oder weniger stark kontrastiert.[57] 

 

So entstehen in Deutschland immer größere Gegensätze und Spannungen zwischen den Kindern, die alles haben - sei es der neue Pentium III Prozessor des Computers oder der Familienurlaub in Übersee - und den Kindern, die nichts haben und nach dem Motto „Mama, wann bekomme ich endlich Taschengeld?!” leben.

 

Oft werden „ärmere” Kinder in der Schule von anderen Kindern gemieden, wenn sie bei den angesagten Trends nicht mithalten können. Dies reicht sogar bis zur Ausgrenzung, indem Eltern z. B. ihren Kindern untersagen, sich

 

mit „ärmeren” Kindern zu treffen, weil sie sonst einen schlechten Ruf fürchten.

 

Solche Situationen erfahren besonders ausländische Schüler, die es anfangs an deutschen Schulen häufig schwierig haben, sich vorurteilsfrei in der Klassengemeinschaft etablieren zu können. Auch die Kinder deutscher Sozialhilfeempfänger werden oftmals als „asozial” bezeichnet.

 

Eine vor kurzem veröffentlichte Auswertung kam zu dem Ergebnis, daß 1995 im deutschen Bundesgebiet etwa 12,8 % der Bevölkerung oder rund 10 Millionen einkommensarm waren, da sie mit ihrem Einkommen unter der 50% Schwelle des BSHG (Bundessozialhilfegesetzes) lebten.[58]

 

Dabei ist die Zahl der Armen in Westdeutschland im Verlaufe der 80er Jahre zunächst leicht zurückgegangen (von 1984 12,6 auf 1989 10,3 %) und hat, bedingt durch die Wiedervereinigung, seit 1990 wieder etwas zugenom­men (von 1990 10,5 auf 1995 13 %). So überschritt die Hilfe zum Lebensun­terhalt 1991 erstmals die 2-Millionen-Grenze.[59]

 

Während diese Zahlen insge­samt trotz ansteigender Sozialhilfeempfänger (Ende 1996 3,6 Millionen Bun­desbürger)[60] re­lativ konstant geblieben sind, lassen sich die betroffenen Ar­mutsgruppen dennoch soziostrukturell unterscheiden.

 

So weisen Ausländer in Westdeutschland seit Mitte der 80er Jahre eine deutlich höhere Armutsquote als Deutsche auf (1995 27,1 gegenüber 9,2 % der Armen).[61] In Ostdeutschland war aufgrund der geringen Ausländerzahl eine entsprechende Auswertung nicht möglich. Darüber hinaus wiesen Perso­nen ohne oder mit einem geringen Bildungsabschluß eine überdurchschnittli­che Armutsquote auf (West 20,4 %, Ost 11 %). Ebenso lag die Quote für Personen in Ausbildung und vor allem für Arbeitslose sehr hoch (West 33,8 gegenüber Ost 25,7 %). 

 

In Bezug auf das Alter sind jedoch besonders Kinder und Jugendliche zu­nehmend von der Einkommensarmut betroffen.

 

Während in den 70er Jahren in der alten Bundesrepublik die Altersklasse der 65jährigen und Älte­ren die höchste Sozialempfängerquote aufwies, liegt diese heute bei den un­ter 7jährigen (1993 bei 12,5 %).[62]

 

Darüber hinaus stieg die Zahl der unter 16jährigen Armen im gesamtdeutschen Bundesgebiet in den letzten Jahren von 15,7 auf 20,4 %, davon allein im Osten von 5,1 auf 19,7 %.[63] Mit steigendem Alter waren diese Anga­ben wieder rückläufig.  

 

Von diesen personenbezogenen und altersspezifischen Aussagen können na­türlich Rückschlüsse auf die Familien- und Haushaltsebene erfolgen, da durch die drastisch zunehmende Anzahl von armen Kindern und Jugendli­chen automatisch auch ihre Familien von Armut betroffen sind.

 

So weisen bei den von Armut betroffenen Familien mittlerweile die Haushalte von Alleinerziehenden die höchsten Empfängerquoten von Sozialhilfe auf, die Ende 1990 mit Kindern unter 15 Jahren bereits bei 21,3 % lagen.[64]

 

Aber auch Familien mit drei oder mehr Kindern sind überdurchschnittlich von Armut betroffen. Besonders ausländische, kinderreiche Familien gehen ein großes Armutsrisiko ein. bereits 50 % der Ehepaare mit drei oder mehr Kindern kommen aus dem ausland, von denen sich 56 % an der Armutsgrenze bewegen.[65]

 

  

 

1.5.2. Die Anforderungen in der Leistungsgesellschaft

 

In einer sich selbst als Leistungsgesellschaft verstehenden Gesellschaft stellt „Leistung” das grundlegende Mittel dar, Erfolg auf „legitime” Weise zu erzielen. Durch Leistung erfolgreich zu sein, bedeutet dabei im wesentlichen, sich unter vergleichbaren Wettbewerbsbedingungen zu bewähren.[66]

 

In der Schule kann z. B. eine Funktion genau darin bestehen, die einzelnen Schüler formal gleichen Wettbewerbsbedingungen auszusetzen und auf die

 

se Weise festzustellen, wie gut oder schlecht sich der Einzelne in der so etablierten Leistungskonkurrenz bewährt.

 

Für jemanden, der an schulischen Anforderungen und elterlichen Erwartun­gen zu scheitern droht und des­halb Zuflucht zu weniger oder auch gar nicht akzeptierten Formen sucht, um Erfolge zu realisieren, ist die Vorstellung von Erfolg jedoch meist anders de­finiert. So kann sich der Prozeß des Statuserwerbs im Kreise der Gleichaltri­gen nach allgemein akzeptierten und verbreitest angewandten Formen voll­ziehen[67], etwa symbolisch durch geeignete Sprach- und Umgangsformen oder durch die demonstrative Verwendung attraktiver Statusgüter wie z. B. Au­tos, Handys, teure Kleidung usw.

 

Statuserwerb wird aber auch auf bewußte, sozial sicht­bare Formen von Re­gelverletzung, insbesondere auch durch die demonstra­tive Anwendung von physischer Gewalt, angestrebt. So wird angenommen, daß die demonstrative Gewalt als letzter Weg dann bleibt, Status per Lei­stung zu erzielen, wenn alle anderen legitimen und illegitimen Wege blockiert sind.[68] In einer Untersu­chung wurde demnach herausgefunden, daß der Anteil der Straftaten bei den Jungen bei erwartungs­gemäßen Schulleistungen auf 3,3 % fällt, während er bei nichtgemäßen Erwartungen auf 15,1 % steigt.[69]

 

Der durchschnittliche Wert liegt bei 8,4 %. Bei den Mäd­chen sind äquiva­lente Zahlen zu beobachten gewesen, nur bewegten sich die Strafhand­lungen auf einem niedrigerem Niveau als bei den Jungen.

 

Mit einem Delinquenzverhalten von Schü­lern ist daher am ehesten zu rechnen, wenn schulische Leistungsschwierig­keiten im weitesten Sinne auftreten und dieses Verhalten die letzte Möglichkeit bleibt, sich Status per Leistung zu verschaffen.

 

1.5.3 Ursachen für die Gewalt von Jugendlichen

 

Recht stark ist in den Forschungen zur Gewalt im Jugendalter der Bereich der persönlichkeits- und bewältigungsanalytischen Erklärungen etabliert.

 

Al­len voran steht der Konflikt mit autoritären Verhaltensweisen, mit denen Ju­gendliche in Berührung kommen. Unter dem Autoritatismuskonzept werden eine Reihe abweichender Verhaltensweisen, wie z. B. in Form von Aggressivität, Unterwürfigkeit, Konformität, Rigidität und Vorurteile, als Ausdruck einer zugrunde liegenden Persönlichkeitsstruktur verstanden.[70]

 

Diesbezüglich sind in der sozial- und entwicklungspsychologischen For­schung Erklärungen für gewalttätiges Verhalten zu finden, die sich auf indi­viduelle Problemlagen, biographische Belastungen und Bewältigungsmuster

 

beziehen.[71]

 

Gewalt bietet für Jugendliche ein Medium, mit dem sich ultimativ Über- und Unterordnungsverhältnisse in einer Gruppe herstellen lassen. Sie vermittelt Erlebnisse sozia­ler Zusammengehörigkeit, Körperlichkeit, von Risiko und Teilnahme in einer anonymen und immer  komplexer werdenden Gesellschaft. Gewaltsame In­teraktionen entstehen durch verschiedene Absichten, zum einen, um Aggressivität abzubauen, zum anderen, um nach Spannung und Orientierung zu suchen, die oftmals durch ein symbolisches Feindbild (politisch rechts/links) vermit­telt sind.[72] Die Ursachen für gewalttätiges Verhalten sind in diesem Zusammenhang wie­der auf die strukturellen Veränderungen in unserer Gesellschaft zurückzufüh­ren, die vor allem durch die bereits in Kap. 1.1.1. erläuterten Individua­lisierungsschübe gekennzeichnet sind.

 

So wird davon ausgegangen, daß der Individualisierungsprozeß zunehmend in der Gefahr steht, die Balance zu verlieren. Aus der „Wir”- Dominanz in der zurückliegenden traditionellen Gesellschaft mit intensiven Bindungen, großen Zwängen und offener Gewaltsamkeit und damit nur äußerer Integration entstehe immer mehr eine „Ich”- Dominanz, von der keineswegs erhofft werden kann, daß dadurch geradewegs Gewaltfreiheit gefördert wird.[73]

 

Diese Entwicklung kann einen emotionalen Konflikt hervorrufen, in dem einerseits das Verlangen nach Gefühlswärme und affektiver Bejahung anderer Personen existiert, und anderseits das Unvermögen vorherrscht, spontane Gefühlswärme überhaupt zu geben.

 

Gerade emotionale Komponenten wie Orientierungslosigkeit, Zukunftsangst, niedriges Selbstwertgefühl und Handlungsunsicherheit, die durch die heuti­gen Individualisierungsmöglichkeiten negativ hervorgerufen werden können, bilden eine günstige Voraussetzung für Aggressionen und Gewalt, da sie oft­mals als letzter Ausweg oder auch einfachste Form zur Wiederherstellung der inneren Balance gesehen werden.

 

Zur Bearbeitung von möglichen Problemen im Individualisierungsprozeß, also zur „Plazierung” zwecks Aufstieg, Sicherung von Statuspositionen und im Kampf um Anerkennung, stehen den Jugendlichen vielfältige Vorgehensweisen  offen: [74]

 

Erstens können sie sich auf sozialverträgliche Weise höheren Leistungsanforderungen anpassen, um den tatsächlichen Anforderungen aktiv zu begegnen,  und um auf diese Weise eine Lebensorientierung zu erfahren.

 

Zweitens kann man Geschehnisse passiv hinnehmen und sie im Sinne eines ausweichenden Verhaltens apathisch auf sich einwirken lassen. 

 

Drittens können Jugendliche auch gewalttätig handeln, um sich zwar indivi­duell durchzusetzen, dafür aber zerstörerische Folgen für die Unversehrtheit der Personen und sozialverträgliches Zusammenleben riskieren.

 

Gerade die Lebenssituationen armer Menschen, insbesondere in Ghettos, zeigen heutzutage, wie überfüllte Wohnungen, schlechte sanitäre Verhält­-

 

nisse, chronische Geldknappheit, gefährdete Gesundheit und Stigmatisierung durch die Umwelt zu familiärer und alltäglicher Gewalt führen.[75]

 

Vor allem die Schwächeren unter den Armen, Kinder, Frauen und ältere Menschen, sind von diesen Alltagsaggressionen betroffen.

 

An dieser Stelle wird deutlich, daß Gewalt nicht nur unter Jugendlichen vorzufinden ist, sondern auch häufig in sozialschwachen Familien.

 

In diesem Kontext ist u. a. auch die Kindesmiß­handlung zu erwähnen, die heute ein vielfach diskutiertes Thema ist und nicht mehr nur in armen Familien auftritt. 

 

An diesen Beispielen wird ersichtlich, daß Armut zwar das Klima der Gewalt fördert, die Gewaltakte selbst jedoch keine geplanten und zielgerichteten,  sondern eher aus der Not geborenen Akte sind, die zum Ausbruch kommen.

 

Bezüglich allgemein angewendeter Gewalt von Jugendlichen sei abschließend noch einmal erwähnt, daß man in einer Befragung 13-17jähriger SchülerInnen nach einem ihrerseits abweichenden Verhalten herausfand, daß an oberster Stelle durchschnittlich etwa 29,2 % von ihnen schon mal jemanden in den letzten 12 Monaten  absichtlich geschlagen oder verprügelt haben.[76] 

 

1.5.4. Zukunftsperspektiven

 

Gerade für Jugendliche ist der subjektive Zukunftsbezug von großer Bedeutung, da sie in diesem Alter in einer Phase befinden, sich selbst einen Grundstein des weiteren bildungs- und berufsbezogenen Lebensweges zu legen. Für 65 % der Jungen und 57 % der Mädchen hat ein Leben ohne Arbeit keinen Sinn, die Berufstätigkeit ist für sie sehr wichtig.[77]

 

In Bezug auf eine realistische Selbsteinschätzung der eigenen Zukunft ist bei vielen Jugendlichen hingegen eine große Unsicherheit zu verzeichnen.

 

In einer Umfrage fand man heraus, daß sich immerhin noch 57 % der Siebtklässler und 41 % der Neuntklässler sehr unsicher bezüglich ihres zukünftigen Schulerfolgs fühlen.[78] Gleichzeitig sehen sich die meisten der befragten Jugendlichen klaren Abschlußerwartungen seitens ihrer Eltern gegenüber. Nur etwa ein Fünftel der Befragten wußten nicht, welche Erwartungen ihre Eltern bezüglich des Schulabschlusses haben würden.[79]

 

Da die Möglichkeit, Leistung zu erzielen, regulär nur über den Wettbewerb gelingt, sehen sich viele Jugendliche in „Sieger” und „Verlierer” eingeteilt.

 

Diesbezüglich gaben etwa 70 % der arbeitslosen Jugendlichen an, daß sie an ihrer Arbeitslosigkeit „teilweise” oder „fast ausschließlich” selbst schuld seien.[80] 70% der jungen Arbeitslosen betrachten sich somit als „Verlierer”.

 

Die massenhafte Erscheinung der Jugend als gesellschaftlich eingerichtete Lebensphase zum Zwecke des Lernens, der Qualifikation und damit der Reproduktion der arbeitsteiligen Gesellschaft ist ein Phänomen der modernen Industriegesellschaft. In der vorindustriellen Zeit kamen nur wenige aus der gesellschaftlichen Elite des Adels und des Klerus in den Genuß einer Jugend, das heißt, der Möglichkeit in und nach der Kindheit nicht gleich arbeiten zu müssen, sondern eine Bildungsphase durchlaufen zu können.

 

Die Statuspassage Jugend als Übergang in eine gesellschaftlich kalkulierbare Zukunft ist heutzutage nicht mehr selbstverständlich abgesichert, wohingegen die eigenen biographischen Anstrengungen immer mehr in den Vordergrund rücken.[81]

 

In dem Maße, in dem soziale Belastungen früh in den Entwicklungsraum der Jugendlichen eindringen, ist auch die Logik von Seperation und Integration gestört.[82] Heute müssen viele Jugendliche gleichzeitig eine Identität erlangen und soziale Probleme bewältigen (z. B. die Bildungs- und Ausbildungskonkurrenz, Arbeitslosigkeit, Mithalten in der Gleichaltrigenkultur, Lösung von den Eltern, emotionale Unabhängigkeit).

 

In manchen Gleichaltrigengruppen ist der Konkurrenzdruck so hoch, daß die

 

eigene Individualität blockiert wird und immer wieder Gewalt zwischen Gruppen und einzelnen Jugendlichen untereinander eingesetzt wird.

 

Nach der Pubertät lassen Arbeitslosigkeit und Berufsunsicherheit die Berufsorientierung oftmals unübersichtlich werden. Jugendliche sollen in ein sozial-verantwortliches Handeln hineinwachsen, sich also für die Gemeinschaft engagieren. Angesichts der mit sich selbst beschäftigten Erwachsenengesellschaft entsteht jedoch oft ein Gefühl des „Nichtgebrauchtwerdens”.[83] Die Shell-Studie von 1997 spricht in diesem Kontext weniger von einer Politikverdrossenheit der Jugend als vielmehr von einer Jugendverdrossenheit der Politik und der Gesellschaft ( vgl. Kap. 1.4.2.).

 

Die Jugend als Symbol der Zukunft und des gesellschaftlichen Wandels ist in einer Zeit, in der Arbeit massenhaft freigesetzt und damit „Humankapital” entwertet ist, vom gesellschaftlichen Hoffnungsträger zu einer sozialen Risikogruppe geworden. Alarmierend daran ist, daß diese Entwicklung nicht mehr nur sozial benachteiligte Schichten und Randgruppen, sondern die breite Masse der Jugendpopulation betrifft.[84]

 

Jugend kann heute nicht mehr primär als eine Generationsgruppe gesehen werden, der ein sekundärer Sozialstatus in  der Gesellschaft zugeordnet ist, sondern sie ist strukturell zu einer eigenständigen Sozialgruppe geworden.

 

In diesem Zusammenhang bleibt zu erwähnen, daß diese Selbständigkeit der Jugend immer in Relation zu den aktuellen gesellschaftspolitischen und somit auch ökonomischen Entwicklungen steht.

1.6.   Idole und Vorbilder im Wandel

 

1.6.1. Die Bedeutung von Vorbildern in der Pubertät

 

Die Pubertät leitet den Übergang vom Kindsein zum Erwachsenwerden ein.

 

In dieser Phase ist es für Kinder wichtig, eine Orientierung zu haben. Doch die ist zunehmend schwieriger zu finden, da Erwachsensein hinausgeschoben wird und kaum noch Muster dafür existieren.

 

Jugend und (durch Ausbildung bestimmte) junge Erwachsenheit sind keine kurze, möglichst schnell abzuwickelnde Übergangszeit mehr, wie das noch bei der Elterngeneration im Durchschnitt der Fall war, sondern für immer mehr Menschen ein zunehmend ausgedehnter Lebensabschnitt eigenen Zuschnitts. Die Pubertät, das Eintreten in die Geschlechtsreife, markiert nun lediglich die Passage vom Kind zum Jugendlichen; ob und wann ein „vollständiger Erwachsenenstatus” je erreicht wird, ist für die 12-, 13- oder 14-Jährigen schon rein zeitlich kaum begrenzbar.[85]

 

In wichtigen Bereichen hat sich das traditionelle pädagogische Generationsverhältnis (die Kinder lernen von den Eltern) bereits umgekehrt. Zahlreiche Eltern streben heutzutage die Beherrschung der neuen technischen Informations- und Unterhaltungsmedien (vgl. Kap. 1.3.2.), wesentliche äußere Elemente von Lebensstilen wie z. B. in der Mode und eine schönere Alltagskultur (Musik, Film, Events aller Art) an. Dem kommerziell systematisch genährten Jugendlichkeitsideal können sich viele Erwachsene nicht mehr entziehen.[86] Ihre Grundhaltungen tendieren immer mehr in Richtung Jugendlichkeit, Spontaneität und Offenheit. Besonders im Bereich des Sports prägen Jugendliche und junge Erwachsene das vorbildhafte Muster der Sportlichkeit.

 

Heranwachsende gehen heute nicht mehr davon aus, daß die Lebensformen und Lebensentwürfe, an denen sich ihre Eltern orientiert haben und orientieren, auch für ihre eigene Zukunft noch wesentliche Orientierungspunkte bieten.

 

Heutige Jugendliche haben nicht nur die neuartigen Übergangs- und Bewältigungsprobleme (vgl. Kap. 1.5.4.), sondern auch nach wie vor die klassischen leiblichen Reifungsprobleme zu bewältigen. Viele Jugendliche sehnen sich einfach nur nach Sinn, Glück und Orientierung.

 

Angesichts einer unabsehbaren Zukunft konzentrieren sie sich deshalb auf ein möglichst intensives und interessantes Leben in der Gegenwart. Besonders die Beziehung zu den Gleichaltrigen hat im Laufe der Jahre grundlegend an Bedeutung gewonnen, da diese die meiste Zeit untereinander verbringen (in Schule und Freizeit).[87]

 

Da Jugend heute nicht mehr nur familiär vererbt wird, sondern auch individuell erworben werden muß, suchen sich die Pubertierenden zunehmend imaginäre Identifikationsfiguren, um eine Orientierung für sich selbst zu finden. Die große Auswahl an Pop- und Filmstars, Sportlern und Models bieten 12-14-Jährigen gewissermaßen eine geborgene, ausgeliehene Kraft und Sinn zur Stärkung ihrer eigenen Person, die ihnen die Eltern heute vielfach nicht mehr hundertprozentig geben können. [88]

 

Der Begriff „Vorbild“ wirkt auf viele Jugendliche und Erwachsene heutzutage altmodisch. So werden die Medienhelden, die Kinder und Jugendliche faszinieren - Sportler, Sänger oder auch Cartoonfiguren- ,in Abgrenzung von „pädagogischen“ Vorbildern, als „Idole“ tituliert.[89]

 

Ferner glaubt man nicht mehr so recht an eine Entwicklungs- und  Persönlichkeitsförderlichkeit durch Imitation und Nachahmung sozialer Rollenmodelle. Fragt man Jugendliche und Erwachsene, warum sie mehrheitlich keine

 

 Vorbilder für sich wünschen, so verweisen sie auf das Verbot des Kopierens, das sie sich zugunsten eigener Einmaligkeit auferlegen.[90]

 

Offenkundig werden Vorbilder angesichts der vielbeschworenen „Individualisierung“ von Identität und Lebensentwurf als kontraproduktiv gesehen.

 

Desweiteren ist der Anteil derer, die sich zu Vorbildern bekennen, über die Jahrzehnte hinweg bis heute deutlich rückläufig und zeigt ein klares Altersgefälle auf.

 

So fand man in einer Umfrage heraus, daß heute etwa 47 % der 10-13jährigen Kinder ein Vorbild und 53 % der Kinder keines hätten.[91]

 

Bezogen auf die Bejahung von Vorbildern ließ sich kein Unterschied zwischen Mädchen und Jungen, und auch nicht zwischen west- und ostdeutschen Kindern feststellen. Mit diesen Zahlen liegen heutige Kinder etwa auf dem Niveau der 15- bis 24jährigen Jugendlichen in den fünfziger Jahren. Damals hatten 44 % der Jugendlichen angegeben, ein Vorbild zu haben.[92]

 

In der Shell Studie von 1984 hingegen gaben lediglich noch 19 % der 15-24jährigen ein Vorbild an.

 

Innerhalb derer, die Vorbilder akzeptieren, gewinnen zudem medienbekannte „ferne“ Vorbilder gegenüber Nahpersonen aus der eigenen realen Umgebung, wie z. B. Eltern, Geschwister, Großeltern, Bekannte, Freunde und auch Lehrer, insgesamt immer mehr an Bedeutung (1955 23 %, 1984 bereits 46%).[93]

 

diesbezüglich fand man in einer Untersuchung von 1993 heraus, daß unter den 10-13jährigen Kindern insgesamt ein unterschiedliches Verhältnis in West- und Ostdeutschland, als auch zwischen Jungen und Mädchen vorherrscht.[94] Während von ostdeutschen Kindern häufiger Vorbilder aus der persönlichen Lebenswelt genannt (58 % Nahbreich, 40 % Fernbereich) wurden, bevorzugten westdeutsche Kinder hingegen zu 49 % Vorbilder aus dem Fernbereich und nur etwa  44 % aus dem Nahbereich.  

1.6.2. Alte Muster – neue Namen: Die Jugendgeneration im ausgehen- den 20.  Jahrhundert

 

Idole entstammen dem Bereich der Freizeitkultur. Traditionell liegt seit den 50er Jahren der Schwerpunkt der Idolbildung bei Leinwand- und Popstars, und die Palette hat sich bis heute stetig erweitert.

 

Bewundert werden die Idole besonders dann, wenn sie neben spezifischen Fähigkeiten in ihrem Fachgebiet über ein außergewöhnliches Aussehen und Styling verfügen. Seit den 50er Jahren gibt es immer wieder auftretende Muster oder Bildtypen, denen man jedes neue Idol zuordnen kann. So lassen sich bis heute drei „traditionelle“, die im Wesentlichen seit der Nachkriegszeit  Bestand haben, und ein neuer zeitgenössischer Typ von Idolen für Jugendliche feststellen [95] :

 

Der erste Typ ist das tragische Idol, das für das Zerbrechen der Individualität steht, die im Selbstmord enden kann. Das Scheitern nach dem Motto „live fast, die young“ wird durch Kultfiguren verkörpert, die von James

 

Dean bis Curt Cobain (Musikgruppe Nirvana) reichen.

 

Zu dem  zweiten Typ zählen konservative Idole, die sich als diejenigen präsentieren, die in ihrem Leben alles geschafft haben, was sie sich vorgenommen haben. Zu diesen Idolen zählen angepaßte und leistungsorientierte Idole wie heutzutage z. B. der Bundesligaspieler Lars Ricken, der neben dem Fußball das Abitur macht, um dann Betriebswirtschaftslehre  zu studieren. Auch bei Franzi van Almsick steht sportliche Leistung und deren Vermarktung im Mittelpunkt des Erfolgs. Konservative Idole umgeben sich mit Statussymbolen wie teure Kleidung und Autos und verlangen von ihren Fans das herkömmliche geschlechtsspezifische Rollenverhalten.[96]

 

Der dritte Typ  ist das rebellische Idol, das sich auf ziellose und aggressive Art gegen Normen und Tabus auflehnt. Rebellische Idole wie Marlon Brando oder Jim Morrison führen in einem ihnen gesellschaftlich zugewiesenen Freiraum vieles aus, was Jugendlichen versagt bleibt. Eine große Rolle

 

nehmen insbesondere bildende Künstler ein, die sich durch ihr Fehlverhalten geradezu erst  auszeichnen.

 

Der in den 80er Jahren aufgekommene Typ ist das „posthumane“ Idol, das besonders im zeitgenössischen musikalischen Bereich der Popstars angesiedelt ist. Stars wie Michael Jackson oder Madonna zeigen aufgesplittete multiple und künstlich hergestellte Identitäten und Körper. Sie beteiligen sich selbst aktiv an der Konstruktion ihres Images und werden aufgrund ihrer Künstlichkeit und dem Spiel mit Geschlechterrollen bewundert.

 

Kennzeichnend für die aktuelle Situation in den ausklingenden 90er Jahren ist eine Pluralität und Unübersichtlichkeit von jugendkulturellen Szenen und ihren Vorbildern in Gestalt der verschiedenen Idoltypen.[97]

 

Der unmittelbare Nahraum hat als Entstehungskontext für Idole im Laufe der Jahrzehnte fast völlig an Bedeutung verloren. So wurden „Local Heroes“ immer mehr durch mediale Jugendidole ersetzt, für die die Popindustrie und die virtuellen Bilderwelten die globalen Bezugsräume und Netzwerke zur Verfügung stellen.[98]  

 

1.7. Zusammenfassung der gesellschaftlichen Einflüsse

 

Das in einer Demokratie angestrebte Gleichgewicht zwischen dem Erhalt der sozialen Ordnung und dem Bewahren individueller Autonomie geriet im Laufe der letzten Jahrzehnte immer mehr ins Wanken. Individualismus wurde zur vorherrschenden Ideologie unserer Zeit. Nicht mehr die Gemeinschaft, sondern der einzelne ist zum Ausgangspunkt aller ethischen, gesellschaftlichen und religiösen Werte und Normen geworden.[99]

 

Diese unbedingte Vorangstellung des einzelnen gegenüber der Gemeinschaft führte zwangsläufig zur Vereinzelung, die wiederum zur Grundlage eines ausgeprägten Wettbewerbs zwischen den einzelnen geworden ist.

 

Infolge der gesamtgesellschaftlichen Individualisierungstendenzen der letzten Jahrzehnte ist auch in den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen ein gravierender Wandel zu verzeichnen. Der eigenaktive Anteil der Kinder an der Entwicklung ihres Lebensweges bei der Betrachtung  moderner Sozialisationsbedingungen  gewinnt heutzutage immer mehr an Bedeutung.[100]

 

Da der eigenaktive Anteil der Kinder und Jugendlichen sich zunehmend auf die Verfolgung der eigenen Interessen beschränkt, sinkt somit auch die Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft.

 

In diesem Punkt kann und muß heutzutage erzieherisch und pädagogisch entgegenwirkend gehandelt werden. Vor allem in der Schule müßten pädagogische und didaktische Konzepte entwickelt werden, anhand derer auf die heutige Kindheit und Jugend entsprechend erzieherisch reagiert werden kann. Schule kann und darf über die heutigen sozialen Probleme wie insbesondere der elterlichen erzieherischen Verhaltensunsicherheit oder dem Wegfall familiärer, realitätsnaher Vorbilder nicht hinwegsehen, wenn sie  ihrem erzieherischen Bildungs- und Unterrichtsauftrag nachkommen will.

 

Inwieweit Schule auf die heutigen Probleme eingehen kann, um einen erzieherischen Ausgleich zur außerschulischen Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen zu schaffen, und in welcher Weise Schule neu gestaltet werden müßte, wird im folgenden zweiten Teil untersucht. 

Ende der Leseprobe aus 73 Seiten

Details

Titel
Gesellschaftliche Einflüsse und ihre Auswirkungen auf die Schule - Kindheit und Schule im Wandel
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
2
Autor
Jahr
1999
Seiten
73
Katalognummer
V185714
ISBN (eBook)
9783656981510
ISBN (Buch)
9783867465915
Dateigröße
855 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gesellschaftliche, einflüsse, auswirkungen, schule, kindheit, wandel
Arbeit zitieren
Tina Wendt (Autor), 1999, Gesellschaftliche Einflüsse und ihre Auswirkungen auf die Schule - Kindheit und Schule im Wandel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/185714

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